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Full text of "Jahrbücher Für Psychiatrie Und Neurolo 1919 39"

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JAHRBÜCHER 

für 

PSYCHIATRIE 

und 

NEUROLOGIE ; . 


Organ des Vereines für Psychiatrie und Neurologie 

in Wien. 

H KRAU SGE(i EBEN 

von 

Dr. F. Hartmann, l>r. K. Mayer, l)r. H. Obersteiner, 

Professor ia Qraz. Professor in Innsbruck. Professor in Wien. 

Dr. A. Piek, Dr. J. Wagner r. Jaaregg, 

Professor in Prag. Professor in Wie«. 

REDIGIERT 

von 

Dr. 0. Marburg und Dr. E. Baimann 
in Wien. 


NKüNUNDDRKISSIGsTKR BAND. 


LEIPZIG UNI» WIEN. 
FRANZ DEUT ICKE. 
191 !». 


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Bachdrnckerei Fr. Wiaiker & Scbickardt. Brün«. 


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Inhaltsverzeichnis. 


Seite 


Obersteiner Heinrieh, Grundzüge einer Geschichte des Vereines für 
Psychiatrie und Neurologie in Wien in den ersten Jahren seines 
Bestehens (1868—1918). 1 

Berze Josef, Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten . . 47 

Beuter Fritz, Blutung im linken Stirnlappen des Gehirnes bei tuber¬ 
kulöser Meningitis als Ursache eines plötzlichen Todes .... 117 

Stiefler Georg, über Psychosen und Neurosen im Kriege (IV.) . . . 131 

Referate. 181 

Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien .... 187 

äerko Alfred, Über Simulation von Geistesstörung. 218 

Erdheim J., Über die Folgen gesteigerten Hirndrucks. 822 

Pötzl Otto, Vergleichende Betrachtung mehrerer Herderkrankungen 

in der Sehsphärc. 402 

Stiefler Georg, Über Psychosen und Neurosen im Kriege (V.) . . . 448 

Herzig Ernst, Zur Ätiologie der nach Granatkommotion auftretenden 

psychotischen Zustände. 528 

‘Geschäftsordnung des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien 564 
Referate. 567 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines 
für Psychiatrie und Neurologie in Wien in den ersten 
fünfzig Jahren seines Bestehens (1868—1918). 

Von 

Heinrich Obersteiner. 

(Mit den Bildern der vier ersten Vorsitzenden.) 

Unser Verein, der nun bereits eine fünfzigjährige Tätigkeit 
hinter sich hat, kann sich rühmen, einer der ältesten wissenschaft¬ 
lichen ärztlichen Vereine Wiens zu sein und dennoch kein Zeichen 
von Alters-Marasmus erkennen zu lassen; er blüht und gedeiht 
vielmehr und erfreut sich einer allseitigen Anerkennung. 

In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war es beson¬ 
ders in Österreich um die Psychiatrie noch recht schlecht bestellt, 
und auch die damaligen Kenntnisse auf dem Gebiete der Nerven¬ 
krankheiten müssen — wie übrigens überall — als äußerst pri¬ 
mitive bezeichnet werden. Dieser Erkenntnis konnten sich denn 
die Fachleute nicht verschließen und sie mag in erster Linie zur 
Gründung von Zeitschriften und Vereinen in verschiedenen Ländern 
beigetragen haben, deren Aufgabe es sein sollte, einem solchen 
Mangel abzuhelfen. So sehen wir denn zunächst, neben manchen 
kurzlebigen, auch eine Anzahl solcher bedeutender, rein psychiatrischer 
Zeitschriften, die jetzt noch blühen, entstehen; zuerst die Annales 
medico-psychologiques (1843), dann die Allgemeine Zeitschrift für 
Psychiatrie (1844), ferner The Journal of mental Science (1852), 
das American Journal of Insanity (1844), und (1804) das Archivio 
italiano per le malattie nervöse e per le alienazioni mentali (auf¬ 
gegangen in die Rivista sperimentale di Psichiatria e Neurologia 
1874). Zu gleicher Zeit oder bald darnach fanden sich die Irren¬ 
ärzte zusammen zur Gründung von Vereinen, deren Zweck zu¬ 
nächst „Förderung de3 gesamten Irrenwesens“ war. Als erste in 

Jkhrbfleber für Pnyohlatrle. XXXIX. Bd. 1 




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Heinrich Obersteiner. 


England die Medico-psychological Association (bereits 1841), dann 
in Paris die Sociötö mödico-psychologique (1852), ferner in Deutsch¬ 
land der Verein deutscher Irrenärzte (1864) der 1905 den Namen 
„Deutscher Verein für Psychiatrie“ annahm, dem aber schon der 
Verein schweizerischer Irrenärzte vorangegangen war (1863), der 
psychiatrische Verein zu Berlin (1867), der psychiatrische Verein 
der Kheinprovinz (1867) 1 ), die sich übrigens für Zweige des 
allgemeinen Vereins deutscher Irrenärzte erklärten, ferner (1868) 
der Verein der Irrenärzte Niedersachsens und Westfalens, der 
Vereine südwestdeutscher Psychiater. Im Jahre 1867 entstand 
in Berlin außerdem unter der Patronanz von Griesinger und 
Westphal die medizinisch-psychologische Gesellschaft (heute 
Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten), die 
sich in dem „Archiv für Psychiatrie“ ihr Organ schuf. Es kann er¬ 
wähnt sein, daß man dieses Zusammenwirken der Psychiater damals 
oft mit scheelem Auge ansah und ihnen separatistische Gelüste 
zumutete. Die Neurologie stand zu jener Zeit noch der Psychiatrie 
recht ferne, und gar Vereine, die es sich mit klaren Worten zur 
Aufgabe stellten, auch daneben die Neurologie oder diese ganz allein 
zu pflegen, traten erst später hervor. Vielleicht gingen da die 
Vereinigten Staaten von Nordamerika (American Neurological Society 
1875, der 1884 die Philadelphia Neurological Society folgte) voran. 
Allerdings hatte der Verein der deutschen Irrenärzte zu Berlin in 
§ 1 seiner Statuten als seinen Zweck Förderung der Psychiatrie 
und deren Hilfsdisziplinen bezeichnet und es ist erwähnens¬ 
wert, daß die erste Sitzung jenes Vereines fast vollständig durch 
zwei rein neurologische Vorträge ausgefüllt wurde. Doch engte er 
seinen Wirkungskreis immer mehr auf die Pflege der Psychiatrie 
ein. Nur ein halbes Jahr nach dem Berliner und dem rheinischen 
Vereine konstituierte sich nach längerer Vorbereitung unser Verein 
in Wien; seine Geschichte ist gleichsam auch die Geschichte der 
Psychiatrie und der Neurologie in Österreich seit jener Zeit. 

Wenn bei unserem Vereine auch immer die wissenschaftliche 
Seite in erste Linie gerückt ward, so hat er, dessen erster Name 
Verein für Psychiatrie und forensische Psychologie 
lautete, sich doch auch in allen einschlägigen Fragen, namentlich 


') Der von H. Hoffman» in Siegburg 1*61 gegründete psychiatrische 
Verein hatte nur eine einjährige Dauer. 


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Gr und zöge einer Geschichte des Vereines für Psycli. und Neurol. in Wien. 3 


in solchen, welche die Irrenpflege, den psychiatrischen Unterricht, 
wie nicht weniger die entsprechenden legislatorischen und foren¬ 
sischen Agenden betreffen, eingehend betätigt. — Es waren dies 
die Prinzipien, die den Gründern des Vereines vorschwebten; diesen 
ist er auch treu geblieben, nur daß er seine Wirksamkeit später 
immer mehr auch auf die eben heranwachsende Neurologie ausdehnte 
und diese zeitweise mit besonderer Vorliebe pflegte. 

Die Idee zur Gründung eines solchen Vereines war von Professor 
Max Leidesdorf, Dozenten Theodor Meynert (damals Prosektor 
an der Wiener Landesirrenanstalt) und Regierungsrat Dr. Josef 
Riedel (Direktor dieser Anstalt) ausgegangen. Michael v. Vi s za ni k 
(geb. 1792), der neben Bruno Görgen (1777 bis 1842) zuerst in 
Österreich sich speziell der Psychiatrie widmete und von dem (V.) 
der Plan zum Neubau der Irrenanstalt am Bründlfeld (statt des 
Narrenturms) ausgearbeitet worden war, hatte bereits das hohe Alter 
von 76 Jahren erreicht, und dürfte auch, wohl aus begreiflichen 
Gründen, damals bei den Verhandlungen zur Bildung eines auf 
modernen Grundsätzen basierten Vereins nicht mit herangezogen 
worden sein; er starb, schon lange in Zurückgezogenheit lebend, 1873. 

Am 25. Jänner 1868 versammelten sich über Einladung der 
erstgenannten etwa 20 Fachkollegen in der Landesirrenaustalt 
(Bründlfeld) behufs Konstituierung des Vereines. Zum Präsidenten 
wurde Regierungsrat Dr. Riedel gewählt, zum Vizepräsidenten 
Professor Dr. Leidesdorf, zum ersten Sekretär Primarius Dr. 
Mare sch, zum zweiten Sekretär Primarius Dr. Mild n er, zum 
Ökonomen Bezirksarzt Dr. Witlacil, zu Verwaltungsräten Professor 
Dr. Beer, Professor Dr. Dlauhy, Landgorichtsarzt Dr. M. Haller 
und Dr. H. Obersteiner (sen.). 

Zu Ehrenmitgliedern des Vereines wurden in der eisten Haupt¬ 
sitzung ernannt: Rokitansky, Skoda, Oppolzer, Jessen, 
Flemming, Roller, Zeller. 

Hiezu kamen in der zweiten Jahresversammlung (1869) Morel, 
Maudsley, Hye, so daß der Verein damals zehn Ehrenmitglieder 
zählte, eine Zahl, die bisher nur selten und dann nur um ein 
geringes überschritten wurde. 

Während unter den Ehrenmitgliedern sich ein Jurist (Hye) 
befindet, treffen wir in der Reihe der 15 korrespondierenden Mit¬ 
glieder deren drei: Wahlberg, Glaser, J. Unger. Der let/.t- 

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Heinrich Obersteiner. 


genannte hochbedeutende Politiker stand durch 45 Jahre, bis zu 
seinem im April 1913 erfolgten Ableben, auf der Liste unserer 
Mitglieder. Von sonstigen korrespondierenden Mitgliedern seien an¬ 
geführt: Maschka, Griesinger, Solbrig, Lunier, Falret, 
Kjellberg, Robertson, Sneevogt, Castiglioni, Mongeri, 
Balinsky (ein Name ist nicht mehr festzustellen). 

Es wurde beschlossen, die Redaktion der Wochenschrift der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte um Aufnahme der Berichte über die 
Sitzungsprotokolle des Vereines anzugehen, welchem Ansuchen die 
Redaktion ihre Zustimmung gab; für die Veröffentlichung der im 
Vereine gehaltenen Vorträge wurde übrigens ohne Zwang die von 
Leidesdorf und Meynert vor kurzem gegründete „Vierteljahres¬ 
schrift für Psychiatrie in ihren Beziehungen zur Morphologie und 
Pathologie des Zentralnervensystems, der physiologischen Psychologie, 
Statistik und gerichtlichen Medizin“ in Vorschlag gebracht Leider 
erschienen von dieser Zeitschrift nur zwei Jahrgänge. Die Vereins¬ 
sitzungen sollten am letzten Samstag eines jeden Monates statt¬ 
finden. für die Generalversammlung wurde die Sitzung im Mai be¬ 
stimmt. Letztere Gepflogenheit wurde dauernd bisher festgehalten. 

In der zweiten Sitzung am 29. Februar entwickelte Th. Meynert 
in ausführlicher Weise seine Anschauungen über die Notwendigkeit 
und Tragweite einer anatomischen Richtung in der Psychiatrie — ein 
volles Programm seiner jetzt eben voll einsetzenden, so bedeutungs¬ 
vollen wissenschaftlichen Tätigkeit. Am 28. März beantragte 
Regierungsrat Riedel Schritte zu tun, um gleichmäßige Rapporte 
von den Landes- und Privatirrenanstalten zu erzielen, worauf Professor 
Beer über die Bedeutung und Wichtigkeit der Entwicklungsgeschichte 
der gerichtlichen Psychologie sprach. Der Verein ist also schon 
gleich in seinen ersten Sitzungen von den verschiedensten Seiten 
her an die große Aufgabe, die er sich gestellt, herangetreten. 

Gelegentlich der ersten Generalversammlung am 28. Mai 1868 
kamen die Vereinsmitglieder zum ersten Male im Saale des Vereines 
für Landeskunde (im Landhaus, Herrengasse) zusammen. Bei dieser 
Gelegenheit formulierte Leidesdorf in längerer Rede die Ziele 
und Zwecke des Vereines. „Es gäbe“ — so führte er aus — „kaum 
eine medizinische Spezialität, die so viele Berührungspunkte mit 
anderen Wissenschaften darbietet, als die Psychiatrie; die Kraft des 
Einzelnen könne zur Bewältigung des so reichhaltigen Stoffes nicht 


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Grandzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 5 


genügen. Schon au3 diesem Grunde sei das Zustandekommen dieses 
Vereines lebhaft zu begrüßen. Durch ihn werde die Pflege der 
Psychiatrie vom wissenschaftlich-medizinischen Standpunkt gewinnen, 
die Irrenstatistik solle einer rationellen Bearbeitung unterzogen 
werden, die Frage der Irreupflege werde in diesem Vereine mit 
Ernst und Buhe diskutiert werden können. Er werde ferner die 
Aufgabe haben, ein zeitgemäßes Irrengesetz für Österreich aus¬ 
zuarbeiten und es der Regierung zur Annahme zu empfehlen; er 
werde die zivile wie die strafrechtliche Gesetzgebung in Einklang 
zu bringen trachten mit den positiven Ergebnissen und den unab- 
weislichen Postulaten der forensischen Psychologie. Mit Rücksicht 
auf die einzurichtenden Schwurgerichte würde es sich empfehlen, 
zur Belehrung der Geschworenen für die populäre Verbreitung 
psychiatrischer Kenntnisse vorzusorgen. Der Verein habe ferner mit 
allem Nachdruck zu befürworten, daß die Psychiatrie zu einem 
obligaten Lehrgegenstand erhoben und an den österreichischen 
Universitäten psychiatrische Kliniken errichtet werden. Gelingt es 
dem Vereine, diese Desideraten durchzuführen, dann wird sein 
Zustandekommen auch in ferner Zukunft als ein für Österreich 
glückliches Ereignis betrachtet werden können.“ — Namentlich die 
Angelegenheit wegen Errichtung einer psychiatrischen Klinik wurde 
energisch in die Hand genommen und in der Sitzung vom 31. Oktober 
1868 stellte Riedel den Antrag, der Verein wolle an das Unter¬ 
richtsministerium das begründete Ansuchen stellen, in der nieder¬ 
österreichischen Landesirrenanstalt eine psychiatrische Klinik zu 
errichten. Das dazu gewählte Komitee (Beer, Leidesdorf, 
Meynert, Riedel, Schlager) legte in der nächsten Sitzung 
(28. November) den Entwurf einer Petition an das Unterrichts¬ 
ministerium zur Diskussion vor, der mit 14 gegen 5 Stimmen an¬ 
genommen wurde. In der Sitzung vom 30. Jänner 1869 konnte die 
mit der Überreichung der Petition betraute Deputation berichten, 
daß sie sowohl vom Unterrichtsminister Hasner als auch vom 
Sektionschef Glaser freundlich aufgenommen wurde, und daß diese 
die Anschauungen des Vereines über die Notwendigkeit einer solchen 
Klinik vollkommen teilen. 

In derselben Sitzung beantragte Beer, der Verein wolle zur 
Ausarbeitung eines Irrengesetzes ein siebengliedriges Komitee wählen, 
einen diesbezüglichen Entwurf ausarbeiten und das Ergebnis der 
Beratungen dem Justizministerium behufs Vorlage an den Reichstag 


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G Heinrich Obersteiner. 

überreichen; nebst den Normen, welche auf die Aufnahme, den 
Aufenthalt und die Entlassung Geisteskranker Bezug haben, käme 
der Irrengesetzgebung auch die Aufgabe zu, die Irrenanstalten zu 
überwachen, aber zugleich auch die Rechte und die Kompetenz der 
Vorsteher der öffentlichen und privaten Irrenanstalten festzustellen, 
die Irrenärzte gegen Willkür und Eingriffe von Beamten zu schützen 
und das Kuratelverfahren gesetzlich zu regeln. 

Das Jahr 1870 war für den Verein von großer Bedeutung. 
Im Juli d. J. wurden die Vereinssitzungen in den Vortragssaal der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte verlegt. Im November verlor der Verein 
seinen Vorsitzenden Regierungsrat Riedel. Als höchsterfreuliches 
Ergebnis der Vereinstätigkeit hingegen kann mit vollem Rechte die 
Errichtung einer psychiatrischen Klinik in der nieder-österreichischen 
Landesirrenanstalt bezeichnet werden, mit deren Leitung M e y n e r t 
betraut wurde. Es ist dieser rasche Erfolg hauptsächlich der Unter¬ 
stützung und dem Eingreifen des Ehrenmitgliedes Rokitansky 
zuzuschreiben, der damals als medizinischer Fachreferent im Unter¬ 
richtsministerium fungierte und bereits früh auf die Bedeutung 
Meyuerts aufmerksam geworden war. — Andererseits muß mit 
Bedauern das Eingehen der. früher erwähnten Vierteljahresschrift 
für Psychiatrie angeführt werden; in den beiden Bänden finden 
sieh neben bahnbrechenden Arbeiten von Mevnert auch solche 
von Wundt, E. Mach u. a. 

Allerdings wurde noch in dem gleichen Jahre beschlossen, 
eine neue Zeitschrift herauszugeben, in welcher die Vorträge, Dis¬ 
kussionen und Verhandlungen des Vereines veröffentlicht, sowie auch 
Öriginalaufsätze und hauptsächlich Referate über die wichtigsten 
einschlägigen Erscheinungen aufgenommen werden sollten. Mit Beginn 
de3 Jahres 1871 erschien dann die erste Nummer der Monats¬ 
schrift: „Psychiatrisches Centralblatt, herausgegeben vom 
Verein für Psychiatrie und forensische Psychologie unter der Redaktion 
von Beer, Leidesdorf und Mevnert“ bei W. Braumüller in 
Wien. 

Endlich waren im Jahre 1870 auch eingehende Beratungen 
über Änderungen an den ersten, gewissermaßen probeweise auf- 
gestellten Statuten gepflogen worden und in der Sitzung vom 
28. Jänner 1871 konnte der Vorsitzende mitteilen, daß diese 
Statuten von der Statthalterei genehmigt worden seien. 


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Grundziige einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 7 


Statuten 

des Vereines für Psychiatrie und forensische Psychologie. 

§ 1. Zweck des Vereines ist Förderung der Leistungen im Fache der 
Psychiatrie und forensischen Psychologie, Anbahnung eines geregelten 
Zusammenwirkens zur Hebung der Irrenpflege und eines freundschaftlichen 
kollegialen Verhältnisses der Fachgenossen, im Interesse des wissenschaft¬ 
lichen Fortschrittes. 

Der Sitz des Vereines ist in Wien. 

§ 2. Als Mittel hiezu dienen: 

Versammlung der Vereinsmitglieder. 

Veröffentlichung der in der Versammlung gehaltenen fachwissen¬ 
schaftlichen Vorträge, Gründung einer Bibliothek und wissenschaftlicher 
Sammlungen. 

§ 3. Die Gesellschaft besteht aus ordentlichen, korrespondierenden 
und Ehrenmitgliedern. 

§ 4. Ais ordentliche Mitglieder wählt der Verein inländische Doktoren 
der Medizin, die durch bewährte Tätigkeit in dem Fache der Psychiatrie 
und ihrer Hilfswissenschaften sowie der forensischen Psychologie durch 
Austausch ihrer Kenntnisse und Erfahrungen die vom Vereine angestrebten 
Ziele zu fördern vermögen. 

§ 5. Als korrespondierende Mitglieder werden in- und ausländische 
Arzte und Gelehrte gewählt, welche durch ihre literarischen Arbeiten die 
Bestrebungen des Vereines wirksam unterstützen können. 

§ 6. Durch anerkannte Leistungen im Gebiete der Wissenschaft 
hervorragende Zeitgenossen kann der Verein zu Ehrenmitgliedern erwählen. 

§ 7. Der Verein konstituiert sich aus jenen Medizinädoktoren, welche 
bereits zum Beitritte eingeladen, die Bereitwilligkeit zum Eintritte in den 
Verein nach erfolgter Allerhöchster Genehmigung der Statuten schriftlich 
erklärt haben. 

Die fernere Wahl der Vereinsmitglieder findet in der jeder beschlu߬ 
fähigen Versammlung des Vereines über den motivierten Vorschlag eines 
ordentlichen Mitgliedes, der mindestens von fünf anderen ordentlichen Mit¬ 
gliedern unterstützt werden muß, statt. 

Zur Gültigkeit der Wahl ist Zweidrittelmajorität der Abstimmenden 
erforderlich. 

Die bei der Wahl zu beobachtenden Formen sind in der Geschäfts¬ 
ordnung enthalten. 

§ 8. Die erwählten Mitglieder erhalten ein von dem Präsidium des 
Vereines ausgefertigtes Diplom und werden in das Standesbuch des Vereines 
eingeschrieben. — Die Wahl von Ausländern zu korrespondierenden oder 
Ehrenmitgliedern ist der Genehmigung der k. k. Statthalterei zu unterziehen. 

§ 9. Die Mitglieder des Vereines haben als solche das Recht, je nach 
Inhalt des ihnen zugekommenen Diploms den Titel eines ordentlichen, 
korrespondierenden oder Ehrenmitgliedes zu führen, an den wissenschaft¬ 
lichen Sitzungen teilzuuehmen, die Bibliothek, die wissenschaftlichen 


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Heinrich Obersteiner. 


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Sammlungen unter Beobachtung der darüber bestehenden Regulative zu 
benützen. 

Jedes ordentliche Mitglied erhält ein Exemplar der vom Verein 
herausgegebenen Druckschriften. 

Den ordentlichen Mitgliedern steht außerdem das Recht zu, über 
Vereinsangelegenheiten vom Präsidium genügende Auskunft zu verlangen» 
Anträge zu stellen, Arzte und Gelehrte als Mitglieder zur Aufnahme vor¬ 
zuschlagen, einheimische und fremde Arzte und Gelehrte in die Versamm¬ 
lungen einzuführen. Jedes ordentliche Mitglied wird an allen Rechten und 
Begünstigungen, welche dem Vereine zufließen, teilhaftig, insoweit solche 
auf den Einzelnen übergehen können. 

§ 10. An den in dem Vereine vorkommenden Wahlen können nur die 
ordentlichen Mitglieder teilnehmen und nur diese sind als Funktionäre des 
Vereines wählbar. 

§ 11. Jedes ordentliche Mitglied verpflichtet sich zur Leistung eines 
Jahresbeitrages, welcher in der Hauptversammlung alljährlich festgesetzt 
wird und mit dem Beginne des neuen Vereinsjahres an die Vereinskassa 
abzuführen ist. 

§ 12. Jedes ordentliche Mitglied, welches dem Vereine nicht länger 
angehören will, hat seinen Austritt vor Ablauf des Vereinsjahres dem 
Präsidium schriftlich anzuzeigen und das Diplom zurückzustellen. Im Unter¬ 
lassungsfälle hat es auch für das nächste Jahr seinen Verbindlichkeiten 
nachzukommen. 

Die Verpflichtungen des Vereines erlöschen mit dem Ablaufe des 
Jahres, für welches das Mitglied seinen Jahresbeitrag entrichtet hat. 

Mitglieder, welche länger als ein Jahr mit der Zahlung ihres Jahres¬ 
beitrages im Rückstände bleiben, werden, wenn sie drei Monate nach ge¬ 
schehener, durch Empfangsbestätigung dokumentierter Erinnerung des 
Ökonomen den ausständigen Betrag nicht erlegen, als ausgetreten betrachtet. 

§ 13. Unbescholtenheit des Charakters ist eine Bedingung der Auf¬ 
nahme in den Verein und des Verbleibens in demselben; aber auch 
außerdem kann ein Mitglied wegenjden Vereinszwecken widerstrebender 
Handlungen ausgeschlossen werden, was jedoch nur durch Beschluß von 
zwei Dritteilen der ordentlichen Mitglieder erfolgen kann. 

§ 14. Zur Vertretung des Vereines und Ordnung seiner Angelegen¬ 
heiten besteht das Vereinspräsidium, welches aus einem Präsidenten, dessen 
Stellvertreter und zwei Sekretären gebildet wird. 

Der Präsident oder dessen Stellvertreter haben den Verein gegenüber 
dritten Personen und gegenüber den Behörden zu vertreten, und unter¬ 
zeichnet alle vom Vereine ausgehenden Schriftstücke. 

§ 15. Zur Besorgung des Kassawesens und zur Oberaufsicht des 
Hausrates wird ein Ökonom gewählt, welchem im Verein mit dem zweiten 
Sekretär die Überwachung der^Bibliothek und der wissenschaftlichen 
Sammlungen obliegt. 

§ 16. Zur Besorgung der Vereinsangelegenheiten steht dem Präsidium 
ein Verwaltungsrat zur Seite, in welchem nebst den Mitgliedern des Prä- 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 9 

sidiums der Ökonom und vier gewählte ordentliche Mitglieder des Vereines 
Sitz und Stimme haben. 

§ 17. Die Wahl sämtlicher Funktionäre des Vereines geschieht in der 
Hauptversammlung. Für die Präsidentenwahl ist eine Stimmenmehrheit von 
zwei Dritteilen der anwesenden Mitglieder erforderlich, für alle übrigen 
Funktionäre genügt die absolute Stimmenmehrheit. 

Die Wahl sämtlicher Funktionäre hat durch geheime Abstimmung 
zu geschehen; eine Wahl per Akklamation ist ungültig. 

Die sämtlichen Funktionäre werden auf den Zeitraum eines Jahres 
gewählt, sie sind aber nach Ablauf dieser Zeit wieder wählbar. 

Jede erledigte Stelle der Funktionäre ist in der nächsten beschlu߬ 
fähigen Versammlung zu besetzen. 

§ 18. Der Präsident des Vereines ist zugleich auch Vorstand des 
Verwaltungsrates. Im Verhinderungsfälle übernimmt der Präsidenten¬ 
stellvertreter dessen Funktion. 

Der Präsident leitet die Versammlungen, sorgt für die genaue Be¬ 
obachtung der Statuten und der Geschäftsordnung und führt die Ober¬ 
aufsicht über da3 Vermögen des Vereines. 

§ 19. Der Verwaltungsrat hat die laufenden Verwaltungsgeschäfte zu 
verhandeln, auf die Förderung und Belebung einer regen wissenschaftlichen 
Tätigkeit im Schoße des Vereines hinzuwirken, die wünschenswerten wissen¬ 
schaftlichen Behelfe, insoweit es die materiellen Mittel des Vereines ge¬ 
statten, beizuschaffen, er hat zu bestimmen, welche wissenschaftliche Vor¬ 
träge und Arbeiten der Mitglieder von Seiten des Vereines zu veröffent¬ 
lichen sind und alljährlich in der Hauptversammlung ein Präliminare der 
Einnahmen und Ausgaben des Vereines zur Genehmigung vorzulegen. 

Die Appellation gegen Beschlüsse des Verwaltungsrates an den 
Verein kann in einer administrativen Sitzung eingebracht werden, wenn 
die Appellation von sechs ordentlichen Mitgliedern unterstützt wird. Über 
jede im Laufe des Jahres vorkommende, den Betrag von fünfzig Gulden 
überschreitende und im Präliminare nicht angeführte Mehrauslage ist vom 
Präsidium früher an den Verein Bericht zu erstatten, welcher sodann be¬ 
schließt, ob und in welchem Betrage die projektierte Auslage zu machen 
sei. Dem Verwaltungsrate steht das Recht zu, die aus dem Vcrcinsverhält- 
nisse unmittelbar und ausschließlich erstehenden Streitigkeiten als Objekte 
der inneren Gesellschaftsdisziplin zu schlichten. 

Zur Gültigkeit der Beschlüsse des Verwaltungsrates ist absolute 
Stimmenmehrheit erforderlich. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme 
des Präsidenten oder dessen Stellvertreters. 

§ 20. Der Wirkungskreis der einzelnen Mitglieder des Präsidiums 
und des Verwaltungsrates, insoweit er nicht schon durch die statutarischen 
Bestimmungen abgegrenzt ist, wird in der Geschäftsordnung geregelt. Die 
Geschäftstätigkeit des Ökonomen und der Sekretäre ist an besondere In¬ 
struktionen gebunden. 

§ 21. Der Verein versammelt sich zu wissenschaftlichen und admini¬ 
strativen Sitzungen: 


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Zu ersteren haben alle Ärzte und Gelehrte Zutritt, sobald sie von 
einem Yereinamitglicde eingeführt werden, und können wissenschaftliche 
Vorträge halten, wenn sie sich deshalb beim Präsidenten gemeldet haben. 

Die administrativen Sitzungen, in welchen nur die ökonomischen und 
inneren Vereinsangelegenheiten verhandelt werden, sind geschlossen und es 
dürfen an denselben nur die ordentlichen Mitglieder teilnchmcn. Zur Lösung 
umfassender wissenschaftlicher Aufgaben werden Komitees gebildet, deren 
Verhandlungen je nach dem Beschlüsse des Komitees in offenen oder ge¬ 
schlossenen Sitzungen geführt werden. Solche Komiteearbeiten werden in 
wissenschaftlichen Sitzungen des Vereines zur weiteren Beratung und Be¬ 
schlußfassung vorgelegt. 

§ 22. Die Folgenreihe der wissenschaftlichen Sitzungen wird von Jahr 
zu Jahr durch den Verwaltungsrat des Vereines festgestellt und den Vereins¬ 
mitgliedern am Beginne jedes Vereinsjahres bekanntgegeben. Die admini¬ 
strativen Sitzungen werden je nach dem Bedarf durch das Präsidium an¬ 
geordnet. Eine solche Sitzung ist auch zu veranlassen, wenn 15 ordentliche 
Mitglieder deren Anordnung verlangen. 

§ 23. Im Monate Mai eines jeden Jahres hält der Verein seine Haupt¬ 
versammlung. In dieser wird der Jahresbericht über die Leistungen des 
Vereines, über die erledigten Geschäfte des Verwaltungsrates, über die 
Änderungen im Personalstande, allfällig sich ergebende außerordentliche 
Zuflüsse u. dgl. erstattet. 

Die spezifizierte Jahresrechnung des Vereines ist acht Tage vor dem 
Stattfinden der Hauptversammlung den ordentlichen Mitgliedern ersichtlich 
zu machen, dieselbe ist mit der Unterschrift des Präsidenten, seines Stell¬ 
vertreters und eines Mitgliedes des Verwaltungsrates zu versehen, und wird 
dann von drei in der Hauptversammlung zu Rechnungszensoren gewählten 
ordentlichen Mitgliedern geprüft, worauf die Versammlung die richtig be¬ 
fundene Jahresrechnung genehmigt. 

§ 24. Die Formen, unter welchen alle Sitzungen abgehalten, die 
Wahlen der Funktionäre vorgenommen und die Angelegenheiten des Vereines 
besorgt werden, sind durch die Geschäftsordnung bestimmt. 

Die Beschlußfassung geschieht durch absolute Stimmenmehrheit der 
abstimmenden ordentlichen Mitglieder. Bei Stimmengleichheit entscheidet 
das Votum des Präsidenten. 

Beschlußfähig ist eine Vereinsversammlung, wenn die Zahl der An¬ 
wesenden einem Dritteile der in Wien wohnenden Mitglieder entspricht; 
in wichtigen Fällen kann eine Abstimmung der ordentlichen Mitglieder 
durch Kurrende eingeleitet werden. 

§ 25. Gelder, welche dem Vereine durch Geschenke oder Vermächt¬ 
nisse ohne ausdrückliche Widmung zufließen, dürfen vom Vereine nur zur 
Förderung wissenschaftlicher Zwecke verwendet werden. 

Uber die Art der Verwendung hat der Verwaltungsrat in einer ad¬ 
ministrativen Sitzung die entsprechenden Anträge zu stellen. 

Bestehen derlei Geschenke und Vermächtnisse in Gegenständen, die 
zur Vermehrung der Verrinssammlungen dienen, so sind sie letzteren 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Ncurol. in Wien. 11 


einzuverleiben. Geber und Gabe sind im Gedenkbuche des Vereines ein¬ 
zutragen. 

§ 26. Das Vermögen des Vereines bleibt unteilbares Eigentum, worauf 
weder die austretenden noch die Erben der verstorbenen Mitglieder ein 
Recht haben. 

Sollte sich der Verein auflösen oder von der Staatsbehörde aufgelöst 
werden, so hat derselbe in seiner letzten Versammlung zu beschließen, 
welchem wissenschaftlichen Zwecke das Vereinsvermögen zu widmen sei. 

§ 27. Die im Vereine gehaltenen fach wissenschaftlichen Vorträge 
werden mit Zustimmung des Autors zur Veröffentlichung in extenso in dem 
Organe des Vereines übernommen, und es ist das Präsidium des Vereines 
verpflichtet, die Autoren abgehaltener Vorträge in kürzester Frist zu 
verständigen, ob von dem überlassenen Vor trage durch Veröffentlichung 
Gebrauch gemacht wird. 

§ 28. Behufs der Art der Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle und 
der wissenschaftlichen Vorträge behält sich der Verein die Beschlu߬ 
fassung vor. 

§ 20. Nichtmitgliedern des Vereines kann unter den in der Geschäfts¬ 
ordnung festgesetzten Bedingungen der Zutritt in die Vereinslokalitäten 
gestattet werden. 

§ 30. Eine Änderung der Statuten kann nur in einer Hauptversamm¬ 
lung, bei der mindestens zwei Dritteile der ordentlichen Mitglieder anwesend 
sein müssen, durch Zustimmung von zwei Dritteilen der abstimmenden 
beschlossen werden. 

Zur Ausführung der beschlossenen Statutenänderungen ist die behörd¬ 
liche Genehmigung einzuholen. 

Die Auflassung des Vereines kann nur infolge der Zustimmung von 
drei Vierteilen sämtlicher ordentlicher Mitglieder und nach vorläufiger 
Anzeige bei der hohen Landesstelle erfolgen. 

Nr. 35.194. 

Der Bestand dieses Vereines nach Inhalt vorstehender geänderten 
Statuten wird im Sinne des § 9 des Gesetzes vom 15. November 1867 
R.-G.-Bl. Nr. 134, bescheinigt. 

Der k. k. Statthalter: Weber m. p. 

In der nämlichen Sitzung (28. Jänner 18711 wurde an Stelle 
des verstorbenen Reg.-Rates Riedel dessen Nachfolger als Direktor 
der n.-ö. Landesirrenanstalt in Wien Dr. Karl Spurzheim zum 
Vereinspräsidenten gewählt. 

In dem Anträge, den Prof. Leidesdorf am 30. März 1871 
stellte, auch die nicht in Wien wohnhaften Fachgenossen zu den 
Versammlungen des Vereines einzuladen, um damit ein Zusammen¬ 
treten aller österreichischen Irrenärzte zu veranlassen, darf man den 
Vorläufer des viele Jahre später eingerichteten österreichischen Irren¬ 
ärztetages erblicken. 


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Heinrich Obersteiner. 


In der Maisitzung 1872 konnte der Präsident Spurzheim 
bezüglich des seinerzeit angeregten Entwurfes eines Irrengesetzes 
mitteilen, daß ein von Primarius ö a u s t e r und Professor Leides¬ 
dorf ausgearbeitetes Promemoria dem Reichsrate überreicht wurde, 
um auf die Dringlichkeit eines solchen Gesetzes aufmerksam zu 
machen. Im Laufe des Jahres 1872 wurde auch über Antrag 
Leidesdorfs der Verwaltungsrat beauftragt, sich mit dem Zentral¬ 
komitee des im Jahre 1873 in Wien stattfindenden internationalen 
medizinischen Kongresses wegen gleichzeitiger Einberufung eines 
Irrenärztekongresses ins Einvernehmen zu setzen und die hiezu 
notwendigen Anordnungen zu treffen. 

Am 8. Oktober 1872 verlor der Verein seinen zweiten Präsi¬ 
denten, Direktor Spurzheim. Man kann wohl die fünf Jahre seit 
Gründung des Vereines, in denen er unter dem Präsidium von 
Reg.-Rat Riedel und Direktor Spurzheim stand, bis zu dem 
Tode des letztgenannten, als erste Periode im Vereinsleben be¬ 
zeichnen. 

Der Verein hat gewissermaßen mit jugendlicher Kraft gleich 
von Beginn an die volle Bedeutung seiner Aufgaben erfaßt; er hat 
schon in den ersten Jahren seines Bestandes lebhafte Tätigkeit 
entwickelt und ist bereits damals aus dem engen Rahmen eines 
rein wissenschaftlichen Vereines herausgetreten, indem er mit Energie 
und Ausdauer jene Ziele verfolgte, die den Gründern des Vereines 
vorgeschwebt waren. Daß die Errichtung einer psychiatrischen 
Klinik gewiß zum nicht geringen Teile der Wirksamkeit des Ver¬ 
eines zuzuschreiben ist, wurde bereits erwähnt Wenn aber dem 
dringenden Wunsche nach einem Irrengesetze nicht so rasch Rech¬ 
nung getragen werden konnte, so erscheint uns dies begreiflich; 
denn gerade in diesen Fragen gehen die Meinungen so weit aus¬ 
einander, sind die Wünsche und Anschauungen der Irrenärzte, der 
Juristen und des Laienpublikums häutig ganz verschiedene, ja sogar 
innerhalb des Kreises der psychiatrischen Fachantoritäten bestehen 
schwer zu überbrückende Differenzen. 

Nachdem die Leitung des Vereins durch den Vizepräsidenten 
Leidesdorf interimistisch bis zur nächsten Hauptversammlung 
besorgt worden war, übernahm Meynertim Mai 1873 das Präsidium, 
um nun durch fast 20 Jahre den Verein zu leiten. Der Verein zählte 
damals 53 ordentliche Mitglieder, 26 korrespondierende und 7 Ehreu- 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 13 


mitglieder. Primarius Mor. Gauster hatte längere Zeit hindurch 
das Amt des Vizepräsidenten inne. 

Über Antrag Gausters wurde in der Novembersitzung 1872 
beschlossen, ein Promemoria an den Schriftstellerverein Concordia zu 
richten, mit der Bitte, daß Fälle von Geisteskrankheit mit An¬ 
führung von Namen und Familienverhältnissen in gewissen Fällen 
von der Tagespresse hintangehalten werden mögen. 

Mit Rücksicht auf die früher erwähnte Anregung des Vereines 
wurde gelegentlich des internationalen medizinischen Kongresses 
in Wien (September 1873) in den Räumen der Weltausstellung 
eine gesonderte Beratung der Psychiater und Gerichtsärzte einge¬ 
richtet; es wurden dort in fünf Sitzungen folgende drei Fragen 
diskutiert: 1. Welches Vorgehen verhilft dem Irren am ungesäum¬ 
testen zu seinem Rechtsschutz? 2. Welche Methode könnte am 
besten eine natürliche Einteilung der Irrsinnsformen erzielen? 
3. Empfiehlt sich eine der gegenwärtigen Methoden der Hirnwägung? 

Bereits in diesem Jahre machten sich leider Differenzen, oft 
rein persönlicher Natur, zwischen hervorragenden Mitgliedern des 
Vereines bemerkbar, dessen Versammlungen auch nicht mehr jene 
rege Teilnahme aufwiesen wie früher; es waren in den Sitzungen 
selten mehr als zehn bis zwölf Mitglieder anwesend. Der Direktor 
der Wiener Landesirrenanstalt Professor L. Schlager trat aus 
dem Vereine aus. Selbstverständlich mußten diese Verhältnisse 
einer gedeihlichen Entwicklung des Vereines hinderlich sein. Dies 
zeigte sich auch darin, daß Schwierigkeiten bezüglich des Vereins- 
journales auftauchten. Bei einer Abonnentenzahl von kaum 100 
stellte sich ein erhebliches Defizit heraus, das der Verein zu tragen 
hatte. Gegen Ende 1875 legte dann Leidesdorf die Redaktion 
des Centralblattes, die ihm zuletzt ganz allein überlassen worden 
war, nieder. 

Gauster und Meynert, die nun die Redaktion übernahmen, 
entwarfen ein ausführliches Programm, aus dem nur folgendes mit¬ 
geteilt sei: Es ist Pflicht des Organes des heimatlichen Vereines 
für Psychiatrie und forensische Psychologie, selbständig und un¬ 
mittelbar die wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiete zu fördern, 
in eingehender Weise die Bedürfnisse der Irrenpflege, der öffent¬ 
lichen Irrenfürsorge und der Irrengesetzgebung in rechtlicher und ad¬ 
ministrativer Hinsicht zu vertreten, die tatsächlichen Verhältnisse in 
Österreich-Ungarn klarzustellen, zu kritisieren, die Beseitigung oder 


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Besserung derselben, soweit notwendig und möglich, anzustreben. 
Aus diesem Programm, dessen Punkte im Detail angeführt werden, 
geht hervor, daß sowohl für die Irrenärzte als auch für jene Fach¬ 
personen, die mit der Lösung forensisch-psychologischer Fragen, 
sowie mit der Besorgung administrativer Angelegenheiten des Irren¬ 
wesens betraut sind, also Gerichtsärzte, Sanitätsbeamte, sowie 
praktische Ärzte überhaupt, dieses Blatt Interessantes zu bieten 
bestrebt sein wird. 

Auffallen mag, daß in diesem Programm, trotzdem dieses 
auch von Meynert ausgearbeitet war, der Bedeutung der anato¬ 
mischen Forschung, die er doch in der zweiten Sitzung des Vereines 
(29. Februar 1868) so entschieden hervorgehoben und auch weiter¬ 
hin immer so hochgehalten hatte, in keiner Weise Rechnung ge¬ 
tragen erscheint; auch die Nervenkrankheiten finden noch keine 
Erwähnung. Das Centralblatt sollte zu einem Zentralorgan für die 
oben angeführten Angelegenheiten in Österreich umgestaltet werden. 
Allerdings war die Verwirklichung dieses Programmes nicht so 
leicht und eine wesentliche Änderimg des Vereinsorganes, das von 
1879 au den Titel „Jahrbücher für Psychiatrie“ führte, machte 
sich eigentlich nur durch den Ausfall der früher zahlreicheren 
Referate bemerkbar; sein jährlicher Umfang schwankte um zehn 
Bogen und fing erst mit Beginn der Neunzigerjahre an merklich 
zu wachsen. Laut Beschluß des Verwaltungsrates sollte das Blatt 
den „P. T. Herren Ehren- und ordentlichen Mitgliedern“ ohne 
Kosten zugesendet werden. 

Wenn auch nur indirekt unseren Verein angehend, mag hier 
doch die Tatsache Erwähnung finden, daß vom August 1875 an 
eine zweite psychiatrische Klinik in Wien errichtet wurde (die etwa 
30 Jahre lang bestand). Reg.-Rat Prof. Meynert übernahm am 
1. August 1875 die psychiatrische Abteilung im Allgemeinen Kranken¬ 
hause, die seit 1872 von Prof. Schlager geleitet worden war, als 
psychiatrische Klinik, während Prof. Leidesdorf die neue Klinik 
in der Wiener Landesirrenanstalt zugewiesen wurde. An allen an¬ 
deren österreichischen medizinischen Fakultäten wurden dann später 
psychiatrische Kliniken eingerichtet. 

Im Jahre 1876 wurde ein den Ministem des Iuneru und der 
Justiz vorzulegeudes Memorandum durch ein Komitee verfaßt und 
vom San.-Rat Gauster im Vereine vorgetragen, das sich mit der 
Regelung der Irrenzählung befaßt. 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für l’sycli. nnd Neurol. in Wien 15 


Charakteristisch ist, daß ebenfalls in diesem Jahre der Verein 
bereits zu dem neuen, dem Reichsrate vorliegenden Strafgesetz - 
entwurf Stellung nahm und ein diesbezügliches lieferet des San.-Rates 
Gauster zur Grundlage einer Diskussion machte. — Dieser Ent¬ 
wurf ist damals nicht zum Gesetze erhoben worden und erst nach 
35 Jahren wurden gemeinsam mit der österreichischen kriminalisti¬ 
schen Vereinigung durch den Verein abermals die einschlägigen 
Paragraphen eines ganz neuen Strafgesetzentwurfes eingehendst durch¬ 
beraten (in den Jahren 1010 bis 1912). 

Im Frühjahr 1878 sah sich einer der Begründer des Vereines, 
Prof. Leidesdorf, veranlaßt, nebst seinen beiden Assistenten seinen 
Austritt aus dem Verein anzumelden — es geschah dies leider ledig¬ 
lich aus persönlichen Gründen. 

Am 25. Juli 1878 verlor die Wissenschaft Karl v. Rokitansky, 
auf dessen Sarg der Verein einen Lorbeerkranz mit der Inschrift 
„Die Seelenheilkunde dem Beseeler der Heilkunde“ niederlegte. 

An einem österreichischen Irrenärztetag, der zur Feier des 
25jährigen Jubiläums der Wiener Landesirrenanstalt für den 
25. bis 27. Juli 1878 eiuberufen worden war, beteiligten sich zahl¬ 
reiche Mitglieder unseres Vereines. 

Im August 1878 wurde ein von Meynert verfaßtes Memo¬ 
randum des Vereines, die Einführung der Psychiatrie als Prüfungs¬ 
gegenstand bei den medizinischen Rigorosen betreffend, dem Mini¬ 
sterium für Kultus uud Unterricht unterbreitet. Der damalige 
Unterrichtsminister Dr. v. Stremayr gab dem Vereinspräsidium 
den ermutigendsten Bescheid und sprach seine eigene Überzeugung 
von der Notwendigkeit psychiatrischer Kenntnisse für alle Ärzte aus. 

In der ersten Nummer der „Jahrbücher für Psychiatrie“ (die 
an die Stelle des früheren psychiatrischen Centralblattes getreten 
waren), 1879, wiederholen die Redakteure Meynert und Gauster 
im wesentlichen das Programm, das in der Nummer vom November 
1875 des „Centralblattes“ publiziert worden war. 

Allerdings wird hier die eingehende Förderung anatomischer 
Kenntnis des Gehirns wenigstens gestreift, während der Nerven¬ 
krankheiten gar nicht gedacht wird. Wenn es sich hiebei zunächst 
auch nur um die Wege handelt, welche die Zeitschrift wandeln 
soll, so sollte damit auch eine Richtschnur für die Tätigkeit des 
Vereines gegeben sein. 

Die Sitzungen des Vereines wurden vom November 1879 an- 


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gefangen mit wenigen Ausnahmen im Hörsaale der psychiatrischen 
Klinik des Allgemeinen Krankenhauses (bis anfangs 1911) abge¬ 
halten, was namentlich für die Demonstration klinischer Krankheits¬ 
fälle von großem Vorteile war. Nur ausnahmsweise, z. B. wenn 
gewisse, im psychiatrischen Hörsaale zur Zeit nicht vorhandene Be¬ 
helfe (wie etwa Projektionsapparate) notwendig waren, wurden die 
Versammlungen verlegt, z. B. in den Hörsaal für allgemeine Pathologie, 
in den der Augenklinik oder aber der Verein folgte einer Einladung 
des Direktors der Wiener n.-ö. Irrenanstalt und tagte in deren 
Räumen. 

Bereits im Jahre 1880 schied San.-Rat Gauster aus der 
Redaktion der Jahrbücher aus, und zwar durch das bisher unregel¬ 
mäßige Erscheinen der Jahrbücher dazu bewogen; dies sei durch 
Meynert veranlaßt, welcher jetzt zu sehr anderweitig beschäftigt 
sei. — Dafür trat später 1882 Joh. Fritsch in die Redaktion ein, 
in welcher er bis zu seinem Ableben (1911) eine führende Rolle spielte. 

Der Verein, der damals 61 Mitglieder zählte, führte in den 
folgenden Jahren im allgemeinen ein stilles, man darf ruhig sagen, 
ziemlich unfruchtbares Dasein; auch damals noch besuchten meist 
nur zehn bis zwölf Mitglieder die Versammlungen, die Protokolle 
sind zeitweise recht mangelhaft und wissen nur wenig zu erzählen. 

Eigentlich nicht ganz in den Rahmen der Vereinstätigkeit 
fällt die über Veranlassung der Herren Benedikt, Leidesdorf, 
Meynert und Gauster einberufene Versammlung österreichisch- 
ungarischer Psychiater mit etwa 50 Teilnehmern, um eine Basis 
für eine internationale Irrenstatistik zu schaffen. Diese fand am 
26. Dezember 1885 in der Wiener Landesirrenanstalt statt. 

Bedeutungsvoll ist eine wesentliche Änderung der Vereins¬ 
statuten, die im gleichen Jahre ihre Sanktion erhielt 


Statuten 

des Vereines für Psychiatrie und forensische Psychologie. 
(Nach einem in der Sitzung vom 4. März 1885 vorgelegten neuen Entwurf.) 

§ 1. Zweck des Vereines ist Förderung der Psychiatrie und foren¬ 
sischen Psychologie insbesondere und der Neuropathologie überhaupt, dann 
des Irrenwesens, der öffentlichen und privaten Irrenpflege, endlich Vermittlung 
eines kollegialen Zusammenwirkens der Facbgenossen im Interesse wissen¬ 
schaftlichen Fortschrittes und der Vereinszwecke im allgemeinen. Der Sitz 
des Vereines ist Wien. 

§ 2. Mittel zur Erreichung des Vereinszweckes sind: 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 17 

a) Regelmäßige Versammlungen der Vereinsmitglieder in Wien und 
periodische Abhaltung von österreichischen Irrenärztetagen in Wien oder 
in einem anderen Orte, in dem oder in dessen Nähe sich eine größere Irren¬ 
anstalt oder psychiatrische Kliniken befinden. 

b) Veröffentlichung der Vereinsverhandlungen, und womöglich Her¬ 
ausgabe eines Fachblattes. 

c) Nach Tunlichkeit Gründung einer Bibliothek und fachwissen¬ 
schaftlicher Sammlungen. 

§ 3. Die Gesellschaft besteht aus ordentlichen, korrespondierenden 
und Ehrenmitgliedern. 

§ 4. a) Als ordentliche Mitglieder wählt der Verein Doktoren der 
Medizin, die an der Förderung der Vereinszwecke sich zu beteiligen bereit sind. 

b) Als korrespondierende Mitglieder werden in- und ausländische 
Arzte und Gelehrte gewählt, welche durch ihre literarischen Arbeiten die 
Bestrebungen des Vereins zu unterstützen geneigt sind. 

c) Als Ehrenmitglieder kann der Verein durch anerkannte hervor¬ 
ragende Leistung auf dem Gebiete der Fachwissenschaft oder des Irren¬ 
wesens bewährte Männer erwählen. 

§ 5. Die Wahl der ordentlichen Mitglieder wird über Vorschlag von 
fünf ordentlichen Mitgliedern vom Geschäftsausschuß mit Zweidrittel- 
Majorität vollzogen. 

Korrespondierende und Ehrenmitglieder können nur in der Jahres¬ 
versammlung über Vorschlag des Geschäftsausschusses mit Zweidrittel- 
Majorität der anwesenden Stimmberechtigten gewählt werden. 

§ 6. Die Mitglieder haben das Recht, an allen Vereinsversammlungen 
teilzunehmen, sich an den Verhandlungen zu beteiligen, Vorträge zu halten 
und Anspruch auf die vom Vereine veröffentlichten Druckschriften und 
auf Benützung der Vereinsbibliothek. 

Die ordentlichen Mitglieder haben allein das aktive und passive 
Wahlrecht zu Vereinsfunktionären, und das Recht, sich an den Abstim¬ 
mungen zu beteiligen, Anträge einzubringen, das Präsidium oder den Ge- 
schäftsausschuß zu interpellieren, Vorschläge zur Wahl von ordentlichen, 
korrespondierenden und Ehrenmitgliedern zu stellen, Gäste in die Ver¬ 
sammlung einzuführen, welche sie dem Vorsitzenden derselben vorher vor¬ 
zustellen verpflichtet sind. 

§ 7. Die Mitglieder sind verpflichtet zur rechtzeitigen Erstattung der 
Jahresbeiträge und zur tunlichsten Mitwirkung der Förderung der Vereins¬ 
zwecke. 

§ 8. Jedem Mitgliede steht der Austritt aus dem Vereine nach vor¬ 
heriger Anzeige an das Vereinspräsidium frei, doch hat es für das laufende 
Jahr den Jahresbeitrag zu bezahlen. 

Als ausgetreten sind auch jene Mitglieder zu betrachten, welche durch 
sechs Monate mit dem Jahresbeiträge trotz vorausgegangener Erinnerung 
durch den Vereinsökonomen im Rückstände bleiben. 

§ 9. Der Ausschluß eines Mitgliedes aus dem Vereine kann wegen 
fortgesetzter, absichtlich den Vereinszwecken widerstrebender Tätigkeit 
Jahrbücher fttr Psychiatrie. XXXIX. Bd. 2 


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über einstimmigen Antrag des Geschäftsausschusses und unter Zustimmung 
von zwei Drittel der ordentlichen Mitglieder erfolgen. 

$ 10, Der Verein wird geleitet: 

a) durch den Geschäftsausschuß, 

b) durch die Vereinsversammlungen. 

§ 11. Der Geschäftsausschuß besteht aus: 

a) dem Vorsitzenden, 

b) seinem Stellvertreter, 

c) dem Vereinsökonomen, 

d) zwei Schriftführern, 

e) einem Bibliothekar, 

f) vier weiteren Mitgliedern. 

§ 12« Sämtliche Mitglieder des Geschäftsausächusses werden in jeder 
Jahresversammlung in abgesonderten Wahlgängen durch absolute Majorität 
der anwesenden Mitglieder in geheimer Wahl gewählt. 

§ 13, Der Vorsitzende oder in dessen Verhinderung sein Stell¬ 
vertreter vertritt den Verein nach außen und gegenüber den Behörden, 
führt die Oberaufsicht über den Verein, ruft die Versammlungen des Ge¬ 
schäftsausschusses oder des Vereines ein, leitet ihre Verhandlungen und 
unterfertigt alle Schriftstücke des Vereines. 

Der Ökonom führt das Kassenwesen, besorgt die Einhebung der 
Mitgliederbeiträge und hält behufs Einstellung der Zusendung von Vereins¬ 
druckschriften Präsidium und Geschäftsausschuß in Evidenz über die 
zahlungssäumigen Mitglieder und überwacht das Inventar des Vereines. 
Er legt die Jahresrechnung und den Entwurf des Präliminares für das 
nächste Jahr rechtzeitig dem Geschäftsausschusse vor. 

Die Schriftführer teilen sich nach den Beschlüssen des Geschäfts¬ 
ausschusses und der Geschäftsordnung in alle Schreibarbeiten des Vereines 
unter Anweisung des Vorsitzenden, beziehungsweise seines Stellvertreters. 

Der erste Schriftführer, und in seiner Verhinderung der zweite, hat 
dem Geschäftsausschusse rechtzeitig den Jahresbericht über die Vereins¬ 
tätigkeit vorzulegen. 

§ 14. Der Geschäftsausschuß versammelt sich nach Bedarf über Ein¬ 
berufung des Vorsitzenden, welche über Verlangen von drei Mitgliedern 
desselben oder von zehn ordentlichen Vereinsmitgliedern überhaupt ge¬ 
schehen muß. 

Er bestimmt im allgemeinen die Zahl und Tagesordnung der Ver¬ 
sammlungen, hat alle im Vereine an das Präsidium oder in seiner Mitte 
gestellten selbständigen Anträge, sowie das Jahrespräliminare für die Ver¬ 
einsverhandlung vorzuberaten, das Recht initiativer Anträge an letztere, 
die Führung der administrativen Geschäfte und der Geldgebarung regel¬ 
mäßig zu kontrollieren, uud ebenso sich zeitweilig zu überzeugen, ob das 
Vereinsinventar in Ordnung ist. Er hat innerhalb des von der Jahres¬ 
versammlung genehmigten Präliminars die Geldausgabcn zu bewilligen 
uud die Geschäftsordnung festzusetzen, sowie über alle das Vereinsjournal 
grundsätzlich regelnden Bestimmungen und dasselbe betreffenden Verträge 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. nnd Neurol. in Wien. 19 


za beschließen, and überhaupt alles, was den Verein fördern oder schädigen 
kann, genau im Auge zu behalten. 

Der Geschäftsausschuß ist bei Anwesenheit von vier Mitgliedern be¬ 
schlußfähig und beschließt mit absoluter Majorität. 

§ 15. Die Versammlungen bestehen: 

a) aus der Jahresversammlung Im Mai jeden Jahres behufs Erneue¬ 
rung des Geschäftsausschusses, Rechnungsrevision und Genehmigung des 
Präliminares, sowie zur Verhandlung administrativer Gegenstände; 

b) aus wissenschaftlichen Versammlungen, in denen jedoch nach 
Bedarf dringende administrative Angelegenheiten unter entsprechender 
Vorsicht, daß nur ordentliche Vereinsmitglieder mitstimmen, verhandelt 
werden können. 

c) Periodisch wird ein Irrenärztetag in oder außer Wien abgehalten, 
an dem nur fachwissenschaftliche Vorträge oder Verhandlungen über 
Gegenstände des Irrenwesens, jedoch keine internen Vereinsangelegenheiten 
verhandelt werden dürfen, und zu dem alle Fachgenossen Österreichs und 
sich für das Irrenwesen speziell interessierende Personen Österreichs ein¬ 
zuladen sind. Nichtmitglieder können zu wissenschaftlichen Versammlungen 
oder zu Irrenärztetagen geladen oder als Gäste von Mitgliedern eingeführt 
werden, das erstere, wenn sie Fachgenossen oder Nichtärzte sind, die be¬ 
rufsmäßig sich mit die Psychiatrie und das Irrenwesen berührenden Fragen 
beschäftigen, oder eine bewährte Tätigkeit im Irrenwesen an den Tag ge¬ 
legt haben. 

An den Irrenärztetagen sind allgemeinere Fragen wissenschaftlicher 
oder administrativer Natur in Beziehung auf Psychiatrie, forensische Psycho¬ 
logie, Irrenwesen und Irrengesetzgebung auf die Tagesordnung zu setzen. 

§ 16. Über streng wissenschaftliche Fragen kann nicht abgestimmt 
werden. 

Eine Vereinsversammlung ist beschlußfähig, wenn die Zahl der an¬ 
wesenden Mitglieder einem Dritteile der in Wien wohnenden Mitglieder 
entspricht. Kann durch Nichtanwesenheit der vorgeschriebenen Anzahl 
von Mitgliedern über einen Beratungsgegenstand ein Beschluß nicht statt¬ 
finden, hat der Vorsitzende binnen längstens vier Wochen eine zweite Ver¬ 
sammlung zur Beratung dieses Gegenstandes einzuberufen, die bei jeder 
Zahl von anwesenden Mitgliedern beschlußfähig ist. 

Eine Vereinsvcrsammlung beschließt mit Ausnahme der im Statute 
bezeichneten Fälle mit absoluter Majorität. 

Die Jahres- und die gewöhnlichen Versammlungen haben das Recht: 

a) der Statutenänderung (§ 17); 

b) der Genehmigung der Jahresrechnung nach Antrag zweier in der 
der Jahresversammlung vorausgehenden Versammlung gewählten Rechnuugs- 
re visoren; 

c) der Genehmigung des Präliminares mit dem jährlichen Mitglieder¬ 
beitrage; 

d) Beschlußfassung über alle aus Initiative der Mitglieder hervor- 

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gegangenen selbständigen Anträge nach Vorberatung derselben durch den 
Gedchäftsausschuß und über alle Anträge des letzteren; 

e) allgemeine Kontrolle über die Geschäftsführung des Geschäfts- 
Ausschusses; 

f) Beschlußfassung über Ausschluß eines Mitgliedes; 

g) Beschlußfassung über die Auflösung des Vereines (§ 18). 

§ 17. Eine Änderung der Statuten kann nur in einer Jahresver¬ 
sammlung durch eine Zweidrittel-Majorität der Anwesenden beschlossen 
werden. 

§ 18. Eine Auflösung des Vereines kann nur in einer Jahresver¬ 
sammlung, in der zwei Drittel aller ordentlichen Vereinsmitglieder anwesend 
sind und drei Viertel der Anwesenden dafür stimmen, beschlossen werden, 
wenn der Geschäftsausschuß mit Zweidrittel-Majorität dieselbe initiativ 
oder über von mindestens ein Viertel der ordentlichen Mitglieder gestellten 
Antrag beantragt. Die Versammlung beschließt dann über Antrag des Ge- 
echäftsausschusses, zu welchem wissenschaftlichen Zwecke das Vereins¬ 
eigentum nach Tilgung aller Verbindlichkeiten des Vereines gewidmet 
werden soll. 

§ 19. Streitigkeiten aus den Vereins Verhältnissen zwischen Mitgliedern 
entscheidet der Geschäftsausschuß, zwischen diesem und anderen Mitgliedern 
inappellabel ein Schiedsgericht, zu dem jeder der streitenden Teile zwei 
Mitglieder und diese einen Obmann wählen. 

Hier erscheint in § 1 bereits als Zweck des Vereines auch 
die Förderung der Neuropathologie. Bei den so erfreulichen und 
weitgehenden Fortschritten, die diese Disziplin gerade im achten 
und neunten Dezennium des vorigen Jahrhunderts zu verzeichnen 
hatte, bei dem immer wachsenden Interesse, das man ihr von 
Seiten der Theoretiker wie der Praktiker entgegenbrachte, konnte 
es nicht ausbleiben, [daß neben rein psychiatrischen Themen auch 
neuropathologische Fragen im Vereine besprochen und verhandelt, 
sowie einschlägige Demonstrationen abgehalten wurden. Diesem 
Umstande trägt also der neue § 1 Rechnung. 

Die periodische Abhaltung von österreichischen Irrenärztetagen 
wurde nun auch in den Statuten vorgesehen und tatsächlich in 
gewissen Intervallen durchgeführt. Hingegen erschienen einige, 
recht sonderbar klingende veraltete Bestimmungen ausgemerzt, so 
z. B. daß nur inländische Ärzte als ordentliche Mitglieder auf¬ 
genommen werden dürfen, die Kontrolle und Genehmigung der 
korrespondierenden und Ehrenmitglieder durch die Statthalterei, die 
ausdrückliche Bedingung der Unbescholtenheit des Charakters als 
Aufnahmsbedingung. 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psycli. und Neurol. in Wien. 21 


Vom siebenten Bande, der die Jahreszahl 1887 trägt, wird 
die Kedaktion der Jahrbücher einem Komitee, bestehend aus San.-Rat 
Gauster und den Professoren v. Kr aff t-E hing (Graz), Leides¬ 
dorf (der 1882 wieder in den Verein eingetreten war), Meynert 
und Pick (Prag), übertragen, während Prof. J. Fritsch ständig 
als verantwortlicher Redakteur die eigentlichen Redaktionsgeschäfte 
führt. — ' 

Am 9. Oktober 1889 verlor der Verein durch das Ableben 
Leidesdorfs wieder einen seiner Begründer, der namentlich iu 
den ersten Jahren sehr viel zu dessen Hebung beigetragen und ihm 
immer warmes Interesse entgegengebracht hatte. Seine Klinik über¬ 
nahm Professor Frhr. v. Krafft-Ebing, welcher bald lebhaftesten 
Anteil an den Verhandlungen unseres Vereines bekundete. 

Am 5. und 6. Oktober 1891 hielt der Verein eine statuten¬ 
mäßige Wanderversammlung in Graz ab, die ein festeres und frucht¬ 
bareres Zusammenschlüßen aller beteiligten Kreise fördern und die 
Tendenzen der vorhergegangenen beiden Irrenärztetage Österreichs 
1878 und 1882 fortsetzen sollte. Zu der von 52 Mitgliedern be¬ 
suchten Versammlung waren nicht bloß die Mitglieder des Vereines, 
sondern auch die andern psychiatrischen und neurologischen Fach¬ 
kollegen, sowie alle Ärzte, welche sich für diese Fächer interessieren, 
geladen. Unter anderem wurde auch der Antrag gestellt, nach 
welchem die Wänderversaramlung an das Abgeordnetenhaus die 
dringende Bitte stellt, baldigst in die Beratung einer zeitgemäßen 
Irrengesetzgebung einzugehen — ein Antrag, der übrigens damals 
durchaus nicht ohne Widerspruch blieb und schließlich auch nicht 
angenommen wurde, namentlich nachdem v, Krafft-Ebing ge¬ 
wichtige Bedenken dagegen vorgebracht hatte. Hingegen wurde ein 
Antrag des Reg.-Rates Gauster, die Gemeindeversorgung armer 
Geistessiecher betreffend, sowie ein Antrag Dir. Svetlins wegen 
möglichster Wahrung der Diskretion bei amtlichen Zuschriften in 
Kuratelsangelegenheiten angenommen. Die Wanderversammlung, bei 
welcher Prof. v. Wagner-Jauregg und Direktor Schlangen¬ 
hausen gewissermaßen als Hausherren figurierten und die mit 
einer Besichtigung der steirischen Landesirrenanstalt Feldhof schloß, 
hatte einen vollauf befriedigenden Verlauf. 

Am 31. Mai 1892 starb Hofrat Th. Meynert, kaum 60 Jahre 
alt, nachdem er durch 20 Jahre als Präsident den Verein geleitet 
hatte. Sein geniales Wesen, seine starke Individualität machen es 


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Heinrich Obersteiner. 


begreiflich, daß er von Anfang an eine führende Rolle im Verein 
innehatte. Er nahm lebhaftesten Anteil an dessen Gedeihen; in 
seinen Sitzungen fehlte er fast nie und beteiligte sich an den Ver¬ 
handlungen durch zahlreiche Vorträge und Eingreifen in die Dis¬ 
kussionen, die er in seiner anregenden Weise zu beleben verstand; 
für die Zeitschrift des Vereines brachte er ansehnliche materielle 
Opfer. In dankbarer Erinnerung beschloß der Verein, das Bild 
M eynerts im Hörsaale der psychiatrischen Klinik anbringen zu 
lassen. 

Als Nachfolger im Präsidium des Vereines wurde Professor 
v. Krafft-Ebing gewählt; Reg.-Rat Gauster blieb Vizepräsident. 
Den Lehrstuhl Meynerts übernahm Professor Jul. Wagner v. 
Jauregg, der bis dahin die psychiatrische Klinik in Graz innehatte. 
Man darf von der Übernahme des Präsidiums durch Krafft-Ebing, 
womit namentlich im internen Leben des Vereines eine wesentliche 
Umwandlung verbunden war, den Beginn einer neuen, der dritten, 
Periode der Vereinstätigkeit rechnen. 

Obwohl die praktische Psychiatrie und ganz besonders auch 
die forensische Psychologie die Gebiete waren, auf denen sich der 
neue Präsident mit Vorliebe und besonderem Erfolge betätigt hatte, 
so sah er doch die Notwendigkeit ein, der Neurologie einen größeren 
Spielraum im Vereine zu gewähren, vor allem schon deswegen, 
weil zu erwarten stand, daß damit auch weitere ärztliche Kreise, 
so z. B. die Internisten, Okulisten, Otiater u. a., für die Vereins¬ 
tätigkeit interessiert würden. Im Jahre 1893 wurden im Vereine 
die betreffenden Verhandlungen gepflogen, nachdem in der Jahres¬ 
sitzung vom 9. Mai 1893 der Antrag Krafft-Ebings, der Verein 
erklärt sich als Verein für Psychiatrie und Neurologie, einstimmig 
angenommen worden war. Auch die Jahrbücher, die bereits merk¬ 
lich anzuwachsen beginnen, änderten demgemäß vom 13. Bande 
(1894/95) an ihren Titel in „Jahrbücher für Psychiatrie und Neuro¬ 
logie“. An den Statuten wurden die entsprechenden Änderungen 
vorgenommen und mit Erlaß der n.-ö. Statthalterei vom 9. Jänner 
1894 bestätigt. Es wurde darin der theoretischen und praktischen 
Neurologie eine größere Bedeutung zugewiesen; aus den früheren 
Irrenärztetagen wurden Wanderversammlungen, an denen nur fach- 
wissenschaftliche Vorträge oder Verhandlungen über Gegenstände 
der Psychiatrie und Neurologie Platz zu greifen hätten. 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 23 

Demgemäß lautete § 1 nunmehr: 

Zweck des Vereines ist Förderung der Leistungen im Gesamtgebiete 
der theoretischen, praktischen und forensischen Psychiatrie und der Neuro¬ 
logie, Anbahnung eines geregelten Zusammenwirkens zur Hebung der 
Irrenpflege und eines freundschaftlichen, kollegialen Verhältnisses der 
Fachgenossen im Interesse wissenschaftlichen Fortschrittes und der Vereins¬ 
zwecke im allgemeinen. 

Der Sitz des Vereines ist Wien. 

Im übrigen — mit Ausnahme des Passus über Wanderver¬ 
sammlungen — blieben die Statuten vom Jahre 1885 (vgL pag. 16) 
aufrecht 

Gleichzeitig wurde auch die Geschäftsordnung geregelt und 
neu festgestellt 


Geschäftsordnung 

des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 

§ 1. Der Verwaltungsrat regelt im Sinne der Statuten und der Ge¬ 
schäftsordnung seinen Geschäftsgang selbst und entwirft die Instruktionen 
für die Sekretäre und den Ökonomen, welche dem Verein zur Genehmi¬ 
gung vorgelegt werden. 

§ 2. Der Verwaltungsrat ist beschlußfähig, wenn nebst einem der 
Präsidenten wenigstens vier MitgUeder anwesend sind. 

§ 3. Die wissenschaftlichen Sitzungen des Vereines finden am zweiten 
Dienstag jedes Monats statt und es wird ihre Reihenfolge von Jahr zu 
Jahr vom Verwaltungsrate festgesetzt und in einer gedruckten Übersicht 
den Mitgliedern bekanntgemacht. 

§ 4. Der Verwaltungsrat überwacht im allgemeinen die Beischaffung 
des wissenschaftlichen Materiales. Die Tagesordnung jeder Sitzung wird 
von dem Vorsitzenden und den Schriftführern festgesetzt, welche letztere 
die mündliche oder schriftliche Anmeldung der Vorträge entgegennehmen. 

§ 5. Das Programm jeder Sitzung ist rechtzeitig kundzumachen 
und an der bestimmten Tagesordnung in der Regel festzuhalten. Jedoch 
steht dem Vorsitzenden das Recht zu, im Einvernehmen mit den im Pro¬ 
gramme vorgemerkten Rednern und mit der Versammlung aus rücksichts¬ 
werten Gründen von dem Programme abzugehen und demselben Vorträge 
und Demonstrationen einzuschalten. 

§ 6. Jeder Vortragende ist gehalten, mit tunlichster Beschleunigung 
dem Schriftführer einen Auszug seines Vortrages für das abzufassende 
Protokoll einzuhändigen; dieses wird sofort der Redaktion der Vereins¬ 
zeitung zur möglichst baldigen Veröffentlichung mitgeteilt und sodann im 
Vereinsarchfv hinterlegt. 

§ 7. Am Schlüsse eines jeden Vortrages stellt der Vorsitzende dm 
Frage, ob jemand an den Gegenstand Bemerkungen zu knüpfen wünsche. 


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Heinrich Obersteiner. 


Eine sich entspinnende Debatte leitet der Vorsitzende nach all¬ 
gemeinem parlamentarischen Branche. Er erteilt demnach das Wort in der 
Reihenfolge, in der es verlangt wird, weist ordnungswidrige Unterbrechungen, 
sowie Abschweifungen vom Gegenstände zurück, und es steht ihm das 
Recht des Ordnungsrufes, der Entziehung des Wortes und endlich der zeit¬ 
weiligen Unterbrechung der Sitzung zu. 

Der Schluß der Debatte, sowie der Schluß der Sitzung, insofeme die 
Tagesordnung noch nicht erschöpft ist, kann nur durch den Beschluß der 
Versammlung ausgesprochen werden. 

§ 8. Damit in einer administrativen Sitzung ein Antrag zur Ver¬ 
handlung komme, muß derselbe beim Vereinspräsidium schriftlich ein- 
gebracht und von wenigstens fünf Mitgliedern unterstützt werden. 

Über die Dringlichkeit entscheidet die Versammlung. 

§ 9. Die Art und Wfeise der Abstimmung bestimmt der Vorsitzende, 
jedoch ist bei allen Beschlüssen, welche auf Personen Bezug haben, die 
geheime Abstimmung durch Stimmzettel oder Kugelung allein gestattet. 

§ 10. Die statutenmäßigen Wahlen können in jeder beschlußfähigen 
Sitzung vorgenommen werden. 

§ 11. Der nach § 7 der Statuten von wenigstens fünf Mitgliedern 
einzubringende Vorschlag zur Wahl eines ordentlichen, korrespondierenden 
oder Ehrenmitgliedes ist schriftlich motiviert dem Verwaltungsrate zu über¬ 
geben. Der Verwaltungsrat prüft diese Eingaben in bezug auf die in den 
§§ 4, 5, 6, 13 der Statuten festgesetzten Bedingungen und macht demnach 
einen Vorschlag. Die Wahl selbst geschieht in der Hauptversammlung des 
Monats. 

§ 12. Bei jeder Wahl werden zwei Skrutatoren gewählt, welche mit 
zwei vom Verwaltungsrate hiezu abgeordneten Verwaltungsräten den 
Wahlausschuß für die vorzunehmenden Wahlen bilden. 

§ 13. Die Wahlen neuer Mitglieder und der Funktionäre finden in 
der Weise statt, daß die Abgabe der Stimmen zur Vermeidung einer Störung 
der Sitzung bei dem Wahlausschüsse schon vor Beginn und während der 
Sitzung selbst geschieht. 

Jeder Abstimmende wird vom Wahlausschüsse in die Stimmliste 
eingetragen und legt seine Wahlzettel in die betreffenden Urnen. Mit Be¬ 
ginn des letzten auf der Tagesordnung stehenden Vortrages beginnt das 
Skrutinium, so daß zum Schlüsse der Sitzung der Wahlausschuß das Er¬ 
gebnis der Wahlen auf Grundlage des über den Wahlakt und die Stimmen¬ 
zählung aufgenommenen Protokolle» dem Präsidium übergeben und dieses das 
Wahlergebnis dem Verein kundgeben kann. 

§ 14. Die Stimmzettel sind, um bei etwaigen Reklamationen als 
Belege zu dienen, von dem Wahlausschüsse wieder in die betreffenden 
Urnen zu legen und diese versiegelt dem Präsidium zu übergeben. 

Reklamationen müssen binnen der nächsten 14 Tage eingebracht 
werden. Nach Ablauf dieser Frist werden die Urnen vom Präsidium eröffnet 
und die Wahlzettel vernichtet. 


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Grundzüge einer Geschichte dea Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 25 

§ 15. Wird bei der Wahl von Funktionären die statutenmäßige ab¬ 
solute Stimmenmehrheit nicht erzielt, so findet eine engere Wahl aus jenen 
statt, welche die relative Mehrheit erhalten haben. 

§ 16. Der Antrag auf Bildung eines Komitees zur Lösung einer be¬ 
stimmten wissenschaftlichen Frage muß beim Verwaltungsrate schriftlich 
eingebracht werden und die genaue Bezeichnung des Gegenstandes, einen 
skizzierten Plan der Richtung und des Ganges der Arbeit und Vorschläge 
über die nötigen Arbeitskräfte und etwa erforderlichen materiellen Mittel 
enthalten. 

Der Verwaltungsrat zieht im Beisein des Antragstellers den Gegen¬ 
stand in Erwägung und bestimmt, wenn er die Frage wichtig und ihre 
Bearbeitung wünschenswert erachtet, die Mitglieder des Komitees, welchen 
er dann die vorgeschlagene Arbeit zur fachkundigen Beurteilung vorlegt. 

Diese erstatten über die Wichtigkeit und Ausführbarkeit der Arbeit 
umständlich motivierten Bericht in einer Vereinssitzung, in welcher sodann 
über den Antrag verhandelt und Beschluß über die definitive Bildung des 
Komitees gefaßt wird. 

Die Berichte solcher Komitees werden in vom Vereinspräsidium ge¬ 
leiteten Sitzungen entgegengenommen. 

§ 17. Die Komitees zur Lösung wissenschaftlicher Aufgaben ver¬ 
kehren nach außen nur durch das Präsidium des Vereines. Dem Verein 
ist das Recht der Veröffentlichung der Komiteeberichte Vorbehalten. 

§ 18. Änderungen der Geschäftsordnung können in administrativen 
Vereinssitzungen geschäftsordnungsmäßig beantragt und beschlossen werden. 

Es kann hier gleich angefugt werden, daß diese Geschäfts¬ 
ordnung an einigen recht bedenklichen Schwerfälligkeiten leidet, 
und es geschah mit voller Zustimmung des Vereines, wenn die 
Vorsitzenden bald gewisse Erleichterungen besonders bezüglich des 
Wahlmodus einführten — es hat sich nie der geringste Widerspruch 
dagegen erhoben; eine später einmal zu revidierende Geschäfts¬ 
ordnung wird dann solche lange Zeit durchgeführte Verstöße gegen 
die strenge Handhabung der bestehenden Ordnung rechtfertigen 
und entschuldigen müssen. Die Protokolle der Vereinssitzungen 
werden seither nach dem Beschlüsse der Maiversaminlung 1893 
auch in der Wiener klinischen Wochenschrift abgedruckt und da¬ 
durch einem weiteren ärztlichen Leserkreise zugänglich gemacht. 

Der von dem Vereinsvorstande erhoffte Erfolg dieser Neuerungen 
blieb nicht nur nicht aus, sondern wurde auch noch weit übertroffen, 
denn die Zahl der Vereinsmitglieder stieg von 56 im Jahre 1893, im 
Jahre 1895 auf 100, abgesehen von zahlreichen anderen Ärzten, welche 
alß Gäste durch die Demonstrationen und Vorträge im Vereine angezogen 
wurden; dadurch, ferner, daß auch besonders viele Kollegen, die nicht 


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Heinrich Obersteincr. 


Irrenärzte waren, Fälle vorstellten, ihre Erfahrungen mitteilten, ge¬ 
wann allerdings die Neurologie nach und nach ein gewisses Über¬ 
gewicht über die Psychiatrie, so daß es dann auch nicht an Mahnungen 
fehlte, die Irrenheilkunde weniger zu vernachlässigen. Der neue 
Präsident hat aber auch der Seite des kollegialen Verkehres der 
Mitglieder untereinander sein besonderes Interesse gewidmet. Es 
wurde getrachtet, bei den Debatten in den Sitzungen, die seither 
nun regelmäßig am zweiten Dienstag jedes Monates stattfanden, 
jeden unangenehmen persönlichen Ton femzuhalten; gesellige Zu¬ 
sammenkünfte nach den wissenschaftlichen Versammlungen in einem 
Gasthause — am meisten beim Riedhof — wobei neben heiterer 
Unterhaltung auch Diskussionen über wissenschaftliche Fragen in 
freier, ungezwungener Weise fortgesetzt wurden, konnten nur dazu 
beitragen, die Mitglieder einander näher zu bringen, eine heute noch 
bestehende erfreuliche Gewohnheit. 

Im April 1895 starb der Vizepräsident des Vereines Regierungs¬ 
rat Gauster. An seine Stelle wurde am 14. Mai Professor Ober¬ 
ste in er gewählt. 

Für den Herbst dieses Jahres war (bereits für das Jahr 1894 
besprochen, aber wegen der zahlreichen medizinischen Kongresse 
verschoben) eine Wanderversammlung vorbereitet und dafür anfangs 
Salzburg, dann Innsbruck in Aussicht genommen worden. Bezüglich 
beider Orte ergaben sich aber Schwierigkeiten, so daß der Verein 
über Einladung Professor Picks Prag wählte. Man hatte diese 
Wahl durchaus nicht zu bereuen, denn die am 4. bis 5. Oktober 
in Prag tagende Wanderversammlung nahm einen glänzenden Verlauf, 
um so mehr, als auch die deutsche medizinische Fakultät in Prag 
sich dafür lebhaft interessierte. An dieser Versammlung, um deren 
Durchführung sich in erster Linie Professor A. Pick verdient ge¬ 
macht hatte, nahmen auch hervorragende auswärtige Fachkollegen 
teil, es seien nur Wernicke, Sachs und Freund aus Breslau, 
Kahlbaum aus Görlitz angeführt. Krafft-Ebing machte in 
seiner einleitenden Ansprache auf die Bedeutung der Wanderver¬ 
sammlungen aufmerksam, denen auch die Aufgabe zukomme, eine 
Fühlung anzubahnen mit Kollegen, die nicht dem engeren Fach¬ 
gebiete angehören. 

Im Jahre 1896 wurden verschiedene Anträge wegen Verbesserung 
der Jahrbücher, namentlich von Dr. Hirse hl eingebracht und zum 
Teil auch angenommen; zur Bestreitung der daraus erwachsenden 


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Grundzöge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 27 

Mehrkosten solle eventuell eine Erhöhung des Jahresbeitrags (5 fl. 
auf höchstens 8 fl.) Platz greifen dürfen. Ferner wurde neuerlich 
beschlossen, zur Bekämpfung der rücksichtslosen Preisgabe der 
Verhältnisse Geisteskranker durch die Presse, sich mit einem Pro- 
memoria an die Schriftstellergenossenschaft Concordia zu wenden, 
mit dessen Abfassung Professor v. Krafft-Ebing betraut wurde. 
Es wurde weiters der Antrag von Professor v. Frankl-Hochwart 
einstimmig angenommen, Diskussions- und Referatabende einzuführen, 
beziehungsweise einzuschieben — ein Beschluß, der übrigens in der 
geplanten Form nie zur Ausführung gelangte. 

Im folgenden Jahre (1897) wurde der Versuch unternommen, 
die etwas zerrütteten Verhältnisse der Vereinsbibliothek, die ja nur 
sehr bescheidenen Anforderungen entsprechen konnte, zu regeln; die 
Bibliothek sollte, wie die einlaufenden Tauschexemplare in den 
Besitz des Lesevereines der Wiener Landesirrenanstalt übergehen, 
wogegen letzterer den Mitgliedern des psychiatrischen Vereines die 
Benützung seiner Bibliothek gestatten würde. 

Für das Jahr 1898 war eine Wanderversammlung in Salzburg 
geplant, doch mußte dieses Projekt wegen Verzögerungen im Bau 
der dortigen Landesirrenanstalt auf das nächste Jahr (1899) ver¬ 
schoben werden. Es wurde demnach alles Notwendige eingeleitet, 
alle Vorbereitungen waren getroffen, um die Versammlung in der 
Zeit vom 23. bis 25. September 1899 dort abzuhalten, als durch die 
ungemein heftigen Überschwemmungen jeder Verkehr mit Salzburg 
unmöglich gemacht wurde. Der Verein mußte sich darauf beschränken, 
Herrn Direktor Schweighofer für dessen Bemühungen zur Ein¬ 
richtung der Versammlung den besten Dank auszusprecben. 

Wiederholt war beantragt worden, die Beiträge für die Jahr¬ 
bücher zu honorieren; beschlossen wurde, wenigstens den Autoren 
in besonders berflcksichtigenswerten Fällen einen Beitrag zur Deckung 
der Kosten von Originalzeichnungen zukommen zu lassen. 

Der Verein zählte im Jahre 1898 130 ordentliche, 7 Ehren- 
und 19 korrespondierende Mitglieder. 

Die Jahresversammlung am 14. Mai 1901 beschloß, daß die 
Sitzungsberichte jährlich einmal in den Jahrbüchern zum Abdruck 
zu bringen seien und daß dabei auch die administrativen Angelegen¬ 
heiten, die in den Sitzungen verhandelt werden, veröffentlicht werden 
sollten; ferner sei auch das Mitgliederverzeichnis alljährlich in den 
Jahrbüchern abzudrucken. Weiterhin wurde bestimmt, daß am 11. 


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Heinrich Obersteiner. 


und 12. Oktober dieses Jahres eine Wanderversammlung in Wien 
abzuhalten sei. 

Die Versammlung trat an diesen Tagen dreimal im große u 
Saale der k. k. Gesellschaft der Ärzte zusammen, einmal, an einem 
Projektionsabende, im Hörsaal des Professor Pal tauf. Nach einem 
Referate Starlingers wurde eine Resolution, die Prof. v. Wagner 
beantragt hatte, einstimmig angenommen, daß die Isolierung der 
Tuberkulösen in den Irrenanstalten nicht bloß wünschenswert, sondern 
notwendig sei, desgleichen der Zusatzantrag von Professor A. Pick, 
daß diese Resolution den Landesausschüssen und Sanitätsbehörden 
bekanntgegeben werde. 

Weiterhin wurden Referate erstattet über Entmündigung 
(Krafft-Ebing), Aufnahme von Geisteskranken in Irrenanstalten 
und die Versorgung krimineller Geisteskranker (v. Wagner). 

An die Wanderversammlung schloß sich über Einladung dea 
Primarius Stärlinger, der für die Direktorsstelle an der im Bau 
begriffenen niederösterreichischen Landesirrenanstalt in Mauer-Öhling 
in Aussicht genommen war, eine Besichtigung dieses Neubaues, wobei 
von Seite des niederösterreichischen Landesausschusses freundlichst 
für die Beförderung und Bewirtung der Teilnehmer Sorge getragen 
worden war. 

Im Frühjahr 1902 erlitt der Verein einen schweren Verlust 
durch den Rücktritt seines Präsidenten Rieh. Frh. v. Krafft-Ebing, 
unter dessen zehnjähriger fester und zielbewußter Leitung der Verein 
einen so großen Aufschwung zu verzeichnen hatte. Es wurde bereits 
früher darauf hingewiesen, wie er neben der wissenschaftlichen 
Hebung des Vereines es auch verstanden hatte, jenen kollegialen 
Ton in die Verhandlungen zu tragen, der ihnen voraussichtlich 
dauernd erhalten bleiben wird. Dabei war die Anzahl der Mitglieder 
unter seinem Präsidium von 50 auf nahezu das Dreifache gestiegen. 
Seine schwankende Gesundheit war die Ursache, daß er diesmal, 
trotz der Bitten seiner Freunde, seinen längst gehegten Plan, sich 
vom Lehramte und damit von Wien zurückzuziehen, wirklich zur 
Durchführung brachte *). 

Am 11. März 1902 versammelte sich der Verein und eine 
große Anzahl sonstiger Freunde Krafft-Ebings vormittags iu 

*) Die große Bedeutung v. Krafft-Ebings für den Vere'n fand 
eingehende Würdigung durch A. Fuchs in dessen Aufsatz in der Wiener 
klinischen Rundschau 1902, Nr. 13 bis 15 


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G rundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 29 


seinem festlich geschmückten Hörsaale — eigentlich zur Feier der 
Vollendung seiner 30 jährigen Lehrtätigkeit. Es wurde dem Jubilar, 
der von verschiedenen Seiten beglückwünscht wurde, bei dieser 
Gelegenheit auch der als Festschrift erschienene 22. Band der Jahr¬ 
bücher überreicht, welcher eine reiche Fülle wissenschaftlicher 
Beiträge der Freunde und Schüler Krafft-Ebings und auch sein 
wohlgelungenes Porträt enthielt. Allerdings mischte sich in die 
Festesfreude auch die Trauer über den Rücktritt des Jubilars. 

In der nächsten Jahresversammlung am 13. Mai 1902 wurde 
Krafft-Ebing einstimmig zum Ehrenpräsidenten und Ehren¬ 
mitglieds des Vereines gewählt Die Leitung des Vereines ging in 
die Hände von Professor Heinrich Obersteiner über, als dessen 
Stellvertreter wurde Professor Julius Wagner v. Jauregg ge¬ 
wählt Das Amt der Schriftführer fiel den Herren Dr. v. Sölder 
und Dr. A. Pilcz zu, das des Ökonomen dem Primarius Dr. Lins¬ 
mayer und das der Beisitzer den Herren Prof. vFrankl-Hocli- 
wart, Prof. Redlich, Regierungsrat Dr. Tilkowsky und Primarius 
Pfleger. 

In der gleichen Sitzung wurde über Anregung von Professor 
Frankl-Hochwart beschlossen, im kommenden Winter einen 
Zyklus von acht Vorträgen zu halten, in denen Themen aus dem 
Gebiete der Psychiatrie und Neurologie in einer auch für Nicht¬ 
fachärzte anregenden Form besprochen werden sollten. Von Nicht- 
mitgliedern des Vereines wäre ein Beitrag von zwei Kronen ein¬ 
zuheben. Es sollte damit die Tendenz des Vereines gekennzeichnet 
werden, auch weitere ärztliche Kreise für solche Gebiete zu interes¬ 
sieren, deren Pflege er sich zur Aufgabe gemacht hatte. Es wurden 
demnach hauptsächlich Themen gewählt, welche dem praktischen 
Arzte gestatten, den raschen Fortschritten der Wissenschaft zu folgen 
und die er auch für das Verständnis der ihm unterkommenden 
Krankheitsfälle verwerten kann. — Es war dies ein Versuch, der 
über Erwarten gelang, indem sich über 100 Ärzte als zahlende Mit¬ 
glieder meldeten; so gelungen war dieser Versuch, daß der Verein 
im nächsten Winter (1903—1904) eine weitere Reihe von Vorträgen 
mit dem gleich guten Erfolge veranstalten konnte. Wegen des un¬ 
erwartet zahlreichen Zuspruchs mußte der Hörsaal der Klinik 
v. Wagner mit dem der Klinik Nothnagel vertauscht werden. 
Es handelte sich um eine Art postgraduate lectures, wie sie in 
Amerika sehr üblich sind. Der Vereinsvorstand hatte die Hoffnung 


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Heinrich Oberateiner. 


ausgesprochen, daß angeregt und ermutigt durch diesen Erfolg auch 
die anderen Vereine von Spezialisten nachfolgen und ähnliche Zyklen 
von Vorträgen abhalten werden, denen sicherlich der gleiche Erfolg 
geblüht hätte. Leider hat sich diese Erwartung nicht erfüllt, wenig¬ 
stens nicht in ganz gleicher Form; die von dem Verein der Ärzte 
des VIII. Bezirkes in späteren Jahren (1913, 1914) eingerichteten 
Fortbildungskurse für Ärzte, strebten Gleiches auf dem Gebiete der 
gesamten Medizin an und erfreuten sich gleichfalls großen Erfolges. 

Das Jahr 1902 schloß in betrübender Weise; am 25. Dezember 
begleitete der zahlreich vertretene Verein unter Führung seines 
Präsidenten Obersteiner in Graz seinen Ehrenpräsidenten Hofrat 
Richard Frh. v. Krafft-Ebing zu seiner letzten Ruhestätte; nur 
eine kurze Spanne Zeit konnte er sich des langersehnten zurück¬ 
gezogenen, nun ausschließlich schriftstellischer Tätigkeit gewidmeten 
Lebens erfreuen. 

Einer freundlichen Einladung des niederösterreichischen Landes¬ 
ausschusses und der Direktion der Landesirrenstalt Kierling-Gugging 
folgend, besichtigte der Verein unter der Führung des Direktors 
H. Schlöss am 17. Juni 1903 die neu eingerichtete Kolonie am 
Haschhof. 

In der Jahressitzung vom 10. Mai 1904 brachte Prof. Ober- 
steiner den einstimmig angenommenen Antrag ein, der Überschuß 
der Einnahmen aus den beiden Vortragszyklen möge als erster Beitrag 
zu einem Fonds für ein zu stiftendes Krafft-Ebing-Relief in 
der Aula der Wiener Universität verwendet werden. Das Projekt 
solle der Verein selbst durchführen; damit wurde ein Komitee 
(Obersteiner, v. Wagner, v. Sölder, Pilcz, Linsmayer) 
betraut. Da die Aufstellung eines Denkmals in der Aula erst 
fünf Jahre nach dem Tode gestattet wird, hatte das Komitee 
reichlich Zeit, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Der Verein 
hielt es für seine Ehrenpflicht, das Erinnerungszeichen für seinen 
Ehrenpräsidenten lediglich aus eigenen Mitteln (nur mit Beiträgen 
von Seiten seiner Familie, aber ohne Heranziehung von außen¬ 
stehenden Freunden, dankbaren Patienten u. dgl.) herzustellen. 
Dennoch liefen die Beiträge so reichlich ein, daß statt der geplanten 
Plakette eine Marmorbüste errichtet werden konnte und nach Be¬ 
gleichung aller Nebenkosten sich noch ein Überschuß ergab. 

Es mag hier erwähnt werden, daß in den beiden Jahren 1903 
und 1904 die Anmeldungen zur Mitgliedschaft ganz besonders 


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Gruadzügc einer Geschichte des Vereines für Psych. und Xeurol. in Wien. 31 


zahlreich einliefen. So wurde beispielsweise in der Sitzung vom 
10. November 1903 über zehn Vorschläge von neuen Mitgliedern 
abgestimmt. 

Prof. Anton in Graz hatte sich wegen Bildung einer Orts¬ 
gruppe in Graz an den Verein gewendet Nach längerer Diskussion 
dieser Angelegenheit innerhalb des Ausschusses, erklärte sich dieser 
in merito damit vollkommen einverstanden, es sei jedoch erst eine 
Form zu finden, in welcher dieser Plan durchzuführen wäre, ohne 
mit den Vereinsgesetzen in Konflikt zu geraten. 

Am 14. und 21. Februar 1905 wurden im Sitzungssaale der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte von zahlreichen Ärzten und Juristen 
gut besuchte Diskussionsabende veranstaltet über das Thema „in¬ 
wieweit ist bei dem Vorliegen einer Neurose oder Psychose die 
künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft indiziert.“ Se. Exzellenz 
der Herr Justizminister Klein hatte den Sektionsrat Herrn Dr. Schober 
entsendet, die Referate wurden von Herrn Prof. v. Wagner vom 
Standpunkte des Psychiaters, von Prof. H a b e r d a als Gerichtsarzt 
erstattet, während Herr Prof. H. Gross (Graz) als juridischer 
Referent in dieser Angelegenheit zu Worte kam. — 

In der Ausschußsitzung vom 2. Mai 1905 wurde von Professor 
v. Frankl-Hochwart neuerlich die Erhöhung des Jahresbeitrages 
angeregt, doch fand dieser Antrag nicht die Majorität. 

Von Prof. Redlich ging in der gleichen Sitzung die An¬ 
regung aus, eine Aktion zur Gründung einer Nervenheilanstalt für 
Unbemittelte einzuleiten; es wurde ein vorbereitendes Komitee 
(v. Wagner, Schlöss, Redlich, Pilcz) ersucht, Informationen 
einzuholen, um gegebenen Falls einen Antrag an das Plenum er¬ 
statten zu können. Niemand wußte damals, daß der wenige Wochen 
darnach (am 13. Juni 1905) verstorbene Nathaniel Frh. v. Roth¬ 
schild in einem am 3. Jänner 1900 verfaßten Kodizill zu seinem 
Testamente ein Kapital von 20 Millionen Kronen bestimmt hatte, 
um Anstalten für mittellose Nervenleidende zu gründen und zu er¬ 
halten. Selbstverständlich wurde nach Bekanntwerden dieser gro߬ 
herzigen Stiftung eine weitere Aktion des Vereines in dieser so 
wichtigen Angelegenheit überflüssig. 

Da sich immer wieder Schwierigkeiten bezüglich der Bibliothek 
ergaben — deren Unterbringung, Verwendung u. a. — so wurde in 
der Ausschußsitzung von 6. Juni 1905 beschlossen, mit der Bibliothek 


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Heinrich Überfeiner. 


der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Verhandlungen zu treten. Am 
15. Dezember 1905 kam denn auch ein Vertrag zustande, dem¬ 
zufolge die Gesellschaft der Ärzte von unserem Verein die vor¬ 
handenen Einzelwerke und Zeitschriften übernimmt, desgleichen die 
weiterhin einlaufenden Tauschexemplare, wogegen jene uns als 
Gegenleistung alljährlich zehn Gastkarten für die Benützung ihrer 
Bibliothek zur Verteilung an unsere Mitglieder zur Verfügung stellt. 
Unser Bibliothekar Dr. Stransky hatte sich der großen Mühe 
unterzogen, mit verschiedenen Antiquaren, namentlich wegen des 
Verkaufs der Dubletten zu verhandeln und dem Vereine dadurch 
eine nennenswerte Summe verschafft. 

In der Sitzung vom 8. Mai 1906 stellte Direktor Stärlinger 
den Antrag, eine psychiatrische Sektion des Vereines zu gründen, 
speziell im Hinblick auf die bisher stark vernachlässigten Interessen 
der Anstaltsärzte. Ein Komitee, bestehend aus den Herren v. Frankl, 
Obersteiner, Schlöss, Starlinger, Wagner konnte sich nicht 
verhehlen, daß mit der beantragten Gründung einer psychiatrischen 
Sektion leicht eine unerwünschte Spaltung im Vereine entstehen 
könnte, der es ja zu seinen Aufgaben zählt, die Beziehungen zwischen 
Psychiatrie und Neurologie festzuhalten, die durch eine Lockerung 
dieses Zusammenhanges sicherlich geschädigt würden. Andererseits 
mußte zugegeben werden, daß es eine große Menge so z. B. rein 
administrativer Fragen gibt, die für die Anstaltsärzte von größter 
Wichtigkeit, für die Mehrzahl der Mitglieder aber ohne Interesse 
sind. Juli 1906 erließ das genannte Komitee ein Zirkulandum an 
sämtliche Psychiater Österreichs, in welchem es hervorhebt, daß ihm 
die Aufgabe zugewiesen worden sei, passende Schritte einzuleiten, 
um einen regeren Zusammenschluß der österreichischen Psychiater 
anzubahnen und ihnen Gelegenheit zu verschaffen, sich mit solchen 
psychiatrischen Fragen eingehend zu befassen, welche naturgemäß 
dem Neurologen ferner liegen, und für die dieser daher wenig In¬ 
teresse und praktische Erfahrung mitbringen kann, wie Anstalts¬ 
wesen, Irrenpflege, allgemeine Irrenfürsorge, forensische und soziale 
Psychiatrie, Standesinteressen u. a. Um diesem, von allen Seiten 
empfundenen Bedürfnis Rechnung zu tragen, beantragte das Komitee, 
daß der Verein vorläufig jährlich einmal, in der Begel in Wien, 
einen österreichischen Irrenärztetag veranstalte, welcher ausschlie߬ 
lich der Besprechung von Fragen, die in den oben angedeuteten 
Rahmen fallen, gewidmet sein solle. Solche österreichische Irren- 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 33 


ärztetage wurden dann auch im Herbst der Jahre 1906, 1907 und 
1908 abgehalten — wir kommen später darauf zurück. 

Die Wanderversammlung des Vereines, die am 5. und 6. Oktober 
1906 in Wien stattfand, kann nach der Wahl der Themen auch 
als erster österreichischer Irrenärztetag betrachtet werden. Es re¬ 
ferierten: Dr. S. Türkl über den geistig Minderwertigen und 
seine Zurechnungsfähigkeit (vom' Standpunkt des Juristen), Dozent 
Dr. Eaimann über die Unterbringung und Behandlung des geistig 
Minderwertigen, Direktor Dr. Starlinger über Beschäftigungs¬ 
therapie bei Geisteskranken, Dozent Dr. Max Lähr (Berlin) über 
Beschäftigungstherapie bei Nervenkranken. Die Sitzungen fanden 
im großen Saale der k. k. Gesellschaft der Ärzte und im Hörsaale 
für experimentelle Pathologie (Prof. Pal tauf) statt. Es kam auch 
eine Resolution von Professor Pick zum Antrag, in welcher die 
Regierung ersucht wird, an die Durchführung eines Irrengesetzes zu 
schreiten. Am 7. Oktober Vormittag fand dann über freundliche 
Einladung des niederösterreichischen Landesausschusses eine Be¬ 
sichtigung des sich seiner Vollendung nähernden Neubaues der 
niederösterreichischen Landesanstalten am Steinhof statt, wobei Herr 
Landesausschuß L. Steiner imd Herr Oberbaurat Berger in 
liebenswürdigster Weise die notwendigen Erklärungen gaben. 

An dem zweiten österreichischen Irrenärztetage, der am 4. und 
5. Oktober 1907 in Wien abgehalten wurde, referierte v. Wagner 
über den Ärzteaustausch zwischen Kliniken und Irrenanstalten, sowie 
über den Unzurechnungsfähigkeitsparagraphen im neuen Strafgesetz¬ 
entwurf, wobei er auch die Notwendigkeit hervorhob, die Kompetenz 
zwischen Richter und Sachverständigen scharf abzugrenzen; ferner 
Primarius Starlinger über den gegenwärtigen Stand der Pfleger¬ 
frage. Am 6. Oktober fand dann abermals eine Besichtigung der 
eben fertig gestellten niederösterreichischen Landesanstalten am 
Steinhof statt, wobei die Teilnehmer des Irrenärztetages durch den 
Landmarschall Sr. Durchlaucht den Prinzen Alfred Liechtenstein 
begrüßt wurden. 

Am 23. November 1907 beglückwünschte der Verein gelegent¬ 
lich der Feier des 25 jährigen Bestandes des neurologischen Institutes 
seinen Präsidenten Prof. Obersteiner als Vorstand des genannten 
Universitätsinstitutes durch den Mund des Vizepräsidenten Professor 
v. Wagner in herzlicher Weise. 

In der Sitzung vom 11. Februar 1908 besprach v. Wagner 

Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 8 


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Heinrich Ubersteiner. 


deu neuen Entwurf eines Entmündigungsgesetzes 1 ). Die Debatte 
über dieses Referat beschäftigte den Verein noch an den zwei 
folgenden Dienstagen. Dabei wurde auch der Beschluß gefaßt, diesen 
Gegenstand auf die Tagesordnung des im Herbste abzuhaltenden 
Irrenärztetages zu stellen. 

In der Jahressitzung vom 12. Mai 1908 gedachte der Vor¬ 
sitzende Obersteiner mit kurzen Wortendes 40jährigen Bestehens 
unseres Vereines und seiner vielseitigen, ersprießlichen Wirksamkeit 

An dem dritten österreichischen Irrenärztetage (6. Oktober 1908) 
erstattete v. Sölder das Referat über das Entmündigungsgesetz, 
woran sich eine längere Diskussion knüpfte. Gerichtsärzte und 
Juristen beteiligten sich neben den Fachpsychiatem — Klinikern 
und Anstaltsärzten — an der Debatte über einen Gesetzentwurf, 
der nach so vielen Seiten hin große Mängel aufwies und insbesondere 
manche, die Irrenärzte schwer verletzende Bestimmungen enthielt 

An den darauffolgenden Tagen (7. bis 11. Oktober 1908) war 
in Wien der zahlreich besuchte dritte internationale Kongreß für 
Irrenpflege versammelt, dessen Vorbereitungen zwar nicht durch den 
Verein als solchen getroffen wurden, an denen sich aber viele seiner 
Mitglieder beteiligten; der Vorsitz beim Kongreßkomitee war dem 
Präsidenten des Vereines Obersteiner übertragen, als General¬ 
sekretär fungierte der frühere Schriftführer des Vereines Pilcz. 
Der Verein benützte die Gelegenheit der Anwesenheit zahlreicher 
fremder und inländischer Psychiater, um ein schönes Werk der 
Dankbarkeit zur Vollendung zu bringen. Mittwoch den 7. Oktober 
um 7.4 Uhr nachmittags fand nämlich in der Aula der Universität 
die feierliche Enthüllung der vom Vereine gestifteten Büste Krafft- 
Ebings statt; sie ist von dem Künstler Kauffungen meister¬ 
haft im Marmor ausgeführt und trägt auf dem Sockel aus rosen- 
farbenem Granit die Inschrift: „Richard Freiherr v. Krafft-Ebing 
1840—1902. Professor der Psychiatrie in Wien. Gewidmet vom 
Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien.“ v. Wagner hielt 
eine gehaltvolle Gedächtnisrede, in der er die Verdienste Krafft- 
Ebings um die Wissenschaft und besonders um den Verein be¬ 
leuchtete, und Obersteiner übergab im Namen des Vereines die 
Büste dem damaligen Rektor Prof. Franz Einer, damit sie in den 

') Dieses trat nach vielfachen Änderungen als „Entmündigungsordnung 
v«»tn 28. Juni lSilfi“ in Wirksamkeit. 


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Gmndzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 35 


Besitz und in die Obhut der Universität übergehe. Eine Anzahl 
anderer Ansprachen wurden bei dieser Gelegenheit noch gehalten, 
unter denen die des ältesten Freundes v. Kr afft -Ebing, des 
Geheimrates H. Schüle (Illenau), besonders eindrucksvoll wirkte. 

In der Jahressitzung vom Mai 1909 wurde mit dem Verleger 
der Jahrbücher Fr. Deuticke ein neues Übereinkommen zum Ab¬ 
schlüsse gebracht. Die wesentlichsten neuen Punkte des Verlegers 
waren, daß die Redaktion fortan von Prof. Fritsch, gemeinsam 
mit den beiden Schriftführern des Vereines (Raimann und Mar¬ 
burg) besorgt werden solle; den Autoren wurde nebst 30 Separat¬ 
abdrücken ein Honorar von 40 Kronen per Bogen zugestanden. Die 
Jahrbücher, deren Umfang mit 30 Druckbogen und fünf Tafeln 
festgesetzt wurde, sollen durch den Verleger (gegen Erstattung der 
Portoauslagen) allen Ehren- und wirklichen Mitgliedern zugesendet 
werden, wogegen der Verein dem Verleger eine Entschädigung von 
7 Kronen per Exemplar leistet. 

Ara 17. und 18. September 1909 hatten wir die Freude, die 
dritte Jahresversammlung der Gesellschaft deutscher Nervenärzte 
in Wien begrüßen zu können. Unser Verein hatte sich als vor¬ 
bereitendes Empfangskomitee konstituiert; Prof. Frankl-Hochwart 
hatte als lokaler Geschäftsführer ira Verein mit Dr. Kronfeld die 
Hauptarbeit dabei geleistet. Der Nestor der deutschen Neurologen, 
Exz. Erb, eröffnete als Vorsitzender der tagenden Gesellschaft in 
den Räumen der k. k. Gesellschaft der Ärzte die Verhandlungen. 
In besonders liebenswürdiger Weise pries er Wien als alte ruhm¬ 
reiche und blühende Arbeitsstätte der deutschen Neurologie und 
gedachte dabei mit ehrenden Worten auch unseres Vereines. Die 
künstlerische Mitwirkung des Wiener Ärzteorchesters unter der 
festen Leitung von Dr. Jagiö trug nicht wenig dazu bei, den fest¬ 
lichen Charakter des gemeinsamen Abendessens zu erhöhen. — Am 
19. September vormittags folgten dann noch Demonstrationen auf 
der Klinik v. Wagner und im neurologischen Institut (Obersteiner). 

In diesem Jahre traten Prof. Hartmann (Graz) und Prof. 
K. Mayer (Innsbruck) dem Herausgeberkomitee des Vereines bei. 

In der zweiten Hälfte des Jahres 1909 wurden für die Vor¬ 
lage an den Reichsrat bestimmte Gesetzentwürfe (Endmündigungs- 
gesetz, Irrenfürsorgegesetz) den verschiedenen Landesausschüssen 
von der Regierung mit dem Ersuchen vorgelegt, sich über diese 
Entwürfe, die zu mancherlei Einsprachen von Seiten der Psychiater 

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Heinrich Obersteiner. 


Gelegenheit geben konnten, zu äußern. Da diese Äußerungen durch 
die Landesausschüsse, von den Anstaltsdirektoren abverlangt wurden? 
sprachen einige von ihnen den Wunsch aus, daß diese „Entwürfe“ 
durch Vermittlung des Vereines in Wien einer eingehenden Dis¬ 
kussion unterzogen würden. Gegen eine solche Diskussion in dem 
gegebenen Momente wurden gewisse Bedenken formeller Natur 
geltend gemacht. Da sich die Unterhandlungen in die Länge zogen, 
vereinigte sich eine Anzahl von Anstaltsärzten im Frühjahre 1910 
in Linz als Proponenten eines „psychiatrischen Verbandes“, dem 
jeder praktische Psychiater, der als öffentlich angestellter Arzt 
berufstätig ist, beitreten könne und dessen Zweck die Förderuug 
der öffentlichen Irrenpflege und aller damit in Beziehung stehender 
Fragen sein sollte. Um ein leichteres Zusammenarbeiten des künftigen 
psychiatrischen Verbandes mit unserem Vereine zu ermöglichen, 
fand am 8. Juni 1910 eine Sitzung statt, in der ein Komitee zur 
Vorbereitung eines vierten österreichischen Irrenärztetages zusammen¬ 
trat. Dieser sollte am 16. und 17. Dezember 1910 in Wien tagen 
und Regierungsrat Schlöss ein Referat über den Entwurf eines 
Irrenfürsorgegesetzes erstatten, während die Nominierung des zweiten 
Referenten über dieses Thema dem zu gründenden psychiatrischen 
Verbände überlassen wurde. Unterdessen erhoben sich leider neuer¬ 
liche Schwierigkeiten, so daß der Irrenärztetag „bis auf weiteres 
verschoben“ werden mußte. Das Referat des Regierungsrates Schlöss 
wurde in den Jahrbüchern des Vereines, 32. Band, abgedruckt. 

Die österreichische kriminalistische Vereinigung (Ö. K. V.) traf 
ein Übereinkommen mit unserem Vereine, nach welchem beide in 
gemeinsamer Tätigkeit sich an die Beratung des neuen Strafgesetz, 
entwurfes machen sollten. Es wurden demnach im Winter 1910 
bis 1911 zum ersten Male und dann wieder im Winter 1911 bis 
1912 im kleinen Schwurgerichtssaale des Wiener Landesgerichtes 
auch von einer Reihe von Mitgliedern unseres Vereines, vor einem 
Auditorium von Juristen und Medizinern, dem fast immer ein Ver¬ 
treter der Regierung (Hofrat Schober vom Justizministerium) an¬ 
gehörte, Referate über einzelne besonders wichtige Punkte dieses 
Entwurfes erstattet. 

Am 13. Dezember 1910 nachts starb plötzlich Regierungsrat 
Prof. Johann Fritsch, nachdem er noch am Abend vorher in einer 
der eben besprochenen gemeinsamen Verhandlungen über die Frage 
der Sexualdelikte eingehend referiert hatte. Durch mehr als 28 Jahre 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Neurol. in Wien. 37 


hatte er die Redaktion der Jahrbücher mit großer Umsicht, auch 
unter recht schwierigen Verhältnissen, fast allein geleitet, und sich 
dadurch um den Verein ungemein verdient gemacht. Nach seinem 
Ableben wurden Prof. Raimann und Dozent Dr. Marburg, die 
ja bereits dem Redaktionskomitee angehörten, mit der Redaktion 
betraut. 

Am 10. Jänner 1911 tagte der Verein zum letztenmal im 
Hörsaale der alten psychiatrischen Klinik (im allgemeinen Kranken¬ 
hause), in welchem der Verein durch so viele Jahre gastliche Auf¬ 
nahme gefunden hatte. Am 14. Februar 1911 fand dann die erste 
Sitzung im psychiatrischen Hörsaale der Klinik v. Wagner, im 
Gebäude der ehemaligen Landesirrenanstalt (BrQndlfeld) statt, in 
demselben Hause, in welchem der Verein seine erste konstituierende 
Sitzung abgehalten hatte. Da diese und die folgenden Sitzungen 
trotz der etwas größeren Entfernung sehr gut besucht waren, wurde 
beschlossen, sie auch fernerhin in diesen Räumen abzuhalten. Ende 

1911 wurde Dozent Dr. Otto Pötzl an Stelle des ausscheidenden 
Prof. Raimann provisorisch zum Schriftführer gewählt (definitiv 
Mai 1912). 

Erwähnenswert sind die über mehrere Abende (Ende 1911 und 
anfangs 1912) sich erstreckenden Diskussionen über die Frage der 
Dementia präcoz auf Grund eines erschöpfenden Referates von 
Dozent Dr. Stransky, sowie ein instruktiver Vortrag von Prof. 
Otfr. Förster (Breslau) über Indikation und Erfolge der Hinter- 
wurzeldurchsch neidung. 

Einer Einladung des Kuratoriums der Nathaniel Frh. v. Roth- 
schildschen Stiftung für Nervenkranke folgend, besichtigte eine 
größere Anzahl von Mitgliedern am 20. Juni 1912 unter Führung 
des Direktors Dr. v. Sölder die neue Nervenheilanstalt am Rosen¬ 
hügel. 

Von der k. k. statistischen Zentralkommission war die Frage 
angeregt worden, ob das Diagnosenschema für die statistischen Be¬ 
richte der Irrenanstalten (Bericht D) nicht in einer, dem gegen¬ 
wärtigen Stande der Wissenschaft entsprechenden Weise änderungs¬ 
bedürftig sei. Das k. k. Ministerium des Innern wandte sich Ende 

1912 an unseren Verein mit dem Ersuchen, über diese Frage eine 
Meinungsäußerung abzugeben. Die Herren Regierungsrat Schloss 
und Prof. Hartmann in Graz erklärten sich bereit, Referate über 
die angeregte Frage zu übernehmen. Es wurde im Sinne einer 


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Heinrich Obersteiner. 


Wanderversammlung der 21. Dezember 1912 für diese Verhandlungen 
bestimmt, die aber wegen Erkrankung einer der beiden Referenten 
auf den 8. März 1913 verschoben werden mußte. Eine lebhafte 
Diskussion schloß sich an die beiden eingehenden und wohl motivierten 
Referate. 

Im April 1913 starb Eiz. Prof. Jos. Unger, der dem Vereine 
seit dessen Gründung, also durch 45 Jahre, als korrespondierendes 
Mitglied angehört hatte. 

In der Hauptsitzung vom 20. Mai 1913 wurde auch beschlossen, 
den Jahresbeitrag von zehn Kronen auf zwölf Kronen zu erhöhen, 
immerhin noch eine geringe Forderung, da ja die wirklichen Mit¬ 
glieder (sowie die Ehrenmitglieder) die Jahrbücher frei zugestellt 
bekommen, deren buchhändlerischer Wert ein wesentlich höherer ist 

Als im Herbste 1913 die 85. Versammlung deutscher Natur¬ 
forscher und Ärzte in Wien tagte, hielt es der Verein für seine 
Pflicht, sich den engeren Fachgenossen gegenüber gastlich zu er¬ 
weisen, indem er in den Räumen des Ärzteklubs (Landesgerichts¬ 
straße 18), die von der Klubleitung in liebenswürdiger Weise zur 
Verfügung gestellt waren und die auf die fremden Teilnehmer 
durch ihre Originalität wie auch durch ihre praktische Einrichtung 
einen besonderen Eindruck machten, einen auf die neurologisch¬ 
psychiatrische Sektion beschränkten Rout arrangierte. An diesem wohl¬ 
gelungenen Abendfeste (um dessen Erfolg sich besonders Prof. Mar¬ 
burg verdient gemacht hatte) mit Musik und reichem, an kleinen 
Tischen serviertem Abendessen beteiligten sich über 200 Herren 
und Damen. 

Im Herbste d. J. traten die beiden Schriftführer Professor 
Marburg und Dr. Pötzl von ihrem Amte zurück, welches, zu¬ 
nächst provisorisch, die Herren Assistenten Dr. L. Dimitz und Dr. M. 
Schacherl übernahmen; beide wurden dann in der Jahressitzung 
1914 definitiv in ihrer Stellung bestätigt. Es sei aber besonders 
hervorgehoben, daß keinerlei Zwistigkeiten oder sonstige unerquick¬ 
liche Vorkommnisse an diesem Wechsel Schuld trugen. 

Es war seinerzeit, 1909, als dem langjährigen Redakteur der 
Jahrbücher, Prof. Fritsch, die beiden Schriftführer des Vereines 
an die Seite gestellt wurden (Raimann und Marburg) und 
namentlich nach dem Tode von Prof. Fritsch, zunächst in Aus¬ 
sicht genommen, daß die jeweiligen Schriftführer auch mit der 
Redaktion der Jahrbücher betraut werden sollten. Eingehende Er- 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psych. und Xeurol. in Wien. 39 


Wägungen haben aber zu der Überlegung geführt, daß es für die 
Jahrbücher vorteilhafter und zweckmäßiger sei, ihre Leitung möglichst 
lange in erprobten und erfahrenen Händen zu belassen — so daß 
die Professoren Raimann und Marburg ersucht wurden, auch 
weiterhin diese Tätigkeit zu übernehmen. 

Als wir im Juni 1914 auseinandergingen, konnte wohl keiner 
von uns ahnen, was für Schrecken und Sorgen der bevorstehende 
Sommer uns bescheren sollte, und wie unerträglich lang sie uns 
alle bedrücken und auch speziell die Forschung und Wissenschaft 
in ihrem Fortschreiten hemmen würden. Dennoch beschlossen wir 
dann im Herbste wenigstens versuchsweise unsere Sitzungen wieder 
aufzunehmen. 

Für den 26. Oktober 1914 war längst geplant, das Jubiläum 
unseres Vizepräsidenten Hofrat Jul. Wagner v. Jauregg gelegent¬ 
lich seiner 25jährigen Professorentätigkeit, wenn auch nur in be¬ 
scheidener Weise — wie es ja in jedem Falle seinem Wunsche 
entsprochen hätte — zu feiern. Allein auch diese Veranstaltung 
schrumpfte unter den herrschenden Kriegs Verhältnissen zu einer 
ganz anspruchslosen, intimen Feier im Gasthofe beim Riedhof zu¬ 
sammen, an der ja gerade eine Zahl seiner engsten Schüler wegen 
Felddienstes nicht teilzunehmen in der Lage waren. Prof. Redlich 
hielt die Ansprache an den Jubilar, als Festschrift wurde ihm der 
XXXVI. Band der Jahrbücher für Psychiatrie, der ausschließlich 
Arbeiten seiner Schüler enthält, überreicht, sowie eine wohlgelungene 
Plakette und eine Festnummer der Wiener medizinischen Wochen¬ 
schrift. Professor Obersteiner begrüßte ihn im Namen unseres 
Vereines, indem er die Verdienste hervorhob, die v. Wagner sich 
an leitender Stelle um diesen erworben und den Gefühlen der 
Dankbarkeit Ausdruck gab, die ihm der Verein dafür zolle. — 

Am 19. Dezember 1914 verloren wir zu unserem Schmerze 
eines der ältesten und treuesten Mitglieder, Prof. Lothar v. Frankl- 
Hochwart, dem wir, wie aus den vorhergehenden Schilderungen 
hervorgeht, auch eine Anzahl bedeutungsvoller Anregungen, nament¬ 
lich in Bezug auf die Wirksamkeit des Vereines zu verdanken 
hatten. 

An dessen Stelle wurde in der Jahressitzung 1915 Professor 
Otto Marburg in den Ausschuß gewählt In der Schlußsitzung 
dieses Vereinsjahres (7. Juni 1915) konnte der Vorsitzende mit 
Genugtuung konstatieren, daß ungeachtet des Krieges die Zahl der 


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Heinrich Obersteiner. 


Versammlungen die gleiche geblieben war und daß, obwohl viele 
Mitglieder im Felde standen, andere durch besondere militärische 
Pflichten in außergewöhnlicher Weise in Anspruch genommen waren, 
der Besuch dennoch immer ein sehr lebhafter (40—50) war. Selbst¬ 
verständlich bot der Krieg mit seinen Konsequenzen recht viel 
Materiale für Demonstrationen und Vorträge, ohne daß aber auch 
die „friedlichen“ Disziplinen dabei zu sehr vernachlässigt worden 
wären. 

Das Präsidium des Vereines hielt eine Diskussion zur Frage 
der Entschädigung bei traumatischen Neurosen bereits jetzt für 
angezeigt (Winter 1915—16), damit rechtzeitig von maßgebender 
Seite die notwendigen Vorkehrungen getroffen werden könnten. Das 
Ergebnis dieser Diskussion sollte den dabei in Betracht kommenden 
Instanzen vorgelegt werden. Prof. Redlich erklärte sich bereit, 
durch Aufstellung einer Reihe von Thesen die Diskussion einzuleiten 
imd brachte diese in der Sitzung vom 8. Februar 1916 zur Kenntnis 
des Vereines; da sich alsbald zahlreiche Mitglieder zum Worte 
meldeten und das Interesse am Thema während der Diskussion 
immer noch stieg, mußten unter Zuhilfenahme einer außerordent¬ 
lichen Sitzung zwei weitere Abende dafür verwendet werden. — 
Am 15. Juni 1916 konnten die Ergebnisse dieser Beratungen, Wesen, 
Prognose, Behandlung der Kriegsneurosen, die Rentenfrage u. a. 
betreffend, dem k. u. k. Kriegsministerium unterbreitet werden, in 
der Erwartung, daß das Urteil einer fachmännischen Körperschaft 
dort Beachtung finden werde. 

In der Hauptversammlung am 9. Mai 1916 machte der Vor¬ 
sitzende auf die erfreuliche Tatsache aufmerksam, daß auch in dem 
abgelaufenen unter dem Zeichen des Krieges stehenden Vereins¬ 
jahre das Interesse an den Arbeiten des Vereines nicht erlahmt 
war, daß vielmehr die Anzahl der Sitzungen um 2 bis 3 größer 
war als in Friedenszeiten. Auch brachte unser Ökonom Professor 
A. Fuchs das dankenswerte Ergebnis seiner Vermögensverwaltung 
zur Kenntnis, wonach sich für uns trotz der vielen ausstehenden 
Mitgliedsbeiträge ein beträchtlicher Überschuß ergab. 

In der nächsten Sitzung kam ein Antrag von Prof. E. Strausky 
zur Verlesung, dahingehend, unser Verein möge sich als ältester 
Fachverein Österreichs mit dem deutschen Verein für Psychiatrie 
ins Einvernehmen setzen zwecks Anbahnung möglichst häufiger und 
inniger Zusammenarbeit zwischen den Psychiatern Österreich-Ungarns 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für l’sycli. und Neurol. in Wien. 41 


und jenen des Deutschen Reiches, eventuell in der Folge auch 
anderer befreundeter Staaten, sowie zwecks Schaffung von Einrich¬ 
tungen zur gemeinsamen moralischen und materiellen Interessenver¬ 
tretung. Diesem Antrag stattgebend, wurde ein Komitee (v. Wagner, 
Redlich, Stransky, Obersteiner) gewählt, welchem es oblag, 
die notwendigen Vorarbeiten zu seiner Durchführung zu beraten. Es 
wurde dann in der Sitzung vom 14. November beschlossen, als 
ersten Schritt an die Milglieder unseres Vereines die Aufforderung 
zu richten, insoweit sie nicht schon von früher her dem deutschen 
Vereine für Psychiatrie angehörten, diesem letzteren beizutreten, 
welcher Anregung etwa 40 Mitglieder Folge leisteten. Gleichzeitig 
wurde der psychiatrische Verband von diesem Vorgehen verständigt 
und ihm nahegelegt, einen ähnlichen Weg einzuschlagen (Dezember 
1916). — 

Die Berichte, welche der Schriftführer Dr. Schacherl und der 
Ökonom des Vereines Prof. Fuchs in der Jahressitzung vom 8. Mai 
1917 über die Tätigkeit des Vereines erstatteten, zeigten neuerlich, 
wie dieser auf die andauernde Kriegslage nicht mit Erlahmen, sondern 
mit um so eifrigerem Wirken reagierte. 

Die mit kaiserlicher Verordnung vom 28. Juni 1916 erlassene 
Entmündigungsordnung brachte in mancher Beziehung wesentliche 
Änderungen in dem bisherigen Verfahren der Gerichte gegenüber 
den Geisteskranken und es erschien demnach wünschenswert, bereits 
die Erfahrungen des ersten Jahres, welche sich bei der Durchführung 
dieser Verordnung in der Praxis ergaben, kennen zu lernen und 
vielleicht den Anstoß zu eventuellen Verbesserungsvorschlägen zu 
geben; insbesondere war zu erwarten, daß das neue Anhaltungs- 
verfabren in den geschlossenen Anstalten mancherlei Wünsche und 
Bedenken von Seite der Anstaltsleiter gezeitigt haben dürfte, um so 
mehr als ja voraussichtlich sowohl die einzelnen Anstaltsleitungen 
als auch die verschiedenen kompetenten Gerichtsstellen den neuen 
Verordnungen nicht überall die gleiche Auffassung entgegenbringen 
würden. Das Präsidium hielt es daher für angezeigt, Herrn Regie¬ 
rungsrat Direktor Berze und Herrn Medizinalrat Dr. Bonvicini 
zu ersuchen, ein zusammenfassendes Referat über die einjährigen 
Erfahrungen in den öffentlichen (Berze) und privaten (Bonvicini) 
Irrenanstalten Österreichs im November 1917 dem Verein zur Dis¬ 
kussion vorzulegen. Leider war Dr. Bonvicini durch Krankheit 
verhindert,sein Referat auszuarbeiten; der Verein beschäftigte sich 


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Heinrich Obersteiner. 


mit Zuhilfenahme von zwei außerordentlichen Sitzungen eingehend 
mit dieser Frage, und zwar speziell mit dem Anhaltungsverfahren 
bezüglich der geschlossenen öffentlichen Anstalten. Ein Komitee 
(v. Wagner, Türkei, Berze, Hövel, Obersteiner) wurde 
beauftragt, auf Grund dieses Referates Berzes, dasaufeinem sehr 
reichen, mit großer Mühe gesammelten Materiale fußte, ein Pro- 
memoria auszuarbeiten (Prof. v. Wagner), um es sowohl dem 
Justizministerium als dem Justizausschusse des Abgeordnetenhauses 
zu unterbreiten. 

Am 13. November 1917 beglückwünschte der Vizepräsident des 
Vereines, Herr Hofrat v. Wagner-Jauregg, deD Vereinspräsidenteu 
Obersteiner im neurologischen Institute in warmen Worten zu 
dessen 70. Geburtstage, bei welcher Gelegenheit dem letzteren auch 
der erste Teil der Festschrift (Heft 1 des XXXVIII. Bandes der 
Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie) durch Prof. Marburg, 
sowie eine Festnummer der Wiener med. Wochenschrift überreicht 
wurden. 

In der letzten Sitzung, die noch in die Zeitperiode der ersteu 
50 Jahre fällt, am 8. Jänner 1918, erwähnte der Vorsitzende zu 
Beginn mit kurzen Worten, daß der Verein nun auf ein halbes 
Jahrhundert eifriger und erfolgreicher Arbeit zurückblicken könne, 
daß aber der Vorstand mit Rücksicht auf den Ernst der Zeit geglaubt 
habe, von einer Jubiläumsfeier absehen zu müssen. Er erinnerte daran, 
daß die heutige Sitzung in demselben Gebäude stattfinde, in welchem 
sich vor 50 Jahren die Wiener Psychiater zur Konstituierung des 
Vereines zusammengefunden hatten (pag. 3). Es war ein erfreulicher 
Zufall, daß gerade an diesem Abende Herr Professor Sänger aus 
Hamburg seine umfangreichen Erfahrungen über Schußverletzungen 
der zentralen Sehbahnen in zusammeufassender Weise uns darstellen 
konnte. 


Die vorhergehenden Seiten sollen einen kurzen Überblick über 
die Wirksamkeit unseres Vereines im abgelaufenen halben Jahr¬ 
hundert geben, wobei allerdings seiner Hauptleistung, der ungezählten 
wertvollen wissenschaftlichen Vorträge, Demonstrationen und Dis¬ 
kussionen im einzelnen kaum gedacht werden konnte, ebensowenig 
wie der vielen Mitglieder und Gäste, denen wir diese Mitteilungen 
verdanken; sie gestalteten dadurch unsere Sitzungen so anregend 
und belehrend, daß diese gerne von zahlreichen Gästen, die durchaus 


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Grundzüge einer Geschichte des Vereines für Psyeh. und Xeurol. in Wien. 43 


nicht ausschließlich aus Neurologen und Psychiatern bestanden, be¬ 
sucht wurden. — Es gibt kein Gebiet der theoretischen wie der 
praktischen Neurologie und Psychiatrie im weitesten Sinne, das hiebei 
nicht betreten worden wäre; man kann mit Freude konstatieren, 
daß — wenigstens in den letzten Dezennien — niemals ein Mangel 
an Vorträgen eingetreten ist, und daß die Sitzungen, selbst im Kriege, 
immer eifrigst besucht wurden. — 

Die Anzahl der Mitglieder ist seit der ersten Hälfte der 
Neunzigerjahre eine stetig zunehmende (von 50 auf 277); wir finden 
darunter auch sechs weibliche Ärzte, welche zu den eifrigsten Be¬ 
suchern der Versammlungen zählen. — 

Daß der Verein auch nach außen hin, namentlich in Fragen 
der Irrenfürsorge, Irrengesetzgebung, administrativen Psychiatrie, 
Kriegsentschädigung für Nervenkranke u. dgl. rege und erfolgreiche 
Tätigkeit entfaltete, wurde im vorhergehenden wiederholt gewürdigt. 

Nach diesem Rückblick auf die Erfolge unserer Tätigkeit 
kann ich es nicht unterlassen, kurz den Blick auch nach vorne zu 
werfen. Ungeachtet der schwierigen äußeren Verhältnisse, die ja 
auch auf die wissenschaftliche Betätigung, auf die Arbeitsfreudigkeit 
lähmend wirken müssen, ist in den Leistungen unseres Vereines, 
wie ich gleich eingangs hervorhob, keinerlei Ermattung zu bemerken; 
wir sind also vollauf berechtigt zu hoffen, daß das gleiche frische 
Leben auch fernerhin bei uns herrschen wird. Der Verein wird vor 
neue Aufgaben gestellt werden, die sich ja kaum voraussehen lassen; 
er wird sie aber mit Hilfe der jüngeren Kräfte, die nachwachsen, 
gewiß lösen. Und wie bisher, wenigstens in den letzten Jahrzenten, 
ganz seltene unvermeidliche kleine Dissonanzen im Innern immer 
wieder leicht ihre befriedigende Auflösung fanden, so wird hoffent¬ 
lich der gleiche kollegiale, konziliante Ton, der unseren Verhand¬ 
lungen ein so erfreuliches Gepräge verlieh, auch fernerhin fest¬ 
gehalten werden können. 


Schließlich darf ich noch ein paar Worte der Begründung 
anfügen, warum ich mir diese vorliegende Zusammenstellung ge¬ 
stattet habe. 

Es schien mir von vorneherein nicht ganz wertlos, durch die 
Rekapitulation unserer Tätigkeit gelegentlich auch etwas Licht auf 
die Entwicklung der Neurologie und Psychiatrie während der letzten 
zehn Lustren in Österreich, speziell in Wien, zu werfen, wenn auch 


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Heinrich Obersteiner. 


diese Fragen im Speziellen nur gelegentlich gestreift werden konnten. 
Außerdem ließ ich mich wohl durch das rege Interesse, das ich 
dem Vereine — ich darf wohl sagen, von seiner Gründung an — 
entgegenbringe, verleiten, an eine Arbeit zu gehen, die dessen Ent¬ 
stehen, Wachsen und Gedeihen nicht bloß seinen Mitgliedern, sondern 
auch den anderen Fachgenossen vor Augen führen sollte. 

Ich hielt gerade mich zu dieser Aufgabe berufen, da ich bereits 
in meinen Studienjahren durch den steten Verkehr mit den Gründern 
des Vereines Gelegenheit hatte Einblick in seine Tätigkeit zu ge¬ 
winnen, da ich ferner nicht nur sein ältestes Mitglied, sondern auch 
seit dem Jahre 1895 als Funktionär des Vereines an seiner Leitung 
beteiligt bin. Man wird mir also mein treues Festhalten an dieser 
Jugendliebe hoffentlich nicht verübeln. 

Zum Schlüsse obliegt mir noch die angenehme Pflicht nicht 
bloß den Mitgliedern des Verwaltungsausschusses, sondern auch 
sämtlichen Mitgliedern des Vereines herzlichst dafür zu danken, 
daß sie mir während einer Periode von fast 16 Jahren das Amt 
des Vorsitzenden so erleichtert und freudvoll gestaltet haben. 

Wien, Jänner 1918. 


Anhang. 

Die Vereinsleitung besteht im Jänner 1918 aus nach¬ 
folgenden Funktionären: 

Vorsitzender: Prof. Heinr. Obersteiner. 

Vorsitzender-Stellvertreter: Professor Julius Wagner 
v. Jauregg. 

Schriftführer: 

Dr. Ludwig Dimitz, 

Dr. Max Schacherl. 

Ökonom: Prof. Alfr. Fuchs. 

Bibliothekar: Primarius Dr. Karl Eichter. 
Ausschußmitglieder: 

K. u. k. Oberstabsarzt Bruno Drastich, 

Prof. Otto Marburg, 

Prof. Emil Redlich, 

Regierungsrat Heinr. Schlöss. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Grandzüge einer Geschichte des Vereines für l’sych. und Neurol. in Wien. 45 


Die Redaktion der Jahrbücher ruht iu den Händen von 
Prof. Otto Marburg, 

Prof. Emil Raimann. 


Die Vorsitzenden des Vereines seit seiner Gründung waren 
Kegierungsrat Riedel 1868—1870, 

Regierungsrat Spurzheim 1870—1871, 

Prof. Meynert 1872—1892, 

Prof. Frh. v. Krafft-Ebing 1892-1902. 

Prof. Obersteiner seit 1902. 

Vereinsjournal: 

1. Vierteljahrschrift für Psychiatrie, 2 Bände 1868 und 1869, 

2. Psychiatrisches Centralblatt, 8 Bände 1871—1878, 

3. Jahrbücher für Psychiatrie (vom 13. Band an Jahrbücher 

für Psychiatrie und Neurologie) 1879 bis jetzt; der 38. Baud ist 
im Erscheinen. - 

Dem Vereine gehören gegenwärtig an: 

8 Ehrenmitglieder, 

35 korrespondierende Mitglieder, 

277 ordentliche Mitglieder. 

Das Vereinsvermögen beträgt rund 13.000 Kronen. 


Alphabetisches Verzeichnis der im vorhergehenden 
genannten Persönlichkeiten. 


Anton 6. 31 
Balinski 4 
Beer 8, 5, 6 
Benedikt IG 
Berger, Oberbaurat 33 
Berzc 41, 42 
Bonvicini 41 
Castiglioni 4 
Deuticke 35 
Dimitz 38, 44 
Dlauhy 3 
Draatich 44 
Erb 35 

Exner Franz 34 
Falret 4 


Flemming 3 
Förster 37 

Franki-Hochwart 27,29,31,32,35,39 
Freund 26 

Fritsch 16, 21, 35, 36, 38 

Fuchs Alfr. 28, 40, 41, 44 

Gauster 12, 13, 15, 16, 21, 26 

Glaser Jul. 3, 5 

Gorgen Br. 3 

Griesinger 2, 4 

Gross H. 31 

Haberda 31 

Haller 3 

Hartmann 35, 37 
Hasner 5 


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Original fro-m 

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46 


Heinrich Obersteinrr. 


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Hirsch 1 2(5 
Hoevel 42 
Hye 3 
Jagic 35 
Jessen 3 
Kahlbaum 20 
Kjellberg 4 
Kornfeld 35 

Krafft-Ebing, v. 21, 22, 2G, 27, 28, 
29, 30, 34, 45 
Lähr M. 33 

Leidesdorf 3, 9, 5, 11,12, 13, 14, 15, 
16, 21 

Liechtenstein Alfr., Fürst 33 
Linsmayer 29, 30 
Lunier 4 

Marburg 35, 37, 38, 39, 44 45 

Maresch 3 

Maschka 4 

Maudsley 3 

Mayer 35 

Meynert 3, 4. 6, 12, 13, 14, 15, 16, 
21, 22, 45 
Mildner 3 
Mongeri 4 
Morel 3 

Obersteiner sen. 3 
Obersteiner jun. 26, 29, 30, 32, 33, 
35, 39, 41, 42, 44, 45 
Oppolzer 3 
Pfleger 29 

Pick A. 21, 26, 27, 33 
Pilcz 29, 30, 31 
Pötzl 37, 38 
Ilaimann 35, 45 


Redlich 29, 31, 37, 38, 39, 40, 41, 45 

Richter K. 44 

Riedel 3, 5, 6, 11, 45 

Robertson 4 

Rokitansky 3, (5, 15 

Roller 3 

Sachs 26 

Sänger 42 

Schacherl 38, 41, 44 

Schlager 5, 13, 14 

Schlangenhausen 21 

Schlöss 31, 32, 37, 45 

Schober 36 

Schüle 34 

Schweighofer 27 

Skoda 3 

Sneevogt 4 

Sölder, v. 29, 30. 34 

Solbrig 4 

Spurzheim, v. 11, 12, 45 
Starlinger 27, 32, 33 
Steiner L* 33 
Stransky 32, 37, 40, 41 
Stremayer 15 
Svetlin 21 
Tilkovsky 29 
Türkei 42 
Unger J. 3, 38 
Viszdnik, v. 3 

Wagner v. Jauregg 21, 22, 27, 29, 
30, 31, 33, 34, 39, 41, 42. 44 
Wernicke 26 
Witlacil 3 
Zeller 3. 


Herr Landesausschuß Bielohlavek und Herr Kegierungsrat 
Schloß hatten freundlichst gestattet, daß die in den n.-O. Landes¬ 
anstalten am Steinhof befindlichen Ölbilder der beiden ersten Vereins¬ 
präsidenten Riedel und Spurzheim für diese historische Darstellung 
photographisch reproduziert würden und Herr Prof. Pilcz überließ 
zu diesem Behufe gütigst das Bild von Meynert, wofür ich an dieser 
Stelle bestens danke. 


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Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 

Referat, erstattet in dem Vereine für Psychiatrie u. Neurologie in Wien 
(13. und 27. November 1917) x ). 

Von k. k. Regierungsrat Dr. Josef Börse, 

Direktor der niederösterreichischen Landesirrenanstalt Klosterneuburg, Privat¬ 
dozent an der k. k. Universität in Wien. 

Meine Aufgabe ist es nicht, die Entmündigungsordnung selbst 
kritisch zu besprechen. Es ist daher auch keine Veranlassung für mich 
gegeben, auf eine Reihe prinzipieller Fragen näher einzugehen, wie: ob ein 
zwingender Grund zur Erlassung eines Gesetzes über die Ent¬ 
mündigung vorhanden war, ob es gut war, den „Teil der Reform des Irren¬ 
wesens, der den Rechtsschutz der Geisteskranken betrifft“, das heißt eben 
den Teil, welcher den Gegenstand der E.-O. bildet, als „spruchreif“ zu be¬ 
trachten, bevor die anderen in das Gebiet des Irrenwesens gehö¬ 
rigen „Gruppen von Problemen“, und insbesondere die Gruppe, welche 
diejenigen „Fragen umfaßt, die sich auf die Irrenpflege innerhalb und 
außerhalb geschlossener Anstalten beziehen“ (vgl. Erl. Berm. zu dem Ent¬ 
wurf eines Gesetzes über die Entmündigung) der „sachgemäßen Lösung“ 
zugeführt werden konnten, ferner, ob in der Tat die Einführung einer 
gerichtlichen Kontrolle bei der Aufnahme in die Irrenanstalten als 
voll gerechtfertigt anzusehen ist, während, wie gelegentlich im Justizaus- 
schusse des Abgeordnetenhauses ausgeführt worden ist, moderne Gesetz¬ 
gebungen nur die Kontrolle der Verwaltungsbehörden kennen und 
auf einem deutschen Juristentage nach Einholung von Gutachten beschlossen 
wurde, daß die Frage der Aufnahme Geisteskranker in die Irren- oder ähnliche 
Anstalten lediglich als eine verwaltungstechnische Maßregel an¬ 
gesehen werde 2 ), wobei nur die Verwaltungs-, nicht aber die 

’) Der Teil des Referates, welcher vom eigentlichen Entmündigung s- 
verfahren, bzw. von den §§ 1, 4, 8, 26, 33, 34, 37 bis 49, 50, handelt, konnte 
in den beiden genannten Vereinssi+znngen nicht vorgebracht werden, wird aber 
zur Vervollständigung des geschlossenen Ganzen hier mit veröffentlicht 

2 ) Auch der „Motiven bericht“ zur Regierungsvorlage der Entmündigungs- 
ordnung führte aus, daß „die Zulässigkeit der Anhaltung in einer geschlossenen 
Anstalt ab medizinal-polizeiliche Maßnahme :m sich außerhalb des Kompetenz¬ 
bereiches der Gerichte fällt“. 


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48 


Dr. Josef Herze. 


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Gerichts behörden einzugreifen vermögen (Abg. Dr. Dnistriansky, Sitzung 
des Justizausschusses vom 19. März 1912). Auch habe ich, im Rahmen dieses 
Referates nicht zu untersuchen, ob es, wenn schon dem Mangel an Vertrauen 
in das geltende Recht und Verfahren außer durch die gesetzliche Regelung des 
Entmündigungsverfahrens auch durch in einem Gesetze festgelegte „Schutz¬ 
maßnahmen gegen Irrtümer oder Mißbrauch bei der zwangsweisen Anhaltung 
einer Person in einer Irrenanstalt“, wie es in den „Vorbemerkungen“ zur 
E.-O. heißt, Rechnung getragen werden mußte, notwendig oder nicht vielmehr 
vermeidlich war und daher auch zu vermeiden gewesen wäre, dem Gesetze 
die von den Anstaltsärzten, namentlich aber von den in der Eigenschaft 
öffentlicher Beamter an den öffentlichen Landesirren¬ 
anstalten tätigen Ärzten, schwer empfundene und ihr Ansehen zweifellos 
— zum Schaden des Irrenan stall s wesens — beeinträchtigende, gegen sie 
gerichtete Tendenz zu geben, welche das „Anhaitungsverfahren*' 
unbestreitbar erkennen läßt, bzw. diese Tendenz in dem Maße im Gesetze 
hervortreten zu lassen, wie es tatsächlich geschehen ist, — wie ich überhaupt 
in diesem Referate nicht zu erörtern habe, was vom Standpunkte der 
Anstaltsärzte aus an dem Gesetze auszusetzen wäre. 

Meine Aufgabe ist es vielmehr, darzulegen, wie sich „die E i n- 
führung und Handhabung des neuen Rechtes“, soweit sie 
vom Standpunkte des Anstaltsarztes überblickbar ist, 
tatsächlich gestaltet hat, bzw. über die Wahrnehmungen von 
Belang, welche der Anstaltsarzt diesbezüglich in dem ersten Jahre nach dem 
Inkrafttreten der E.-O. zu machen Gelegenheit hatte, zu berichten. Und im 
Zusammenhänge damit werde ich kritische Bemerkungen zu den einzelnen 
Punkten, wie sie sich an der Hand der in Betracht kommenden Paragraphen 
der E.-O. nacheinander ergeben, vorzubringen haben. Daß sich dabei die 
Notwendigkeit ergeben wird, eine oder die andere Frage, deren eingehende 
Erörterung, wie bereits gesagt, nicht meine Aufgabe ist, doch wenigstens zu 
streifen, liegt auf der Hand. 

Selbstverständlich konnte es nicht meine Absicht sein, nur meine 
eigenen Erfahrungen und Ansichten vorzubringen, schon deshalb nicht, weil 
die von mir geleitete Anstalt nicht zu den größten gehört und mein ein¬ 
schlägiger Erfahrungsschatz demgemäß von dem anderer Anstaltsleiter weit 
iibortroffen wird, und ganz besonders deshalb nicht, weil ich mir sagen 
mußte, daß bei der großen Verschiedenheit der lokalen Verhältnisse auch 
die Einführung und Handhabung der E.-O. mehr oder weniger belangvolle 
Unterschiede aufgewiesen htiben, bzw. noch aufweisen dürfte. Ich habe mich 
daher an die Direktoren sämtlicher österreichischer Irrenanstalten mit der 
Bitte um Bekanntgabe ihrer bisherigen Erfahrungen über die E.O. gewendet 
Fast alle Direktoren ! ) haben dieser meiner Bitte entsprochen — es sei 
mir gestattet, ihnen allen auch an dieser Stelle meinen besten Dank zu 
sagea — und, da mir noch dazu nicht wenige von ihnen Elaborate zugehen 

*) Und zwar: Bohnic, Brünn, Dobrzau, Feldhof, Gugging, Hall in Tirol, 
Iglau, Kosmanos, Kremsicr, Kulparkow, Mauer-Öhling, Niedernhort, Pergin«*, 
Troppau, Wien-Steinhof, Valduna, Ybbs. 


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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


49 


ließen, die von einer geradezu liebevollen Vertiefung in den Gegenstand 
zeugen, bin ich in den Besitz eines Materiales gelangt, das mir durch seine 
große Reichhaltigkeit fast Sorgen bereitet hat, insoferne es mir nicht leicht 
geworden ist, auch nur die wichtigeren Einzelheiten, die von meinen Kollegen 
berührt worden sind, in meinem Referate durchwegs unterzubringen, und 
ich andererseits zu befürchten habe, Ihre Geduld, meine sehr geehrten 
Herren, heute auf eine etwas zu harte Probe stellen zu müssen, obwohl ich 
bemüht war, mein Referat soviel als möglich zusammenzuschneiden. 

Den Hauptteil meiner Ausführungen muß die Besprechung der Ein¬ 
führung und Handhabung des III. Abschnittes der E.-O., d. h. des Ab¬ 
schnittes, der von „gerichtlichen Verfahren bei der Aufnahme in geschlossene 
Anstalten** handelt, sein. Darnach werden einzelne Bestimmungen anderer 
Abschnitte der E.-O., die sich auch noch auf das Aufnahme-, bzw. An¬ 
haltungsverfahren beziehen, sowie ganz kurz die eigentliche E.-O., diese 
jedoch nur vom Standpunkte des Anstaltsarztes, Gegenstand der Erörterung sein. 

§ 16. 

Die Einrichtung des freiwilligen Eintrittes besteht in der Klosterneu- 
lmrger Anstalt noch nicht Gemäß § 16 wird daher dem k. k. Bezirks 
gerichto Klosterneuburg die Aufnahme eines jeden Geisteskranken — in 
der Regel innerhalb 24 Stunden — angezeigt, und zwar in der Weise, daß 
im Laufe des Vormittages die Anzeigen der innerhalb der letzten 24 Stunden 
erfolgten Aufnahmen dem k. k. Bezirksgerichte, gegen Bestätigung in einem 
separaten Zustellungsbuche, direkt übermittelt werden. In diesem „Zustellungs¬ 
buche für Aufnahmsanzeigen“ sind die Namen der Zuwächse unter Beifügung 
der fortlaufenden Joumalnummer angeführt wodurch es dem Direktor er¬ 
möglicht ist, sich jederzeit mit einem Blicke davon zu überzeugen, daß 
wirklich alle Aufnahmen angezeigt sind. 

Das Aufnahmsformulare ist genau dem „Beispiele** angepaßt. Unter 
den Fragepunkten dieses Formuiares gibt es zwar etliche, die in der Regel 
oder doch recht oft zur Zeit da die Anzeige erstattet werden muß, noch 
nicht beantwortet werden können, so namentlich die Frage nach den Kindern, 
nach sonstigen Angehörigen des Aufgenommenen, dann die Frage nach 
seinem Vermögen — aber ultra posse nemo tenetur —, was wir nicht wissen, 
sagen wir eben nicht, und das Gericht hat bisher keinen Anstoß an unseren 
Anzeigen genommen. Was den Punkt: Angabe der Krankheit, betrifft, helfen 
wir uns in den Fällen, in denen die Krankheitsdiagnose zunächst noch 
zweifelhaft ist, mit einer einfachen Charakterisierung des Symptomenbildes, 
schreiben also z. B. Verwirrtheit, Verfolgungswahn, pathologischer Verstim- 
mungszustand. 

Auch seitens der anderen Anstalten wird nicht über Schwierigkeiten, 
dem § 16 zu entsprechen, geklagt. Dies ist um so leichter begreiflich, 
als den Anstaltsdirektionen auch schon vor dem Inkrafttreten der neuen 
E.-O. durch das Anstaltsstatut die Anzeige jeder Aufnahme an die „kom¬ 
petente 'zivilgerichtliche Personalinstanz“ vorgeschrieben war — mit dem 
einzigen Unterschiede, daß nach dem Statute die Frist von 24 Stunden 
unter allen Umstanden einzuhalten war, während der § 16 der E.-0. die 

Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 4 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



50 


Dr. Josef Berze. 


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Frist auf „längslens" 48 Stunden erstreckt. Auch besteht für die Ausfüllung 
gewisser Rubriken 3es Anzeigeformulares keine gesetzliche Verpflichtung, 
wie die vom Justizministerium veröffentlichten „Beispiele" ja überhaupt 
nur „empfohlen" werden, und ist das Gericht daher in der Lage, von der 
Forderung dieser Angaben abzusehen. 

Daher k ann z. B. die Direktion der Anstalten „Am Steinhof* erklären: 
„Die 48-stündige Frist für Aufnahmsanzeigen kann in der Regel eingehalten 
werden. Dies ist nur dadurch möglich, daß hier die Aufnahmsanzeigen sowie 
früher ausgefertigt werden und sich der Richter die weiter vorgeschriebenen 
Angaben über Personalverhältnisse, Vermögensstand u. dgl. bei der Kom¬ 
mission durch Einvernahme der Patienten einholt." Hall in Tirol führt an, 
daß die Lieferung aller geforderten Daten in wenigstens 20 Prozent der 
Fälle nicht eingehalten werden kann. „Es wird sodann einfache Meldung 
von der Aufnahme mit Namensangabe erfolgen, wenn der Kranke nicht 
genügend verläßlichen Aufschluß zu geben vermag." Niedernhart weist 
zu diesem Punkte u. a. auf die Schwierigkeiten hin, die daraus erwachsen, 
daß „immer noch Fälle Vorkommen, in denen Kranke ohne genügende Aus¬ 
weisdokumente eingeliefert werden". 


§ 17 * 

Wie es in den „Erläuterungen" zur neuen E.-O. u. a. heißt, soll das 
„gerichtliche Verfahren bei Aufnahmen in geschlossene Anstalten" „in kür¬ 
zester Zeit zu einer materiell richtigen Entscheidung führen" und auch 
aus anderen Stellen in den „Erläuterungen" geht hervor, daß auf die 
Beschleunigung des Verfahrens und der Entscheidung besonderes Ge¬ 
wicht gelegt wird. Es war daher auch notwendig, eine diesbezügliche Be¬ 
stimmung in das Gesetz aufzunehmen. Ihre Fassung mußte Schwierigkeiten 
bereiten, da andererseits die Gefahr ins Auge gefaßt werden mußte, daß 
durch die Festsetzung einer zu kurzen Frist die Gründlichkeit des Verfahrens 
Schaden leiden könnte. Der betreffende Passus ist demzufolge auch recht 
vorsichtig ausgefallen; es wird dem Gericht sozusagen bloß nahegelegt, 
„wenn möglich innerhalb dreier Wochen nach der Anzeige von der Aufnahme des 
Kranken in die Anstalt über die Zulässigkeit der Anhaltung zu entscheiden* 4 . 

Es sei zugegeben, daß die Normierung einer kürzeren Frist und eine 
zwingendere Fassung der Bestimmung nicht gut möglich war, wenn mir 
auch andererseits Sternberg in seinem „Kommentar" doch etwas zu weit 
zu gehen scheint, wenn er ganz allgemein erklärt, es erscheine ihm „ganz 
ausgeschlossen, daß innerhalb drei Wochen ... ein derartiges Verfahren 
mit der gebotenen Gewissenhaftigkeit und Überlegung durchgeführt werden 
kann 44 . So arg ist es denn doch nicht; im Gegenteil wird mir wohl jeder 
Psychiater beistimmen, wenn ich sage, daß die Fälle recht rar sind, in denen 
die Frage der Zulässigkeit der Anhaltung nicht mit durchaus zureichender 
Gründlichkeit innerhalb dreier Wochen entschieden werden könnte. Der Anstalt» 
psychiater — soviel ist sicher — dürfte jedenfalls nicht so lange brauchen 1 
Mit welcher Vehemenz würde die bekannte „Psychiaterhetze 44 gegen ihn 
einsetzen, wenn es sich heraussteilen sollte, daß er sich erst nach drei 
Wochen über die Unzulässigkeit der Anhaltung einer ihm überantworteten 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Die Entmündigungsordnung and die Irrenanstalten. 


51 


Person klarzuwerden vermochte, besonders wenn es sich um einen Fall 
handelte, in welchem der Laie, der bekanntlich in psychiatrischen Dingen in 
der Regel weit schneller mit seinem Urteile fertig ist, vom Anfang an die 
Iniernierang für nicht gerechtfertigt gehalten hat! 

Damit soll nichts gegen die Zweckdienlichkeit des Verfahrens gesagt 
sein. Jedenfalls ist aber das eine klar, daß das gerichtliche Aufnahmever¬ 
fahren, wie es das Gesetz vorschreibt, und jedes Verfahren, so gut es auch 
immer eingerichtet sein mag, immer nur die Ausdehnung einer ungerecht¬ 
fertigten Internierung, wenn richtig einmal eine solche Vorkommen. sollte, 
über einen schon recht ansehnlichen Zeitraum hinaus unmöglich machen, 
also nur schon ganz grobe Verstöße in dieser Richtung verhüten könnte, daß 
aber die wirklich rechtzeitige, d. h. sofortige oder doch möglichst frühzeitige 
Aufdeckung einer ungerechtfertigten Internierung und die rechtzeitige Ent¬ 
lassung unrechtmäßigerweise internierter Personen aus den Irrenanstalten 
doch immer der Gewissenhaftigkeit und Sachverständigkeit der Anstaltsärzte, 
bzw. -leiter anheimgestellt bleiben wird. 

Dies tritt noch deutlicher hervor, wenn man die Verhältnisse berück¬ 
sichtigt, wie sie sich unter der neuen E.-O. tatsächlich herausgebildet haben. 

Der Entscheidung des Gerichtes über die Zulässigkeit der Anhaltung 
hat nach § 18 „eine Untersuchung des Kranken durch einen oder zwei 
Sachverständige unter Leitung des zur Entscheidung berufenen Einzelrichters 
des Bezirksgerichtes vorauszugehen“. 

Schon diese Untersuchung findet, wie ich aus den Angaben der 
Anstalten entnehme, keineswegs immer „innerhalb dreier Wochen“ statt In 
einer niederösterreichischen Anstalt „finden die Untersuchungen nicht immer 
innerhalb dreier Wochen statt und erfolgten speziell im Anfang oft erst 
nach Monaten“. In einer anderen niederösterreichischen Anstalt „finden die 
Untersuchungen durchwegs in der Regel vier bis sechs Wochen nach der 
Anzeige statt, manchmal sogar noch später“. In einer böhmischen Anstalt 
kommt es zu den „Untersuchungen in den meisten Fällen später als inner¬ 
halb drei Wochen“ und in einer oberösterreichischen Anstalt „in den seltensten 
Fällen während der ersten drei Wochen“. In einer anderen böhmischen An¬ 
stalt „sind die innerhalb drei Wochen erledigten Fälle in entschiedener 
Minderheit“. 

In anderen Anstalten werden allerdings die Untersuchungen 
durchwegs oder doch fast durchwegs im Verlaufe der drei Wochen erledigt, 
in einigen, wie z. B. in Klosterneuburg, sogar schon in der Regel innerhalb 
der ersten 14 Tage, indem die Kommission zweimal im Monate zur Auf¬ 
arbeitung der Fälle in der Anstalt erscheint 

Mit der „Untersuchung“ ist aber das Verfahren noch nicht ab¬ 
geschlossen. Dies wäre nur dann der Fall, wenn der Richter sofort nach der 
Untersuchung den Beschluß auf Zulässigkeit oder Unzulässigkeit dei 
Anhaltung fassen und der Anstalt, bzw. dem die Anstalt bei der Kommission 
vertretenden Arzte offiziell bekanntgeben würde. 

Dies ist nun aber nicht der Fall; vielmehr findet an vielen Orten 
die eigentliche Beschlußfassung erst frühestens mehrere Tage, gewöhnlich 
beiläufig acht Tage, zuweilen aber auch erst zwei und mehr Wochen nach 

4* 


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Dr. Josef Herze. 


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der Untersuchung statt, und vergehen nach der Beschlußfassung in der 
Regel erst wieder 8 bis 14 Tage, bis die Anstalt endlich in den Besitz des 
schriftlichen (Bescheides und damit erst der offiziellen Nachricht über den 
Beschluß gelangt 

Einige .Anstalten können allerdings hinsichtlich Beschleunigung der 
Abfertigung über ein mehr oder weniger weitgehendes Entgegenkommen des 
zuständigen Gerichtes berichten. So vor allem die Anstalten „Am Steinhof*, 
in denen „die Kommission die Frage der Zulässigkeit oder Unzulässigkeit 
sofort entscheidet“ und in denen das Resultat bei der Kommission in ein 
eigenes Buch, das sogenannte Kommissionsbuch, eingetragen wird, die Anstalt 
in Mauer-Öhling, in der das „Ergebnis der Kommission von den untersuchenden 
Ärzten in ein sogenanntes Gerichtskommissionsprotokoll eingetragen wirdi“, 
ferner die oberösterreichische Anstalt in Niedernhart, in der „die Frage der 
Zulässigkeit sofort bei der Kommission entschieden wird und dadurch, daß 
ein Anstaltsarzt an der Kommission teilnimmt, zur Kenntnis des Direktors 
gelangt“, endlich die mährische Anstalt in Kremsier, in der „das Resultat 
der Amtshandlung über die Zulässigkeit der Anhaltung dem bei der Kom¬ 
mission anwesenden Anstaltsfunktionär wohl vom Richter gleich bekannt¬ 
gegeben, eine Eintragung seitens der Kommission in ein Protokoll in der 
Anstalt aber nicht vorgenommen wird“. 

Abgesehen davon, daß auch den eben erwähnten Bekanntgaben des 
Resultates bei der Kommission der Wert einer offiziellen Feststellung keines¬ 
wegs zugeschrieben werden darf, dieser vielmehr nur dem schriftlichen 
Bescheide, der auch den genannten Anstalten erst etwa 14 Tage bis 3 Wochen 
nach der Kommission zugemittelt zu werden pflegt, beigemessen werden 
kann, klagen die übrigen Anstaltsleitungen darüber, daß sie sich bis zum 
Einlangen des schriftlichen Bescheides völlig im unklaren über das Resultat 
der Untersuchung befinden, oder doch darüber, daß ihnen seitens der Kom¬ 
mission jede Art von Bestätigung des Untersuchungsergebnisses verweigert 
wird. Dies geschieht übrigens z. B. seitens des k. k. Bezirksgerichtes Kloster¬ 
neuburg mit dem Hinweise darauf, daß das Untersuchungsergebnis für den 
Richter keineswegs bindend ist und sich sein Beschluß außer auf das Gut¬ 
achten der Sachverständigen noch auf andere — zum Teil erst noch zu 
erwartende — Beweisstücke zu gründen hat, wie ja auch namentlich aus 
dem § 20 der E.-O. hervorgeht 

Muß man sich mit dieser Auffassung auch selbstverständlich abfinden 
und demgemäß die Hinausschiebung der Beschlußfassung um etliche 
Tage nach der Untersuchung für gewisse Fälle als durchaus begründet an- 
sehen, so ist doch andererseits kaum begreiflich, warum die Anstalt nach 
der Beschlußfassung des Gerichtes wieder erst noch 8 bis 14, und zuweilen 
noch mehr Tage auf den Bescheid warten müssen soll. 

Lautet der Bescheid auf Zulässigkeit der Anhaltung, so kommt 
er ja freilich immer noch früh genug. Anders aber, wenn er auf Unzuläs¬ 
sigkeit geht. Man wird zunächst einmal zugeben müssen, daß es recht 
merkwürdig aussieht, wenn, wie es in speziellen Fällen geschehen ist, erst 
20, 24, ja 29 Tage nach der Untersuchung der auf Unzulässigkeit der An¬ 
haltung lautende Bescheid einlangt, wenn noch dazu ersichtlich wird, daß 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


53 


der Beschluß schon gut eine Woche vorher gefaßt war. Und wie steht es 
mit dem Zwecke des ganzen Verfahrens im Einklänge, daß infolge derartiger 
Verzögerungen ,B5, 36, 39, 40, 46 Tage — ich beziehe mich auf spezielle 
Fälle — vergehen können, bis endlich die Anstalt den Bescheid erhält, die 
Anhaltung des N. N. sei unzulässig? Ein Anstaltsleiter bemerkt daher mit 
Recht: „Wenn die Direktion sie nicht aus eigenem schon früher entlassen 
würde, würden zweifelhafte Fälle schön lange zuwarten müssen I" So kann 
es übrigens, wie ganz nebenbei bemerkt sei, auch leicht geschehen — ein 
solcher Fall hat sich u. a. in Klosterneuburg zugetragen —, daß der Kranke 
zu der Zeit, da der auf Unzulässigkeit der Anhaltung lautende Beschluß in 
der Anstalt anlangt, nicht nur bereits entlassen ist — dies ist ja geradezu 
das gewöhnliche —, sondern sogar schon wieder von neuem in der Anstalt 
interniert ist. Es ist gar nicht einzusehen, warum es nicht möglich sein 
sollte, die Kanzleileiter der k. k. Bezirksgerichte dazu zu verhalten, die An- 
staltsleitungen „in der Regel innerhalb 24, längstens binnen 48 Stunden“ 
vcn den Beschlüssen im Anhaltungsverfahren, wenigstens soweit sie auf 
Unzulässigkeit der Anhaltung lauten, zu verständigen. 

Der Anstaltsleiter, der seine Pflicht kennt und tut, wird selbstverständ¬ 
lich in einem Falle, in welchem nach seinem Wissen und Gewissen die 
Entlassung am Platze ist, diese verfügen, mögen sich die Sachverständigen 
nun für oder gegen die Zulässigkeit der Anhaltung ausgesprochen haben, 
und den Bescheid nicht erst abwarten. Hält er aber dafür, daß die Entlassung 
noch verfrüht wäre, so wird er damit noch zögern, und zwar in manchen 
Fällen zunächst bis zum Einlangen des Bescheides. Dann aber wird er 
gezwungen sein, sich die Frage zu stellen, ob seine Bedenken gegen die 
Entlassung so gewichtig sind, daß er es als seine Pflicht erachten muß, im 
Sinne des § 24 „gegen den Beschluß, mit dem die Entlassung . . . ver¬ 
fügt wurde“, den Rekurs zu erheben, oder ob er sich trotz seiner Bedenken 
im Sinne des Beschlusses für die Entlassung entscheiden soll. Meistens 
wird wohl das letztere der Fall sein, zumal der Direktor keine sich bietende 
„Entlassungsgelegenheit“ (vgl. Kosmanos) — und eine colche ist ihm durch 
die gerichtliche Erklärung der Unzulässigkeit der Anhaltung sicherlich gegeben 
— Vorbeigehen lassen wird. Jedenfalls hat aber in solchen Fällen erst der 
einlangende Bescheid die Wirkung, daß die betreffende Person tatsächlich 
entlassen wird, woraus hervorgeht, daß eine möglichst baldige Zu¬ 
stellung des Bescheides an die Anstaltsleitung in der 
Intention der Verordnung gelegen sein muß. 

Die Zahl der in Betracht kommenden Fälle ist, wenn auch keineswegs 
sehr ansehnlich, doch andererseits auch wieder nicht ganz gering; die 
Erklärung der Unzulässigkeit der Anhaltung betrifft ja begreiflicherweise 
fast ausnahmslos hinsichtlich Entlassungsreife zweifelhafte Fälle; wären sie 
nicht zweifelhaft, so hätte sie der Anstaltsleiter ja aus eigenem schon vor 
der Untersuchung durch die Kommission entlassen. Der Forderung nach einer 
möglichst beschleunigten Ausfertigung und Zustellung der Unzulässigkeits¬ 
bescheide kommt also eine keineswegs zu unterschätzende Bedeutung zu. 

Daß die Umstände ein durchaus entsprechendes Vorgehen ermöglichen, 
beweist die Methode, wie sie seitens des Gerichtes in Kosmanos gehand- 


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habt wird. Die Leitung dieser Anstalt berichtet: „Die Gerichts¬ 
beschlüsse jwerden sofort gefaßt bei der Kommission; die Edikte 
werden binnen einigen Tagen zugestellt. Über die Unzulässigkeit er¬ 
halten wir Nachricht in zwei Tagen. Eine telephonische Mitteilung dies¬ 
bezüglich nahmen wir nicht zur Kenntnis. Eintragungen ins Hauptprotokoll 
werden von uns weder verlangt, noch seitens der Kommission „ex com- 
missione“ gemacht.“ 

Warum sollte, frage ich, was in Kosmanos geht, nicht auch in anderen 
Orten möglich sein? — 

Das „gerichtliche Verfahren bei Aufnahmen in geschlossene Anstalten“ 
unterbleibt nach § 17, wenn die Aufnahme „durch ein Gericht oder durch 
den zuständigen Kommandanten im Militärstrafverfahren (§ 221 der Militär¬ 
strafprozeßordnungen) verfügt wurde“. Der Direktor einer niederösterreichi¬ 
schen Anstalt bemerkt dazu folgendes: 㤠17 der Verordnung wurde in zwei 
Fällen vom Richter dahin ausgelegt, daß bei Kranken, die wegen eines Ver¬ 
brechens angeklagt, gerichtsärztlich für unzurechnungsfähig erklärt und nach 
Einstellung des Verfahrens unter Intervention der politischen Behörde der 
Irrenanstalt überstellt wurden, nicht mehr über die Zulässigkeit der Anhaltung 
entschieden werden dürfe. Diese Praxis erscheint bedenklich, da es sich 
vielfach um Imbezille und Degenerierte handelt, deren Unzurechnungsfähigkeit 
trotz des Gutachtens der Gerichtsärzte, die oft nicht einmal Fachmänner 
sind, angezweifelt werden muß.“ 

§ 18. 

Nach § 18, Abs. 1, hat, wie erwähnt, der Entscheidung „eine Unter¬ 
suchung der Kranken durch einen oder zwei Sachverständige vorauszugehen“. 
Die Direktiven dafür, wann ein Sachverständiger „genügt“ und wann „ein 
zweiter Sachverständiger beizuziehen“ ist enthalten in § 19, Abs. 2, und 19, 
Abs. 3. Diese Bestimmungen sollen daher im Zusammenhänge mit § 18, Abs. 1, 
besprochen werden. Sie lauten (§ 19, Abs. 2): „Wenn nach dem der Auf¬ 
nahme zugrunde liegenden ärztlichen Zeugnis oder dem summarischen Bericht 
der Anstaltsleitung über die ärztliche Untersuchung in der Anstalt oder 
nach den sonst vorliegenden verläßlichen Mitteilungen offenbare Geistes¬ 
krankheit oder Geistesschwäche vorliegt, genügt die Beiziehung eines Sach¬ 
verständigen.“ (§ 19, Abs. 3): „Auf Verlangen des Angehaltenen oder dessen 
Vertreter, oder wenn sich bei der Untersuchung der Fall als zweifelhaft 
darstellt, ist ein zweiter Sachverständiger beizuziehen.“ 

Welches Verfahren hat sich nun tatsächlich herausgebildet? 

Es soll sogleich konstatiert werden, daß es zu einer einheitlichen 
Norm diesbezüglich keineswegs gekommen ist 

In Brünn, Kremsier, Kosmanos, Hall und anderen Anstalten untersucht 
grundsätzlich nur ein Sachverständiger. Brünn berichtet speziell: „Nur in 
einem einzigen Falle intervenierte über Aufforderung des Landesgerichts¬ 
rates als Vorsitzender der Kommission neben dem Amtsarzt auch der Primar¬ 
arzt der Abteilung als Sachverständiger. Es handelte sich um eine Dissimula¬ 
tion, mit der sich die Kommission keinen Rat wußte. Sonst wurde nie ein 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 55 

zweiter Sachverständiger zugezogen." In Kremsier wurden die Kranken mit 
Ausnahme eines Falles, in dem vom Kuratelsgerichte die Untersuchung durch 
zwei Gerichtsärzte verlangt wurde, stets nur durch einen Sachverständig«! 
untersucht. Auch in Kosmanos wurde in einem einzigen Falle ~ unter 
399 Fällen! — ein zweiter Sachverständiger beigezogen. 

Dieser Vorgang kann nicht der richtige sein; denn es kann nicht 
angenommen werden, daß in diesen Anstalten gerade nur Fälle von, im 
Sinne des § 19, Abs. 2, „offenbarer Geisteskrankheit oder Geistes- 
schwäche" zur Untersuchung gekommen sind, abgesehen davon, daß in den 
Fällen, in denen sich die Kommission für die Unzulässigkeit der 
Anhaltung ausgesprochen hat, nicht nur keine „offenbare", sondern, wenn 
das Ergebnis der Untersuchung richtig war, überhaupt keine Geisteskrankheit 
oder Geistesschwäche Vorgelegen sein konnte. Nach der allgemeinen Er¬ 
fahrung ist anzunehmen, daß, wenn schon die Fälle, in denen für die Zu¬ 
lässigkeit der Anhaltung entschieden wurde, durchwegs unzweifelhafter Art 
gewesen sein sollten, was übrigens auch nicht besonders wahrscheinlich ist, 
doch die Fälle der Unzulässigkeit zum großen Teile mehr oder weniger 
„zweifelhaft", im Sinne des § 19, Abs. 3, waren; es sei erwähnt, daß von 
23 Personen, deren Anhaltung (in der Zeit vom 1. September 1916 bis 1. Sep¬ 
tember 1917) in der Anstalt zu Kosmanos für unzulässig erklärt worden ist, 
nach der Ansicht des Direktors 8 sicherlich noch nicht geheilt, bzw. nicht 
geistesgesund waren und 4 nach einigen Wochen neuerdings zur Aufnahme 
kamen, was doch einigermaßen dafür spricht, daß wenigstens in diesen 
Fällen ein zweiter Sachverständiger beizuziehen gewesen wäre. 

Daß die eben vorgebrachte Ansicht auch vom Standpunkte des Juristen 
zu billigen sei, geht u. a. daraus hervor, daß das Landesgerichtspräsidium 
Graz, wie es in einer Zuschrift des k. k. Oberlandesgerichtspräsidiums Graz 
an das Präsidium des steiermärkischen Landesausschusses heißt, „die Ge¬ 
richte dahin belehrt hat, Fälle, in welchen sie die Zulässigkeit 
der Anhaltung eines Pfleglings in einer Anstalt nicht auszusprechen 
beabsichtigen, von vornherein als zweifelhaft hinzustellen und 
daher für derartige Fälle einen zweiten Sachverständigen, und zwar in der 
Regel in der Person eines Primararztes der Anstalt beizuziehen". Diese Be¬ 
lehrung ist, nebenbei bemerkt, eines der erfreulichen Ergebnisse einer Aktion 
in Angelegenheit der E.-O., die der besonders rührige und tatkräftige Direktor 
der steiermärkischen Landesirrenanstalt Feldhof Dr. Hassmannim Interesse 
seiner Anstalt entfaltet hat, einer Aktion, die dazu führte, daß das k. k. Ober¬ 
landesgerichtspräsidium Graz über Ersuchen des steiermärkischen Landesaus¬ 
schusses „behufs Besprechung und Bereinigung der verschiedenen gegen¬ 
seitigen .Beschwerdepunkte", die sich infolge der Handhabung der Durch¬ 
führung der E.-O. ergeben hatten, eine Konferenz der beteiligten Faktoren 
einleitete. )Gremäß den Beschlüssen dieser Konferenz wurden im Einver¬ 
nehmen zwischen Landesausschuß und Oberlandesgerichtspräsidium Ma߬ 
nahmen getroffen, die auch die Billigung des k. k. Justizministeriums (Erlaß 
vom 5. Juli 1917 Zahl: 16897/17) gefunden haben. 

Das andere Extrem stellt das Verfahren in der Anstalt in Niedernhart 
dar. Dort wurden umgekehrt seit dem Inkrafttreten des Gesetzes alle 


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Pfleglinge — mit Ausnahme der Militärpfleglinge, welche aus Militärspitälern 
der Anstalt überstellt werden — von zwei Ärzten, und zwar einem Gerichts- 
arzt und einem Anstaltsarzt, untersucht. Und in Mauer-Öhling untersuchte 
nur anfänglich ein Sachverständiger, während jetzt, wie vor dem Inkraft¬ 
treten der E.-O., wieder zwei Sachverständige zugezogen werden. 

In der Mitte steht z. B. die Anstalt in Dobrzan, in welcher die Unter¬ 
suchung der Mehrzahl der Fälle von zwei Sachverständigen vorgenom¬ 
men wird. 

Richtig verfahren wird, wie es scheint, in den Anstalten „Am Stein¬ 
hof 4 *, indem „in der Regel jeder Arzt der Kommission allein untersucht 44 
und „nur in schwierigen Fällen der zweite Arzt mit- oder nachuntersucht“, 
und — seit der erwähnten Aktion des Direktors — in der steiermärkischen 
Anstalt Feldhof. Dr. Hassmann schreibt: „Zu jeder Untersuchung werden 
jetzt zwei Ärzte (ein auswärtiger und ein Primararzt der Anstalt) berufen. 
Vom Richter wurde der Anstaltsleiter ersucht, stets jene Fälle ausdrücklich 
zu bezeichnen, bei denen die Beiziehung eines Sachverständigen genügt 
Ais Norm gilt dabei, daß cs sich da um ganz einfache, klare Fälle handelt, 
zu deren Beurteilung eine besondere Fachbildung nicht notwendig ist, z. B. 
vorgeschrittene Paralytiker, senil Demente, Idioten. Es untersucht dann der 
auswärtige Arzt allein.“ 

Eine ganz eigenartige Methode hat in den Anstalten Gugging und 
Klosterneuburg flatz gegriffen. Jeder Kommission werden zwei Sachver¬ 
ständige beigezogen, und zwar ein Wiener Landesgerichtspsychiater und 
ein Anstaltsarzt, und zwar in Klosterneuburg ein Gugginger, und in Gugging 
ein Klosterneuburger Arzt. Jeder Arzt untersucht eine Hälfte der Fälle. Für 
die vom Anstaltsarzt erstatteten Gutachten, haftet auch der Wiener Landes 
gerichtspsychiater mit seiner Unterschrift. Zweifellos hätte dies seinen guten 
Sinn, wenn vorher die schwierigeren von den weniger schwierigen Fällen 
gesondert und die ersteren zur Untersuchung durch zwei Sachverständige 
bestimmt würden, was aber, wie mir mitgeteilt worden ist, nicht geschieht, 
indem die Fälle vielmehr wahllos der Reihe nach vorgenommen werden. 
Außerdem erscheint bei dieser Methode der Anstaltsarzt geradezu ostentativ 
als zum Sachverständigen zweiter Klasse degradiert. Es muß gesagt werden, 
daß das Gesetz selbst dem Richter nicht das geringste Recht zu einer derartigen 
Auffassung der Stellung des Anstaltsarztes als zweiter Sachverständiger im 
Anhaltungsverfahren gibt, einer Auffassung, der übrigens, wie aus den 
Berichten einiger Anstaltsleiter hervorgeht, die Richter auch an anderen 
Orten zuneigen. Die Bestimmung des § 19 (Abs. 1), nach welcher „ein Arzt 
der öffentlichen Irrenanslalt“ nur „als zweiter Sachverständiger zugezogen 
werden kann“, hat nur den Sinn, daß ein solcher Arzt nicht als alleiniger 
Sachverständiger bestellt werden darf, nicht aber den, daß er, wenn bestellt, 
als Sachverständiger zweiter Klasse anzusehen wäre. 

Bemerkt sei noch, daß einige Anstaltsleiter anführen, daß man mit 
der Annahme nicht fehlgehen dürfte, daß es vor allem ökonomische 
Erwägungen sind, von welchen sich die Richter bei der Entscheidung, ob 
ein oder zwei Sachverständige zu bestellen, leiten lassen. — 

Nach j} 18, Abs. 2, steht dem von der politischen Landesbehörde 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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etwa abgeordneten Sanitätsorgan das Recht zu, an der Untersuchung des 
Kranken durch Fragen an den Kranken und an die Sachverständigen teil¬ 
zunehmen. Von diesem Rechte wurde nur in ganz wenigen Anstalten Gebrauch 
gemacht. „Im Anfänge sehr oft“ nur in der schlesischen Landesirrenanstalt 
Troppau. In den Anstalten „Am Steinhof“ und Kosmanos ist ein Vertreter 
der politischen Landesbehörde einmal, in Gugging und Klosterneuburg zwei¬ 
mal, in den übrigen Anstalten, von denen ich Berichte erhalten habe, nie 
bei den Untersuchungen erschienen 1 ). — 

Zu § 18, Abs. 3, ist zu bemerken, daß die „psychiatrische Bildung 
und Erfahrung“ des für die Untersuchungen bestellten Sachverständigen an 
manchen Orten einiges, an anderen sogar sehr viel zu wünschen übrig läßt, 
was sich daraus erklärt, daß dann, wenn nur ein Sachverständiger bestellt 
wird, ein Anstaltsarzt nach § 19 nicht in Betracht kommen kann, außer den 
Anstaltsärzten aber in der betreffenden Gegend oft kein Arzt mit zureichenden 
psychiatrischen Kenntnissen zu finden ist 

f ) Was das von der politischen Landesbehörde „etwa abgeordnete Sanitäts¬ 
organ“ (§ 18, Abs. 2) betrifft, herrscht in manchen Punkten nicht die erwünschte 
Klarheit. Vor allem ist nicht recht zu entnehmen, welche Persönlichkeit damit 
eigentlich gemeint ist Jedenfalls ein Landessanitätsbeamter, also Landes¬ 
sanitätsinspektor, Oberbezirksarzt oder Bezirksarzt. Nun ist aber noch in § 24, 
Abs. 1 und Abs. 2, sowie in § 65, Abs. 1, von einem „Sanitätsorgane“ die 
Rede, das aber an diesen Stellen als „das bei der politischen Landesbehörde 
zur Irrenpflege bestellte Sanitätsorgan“ bezeichnet wird. Aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach — ganz sicher kann dies aber nicht behauptet werden! — 
ist dieses Sanitätsorgan mit dem im § 18, Abs. 2, gemeinten identisch. Dann 
handelt es sich aber auch dort nicht um ein Sanitätsorgan schlechtweg, sondern 
eben um ein speziell „zur Irrenpflege bestelltes“ Sanitätsorgan. Solche Sanitäts¬ 
organe gibt es aber bei don Landesbehörden nicht, wenigstens noch nicht. 
Kalmus (Die neue Entmündigungsordnung, „Der Amtsarzt“ 1916, Nr. 10—12) 
sagt daher vielleicht mit Recht: „Es liegt die Vermutung nahe, daß die hier 
besprochenen Bestimmungen der §§ 18 und 24 gewissermaßen Zukunftsmusik 
darstellen sollen, daß mit ihnen einem eigentlichen Irrenfürsorgegesetz 
Torgearbeitet werden soll.“ In dem bereits vorliegenden Entwürfe eines solchen 
Gesetzes „ist nämlich die Einrichtung eines Irreninspektors bei der 
politischen Landesbehörde, bzw. eines psychiatrischen ,Ministerialinspektors ( 
zir obersten Leitung der psychiatrischen Sanitätsangelegenheiten vorgesehen.“ 
— Über die Funktion des in Rede stehenden Sanitätsorganes unterrichten uns 
die „Erläuterungen“. Zu § 18, Abs. 2, wird bemerkt: „Von der Untersuchung 
des Kranken soll die politische Landesbehörde in Kenntnis gesetzt werden, um 
ihr die Gelegenheit zu geben, ein Sanitätsorgan zur Untersuchung zu entsenden 
und durch Fragestellung an den Kranken und an die Sachverständigen das 
öffentliche Interesse an der Anhaltung wirklich geisteskran ker 
and pflegebedürftiger Personen in der Anstalt zu wahren.“ 
Und zu § 65, Abs. 1, wird u. a. ausgeführt, daß dem Sanitätsorgane „der 
Beschloß über die Zulässigkeit der Ainhaltung in einer Irrenanstalt, mag er die 
Zulässigkeit bejahen oder verneinen“, zuzustellen Ist, „um der politischen Ver 


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Aus einer Anstalt in Galizien wird mir berichtet: „Unter den externen 
Sachverständigen ist keiner ein Psychiater von Fach und nur einer verfügt 
über psychiatrische Erfahrung. Die anderen sind weder theoretisch noch 
praktisch ihrer Aufgabe gewachsen. Ihre Gutachten haben auch die Richter 
nicht eufriedengestellt, so daß sich die Teilnahme der Anstaltsärzte als 
zweite Sachverständige als Notwendigkeit erwiesen hat.“ 

In einer großen böhmischen Anstalt werden der Reihe nach alle secns 
auswärtigen Ärzte herangezogen, obwohl, wie der Direktor sagt, bloß ein 
einziger von ihnen die gesetzliche Eignung dazu hat. Und dabei wird dort 
immer nur e i n Sachverständiger bestellt In einer niederösterreichischen 
Anstalt fungiert als „Sachverständiger“ ein Arzt, der gelegentlich in den, 
wie der Direktor mit Recht sagt, „geradezu rührend-naiven Klageruf“ aus¬ 
brach: „Von Psychiatrie versteh’ ich ja nichts, aber Sachverständiger soll 
ich sein!“ *) 

Wie es unter Umständen um die Argumente bestellt ist, mit denen 
sich der Richter über den gegebenenfalls erhobenen Einwand der unzurei¬ 
chenden Fachbildung eines Sachverständigen hinwegsetzt, geht u. a. aus 

waitung die Anrufung der Rekursinstanz zur Wahrung der öffentlichen 
Interessen offen zu halten, sei es, daß diese auf dem Gebiete der Medizinal¬ 
pflege oder der W ohlfahrtspflege oder auf dem Gebiete der öffent¬ 
lichen Sicherheit liegen/ Nach alledem ist die Aufgabe des „Sanitäts¬ 
organes“ eine nicht unwichtige; darum ist es aber auch wieder nicht recht begreiflich, 
warum im § 18, Abs.2, bloß von einem Rechte und nicht vielmehr von einer 
Pflicht des „Sanitätsorganes“, an der Untersuchung des Kranken teilzunehmen, 
gesprochen wird. Wer wahrt denn, wenn das „Sanitätsorgan“ nicht erscheint — 
und dies Ist ja die Regel — dieses wichtige „öffentliche Interesse“ ? Allerdings 
läßt nun § 24, nach welchem u. a. auch „dem bei der politischen Landesbehörde 
zur Irrenpflege bestellten Sanitätsorgan“ das Recht des Rekurses „gegen 
den Beschluß über Anhaltung in einer Irrenanstalt“ zusteht — wie die „Er¬ 
läuterungen“ wieder sagen: „aus Gründen der öffentlichen Sicherheit“ —, auch 
die Deutung zu, daß das „Sanitätsorgan“ von diesem Rechte „nicht nur in 
den Fällen, in welchen es bei der psychiatrischen Untersuchung interveniert 
hat“, sondern ganz allgemein Gebrauch machen kann (Kalmus). Dazu 
ist aber wieder zu bemerken, daß dem „Sanitätsorgane“ allerdings nach § 65, 
Abs. 1, „der Beschluß über die Zulässigkeit der Anhaltung“ zuzustellen ist, 
daß ihm aber damit für den in Rede stehenden Zweck keineswegs gedient ist, 
Ha aus der „Begründung“ des Beschlusses in der Regel nichts Genaueres über 
die Natur des Falles zu entnehmen ist. 

*) Der Direktor in Valduna erwähnt: „Die seltene Heranziehung eines 
Anstaltsarztes zur Begutachtung hat schon öfters unrichtige richterliche Be¬ 
schlüsse im Verfahren nach sich gezogen, weil der bestellte Gerichtsarzt nicht 
die Qualifikation eines psychiatrischen Sachverständigen hat. Um den An¬ 
gehörigen der Kranken Unkosten durch ein falsches Gutachten zu ersparen 
oder den Kranken vor einer voreiligen Kuratelsverhängung zu bewahren, erteilt 
die Direktion auf Anfrage stets Auskunft über voraussichtliche Dauer und 
Heilbarkeit des Leidens.“ 


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der Begründung des Beschlusses hervor, mit welchem in einem Falle von 
Widerspruch für die Aufrechterhaltung des angefochtenen Beschlusses 
entschieden worden ist. Obwohl es sich um Widerspruch gegen Entmün¬ 
digung, nicht gegen Anhaltung handelte, kann dieser Fall hier erwähnt 
werden, da nach § 33 der E.-O. die §§ 18, Abs. 1 und 3, und 19, welche 
eben von den Sachverständigen und ihrer Qualifikation handeln, auch „auf 
diese Untersuchung entsprechend anzuwenden sind'*. Das betreffende Kreis¬ 
gericht sagt nun folgendes: „Was aber zunächst die Ärzte anlangt, so sind 
sie gewiß im Besitze der erforderlichen Bildung und Erfahrung, weil sie 
als ständige Gerichtsärzte bereits wiederholt Gutachten über 
Geisteserkrankungen oder Zustände, die nach den bis¬ 
herigen Gesetzen die Verhängung der Kuratel zur Folge 
hatten, abgegeben haben.“ Ich weiß nicht, ob die Tatsache, daß 
ein Arzt bereits wiederholt Gutachten über Geisteserkrankungen abgegeben 
hat, schon beweist, daß er über „psychiatrische Bildung und Erfahrung“ 
in dem von § 18, Abs. 3, gemeinten Maße verfügt, glaube auch nicht, daß 
sich die Richter dieses Argument allgemein zu eigen machen werden. Da¬ 
gegen spricht das Kreisgericht mit einem anderen „Grunde“ in dem erwähn¬ 
ten Beschlüsse, nach vielen anderen Wahrnehmungen zu urteilen, vielen 
Richtern geradezu aus der Seele; es heißt nämlich weiter: „Das Gutachten 
der Ärzte hat überdies nach der Anschauung des Gerichtshofes jetzt keineswegs 
eine höhere Bedeutung als früher, ja eher eine geringere. Denn, wenn 
§ 33, Abs 1 E.-O., sagt, daß über die Entmündigung wegen Geisteskrankheit 
oder Geistesschwäche nicht ohne vorausgegangene Untersuchung durch einen 
oder zwei Sachverständige entschieden werden dürfe, so bedeutet dies, daß 
das Gericht auf den Rat der Ärzte zwar nicht verzichten soll 1 ), 
nicht aber ausschließlich durch ihn sich bestimmen lassen müsse. H i e d u r c h 
verliert auch besprochene Vorschrift über die Erfor¬ 
dernisse der Ärzte an ihrer Strenge.“ — Sapienti sat! 

§ 19. 

Nach § 19, Abs. 1, „soll zum Sachverständigen in der Regel ein Amts¬ 
oder Gerichtsarzt bestellt werden; als zweiter Sachverständiger kann auch 
ein Arzt der öffentlichen Irrenanstalt zugezogen werden“. Diese Fassung 
ist auf Grund des Berichtes des Justizausschusses (1352 der Beil., XXI. Session, 
1912) über die Regierungsvorlage (Nr. 35, XXL Session, 1911) an die Stelle 
einer Bestimmung im § 23 dieser Vorlage getreten, nach welcher Ärzte 
der Anstalt, in der sich der Angehaltene befindet, als Sachverständige über¬ 
haupt ausgeschlossen gewesen wären. 

Dem wohlmotivierten *) Abänderungsantrage der Landesausschüsse und 
Ärzte der öffentlichen Irrenanstalten (Petitionen vom 21. März 1912), nacli 

*) Der zitierte Richter ist also, wie man sieht, nicht weit davon entfernt, 
die Bestimmung, nach welcher der Entmündigung eine Untersuchung durch 
Sachverständige vorauszugehen hat, als eine bloß n instruktionelle u Vorschrift 
anzusehen. 

*) Vgl. Hermann, Seite 228. 


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welchen stets zwei Sachverständige, und zwar als zweiter, „insofeme es 
sich um die Anhaltung in einer öffentlichen Irrenanstalt handelt, ein Arzt 
dieser ^Anstalt als Sachverständiger beizuziehen“ gewesen wäre, ist der 
Justizausschuß in seinem revidierten Beschlüsse (Nr. 1838 der Beil., XXL Ses¬ 
sion, 1913) und demgemäß auch die kaiserliche Verordnung, die sich, wie 
es in den Vorbemerkungen heißt, an die revidierten Beschlüsse des Justiz¬ 
ausschusses hält, nicht entgegengekommen. 

Es soll ohneweiters zugegeben werden, daß es, wie der Justizausschuß 
ausführt, genug Fälle gibt, in denen ein Sachverständiger vollkommen genügt, 
da die Geisteskrankheit offenbar ist und es wird auch gegen die Bemerkung 
des Justizausschusses im allgemeinen nichts einzuwenden sein, daß „auch 
dann, wenn zwei Arzte an der Untersuchung teilnehmen“, „keinesfalls ein 
sachlicher Grund besteht, einem geeigneten auswärtigen Arzte einen Anstalts¬ 
arzt vorzuziehen“. Andererseits wird aber doch nicht zu leugnen sein, daß 
die Landesausschüsse recht hatten, wenn sie sich von der obligatorischen 
Beiziehung eines Anstaltsarztes, „der die Kranken durch Beobachtung kennen 
gelernt hat“, einen Vorteil für die Expertise erwartet haben. 

In welcher Richtung dieser Vorteil ganz besonders zu suchen sei, ist 
allerdings erst, seitdem die neue E.-O. Geltung hat, zu erkennen gewesen. 
Wenn ich auf diesen Punkt näher eingehen will, obwohl ich damit Gefahr 
laufe, mir wieder einmal da oder dort Mißfallen zuzuziehen, so tue ich es, 
weil mir seine nicht geringe Bedeutsamkeit für die ganze Frage, namentlich 
seit der Entgegennahme der Berichte der Anstaltsleitungen, völlig klar ge¬ 
worden ist. 

Das Anhaltungsverfahren ist seinem Wesen nach eine Kon¬ 
trolleinrichtung, die sozusagen in dem Richter, unter dessen Leitung 
die Untersuchung des Kranken vor sich geht, personifiziert ist Wie nun 
jedes Kontrollorgan mehr oder weniger deutlich bewußt etwas „finden“ will 
— wodurch sich die Kontrolle ja sozusagen erst als berechtigt erweist —, 
so ist auch der Richter bei dieser Untersuchung in der Regel, kurz gesagt» 
mehr auf „Unzulässigkeit“ eingestellt, — ganz abgesehen davon, daß der 
Laie in der Regel an und für sich schon zu dieser Einstellung geneigt isft 
und so auch der Richter, der ja, wie einmal im Justizausschusse ganz gut 
gesagt worden ist, „in bezug auf die Konstatierung des Krankheitszustandes 
gleichsam das Laienelement repräsentiert“. Man glaube nun nicht, daß diese 
Einstellung des Richters stets ohne Einfluß auf das Ergebnis der Unter¬ 
suchung ist f Selbstverständlich ist sie es dann nicht, wenn die Sachverstän¬ 
digen gewiegte Psychiater sind, die ihren sicheren Standpunkt mit entsprechen¬ 
der Autorität zu vertreten wissen. Aber solche sind eben nicht immer da; 
ich verweise diesbezüglich auf das zum § 18, Abs. 3, bereits Gesagte. Am 
besten steht es in der Provinz noch um die psychiatrischen Kenntnisse bei 
einigen Amtsärzten; aber gar weit reichen sie in der Regel auch bei diese» 
Ärzten nicht, sie genügen in der Regel gerade zur Ausstellung eines Auf* 
nahmspareres in klarliegenden Fällen, — von einer sicheren, zu einer wirk¬ 
lich sachverständigen Beurteilung halbwegs schwieriger Fälle ausreichenden 
Beherrschung der Materie ist aber gewöhnlich nicht die Rede. Die Folge ist 
eine gewisse Zaghaftigkeit und Unsicherheit der Entscheidung, welche dem 


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Die Entrnünrtigungsordnung und die Irrenanstalten. Gl 

Richter, bzw. der erwähnten ihm eigenen Tendenz ein oft ausschlaggebend 
werdendes Gewicht zufallen läßt, zumal sich der Richter keineswegs überall 
die Reserve auferlegt, die ihm bei seiner Laienhaftigkeit in psychiatrischen 
Dingen geboten wäre, sondern es an manchen Orten für richtig findet, dem 
Gange der ärztlichen Untersuchung durch „beständiges Dreinreden 14 , wie ein 
Direktor anführt, die von ihm gewünschte Richtung zu geben, und überaus 
großen Wert, nicht nur auf die „eigene Vernehmung 4 *, sondern auch gelegent¬ 
lich „auf die kritische Beleuchtung des ärztlichen Untersuchungsergebnisses“ 
(!) legt. 

So kommt es, daß seit der Geltung der neuen E.-O. vorzeitige, 
bzw. ungerechtfertigte Entlassungen in einer der Berücksichtigung 
würdigen Zahl Vorkommen. Es soll nicht geleugnet werden, daß vorzeitige, 
bzw. unzeitige Entlassungen auch schon früher vorgekommen sind, es soll 
vielmehr zugegeben werden, daß auch früher ab und zu seitens der Gerichts¬ 
kommission Personen für gesund, bzw. geheilt erklärt worden sind, die es 
nicht waren, abgesehen davon, daß auch der Anstaltsleiter, der ja immer 
auch aus eigenem auf die möglichst baldige Entlassung bedacht ist und 
dabei oft ein recht großes Risiko nicht scheut, in dieser Hinsicht sicherlich 
manchen Fehlgriff gemacht hat; aber seit dem Inkrafttreten der E.-O. haben 
sich die Fälle, in welchen der Anstaltsleiter durch die Erklärung der Un¬ 
zulässigkeit der Anhaltung zur vorzeitigen Entlassung geradezu gedrängt 
wird, falls er nicht in jedem einzelnen Falle den widerwärtigen Weg des 
Rekurses einschlagen will, auf Grund des eben berührten Verhältnisses — 
daß noch ein anderer Grund in Betracht kommt, wird später zu zeigen sein 
— entschieden vermehrt. 

Es berichtet z. B., wie bereits gelegentlich erwähnt, der Direktor einer 
größeren böhmischen Anstalt, daß unter den 23 „Unzulässigkeits* 4 erklärungen, 
die in dieser Anstalt im ersten Jahre der Wirksamkeit des Gesetzes vor¬ 
gekommen sind, acht zu vorzeitiger Entlassung geführt haben, dar¬ 
unter Fälle von Melancholie, Dementia praecox usw. „Bei drei derartigen 
Fällen erfolgte nach wenigen Wochen die Wiederaufnahme. Die Zahl der 
Verpflegstage hat sich hiemit vermindert, wodurch dem Landesfonds ein 
unerheblicher Vorteil erwuchs; die Patienten kamen aber in Nachteil; einem 
vierten wurde die Entlassung verhängnisvoll, er mußte sofort einrücken, 
wurde schon während des Transportes nach Ungarn rückfällig, zuerst dem 
Gamisonsgericht, dann der Beobachtungsstation übergeben. In erschöpftem 
Zustande kam er in die Anstalt zurück und starb an Inanition innerhalb 
48 Stunden.** Der Direktor fährt fort: „Die Schicksale der sechs Militär¬ 
personen, die von den Militärbehörden für anstaltsbedürftig befunden, hier 
gerichtlich jedoch entweder für gesund oder nicht anhaltungsbedürftig (1 Ref.) 
erklärt wurden, sind uns nicht bekannt.'* f 

Der Direktor der Anstalt Feldhof berichtet aus der Zeit vor der 
bereits erwähnten Konferenz: „Die gerichtsärztliche Expertise befand sich 
im allgemeinen auf keinem hohen Niveau. Unter dem Drucke des zur Eile 
mahnenden Richters waren die Untersuchungen der Kranken nicht eingehend, 
sie erwiesen sich als unzulänglich, indem objektive Zeichen des Krankheits¬ 
bildes nicht beachtet wurden und gewöhnlich der flüchtige Eindruck, den der 


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Pflegling während der nur einige Minuten dauernden Untersuchung hervorrief, 
dafür maßgebend war, um die Aufgabe des Sachverständigen: die Festsetzung 
der Diagnose, der Prognose und des Grades der Handlungsfähigkeit, restlos 
zu lösen. Es kamen deshalb Fälle vor, wo die Anhaltung zweifellos 
Geisteskranker als unzulässig bezeichnet wurde, was bei sorg¬ 
fältiger Untersuchung gewiß unterblieben wäre. Die Direktion hat daher gegen 
eine psychiatrische Sachverständigentätigkeit, die aus Mangel praktischer Er¬ 
fahrung zu Mißgriffen führte, Protest erhoben. Das Gericht hat aber die 
geäußerten Bedenken als unangebracht und auf die Wahl des Sachverstän¬ 
digen als einflußlos zurückgewiesen. 1 * Erst bei der „Konferenz** hat Dr. Hass- 
mann seinen Willen dann doch durchgesetzt 

Angesichts der Fälle ungerechtfertigter Entlassung durch die Kommis¬ 
sion — eine ausführlichere Darstellung der einschlägigen Fälle glaube ich 
Ihnen, meine Herren, und mir ersparen zu können — ist, wie ich glaube, 
ein ne quid nimis! am Platze. Es ist geboten, in der guten Absicht, zu verhüten, 
daß ja nicht etwa ein Genesender um einen Tag länger als nötig in der 
Anstalt zurückgehalten werde, nicht so weit zu gehen, daß man einen noch 
Kranken aus der Anstalt weist und dadurch unter Umständen in Gefahr bringt 
Nicht nur der Schutz Gesunder gegen ungerechtfertigte Beschrän¬ 
kung der persönlichen Freiheit, sondern auch der Schutz noch Kranker 
vor den Gefahren, die ihm aus einer vorzeitigen Entlassung erwachsen könnten, 
also kurz gesagt, der Schutz des Kranken vor der Freiheit, 
muß im Auge gehalten werden. Und diese Forderung muß um so lauter 
erhoben werden, als die E.-O. die aus dem gesamten Komplexe des Irren- 
wesens herausgerissenen Fragen der Anhaltung in Anstalten und der Entmün¬ 
digung in durchaus einseitiger Weise regelt und nichts enthält, was auf die 
Notwendigkeit der Wahrung des erwähnten zweiten Gesichtspunktes hinwiese. 

Aus diesem Grunde nun muß ich die Zuziehung eines An¬ 
staltsarztes, tond zwar womöglich eines Anstaltsarzfces, der den zu 
Untersuchenden genau kennt, und daher aus seiner eigenen Erfahrung die 
Krankengeschichte, wo es nottut, zu ergänzen und gegebenenfalls, zur Ver¬ 
hütung eines irrigen Beschlusses, das Weiterbestehen von Geisteskrankheit 
oder Geistesschwäche nachzuweisen, bzw. zu betonen in der Lage ist, also 
am besten, wie es in Niedernhart geschieht, die Zuziehung eines Arztes der¬ 
jenigen Abteilung, auf welcher der Kranke untergebracht ist, für empfehlaas¬ 
wert, ja unter Umständen geradezu für geboten erachten. 

Der Einwand der Befangenheit der Anstaltsärzte ist durchaus un¬ 
gerechtfertigt, da, wie ja auch der Regierungsvertreter, der damalige Sektions¬ 
chef Dr. Schauer, gelegentlich im Justizausschusse bemerkt hat, „die 
öffentlichen Anstalten kein Interesse haben, einen Geisteskranken festzuhalten“. 
Wie reimt sich übrigens auch mit dem Argumente der angeblichen Befangen¬ 
heit der Anstaltsärzte die Tatsache zusammen, daß „als zweiter Sachver¬ 
ständiger auch ein Arzt der öffentlichen Irrenanstalt zugezogen werden 
kann“, besonders wenn man bedenkt, daß nach § 19, Abs. 3, die Zuziehung 
eines zweiten Sachverständigen u. a. dann zu erfolgen hat, „wenn sich bei 
der Untersuchung der Fall als zweifelhaft darstellt**, das heißt also, wenn 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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der Fall so liegt, daß gerade jegliche Art von Befangenheit ausgeschlossen 
sein muß ? f 

Man wird vielleicht sagen wollen: Wenn in „zweifelhaften“ Fällen, 
wie erwähnt worden ist, ohnehin ein Anstaltsarzt beigezogen werden kann, 
bzw. beigezogen wird, so ist der eben vorgebrachten Forderung ja schon 
entsprochen. Dagegen muß aber eingewendet werden, daß erstens die Zu¬ 
ziehung eines Anstaltsarztes und überhaupt eines zweiten Sachverständigen 
in zweifelhaften Fällen keineswegs überall und regelmäßig erfolgt, was 
schon daraus hervorgeht, daß in der erwähnten Anstalt, in welcher unter 
23 Unzulässigkeitserklärungen des ersten Jahres nach Ansicht des Direktors 
vorzeitige vorgekommen sind, bis jetzt in einem einzigen Falle ein Anstalts¬ 
arzt als zweiter Sachverständiger beigezogen worden ist, zweitens daß es 
zur Konstatierung der Zweifelhaftigkeit eines Falles, als 
der Voraussetzung der Zuziehung eines zweiten Sachverständigen, wenn sie 
der Kommission überlassen bleibt und nicht etwa, wie neuerdings in Feldhof, 
demjenigen übertragen wird, der allein darüber schon im voraus urteilen 
kann, nämlich dem Anstaltsarzt, bzw. dem Anstaltsleiter, in nicht wenigen 
Fällen von tatsächlicher Zweifelhaftigkeit überhaupt gar nicht kommt, weil 
z. B. ein Melancholiker, dessen Affekts törung im Abklingen ist und der, weil 
er gerade einen guten Tag hat, seine Verstimmung geschickt zu verbergen 
weiß, vom Sachverständigen als zweifellos genesen angesehen wird. — 
Zu § 19, Abs. 3, wäre nur zu bemerken, daß, soweit meine Nach¬ 
richten reichen, bisher in keiner Anstalt ein Fall der Beiziehung eines 
zweiten Sachverständigen „auf Verlangen des Angehaltenen oder dessen 
Vertreters“ vorgekommen ist 

§ 20 . 

§ 20, Abs. 1, ist geeignet, uns einen Begriff von dem Umfange der 
Arbeit zu verschaffen, mit der der Richter „zur Beurteilung des Geistes¬ 
zustandes der Angehaltenen“ beizutragen hat. 

Was den Effekt betrifft, scheint er mir wenig erheblich zu sein. 
Ich habe Gelegenheit gesucht und gefunden, in eine ganz erkleckliche Zahl 
von einschlägigen Akten Einblick zu nehmen, und habe dabei auch nicht 
selten Protokolle über Vernehmungen von Zeugen und Auskunftspersonen 
vorgefunden. Auf Grund dieser Erfahrung muß ich sagen, daß ich nicht 
glauben kann, daß je einmal ein Sachverständiger aus einem derartigen Pro¬ 
tokolle irgend einen Gewinn für seine Aufgabe gezogen hat, was ja leicht 
begreiflich ist, da die Vornahme diesem Zwecke dienlicher Erhebungen 
psychiatrische Sachkenntnis zur Voraussetzung hat Manchmal enthält ja ein 
solches Protokoll ein Körnchen Brauchbares, aber dann meist versteckt in 
einem Wust leeren Geredes. y 

Eher wäre noch an einen Erfolg zu denken bei Vernehmungen von 
Auskunftspersonen über bestimmte, von den Sachverständigen formulierte 
Fragen. 

Zu § 20, Abs. 2, wäre zunächst zu bemerken, daß eine Reihe von 
Anstalten über allzu große Inanspruchnahme durch die Forderung des Richters 
nach Krankheitsgeschichtsabschriften klagt In anderen Anstalten werden 


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Dr. Josef Berze. 


dagegen solche Abschriften in verschwindend seltenen Fällen oder überhaupt 
nicht verlangt. Ein beiläufiger Überblick scheint zu lehren, daß im allgemeinen 
die Menge der geforderten Krankheitsabschriften im umgekehrten Verhält¬ 
nisse zum Maße der psychiatrischen Versiertheit der Sachverständigen steht, 
was übrigens leicht zu begreifen ist, denn der wenig versierte „Sachverstän¬ 
dige“ muß sich auf die Untersuchung vorbereiten, sich die Fragen, die er 
bei der Untersuchung an den Kranken richten wird, an der Hand der Kranken¬ 
geschichte zurecht legen u. dgl., während der versierte Psychiater dieser 
Hilfe entraten kann. 

Daß den nicht oder doch zu wenig psychiatrisch erfahrenen Sach¬ 
verständigen die Krankengeschichte oft in einem Maße als Unterlage für 
die ganze Untersuchung dient, das in seiner Ausgiebigkeit als geradezu unver¬ 
einbar mit de r Bestimmung des Anhaltungsverfahrens als Kontrolleinrichtung 
erscheinen muß, sei bloß nebenbei erwähnt. Dagegen muß auf ein sich auf 
die Art der Verwendung der Krankengeschichte bei der 
Untersuchung beziehendes Gravamen einer ganzen Reihe von Anstalts¬ 
leitungen näher eingegangen werden. 

Auch schon vor dem Inkrafttreten der E.-O. ist es ab und zu einmal 
vorgekommen, daß nach der Kommission der eine oder andere Kranke erregt 
klagte, nur die Anstaltsärzte hätten es mit ihrer Krankengeschichte ver¬ 
schuldet, daß er in der Anstalt bleiben müsse. Solche Fälle waren jedoch 
selten, da sich die Richter als Kommissionsleiter eine gewisse Reserve auf 
zuerlegen pflegten. Seit dem Inkrafttreten der E.-O. ist aber aus diesem 
früher kleinen Übelstand an manchen Orten eine wahre Plage geworden. 
Uneinsichtige Sachverständige lesen den Kranken aus seiner Krankengeschichte, 
die sie beständig vor sich liegen haben, manchmal so, daß der Kranke, wenn 
er will, bequem mitlesen kann, mehr oder weniger lange Stellen vor — 
darunter Äußerungen, die der Kranke seinerzeit dem Anstaltsarzte gegenüber 
vermeintlich im Vertrauen gemacht hat —, besonders oft in der Absicht, 
den Kranken, der vor der Kommission zu dissimulieren bestrebt ist und dem 
sie auf andere Weise nicht beizukommen verstehen, zur Preisgabe seiner 
Wahnideen zu veranlassen, — und nehmen so den Kranken in oft kaum 
mehr korrigierbarer Weise gegen den Anstaltsarzt, zu dem doch der Kranke 
vor allem Vertrauen haben soll, ein, ganz abgesehen davon, daß sie dadurch, 
daß sie dem Kranken das Parere Vorhalten, den Amtsarzt, der diese aus¬ 
gestellt hat, ins Gedränge bringen, daß sic dadurch, daß sie den Kranken in 
die Angaben über ßeine Gewalttätigkeit, welche etwa seine Gattin, seine 
Kinder usw. zur Anamnese gemacht haben, einweihen, diese nicht selten 
in Gefahr bringen, daß sie endlich durch den Hinweis auf die Berichte des 
Pflegepersonales das Verhältnis des Kranken zu diesem für die Zukunft 
trüben, ja zuweilen geradezu unleidlich gestalten. Und zu alledem kommt 
dann noch der Richter, der im Gefühle seiner ihm durch die E.-O. zuteil 
gewordenen Befugnis nunmehr nicht selten persönlich darangeht, den An¬ 
gehaltenen zu untersuchen, obwohl er begreiflicherweise von der Technik des 
Verkehres mit Kranken zumeist keine Ahnung hat oder sie doch nur in 
durchaus unzureichendem Maße beherrscht und daher nicht selten gegen die 
primitivsten Forderungen der Irrenpflege dabei verstößt! 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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Der Anstaltsleiter ist solchen Vorkommnissen gegenüber ganz macht¬ 
los. Die E.-O. enthält nicht die Spur eines Hinweises darauf, daß die Mit¬ 
glieder der Untersuchungskommission auch daran zu denken haben, daß sie 
es — in der Regel wenigstens — mit geisteskranken Personen zu tun haben, 
die nicht unnötigerweise beunruhigt, behelligt, gegen ihre Angehörigen, Pfleger, 
Ärzte aufgereizt werden dürfen, vielmehr soweit nur möglich geschont und 
in ihrem Zutrauen zu den Personen, die sich um sie zu sollen haben, 
bestärkt werden sollen. 

Sollte es wirklich notwendig sein, zu dem Mittel zu greifen, über 
welches der Direktor einer böhmischen Anstalt berichtet: „Wir üben in dem 
Einträgen in die Krankengeschichte jetzt Vorsicht und geben nicht alle unsere 
Ermittlungen, wie sich’s gehörte, preis“? 

§ 21 . 

Die Bestimmung: „Der Richter hat den Angehaitenen persönlich zu 
vernehmen,“ wird von den Richtern gewöhnlich dahin aufgefaßt, sie hätten 
nach der Untersuchung des Angehaltenen durch die Ärzte außerdem noch 
persönlich zu vernehmen. 

Die Vernehmung des Angehaltenen durch den Richter erfolgt oft in 
der Art, daß sie den Eindruck einer Kontrolle des Sachverständigen durch 
den Richter macht. Daher faßt der Direktor einer größeren mährischen Irren¬ 
anstalt seinen Bericht über diesen Punkt, wie folgt: „Der Nichtfacharzt kon¬ 
trolliert den Facharzt und der Laie, der Richter, wieder jenen. Dadurch ist 
natürlich für Wahrung der persönlichen Freiheit am sichersten gesorgt 44 
Von einigen Anstaltsleitern wird hingegen betont, daß die Vernehmung durch 
den Richter eine reine Formalität sei, die man lieber beiseite lassen sollte, 
zumal nicht selten Schaden damit angerichtet wird, der daraus entspringt, 
daß der Kranke die Situation verkennt den Richter für einen Strafrichter 
hält, der ihn nicht vernimmt sondern verhört und daher um so leichter in 
Erregung gerät. Besonders im Anfang ist dieser Übelstand an manchen Orten 
unangenehm fühlbar geworden. „Mit der Zeit kommt Erfahrung und so haben 
sicli in der Folge die anfänglichen Verstöße, Indiskretionen und Beunruhi¬ 
gungen im allgemeinen vermeiden lassen. 44 

Meine eigene Ansicht über die Vernehmung des Angehaltenen durch 
den Richter deckt sich beiläufig mit der eines Anstaltsleiters, der darüber 
folgendes ausführt: „Meines Erachtens hätte sich die persönliche Vernehmung 
durch den Richter auf die Feststellung der Identität und der Personalien 
des I Versuchten zu beschränken, sich über sein Verhältnis zu den An¬ 
gehörigen und seine etwaigen Wünsche, betreffend die Person des Kurators 
oder Beistandes, zu orientieren, und könnte die richterliche Intervention für 
den Anstalts-, wie für den Gerichtsarzt noch dadurch wertvoll werden, daß 
ex* ihnen gerichtsordnungsmäßig erhobene Daten aus dem Akte zur Verfügung 
stellt, die beiden bis dahin nicht zugänglich waren. Wenn er sich aber auf 
das Feld der Psychiatrie begibt, dürfte er kaum am Platze sein und insbeson 
dere dann regelmäßig den kürzeren ziehen, wenn er es mit Ärzten zu tun 
hat, die halbwegs sattelfest in ihrer Sachverständigkeit, sowie unabhängig 
Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. f> 


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l)r. Josef Bcrzo. 


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und energisch genug sind, ihren Standpunkt zu wahren. Leider gebricht es 
diesbezüglich manchmal in allen drei Belangen/* 

Was die Vernehmungen von Ärzten und Angestellten der Anstalt 
betrifft, so sind sie bisher fast ausnahmslos in der Anstalt vorgenommen 
worden. In Niedernhart sind anfangs „Vorladungen der Ärzte zum Bezirks¬ 
gerichte zum Zwecke der Zeugeneinvernahme erfolgt; dem Einsprüche des 
Direktors gegen dieses Verfahren wurde stattgegeben und die Einverneh¬ 
mungen bei Gericht unterblieben hinfort“. 

Von seinem Rechte des jederzeitigen Zutrittes zu der Anstalt hat 
der Richter außer der Zeit der angesagten Kommissionen nur in den wenigsten 
Anstalten, und da nur höchst selten, Gebrauch gemacht. Dagegen berichtet 
der Direktor der Anstalt in Kosmanos: „Einzelne Gerichtsärzte pflegen Vor¬ 
untersuchungen vorzunehmen — ohne erhebliche Störung der An¬ 
staltsordnung, jedoch unter Inanspruchnahme des Wartepersonales, was immer¬ 
hin unangenehm fühlbar wird (Wärtermangel, unpassende Tageszeit).“ In 
der E.-O. sind derartige Voruntersuchungen durch die Sachverständigen 
nicht vorgesehen. 

Beschränkt sich der Richter darauf, seine Vernehmung vor oder 
nach der Untersuchung des Angehaltenen durch die Ärzte vorzunehmen, so 
geht die Sache im ganzen noch eher an als dann, wenn er seine (Aufgabes 
den Angehaltenen persönlich zu vernehmen, dahin auslegt, er habe an der 
Untersuchung selbst aktiv teilzunehmen. Dann wird sie unter Umständen 
zu einer wahren Kalamität. Derselbe Anstaltsleiter, den ich eben zitiert 
habe, sagt darüber folgendes: „Daß das beständige Dreinreden eines Laien 
die Untersuchung durch den Experten in den meisten Fällen erschweren und 
verzögern muß, dürfte jedem Praktiker klar sein. Was würde man, um die 
Analogie einer richterlichen Einflußnahme bei der körperlichen Untersuchung 
heranzu ziehen — sagen wir bei einem durch Stich Verletzung erzeugten 
Pyo*Pneumothorax —, dazu sagen, wenn der Jurist zu Hörrohr, Hammer 
und Sonde greifen wollte? Man würde es absurd finden! Nicht absurd aber 
soll es sein, wenn der Richter bei einem im formalen Gedankenablauf, in 
seiner Dialektik, im Umfang seiner Kenntnisse nicht geschädigten Paranoiker, 
Katatoniker oder gemeingefährlichen Degenerierten, über dessen geistige 
Störung, Fühlen, Wollen und Handeln ein paar Minuten laienhaft oberfläch¬ 
licher Besprechung keinen Aufschluß geben können, geistige Gesundheit, 
Anhaltungs- oder Entmündigungsbedürftigkeit entscheiden will? Genügt das 
Aufsagen des Einmaleins dazu, daß der Richter und unter seinem Druck 
der oben gekennzeichnete Gerichtsarzt, wie es hier tatsächlich geschehen 
ist, die Entlassung eines ethisch verkommenen, kriminellen Imbezillen be¬ 
schließen können, den man nach langer Bemühung der Eltern und aller 
möglichen Behörden endlich in die Irrenanstalt gebracht hat? Und dies 
gewissermaßen in Opposition zu der ausführlichen schriftlichen Erklärung 
der Anstaltsleitung, die dringende Anstaltsbedürftigkeit des Pfleglings 
nach weistl“ 

DaC die Vernehmung durch den Richter zur Erreichung des Zweckes 
keineswegs unbedingt erforderlich ist, geht wieder aus dem Berichte des 
Direktors der Anstalt Feldhof hervor: „In der bereits mehrmals erwähnten 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 67 

Konferenz wurden die Richter gefragt, was sie denn mit der persönlichen 
Vernehmung eines Kranken eigentlich bezwecken. Als die Antwort erfolgte, 
daß sie sich ein Urteil über den Zustand bilden wollen, wurde ihnen klar¬ 
gemacht, daß sie sich eine maßgebende Meinung über eine bestehende 
Geisteskrankheit nicht bilden können. Es unterbleibt jetzt auch 
die persönliche Vernehmung.“ — Und es geht auch so! 

§ 22 . 

Der § 22 ist sozusagen der Kern des ganzen Komplexes von Be¬ 
stimmungen, die das gerichtliche Verfahren bei der Aufnahme in geschlossene 
Anstalten zum Gegenstände haben. Bezeichnenderweise hat sich auch die 
Interpretationskunst, die an den übrigen Paragraphen dieses Abschnittes 
der E.-O. ziemlich glatt vorbeigegangen ist, seiner alsbald bemächtigt und 
es auch glücklich zuwege gebracht, daß bereits zwei in einem wesentlichen 
Punkte divergierende Meinungen über ihn vertreten werden. 

Daß der Wortlaut des § 22 zu solchen Meinungsverschiedenheiten 
Anlaß gebe, kann keineswegs behauptet werden. Es stellt sich vielmehr 
heraus, daß die von der offenbar richtigen abweichende andere Meinung 
darauf zurückzuführen ist, daß in den § 22 von ihren Vertretern etwas 
hineingelegt worden ist, was er tatsächlich nicht enthält. 

Da in dieser Bestimmung der Zulässigkeit der Anhaltung die 
Anordnung, daß der Angehaltene „als geistesgesund befunden zu 
entlassen“ ist, gegenübersteht*), ist es wohl — abgesehen davon, daß 
auch die „Erläuterungen“ keinen Zweifel in diesem Punkte übrig lassen — 
ganz klar, daß der Gesetzgeber nur zwei Fälle meinen kann: entweder der 
Angebaltene ist nicht geistesgesund, sondern geisteskrank, bzw. geistesschwach; 
dann ist seine Anhaltung in der Anstalt als zulässig zu erklären — oder 
der Angehaltene ist geistesgesund; dann ist seine Anhaltung als unzulässig 
zu erklären, bzw. seine Entlassung zu verfügen. 

Diese unbestreitbar richtige Auffassung wird auch vom k. k. Sektions¬ 
rat Dr. R. Hermann in seinen Bemerkungen zu § 22, wie folgt, ver¬ 
treten : „Findet (daher) das Gericht, daß der Angehaltene nicht geistes¬ 
gesund ist, so hat es die Zulässigkeit der Anhaltung auszusprechen; 
stellt es die G e i s t e s gesundheit fest, so hat es die Entlassung zu ver¬ 
fügen. Es soll die Beruhigung geschaffen werden, daß ein Geistesgesun¬ 
der nicht wider seinen Willen in einer Anstalt festgehalten werde. Dagegen 
ist $s nicht Sache des Gerichtes, die rein medizinische und Verwaltung* 
rechtliche Frage zu entscheiden, ob der Angehaltene trotz festgestell- 
ter Geisteskrankheit nicht anstaltsbedürftig ist. Daher 
wird auch das statutenmäßige Recht des Leiters der öffentlichen Irrenanstalt 
zur Aufnahme und Entlassung von Kranken nicht berührt.“ 


*) Das k. k. Landesgericht in Zivilsachen führt in der Begründung eines 
Beschlusses, mit dem dem Rekurse eines Pfleglings nicht Folge gegeben wird, 
u. a. aus: „Denn das Gesetz.... läßt aus dem im § 22 E.-0. aufgestellten Gegen¬ 
sätze erkennen, daß die Anhaltung dann zulässig sei, wenn nicht der Ausspruch 
zu fällen ist, daß der An gehaltene geistesgesund ist.“ 


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Dr. Josef Be ize. 


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Gerade was Hermann negiert und was wohl jeder negieren muß, 
der den § 22 nimmt, wie er ist, wird von den Vertretern der anderen Ansicht 
in ihn hineininterpretiert. 

Dr. Sternberg führt in seinem Kommentar diesbezüglich aus; 
„Nicht ganz richtig sagen die Erläuterungen (S. 259), daß, wenn der An¬ 
gehaltene geisteskrank oder geistesschwach ist, seine Anhaltung für zulässig 
zu erklären sei. Nicht darum handelt es sich, festzustellen, in welchem 
Geisteszustände sich der Angehaltene befindet, sondern, wie im § 22 wörtlich 
gesagt wird: „ob die weitere Anhaltung in der Anstalt zulässig ist.“ Wenn 
daher die Erläuterungen weiter (S. 260) bemerken, daß, ob ein Kranker 
tatsächlich in einer Anstalt angehalten werden soll, eine Frage der Ver¬ 
waltung sei, die zunächst nicht das Gericht zu entscheiden hat, so läuft 
diese Behauptung der ausdrücklichen Bestimmung des § 22 ganz zuwider. In 
dem ganzen Verfahren handelt es sich nur um die Frage, ob der Angehaltene 
in der Anstalt zu verbleiben hat. Auch ein Geisteskranker muß nicht immer 
anstaltsbedürftig sein und muß daher nicht in der Anstalt gehalten werden. 
Die Praxis darf auf diese Bemerkung der Erläuterungen keine Rücksicht 
nehmen und muß sich vielmehr ganz nach dem Wortlaut des § 22 richten.“ 

Man sieht: Sternberg ist päpstlicher als der Papst. Von der an 
und für sich richtigen und selbstverständlich nicht nur jedem Psychiater, 
sondern wohl auch jedem einsichtigen Laien geläufigen Tatsache ausgebend, 
daß nicht alle Geisteskranken, bzw. Geistesschwachen „anstaltsbedürftig“, 
d. h. der Anhaltung in einer geschlossenen Anstalt bedürftig sind, findet er 
es als selbstverständlich, daß § 22 auch besagen müsse, die Anhaltung sei 
auch dann als unzulässig zu erklären, wenn es sich zwar um einen Geistes¬ 
kranken, aber um einen Geisteskranken, der als nicht anstaltsbedürftig 
anzusehen sei, handle. Da ihm bei dieser Deutung die „Erläuterungen“ im 
Wege sind, erklärt er sie schlankweg für nicht ganp richtig“, obwohl nicht 
recht einzusehen ist, wieso er besser wissen will, was der Gesetzgeber gemeint 
hat, als dieser selbst, und fordert die Praxis geradezu auf, auf „diese Be¬ 
merkung der Erläuterungen keine Rücksicht zu nehmen“. 

Die Ansicht Sternbergs könnte uns nun relativ kalt lassen, wenn 
nicht die Praxis in der Tat da und dort bereits den Weg eingeschlagen 
hätte, den ihr Sternberg weisen möchte. 

Bevor ich auf die Vorkommnisse, die da in Betracht kommen, eingehe, 
möchte ich aber erwähnen, daß der Gesetzgeber doch wieder nicht ganz 
unschuldig daran ist, daß diese Auffassung Vertreter finden konnte. In 
§ 23, Abs. 4, heißt es: „Dem Angehaltenen, der noch nicht entmündigt ist, 
dessen Eltern, Kindern, Ehegatten, Geschwistern und Vertretern bleibt es 
unbenommen, auch vor der bestimmten Zeit eine neuerliche gerichtliche 
Untersuchung und Entscheidung zu verlangen, wofern Gründe für die An¬ 
nahme vorliegen, daß die weitere Anhaltung nicht mehr notwendig ist*' 
Warum: „n o t w e n d i g ist?“ Es handelt sich doch im ganzen Verfahren um die 
Zulässigkeit und nicht um die Notwendigkeit! Warum heißt es 
also an dieser Stelle nicht: „wofeme Gründe für die Annahme vorliegen, 
daß die weitere Anhaltung nicht mehr zulässig ist“, oder: „daß sie nicht 
mehr zu rechtfertigen ist“, oder noch besser: „daß der Angehaltene bereits 


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Die Entmündigungsorilnung und die Irrenanstalten. 


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geheilt ist'*? Zweitens: In den „Erläuterungen“ ist S. 257 unten zu 
lesen, das Anhaltungsverfahren habe sich mit der Frage zu befassen, „ob 
die Anhaltung des Kranken (!) .wider seinen Willen in einer Irrenanstalt 
(furch die Umstande gerechtfertigt sei". Eine recht imglückliche Ausdrucks¬ 
weisel Denn, wer will, kann daraus in der Tat entnehmen, daß es sich nicht 
nur um die Konstatierung handelt, ob man es mit einem „Kranken“ zu tun 
hat, sondern auch darum, ob die Anhaltung des konstatiert Kranken „gerecht¬ 
fertigt sei“ (sc. durch andere Umstände, wie Gemeiqgefährlichkeit, Hei¬ 
lungsmöglichkeit, Pflegebedürftigkeit). Und dann noch eins: Der Regierungs¬ 
vertreter Sektionschef Dr. Ritter v. Schauer hat nach Bericht des Justiz¬ 
ausschusses in der Sitzung des Justizausschusses vom 21. März 1912 u. a. 
ausgeführt, es sei ganz gut möglich und komme sogar häufig vor, daß die 
Aufnahme zwar seinerzeit mit Rücksicht auf den Geisteszustand des Kranken 
vollkommen begründet gewesen ist, daß sich aber nach Verlauf von wenigen 
Wochen, nachdem sich der Angehaltene in der Anstalt beruhigt hat, die 
weitere Anhaltung nicht mehr als notwendig darstellt; wenn nun das Gericht 
infolgedessen erkenne, daß der Angehaltene als geistig gesund zu entlassen 
sei, so liege diese Entscheidung ganz gewiß im Interesse des Angehaltenen, 
weil er eben auf Grund dieser Entscheidung wieder die freie Bewegung erlange. 
Aus diesen Ausführungen könnte man in der Tat das herauslesen, was 
Sternberg will, nämlich: wenn sich ein Kranker soweit beruhigt hat, 
daß sich die weitere Anhaltung nicht mehr als notwendig (nicht: nicht 
mehr als zulässig) darstellt, so ist er zu entlassen. Und, wenn auch Stern¬ 
berg weder von diesen noch von den anderen bezeichneten Argumenten 
für seine Ansicht etwas erwähnt, Ist es doch nicht ausgeschlossen, daß er 
gerade durch die Ausführungen des damaligen Sektionschefs Dr. v. Schauer 
beeinflußt worden ist, denen er offenbar schon darum besondere Bedeutung 
beigemessen haben dürfte, weil ihm die näheren Beziehungen des genannten 
Regierungsvertreters zur E.-O. nicht entgangen sein dürften. - ’ 

Und nun zur Praxis! 

In der Klostemeuburger Anstalt kamen im ersten Monate nach dem 
Inkrafttreten der E.-O. zwei Fälle vor, in welchen der Angehaltene nicht 
für gesund, seine Anhaltung aber dennoch als unzulässig erklärt 
wurde. Der eine betraf einen bereits reichlich dementen, aber harmlosen 
Paralytiker — in der Begründung heißt es einfach, daß der Angehaltene 
„nicht anhaltungsbedürftig erscheint“ —, der andere einen bereits ziemlich 
vorgeschrittenen Fall von seniler Demenz — in der Begründung wird aus¬ 
drücklich bemerkt, daß der Angehaltene als „geistesschwach und nicht an¬ 
haltungsbedürftig erscheint“. Ich habe daraufhin alsbald die Entlassung 
durchgeführt, weil ich zufällig auch Angehörige ausfindig machen konnte, 
die sich zur Übernahme der im ganzen harmlosen Kranken bereit erklärten 
und mir auch dazu geeignet erschienen; zugleich aber habe ich dem Kom- 
missionsleiter durch den die Anstalt bei der Kommission vertretenden Arzt 
zu wissen gegeben, daß nach meiner unmaßgeblichen Meinung die aus diesen 
zwei Fällen ersichtliche Auffassung des § 22 der E.-O. nicht die richtige 
sei; darauf — ich sage nicht: deswegen, weil es auch möglich ist, daß sich 
der Richter aus eigenem zu einer meines Erachtens besseren Einsicht bekehrt 


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Dr. Josef Herze. 


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hat — hat die Kommission von weiteren derartigen Konstatierungen in 
Klosterneuburg Abstand genommen. 

Allerdings gibt es auch da sozusagen einen „Ersatz“, ich meine die 
Anwendung der Formel: geheilt mit Defekt Wenn der halluzinatorische 
Verwirrtheitszustand eines Kranken zurückgegangen ist aber doch noch gewisse 
krankhafte Züge bei ihm weiterbestehen, oder wenn eine Affektstörung 
bereits nahezu, aber doch noch nicht ganz abgeklungen ist oder wenn 
nach Ablauf irgend einer akuten Phase beim Kranken ein einfacher, nicht 
zu hochgradiger Schwachsinn zurückgeblieben ist erklären die Sachver¬ 
ständigen nicht selten, er sei „geheilt mit Defekt“. Z. B. folgender Beschluß: 
„Die weitere Anhaltung des N. N. ist unzulässig. Der Beschluß gründet 
sich auf die Krankengeschichte der Anstalt das Gutachten der Sachverstän¬ 
digen und die Vernehmung durch den Richter, wodurch festgestellt ist daß 
Obiger einen halluzinatorischen Erregungszustand durchgemacht hat der jetzt 
schon längere Zeit abgeklungen und nach dem nur eine gewisse Vulnera¬ 
bilität zurückgeblieben ist. N. N. ist als mit Defekt geheilt, also als geistes- 
gesund, zu betrachten.“ Wie man sieht setzt der Richter in der Begründung 
seines Beschlusses statt „geheilt mit Defekt“ einfach „geistesgesund“ und 
damit ist das Ganze auf die geläufige Formel gebracht Soviel nun auch 
für die Anwendung des Ausdruckes „geheilt mit Defekt“ in gewissen anderen 
Zusammenhängen und für gewisse andere Zwecke sprechen mag, gerade im 
Anhaltungsverfahren ist kein Platz für ihn. Der § 22 der E.-O. 
kennt nur den Ausdruck: geistesgesund als Bezeichnung für den Geistes¬ 
zustand, dessen Gegebensein die Entlassung des Untersuchten ex commissione 
fordert. Wenn sich der Richter veranlaßt sieht, in der Begründung seines 
Beschlusses regelmäßig neben den Ausdruck der Gerichtsärzte „geheilt mit 
Defekt“ sozusagen seinen Ausdruck „geistesgesund“ als angeblich gleich¬ 
bedeutend zu setzen, so beweist dies nur die Richtigkeit meiner Ansicht 
Es ist aber falsch, die beiden Ausdrücke als gleichbedeutend zu nehmen. 
Die Angehaltenen, die von den Sachverständigen als „geheilt mit Defekt“ 
erklärt werden, sind nicht geistesgesund, sondern haben eben 
einen Defekt, einen geistigen Defekt, der entweder in einem Reste 
von Geisteskrankheit oder aber in einem gewissen Grade von Schwach¬ 
sinn, also von Geistesschwäche im Sinne des Gesetzes, besteht, der, 
wie mir ein Oberblick zeigt, zumeist schon vor dem Einsetzen der psychischen 
Störungen, welche zur Einbringung des Kranken in die Anstalt geführt haben, 
bestanden hat, in einem kleineren Teile der Fälle aber ein Ergebnis der 
im ganzer, abgelaufenen Geistesstörung ist Wie weit solche Defekte 
übrigens gehen können, geht daraus hervor, daß — allerdings vor dem In¬ 
krafttreten der E.-O.’; ich kann hier aber davon sprechen, weil die Erklärung 
als „geheilt mit Defekt“ jetzt nach den gleichen Prinzipien, wie früher, zu 
erfolgen pflegt — auch schon Fälle vorgekommen sind, in denen der Defekt 
dem Richter so bedeutungsvoll erschien, daß er im Hinblick auf ihn au# 
eigenem von der Aufhebung der Kuratel absehen zu müssen glaubte und 
dies, obwohl die Gerichtsärzte im Gutachten ausdrücklich erklärt hatten, daß 
der Untersuchte ihrer Ansicht nach als dispositionsfähig anzusehen sei 
Demnach kann ich auch in der Verwendung der Formel: geheilt mit Defekt, 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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im allgemeinen nichts anderes sehen, als eine andere Art der Geltendmachung 
der durchaus irrigen Ansicht, die gerichtliche Untersuchungskommission im 
Aiihaltungsverfahren habe auch über die Anhaltungsbedürftigkeil^ 
also auch über die Notwendigkeit, nicht nur über die Zulässigkeit 
der Anhaltung zu entscheiden. Die richtige Entscheidung müßte meines Er¬ 
achtens in den masten in Betracht kommenden Fällen ganz anders lauten, 
und zwar erstens, wenn es sich um eine noch nicht ganz abgelaufene Geistes¬ 
krankheit handelt, so: „Die Genesung des Kranken ist wohl schon so und 
so weit vorgeschritten; doch ist der Kranke noch nicht ganz genesen, seine 
Anhaltung daher noch zulässig,** — selbstverständlich kann man eine ganz 
kurze Frist, nach welcher die Wirksamkeit dieses Beschlusses erlischt, 
bestimmen —, zweitens, wenn es sich um einen restierenden Schwachsinn, 
was. immer für einer Provenienz, handelt, dahin, daß bestimmte pathologische 
Erscheinungen, wie Aufregungs-, Verwirrtheits-, Verstimmungszustände usw., 
wohl geschwunden seien, dagegen ein gewisser Grad von Geistesschwäche 
übrig geblieben sei, weshalb die weitere Anhaltung als zulässig erklärt 
werden müsse. Ich will übrigens nicht unterlassen, anzuführen, daß Richter 
und Sachverständige in einzelnen Fällen, die höchstens um eine kleine 
Abtönung anders lagen, als Fälle, die für „geheilt mit Defekt** erklärt 
wurden, tatsächlich in der von mir eben bezeichneten Weise verfahren sind. 

Von Anstalten, die darüber klagen, daß die Gerichtskommission sich 
nicht auf die Frage der Zulässigkeit der Anhaltung beschränkt, sondern 
ausdrücklich erklärt, die Prüfung der Anstaltsbedürftigkeit als ihre 
Aufgabe zu betrachten, sei zunächst die böhmische in Kosmanos erwähnt 
Der Direktor dieser Anstalt Dr. Ruzicka, dem ich für die außerordentliche 
Gründlichkeit, mit der er auf jeden einzelnen Punkt meines Fragebogens 
eingegangen ist, zu ganz besonderem Danke verpflichtet bin, schreibt 
darüber: „Es kamen bei uns bisher 23 Unzulässigkeitserklärungen zustande. 
Davon wurden die Kranken nur zur Hälfte für gesund erklärt 
(oder ihre Genesung in ärztlichen Begründungen erwähnt). Bei den übrigen 
wurde Geisteskrankheit zugegeben, der Geisteszustand als „bedeutend ge¬ 
bessert“, die Anhaltung für „nicht erforderlich**, „nicht nötig“, oder der 
Kranke für „nicht anhaltungsbedürftig** erklärt. Bei einem Falle lautet der 
Beschluß: „ist zu entlassen, gemäß § 22 der E.-O.,“ und in der Begründung lesen 
wir: „gebessert, so daß er entlassen werden kann“ — über die Zulässigkeit 
oder Unzulässigkeit der Anhaltung kein Wort. Die Unzulässigkeits- 
erklärung hntraf Fälle von epileptischer Psychose, chronischem Alkoholismua, 
angeborenem Schwachsinn, Dementia praecox.** Direktor Ruzicka führt dazu 
noch aus: „Man hat in richterlichen Kreisen nämlich herausgefunden, daß die 
Fassung des § 22 sehr weite Grenzen der Anhaltungsmöglichkeit zieht und daß 
der Schutz der Person aufhört, sobald diese für nicht geistesgesund befunden 
wird — in der Tat bedarf nicht jede geisteskranke Person der Anstaltsdetention 
— und der Richter stellt sich deshalb nicht zufrieden mit bloßer Ko# 
statierung der Zulässigkeit, sondern man ist bestrebt, unter einem aucn 
über die Anhaltungsbedürftigkeit zu entscheiden. Bei uns wenigstens hat sich 
diese Praxis eingebürgert Man prüft demzufolge nicht, ob der Angehaltene 
als jgeistesgesund zu entlasse^ sondern ob er, obgleich geisteskrank, dennoch 


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Dr. Josef Berze. 


zu entlassen ist. Da wir für diese Entscheidung ausschließlich den Anstalts¬ 
leiter für kompetent erachten, und weil hiedurch ein Eingriff in seine Be¬ 
fugnisse und Rechte getan wird, halten wir diese den Geist des Mißtrauens 
gegen den Anstaltsarzt nährende Praxis für nachteilig für das Ansehen 
der Anstalt als einer öffentlichen Institution.“ 

Auch in Bohnic „ist es bisher in einigen Fällen vorgekommen, daß 
der Kranke zwar nicht als geistesgesund, jedoch als der Irrenanstaltspflege 
nicht mehr bedürftig befunden und seine weitere Anhaltung in einer ge¬ 
schlossenen Anstalt für unzulässig erklärt wurde“. In Troppau wurde wieder¬ 
holt „Geistesschwäche“ „als kein Grund für den Irrenanstaltsaufenthalt 
erklärt“ 1 ). 

Über ein ganz eigenartiges Verfahren der Konstatierungskommission 
berichtet der Direktor der Anstalt Hall in Tirol: „Es sind Fälle vorgekommen, 
in welchen die Kommission die Erklärung abgab, daß die weitere Anhaltung 
in der Anstalt nicht notwendig sei. Zwei davon waren Psychopathen, 
einer Paranoiker, vier Alkoholismusfälle. Von ersteren verblieb der eine 
doch in der Anstalt, weil er keine Subsistenzmittel und keine Kenntnisse 
hat, um sich draußen fortzubringen und sich niemand bereit erklärte, die 
Sorge für ihn zu übernehmen. Auch der Paranoiker zog selbst die Anstalt der 
Freiheit vor.“ 

Derartige Vorkommnisse erklären sich daraus, daß manche Richter 
der Meinung sind, durch die E.-O. sei ihnen die Kontrolle der Anstalten 
hinsichtlich der Anhaltung und die Entscheidung darüber in jeder belie¬ 
bigen Form übergeben. Bezeichnend dafür ist folgender Vorfall in Kos¬ 
manos: „Anläßlich des Entweichens eines Kranken aus der Anstalt hat 
das zuständige Gericht die Entscheidung getroffen, es willige auf Grund des 
Verhöres des Beistandes und nach Einvernahme des Kranken selbst ein. daß 
derselbe nicht wieder eingeliefert werde; die Anstaltsleitung aber forderte 
trotzdem die Rückgabe des Kranken mit dem Hinweise darauf, daß derselbe 
nach Gutachten des Divisionsgerichtes und der Gerichtsärzte für gemein¬ 
gefährlich und anhaltungsbedürftig erklärt war.“ 

Solche Entscheidungen zu treffen, noch dazu ohne den Rat eines 
Sachverständigen einzuholen, hätte ein Richter vor dem Inkrafttreten der 
E.-O. kaum gewagt! 

Eine weitere Konsequenz der irrigen Auffassung, daß es bei der Ent¬ 
scheidung nach § 22 der E.-O. auf die Frage der Anhaltungsbedürftig- 
k e i t ankomme, ist nun aber die, daß umgekehrt in den Fällen, in welchen 
die Zulässigkeit der Anhaltung ausgesprochen wird, dieser Beschluß 
ausdrücklich mit dem Hinweise auf die konstatierte Anhaltungsbedürftigkeit 


') In Kremsier wurde den Gerichtsärzten von Seiten des Bezirks¬ 
gerichtes ein Schema für das Schlnßgutachten zugeschickt, nach welchem za 
beantworten ist: 1. An welcher Art (Name) der Geisteskrankheit der Unter¬ 
suchte leidet und in welchen Symptomen sich diese äußert, 2. ob der Unter¬ 
suchte wegen seiner Geisteskrankheit unfähig ist, seine Angelegenheit selbst zu 
besorgen, und ob er der Anstaltspflege bedarf, und zwar wenn ja, aus 
welchen Gründen. 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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begründet wird. Und es muß konstatiert werden: während die Fälle, in denen 
die Anhaltung als unzulässig erklärt wird, mit der Begründung, die untersuchte 
Person sei der Anhaltung nicht bedürftig, nur ab und zu, und nur in 
einzelnen Anstalten häufiger Vorkommen, ist die Begründung der Zulässig¬ 
keit mit Anhaltungsbedürftigkeit geradezu zur Regel geworden. 

Von einer ganzen Reihe von Anstalten wird angeführt, daß der Aus¬ 
druck: anstaltsbedürftig, bzw. anhaltungsbedürftig, wenn auch nicht im 
Wortlaut des Beschlusses selbst, so doch in der „Begründung“ des Beschlusses 
erscheine. So auch in Klosterneuburg: Nicht etwa bloß in einzelnen 
Fällen, sondern geradezu regelmäßig heißt es da: „die weitere An¬ 
haltung des N. N. . . . in einer geschlossenen Heilanstalt ist zulässig. 
Der Beschluß gründet sich auf die Krankengeschichte der Anstalt, das Gut¬ 
achten der Sachverständigen und die Vernehmung durch den Richter, wonach 
der Angehaltene geisteskrank, nicht handlungsfähig und anhaltungs¬ 
bedürftig erscheint.“ 

Daß der Ausdruck: anhaltungsbedürftig so regelmäßig in der Be¬ 
gründung erscheint — zuweilen wird übrigens auch gesagt: „anhaltungs¬ 
bedürftig, weil wegen Wahnideen gemeingefährlich“, „anhaltungsbedürftig aus 
Sicherheitsgründen,“ „Anhaltung wünschenswert, zulässig, ja notwendig“ usw. 
—, ist darauf zurückzuführen, daß er von den Ärzten im Schlußsätze ihres 
Gutachtens angewendet wird und aus dem Gutachten einfach in die „Begrün¬ 
dung“ übergeht. Daß er aber von den Ärzten angewendet wird, das hat seine 
Geschichte. 

Im Anfänge schrieben die Ärzte oft schlankweg, die weitere Anhaltung 
des Untersuchten sei wegen Geisteskrankheit zulässig. Daraufhin kam es 
aber an manchen Orten zum obligaten Kompetenzkonflikt; „es wurde“, wie 
der Ybbser Anstaltsleiter Dr. S i c k i n g e r erwähnt, „strittig, ob der Sach¬ 
verständige oder der Richter auf Grund der Sachverständigengutachten be¬ 
rufen sei, die Äußerung u. a. über die Frage der Zulässigkeit der Anhaltung 
abzugeben.“ Diese Meinungsverschiedenheit wurjie zuletzt vom Richter zu 
Gunsten des Richters entschieden. Es ist dagegen meines Erachtens nichts 
einzuwenden; denn ebenso wie Zurechnungsfähigkeit, bzw. Unzurechnungs¬ 
fähigkeit, Dispositionsfähigkeit, bzw. -Unfähigkeit, ist auch die Anhaltungs¬ 
zulässigkeit im Sinne des § 22 der E.-O. und ihre Negation *) eine juristi¬ 
sche und nicht eine medizinische Sache. Wie nun aber andererseits viele 
Richter es doch wieder gerne sehen, ja nicht selten ausdrücklich verlangen, 
daß die Sachverständigen bei Vermeidung der Ausdrücke: zurechnungsfähig, 
bzw. unzurechnungsfähig doch ihre Meinung über die Frage in möglichst 
leichtfaßlicher Art zu erkennen geben, so haben manche Richter nicht nur 


*) In Beschlüssen wird gesagt: Die weitere Anhaltung ist unzulässig. 
Ganz korrekt ist dies nicht; denn das Gesetz gebraucht diesen Ausdruck nicht. 
Genau genommen wäre zu sagen: Der Angehaltene ist als geistesgesund be¬ 
funden zu entlassen. Aber es gefällt dem Juristen offenbar besser, ausdrück¬ 
lich eine Unzulässigkeit zu konstatieren. Und so recht sagen läßt sieh 
dagegen auch wieder nichts; denn „unzulässig“ ist der kontradiktorische Gegen¬ 
satz von „zulässig“. 


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Dr. Josef ßerzc. 


nichts dagegen einzuwenden, sondern wirken sogar darauf hin, daß die 
Sachverständigen im Anhaltungsgutachten eine Paraphrase der von ihrem 
Standpunkte aus zu erwartenden Entscheidung liefern, wozu allerdings nur 
bei der erwähnten unrichtigen Auslegung des § 22 ein Grund ersieht 
lieh wird, während bei richtiger Auslegung die rein medizinische Kon¬ 
statierung des Geisteszustandes zur Entscheidung der Frage der Zulässigkeit 
der Anhaltung voll genügt, ja sozusagen sie schon in sich schließt Merk¬ 
würdigerweise ist man nun, und zwar an den verschiedensten Orten in 
durchaus gleicher Weise darauf verfallen, daß das gerichtliche Gutachten 
die „Anstaltsbedürftigkeit 4 ' festzustellen habe und der richterliche Be¬ 
schluß daraufhin die „Zulässigkeit der Anhaltung 44 ausspricht 

An manchen Orten geht man übrigens über den einfachen Hinweis 
auf die Anhaltungsbedürftigkeit in der Begründung des Beschlusses noch 
weit hinaus, ja in einer großen galizischen Anstalt, wie der Direktor mitteilt, 
sogar so weit, daß man gelegentlich erklärt: „Die dauernde Anhaltung 44 , bzw. 
in einem Falle: „die bis zum Lebensende dauernde Anhaltung ist unbedingt 
wegen der Unheilbarkeit, eventuell der Gemeingefährlichkeit des Kranken 
notwendig 44 , daß man also den Kranken in Anhaltungsverfahren sozusagen 
zu lebenslänglichem Irrenhaus verurteilt. 

Man wird vielleicht sagen: Gut! richtig ist es nicht, daß sich die 
Sachverständigen auf die Frage der „Anstaltsbedürftigkeit“ einlassen —, 
aber was kann es schaden, wenn in der Begründung des Beschlusses ge¬ 
sagt wird, der Kranke sei „a n h a 11 u n g s b e d ü r f t i g“ ? 

Aus den Irrenanstalten wird bekanntlich eine große Anzahl von Per¬ 
sonen entlassen, die nicht genesen, sondern noch weiter geisteskrank sind,. 
Außer dem Modus der Entlassung „gegen Revers 44 gibt es da noch den Modus 
der Entlassung des Kranken als „der Irrenanstaltspflege derzeit nicht mehr 
bedürftig 44 (z. B. § 23 b) des alten Statutes der niederösterreichischen Landes¬ 
irrenanstalten). Während im Falle der Entlassung gegen Revers der Ober¬ 
nehmer die Verantwortung trägt, fällt sie in letzterem Falle der Anstalt, bzw. 
ihrem ärztlichen Leiter zu. Das Wagnis dabei ist nicht selten recht groß und 
ein gewisses Wagnis ist immer dabei; denn im Grunde kann man nicht 
einmal für die Aufführung eines geistig Gesunden die Verantwortung über¬ 
nehmen, geschweige denn für die eines Geisteskranken. Man sollte daher den 
Anstaltsleitern in diesem Punkte nicht noch unnötige Schwierigkeiten bereiten. 
Dies geschieht aber, wenn man einen gerichtlichen Beschluß faßt und in so 
und so vielen Exemplaren verbreitet, aus dem ersichtlich ist, daß durch 
Gerichtspsychiater die Anhaltungsbedürftigkeit festgestellt worden sei. 
Wieder will ich sagen, daß sich die große Mehrzahl der Anstaltsleiter meiner 
festen Überzeugung nach auch durch dieses Hindernis nicht abhalten lassen 
wird, einen. Kranken, der seinem Wissen und Gewissen nach nicht mehr 
anhaltungsbedürftig ist, aus der Anstalt zu entlassen, — sobald es ihm 
gelungen sein wird, eine Person ausfindig zu machen, die sich bereit erklärt, 
den Kranken wenigstens in der ersten Zeit nach seiner Entlassung ein 
wenig an die Hand zu gehen. Letzteres ist keineswegs immer leicht; denn 
soviel auch in manchen Fällen von angeblich ungerechtfertigter Internierung 
seitens den Angehörigen gejammert und geschrien wird, so hartnäckig tauben 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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Ohren begegnet der Anstaltsleiter andererseits oft, wenn er die Übernahme 
eines harmlosen Geisteskranken durch die Angehörigen durchsetzen will — 
und, ganz nebenbei bemerkt, wird er in solchen Situationen jetzt und in 
Hinkunft noch weniger Glück haben, wenn ihm die widerwilligen Angehörigen 
einen Gerichtsbeschluß entgegenhalten können, in welchem die Anhaltungs- 
bedürftigkeit des Kranken ausdrücklich festgestellt erscheint 1 Aber weiter: 
Außer den Anstaltsleitern, die immer etwas und gegebenenfalls auch viel zu 
riskieren bereit sind, wenn es die Entlassung eines Kranken gilt, gibt 
es, wie ich aus Erfahrung weiß, auch ängstliche Anstaltsleiter, die es sich 
doppelt überlegen werden, sich durch die Entlassung eines noch Geistes¬ 
kranken in Widerspruch mit dem gerichtlichen Beschlüsse, der die Anhai- 
tuugsbedürftigkeit dieses Kranken ausdrücklich konstatiert, zu setzen; und 
wenn ein solcher Anstaltsleiter den Entschluß dazu schließlich doch zuwege 
bringt, wird er dazu jedenfalls länger brauchen, als wenn dieser Beschluß 
nicht existiert hätte, abgesehen davon, daß er, wenn ihm noch dazu seitens 
der Angehörigen Schwierigkeiten bereitet werden sollten, kaum die zu ihrer 
Überwindung nötige Energie und Hartnäckigkeit aufbringen wird. 

So kann durch die unrichtige Auslegung und Handhabung des § 22 
der E.-O. bewirkt werden, „daß der eine oder der andere Geisteskranke — 
von geistig Gesunden, bzw. Genesenen ist, wohl gemerkt, hier nicht die 
Redel — länger als nötig in der Anstalt bleiben muß,“ was doch sicherlich 
nicht in der Intention des Gesetzgebers gelegen sein konnte. 

Aus allen angeführten Gründen ist meines Erachtens die Hereinziehung 
der Frage der Anhaltungsbedürftigkeit in das Anhaltungsverfahren nach der 
neuen E.-O. ganz entschieden zu perhorreszierenl 

Und wenn ich auch fürchte, daß man über die meines Erachtens aller¬ 
dings offenkundige Unzukömmlichkeit, die darin liegt, daß manche (Jerichte 
auf Grund dieser irrigen Auslegung die Erklärung der Unzulässigkeit der 
Anhaltung auch auf Geisteskranke ausdehnen, mit Rücksicht darauf, 
daß der Schaden, welcher daraus der Irrenfürsorge erwächst, nicht so leicht 
zu überblicken ist und es zunächst den Anschein hat, als ob dieser Übergriff 
den Anstaltsärzten nur deshalb nicht recht paßte, weil er ihre Bevormundung 
noch um ein beträchtliches über das Maß hinaus, das aus dem ganzen 
Anhaltungsverfahren an und für sich schon resultiert, vermehrt, gleich¬ 
mütig zur Tagesordnung übergehen wird, so wage ich doch andererseits zu 
hoffen, daß die üblen Folgen, welche sich für manchen Geisteskranken aus 
der gerichtlichen Konstatierung seiner Anhaltungsbedürftigkeit, wie erwähnt, 
ergeben können, die maßgebenden Faktoren veranlassen könnten, im Sinne 
einer richtigen Auslegung und Handhabung des § 22 seitens der Richter 
einzuwirken. — 

Bevor ich den § 22 verlasse, möchte ich aber noch einen Punkt von 
prinzipieller Bedeutung berühren, da sich kaum eine passendere Gelegenheit 
für seine Besprechung ergeben kann, als im Anschlüsse an die eben vor¬ 
gebrachten Ausführungen. 

Schon v. Sölder hat in seinem kritischen Referate über den Re¬ 
gierungsentwurf eines Entmündigungsgesetzes, erstattet auf dem III. öster- 


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Dr. Josef Berze. 


reichischen Irrenärztetag in Wien am 6. Oktober 1908 1 J), also vor neun Jahren, 
zum § 2G dieses Regierungsentwurfes, welcher dem § 22 der kaiserlichen 
Verordnung entspricht, folgendes ausgeführt: „Wenn der Entwurf im § 26 
kurzweg von einer „Entlassung“ des als geistesgesund Befundenen spricht, 
so steht dies mit dem § 20 (§ 16 der kaiserlichen Verordnung, Ref.J nicht 
ganz in Übereinstimmung. Die gerichtliche Kontrolle bezieht sich nach dem 
Sinne des § 20 (§ 16) eigentlich nicht auf die Aufnahme als solche, 
sondern auf die Beschränkung der Freiheit der Bewegung 
oder des Verkehrs mit der Außenwelt, und das Gericht übt die Kontrolle 
nicht nur in Irrenanstalten aus, wo eine solche Freiheitsbeschränkung die 
Regel ist, sondern auch in anderen Heil- und Pflegeanstalten, soferne 
sie Geisteskranke aufnehmen und eine Freiheitsbeschränkung ein- 
trelen lassen. Sinngemäß sollte es daher nicht heißen, daß der gesund 
Befundene zu entlassen ist, sondern daß die Freiheits¬ 
beschränkung in Wegfall zu kommen hat Der Wortlaut des 
Entwurfes hätte zur Folge, daß ein Kranker, der wegen körperlicher oder 
nervöser Gebrechen in der Anstaltsbehandlung zu verbleiben wünscht, 
unter Umständen zwangsweise entlassen werden muß.“ 

v. S ö 1 d c r hatte, wie man sieht, bei seinem Vorschläge vor allem 
„andere Heil und Pflegeanstalten, soferne sie Geisteskranke aufnehmen und 
eine Freiheitsbeschränkung eintreten lassen“, und nicht zunächst die Irren¬ 
anstalten im Auge, in denen, wie er sagt, „solche Freiheitsbeschränkung die 
Regel ist“. Indes paßt v. Sölders Vorschlag meines Erachtens auch auf 
die Irrenanstalten, und zwar besonders gut deshalb, weil die Institution des 
freiwilligen Eintrittes, bzw. Aufenthaltes — sie besteht derzeit aller¬ 
dings erst nur in einigen Irrenanstalten, wird aber in, wie zu hoffen ist, 
kurzer Zeit allgemeiner eingeführt sein — die Irrenanstalten in die Reihe der 
Anstalten gerückt hat, die den aufgenoinrnenen Personen gegenüber nicht 
ausnahmslos „eine Freiheitsbeschränkung eintreten lassen“. Die Kategorien 
von Kranken, die da in Betracht kommen, sind allerdings andere, als v. S ö 1- 
der erwähnt hat, — begreiflicherweise, da eben v. Sölder, wie erwähnt, 
die Irrenanstalten erst in zweiter Linie im Auge hatte. Was die Kranken, 
die nur wegen körperlicher Gebrechen in der Irrenanstaltsbehandlung 
weiter zu verbleiben wünschen, betrifft, muß ja gesagt werden, daß diesem 
ihrem Wunsche, sobald sie von ihrer Geisteskrankheit wirklich genesen sind, 
im allgemeinen nicht entsprochen werden kann, sie vielmehr, soferne es 
an der entsprechenden häuslichen Pflege fehlt, in ein allgemeines Kranken¬ 
haus, bzw. Sanatorium zu transferieren sind; und was die Kranken, die 
speziell wegen nervöser Gebrechen in der Irrenanstalt zu verbleiben 
wünschen, betrifft, kann auf diesen Wunsch nur seitens derjenigen Anstalten 
unter Umständen eingegangen werden, die wie die „niederöstenreichischen 
Landesheil und Pftegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke „Am Steinhof“ 
in Wien, XIII“ auch zur Behandlung und Pflege von Nervenkranken bestimmt 
sind und in welchen wie in diesen Anstalten auch die Einrichtung des frei¬ 
willigen Eintrittes besteht, wobei noch die Einschränkung zu berücksichtigen 

! ) .Jahrbuch fiir Psychiatric und Neurologie, 29. Bd., S. 434 usf. 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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ist, daß sich in den Anstalten „Am Steinhof“ die erwähnte Bestimmung 
^ur auf „solche Nervenkranke (mit Einschluß der alkoholischen Neurosen), 
deren Leiden sich vorwiegend auf psychiatrischem Gebiete äußert und seiner 
Beschaffenheit nach eine Anstaltsbehandlung erforderlich macht“ und auch 
auf diese nur „nach Maßgabe des vorhandenen Raumes“ erstreckt. Für 
derartige Anstalten gilt allenfalls, was v. S ö 1 d e r in einem, dem zitierten 
Passus hinzugefügten Satze sagt, nämlich daß „allerdings diese Vorschrift 
(sc. Entlassung des als geistesgesund Befundenen) durch eine rein 
formelle Entlassung und Wiederaufnahme leicht umgangen werden kann“. 
In allen anderen Anstalten aber müssen als geistesgesund befundene Per¬ 
sonen, auch wenn sie nervöse Gebrechen aufweisen, ausnahmslos entlassen 
werden. Nur durch Errichtung von Anstalten für unbemittelte Nervenkranke 
und durch ein Abkommen, nach welchem Kranke der erwähnten Art aus der 
Irrenanstalt in eine dieser Anstalten zu transferieren wären, könnte in diesem 
Punkte Wandel geschaffen werden. 

Aber seit dem Inkrafttreten der neuen E.-O. macht sich eine andere, 
numerisch freilich nicht sehr bedeutende, Gruppe von Berücksichtigungs¬ 
würdigen bemerkbar, von der v. S ö 1 d e r allerdings noch nicht gut reden 
konnte, weil es sie vor neun Jahren noch nicht oder doch nur in sehr 
geringer Zahl gegeben hat; das sind eben die Personen, die jetzt aus der 
Irrenanstalt entlassen werden müssen, kurz gesagt: nicht, weil sie schon 
vollkommen geistesgesund sind, sondern weil sie von der Kommission für 
geistesgesund, bzw. als nicht mehr anhaltungsbedürftig erklärt worden sind. 
Es handelt sich da vor allem um Personen, die eine akute Geistesstörung 
clurchgemacht haben, und nunmehr so weit wieder hergestellt sind, daß sie, 
wie es gewöhnlich heißt, klar und geordnet Auskunft geben können, deren 
geistige Gesundheit aber doch noch nicht so weit gediehen, gefestigt und 
gekräftigt ist, daß der Arzt es für gut finden könnte, sie bereits wieder deo 
Unbilden des Lebens in der Freiheit auszusetzen. In solchen Fällen hat es 
der Anstaltsarzt bisher verantworten zu können geglaubt, mit der Entlassung 
noch eine entsprechende Zeit zuzuwarten, besonders wenn der Kranke selbst 
damit einverstanden war; heute fährt da aber oft die Kommission unbarm¬ 
herzig mit der Gesunderklärung dazwischen und fordert die sofortige Ent¬ 
lassung. Dann kommen Fälle von, in mehr oder weniger regelmäßiger 
Folge wiederkehrenden Verwirrtheits-, Depressions-, Erregungszuständen und 
dazwischenliegenden Zeiten nahezu völliger geistiger Klarheit, bzw. nahezu 
völligen Behobenseins aller geistigen Störungen in Betracht. In solchen Fällen 
glaubte es der Arzt wieder, soferne die freien Intervalle nicht zu lange Zeit 
dauerten, verantworten zu können, den Kranken auch in diesen Zeiten in der 
Anstalt zu belassen, besonders wenn es sich um Fälle handelte, in denen die 
Krankheitsanfälle, bzw. die Exazerbationsphasen der geistigen Krankheit 
erfahrungsgemäß eine Gefahr für den Kranken oder seine Umgebung mit sich 
zu bringen pflegten oder, wenn diese Gefahr wohl nicht so groß war, de! 
Kranke aber aus eigenem während der Intervalle in der Anstalt zu verbleiben 
wünschte; heute aber wird, wie eine ganze Reihe von Anstaltsleitern be¬ 
richten, in solchen Fällen nicht selten sozusagen unnachsichtlich, gegen das 
Gutachten der Anstaltsärzte, mit der Gesunderklärung, d. h. mit der Dekre- 


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Dr. Josef Herze. 


tierung der Entlassung vorgegangen, wenn der Kranke gerade in einem der 
kurzen Intervalle zur Untersuchung kommt. 

Gerade solchen Kranken gegenüber wäre es von großem Vorteile, wenn 
ter Gesetzgeber den Gesichtspunkt, auf den v. S ö 1 d e r hingewiesen hat, 
berücksichtigt hatte. Es ist selbstverständlich gerechtfertigt, in solchen Fällen 
zu konstatieren, daß, wie v. Sölder sagt, die Freiheitsbeschränkung zur¬ 
zeit in Wegfall zu kommen habe, nicht aber, daß der Angehaltene unter 
allen Umständen „zu entlassen“ sei; daß letzteres geschieht, bzw. durch den 
§ 22 der E.-O. bestimmt wird, ist darauf zurückzuführen, daß vom Gesetz¬ 
geber die Irrenanstalt, die doch vor allem Heil- und Pflegeanstalt ist, in 
durchaus einseitiger Weise als Detentionsanstalt aufgefaßt wird — 
und dies, obwohl auch der Referent im Justizausschusse Abg. Dr. Dnistrian- 
skyj seinerzeit (21. März 1912) mit Recht betont hat, daß der Zweck des 
ganzen Gesetzes „der Schutz gegen unberechtigte Einschränkung der per¬ 
sönlichen Freiheit sei“ und im Anschlüsse daran ausgeführt hat, daß „sich 
mithin das gerichtliche Verfahren nur in jenen Grenzen bewegen dürfte, in 
welchen die Anstalt in ihrem Charakter als Detentionsanstalt zum 
Vorscheine kommt; die gerichtliche Kontrolle solle aber von selbst aufhören, 
wo es sich um den Heilungszweck, um die Heilung als solche handelt“, 
woraus hervorgeht, daß dieser Referent recht deutlich auch auf die Be¬ 
stimmung der Irrenanstalt als Heilanstalt hingewiesen hat 

Daß im Sinne des § 22 der E.-O. die Entlassung einer Person ver¬ 
fügt wird, die keine greifbaren Zeichen einer Geistesstörung mehr aufweist, 
sich aber noch im Zustande hoher Vulnerabilität befindet und somit der 
Gefahr stark ausgesetzt ist, unter der Einwirkung schädlicher Einflüsse in 
der Freiheit wieder rückfällig zu werden, oder einer Person, die, obwohl im 
allgemeinen genesen, in ihrer psychischen Gesundheit noch nicht so weit 
gefestigt ist, daß sie, auf eigenen Füßen stehend, den Kampf ums Dasein, 
besonders etwa in dieser schweren Zeit, aufnehmen könnte, ist, wenn auch 
vom rein menschlichen, und besonders vom ärztlichen Standpunkte nicht zu 
rechtfertigen, so doch immerhin vom juristischen Standpunkte aus begreiflich, 
sofemc die betreffende Person von einem weiteren Aufenthalte in der Irren¬ 
anstalt selbst nichts wissen will und daher zwangsweise in ihr zurückgehalten 
werden müßte. Daß die Person aber unter allen Umständen, d. h. auch dann, 
wenn sie selbst noch in der Anstalt bleiben will, wenn sie im Gefühl der 
eigenen Schwäche und Unsicherheit darum bittet, — weil „als geistesgesund 
befunden“, entlassen werden muß, ist, auch wenn man sich auf den Stand¬ 
punkt de3 Juristen stellt, nicht recht zu begreifen *). 

Kleinere oder auch größere Unannehmlichkeiten haben sich aus dem 
Zwange, noch nicht geheilte, bzw. nicht geistesgesunde Pfleglinge zu ent¬ 
lassen, schon an verschiedenen Orten ergeben. Zu einer wahren Kalamität 
scheint er aber in Kulparkow geführt zu haben. Der Direktor berichtet: „Zu 
den unangenehmen Erfahrungen, zu denen die E.-O. Anlaß gegeben hat, gehört 


*) Der Direktor der schlesischen Anstalt in Troppau führt übrigens an: 
„Auf Bitte des Patienten ist — einige Male — der weitere Aufenthalt in der 
Irrenanstalt gestattet worden.“ 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 79 

das Problem der Entlassungen, welches infolge der Kriegsverhältnisse speziell 
in Galizien ungemein erschwert wurde. Es handelt sich hauptsächlich um 
die Kranken, welche zuständig und wohnhaft sind in den .... im Bereiche 
des engeren Kriegsgebietes liegenden Ortschaften. Die Entlassung solcher 
tffleglingc ist — angesichts in unserem Lande vollkommen mangelnder Geistes¬ 
fürsorge — .... gewöhnlich undurchführbar der Hindernisse wegen, die 
seitens der Militärbehörden bereitet werden. Dessenungeachtet wird eben 
die Zulässigkeit der Anhaltung dieser Kategorie der Pfleglinge sehr oft vom 
Gerichte bestritten, ohne daß dafür gesorgt wird, wohin und wem die Leute 
in dieser so schweren Zeit übergeben werden sollen! Daß es so zu Kollisionen 
kommt, welche in höchstem Grade das Wohl des armen Patienten bedrohen 
und für die Anstalt unnötige und unangenehme Komplikationen bedeuten, 
ist ohneweiters ersichtlich. 4 ' 

Es haben sich die Irrenanstalten, die früher einmal der Hauptsache 
nach ja wirklich Detentionsanstalten waren, in den letzten Dezennien immer 
mehr im Sinne einer Annäherung ihres Charakters an den der Krankenhäuser 
umgestaltet, und das Hauptstreben der Anstaltsärzte geht dahin, diesen Um¬ 
wandlungsprozeß so viel und so weit als nur möglich zu fördern. Und so 
kommt es, daß sich schon heute in einigen Irrenanstalten kranke Personen 
freiwillig aufhalten, daß es in fast allen Irrenanstalten, abgesehen von den 
bekannten Pfleglingen von Profession, deren sich diese Anstalten oft kaum 
erwehren können, auch ethisch, keineswegs minderwertige Pfleglinge gibt, 
die geradezu unglücklich wären, wenn man sie aus ihnen hinauswiese, und 
daß es, was in diesem Zusammenhänge besonders zu beachten ist, geradezu 
zur Regel geworden ist, daß Personen, die der Genesung entgegengehen, um 
so weniger hinausdrängen, je weiter sie auf diesem Wege fortgeschritten sind, 
und nicht wenige von ihnen auch dann noch gerne in der Anstalt bleiben, 
wenn die Ärzte es ihnen freistellen, die Anstalt zu verlassen, kurzum, daß 
der Aufenthalt in der Irrenanstalt in vielen Fällen kein unfreiwilliger, kein 
erzwungener, nicht die Wirkung einer Freiheitsbeschränkung, ist 

Man kann nicht sagen, daß die E.-O. erkennen lasse, daß der Gesetz¬ 
geber dem Geiste, von dem das Irrenanstaltswesen heute erfüllt ist, in 
zureichendem Maße Rechnung getragen habe. Wenn dies der Fall gewesen wäre, 
hätte es sich u. a. gerade an der Fassung des § 22 zeigen müssen. Es hätte 
dieser Paragraph dann wahrscheinlich beiläufig wie folgt gelautet: „Auf Grund 
der Ergebnisse der Ermittlungen ist mit Beschluß zu entscheiden, ob eine 
Freiheitsbeschränkung des Aufgenommenen zulässig ist oder nicht.“ 

§ 23. 

Zu § 23, Abs. 1, und 23, Abs. 21), ist nichts weiter zu bemerken. 
Von der Bestimmung in Abs. 2 wird ziemlich oft Gebrauch gemacht 

Nebenbei sei bemerkt, daß Sternberg der Ansicht Ausdruck gibt 

9 § 23, Abs. 1: „Der Beschluß über die Zulässigkeit der Anhaltung 
steht einer anderen Anordnung des Pflegschaftsgerichtes nicht entgegen. Seine 
Wirksamkeit erlischt spätestens mit Ablauf eines Jahres.“ Abs. 2: „Im gericht¬ 
lichen Beschlüsse kann auch eine kürzere Frist bestimmt werden.“ 


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Dr. Josef Herze. 


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— wieder in Verfolgung der Tendenz, mehr zu fordern als der Gesetzgeber —, 
„daß eine kürzere Frist immer vorsichtiger sein wird“, und daran die Be¬ 
merkung knüpft: „weil, wenn die Entmündigung nicht erfolgt, doch selbst* 
verständlich die Anhaltung in der Anstalt sich als unbegründet erweisen 
müßte“. Diese Behauptung ist, wie jedermann zugeben wird, der im Irren wesen 
bewandert ist und in den Geist der E.-0. ernstlich eingedrungen ist, ebenso 
falsch, wie die im nächsten Teile des Stembergschen Kommentars des §23 ent¬ 
haltene Bemerkung: „Ist die Entmündigung erfolgt, dann ist die Anhaltung 
eine selbstverständliche.“ 

Der Anstaltsarzt müßte übrigens eher konstatieren, daß an manchen 
Orten kürzere Befristungen z u o f t stattfinden. Dies geht schon daraus her¬ 
vor, daß in einer großen Zahl von Fällen, wie angegeben wird, nach Ablauf 
dieser kürzeren Frist auf Grund der zweiten Untersuchung die Zulässigkeit 
der Anhaltung auf ein Jahr beschlossen wird. Ein Direktor berichtet über 
besonders „häufige Wiederholungen“ und führt u. a. an: „Ein Fall wurde 
innerhalb eines Jahres viermal, ein anderer dreimal untersucht Der erstere 
betraf einen mit Dementia praecox (paranoide Form) behafteten Pflegling, 
der bereits fünfmal in Irrenanstalten untergebracht war. — Ein einfacher und 
klarer Fall und so viel unnütze Arbeit — und das auf Staatsunkosten!“ 

Näher einzugehen ist auf § 23, 3. 

Es wird in diesem Absätze gesagt, daß „eine Ausdehnung der Anhaltung 
über die bestimmte Frist“ eine neuerliche Vernehmung und Untersuchung 
„vorausgehen muß“, nicht aber ausdrücklich bestimmt, von wem dafür zu 
sorgen ist, daß es zu dieser Vernehmung und Untersuchung komme. Auch 
die „Erläuterungen“ sagen darüber nichts. Hermann bemerkt nur zu 
§ 23, 2: ff ,Die Frist ist im Kalender oder Pflegschaftsvermerk zu über¬ 
wachen“; damit drückt er nur aus, daß seiner Meinung nach die Über¬ 
wachung der Fristen Sache des Gerichtes ist. Unter den Beispielen 
zur E.-O. findet sich allerdings auch als „Beispiel 91 b)“ eine „Anzeige 
einer geschlossenen Anstalt vom Ablaufe der Anhaltungszeit“, woraus zu 
schließen wäre, daß das Justizministerium es als Sache der Anstalten 
betrachtet, die Anhaltungsfristen in Evidenz zu halten und das Gericht auf 
den Ablauf der Anhaltungszeit fallweise aufmerksam zu machen. Hermann 
bemerkt aber zum Beispiele 91b): „Der Ablauf der Frist ist vom Gerichte 
zu überwachen. Durch die Mitteilung der Anstalt wird aber eine besondere 
Anfrage des Gerichtes entbehrlich.“ Daraus wäre zu schließen, daß nach 
Hermanns Ansicht die Sache, wie folgt, liegt: Der Ablauf der Frist ist 
vom Gerichte zu überwachen. Läuft eine Frist ab, so hat das Gericht die 
Anstalt zunächst zu fragen, ob die weitere Anhaltung (in einer geschlossenen 
Anstalt) notwendig ist. Zeigt aber die Anstalt den Ablauf der Anhaltungszeit 
aus eigenem an und gibt sie zugleich bekannt, daß die weitere Anhaltung 
notwendig sei, so kann das Gericht sofort an die Einleitung des Verfahrent 
gehen, d. h. sofort die „neuerliche Vernehmung des Angehaltenen durck 
den Richter“ und die neuerliche „Untersuchung durch einen oder zwei 
Sachverständige“ anordnen. 

Volle Klarheit darüber, ob die Anstaltsleitungen zu dieser Evidenzhaltung 
verpflichtet sind oder nicht, war aber aus dem Wortlaute der Be- 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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Stimmung nicht zu gewinnen. Demgemäß verhielten sich auch Anstalten und 
Gerichte bisher ganz verschieden. 

Eine große Reihe von Anstalten berichtet, daß das Gericht an sie den 
Anspruch der Evidenzhaltung der Anhaltungsfristen und der Anzeige ihres 
Ablaufes bisher nicht gestellt habe; so Brünn, Dobrzan, Feldhof, Iglau, 
Kulparkow, Niedernhart, Valduna, Steinhof: Einige Direktoren erklären, daß 
ihre Anstalt diese Evidenzführung auch nicht leisten könnte. Der Direktor 
einer böhmischen Anstalt berichtet: „Die Evidenz der Anhaltungsfristeja 
wird von uns nicht gefordert. Die Fristen werden übrigens vom Gericht 
nicht durchwegs eingehalten; und die Anstalt kümmert sich nicht damn*, 
die Anhaltung wird trotz dem Ablaufe der Frist weitergeführt, wenn es die 
Anstaltsleitung für gut findet." — An anderen Orten verlangt, bzw. wünscht 
das Gericht Evidenzhaltung und Anzeige seitens der Ansalt So in Hall in 
Tirol; doch hat, wie der Direktor berichtet, die Anstalt dieselbe „vorläufig 
nicht übernommen“. Für Mauer-Öhüng hat das Gericht bei der Anstalts¬ 
direktion auf die Evidenzhaltung und Anzeige gedrungen — nach Ansicht 
des Direktors unnötigerweise, „da die Evidenzhaltung doch bei Gericht so 
wie so erfolgen muß“. 

Die Direktion der mährischen Anstalt Kremsier, berichtet folgendes: 
„Laut Erlaß des k. k. Justizministeriums vom 9. März 1917, Z. 7539/17* 
sind die Anstalten in erster Linie zur Überwachung der Anhaltungsfristen 
verpflichtet und es wurde dies auch von dem k. k. Bezirksgerichte in Kremsier 
mit der Zuschrift vom 3. April 1917 abverlangt — Bis nun machte diese 
Evidenzhaltung keinerlei Schwierigkeiten, da es sich im Anfänge nur um 
einige wenige Fälle handelte. Mit der Zunahme derselben werden die Schwierig¬ 
keiten immer größer und es wird der Anstalt damit eine neue zeitraubende 
Mehrarbeit entstehen, die bei etwaiger Unterlassung zu Unannehmlichkeiten 
führen dürfte und eigentlich die Anstalten nicht interessiert, denn über die 
Anhaltungstermine sollte doch jenes Amt wachen, welches sie bestimmt“ 

Der seitens der Direktion in Kremsier zitierte Erlaß des Justizmini¬ 
steriums war mir bis dahin nicht bekannt, wie er ja offenbar auch den 
übrigen — mit Ausnahme des Direktors der schlesischen Anstalt in Troppau, 
der ihn gleichfalls erwähnt — Anstaltsdirektoren unbekannt geblieben ist 
Auf meine Bitte hin hat mir die Direktion in Kremsier eine Abschrift fol¬ 
gender, offenbar an die in Betracht kommenden mährischen und schlesischen 
Bezirksgerichte, gerichteten, vom 20. März 1917 datierten Zuschrift des 
k. k. mährischschlesischen Oberlandesgerichtspräsidiums zugehen lassen: 

„Im Hinblick auf die Anfrage eines Bezirksgerichtes, ob das Gericht 
oder die Anstalt den Ablauf der für die Zulassung der Anhaltung im An- 
haltungsbeschlusse bestimmten Frist zum Zwecke der neuerlichen Verneh¬ 
mung und Untersuchung des Angehaltenen zu überwachen hat, hat das 
Justizministerium mit dem Erlasse vom 9. März 1917, Zahl: 7539/17, fol 
gendes eröffnet: 

Indem das Anhaltungsgericht die Dauer der Zulässigkeit der Anhaltung 
bestimmt, legt es der Anstalt eine Pflicht auf. Es ist daher ebenso, wie wenn 
sonst im außerstreitigen Verfahren jemandem eine Frist gegeben wird, zu¬ 
nächst Pflicht dessen, dem die Frist auferlegt ist, die Frist einzuhalten, und 

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wenn er eine Verlängerung der Frist anstrebt, rechtzeitig dem Gerichte 
die nötigen Mitteilungen zu machen. Es ist demnach zweifellos Pflicht der 
Anstalt, die Anhaltungsfrist zu dem Zwecke zu überwachen, damit sie bei 
Ablauf der Frist, woferne keine andere gerichtliche Verfügung inzwischen 
getroffen worden ist, unverzüglich die Entlassung des Angehaltenen vor¬ 
nehmen kann. Ist die Entlassung wegen des Zustandes des Kranken untunlich, 
so hat die Anstalt dies dem Gerichte anzuzeigen, damit es die neuerliche 
Vernehmung und Untersuchung des Kranken in die Wege leite (§ 23, 
Abs. 3 E.-O.). 

Die gerichtliche Überwachung wird sich darauf zu beschränken haben, 
festzustellen, ob die vom Gerichte festgesetzte Anhaltungsfrist nicht über¬ 
schritten wird. 

Langt nicht rechtzeitig eine Anzeige über die Entlassung oder über 
die Notwendigkeit der weiteren Anhaltung des Kranken beim Gerichte ein, 
so hat es bei der Direktion der Anstalt darüber anzufragen.“ — 

Mit diesem Erlasse wäre also die Frage im Sinne der Verpflichtung 
der Anstaltsleitungen entschieden. Es muß zugegeben werden, daß das Gesetz 
die Handhabe dazu bietet. In dieser Erkenntnis habe ich auch in Klosterneu¬ 
burg — das gleiche berichtet auch der Direktor der Dobrzaner Anstalt — 
die Evidenzhaltung der Anhaltungsfristen und die Anzeige des Fristablaufes, 
ohne erst eine Aufforderung seitens des Gerichtes abzuwarten, von Anfang 
an durchgeführt. Damit wollte ich aber keineswegs dokumentieren, daß ich 
es für richtig oder nötig halte, die Anstaltsleitungen damit zu belasten; im 
Gegenteile schließe ich mich den Anstaltsleitern vollständig an, die der 
Ansicht sind, daß diese Mehrbelastung den Anstaltsleitungen ohne jeden 
Nachteil erspart werden kann und soll. Das Gericht muß die Fristen zum 
Zwecke der Überwachung ihrer Einhaltung in Evidenz halten; wozu also 
dieselbe Leistung auch noch von der Anstaltsleitung verlangen? Das Gericht 
hat es nicht nötig, seitens der Anstaltsleitung auf den bevorstehenden Ablauf 
einer Frist erst aufmerksam gemacht zu werden —, freilich nur bei ent¬ 
sprechender Amtsgebarung, bzw. fehlerfreier Akten- und Registerfühmng 
seitens des Gerichtes selbst 

Von § 23, Abs. 4, wird nach übereinstimmenden Nachrichten nur selten 
Gebrauch gemacht, und zwar fast ausschließlich von querulierenden Para¬ 
noikern. In den meisten, und selbst in ganz großen Anstalten ist bisher 
noch kein derartiger Fall vorgekommen. 

Das dem noch nicht entmündigten Angehaltenen nach § 23, 4, ein¬ 
geräumte Recht, eine neuerliche Untersuchung und Entscheidung vor Ablauf 
der Anhaltungsfrist zu verlangen, hat nach dem klaren Wortlaute des Ge¬ 
setzes mit dem Rekursrechte des Angehaltenen nichts zu tun. Es kann daher 
nur auf einem Irrtume beruhen, wenn das Gericht in Kosmanos einen 
Pflegling, der, „mit vier Monaten befristet, neuerliche Untersuchung (sc. vor 
Ablauf dieser Frist) anstrengte, wegen Versäumung der Notfrist 
für Rekursergreifung abgewiesen hat“. Interessant als Beitrag zu 
dem früher zum § 22 Gesagten ist es übrigens, daß dieser Pflegling, nach 
Mitteilung des Direktors „ein schwer belasteter Paranoiker und Halluzinant, 
der dissimuliert“, bei der zweiten Untersuchung (nach Ablauf der vier- 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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monatigen Frist) als „der Anstaltspflege nicht bedürftig befunden und seine 
Entlassung von Gerichts wegen verfügt wurde“. 

Die Angehörigen des Angehaltenen machten nur höchst selten von 
§ 23, 4, Gebrauch, und zwar, wie es scheint, nur dann, wenn die Bestätigung 
eines Entlassungsreverses seitens der Behörde (etwa wegen Mangels ent¬ 
sprechender häuslicher Aufsicht) verweigert wird. 

§ 24. 

§ 24 handelt vom Rekursrecht. 

Was zunächst die Angehaltenen selbst betrifft, so sind große 
Unterschiede der Häufigkeit ihrer Rekurse in den verschiedenen Anstalten 
zu konstatieren. In vielen Anstalten ist überhaupt noch kein Rekurs eines 
Pfleglings vorgekommen, in anderen Anstalten sind sie an der Tagesordnung 
oder doch nicht selten. Dies erklärt sich leicht daraus, daß oft, wo einmal 
ein querulierender Pflegling auf die Idee zu rekurrieren gekommen ist, damit 
zugleich ein Agitationszentrum und eine Winkeladvokatur für Rekurse ent¬ 
standen ist. — Keine einzige Anstalt berichtet über einen im Sinne des Ver¬ 
langens des Angehalfcenen entschiedenen Rekurs. Alle Direktoren der An¬ 
stalten, in welchen Rekurse Kranker vorgekommen sind — in einer gab es 
bereits mehrere Rekurse bis zum Obersten Gerichtshof —, berichten über 
höchst ungünstige Beeinflussung des Geisteszustandes dieser Kranken durcH 
Rekurs, Warten auf die Erledigung, ungünstige Erledigung usw. Der einzige 
Erfolg war, wie ein Direktor berichtet, regelmäßig „eigene Beunruhigung 
und die der nächsten Umgebung, Steigerung der Querulanz, Verdächtigung 
und Bedrohung des Direktors“. 

Auch den „Vertretern“ des Angehaltenen steht nach § 24, Abs. 1, 
der Rekurs „gegen den Beschluß über Anhaltung“ zu. Ein solcher Fall 
scheint bisher noch nirgends vorgekommen zu sein. Desgleichen weiß keine 
Anstalt über einen Rekurs seitens des „bei der politischen Landesbehörde 
zur Irrenpflege bestellten Sanitätsorganes“ zu berichten. 

Was das Rekurerecht des Anstaltsleiters „gegen den Beschluß, 
mit dem die Entlassung des Angehaltenen aus der Irrenanstalt verfügt 
wurde“, betrifft, so ist zu berichten, daß der Direktor in Kulparkow in einigen 
Fällen, wie er sagt, „mit gutem Erfolge protestierte“, wogegen Rekurse des 
Direktors der Anstalten „Am Steinhof 4 „wiederholt im gegenteiligen Sinne 
erledigt wurden, d. h. die ausgesprochene Geheilterklärung aufrecht erhalten 
wurde 4 *. Im allgemeinen, muß gesagt werden, machen die Direktoren 
von dem Rekursrechte nach §24 keinen Gebrauch, und zwar, wie 
einige von ihnen anführen, „aus selbstverständlichen“ oder „aus prinzipiellen 
Gründen“, bzw. „weil der Anstaltsleiter dazu nicht verpflichtet ist und weil 
das Vertrauensverhältnis zwischen Kranken und Arzt einen derartigen Schritt 
geradezu verbietet 44 . Ein Direktor berichtet: „Die Anstaltsdirektion hat den 
ihr eingeräumten Weg des Rekurses bei Unzulässigkeitserklärungen nicht 
betreten, weil sie die Entlassungsgelegenheit nicht Vorbeigehen lassen wollte. 
Vier Fälle kehrten in Bälde zurück, wodurch der Gerichtsbeschluß richtig¬ 
gestellt wurde. 44 

Auch ich rekurriere nicht — offen gesagt —, weil der Anstaltsleiter 

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unter den gegebenen Umständen höchst geringe Aussicht hat, sich mit einem 
Rekurse durchzusetzen. Eine neuerliche Untersuchung wird durch den Rekurs 
de© Anstaltsleiters nicht ausgelöst; der Rekurssenat des betreffenden Landes¬ 
gerichtes entscheidet vielmehr einfach nach der Aktenlage, d. h. vor allem 
auf Grund des Gutachtens der, resp. des Sachverständigen im Anhaltungs- 
verfahren einerseits, der den Rekurs begründenden Gegenausführungen des 
Anstaltsleiters andererseits. Davon will ich nun, ganz abgesehen, daß der 
Rekurssenat, bzw. der betreffende Referent des Rekurssenates als Laie in 
psychiatrischen Dingen gar nicht imstande ist, die Ausführungen der, resp. 
des Sachverständigen und die Gegenausführungen des Anstaltsleiters ihrem 
Werte nach richtig zu beurteilen, sie sachgemäß zu vergleichen, sich auf 
Grund der beiderseitigen Ausführungen ein richtiges Bild von dem Falle zu 
machen und so zu einer richtigen Entscheidung zu gelangen. Was ich aber 
besonders betonen will, ist die Tatsache, daß den Gegenausführungen des 
Anstaltsleiters von vornherein nicht das gleiche Gewicht beigelegt wird, 
wie den Ausführungen der, resp. des Sachverständigen. Ich möchte da wieder 
auf Sternberg hinweisen. Er sagt zu diesem Punkte u. a.: „Zweifellos 
war es nicht nötig, dem Anstaltsleiter dieses Recht einzuräumen. Gründe des 
öffentlichen Interesses können hier nicht mitspielen; ein Privatinteresse des 
Anstaltsleiters kann nicht Berücksichtigung finden und die Interessen des 
Angehaltenen brauchen von ihm nicht gewahrt zu werden. Darum wird unseres 
Erachtens ein Rekurs des Anstaltsleiters mit einiger Vorsicht behandelt 
werden müssen.“ Wenn nur ein ganz klein wenig von dieser Tendenz auch 
dem betreffenden Rekurssenate eigen ist, so ist der Anstaltsleiter mit seinem 
Rekurse schon recht im Nachteile. Auch beeinträchtigt es das Gewicht 
seiner Gegenausführungen nicht unwesentlich, daß mit jeder „Unzulässig- 
keits“erklärung für ihn der wenn auch nicht ausdrücklich ausgesprochene 
Vorwurf einer Pflichtverletzung verbunden ist — ein Anstaltsleiter hat diesen 
Vorwurf nebenbei bemerkt, so schwer empfunden, daß er nach einigen 
wenigen, ihm widerfahrenen ,,Unzulassigkeits“erklärungen der Gerichtskom¬ 
mission um die Disziplinaruntersuchung gegen sich gebeten hat —, und daß 
die Gegenausführungen des Anstaltsleiters im Rekurse daher Gefahr laufen, 
vom Richter sozusagen als zur eigenen Verteidigung des Anstaltsleiters vor¬ 
gebracht angesehen und demzufolge nicht mehr als objektiv eingeschätzt zu 
werden. Auf der anderen Seite besteht bei den Richtern von vornherein die 
Neigung, dem Sachverständigengutachten die Bedeutung eines Obergut- 
achtens gegenüber der Ansicht des Anstaltsleiters oder auch, nebenbei be¬ 
merkt, des Vorstandes der Klinik beizumessen. Und was das Gesetz betrifft, 
so hület es sich zwar wohlweislich, dem Sachverständigengutachten das 
Gewicht eines Obergutachtens in diesem Sinne ausdrücklich zuzuschreiben, 
verleiht ihm dieses Gewicht aber faktisch doch, was eben daraus hervorgeht, 
daß sich die Entlassungsverfügung, wie überhaupt, so auch in den Fällen, in 
denen sie gegen den ausdrücklichen Willen des Anstaltsleiters erfolgt, doch 
trotz aller Verbrämungen, abgesehen von dem durchaus belanglosen Ergebnisse 
der Vernehmung durch den Richter, ausschließlich auf das Sachverständigen¬ 
gutachten stützt. Was aber die Verwendung dieses Gutachtens im Falle eines 
Rekurses betrifft, ist zu bedenken, daß es durch die erstrichterliche Approba- 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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tion noch dazu eine Art höhere Weihe empfangen hat Auf der einen Seite 
also Momente, die das Gewicht der Ausführungen des Anstaltsleiters ver¬ 
ringern, auf der anderen solche, die das Gewicht des Sachverständigengut¬ 
achtens über Gebühr erhöhen. Der Anstaltsleiter hat daher von vornherein 
alle Aussicht, mit seinem Rekurse durchzufallen *). 

Es soll aber nicht so sein, es muß vielmehr — ich vertrete diesen 
Standpunkt, weil ich es im Gegensätze zu Sternberg und anderen geradezu 
für die Pflicht des Anstaltsleiters halte, „die Interessen des Angehaltenen 4 * 
zu wahren — dem Anstaltsleiter die Möglichkeit geboten sein, sich gegen 

! ) Was ich da sage, ist nicht etwa bloß Theorie. Es sind mir u. a. die 
Akten, einen ausgesprochenen Fall von moralischem Schwachsinn betreffend, 
zugestellt worden. Nach dem bekannten jahrelangen Martyrium entschließt 
sich die Mutter, Psychiater um Rat zu fragen. Drei sehr angesehene Wiener 
Psychiater, darunter eiu Professor und zwei Landesgerichtspsychiater, erklären, 
die Unterbringung in einer Irrenanstalt sei notwendig. Auf Grund des 
Pareres eines Landesgerichtspsychiaters kommt der Eiranke zur Aufnahme — 
nicht in einer niederösterreichischen Anstalt, wie ich ausdrücklich bemerke! 
—, und zwar zunächst freiwillig; sein Verhalten macht aber bald die Ver¬ 
setzung in eine geschlossene Abteilung nötig. Der Sachverständige im An¬ 
haltungsverfahren — es wurde auch in diesem Falle nur ein Sachverständiger 
bestellt — gibt zunächst alle Defekte des Untersuchten zu, schließt aber dann: 
„Seine Anhaltung in der Irrenanstalt ist nicht am Platze, zumal es sich nicht 
beurteilen läßt, inwieweit seine Unfähigkeit zum geordneten Gemeinschafts¬ 
leben in der Anlage begründet Ist, und es nicht ausgeschlossen erscheint, daß 
die ethische Defektuosität durch erzieherische mit Sachkenntnis und Energie 
unternommene Einflüsse mit den Jahren, mit*der Reifung seiner Persönlichkeit, 

bis zu einem gewissen Grade verschwindet. Karl R.. welcher sich in den 

Entwicklungsjahren befindet, gehört in eine geeignete Erziehungsanstalt.“ 

Daraufhin wird seine weitere Anhaltung — mit der eben vorgebrachten 
Erklärung des Sachverständigen als Begründung — als unzulässig erklärt. Der 
Direktor, ein seit ungefähr 30 Jahren im Fache tätiger, sehr angesehener 
Psychiater, legt gegen den Beschluß den Rekurs ein unter Beibringung einer 
ausführlichen Begründung. Das betreffende Landesgericht als Rekursgericht 
ergeht sich in seinem Beschlüsse zunächst in juristischen Auseinandersetzungen 
über die Form der Eingabe des Direktors: daß sein Einspruch „seinem Auf¬ 
baue nach als Rekurs im Sinne des § 24 E.-O. anzusehen“ sei, daß er nur gesagt 
habe, die Anhaltung des K. R. in der Irrenanstalt sei am Platze, aber „keinen 
präzisen Antrag gestellt habe“ (!), und erklärt dann kurz, dem Rekurse sei 
keine Berechtigung zuzuerkennen, der angefochtene Beschluß erscheine viel¬ 
mehr aus der beigegebenen zutreffenden Begründung des Erstrichters gerecht¬ 
fertigt. Dann folgt noch eine ausführliche Belehrung auf Grund der Annahme, 
daß K. R. eben nicht krank sei, eine Belehrung, die in folgender Enunziation 
kulminiert: „Einer der wesentlichen Gründe für die Erlassung der neuen E.-O. 
war der, ähnliche mißbräuchliche Anhaltungen, die früher vorgekommen sein 
sollen, zu verhindern. Mag also die Zwangserziehung des K. R. notwendig und 
dringlich sein, die Zulässigkeit seiner Anhaltung in einer Irrenanstalt kann sie 


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8U I)r. Josef Herze. 

seiner Ansicht nach ungerechtfertigte Entlassungsverfügungen mit voller Aus¬ 
sicht auf Erfolg — für den Fall der Richtigkeit seiner Auffassung des 
Falles — zu wehren. 

Dies ist aber auf Grund der Bestimmungen der E.-O. nicht zu erreichen, 
auch mit noch so weit entgegenkommenden Durchführungsverordnungen nicht, 
sondern nur auf dem Wege einer Revision des Gesetzes. Und zwar hätte 
an die Stelle des Rekursrechtes das Recht des Widerspruches oder Ein¬ 
spruches des Anstaltsleiters zu treten. Dieser Widerspruch hätte analog dem 

nicht rechtfertigen, zumal der gerichtlich beeidete Sachverständige nach genauer 
Untersuchung des K. R., der die Entlassung wünscht, und der erhebende 
Richter auf Grund seiner persönlichen Wahrnehmungen die Anhaltung in der 
Irrenanstalt als nicht am Platze erklären. u 

Zu diesem Falle möchte ich namentlich folgendes bemerken: In der Tat 
gehört, wie u. a. auch von mir, schon vor bald 20 Jahren, näher ausgeführt 
worden ist, ein Großteil auch derjenigen Personen, deren moralische Defek- 
tuosität als pathologisch begründet zu erkennen ist, nicht in die Irrenanstalt. 
Eigene Anstalten wären für diese Individuen, die in die große Gruppe der 
psychopathisch Minderwertigen (Koch) oder der psychopathischen Persönlich¬ 
keiten (Kraepelin) gehören, notwendig: „Schutz- und Besserungsanstalten 
für psychopathisch Minderwertige,“ wie sich Koch ausgedrückt hat. Aber das 
gilt eben bloß für einen großen Teil dieser Fälle, keineswegs für alle; vielmehr 
gibt es unter ihnen sicherlich auch solche, die, wenigstens solange wir geeignete 
Spezialanstalten für psychopathische Minderwertige der bezeichneten Art noch 
nicht haben, ganz gut in Irrenanstalten untergebracht werden können, zumal, 
wie mir Kraepelin richtig zu sagen scheint, „wesentlich ist“, daß der¬ 
artige Personen „auf irgend eine Weise aus dem Gemeinschaftsleben entfernt 
und auf tunlichst lange Zeit unschädlich gemacht“ werden. Aber abgesehen 
davon; wenn ich es auch einerseits begreiflich und gerechtfertigt linde, daß 
sich die Leiter der Landesirrenanstalten sozusagen vom Standpunkte der 
Anstaltspolitik gegen die Einweisung und gegen die Zumutung einer längeren 
Anhaltung psychopathisch Minderwertiger ohne Unterschied, also gegen eine 
übermäßige Inanspruchnahme der Irrenanstalten für diesen Zweck, zur Wehre 
setzen, kann ich doch andererseits nicht glauben, daß ein rechtliches 
Interesse an der Entlassung dieser Personen aus der Irrenanstalt besteht, da 
die Berechtigung ihrer Anhaltung in einer „geschlossenen“ Anstalt — 
eine solche müßte ja sicherlich auch, wenigstens zum Teil, eine Schutz- und 
Besserungsanstalt für psychopathisch Minderwertige sein — meines Erachtens 
außer Frage steht. Sicher steht aber nach meiner Meinung weiter, daß in vielen 
Fällen die Entscheidung darüber, ob der mit einem pathologischen Defekte der 
Moral Behaftete als geistesschwach zu bezeichnen sei ; zu den schwierigsten, 
subtilsten Fragen, die dem Psychiater gestellt werden können, gehört, ab¬ 
gesehen davon, daß eine genaue Definitiou des Begriffes: Geistesschwäche 
nicht existiert. Im erwähnten Rekursfalle ist auf diesen springenden Punkt im 
Anhaltungsverfahren gar nicht erst eingegangen, sondern über den Kopf einer 
ganzen Reihe von Fachmännern hinweg einfach dekretiert worden, daß Geistes¬ 
schwäche im Sinne des Gesetzes nicht vorliege. 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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Widerspruche im Entmündigungsverfahren ein neues Verfahren auszulösen. 
Den wesentlichsten Teil dieses Verfahrens hätte eine neuerliche Untersuchung 
des Angehaltenen zu bilden. Als Sachverständige wären für diese Unter¬ 
suchung zwei Psychiater vom Fach zu bestellen, deren Gutachten gegebenen¬ 
falls wirklich als Obergutachten gewertet werden könnte. Erst auf Grund 
des gegen ihn sprechenden Ergebnisses dieser Begutachtung sollte der 
Anstaltsleiter verhalten werden können, einen Kranken gegen seinen Willen 
zu entlassen. 

Ich bin zum Schlüsse meiner Ausführungen zum III. Abschnitte der 
E.-O. gekommen, und gehe nunmehr daran, diejenigen in den übrigen Ab¬ 
schnitten enthaltenen Bestimmungen zu besprechen, welche die Irrenanstalten 
tangieren. 

* 1 . 

Pfleglinge der Irrenanstalten werden begreiflicherweise in der Regel, 
wenn überhaupt, nach § 1, Abs. 1, voll entmündigt Nur in einigen wenigen 
Fällen kommt es zur beschränkten Entmündigung nach § 1, Abs. 2. 
So in den Anstalten „Am Steinhof 4 (Jahresziffer der Aufnahmen beiläufig 
3000) in der Zeit vom 1. September 1916 bis 1. September 1917 in 11 Fällen. 
„Vereinzelte 44 , J)zw. „einige 44 Fälle gab es bereits in fast allen größeren 
Irrenanstalten. — 

Die Einleitung des Entmündigungsverfahrens, bzw. die Entmündigung, 
sei es die volle oder die beschränkte, muß nicht erfolgen, wefrn auch die 
Voraussetzungen hinsichtlich des geistigeti Zustandes dazu gegeben sind. 
Es kann davon abgesehen werden, wo, wie es in den „Erläuterungen,, heiß^ 
„weder die Person des Kranken noch dessen Vermögen einen besonderen 
Anlaß zur Bestellung einer Kuratel geben 44 . Demgemäß wird auch in allen 
Irrenanstalten eine beträchtliche Anzahl von Personen, deren Anhaltung als 
zulässig erklärt worden ist, nicht entmündigt. 

Die Beurteilung, ob im speziellen Falle ein rechtlicher Grund für die 
Entmündigung gegeben ist oder nicht, ist selbstverständlich ganz dem Juristen 
anheimgegeben. Der Arzt hat keinen Einfluß darauf, kann sich aber seine 
Gedanken darüber machen. Da ist es nun die Meinung mehrerer Anstalts¬ 
leiter, daß die Entmündigung durch das jetzige Verfahren nicht nur oft ver¬ 
zögert wird, sondern nicht selten auch unterbleibt, in Fällen, in denen sie 
notwendig wäre 1 ). Ich schließe mich dieser Ansicht an, zumal ich den 
Eindruck gewonnen habe, daß es nach der Auffassung vieler Richter über¬ 
haupt nur einen einzigen Rechtsgrund für die Entmündigung gibt, nämlich 
den Besitz eines Vermögens; wer ein Vermögen hat, wird daher entmündigt 

*) Für eine statistische Behandlung dieser Frage ist der Zeitpunkt 
noch nicht gegeben, da die Entmündigung, wenn überhaupt, erfahrungsgemäß 
oft erst nach einer längeren Reihe von Monaten der Anhaltung eingeleitet 
wird und demnach die Entmündigung einer Anzahl jener Personen, deren An¬ 
haltung in den letzten Monaten des ersten Jahres der Wirksamkeit des Gesetzes 
als zulässig erklärt worden ist und derzeit tatsächlich roch fortdauert, erst 
noch zu erwarten steht. Auch sind die Verhältnisse noch zu wenig geklärt, 
und darf angenommen werden, daß der Prozentsatz der Entmündigungen, 


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Dr. Josef Bcrze. 


wer keines hat, nicht. Meines Erachtens wären aber auch noch andere Güter 
zu schützen, vor allem die Arbeitskraft einer vermögenslosen Person, und 
ist die Frage, ob ein rechtlicher Grund für die Entmündigung vorliegt oder 
nicht, im allgemeinen keineswegs nach der Schablone zu behandeln. 

Einen bemerkenswerten Grund für die Entmündigung betont Her¬ 
mann: „Wenn sich (aber) die dauernde Unterbringung eines ver¬ 
mögenslosen Geisteskranken in einer Anstalt als notwendig erweist, wird 
sich zur Vermeidung des von Jahr zu Jahr zu wiederholen¬ 
den Beschlusses über die Anhaltung (§ 23, Abs. 1) die Einleitung 
des Entmündigungsverfahrens empfehlen.“ — Soviel ich sehe, ist dieser 
Entmündigungsgrund bisher wenig berücksichtigt worden. In Klosterneuburg 
wenigstens ist in den allerletzten Monaten bereits eine Reihe von Geistes¬ 
kranken, Idioten, verblödeten Epileptikern usw., deren „dauernde Unter¬ 
bringung . . . sich als notwendig erweist“, darunter auch solche, die schon 
vor der ersten Untersuchung auf Anhaltungszulässigkeit jahrelang in der 
Anstalt untergebracht waren, nach Ablauf eines Jahres zum zweiten Male 
zur Untersuchung gekommen, weil die Entmündigung bis dahin unterblieben 
ist —, wogegen für eine andere Reihe von Angehaltenen, deren neuerliche 
Untersuchung weit eher am Platze wäre, eine solche nicht in Aussicht 
steht, weil sie bereits unter Zugrundelegung des ersten Gutachtens im An¬ 
haltungsverfahren entmündigt und damit sozusagen gerichtlich erledigt worden 
sind. Es bleibt abzuwarten, ob die Entmündigung der Dauerfälle im zweiten 
Jahre regelmäßiger erfolgen wird. In manchen Fällen wird wohl die Be¬ 
schwerde der Personen, die für die Kosten der wiederholten Untersuchungen 
Aufkommen müssen, dazu führen. Mehr könnte aber jedenfalls auf dem 
Wege einer Durchführungsverordnung erreicht werden, zumal viele Richter 
auf den in Betracht kommenden Zusammenhang noch nicht aufmerksam 
geworden zu sein scheinen, und es nur darauf anzukommen scheint, sie 
darauf aufmerksam zu machen. Vor wenigen Tagen ging mir die Anfrage 
eines Gerichtes zu, ob die Direktion der Anstalt ein Interesse an der Ent¬ 
mündigung des I. M. habe. Ich wies in der Antwort unter Berufung auf 
Hermann auf die Notwendigkeit der „dauernden Unterbringung“ als Ent¬ 
mündigungsgrund hin, worauf das betreffende Gericht nicht nur für I. M., 
sondern noch für zwei andere Fälle, für die es zuständig war, das Ent¬ 
mündigungsverfahren einleitete und durchführte. 

Hermann führt weiter aus: „Für die Entscheidung, ob auf volle 
oder beschränkte Entmündigung ... zu erkennen ist, bleibt lediglich der 

wenn die Richter das Gesetz einmal in allen seinen Bestimmungen gena r 
erfaßt haben werden, ein bedeutend größerer sein wird als jetzt. Es hat . Iso 
nur den Wert eines Beitrages zu beiläufiger Orientierung, wenn ich erwähne, 
daß von denjenigen Personen, deren Anhaltung in der Zeit vom 1. Septem > r 1916 
bis zum 1. September 1917 in Klosterneuburg ab zulässig erklärt \. .rdeu ist 
und deren Abgang nicht vor der Zeit, innerhalb welcher die Entmündigung 
erfahrungsgemäß zu erfolgen pflegt, stattgefunden hat, 22*6°/ 0 , bzw. wenn die 
Personen unter 24 Jahren nicht mitgerechnet werden, 31% entmündigt, und 
zwar voll entmündigt worden sind. 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 8D 

Grad der durch die Krankheit verursachten Behinderung der Handlungs¬ 
fähigkeit maßgebend. Es kann zweckmäßig sein, einem geistig ganz be¬ 
schränkten, aber arbeitsfähigen Geisteskranken den Abschluß von Dienst¬ 
verträgen zu ermöglichen. In solchem Falle ist auf beschränkte Entmündigung 
zu erkennen, wiewohl die Voraussetzungen zur vollen Entmündigung gleich¬ 
falls gegeben wären.“ Dieser Gesichtspunkt wird ira allgemeinen nicht berück¬ 
sichtigt — würde er es, so wären viele Geisteskranke, die voll entmündigt 
worden sind, beschränkt entmündigt worden —; für die beschränkte Ent¬ 
mündigung wird vielmehr, wie aus den „Begründungen“ hervorgeht, nur 
die geringere Schwere der Geisteskrankheit oder Geistesschwäche als ma߬ 
gebend angesehen. 

§ 4 . 

Von den in diesem Paragraph enthaltenen Bestimmungen ist besonders 
die interessant, nach der „wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche 
beschränkt Entmündigte . . . eine Ehe eingehen können“ — allerdings „nur 
mit Einwilligung des Beistandes und des Gerichtes“. Es erübrigt sich, auf 
diese viel erörterte und umstrittene Frage hier näher einzugehen, zumal 
der Anstaltsarzt wohl nur ganz ausnahmsweise in die Lage kommen wird, 
sich mit ihr praktisch befassen zu müssen. 

Erwähnt sei, daß sich u. a. Papirnik 1 ) gegen diese Bestimmung 
wendet, weil (vgl. Referat von Jar. Stuchlik in Zeitschrift für die gesamte 
Neurologie und Psychiatrie, Ref.-Bd. 14, S. 584) die Bestimmungen so bieg¬ 
sam seien, daß gerade die chronischen Patienten, aus deren Familien, wie 
die Erfahrung lehre, sich die meisten Degenerierten u. dgl. rekrutieren, 
die Gesellschaft in Gefahr bringen können, und außerdem die Bestimmung 
in schroffem Gegensatz zu den modernsten eugenischen Bestrebungen stehe. 

Gar so groß ist diese Gefahr aber meines Erachtens nicht, voraus¬ 
gesetzt, daß die den Gerichten im Justizministerialerlaß vom 14. Juli 1916, 
VB1. Nr. 25, dringend nahegelegte Vorsicht wirklich geübt wird. Wenn der 
Justizministerialerlaß sagt: „Es ist selbstverständlich, daß eine solche Ehe¬ 
bewilligung nur nach gründlicher Erhebung und eingehender Erwägung aller 
in Betracht kommenden Umstände und je nach Lage des Falles erst nach 
Einholung eines ärztlichen Gutachtens erteilt werden kann,“ möchte ich 
allerdings der Meinung Ausdruck geben, daß ein ärztliches Gutachten in 
jedem Falle, und nicht nur „je nach Lage des Falles“, einzuholen wäre, und 
daran zugleich das Petitum knüpfen, daß diese Begutachtung stets in die 
Hände wirklicher Sachverständiger gelegt werde, was nach den allgemeinen 
Erfahrungen seit der Wirksamkeit der E.-O. leider nicht ganz sicher zu 
erwarten steht. 

§ 8 - 

Die Bestellung eines „vorläufigen Beistandes“ im Sinne des § 8, 
Abs. 1, erfolgt nur äußerst selten schon vor der Untersuchung im An¬ 
haltungsverfahren. Wo im Entmündigungsverfahren Fristen beschlossen werden 

') Papirnik A. E., Zur neuen Verordnung über Bevormundung mit 
Rücksicht auf die Insassen öffentlicher Irrenanstalten. Casopis cesk^ch lekaftiv 
56, 509 1917 (böhmisch). 


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Dr. Josef Herze. 


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— fast in allen Anstalten, aber doch nicht überall kommt dies, nach den 
Mitteilungen der Direktoren zu schließen, vor —, wird in der Regel auch 
für die Dauer der Frist ein „vorläufiger Beistand“ bestellt, der also sozusagen 
an Stelle des vor dem Inkrafttreten der E.-O. in solchen Fällen bestellten 
„provisorischen Kurators“ getreten ist 

Von der Bestellung eines „besonderen Kurators“ *) nach § 8, Abs. 4, 
wird seitens keiner Anstalt Erwähnung getan. 

§26. 

§ 26 führt in Abs. 1 und Abs. 2 aus, wer zum Anträge auf Entmün¬ 
digung berechtigt ist. Es geht daraus hervor, daß die Anstalt resp. der Leiter 
der Anstalt, in welcher ein Geisteskranker untergebracht ist rieht zu den 
Antragsberechtigten zählt. Dies ist im Hinblicke auf gewisse Fälle zu bedauern, 
ln nicht wenigen Fällen erfolgt die Entmündigung in Anstalten angehaltener 
Geisteskranker nicht, weil einerseits nach Ansicht des Gerichtes „kein 
rechtliches Interesse (für Entmündigung) vorliegt“ und es demnach zur Ein¬ 
leitung des Verfahrens von Amts wegen nicht kommt weil andererseits 
der Kranke ganz allein steht d. h. weder Angehörige, die sich für ihn 
interessieren würden, noch einen gesetzlichen Vertreter hat, es demnach auch 

i) Es sei bei dieser Gelegenheit eine Übersicht über die verschiedenen 
Kuratoren, Beistände und anderen „schützenden“ Personen gegeben, mit denen 
die Entmündigengsordnung den angehaltenen, sowie den za entmündigenden, 
resp. schon entmündigten Geisteskranken umgibt: 1. Zur Fürsorge für die 
Person und das Vermögen des voll Entmündigten wird ein Kurator bestellt. 
Diesem gleich ist der Kurator, wie er vor Beginn der Wirksamkeit der E.-O. 
für den wegen Wahn- oder Blödsinns unter Kuratel Gestellten bestellt wurde. 
2. Wer beschränkt entmündigt ist, erhält nach § 4, Abs. 1, einen Beistand; 
dieser hat im allgemeinen „die Rechte und Pflichten eines Vormundes, doch 
kann das Pflegschaftsgericht dem Beistände die Verfügung über das, was sich 
der Entmündigte durch seinen Fleiß erwirbt, Vorbehalten“. Es ist also zu 
unterscheiden zwischen Beiständen a) mit vollen Rechten, b) mit im erwähnten 
Sinne verminderten Rechten. 3. „Wenn es zum Schutze einer eigenbercchtigten 
Person dringend notwendig ist, so soll ihr nach der Aufnahme in eine Irren¬ 
oder ähnliche Pflegeanstalt oder nach Einleitung des Entmündigungsverfahrens 
auf Antrag oder von Amts wegen ein vorläufiger Beistand bestellt werden.“ 
(§8, Abs. 1.) Dieser vorläufige Beistand „hat die Rechte und Pflichten 
des Beistandes eines Entmündigten“. Das Gericht kann aber „bei der Be¬ 
stellung oder später den Wirkungskreis des vorläufigen Beistandes mit Rücksicht 
auf Grund und Zweck der Bestellung sowie auf das Interesse des Pflege¬ 
befohlenen beschränken oder begrenzen“. (§ 9, Abs. 1.) Es ist also wieder zu 
unterscheiden zwischen vorläufigen Beiständen a) mit ganzem, b) mit be¬ 
schränktem oder begrenztem Wirkungskreise. 4. „Wenn gegen eine Person, die 
in einer Irrenanstalt aufgenommen oder über welche das Verfahren zur Ent¬ 
mündigung wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche eingeleitet ist, Klage 
erhoben wird oder Exekution bewilligt werden soll, kann im Falle der Dring¬ 
lichkeit das Prozeßgericht oder das zur Exekutionsbewilligung zuständige 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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nicht zur Stellung eines Antrages seitens einer der nach § 26, Abs. 1, 
antragsberechtigten Person kommt, und schließlich auch für den Staatsanwalt 
kein Grund vorliegt, die Entmündigung (nach § 26, Abs. 2) zu beantragen. 
Unter diesen nichtentmündigten angehaltenen Geisteskranken befindet sich 
nun ab und zu einer, für den ein Kurator oder Beistand aus dem Grunde 
erwünscht wäre, weil die Entlassung des Kranken in Erwägung gezogen 
werden könnte, wenn in Aussicht stünde, daß dem Kranken wenigstens in 
der ersten Zeit nach der Entlassung eine verläßliche Person zur Seite stehen 
werde. Für solche Fälle wäre also die Antragsberechtigung der Anstalts- 
direktion erwünscht. 

Ein Weg zur Erreichung der Entmündigung steht freilich der Anstalts¬ 
direktion in solchen Fällen offen. Nach § 8 soll, „wenn es zum Schutze 
einer eigenberechtigten Person dringend notwendig ist, ihr. nach der Auf¬ 
nahme in eine Irren- oder ähnliche Pflegeanstalt . . . auf Antrag oder von 
Amts wegen ein vorläufiger Beistand bestellt werden“. Wer zur Stellung 
dieses Antrages berechtigt ist, erscheint nirgends ausgeführt; jedenfalls 
aber muß der Angehaltene selbst dazu berechtigt sein — und der Anstaltsarzt 
kann ihn dazu, wenn er will, anleiten. Ob der „vorläufige Beistand“ selbst 
schon als die Person angesehen werden kann, der der Kranke bei der 


Gericht einen besonderen Kurator gemäß § 8 2. P. O. bestellen.“ Dieser b e- 
sondere Kurator ist, wie Hermann betont, nicht mit dem vorläufigen 
Kurator zu verwechseln. 5. Nach § 30 muß, wenn von der Ladung des zu 
Entmündigenden zu den „Untersuchungen, Vernehmungen und sonstigen Ver¬ 
handlungen“ im Entmündigungsverfahren abgesehen werden muß („wenn sein 
persönliches Erscheinen nicht möglich oder für ihn schädlich wäre“), die 
Ladung seinem Vertreter oder, „wenn ein solcher fehlt, einem für ihn bestellten 
Kurator zugestellt werden“. Dieser Kurator wird in der Überschrift des For¬ 
mulares Nr. 89 c), das seine Bestellung betrifft, als Zustellungskurator 
bezeichnet. Diese Bezeichnung ist, wie Sternberg (1. c. erster Band S. 140) 
mit Recht bemerkt, „irreführend“, denn der Kurator nach §30 ist kein Zu- 
Stellungskurator. Nur der Kurator des §65, Abs. 3, ist für die Zustellung 
bestimmt. Der Kurator des § 30 ist ein Kurator im weiteren Sinne des Wortes. 
Er soll nach allen Richtungen die Interessen des Angchaltenen, bzw. des zu 
Entmündigenden vertreten, sowie auch ganz richtig der Text de9 Formulares 
die Worte gebraucht: „zur Vertretung im Entmündigungsverfahren.“ 6. § 65, 
Abs. 3, lautet: „Die Zustellung an denjenigen, über dessen Anhaltung oder 
Entmündigung entschieden wird, darf nur unterbleiben, wenn sie wegen seines 
Zustandes offenbar zwecklos oder für sein Befinden schädlich wäre. Wenn für 
ihn kein Vertreter ein trist, ist zur Empfangnahme des Beschlusses ein Kurator 
zu bestellen. Gegen die Bestellung eines solchen findet kein Rechtsmittel statt.“ 
Auch auf diesen Kurator bezieht sich die Bezeichnung: Zustellung.**- 
kurator in der Überschrift des Formulars 89 c).*Er (Zustellungskurator nach 
§65, Abs. 3) ist mit dem Zustellungskurator nach §30 nicht zu verwechseln; 
auch wenn ein solcher bestellt wurde, bedarf es nach Hermann „einer 
neuerlichen Bestellung“. Ein Nur-Zustcllungskurator ist im Grunde auch er 
nicht, ist er doch auch Widerspruchsberechtigter nach § 39, Abs. 2. Jedenfalls 


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Dr. Josef Berxe. 


Entlassung übergeben werden könnte, ist nun wohl zumindest fraglich, 
da der § 10, der von der Enthebung des vorläufigen Beistandes handelt, 
wie u. a. die Ausführungen Sternbergs zeigen, dahin ausgeiegt werden 
kann, daß der Zeitpunkt der Enthebung „mit dem Zeitpunkte zusammenfallen 
kann, ... in welchem der zu Entmündigende 1 * — es sollte wohl besser 
heißen: der Angehaltene (Ref.) — „aus der Irren- oder Pflegeanstalt ent¬ 
lassen wird“. Aber — der vorläufige Beistand ist als „gesetzlicher Vertreter" 
nach § 26, Abs. 1, zur Stellung des Antrages auf Entmündigung berechtigt; 
und so könnte der Anstaltsdirektor auf dem Umwege der Anleitung des 
Kranken zum Anträge auf Bestellung eines vorläufigen Beistandes und der 
Anleitung des daraufhin bestellten vorläufigen Beistandes zum Anträge auf 
Entmündigung endlich die Bestellung eines Kurators, bzw. Beistandes, 
berbeiführen. 

Es käme übrigens auf den Versuch an, ob nicht das Gericht auf den 
Bericht der Anstaltsdirektion hin, obwohl diese nicht eigentlich antrags¬ 
berechtigt ist, mit der Einleitung des Entmündigungsverfahrens vorginge; 
eine‘„Anregung“ (vgl. Hermann) in diesem Sinne kann dem Anstaltsleiter 
jedenfalls nicht verwehrt werden. Soweit mir bekannt, ist dieser Versuch 
aber noch nirgends unternommen worden. 


paßt aber diese Bezeichnung für ihn besser als für den „Zustellungs“kurator 
nach § 30. 7. Außerdem spricht die E.-0. in einer Reihe von Bestimmungen — 
z. B. § 23, Abs. 4, § 24, Abs. 1, § 29, § 34, §38, § 49, § 51 — von dem Ver¬ 
treter, resp. von den Vertretern des Angehaltenen, resp. des zu Entmün¬ 
digenden oder auch schon Entmündigten. Der „Vertreter“ kann, wie aus den 
„Erläuterungen* zu ersehen ist (z. B. S. 264 oben), ein „gesetzlicher“ oder ein 
„freiwilliger“ sein. Und Hermann sagt dazu in einer Bemerkung zum Worte 
Vertreter in § 29: „Gesetzlicher oder freiwilliger, insbesondere der Zn^tellungs- 
kurator nach § 30. Der sogenannte Vertrauensmann ist, mag er auch wegen 
der zweifelhaften oder mangelhaften Handlungsfähigkeit seines Schutzbcfohleuen 
nicht als Bevollmächtigter anzusehen sein, freiwilliger Vertreter. Die Beteiligung 
des Vertrauensmannes am Verfahren kann auch auf § 217 a B. G. B. und auf 
Seite 2, Z. 5 Ausstreit G., gestützt werden. Nach der Resolution des Justiz- 
ausschusses ist nicht beabsichtigt, an der Praxis der Gerichte, Vertrauenspersonen 
im Verfahren zuzulassen, etwas zu ändern. Doch ergibt sich aus den parla¬ 
mentarischen Verhandlungen, daß eine Einflußnahme der Vertrauensperson im 
Anhaltungsverfahrcn ausgeschlossen sein sollte und daß Handlungsunfähige 
und bekannte Winkelschreiber als Vertrauenspersonen nicht zuzulnssen sind.“ 
Der langen Rede kurzer Sinn ist: Die Bestimmungen über die Vertrauens¬ 
person sind wohl, wie es in den „Vorbemerkungen“ heißt, ausgeschaltet, die 
Vertrauensperson besteht aber unter der Bezeichnung: Ver¬ 
treter weiter. 8. §56 erwähnt noch ausdrücklich, daß „es den Beteiligten 
(sc. in dem in dieser Kaiserlichen Verordnung geregelten Verfahren) freisteht* 
sich durch Advokate n vertreten zu lassen“. 9. Endlich hat noch § 41 „der 
Entmündigte, dem das Armenrecht bewilligt ist, Anspruch auf die Beigebung 
eines Armen Vertreters“ (sc. im Widerspruchsverfahren, wie es im IV. Ab¬ 
schnitte (2. Titel) der E.-O. statuiert wird). 


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Die Entmündigungsordnuug und die Irrenanstalten. 


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Weit besser als durch die Entmündigung, bzw. durch die Aufnahme 
der Antragsberechtigung (auf Entmündigung) der Anstaltsdirektion könnte 
dem erwähnten Bedürfnisse allerdings durch Aufnahme einer entsprechenden 
Bestimmung in das zu erwartende Irrenfürsorgegesetz entsprochen 
werden; diese Bestimmung hätte etwa zu besagen, daß dann, wenn die Ent* 
lassung eines Geisteskranken aus einer Heil- oder Pflegeanstalt nur unter 
der Bedingung einer gewissen, sei es für eine kürzere Zeit, sei es für 
längere Dauer währenden, Fürsorge möglich ist, für den Fall des Mangels 
von Personen, die zur Übernahme dieser Aufgabe verpflichtet, resp. bereit 
wären, seitens der politischen Behörde, die sich mit der Überwachung der 
außeranstaltlichen Irrenpflege zu befassen hat, auf Antrag des Anstalts¬ 
leiters eine Person zu bestimmen ist, welche diese Verpflichtung zu über¬ 
nehmen hat 1 ). In dem Regierungsentwurfe eines Irrenfürsorgegesetoes, wenig¬ 
stens in seiner bisher bekanntgewordenen Fassung, ist nichts davon ent¬ 
halten, wie ja die eigentliche Fürsorge für die Geisteskranken außerhalb 
der Anstalten überhaupt noch einer weit eingehenderen Würdigung, als sie 
in diesem Entwürfe erfahren hat, bedarf 2 ). 

Zur Stellung des Antrages auf Entmündigung wegen Verschwen¬ 
dung, Trunksucht oder wegen Mißbrauches von Nerven¬ 
giften ist außer den im § 26, Abs. 1, Punkt 2, Genannten nach § 26, 
Abs. 3, noch der „Vorsteher der Aufenthalts- und der Heimatsgemeinde 1 * 
und der „Vorsteher des zur Armen Versorgung berufenen Verbandes oder 
der sonst zur Armenpflege berufenen öffentlichen Organisation“ berechtigt 

Was nun speziell die Entmündigung wegen Trunksucht 
(oder wegen Mißbrauches von Nervengiften) betrifft, so ist trotz der nicht 
geringen Anzahl der Antragsberechtigten seitens des Anstaltsarztes in dieser 
Hinsicht doch noch eine Lücke zu konstatieren. 

Mit Recht wird in den „Vorbemerkungen“ gesagt, daß der Umstand, 
„daß gerade im Strafverfahren am häufigsten die Folgen der Trunk¬ 
sucht zutage treten und die Notwendigkeit einer Eindämmung des Hanges 
zum Trinken grell beleuchtet wird“, für die Aufnahme der Bestimmung 
sprach, nach welcher der Staatsanwalt beim Gerichtshof erster Instanz die 
Entmündigung beantragen kann. Nicht viel weniger grell wird die Notwendig¬ 
keit einer Eindämmung des Alkoholismus durch die als Folge dieser Sucht 
in Erscheinung tretenden Geistesstörungen beleuchtet, so daß der 
Gedanke naheliegt, daß die Entmündigung wegen Trunksucht auch bei einem 
Teile der Personen, die auf dem Wege des Alkoholismus 


J ) Zu denken wäre auch an eine der Institution der Armenräte analoge 
Institution von Irrenräten. Licmann (Die Irrenpflege auf dem Lande vom 
Standpunkte des Amtsarztes; in: Bericht über den österreichischen Irrenärzte¬ 
tag zu Linz am 6. Oktober 1911, erstattet vom Psychiatr. Verbände) verlangt 
„Irrenräte, die in jedem Bezirkssprengel, JSanitätsgemeinde, aufgestellt sind, die 
sich wiederum zu einem Landesrat vereinigen können, der der Landesbehörde 
unterstellt ist 44 . 

2 ) Vgl. auch Stärlinger, Zur Reform des Irrengesetzes (Zeitschrift für 
Kranken- und Humanitätsanstalten, 1911) u. a. 


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Dr. Josef Berze. 


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schon in die Irrenanstalt geraten sind, Platz zu greifen hätte. 
Ein gewisser Teil dieser Alkoholiker wird ja wohl bekanntlich wegen Geistes¬ 
krankheit, bzw. Geistesschwäche (voll oder beschränkt) entmündigt; der 
weit größere Teil aber wird nach einer kurzen, zumeist für den Zweck zu 
kurzen, Anhaltung in der Irrenanstalt als geheilt, bzw. geistesgesund, ent- 
lassen, und zwar nicht bloß einmal, sondern in manchen Fällen zehn-, zwölf-, 
fünfzehnmal und darüber. In allen diesen Fällen, in denen mangels einer 
eigentlicher Geisteskrankheit, sowie einer ausgesprochenen Geistesschwäche 
die Entmündigung wegen Geisteskrankheit oder Geistes¬ 
schwäche eben nicht erfolgen kann, wäre meines Erachtens zumindest 
rlie Frage zu erwägen, ob nicht andererseits die Entmündigung wegen 
Trunksucht (§2, Abs. 2) zu empfehlen wäre. Es wäre demgemäß 
eine Bestimmung erwünscht gewesen, nach der es Sache entweder des An¬ 
staltsleiters oder etwa des mit der Leitung der Untersuchung im Anhaltungs¬ 
verfahren betrauten Richters oder des von der politischen Landesbehörde 
„etwa abgeordneten“ Sanitätsorganes wäre, die Entmündigung wegen Trunk¬ 
sucht — das gleiche gilt selbstverständlich auch für den Mißbrauch von 
Nervengiften — zu beantragen. Wenn überhaupt, so kann nur von der 
rechtzeitig angewendeten (vgl. Motivenbericht zur Regierungsvor¬ 
lage) Entmündigung wegen Trunksucht ein Nutzen erwartet werden; eine 
Bestimmung des erwähnten Inhaltes würde sicherlich in nicht wenigen Fällen 
zur noch rechtzeitigen Antragstellung führen, in denen sie jetzt unterbleibt. 

§33. 

Nach § 33, Abs. 1, darf die Entscheidung über die Entmündigung 
wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche nicht ohne vorausgehende Unter¬ 
suchung des zu Entmündigenden durch einen oder zwei Sachverständige 
erfolgen. § 33, Abs. 2, aber sagt: „Wenn jedoch der Geisteszustand des zu 
Entmündigenden innerhalb der letzten sechs Monate anläßlich seiner Auf¬ 
nahme in eine der im § 16 bezeichneten Anstalten gerichtlich untersucht 
worden ist und nach dem Zeugnisse des Anstaltsleiters und dem Ergebnisse 
der gerichtlichen Ermittlungen eine für die Entscheidung wesentliche Ver¬ 
änderung in dem Geisteszustände des Untersuchten seither nicht eingetreten 
ist, kann von einer neuerlichen Vernehmung und von der Untersuchung 
durch Sachverständige abgesehen und das Ergebnis der früheren Ermittlungen 
der Entscheidung über die Entmündigung zugrunde gelegt werden.“ 

Der Justizministerialerlaß vom 14. Juli 1916 (VB1. Nr. 25) führt dazu 
aus: „In den einfachen Fällen kann somit das Feststellungsverfahrcii 
des III. Abschnittes der E.-O. völlig zur einfachsten Durchführung des Ent¬ 
mündigungsverfahrens verwertet werden. Zu diesem Behufe soll das Be¬ 
zirksgericht, in dessen Sprengel die Anstalt liegt (§ 17 E.-O.), sein Ver¬ 

fahren tunlichst rasch zu beendigen trachten und sodann unverweilt die 
Akten dem zur Entmündigung zuständigen Bezirksgerichte (§ 12 E.-O.) über¬ 
senden. Dieses hat darauf zu sehen, daß nicht durch Verstreichen der im 
§ 33, Abs. 2 E.-O., bezeichneten sechsmonatigen Frist die gebotene Ver¬ 
einfachung vereitelt wird.“ 

An manchen Orten verlangt das Bezirksgericht von den Sachverstän- 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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digen, bei der Fassung ihres Gutachtens im Anhaltungsverfahxen auch bereits 
auf die eventuelle spätere Verwendung desselben im Entmündigungsver¬ 
fahren Rücksicht zu nehmen. Das Bezirksgericht Klosterneuburg steht seit 
längere: Zeit sogar auf dem Standpunkte, daß die Sachverständigen in diesem 
Gutachten auch schon ausdrücklich zur Frage der Handlungsfähigkeit 
Stellung zu nehmen haben. Daher heißt es auch im Schlußsätze der Gutachten, 
welche auf Zulässigkeit der Anhaltung gehen — mit Ausnahme der Fälle, in 
denen eine Frist für die Beantwortung der Frage der Handlungsfähigkeit 
für nötig gehalten wird —, regelmäßig, daß der Untersuchte „als geisteskrank, 
resp. geistesschwach, als nicht handlungsfähig und als anhaltungs¬ 
bedürftig“ (!) anzusehen sei. 

Dieses Verfahren wird den Richtern übrigens auch durch eine Bemer¬ 
kung Hermanns zu § 18 nahegelegt, welche lautet: „Das Gutachten hat 
im Anhaltungsverfahren jedenfalls schon festzustellen, ob der Untersuchte 
als nicht geistesgesund der Anstaltspflege bedarf (§ 22). Läßt sich schon 
bei dieser Untersuchung feststellen, ob auch die Voraus¬ 
setzungen für eine Entmündigung vorliegen, so hat sich 
das Gutachten auch auf diese Voraussetzungen zu er¬ 
strecken. Dadurch wird es ermöglicht, das Gutachten auch im Entmün¬ 
digungsverfahren zu verwerten (§ 33, Abs. 2).“ — 

Während es im § 33, Abs. 2, bloß heißt, daß unter den bezeichneten 
Umständen von einer neuerlichen Untersuchung abgesehen werden kann, 
ist dieser Ausfall der Untersuchung — wie übrigens Sternberg (1. c. 
I. Bd. S. 145) vorausgesehen hat — zur Regel geworden 1 ). 

Die Einholung des im § 33, Abs. 2, erwähnten „Zeugnisses des An¬ 
staltsleiters“ erfolgt keineswegs in allen Fällen. Und da offenbar auch 
die Ergebnisse der sonstigen „gerichtlichen Ermittlungen“ den Tatsachen 
nicht immer entsprechen, kommt es ab und zu seit der Wirksamkeit der E.-O. 
zu nicht gerechtfertigten Entmündigungen, die ohne 
Zweifel, ohne die Verquickung des Entmündigungs- mit dem Anhaltungsver¬ 
fahren, wie sie der § 33, Abs. 2, bringt, nicht vorkämen. So berichtet der 
Leiter der Anstalt in Brünn, daß auf Grund der Begutachtung im Anhaitungs- 
verfahrer bereits recht oft Pfleglinge unter Kuratel gesetzt worden seien, die 
bereits genesen und entweder eben erst aus der Anstalt zu entlassen 
oder sogar schon entlassen worden waren. Der Direktor fährt fort: 
„Erst in diesem Zustande haben diese Patienten den gerichtlichen Beschluß 
von der vom Gerichte gebilligten Anhaltung (bis zu einem Jahre) und von 
der verhängten Kuratel eingehändigt bekommen. Es sind darob Verschlim¬ 
merungen des Gesundheitszustandes, auch direkte Rezidiven hierorts ver- 


i) Falsch behauptet aber Sternberg wieder, das Gericht müsse sich, 
„bevor cs von einer neuerlichen Untersuchung absieht, genau diesbezüglich 
erkundigen, ob wirklich eine Änderung nicht zu erwarten steht“. Darauf 
kommt es nicht an, sondern darauf, ob, wie es im Formular 91 a) heißt, seit 
der gerichtsärztlichen Untersuchung eine für die Entscheidung wesentliche 
Veränderung im Geisteszustände des Untersuchten eingetreten ist, — also: 
bereits eingetreten ist! 


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90 Dr. Josef Berzc. 

merkt worden.“ In Klosterneuburg hat sich folgender Fall zugetragen: Eine 
Patientin, aufgenommen am 12. September 1916, von der Kommission unter¬ 
sucht am 18. September 1916, wird am 28. Jänner 1917 bedeutend gebessert 
— man könnte sagen: geheilt mit Defekt — entlassen. Am 9. Februar 1917 
wird die Anstalt verständigt, daß diese Patientin am 22. Jänner 1917 voll 
entmündigt worden sei. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Entmündigung 
unterblieben wäre, wenn das betreffende Bezirksgericht vor der Beschlu߬ 
fassung bei der Direktion im Sinne des § 33, Abs. 2, angefragt hätte. 

Von einigen Direktoren wird zu diesem Punkte noch erklärt, daß 
das Entmündigungsverfahren bei Anstaltspfleglingen seit der Wirksamkeit 
der E.-O. an Gründlichkeit sicher nicht gewonnen, sondern eher verloren 
habe. Der Direktor einer niederösterreichischen Anstalt sagt u. a.: „Das Kon¬ 
statierungsverfahren ist bekanntlich immer oberflächlicher, auch im Sinne 
des Gesetzes gewissermaßen als Schnellprozeß gedacht 1 ). Daß da auch für 
die Entmündigung manchmal daneben geschossen wird, darf daher nicht 
verwundern. Das Entmündigungsverfahren ist hiedurch zweifellos in seinem 
Ernste herabgesetzt worden.“ — 

Jedenfalls muß aber konstatiert werden, daß die in einer Anstalt 
angehaltenen Geisteskranken, vorausgesetzt, daß die in den §§ 29 bis 33, 
Abs. 1, enthaltenen Bestimmungen tatsächlich von wesentlicher Bedeutung im 
Punkte des Rechtsschutzes sind, in dieser Hinsicht gegenüber den zu Ent¬ 
mündigenden außerhalb der Anstalten stark im Nachteile sind, sobald in 
ihrem Falle der Entscheidung über die Entmündigung nach § 33, Abs. 2, das 
Gutachten im Anhaltungsverfahren zugrunde gelegt wird. Während sonst 
„der Antragsteller, der zu Entmündigende, sein Vertreter und der vorläufige 
Beistand zu allen Untersuchungen, Vernehmungen und sonstigen Verhand¬ 
lungen zu laden und über die für die Entscheidung wesentlichen Tatsachen 
zu hören sind“ (§ 29), erfährt der angehaltene zu Entmündigende in 
der Regel überhaupt nichts davon, daß seine Entmündigung eingeleitet 
worden ist. Er kommt daher auch nicht in die Lage, bzw. findet keinen 
Anlaß, einen Vertreter aus eigenem zu nominieren, so daß seine Vertretung 
im Entmündigungsverfahren gewöhnlich dem „Zustellungskurator“ (§ 30, vgl. 
Form. 89 c) zufallen wird, von dem im allgemeinen wohl kaum ein besonders 
tiefes Interesse für die ganze Angelegenheit zu erwarten ist und der demnach 
von seiner Befugnis, „Fragen an Sachverständige, Zeugen und Auskunfts¬ 
personen zu stellen, ihm wichtig scheinende Punkte für die Untersuchung zu 
bezeichnen, Anträge zu stellen, ferner in die Akten Einsicht zu nehmen und 
Abschrift zu erheben“ (§ 31), nur ganz ausnahmsweise mit größerem Nach¬ 
druck Gebrauch machen dürfte. Was aber schließlich die im § 32, Abs. 1, 
verlangten „Ermittlungen“ betrifft, so muß ich auf Grund des Einblickes 
in eine ganze Reihe von Gerichtsakten („L-Akten“) konstatieren, daß die 
„Ermittlungen“ im Entmündigungsverfahren bei angehaltenen Geisteskrankea 
in nicht wenigen Fällen, wenn überhaupt, kaum nennenswert über die im 


! ) Ob er in diesem Punkte recht hat, muß ich allerdings dahingestellt 
sein lassen! Daß das Verfahren tatsächlich oft zu einem r 8chncllprozeß“ wird, 
kann ich freilich nicht leugnen. 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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Anhaitungsverfabren schon gemachten hinaus gehen, so daß im Grunde gesagt 
werden muß, daß in solchen Fällen nicht nur, wie der § 33, Abs. 2, einräumt, 
„das Ergebnis der früheren Ermittlungen der Entscheidung über die Ent¬ 
mündigung zugrunde gelegt wird“, sondern sich die Entscheidung nahezu 
ausschließlich auf die Ermittlungen im Anhaltungsverfahren und, in der 
Regel wenigstens, auf das Zeugnis des Anstaltsleiters, nach welchem „eine 
für die Entscheidung wesentliche Veränderung in dem Geisteszustände des 
Untersuchten seither nicht eingetreten ist 41 , gründet. 

Die Beurteilung, ob diese Verkürzung der angehaltenen Geistes¬ 
kranken an Rechtsschutz zu billigen ist, ist selbstverständlich Sache 
des Juristen; die Absicht des Referenten ist es auch nur, die Frage auf¬ 
zuwerfen — und dies wird dem Anstaltsarzte wohl kaum verwehrt werden 
können. — 

Es sei zu § 33, Abs. 2, noch bemerkt, daß darin vom Anstaltsleiter 
sozusagen unversehens eine Sachverständigentätigkeit verlangt wird; denn 
der Anstaltsleiter hat nicht einfach zu berichten, ob im Befinden des Unter¬ 
suchten seit der Untersuchung überhaupt eine Veränderung, sondern ob 
eine „für die Entscheidung (sc. über die Entmündigung) wesent¬ 
liche Veränderung“ eingetreten ist, d. h. er hat sich zugleich zu fragen 
und darüber Auskunft zu geben, ob die Veränderung, welche etwa eingetreten 
ist, als eine „für die Entscheidung wesentliche“ anzusehen ist. „Sonderbarer¬ 
weise erfolgt“ übrigens, wie ein Direktor betont, „die Anfrage auch hei 
kurzfristigen Fällen der Anhaltungszulässigkeit und wird die Vollentmün¬ 
digung ohne neuerliche ärztliche Untersuchung ausgesprochen, während 
die Frist zu Ende ^ekt oder schon verstrichen ist. In solchen 
Fällen übt also der Anstaltsleiter rechtsgültige und vollwertige Sachverstän¬ 
digentätigkeit 44 !). r— Nicht übergangen soll werden, daß der Anstaltsleiter 
in seinem Zeugnisse nur sagen kann, ob und inwieweit der Zustand des 
Pfleglings zur Zeit der Anfrage (im Sinne des § 33, Abs. 2) gegenüber dem 
Zustande zur Zeit der Untersuchung im Anhaltungsverfahren, wie ihn der 
Anstaltsleiter selbst gesehen und beurteilt hat, als verändert anzusehen ist, 
nicht aber, ob und inwieweit er sich von dem Zustande, wie ihn die 
Sachverständigen damals gesehen und beurteilt haben, unterscheidet, 
da ihm ja der Inhalt des Gutachtens, bzw. die Darstellung, welche die Sach¬ 
verständigen von dem Geisteszustände des Angehaltenen im Gutachten ge¬ 
geben haben, gar nicht bekannt ist; es ist diese Feststellung deswegen nicht 
ganz ohne Belang, weil sie zeigt, daß der Richter im Irrtum ist, wenn 
er die Angabe des Anstaltsleiters, der Zustand des Angehaltenen habe sich 
nicht wesentlich verändert, in dem Sinne verwertet, als ob der Anstalts¬ 
leiter konstatiert hätte, daß der Zustand des Angehaltenen, wie ihn die 
Sachverständigen im Gutachten, das ihm vorliegt, geschildert haben, unver¬ 
ändert weiter bestehe. 

J ) Besonders deutlich tritt iu derartigen Fällen auch der Widerspruch 
hervor, der, wie der Direktor der Anstalt in Troppau Sau.-R. Dr. Boeck mit 
Recht betont, darin liegt, daß „über die erste ,Anhaltung* nicht, wohl aber 
über ihre Fortsetzung die Direktion gehört werden und sogar ohneweiters 
maßgebend sein soll“. 

Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 7 


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Dr. Josef Bcrze. 


§ 34. 

„Das Gericht kann anordnen, daß die zu untersuchende Person für 
die Dauer von höchstens drei Monaten in eine Heilanstalt gebracht wird, 
wenn dies nach dem ärztlichen Gutachten zur Feststellung des Geistes¬ 
zustandes unerläßlich und ohne Nachteil für den Gesundheitszustand und 
die sonstigen Verhältnisse des zu Untersuchenden ausführbar ist . . 

Diese Bestimmung steht, wie fast alle Anstaltsleiter ausdrücklich er¬ 
klären, mit der Bestimmung des Statutes der Anstalten, derzufolge nui 
bereits als geisteskrank erklärte Personen aufzunehmen sind und, was die 
niederösterreichischen Landesirrenanstalten betrifft, auch mit dem Überein¬ 
kommen des niederösterreichischen Landesausschusses mit der niederöster- 
xeichischen Statthalterei, nach welchem die Landesirrenanstalten alle kon¬ 
statiert Geisteskranken aufzunehmen haben, wogegen alle Irrjinnsverdäch- 
tigen auf der Psychiatrischen Klinik des k. k. Allgemeinen Krankenhauses, 
Wien, zur Aufnahme gelangen, im Widerspruch. 

Mit der Betonung dieses Umstandes verfolgen die Anstaltsleiter aber 
keineswegs etwa ebenso übereinstimmend den Zweck einer ablehnenden 
Stellungnahme; denn wenn auch einige von ihnen eine derartige Einrichtung, 
bzw. auch die Errichtung von Beobachtungsstationen in den einzelnen An¬ 
stalten, für unerwünscht halten, stehen andere, z. B. die Direktoren in 
Dobrzan, Kremsier, Mauer-Öhling, Niedernhart, auf dem Standpunkte, daß 
die Errichtung einer Beobachtungsabteilung im Anschlüsse an ihre Anstalt 
zweckdienlich und erwünscht wäre, zumal, wie von einer Seite besonders 
betont wird, den Anstaltsärzten dadurch Gelegenheit geboten würde, Grenz¬ 
fälle genauer kennen zu lernen. 

Wie aus dem Berichte der mährischen Landesirrenanstalt in Brünn 
hervorgeht, werden übrigens dieser Anstalt bereits jetzt, obwohl sie keine 
eigene Beobachtungsabteilung hat — eine solche besteht dagegen im All¬ 
gemeinen Krankenhause bei St Anna in Brünn —, ab und zu vom Landes¬ 
gerichte alsSrafgericht Beobachtungsfälle zugewiesen. Die Direk¬ 
tion der mährischen Anstalt Kremsier berichtet, daß Aufnahmen zum Zwecke 
der Beobachtung im Sinne des § 34 der E.-O. in dem Anstaltsstatute nicht 
vorgesehen seien, „wohl aber diejenigen im Strafverfahren“. In Val- 
duna „sind bisher nur in Untersuchungshaft Befindliche, behufs 
Begutachtung, bzw. zur Feststellung einer Geisteskrankheit durch das Gericht 
eingewiesen worden“. An Übergängen zur Verwendung der Irrenanstalten 
auch für den Zweck der Beobachtung fehlt es also nicht mehr. Und aller 
Wahrscheinlichkeit nach wird gerade der § 34 der E.-O. die Landesaus¬ 
schüsse dazu veranlassen, dieser Frage näherzutreten. Einstweilen aber steht 
der Anstaltsleiter — und dies ist der Sinn des Hinweises der Anstaltsleiter 
auf den Widerspruch zwischen E.-O. und Anstaltsstatut —, falls seiner 
Anstalt eine Person nach § 34 der E.-O. zugewiesen wird, vor der Frage, 
ob er diese Person gegen die Bestimmung des Statutes ohneweiters auf- 
nehmen soll oder nicht 

Der Direktor der Anstalt in Niedernhart scheint sich für die anstands¬ 
lose Aufnahme entschieden zu haben. Er führt nur an, daß für Niedernhart 
„von der im § 34 ausgesprochenen Befugnis tatsächlich mehrinals Gebrauch 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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gemacht worden ist, obwohl diese Bestimmung im Widerspruche mit dem 
Anstaltsstatute jBteht 44 . Desgleichen scheint der Direktor in Kremsier den 
einen, ihm zugewiesenen Fall anstandslos aufgenommen zu haben. — Da¬ 
gegen erklärt der Direktor der böhmischen Anstalt Kosmanos: „Die Anstalts¬ 
direktion hat schon anläßlich der Einführung der Entmündigungsverordnung 
gegen die Einlieferung der Fälle zur Beobachtung entschieden Stellung ge¬ 
nommen und verkündet, daß kein Fall ohne Einwilligung der Vorgesetzten 
Behörde (Landesverwaltungskommission) aufgenommen werden kann. Zugleich 
wurde die Oberbehörde zur Beschlußfassung angeregt, das Einvernehmen 
mit dem Oberlandesgericht zu pflegen, daß die Beobachtungsfälle für Böhmen 
ausschließlich an die psychiatrischen Universitätskliniken in Prag zugewiesen 
werden. Eine Entscheidung darüber ist bis jetzt nicht erflossen." — Und 
der Direktor der Anstalten „Am Steinhof 4 führt aus: „Von der im § 34 aus¬ 
gesprochenen Befugnis hat das k. k. Bezirksgericht Neubau Gebrauch gemacht 
und einen Patienten auf Grund eines Beschlusses unter Berufung hierauf 
durch dessen Gattin hieher überstellt Da die hierortigen Anstaltsstatuten 
bei jeder Aufnahme vor Vorlage eines entsprechenden Pareres ausdrücklich 
ansprechen, wurde die Aufnahme zueast verweigert, und erst bei der zweiten 
abermaligen Überbringung des Patienten zugesagt. Die darauffolgende längere 
Auseinandersetzung mit dem bezeichnten Gerichte, welches sich auf den 
Standpunkt gestellt hat, daß der Anstalt nicht das Recht zustehe, einen 
derartigen Gerichtsbeschluß in bezug auf die Rechtmäßigkeit seines Zustande¬ 
kommens zu überprüfen oder für ungenügend zu erklären, hat diesbezüglich 
zu einer Änderung nicht geführt, obwohl sich hiemit auch das Präsidium des 
k. k. Landesgerichtes für Z. R. S. in Wien beschäftigt haben dürfte. Letztere 
Vermutung basiert darauf, daß zu gleicher Zeit von diesem Präsidium die 
hierortigen Anstaltsstatuten eingeholt wurden. 44 

§ 37 bi« 49. 

Von den Rechtsmitteln im Entmündigungsverfahren 
(„Widerspruch 44 und „Rekurs 44 ) ist im ersten Jahre, wie aus den Berichten 
der Direktoren hervorgeht, seitens der Pfleglinge in den allermeisten An¬ 
stalten kein Gebrauch gemacht worden. Nur in Dobrzan und Feldhof sind 
Widerspruch sowohl wie Rekurs des Entmündigten gegen „den auf Ent¬ 
mündigung lautenden Beschluß 44 vorgekommen. Ich weiß übrigens nicht, ob 
ich die Angaben der übrigen Anstaltsleiter durchwegs verwerten kann, da 
mir von einzelnen Direktoren die Rechtsmittel im Entmündigungsverfahren 
(im IV. Abschnitte) mit dem Rekurse im Anhaltungsverfahren (§ 24) zu¬ 
sammengeworfen worden zu sein scheinen; sicher steht dies für eine 
Anstalt, deren Leiter meine Frage, ob Fälle von Widerspruch nach § 37, 
bzw. von Rekurs nach § 49 vorgekommen seien, mit den Worten beantwortet: 
„Ein Widerspruch gegen die Anhaltung ist hier nicht vorgekommen. 44 

Wo die Verhältnisse so liegen wie in Klosterneuburg, kommt der 
Angehaltene übrigens gar nicht in die Lage, von den „Rechtsmitteln im Ent¬ 
mündigungsverfahren 44 Gebrauch zu machen. Die Bezirksgerichte als Ent¬ 
mündigungsgerichte unterlassen nämlich ganz regelmäßig — gegen die Be¬ 
stimmung im § 65, Abs. 2 — die Verständigung der Pfleglinge von d^r 

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Dr. Josef Berze. 


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Entscheidung über die Entmündigung wegen Geistesschwäche (Form. Nr. 92), 
resp. wegen Geisteskrankheit (Form. Nr. 92 b), so daß die Kranken weder 
von dieser Tatsache selbst, noch davon Kenntnis erhalten, daß sie, wie die 
„Nachricht“ in den Form. Nr. 92 und 92 b) besagt, das Recht haben, den 
Entmündigungsbeschluß „durch Widerspruch“ (§ 37) und auch „durch Rekurs“ 
(§ 49) „binnen der unerstreckbaren Frist von 14 Tagen“ anzufechten. 

§50. 

In § 50, Abs. 2, heißt es: „Wenn die Geisteskrankheit oder Geistes 
schwäche zwar noch nicht behoben, aber so weit gebessert ist, daß beschränkte 
Entmündigung genügt, kann das Gericht die volle Entmündigung in beschränkte 
umwandeln.“ 

Man sollte glauben, daß sich dieser Fall nicht gerade selten ergeben 
müßte. Indes erwähnt nur die Leitung der Anstalt Dobrzan, daß dort mehrere 
Fälle von Umwandlung der vollen in die beschränkte Entmündigung vor¬ 
gekommen seien, und berichtet nur noch die Anstalt Gugging über einen 
derartigen Fall *). In allen anderen Anstalten ist bisher keine solche Um¬ 
wandlung vorgekommen. So auch in Mauer-Öhling; der Direktor bemerkt 
dazu u. a.: „Die Umwandlung in die beschränkte Entmündigung wäre sicher¬ 
lich für viele Patienten wenigstens eine persönliche Annehmlichkeit; aber 
es ist niemals vorgekommen, daß das Gericht etwas unternommen hätte, 
um diese Ajonehmlichkeit den Kranken zu vermitteln. Zweifellos wäre zu 
mindest unter unseren Kolonisten eine Reihe von Kranken, welche 
dieser Wohltat teilhaftig werden könnten.“ 

Auffällig ist es, daß der Gesetzgeber nicht zum Ausdruck gebracht 
hat, daß er Wert auf die Initiative der Änstaltsleitungen in dieser Angelegen¬ 
heit legt, wo doch, wie ein Anstaltsleiter richtig sagt, der Anstaltsarzt vor 
allem als dazu berufen erscheint, da er die in der Anstalt angehaltenen 
Geisteskranken dauernd zu beobachten und daher Veränderungen in ihrem 
Zustande die nach § 50, Abs. 2, für die Umwandlung der vollen Entmün¬ 
digung in die beschränkte sprechen, alsbald wahrzunehmen Gelegenheit hat. 
Daß eine derartige Obliegenheit eine weitere Mehrbelastung der Anstaltsärzte 
bedeuten würde, zumal sie u. a. auch wieder eine eigene Evidenzhaltung 
verlangen würde, liegt freilich auf der Hand. 

Es mag mir gestattet sein, bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, 
daß die neue E.-O. eine bedeutende Vermehrung des amtlichen 
Verkehres zwischen Anstalt und Gerichten, und daher auch eine nicht 
unbeträchtliche Mehrbelastung der Anstaltsleitungen, resp. 
Direktionskanzlcien mit Schreibarbeiten mit sich gebracht hat. Das 
Ausmaß dieses Plus ist allerdings je nach der Auffassung der betreffenden 
Gerichte innerhalb weiter Grenzen verschieden; während ein Direktor gar 


] ) Kein besonders glücklich gewählter Fall! n B. G. (sekundäre Demenz), 
Kolonist, sucht um Aufhebung der Kuratel an. Die Gerichtskommission erkennt: 
die volle wird in die beschränkte Entmündigung uingewandelt, der Kranke ist 
nicht, anhaltungsbedürftig. Nach wenigen Wochen kam der raiUlerweilo ent- 
l.vi.icp.e Kranke wieder als gemeingefährlicher Geisteskranker in die Anstalt.“ 


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Die Enfcmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 101 

meint, die einschlägigen Agenden seien gegen früher auf das Vierfache an¬ 
gewachsen, schätzen andere die Mehrarbeit doch weit geringer ein. Auch 
gewinnt man, wie ich konstatieren zu können glaube, den Eindruck, daß die 
Schreibarbeiten allmählich bereits wieder etwas weniger werden, indem 
zugleich mit der richtigeren Erfassung des Gesetzes seitens der Richter 
auch eine gesündere Praxis Platz zu greifen beginnt. Im allgemeinen wird, 
aber eben doch in dieser Hinsicht von den-Anstalten recht viel verlangt, und 
wäre es vom Standpunkte der letzteren dringend zu wünschen, daß die 
Gerichte darauf bedacht wären, sich darin auf das Notwendige zu beschränken 
und namentlich von dem an manchen Orten sozusagen gewohnheitsmäßig 
geübten Einfordem von Krankengeschichtsabschriften abzusehen. 

§ 65. 

Nach § 65, Abs. 1, ist „der Beschluß, mit dem über die Anhaltung in 
einer Irrenanstalt entschieden“, vor allem dem Angehaltenen zuzu¬ 
stellen und ebenso ist nach § 65, Abs. 2, „der Beschluß, mit dem über die 
Entmündigung oder Aufhebung (Umwandlung) einer wirksam gewordenen 
Entmündigung entschieden wird“, u. a. „demjenigen, über dessen Entmün¬ 
digung erkannt wird“ — gleichviel, ob dieser in einer Irrenanstalt unter¬ 
gebracht ist oder nicht —, zuzustellen. Nach § 65, Abs. 3, darf diese Zu¬ 
stellung an den Geisteskranken „nur unterbleiben, wenn sie wegen seines 
Zustandes offenbar zwecklos oder für sein Befinden schädlich wäre“. 

Die „Erläuterungen“ sagen dazu: „Das Ergebnis des Gerichtsver¬ 
fahrens darf dem Hauptbeteiligten kein Geheimnis bleiben und es muß auch 
ihm persönlich das Recht zur Ergreifung von Rechtsmitteln gewahrt werden. 
Der die Entmündigung bedingende Zustand kann jedoch derart sein, daß 
eine Zustellung an den Entmündigten zwecklos oder nicht wünschenswert 
ist.“ Das erstere wird, nach den Erläuterungen, „bei allen denjenigen Geistes¬ 
krankheiten der Fall sein, deren Grund eine Einsicht in die Bedeutung des 
Entmündigungsaktes (sc. bzw. des Anhaltungsaktes) ausschließt“. Das letztere 
trifft nach den „Erläuterungen“ zu bei solchen Geisteskranken, „deren 
Gesundheitszustand durch die Nachricht ungünstig beeinflußt wird, wenn 
z. B. hochgradige Aufregung oder Depression zu erwarten ist In diesen 
Fällen muß eine Zustellung an eine das Interesse des Entmündigten wahr- 
nehmendo Person erfolgen und, wenn eine solche fehlt, eigens für diesen 
Zweck ein Kurator bestellt werden (§ 65, Abs. 3)“. 

So ist vom Standpunkte des Gesetzgebers alles anscheinend aufs beste 
geordnet. Aber im Grunde doch nur theoretisch I Der Praktiker aber muß 
sagen, daß die Zustellung der Beschlüsse — von ganz seltenen Ausnahmen 
— eigentlich immer entweder „zwecklos“ oder „nicht wünschenswert“ ist; 
denn unter den Kranken, die den Sinn des ihnen eingehändigten Beschlusses 
zu erfassen imstande sind, gibt es eben nur ganz wenige, die seinen Inhalt 
relativ ruhig hinnehmen, während er bei allen anderen mehr oder weniger 
schwere Aufregungs- oder Verstimmungszustände auslöst, bei manchen sogar 
nicht zu verkennende Verschlimmerungen des Gesamtzustandes von kürzerer 
oder auch längerer Dauer herbeiführt 

Dies wird jeder begreiflich finden, der sich den Inhalt eines solchen 


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Dr. Josef Berze. 


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Beschlusses näher betrachtet Im Beschlüsse über die Anhaltung 
ist zunächst zu lesen, daß „die weitere Anhaltung des N. N. in einer ge¬ 
schlossenen Heilanstalt zulässig ist“, damit ist der erste Anstoß zur Auf¬ 
regung des Kranken gegeben. Dann folgt die Mitteilung, daß „die Wirksamkeit 
dieses Beschlusses mit Ablauf eines Jahres (resp. nach drei, vier, sechs usw. 
Monaten) erlischt“; beim Lesen dieses Passus steigert sich die Aufregung 
des Kranken, zumal er ihn, wie einige Direktoren mit Recht bemerken, fast 
regelmäßig falsch versteht, in dem Sinne, daß er aus ihm die gerichtliche 
Anordnung seiner Anhaltung für die angegebene Zeit herausliest. Dann wird 
ihm eventuell bekanntgegeben, daß er „die Kosten des Anhaltungsverfahrens 
im Betrage von — K — h zu ersetzen“ habe; es klingt fast humoristisch, 
ist aber durchaus richtig, wenn ein Direktor sagt, daß gerade die Verstän¬ 
digung der Kranken von dieser Verpflichtung, die vielleicht doch nicht 
unbedingt im Beschlußbescheide enthalten sein müßte, in nicht wenigen 
Fällen dem Fasse den Boden ausschlägt Zu guter Letzt kommt dann aber 
erst die „Begründung“. Zwar dürfte noch nie eine „Begründung“ so aus¬ 
führlich ausgefallen sein, wie die im „Formulare Nr. 89 b)“, das eben den 
Anhaltungsbeschluß betrifft, als Beispiel ausgeführte, immerhin hat es nament¬ 
lich im Anfänge da und dort ziemlich ausführliche „Begründungen“ gegeben 
— später sind sie dann allerdings wohl überall immer magerer und magerer 
geworden —, „Begründungen“, in denen Mitteilungen von Auskunftspersonen 
wörtlich oder dem Inhalte nach angeführt, Stellen aus Parere oder Kranken¬ 
geschichte zitiert, Äußerungen der Anstaltsärzte unter ausdrücklicher Be¬ 
rufung auf sie erwähnt, kurz eine Menge von Einzelheiten enthalten waren, 
die nicht nur geeignet waren, die Aufregung des Kranken noch beträchtlich 
zu steigern, sondern auch seinem Zorne eine bestimmte Richtung zu geben, 
ihn auf einzelne Personen hinzulenken. So kam es oft zu Mißhelligkeiten 
aller Art, die — nebenbei gesagt — in manchen Fällen noch dadurch ver¬ 
mehrt wurden, daß sich Angehörige, die sich etwa durch irgend eine in die 
Begründung aufgenommene Bemerkung über die Familienverhältnisse be¬ 
troffen fühlten, auf die Seite des Kranken stellten und den Ärzten mit 
allen möglichen Besch werdeA, Verwahrungen, ja Drohungen, Ehrenbeleidi¬ 
gungsklagen und sonstigen Belästigungen an den Leib rückten. — Und das 
gleiche gilt auch von dem Beschlüsse, mit dem über die Entmündigung 
entschieden wird. Doch richten diese Beschlüsse weit weniger Schaden an, 
weil sie den Kranken nur selten, in einigen Anstalten geradezu nur aus¬ 
nahmsweise seitens der Entmündigungsgerichte zugehen. 

Aus diesen Gründen haben sich die meisten Direktoren über kurz 
oder lang entschlossen, von der Wohltat des § 65, Abs. 3, weitgehenden 
Gebrauch zu machen. Einige stellen die Beschlüsse den Kranken nur „in 
den seltensten Fällen“ zu, andere sehen davon durchgehends ab und ziehen 
es vor, denjenigen Kranken, die ihnen zur Entgegennahme der Nachricht von 
dem Ergebnisse des Anhaltungsverfahrens, bzw. von der Entmündigung, 
geeignet und disponiert erscheinen, diese in einer den psychiatrischen An¬ 
schauungen und Forderungen entsprechenden Art beizubringen. Einer von 
den letzteren Direktoren sagt:^„Es ist einfach unmöglich, den Beschluß mit 
seinen Details den Kranken zu übermitteln, will man nicht überhaupt die 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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ganze psychiatrische Tätigkeit über den Haufen werfen.* 4 Ein anderer erklärt 
geradezu, die Mitteilung der Untersuchungsergebnisse sei einer Mißhandlung 
des Kranken gleichzusetzen und daher ebenso wie eine solche zu ver¬ 
meiden. Nur von einer einzigen, und zwar böhmischen Anstalt wird berichtet, 
daß dort von der Überreichung des Beschlusses an den Kranken wohl öfters 
Abstand genommen, in der Regel aber doch daran festgehalten werde. 

Was die Stellungnahme der Gerichte zu dieser Angelegenheit betrifft, 
muß gesagt werden, daß sie bisher fast allerorts eine dem ärztlichen 
Standpunkte im wesentlichen entgegenkommende gewesen ist. Einigen Direk¬ 
toren wurde die endgültige Entscheidung auch in den Fällen ausdrücklich 
anheimgestellt, in welchen sich die Sachverständigen im Gutachten für 
die Zustellung ausgesprochen hatten; aber auch an anderen Orten wird das 
Unterbleiben einer vom Gerichte zunächst angeordneten Zustellung, wenn 
es entsprechend motiviert wird, vom Gerichte ohne Anstand zur Kenntnis 
genommen. 

Nur der Direktor der Anstalt Feldhof stieß auf starren Widerstand 
des Gerichtes und mußte sich die Befugnis, von einer Zustellung, die seiner 
Ansicht nach in Ansehung des Zustandes des Kranken nicht gebilligt werden 
konnte, abzusehen, wenn sie auch vom Gerichte verlangt wurde, erst er¬ 
kämpfen. Sein Erfolg war ein vollständiger; denn das Landesgerichtspräsidium 
Graz hat die Gerichte u. a. auch „dahin belehrt“, daß der „Anregung als 
zweckmäßig zu entsprechen wäre, der Anstaltsleitung das Recht einzuräumen, 
einen ihr zur Zustellung an einen Pflegling übersendeten Beschluß dem 
Gerichte zurückzusenden, wenn sie glaubt, daß Bedenken gegen seine Zu¬ 
stellung an den Adressaten bestehen, um auf diese Weise das Gericht in 
die Lage zu versetzen, auf Grund der mitgeteilten Bedenken nachträglich 
einen Beschluß im Sinne des § 65, Abs. 3 E.-O., zu fassen“. 

Nachträglich einen Beschluß im Sinne des § 65, Abs. 3, zu fassen, 
wo auf Grund des Ergebnisses der Untersuchung und Vernehmung zunächst 
kein Grund gegen die Zustellung vorzuliegen schien, wird übrigens vor 
allem in denjenigen Fällen notwendig sein, in denen sich in der Zeit von 
der Kommission bis zum Einlangen des Beschlusses — in der Regel, wie 
erwähnt, mindestens 14 Tage, oft aber auch mehrere Wochen! — der 
Zustand des Kranken derart geändert hat, daß dadurch die Zustellung erst 
zwecklos oder schädlich geworden ist. — 

Was das Prinzip betrifft, von dem sich Sachverständige und Richter 
bei der Beurteilung der Frage der Zustellung leiten lassen, kann gesagt 
werden, daß es dem § 65, Abs. 3, im allgemeinen Rechnung trägt. Nur 
einzelne Direktoren klagen darüber, daß für die Kommission, wie der Direk¬ 
tor in Brünn sagt, „das falsche Beurteilungsprinzip maßgebend sei, ob der 
Patient den Inhalt des Beschlusses fassen kann oder nicht“. Falsch 
ist dieses Prinzip selbstverständlich an sich nicht; falsch wäre es erst, wenn 
dieses Prinzip als allein maßgebend angesehen würde. — 

§ 66 . 

Was die Zustellung und amtliche Mitteilung der Entscheidungen an 
den Anstaltsleiter betrifft, so wurde bezüglich der Zustellung des „Beschlusses, 


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T)r. Josef Berze. 


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mit dein über die Anhaltung in einer Irrenanstalt entschieden wird“ (§ 65, 
Abs. 1), bereits bei Besprechung des § 17 erwähnt, daß sie fast immer mit 
einer gewissen, unter Umständen störenden Verspätung einlangt; anderer¬ 
seits muß aber konstatiert werden, daß sie, wenigstens in Klosterneuburg, 
sowie in den meisten Anstalten, regelmäßig einläuft. 

-Letzteres kann dagegen bezüglich des „Beschlusses, mit dem über die 
Entmündigung des Angehaltenen entschieden wird", nicht so allgemein be¬ 
hauptet werden. Dies mag darauf zurückzuführen sein, daß wohl § 66, Abs. 1, 
bestimmt, daß dieser Beschluß „dem verantwortlichen Leiter der Irrenanstalt 
zu übersenden ist, in der der Kranke untergebracht ist, oder unter deren 
Leitung der Kranke außerhalb der Anstalt verpflegt wird“, andererseits 
aber weder das Form. Nr. 92 (Entscheidung über die Entmündigung wegen 
Geistesschwäche), noch das Form. Nr. 92 b) (Entscheidung über die Entmün¬ 
digung wegen Geisteskrankheit) in der „Zustellungsverfügung“ auf diese 
Bestimmung Rücksicht nimmt, d. h. den Anstaltsleiter nicht unter den zu 
verständigenden Personen und Behörden nennt. Diese Annahme wird durch 
die Tatsache gestützt, daß der Beschluß, mit dem für den Angehaltenen 
„ein Kurator oder Beistand bestellt wird“, dessen Zustellung an den An¬ 
staltsleiter durch § 66, Abs. 1, in gleicher Weise bestimmt wird, unter Be¬ 
nützung der Form. Nr. 93 (Bestellung zum Kurator) und Nr. 94 (Bestellung 
zum Beistand), welche in der „Zustellungsverfügung“ die Anstalt ausdrück¬ 
lich nennen, weit regelmäßiger, wenn auch wieder keineswegs in allen 
Fällen, mitgeteilt wird. — Immerhin kommt es aber nicht gerade ganz 
selten vor, daß beide Verständigungen ausbleiben und die Anstalt erst durch 
einen Zufall oder auf eine Anfrage an das zuständige Gericht von der 
bereits vor längerer Zeit erfolgten Entmündigung, resp. Bestellung eines 
Kurators Kenntnis erhält. Daß das Ausbleiben der Zustellung unter Umständen, 
z. B. im Falle der Entlassung des Pfleglings gegen Revers, zu Unzukömm¬ 
lichkeiten und Verwicklungen führen kann, liegt auf der Hand. 

Das Beispiel Nr. 96 bj (Entscheidung über den Widerspruch) nennt 
unter den zu verständigenden Personen die Anstaltsleitung wieder nicht. 
Es ist daher per analogiam zu erwarten, daß ihr diese Zustellung nicht oder 
doch nur unregelmäßig zugehen wird. Über eine zur Beurteilung dieses 
Punktes zureichende Erfahrung verfügen wir aber noch nicht. 

Merkwürdigerweise verfügt § 66 in Abs. 1 wohl, daß dem Anstalts¬ 
leiter der Beschluß, „mit dem über die Entmündigung des Angehaltenen ent¬ 
schieden wird“, zugestellt werde, nennt dagegen ebensowenig, wie § 65, 
Abs. 2, in welchem von den Zustellung u. a. des Beschlusses, mit dem über 
„die Aufhebung (Umwandlung) einer rechtswirksam gewordenen Ent¬ 
mündigung entschieden wird“, die Anstaltsleitung unter den zu verständigenden 
Personen*). So kommt es nun in der Tat dazu, daß die Anstaltsleitung 

*) Auch die „Verordnung des Justizministeriums vom 14. Juli 1916, 
V. Bl. Nr. 24, über die Bekanntmachung einer Entmündigung“, welche zugleich 
die Bekanntmachung der Aufhebung und der Umwandlung einer rechtswirksam 
ausgesprochenen Entmündigung regelt, nennt unter den Stellen, welchen eine 
Ausfertigung des bezüglichen Ediktes zuzusenden ist, die Leitung der Anstalt, 
in welcher die betreffende Person etwa ungehalten wird, nicht. 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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von der Aufhebung (Umwandlung) der Entmündigung eines Anstaltspfleglings 
nicht verständigt wird. In Klosterneuburg kam es in zwei Fällen zur 
Aufhebung der Entmündigung auf den Antrag des Entmündigten nach §61, 
Abs. 2 der E.-O., hin. Das Bezirksgericht Klosterneuburg, welches das Ver* 
fahren durchführte, sah von einer Verständigung ab, und wies auf eine 
Anfrage mündlich darauf hin, daß die Beschlußfassung nicht seine Sache, 
sondern die des Entmündigungsgerichtes sei; aber auch von diesem ging 
der Anstalt keine Verständigung zu. Nun handelte es sich in diesen Fällen 
aber nicht nur um die Frage der Entmündigung, sondern damit im 
Zusammenhänge auch um die der Anhaltung, da ja die Aufhebung der 
Entmündigung auf Grund der Erklärung des Angehaltenen als geistesgesund, 
resp. als geheilt mit Defekt, erfolgte; es war also außer der Aufhebung der 
Entmündigung durch das Entmündigungsgericht auch die Unzulässigkeit der 
weiteren Anhaltung durch das Bezirksgericht Klosterneuburg als „Bezirks¬ 
gericht, in dessen Sprengel die Anstalt liegt 41 , zu beschließen, und wenn 
schon die Verständigung der Anstalt von der Aufhebung der Entmündigung 
mangels einer sie verfügenden Bestimmung unterbleiben konnte, wäre die 
Anstalt doch seitens des Bezirksgerichtes Klosterneuburg von der Unzulässig¬ 
keit der weiteren Anhaltung laut § 65, Abs. 1, zu verständigen gewesen. 
Es erübrigt sich, auf die Konsequenzen, die sich aus dem Ausbleiben einer 
derartigen Verständigung ergeben können, erst näher einzugehen. 

Auszusetzen ist schließlich an den Bestimmungen in § 65 und 66, 
daß sie keinen Termin für die Ausfertigung der Zustellungen und amt¬ 
lichen Mitteilungen festsetzen. Die Zustellung hat unter Umständen bereits 
jeden Wert verloren, wenn sie, wie es in manchen Fällen geschehen ist, 
erst drei, vier und mehr Monate nach der Fassung des betreffenden Be¬ 
schlusses erfolgt. 

§ 68 . 

Abs. 1 lautet: „Wer vor Beginn der Wirksamkeit dieser kaiserlichen 
Verordnung wegen Unfähigkeit, seine Angelegenheiten selbst zu besorgen, 
w r egen Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Wahn- oder Blödsinns unter Kura¬ 
tel gestellt wurde, steht vom Beginn der Wirksamkeit dieser kaiserlichen 
Verordnung einem, wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche voll Ent¬ 
mündigten gleich.“ 

Hermann macht dazu die Bemerkung: „Deshalb findet das An¬ 
haltungsverfahren (§§ 16 bis 24) auf diese Personen keine Anwendung.“ 
Ausdrücklich gesagt ist dies wohl in der E.-O. nirgends, aber zweifellos 
entspricht es dem Sinne des Gesetzes, insofeme angenommen werden kann, 
daß das Weiterbestehen der Kuratel die Fortdauer der Geisteskrankheit oder 
Geistesschwäche, resp. des Wahn- oder Blödsinns, dessentwegen die Person 
seinerzeit unter Kuratel gestellt worden ist, beweise, was — allerdings, wie 
ich aus Erfahrung weiß, mit Ausnahme ganz vereinzelter Fälle, in denen 
die Kuratel, trotzdem ihre Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind, bloß 
deswegen weiterbesteht, weil niemand, auch der Entmündigte nicht und 
ebensowenig sein Kurator, Anlaß genommen hat, die Aufhebung zu be¬ 
antragen — auch zutrifft. 


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Dr. Josef Herze. 


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Demgemäß pflegen auch die für das Anhaltungsverfahren zuständigen 
Bezirksgerichte im Falle der Aufnahme eines bereits unter Kuratel stehen¬ 
den Geisteskranken von der Durchführung des Anhaltungsverfahrens abzu¬ 
sehen. Leider findet sich das betreffende Bezirksgericht dann nicht immer 
veranlaßt, die Anstalt von diesem Sachverhalte aus eigenem zu verständigen, 
sondern wartet in der Mehrzahl der Fälle erst wieder eine besondere An¬ 
frage der Anstalt ab. Aus der daraufhin der Anstalt zugehenden Bekanntgabe 
vermag diese — nebenbei bemerkt — in solchen Fällen in der Regel erst 
zu ersehen, daß der betreffende Kranke bereits unter Kuratel steht 

Selbstverständlich beweist das Verhängtsein der Kuratel nicht zu¬ 
gleich die Anhaltungsbedürftigkeit. Daher finden e9 Richter, die der irrigen 
Meinung sind, daß es auf die Anhaltungsbedürftigkeit des aufgenommenen 
Geisteskranken und nicht bloß auf die Zulässigkeit (§ 22) ankomme, in 
richtiger Weiterverfolgung ihres falschen Standpunktes ab und zu für not¬ 
wendig, das Anhaltungsverfahren auch bei bereits unter Kuratel stehenden 
Geisteskranken durchzuführen. So berichtet der Direktor in Kosmanos: „Ein 
nach altem Verfahren Entmündigter wurde in bezug auf Zulässigkeit der 
Anhaltung neuerlich untersucht und mit vier Monaten befristet; dieser, 
offenbar geisteskrank, wird nämlich auf die Anstaltsbedürftigkeit, also nicht 
bloß Zulässigkeit geprüft.“ 

Auf Grund der Auffassung, daß bereits Entmündigte nicht auf Zu¬ 
lässigkeit der weiteren Anhaltung zu untersuchen seien, haben sich die 
Bezirksgerichte auch bestimmt gefunden, von einer allgemeinen Untersuchung 
der nach dem alten System entmündigten und seither dauernd angehaltenen 
Geisteskranken auf Zulässigkeit der Anhaltung abzusehen und dieses Ver¬ 
fahren — abgesehen von denjenigen Geisteskranken, die im Sinne des 
§ 69, resp. § 61, Abs. 2, die Aufhebung beantragt hatten oder für die ein 
solcher Antrag von einer anderen hiezu (nach § 26, Abs. 1) berechtigten 
Person eingebracht worden waren — nur bei Pfleglingen im Alter von 
7 bi3 24 Jahren, die nach dem früheren System nicht entmündigt wurden, 
durchzuführen. Nur die Direktion der Anstalten „Am Steinhof“ führt an, 
daß in diesen Anstalten außer den genannten Pfleglingen auch noch die¬ 
jenigen Kranken untersucht worden seien, welche nach dem 31. Dezem¬ 
ber 1915 einer Gerichtskommission nicht vorgestellt worden waren. Dieser 
Vorgang würde beiläufig der Auffassung entsprechen, daß aus § 23, Abs. 1 
nach welchem die Wirksamkeit des Beschlusses über die Zulässigkeit der 
Anhaltung „spätestens mit Ablauf eines Jahres erlischt“, folge, daß alle 
Angehaltenen, gleichviel, ob entmündigt oder nicht entmündigt, nach Ablauf 
dieser Frist, „falls nicht inzwischen das Pflegschaftsgericht die weitere 
Unterbringung in der Apstalt veranlaßt hat“, einer neuerlichen Untersuchung 
auf Zulässigkeit der Anhaltung zu unterziehen seien. 

Der eben zitierte Passus: „falls nicht inzwischen das 
Pflegschaftsgericht die weitere Unterbringung in der 
Anstalt veranlaßt hat“, ist mir ein Anlaß, noch auf einen Punkt 
von allgemeiner Bedeutung einzugehen. 

Viele Anzeichen sprechen nämlich dafür, daß die E.-O. dem Anstalts¬ 
leiter nicht nur hinsichtlich der Zulässigkeit der Anhaltung, sondern 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


107 


auch hinsichtlich der Zulässigkeit der Entlassung die Hände bindet 
Hermann erklärt z. B. in einer Bemerkung zu § 1: „Das Pflegschafts¬ 
gericht kann die Anhaltung eines Entmündigten ohne zeitliche Be¬ 
grenzung anordnen.' 1 Sternberg erklärt rundweg: „Ist die Ent- 
Kündigung erfolgt, dann ist die Anhaltung eine selbstverständ¬ 
liche.“ Daher ist es nicht zu verwundern, daß einzelne Bezirksgerichte 
aus der E.-O. sogar abgeleitet haben, daß ein Pflegling nur über Ge¬ 
richtsbeschluß aus der Anstalt entlassen werden könne. 
Entmündigungsgerichte richteten, von dieser Auffassung ausgehend, z. B. 
wiederholt an die Direktion der Anstalt Feldhof Zuschriften folgenden In¬ 
haltes — ich zitiere ein Original: „Es wird um Bekanntgabe ersucht, ob die 
Anhaltung des N. N. noch weiters erforderlich ist und ob nicht das Ver¬ 
fahren zwecks Aufhebung der Anhaltung einzuleiten wäre *). Gegebenenfalls 
wolle N. N. zur Stellung eines bezüglichen Antrages angeleitet werden“ 2 ). 
In der Meinung also, die Entlassung des N. N. könne nur auf Grund eines 
gerichtlichen „Verfahrens zwecks Aufhebung der Anhaltung“ erfolgen, legt 
das Gericht der Anstaltsleitung nahe, den Kranken „zur Stellung eines 
bezüglichen Antrages anzuleiten“! Der Terminus „Verfahren zwecks Auf¬ 
hebung der Anhaltung“ ist, nebenbei bemerkt, eine willkürliche 
Konstruktion in Anlehnung an das Verfahren zwecks „Aufhebung der 
Entmündigung“; die E.-O. kennt wohl eine neuerliche, eventuell auf 
Antrag eingeleitete, Untersuchung zum Zwecke der Entscheidung der Frage 
der Zulässigkeit der Anhaltung, aber kein eigenes „Verfahren zwecks 
Aufhebung der Anhaltung“. — Der Direktor der Anstalt in Niedernhart, Sani¬ 
tätsrat Dr. Franz Schnopfhagen, führt zu diesem Punkte folgendes aus: 
„Es scheint bei manchen Gerichten die Ansicht Platz zu greifen, daß sie 
berechtigt sind, ohne Rücksichtnahme auf die Statuten zum Zwecke der 
Beaufsichtigung oder Verwahrung einzuweisen. Damit wurde den Irrenanstal¬ 
ten wenigstens teilweise der Charakter von Detentionsanstalten 
aufgedrückt. Von diesem Standpunkte aus ist es dann sehr verständlich, 
daß in manchen Fällen die Entlassung an die vorher ein¬ 
zuholende Zustimmung eines Gerichtes geknüpft wird. — Es wird 
weiters aus dem § 17 von Seite der Gerichte das Recht abgeleitet, jede 
unter Kuratel stehende Person in die Irrenanstalt einweisen 
zu können, und zwar wider Willen nicht nur der Entmündigten, sondern 
auch seiner Angehörigen. Für diese Einweisungen sind aber nicht ärztliche, 
sondern soziale Gesichtspunkte maßgebend. Sollten sich derartige Fälle häufen 
und verallgemeinern, so müßte dadurch der Anstalt ganz der Charakter einer 
Detentionsanstalt jaufgedrückt werden, und damit wären die jahre¬ 
langen Bestrebungen der Irrenärzte, freiere Normen für Aufnahme und 
Entlassung zu schaffen, vereitelt.“ 


] ) Es handelt sich, wohlgeraerkt, nicht etwa um eine Anfrage im Sinne 
des § 23 infolge Ausbleibens der „Anzeige einer geschlossenen Anstalt vom 
Ablaufe der An haitun gszeit u (Beispiel Nr. 91 b)! 

2 ) Der Direktor hat diesem Gerichte bedeutet, daß N. N. noch geistes¬ 
krank sei und daß er gewiß schon entlassen wäre, wenn er geistesgesund wäre. 


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108 


I)r. Josef Herze. 


Aus derartigen Auslegungen, denen, wie ich glaube, das Gesetz keine 
zureichende Unterlage bietet, man müßte denn den zitierten Passus und 
einige andere Gesetzesstellen wider meine Annahme als solche betrachten 
können, geht meines Erachtens hervor, und zwar noch deutlicher, wenn man 
diese Auslegungen mit der Auslegung des § 22 zusammenhält, noch der im 
Anhaltungsverfahren nicht nur die Zulässigkeit der Anhaltung, sondern auch 
die Anhaltungsbedürftigkeit zu beurteilen wäre —, daß die E.-O. von einer 
Reihe von Juristen nicht bloß vom Gesichtspunkte der Notwendigkeit des 
Rechtsschutzes der Geisteskranken, sondern auch vom Gesichtspunkte der 
diesen Juristen offenbar als sicherstehend geltenden Ersprießlichkeit einer 
Einengung der Wirkungs- und Kompetenzsphäre des Arztes und einer 
entsprechenden Erweiterung der Kompetenz- und Machtsphäre des Rich¬ 
ters betrachtet wird. 

Die aus einer solchen Auffassung hervorgehende Strömung einzu- 
dämmen, wird die dafür maßgebende Stelle bedacht sein müssen, sollen 
nicht die guten Seiten, welche das Gesetz ohne allen Zweifel hat, ganz in 
den Hintergrund tasten und nachgerade diejenigen recht behalten — es 
sind ihrer nicht wenige! —, die der Meinung sind, daß die neue E.-O. — 
milde gesagt — ein Stein des Anstoßes auf dem Wege der Entwicklung 
des Irrenwesens sei. 

Und nun noch eine kleine Bemerkung, zum Teile auch pro domol 
Einige von Ihnen, meine Herren, werden, nachdem Sie meinen Ausführungen 
gefolgt sind, vielleicht sagen: Nun haben wir die Meinung eines Mannes 
der schärferen Tonart gehört; einiges wird abzuziehen sein, wenn man sich 
ein richtiges Bild von den Wirkungen des neuen Gesetzes machen will. 
Dies wäre ein Irrtum, meine HerrenI Die radikalen Stimmen habe ich 
in meinem Referate gar nicht recht laut werden, sondern höchstens da und 
dort ein wenig anklingen lassen. Ich habe mir diese Beschränkung auferlegt, 
w r eil ich alles beiseite lassen wollte, was soweit ich es beurteilen konnte, 
meinen sehr geehrten Kollegen im Anstaltsdienste der Affekt eingegeben 
hat, jener Affekt, den jeder begreifen wird, der bedenkt, daß sich der 
Gesetzgeber bei der Statuierung des gerichtlichen Verfahrens bei der Auf¬ 
nahme in geschlossene Anstalten ganz auf den Standpunkt gestellt hat, daß 
das wesentliche Moment an jener sogenannten „populären Strömung", welcher 
er Rechnung tragen zu müssen glaubte, in dem Mißtrauen gegen die 
Irrenanstalten, und zwar auch gegen die öffentlichen Irrenanstalten 
zu erblicken sei, und ganz unberücksichtigt gelassen hat, daß die Leiter der 
öffentlichen Irrenanstalten, wrie die Ärzte dieser Anstalten überhaupt, als 
„Personen des öffentlichen Dienstes" anzusehen sind, als solche eine Ver¬ 
trauensstellung einnehmen und daher jede Anzweiflung ihrer Vertrauens¬ 
würdigkeit, bzw. ihres Pflichtbewußtseins und ihrer Gewissenhaftigkeit in 
der Erfüllung der Pflichten, die sie unter Eid übernommen haben, als Ver¬ 
letzung ihres Standesgefühles empfinden müssen. — 


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Die Hnttmiodigungsorrinuiig und die Irrenanstalten. 


109 


Anhang. 

Es ist mir, meine Herren, letzthin angedeutet worden, daß bei dem 
geehrten Präsidium des Vereines die Neigung und Absicht besteht, im An¬ 
schlüsse an mein Referat an die Formulierung geeigneter Anträge zu gehen. 

Meine eigene Meinung — ich nehme an, daß ich sie Vorbringen darf — 
geht nun dahin, daß durch eine Reihe entsprechender Durchführungs¬ 
verordnungen wohl ein ziemlich großer Teil der Übelstände, die sich aus 
der Art der bisherigen Durchführung ergeben haben, abgestellt oder doch ge¬ 
mildert werden könnte, daß aber zur völligen Sanierung der durch das im 
Gesetze statuierte Anhaltungsverfahren herbeigeführten Verhältnisse und zur 
richtigen Lösung der ganzen Frage überhaupt eine gründliche Revision des 
III. Abschnittes der E.-O. (und einiger in anderen Abschnitten der E.-O. ent¬ 
haltenen „gemeinsamen 14 Bestimmungen) erforderlich wäre. Mit letzterer Meinung 
stehe ich nicht allein. Die Konferenz der Landesausschüsse im Reichsrate der 
vertretenen Königreiche und Länder am 30. August 1916 führte zur Fassung 
von Beschlüssen, denen nur durch eine Revision entsprochen werden könnte. 
Das Gleiche gilt von der Stellungnahme des „Psychiatrischen Verbandes“, 
soweit ich sie übersehen kann. Und aus den Antworten der Anstaltsleiter auf 
meine Rundfrage entnehme ich, daß sie alle — vielleicht mit Ausnahme eines 
einzigen, der sich in der ganzen Angelegenheit auffallend kühl verhält — auf 
dem gleichen Standpunkte stehen. Ganz allein stehe ich aber einstweilen, was 
die Fassung des Petitums betrifft, dessen Erfüllung durch die Revision 
angestrebt werden soll. 

Was meine engeren Kollegen im Anstaltsdienste wollen, deckt sich auch 
heute noch ungefähr mit dem, was seinerzeit mit den „Petitionen der Landes, 
ausschüsse und Ärzte der öffentlichen Irrenanstalten gegen einige Bestimmungeu 
der Regierungsvorlage eines Gesetzes über die Entmündigung 14 angestrebt 
warde. Im Vordergründe steht heute wie damals das Verlangen, daß für die 
öffentlichen Irrenanstalten von der gerichtlichen Kontrolle der Aufnahmen 
abgesehen werde oder daß doch wenigstens an die Stelle des obligatorischen 
ein bloß fakultatives Kontrollverfahren trete, d. h. daß das gerichtliche Kontroll- 
verfahren nur in zweifelhaften, richtiger: in strittigen Fällen eingeleitet werde. 

Ich bin entschieden gegen dieses Petitum, und zwar gegen beide 
Varianten. Erstens halte ich nämlich eine gerichtliche Kontrolle der Aufnahme 
für nötig — nicht zur Verhütung ungerechtfertigter Internierungen, sondern 
zura Zwecke des Entgegenkommens gegenüber der allgemeinen Meinung, daß 
solche Vorkommnisse nur durch eine gerichtliche Kontrolle sicher verhütet 
werden können, mit der nun einmal gerechnet werden wuß. Zweitens halte 
ich eine jeder Kritik standhaltende Fassung der Bestimmung, wie die strittigen 
Fälle zu ermitteln wären — eine solche Bestimmung wäre nötig, ließe man 
das fakultative an die Stelle des obligatorischen Verfahrens treten — für nicht 
recht möglich. Ich halte diese von mir erst nach reiflicher Überlegung au¬ 
gestellte Behauptung aufrecht, obwohl ich mich so in Widerspruch setze mit 
fast allen meinen engeren Kollegen im Anstaltsdienste. 

Aber mit diesem „Anhaltungs“verfahren, mit dem Verfahren, wie es 
in der Entmündungsordnung festgesetzt ist, kann ich mich nicht einverstanden 


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110 


Dr. Josef Berzc. 


erklären und kann sich meines Erachtens kein im Dienste der öffentlichen 
Irrenanstalten stehender Arzt einverstanden erklären, der darauf bedacht ist, 
seinen Standpunkt und die Interessen des Irrenanstaltswesens zu wahren. 

Wer einer populären Strömung entsprechen will, muß nach meiner 
Meinung vor allem bestrebt sein, sie richtig zu erfassen. Dies ist dem Gesetz¬ 
geber meines Erachtens nun aber nicht geglückt; denn dann hätte er vor allem er¬ 
kennen müssen, daß die Öffentlichkeit einen gewaltigen Unterschied macht 
zwischen den Privatirrenanstalten einerseits, den öffentlichen Irrenanstalten 
und den psychiatrischen Kliniken anderseits, einen Anterschied, dem man nicht 
durch Sonderung der Bestimmungen in ein paar relativ nebensächlichen Punkten 
(vergl. § 16, Abs. 4 und § 19, Abs. 1 der E.-0.) gerecht werden kann. 

Bei beiden Arten von Anstalten hat das Publikum sowohl die Möglichkeit 
der widerrechtlichen Einbringung als auch die ungerechtfertigte Anhaltung 
geistig gesunder Personen im Auge. Was die Privatirrenanstalten betrifft, 
steht nun aber die Befürchtung ungerechtfertigter Anhaltung ganz ent¬ 
schieden im Vordergründe, eine Befürchtung, aus der sich Mißtrauen direkt 
gegen diese Anstalten, resp. ihre Leiter ergibt. Es wird daher auch für diese 
Anstalten ein Aufnahme- und Anhaltungsverfahren nach dem Prinzip des 
in der E.-O. festgesetzten nicht zu umgehen sein. Allerdings bin ich — 
nebenbei bemerkt — der Meinung, daß dieses Verfahren auch im Falle der 
Beschränkung seiner Anwendung auf die Privatirrenanstalten erst eine ent¬ 
sprechende Aus- und Umgestaltung zu erfahren hätte. Z. B. entspricht die Be¬ 
stimmung über die Zustellung der Beschlüsse an die Kranken sicher auch 
dort nicht. Auch möchte ich glauben, daß auch dem Leiter einer Privatirren¬ 
anstalt die Möglichkeit geboten sein müßt^, sich gegen die seiner wissen¬ 
schaftlichen Überzeugung nach ungerechtfertigte Aberkennung der Zulässigkeit 
der Anhaltung mit mehr Aussicht auf Erfolg zur Wehr zu setzen, als ihm 
durch das Hecht zu rekurrieren geboten ist. Weiter kann ich auf das Thema: 
Entmündigungsordnung und Pritivarrenanstalten nicht eingehen, da ich mich 
darüber nicht eigens informiert habe — in Anbetracht des Umstandes, daß sich 
darüber, wie mir mitgeteilt worden ist, ein anderer Referent äußern wird. 

Was nun die öffentlichen Irrenanstalten betrifft, so läßt sich nicht 
leugnen, daß auch ihnen ein gewisses, nicht gerade geringes Mißtrauen ent¬ 
gegengebracht wird, welches aber eine ganz andere Wurzel hat, als das Mi߬ 
trauen gegen die Privatirrenanstalten und daher auch sozusagen aus einem 
anderen Punkte zu kurieren ist. Während bei den Privatirrenanstalten vor 
allem die ungerechtfertigte Anhaltung gefürchtet wird, wird bei den öffent¬ 
lichen Irrenanstalten und psychiatrischen Kliniken vor allem die ungerecht¬ 
fertigte Aufnahme gefürchtet. Es wird gefürchtet, daß eine geistig gesunde 
Person auf Grund falscher Angaben oder auf Grund eines leichtfertig aus¬ 
gestellten unrichtigen Pareres in die Anstalt gebracht werde. Darüber aber, 
was folgt, macht sich das Publikum ganz andere Gedanken, als der Gesetz¬ 
geber angenommen hat. Weit verbreitet ist im Publikum die Ansicht, daß der 
Anstaltsleiter eine Person, die der Anstalt übergeben worden ist, aus eigenem 
gar nicht entlassen darf. Die Einbringung in eine öffentliche Irrenanstalt wird 
von vielen, sogar auch von Juristen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, als 
eine Maßnahme aufgefaßt, die der Einlieferung in ein Gefangenhaus auch 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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insofeme vergleichbar sei, als die Entlassung nur über Gerichtsbeschluß er- 
folgen könne. Andere gehen von der Idee aus, daß der Karren, wenn er 
einmal verfahren ist, nicht so leicht und so bald ins richtige Geleise gebracht 
werden könne, d. h. daß die Richtigstellung der durch falsche Angaben und 
durch ein unrichtiges Parere begründeten irrigen Beurteilung eines Falles auf 
Schwierigkeiten stoßen und so eine längere Zeit verstreichen könnte, bis endlich 
die Aufnahme, bezw. Anhaltung als ungerechtfertigt erkannt wird. Andere 
wieder befürchten annehmen zu müssen, daß die Beurteilung unter Umständen 
ganz und gar den dienstjüngeren und im allgemeinen weniger erfahrenen 
Ansialtsärzten überlassen bleibe. Ich kann aus eigener Erfahrung sogar sagen, 
daß sich die Angehörigen nicht selten höchst erstaunt zeigen, wenn sie ge¬ 
legentlich ersehen können, daß auch der Abteilungsvorstand oder gar auch 
der Anstaltsleiter den Fall untersucht und sich ein Urteil über ihn gebildet 
habe. Yon einem eigentlichen Mißtrauen gegen die Anstaltsärzte in dem Sinne, 
daß bei ihnen seitens des Publikums irgendein Interesse an der Anhaltung 
vorausgesetzt würde, ist aber keine Rede. Wenn derlei ab und zu seitens queru¬ 
lierender Personen in- und außerhalb der Anstalten laut wird, so kann man 
darin doch nicht einen maßgebenden Ausdruck der öffentlichen Meinung, 
bezw. des Mißtrauens des Publikums gegen die öffentlichen Irrenanstalten 
sehen, zumal solche Personen mit ihren Anwürfen, wie bekannt, nicht nur 
die in den Anstalten tätigen Psychiater, sondern auch alle andern Psychiater, 
mit denen sie in Berührung kommen, insbesondere auch die Gerichtspsychiater, 
in gleicher Weise zu bedenken pflegen. Und wenn vor etlichen Jahren eine 
kleine Schar von trotz ihrer angesehenen Stellungen im Leben in dieser 
Sache nicht ernst zu nehmenden, weil im Irrenwesen durchaus unkundigen 
Männern das Schlagwort des Mißtrauens gegen die Irrenanstalten ohne 
Unterschied so recht erst geprägt hat und dieses Schlagwort später von 
einer Reihe von Gleichgesinnten, namentlich aus juristischen Kreisen, aufgegriffen 
worden ist, ist es noch immer nicht gerechtfertigt, von einem Mi߬ 
trauen der breiten Öffentlichkeit auch gegen die öffentlichen 
Irrenanstalten zu sprechen. 

Es war also dem Gesetzgeber, auch wenn er populären Strömungen 
Rechuung tragen wollte, durchaus nicht geboten, dem für die öffentlichen 
Irrenanstalten bestimmten Aufnahme-, bezw. Anhaltungsverfahren die Annahme 
eines gegen diese Anstalten, d. h. gegen die Ärzte dieser Anstalten „bestehenden 
Mißtrauens“ zugrunde zu legen. Da es nicht nötig war, war es aber auch 
nicht richtig; denn über die Interessen eines einzelnen Standes — dazu gehört 
auch der Schutz der Yertrauenstsellung der Ärzte der öffentlichen „geschlossenen“ 
Anstalten — kann und darf der Gesetzgeber wohl ruhig hinweggehen, wenn 
es zum Zwecke einer im Interesse der Gesamtheit liegenden Maßnahme unum¬ 
gänglich notwendig ist, keineswegs aber dann, wenn es auch anders geht. 

Meines Erachtens wäre es demnach am Platze, eine Revision des 
gerichtlichen Verfahrens bei Aufnahme in öffentliche geschlossene Anstalten 
anzustreben, im Sinne der Anerkennung und Berücksichtigung des 
Anspruches der Ärzte dieser Anstalten auf Vertrauen in ihr 
Pflichtbewußtsein und in ihr Ve rantwortlichkeitsgefühl als 
Personen des öffentlichen Dienstes. 


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Dr. Josef Berze. 


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Man wird vielleicht sagen: dieses Ansinnen ist ja geradezu verwegen, 
damit wird die Sache ja geradezu auf den Kopf gestellt usw. Ich habe mir dies 
alles auch selbst gesagt und hätte beinahe, obwohl ich den Glauben an die 
Richtigkeit meines Standpunktes nie verloren habe, den Mut nicht aufgebracht, 
ihn zu vertreten. Da hat mir aber vor ein paar Tagen der Zufall einen Bericht 
in die Hand gespielt, aus dem ich ersehen konnte, daß auch Juristen, auch Ge¬ 
setzgeber, denken können wie ich. 

In dem Berichte: „Das Irren wesen Ungarns im Jahre 1915, veröffentlicht 
vom königl. ung. Ministerium des Innern“ ist Seite VI zu lesen: 

„Schließlich ist noch zu erwähnen, daß mit dem Inslebentreten der 
neuen Prozeßordnung in den ersten Tagen des verflossenen Jahres auch 
das neue Verfahren in Kraft trat, wonach der königliche Bezirksrichter 
sich in die staatlichen Irrenanstalten und in die Irrenabteilungen der 
allgemeinen Krankenhäuser begibt, um dort, unter Mitwirkung von Sach¬ 
verständigen, die behufs ärztlicher Behandlung vorläufig aufgenommeneu 
Personen zu untersuchen, um festzusteilen, ob der Fall von Geisteskrankheit 
vorliegt oder nicht, respektive um darüber Entscheidung zu treffen, ob die 
provisorisch aufgenommene Person endgiltig aufgenommen werden soll?“ 

Bisher liest sich das Ganze, als beträfe es das österreichische Aufnahms- 
Verfahren. Nun kommt aber die große Überraschung: 

„Als Sachverständiger fungiert in den staatlichen Instituten zumeist 
der Direktor und in den allgemeinen Krankenhäusern der Primararzt der 
Irrenabteilung, was für die Genannten ohne Zweifel eine wesentliche 
Vermehrung ihrer Agenden bedeutet.“ 

Das ungarische Gesetz selbst habe ich noch nicht erhalten können. 
Auch ist mir in den Buchhandlungen mitgeteilt worden, daß einstweilen nur 
die Ausgabe in ungarischer Sprache, die ich leider nicht verstehe, existiert. 
Der Punkt, auf den es mir in diesem Zusammenhänge ankommt, ist aber auch 
aus dieser kurzen Notiz schon klar ersichtlich. Gauz im Gegensätze zum 
österreichischen Verfahren bei Aufnahme in geschlossene Anstalten ist das 
neue ungarische auf die Basis des Vertraueus zur Gewissenhaftigkeit und 
Sachverständigkeit der Ärzte und insbesondere der Leiter der öffentlichen 
Anstalten gestellt. 

Nun wird man vielleicht sagen: In Ungarn ist es eben so und in 
Österreich ist es eben anders. Die österreichischen Anstaltsärztc werden sich 
drein finden müssen, zumal die Wahrung ihres Interesses kein genügender 
Grund ist, eine Revision zu fordern. 

Dies wäre richtig, wenn es sich nur um das Interesse der Anstaltsärzte 
handelte. »So ist es aber eben nicht! Ebenso wie diese Ärzte den Anspruch 
auf Vertrauen haben, hat auch das Publikum den Anspruch auf jene Beruhigung, 
die es nur aus der Überzeugung zu schöpfen vermag, daß es Vertrauen 
zu den Anstaltsärzten haben kann. Auf Schritt und Tritt begegnet der 
Anstaltsarzt immer wieder Situationen, in denen er Anordnungen, Verordnungen, 
Verfügungen treffen muß, die das Publikum nur dann und nur insoweit ruhig 
hinnimmt, als es sie, geleitet vom Vertrauen zu ihm, für gerechtfertigt ansieln. 
Und nichts ist schrecklicher für die Angehörigen eines „angehaltenen“ Kranken, 
als das fehlende Vertrauen zum Anstaltsarzte, dem sie in ihrer Phantasie den 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


113 


Kranken auf Gnad* und Ungnad’ ausgeliefert sehen. Darum ist es auch ein 
dringendes Gebot im Interesse des Publikums, alles zu verhüten, bezw. zu 
vermeiden, wodurch sein Glaube an die Vertrauenswürdigkeit der Ärzte der 
öffentlichen Irrenanstalten, bezw. der öffentlichen geschlossenen Anstalten 
überhaupt, erschüttert werden könnte. Gegen dieses Postulat hat aber der 
Gesetzgeber ohne allen Zweifel gehandelt, indem er den Anstaltsärzten die 
Eignung zur Entscheidung der Frage der Zulässigkeit der Aufnahme, bezw» 
der Anhaltung, auch insoferne bloß der rein medizinische, der rein psy¬ 
chiatrische Gesichtspunkt in Betracht kommt, abgesprochen hat. 

Somit muß die „Vertrauensfrage“, wenn ich so sagen darf, nicht nur im 
Interesse der Ärzte der öffentlichen Anstalten, sondern auch und ganz 
besonders im Interesse des Publikums gestellt werden, wodurch dieses Unter¬ 
nehmen den odiosen Beigeschmack der einseitigen Interessenpolitik vollends 
verliert. 

Und schließlich handelt es sich ja auch wieder nicht nur um diesen 
einen Gesichtspunkt, ja nicht einmal um ihn in erster Linie, wenn die For¬ 
derung einer Revision erhoben wird, sondern, wie aus meinem Referate hervor¬ 
gegangen seiu dürfte, vor aillem darum, daß eine Reihe von Bestimmungen 
des III. Abschnittes der Entmündigungsordnung wohl den juristischen For¬ 
derungen, wie sie in Ansehung des Zweckes, nämlich der möglichst sicheren 
Verhütung „ungerechtfertigter Anhaltung in einer Irrenanstalt“, gestellt worden 
sind, keineswegs aber auch den psychiatrischen Forderungen, wie sie im 
Interesse der in den geschlossenen Anstalten untergebrachten Kranken erhoben 
werden müssen, im gebotenen Maße Rechnung trägt. 

Eine in die Einzelheiten gehende Darlegung der Abänderungen der 
E.itmündigungsordnung, welche zur Erfüllung der beiden Hauptpostulate nötig 
wären, kann selbstverständlich nicht einfach so nebenher oder im Anhänge 
gegeben werden; sie würde vielmehr eine Aufgabe für sich bilden, zu deren 
gründlichen Erledigung ein neues, ein zweites Referat erforderlich wäre, das 
sich übrigens zum Unterschiede vom vorliegenden auch ausführlich mit dem 
Inhalte des Gesetzes selbst zu befassen hätte. Dem Zwecke, die Forderung 
einer Revision des Gesetzes zu begründen, dürften indes die vorgebrachten 
Bemerkungen bereits genügen. Der Grund dafür, daß diese Forderung hier, im 
Anschiasse an ein Referat über die Durchführung der Entmündigungs- 
ordliung überhaupt vertreten worden ist, mag aber darin erblickt werden, 
daß nach der Meinung des Referenten ein Vorbehalt notwendig war, da er 
die Ansicht nicht zu der seinigen machen kann, daß nur über die Durch¬ 
führung des Gesetzes zu klagen und demnach von entsprechenden Durch¬ 
führungsverordnungen allein schon ein durchaus befriedigendes Ergebnis zu 
erwarten sei. 

Beine Schlußsätze möchte Referent wie folgt formulieren: 

A. 

Der XII. Abschnitt der „Entmündigungsordnung“ (kaiserliche Verordnung 
vom 28. Juni 1916, R. G. Bl. Nr, 207, über die Entmündigung), welcher das 
„gerichtliche Verfahren bei Aufnahme in geschlossene Anstalten“ enthält, und 
der V. Abschnitt dieses Gesetzes, welcher „gemeinsame Bestimmungen“ für 
Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 8 


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Pr. Josef Herze. 


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dieses Verfahren und für das Entmündigungsverfahren enthält, bedürfen 
einer Revision. 

Diese Revision hätte davon auszugehen, daß die öffentlichen und 
die privaten „geschlossenen Anstalten 4 * hinsichtlich der Kontrolle der Auf¬ 
nahme und Anhaltung im Hinblick auf den grundlegenden Unterschied in der 
Stellung der Ärzte der Anstalten der einen und der anderen Art, der darin 
besteht, daß die Ärzte der öffentlichen Anstalten als Personen des öffentlichen 
Dienstes anzusehen sind, die der Privatanstalten nicht, nicht nach prinzipiell 
gleichem System zu behandeln sind. 

Für die Privatirrenanstalten ist nur die Forderung zu erheben, daß das 
Verfahren in dem Sinne der vollen Berücksichtigung der psychiatrischen 
Grundsätze, wie sie im Interesse der in den „geschlossenen“ Anstalten 
jeder Art untergebraehten Kranken eingehalten werden müssen, aus- und 
umgestaltet werde. 

Für die öffentlichen „geschlossenen“ Anstalten aber ist die Fest¬ 
setzung eines Verfahrens nötig, welches erstens nicht, wie das in der Ent¬ 
mündigungsordnung festgesetzte, nur den in Betracht kommenden j nristische n 
Forderungen, sondern auch den psychiatrischen Forderungen der oben¬ 
genannten Art voll Rechnung trägt, welches zweitens dem für das ganze 
Anstaltswesen höchst bedeutungsvollen Ansprüche der Ärzte dieser An¬ 
stalten auf Vertrauen in ihr Pflichtbewußtsein und in ihr Verantwortiichkei;s- 
gefühl als öffentliche Beamte, voll gerecht wird. 

B. 

Als vorläufige Maßnahme zur Behebung, bezw. Milderung der wesent¬ 
lichsten Übelstände, die sich einerseits aus den Mängeln des in der „Eut¬ 
in iindigungsordnung“ festgesetzten „gerichtlichen Verfahrens bei Aufnahme in 
geschlossene Anstalten“, anderseits aus einer nicht entsprechenden Durch¬ 
führung dieses Verfahrens ergeben hal>en, sowie als Maßnahme zur Abstellung 
von Unzukömmlichkeiten, welche sich bei der Handhabung des eigentlichen 
Entmündigungsverfahrens gegenüber den Pfleglingen der öffentlichen ge¬ 
schlossenen Anstalten herausgestellt haben, ist eine weitere Durchführungs¬ 
verordnung des Justizministeriums, etwa als Ergänzung des Erlasses des 
Justizministeriums vom 14. Juli 1916, V. Bl. Nr. 25, zur Einführung der Ent- 
müiidiguugsordnung, erforderlich, in welcher den Gerichten ungefähr folgendes 
nahezulegen wäre: 

1. Jede Verzögerung des gerichtlichen Verfahrens bei Aufnahme in 
geschlossene Anstalten zu vermeiden; also 

a) die Untersuchung des Angehaitenen zu einem möglichst frühen Termine 
anzusetzen und durchzuführcn (§ 18, Abs. 1); 

b) den Beschluß (§ 22) ehebaldigst, womöglich im unmittelbaren An¬ 
schlüsse an die Untersuchung zu fassen; 

c) der Anstalt den Beschluß für jedeu Fall, namentlich aber wenn er 
auf Unzulässigkeit der Anhaltung lautet, unverzüglich zuzustellcn (§65, Abs. 1». 

2. zu »Sachverständigen nur solche Ärzte zu bestellen, die in s u- 
r eichen dem Maße über psychiatrische Bildung und Erfahrung verfügen 
(§ 18, Abs. 3) und, wo außer den Au<taltsärzten Ä*^te, welche diese Bedingung 


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Die Entmündigungsordnung und die Irrenanstalten. 


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voll erfüllten, nicht zur Verfügung stehen, stets einen Anstaltsarzt als zweiten 
»Sachverständigen beizuziehen; 

3. von der Bestimmung, nach der in zweifelhaften Fällen ein zweiter 
Sachverständiger beizuziehen ist (§ 19, Abs. 3) in allen zweifelhaften Fällen 
und insbesondere ausnahmslos in den Fällen, in denen der Kichter die 
Unzulässigkeit der Anhaltung aus?usprechen oder richtig gesagt, die Zu¬ 
lässigkeit der Anhaltung nicht auszusprechen beabsichtigt, Gebrauch zu 
machen; 

4. im Falle der Beiziehung eines Anstaltsarztes sein Gutachten als dem 
des ersten Sachverständigen gleichwertig anzusehen; 

5. darauf zu achten, daß bei der Verwendung der Krankenge¬ 
schichten und der sonstigen Auskünfte der Anstalt über den Untersuchten 
mit entsprechender Diskretion vorgegangen werde, und zwar: 

a) bei der Untersuchung, 

b) in Beschlüssen, bzw. in Begründungen von Beschlüssen; 

6. die „Vernehmung durch den Richter“ (§21) nicht in einer solchen 
Weise vorzunehmen, daß sie den Charakter einer Kontrolle und Kritik 
der Ärzte in ihrer Tätigkeit als Sachverständige oder den Charakter der 
aktiven Teilnahme an der ärztlichen Untersuchung selbst annimmt; 

7. bei der Fassung des Beschlusses im Anhaltungsverfahren zu beachten, 
daß nicht die Frage der Notwendigkeit, sondern nur die der Zu¬ 
lässigkeit der Anhaltung zu entscheiden ist (§22); 

8. von der Verpflichtung der Anstalten zur Evidenzhaltung der 
Anhaltungsfristen und zur Anzeige des Fristablaufes abzusehen; 

9. in allen Fällen, in denen sich die jahrelange, bzw. die dauernde 
Anhaltung eines vermögenslosen Geisteskranken in einer Anstalt als not¬ 
wendig erweist, das Entmündigungsverfahren einzuleiten; 

10. die beschränkte Entmündigung in allen Fällen, in denen die 
Voraussetzungen dafür gegeben sind, an die Stelle der vollen Entmündigung 
treten zu lassen, bzw. 

a) von vorneherein die beschränkte Entmündigung (§ 1, Abs. 2) in 
allen entsprechenden Fällen in Anwendung zu bringen, 

b) die Umwandlung der vollen Entmündigung in die beschränkte (§ 50, 
Abs. 2) in allen in Betracht kommenden Fällen durchzuführen; 

11. bei Alkoholikern, die im Sinne des § 22 als geistesgesund erklärt 
werden, immer auch die Entmündigung wegen Trunksucht (§2, Abs. 2) in 
Erwägung zu ziehen; 

12. in den Fällen, in welchen die Entmündigung ohne neuerliche Ver¬ 
nehmung und Untersuchung beabsichtigt wird, ausnahmslos vorher das 
Zeugnis des Anstaltsleiters im Sinne des § 33, Abs. 2, einzuholen; 

13. die Bestimmungen der Entmündigungsordnung, welche die W ahrung 
der Int eressen des zu Entmündigenden im Entmündigungsverfahren 
zum Gegenstände haben (§§ 29—31), auch bei der Entmündigung der in 
Irrenanstalten angehaltenen Personen sinngemäß in Anwendung zu bringen; 

14. die Zustellung des Beschlusses, mit dem für die Anhaltung 
in einer Irrenanstalt entschieden wird, an den Kranken in den seltenen Fällen 
zu verfügen, in denen sicher angenommen werden kann, daß eine schädliche 

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Original frorri 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



116 


Dr. Josef Berze. 


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Einwirkung auf das Befinden des Kranken nicht zu befürchten ist (§ 65, Abs. 3), 
und dem Anstaltsleiter anheim zu stellen, die von Seite des Gerichtes 
verfügte Zustellung zu inhibieren, wenn er von ihr eine schädliche Ein¬ 
wirkung auf das Befinden des Kranken befürchtet; 

15. dem Leiter der Irrenanstalt, in welcher die betreffende Person 
untergebracht ist, sowohl den Beschluß, mit welchem über die Entmündigung¬ 
ais auch den, mit welchem über die Aufhebung oder Umwandlung einer 
rechtswirksam gewordenen Entmündigung entschieden wird, regelmäßig und 
ehebaldigst zuzustellen, sowie die Bestellung eines Kurators, resp. 
Beistandes in jedem Falle unverzüglich bekanntzugeben (§ 66); 

16. die Anstalt davon zu benachrichtigen, wenn das Gericht mit 
Rücksicht darauf, daß der Kranke bereits unter Kuratel steht, von der Ein¬ 
leitung des AnhaltungsVerfahrens Abstand nimmt, und der Anstalt 
bei dieser Gelegenheit die Kuratelsdaten mitzuteilen; 

17. die an die Anstalten hinsichtlich Äußerungen, Anzeigen, Berichten 
und namentlich Abschriften von Krankengeschichten gestellten Anforde¬ 
rungen auf das unbedingt nötige Maß zu beschränken; 

18. bei der ganzen Handhabung der Entmündigungsordnung alle ver¬ 
meidbaren Eingriffe in die Wirkungssphäre der Anstaltsleitung 
zu unterlassen. 


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Original from 

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Blutung im linken Stirnlappen des Gehirnes bei 
tuberkulöser Meningitis als Ursache eines plötzlichen 

Todes. 

Von 

Professor Dr. Fritz Reuter. 

(Mit 2 Abbildungen im Text.) 


Im nachfolgenden soll etwas ausführlicher über einen Fall 
von Blutung in das linke Stirnhirn bei tuberkulöser 
Meningitis berichtet werden. Die Präparate dieses Falles demon¬ 
strierte ich bereits kurz am 12. Dezember 1916 im Verein für 
Neurologie und Psychiatrie in Wien. 

Es handelt sich um den Hirnbefund bei einem zirka 25 bis 
30 Jahre alten Manne, welcher am 25. Juli 1916 auf die psychiatrische 
Klinik von Wagner in Wien aufgenommen wurde und nach kurzer 
Beobachtung am 27. Juli 8 Uhr früh verschied. Da der Mann un¬ 
bekannt blieb, so konnten keine weiteren Erhebungen über die Er¬ 
scheinungen, welche der scheinbar plötzlichen, unter schweren Gehirn¬ 
symptomen einsetzenden Erkrankung vorangegangen waren, gepflogen 
werden. Die Beobachtung auf der Klinik von Wagner, welch’ 
letzterer mir die. Krankengeschichte des Falles in liebenswürdiger 
Weise zur Verfügung stellte, ergab folgendes: 

Bei der Aufnahme am 25. Juli war der Mann sehr schwach, zitterte 
am ganzen Körper, konnte sich auf ebener Erde nur mit Mühe fortbewegen 
und hielt sich beim Gehen und Stehen an. Auf Fragen antwortete er mit 
schwacher Stimme und lallte unverständliche Worte. Auch seinen Namen 
konnte er nicht angeben. Aufträge befolgte er nicht Als man ihm ein Stück 
Zucker reichte, nahm er es in die Hand, steckte es in den Mund und sagte, 
es schmecke gut. Dies war die einzige Handlung und Antwort, die einen 
vernünftigen Eindruck erweckte. 

Bei der somatischen Untersuchung fand man einen kleinen, marasti- 
schen, abgemagerten Körper. Die rechte Pupille war etwas größer als die 


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Original fro-m 

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I)r. Fritz Router. 


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linke, lichtstarr. Wegen Indolenz des Patienten konnte auf Konvergenz 
nicht geprüft werden. Die Patellarsehnenreflexe erwiesen sich als sehr ge¬ 
steigert. Über dem Herzen und den Lungen konnte ein krankhafter Befund 
klinisch nicht konstatiert werden. 

Aus dem polizeiärztlichen Parere, mit welchem der Mann auf die 
Klinik abgegeben wurde und welches vom 24. Juli 1916 datiert war, ergab 
sich, daß der Mann aufgegriffen wurde, „weil er ganz verwirrt war, Gegen¬ 
stände nicht erkannte und unverständliche Laute von sich gab.“ 

Da im Verlaufe der Eirankenbeobachtung bald Koma eintrat, so 
konnte eine genaue klinische Diagnose nicht gestellt werden. Der Kliniker 
vermutete als Ursache der Erscheinungen eine tuberkulöse Meningitis. 

Da die Diagnose nicht sichergestellt war, so wurde die sanitats- 
polizeiliche Obduktion angeordnet, welche ich am 31. Juli 1916 vormittags 
vornahm. 

Die Obduktion ergab als äußeren Befund: 

Männliche Leiche, 155 cm lang, schwächlich, mager. Die Haut 
vorne blaß, am Rücken rötlich-violette Totenflecke. Kopfhaar schütter, 
dunkelblond, bis 8 cm lang, Pupillen mittelweit, beiderseits gleich, 
Regenbogenhäute braun. An der Oberlippe ein schütterer blonder 
struppiger Schnurrbart; an Kinn und Wangen Bartstoppeln. Gebiß 
sehr defekt, Kauflächen stark abgenützt. Die Gesichtshaut zeigte 
reichliche Sommersprossen. Ohrläppchen angewachsen. Hals und 
Brustkorb schwächlich, Bauch eingezogen. 

Bei der inneren Untersuchung erwiesen sich die Schädeldecken 
als mäßig blutreich und trocken. Das Schädeldach war länglich¬ 
oval, dünnwandig und kompakt. 

Zur Untersuchung des Gehirnes wurde entsprechend der Säge¬ 
schnittfläche des Schädels ein Horizontalschnitt angelegt. Hiebei fand 
sich im Bereiche des linken Stirnlappens eine ausgedehnte, ziemlich 
frische Blutung, welche auf Fig. 1 reproduziert ist. 

Bei der näheren Besichtigung des Gehirnes zeigte sich nun, 
daß es sich um keine gewöhnliche Apoplexie, sondern um einen 
besonderen Fall von Hirnhämorrhagie handelte. 

Die linke Hemisphäre war geschwollen, nament¬ 
lich im Bereiche des Stirnlappens und der angrenzen¬ 
den Partien der Inselwindungen. Die vorderen Partien 
der linken Hemisphäre waren von einem 5 cm langen, 
bis 4 1 /, cmbreitenBlutungsherdvon dunkelroter Farbe 
eingenommen. Dieser Herd reichte vorne und etwas 
seitlich von der Spitze des linken Stirnlappens bis 


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Original fro-m 

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120 


Dr. Fritz Reuter. 


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sich aufnehmend. Entsprechend der letzteren Stelle 
bildete die Sylvische Furche teilweise die hintere 
Grenze des Blutungsherdes. 

Eine nähere Besichtigung des Blutungsherdes 
ergab nun, daß dieGrenzen desselben vorne und innen 
ziemlich scharf waren und sich namentlich im Be¬ 
reiche desKopfesdes Streifenhügels und der äußeren 
Partien des Putamens von der graurötlichen Farbe 
dieser Hirnkerne deutlich abhoben, während die 
Bänder des Herdes lateral gegen dießinde des Stirn- 
lappens und gegen die vorderen Partien der Insel zu 
verwaschen waren, und allmählich in ein teils grau¬ 
rötliches, von zahlreichen kleinen, einzelstehenden 
und gruppierten Blutungen durchsetztes, teils mehr 
gelblichweiß gefärbtes ödematöses Gewebe über¬ 
gingen. Die Binde der vorderen und seitlichen 
Partien des Stirnlappens war verquollen, von kleinsten 
stecknadelkopfgroßen Blutungen und rötlichen 
Streifen eingenommen. Entsprechend der Spitze des 
Vorderhornes quoll etwas geronnenes Blut in die 
linke Seitenkammer vor. 

Die Schnittfläche des Blutungsherdes zeigte keine gleich¬ 
mäßige dunkelrote Färbung; sie wies vielmehr ein feines, grau¬ 
rötliches Netzwerk auf, dessen Maschen etwa die Größe von Linsen 
bis Erbsen hatten und von dunklen blutroten Gerinnseln erfüllt 
waren. Man gewann gleich bei der ersten Besichtigung den Eindruck, 
daß es sich nicht um eine Blutung infolge Buptur einer Arterie 
handelte, daß vielmehr das hämorrhagisch infarzierte 
Gewebe eher einer intensiven venösen Stase mit nach¬ 
folgender Blutung seine Entstehung verdankte. Bei der näheren 
Untersuchung der Hirnoberfläche, welche bei der in diesem Falle 
angewendeten Sektionsmethode der Besichtigung der Schnittfläche 
des Gehirnes nachfolgt, zeigte sich nun, daß entlang der Ver¬ 
zweigungen der linken Arteria fossae Sylvii zahllose teils einzel¬ 
stehende, teils mehr gruppierte, grauweiße, miliare Knötchen vor¬ 
handen waren. Diese Knötchen waren, namentlich im Bereiche des 
ersten Astes der genannten Arterie, welche bekanntlich die zweite 
und dritte Frontalwindung versorgt, besonders reichlich augeordnet, 
fanden sich aber auch im Bereiche des zweiten Astes an der Basis 


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Blutung im linken Stirulappen des Gehirnes. 


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der Zentralwindungen und an den kleinen Ästen für die Insel¬ 
windungen ziemlich zahlreich vor. 

Eine Präparation der linken Fossa Sylvii ergab auch, daß 
sowohl der Stamm der linken Arteria cerebri media als auch die 
genannten Äste in ein sulziges, weißliches, ziemlich elastisches 
Gewebe eingebettet waren. 

Der Stamm der genannten Arterie, sowie die größeren, von 
ihr abgehenden Äste waren frei von Thromben. In der Tiefe 
der Fossa Sylvii konnten allerdings schon mit freiem 
Auge kleinere thrombosierte Gefäße, offenbar kleine 
Venen, welche in ein weißliches, von grauweißen 
Knötchen durchsetztes Gewebe eingebettet waren, 
konstatiert werden. 

Zwischen Arachnoidea und Pia fand sich auch sonst an den 
Stellen, die wir bei tuberkulöser Meningitis vom Exsudat bevorzugt 
zu sehen gewohnt sind, eine sulzige, gelblichweiße, hie und da von 
Knötchen durchsetzte Masse; doch fiel auf, daß der tuberkulöse 
Prozeß im Bereiche der Hirnhäute, dessen Diagnose natürlich bei 
dem überaus charakteristischen Befunde schon mit freiem Auge 
ohne Schwierigkeit gestellt werden konnte, speziell im Bereiche der 
bereits geschilderten Partien der linken Arteria fossae Sylvii be¬ 
sonders intensiv ausgebildet war. 

Aus dem übrigen Obduktionsbefunde sei noch kurz erwähnt: 
Die Himventrikel waren erweitert, die Plexus chorioidei blaß, ohne 
Tuberkel, das Ependym zart. Im Bachen fand sich Schleim, die 
Schleimhaut war blaß, die Follikel waren etwas größer. Das kleine 
Herz enthielt etwas flüssiges und locker geronnenes Blut, die 
Klappen waren zart und schlußfähig, der Herzmuskel zeigte eine 
graubraune Farbe und eine brüchige Konsistenz. 

Die Lungen waren mit den Spitzen leicht angeheftet, der 
Pleuraüberzug wies teils einzelstehende, teils gruppierte grauweiße 
Knötchen auf. In beiden Oberlappen fanden sich alte Schwielen, 
gruppierte gelbliche Knötchen und größere käsige Knoten. Die 
Lungenhilusdrüsen waren teils anthrakotisch pigmentiert, teils ver¬ 
käst, teils nur von gelblichweißen Knötchen eingenommen. Das 
peribronchiale Gewebe erwies sich in der Umgebung der Drüsen 
verdichtet und teilweise verkäst. — Von dem Befunde an den 
Bauchorganen sei nur erwähnt, daß die Leber und Nieren par¬ 
enchymatös degeneriert waren und keine mit freiem Auge sicht- 


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I)r. Fritz Reuter. 


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baren Knötdhen erkennen ließen, während die leicht vergrößerte 
schlaffe, follikelreiche Milz hie und da einen gelben Knoten zeigte. 
Die Magenwand erwies sich erweicht, im Darme waren tuberkulöse 
Geschwüre nicht vorhanden. 

Um nun einen Einblick in die Entstehung des Blutungsherdes 
im linken Stimlappen und seine Beziehungen zu dem tuberkulösen, 
namentlich linkerseits lokalisierten Entzündungsprozesse der Meningen 
zu erlangen, wurde sowohl die obere als auch die untere Hälfte 
des Gehirnes parallel zu der bereits angelegten Schnittfläche noch 
in weitere Horizontalschnitte zerlegt, wobei sich zeigte, daß der 
erwähnte Blutungsherd sowohl nach oben als nach unten allmählich 
an Ausdehnung abnahm. Die Abbildung Nr. 1 zeigt somit den Herd 
in seiner größten Ausdehnung. 

Faßt man diesen Obduktionsbefund zusammen, 
so handelt es sich um eine ziemlich ausgedehnte 
Blutung im linken Stirnlappen bei einer offenbar auf 
hämatogenem Wege zustande gekommenen tuberku¬ 
lösen Meningitis. Schon nach dem makroskopischen 
Befunde kann es wohl keinem Zweifel unterliegen, 
daß diese Blutung mit der intensiven Tuberku- 
lisierung der Meningen im Bereiche der linken 
Arteria fossae Sylvii im Zusammenhänge steht. Solche 
ausgedehnte Blutungen bei tuberkulöser Meningitis sind im all¬ 
gemeinen selten, während ein Übergreifen des tuberkulösen Prozesses 
von den weichen Hirnhäuten auf die Hirnrinde recht häufig be¬ 
obachtet wird, wie jeder erfahrene Prosektor weiß, und wie in 
letzter Zeit durch Biber wieder an der Hand einer Reihe von 
Fällen festgelegt wurde. Allerdings ist dieses Übergreifen des 
tuberkulösen Prozesses von den Meningen auf die Hirnrinde nicht 
immer mit freiem Auge deutlich zu erkennen, wie Biber mit Recht 
hervorhebt. Es bedarf hiezu vielmehr in der Regel einer genauen 
mikroskopischen Untersuchung der tuberkulös veränderten Gehirn¬ 
partien. 

In der mir zugänglichen Literatur konnte ich nur fünf Fälle von 
ausgedehnter Hirnblutung bei tuberkulöser Meningitis vorfinden. Der erste 
Fall wurde von Nonne, ein zweiter von Vanzetti, und die übrigen drei 
von Askanazy beschrieben. Während Nonne sich begnügt, das Gehirn 
des von ihm beobachteten Falles einfach zu beschreiben, und sich iu eine 
nähere Erörterung der Genese der Blutung nicht einläßt, weiters auch 
Vanzetti sich nur ganz im allgemeinen dahin äußert, daß die hämor- 


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Blutung im linken Stimlappen des Gehirnes. 


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rhagischen Encephalitisformen bei tuberkulöser Meningitis mit Gefä߬ 
veränderungen im Zusammenhänge stehen, verbreitet sich Askanazy 
ziemlich eingehend über die Pathogenese dieser seltenen Fälle, indem er 
darauf hinweist, daß bei der histologischen Untersuchung derselben neben 
den schon seit längerer Zeit bekannten periarteriitischen Prozessen im 
Bereiche der Meningen und der Hirnrinde sich auch immer ausgebreitete 
und tiefgehende Veränderungen an den Venen vorfinden. Askanazy 
zeigte an der Hand seiner Fälle, wie es durch Übergreifen des tuberkulösen 
Prozesses auf die Venenwände, Durchwucherung derselben und Fort¬ 
schreiten des Prozesses bis zur Blutsäule des Gefäßes zur Bildung von 
Thromben zunächst im strömenden Blute, und im weiteren Verlaufe auch 
zum Verschluß dieser Gefäße kommt. Trifft der Verschluß eine größere 
Vene mit einem ausgedehnten Wurzelgebiet, so kommt es nach Askanazy 
zur Bildung ausgedehnter Hämorrhagien im Bereiche des erwähnten Wurzel¬ 
gebietes. An die Beschreibung seiner Fälle knüpft dieser Autor die Auf¬ 
forderung, in jedem einschlägigen Falle den Veränderungen der Venen 
besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Da auch F. Marchand wieder¬ 
holt darauf hingewiesen hat, daß bei den sogenannten hämorrhagischen 
Encephalitisformen den Hämorrhagien in der Regel eine venöse Stase und 
Thrombose bei vorhandener Arteriensperre zugrunde liegt, so achtete ich 
bei der Durcharbeitung meines Falles genau auf diese Umstände und war 
bestrebt, durch Kombination des makroskopischen Befundes mit den teil¬ 
weise an Serien gewonnenen mikroskopischen Bildern darüber klar zu 
werden, ob auch in meinem Falle für das Zustandekommen der Blutung 
eine Thrombose einer größeren Vene verantwortlich zu machen sei, und 
wenn dies der Fall sein sollte, ob sich die Lage und Begrenzung des 
hämorrhagischen Herdes aus der Sperrung eines bestimmten Abflußgebietes 
erklären ließe. 

Bevor ich auf die nähere Schilderung des mikroskopischen 
Befundes eingehe, sei mir gestattet, in Kürze der Lage jener Venen 
zu gedenken, welche als Abflußgebiet aus den von der Blutung 
eingenommenen Hirnpartien in Betracht kommen. Wenn auch die 
Lokalisation der Venen des Gehirnes keine so regelmäßige ist wie 
die der Arterien, und die Venen durch ein ausgedehntes Anastomosen- 
netz miteinander in Verbindung stehen, so lassen sich doch einzelne 
venöse Gruppen nach ihren Wurzelgebieten unterscheiden. Bekannt¬ 
lich werden die Hirnvenen in drei Gruppen eingeteilt: in eine erste 
Gruppe, die der oberen Hirnvenen, welche in den Sinus falciformis 
major münden; in eine zweite Gruppe, die der mittleren Gehirn¬ 
venen, deren Sammelpunkt die Vena cerebri int. comm. (V. magna 
Galeni) bildet, und in eine dritte Gruppe, die der unteren Hirn- 
venen, deren Verlauf und Endigung sehr variabel ist. Das Blut aus 
dem Stimlappen, den Insel Windungen, den angrenzenden Partien 


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Dr. Fritz Reuter. 


des Schläfelappens, des Claustrums, der lateralen Partien des Kopfes 
des Streifenhügels und des Putamens fließt nun hauptsächlich in 
die Vena fossae Sylvii ab, eine Vene, welche in der Tiefe der 
Sylvischen Grube liegt und nach Browning nicht mit der 
Vena cerebri media identifiziert werden darf. Während 
die letztere ganz oberflächlich in den die Sylvische Grube decken¬ 
den Hirnhäuten und parallel mit dieser verläuft, in ihrem Verlaufe 
mehr oder weniger Wurzeln aus den benachbarten Partien des 
Stirn- und Schläfelappens aufnimmt und schließlich im Sinus 
cavernosus endet, entsteht die V. fossae Sylvii in der Tiefe der 
Sylvischen Spalte aus dem Zusammenfluß kleiner Stämmchen von 
allen Seiten, nimmt überdies Wurzeln aus dem Frontal- und Temporal¬ 
lappen auf und verläuft schließlich unter der Spitze des Schläfe¬ 
lappens zur V. basilaris, in welcher sie endet 

In unserem Falle war, wie schon die Betrachtung der Ober¬ 
fläche des Gehirnes mit unbewaffnetem Auge zeigte, die V. cerebri 
media sinistra frei von Thromben; auch im unteren Teil des Stammes 
der V. fossae Sylvii sinistra konnte beim Auseinanderdrängen des 
Stirn- und Schläfelappens ein größerer, das Lumen des Gefäßes 
obturierender Thrombus nicht nachgewiesen werden. Hingegen 
waren schon mit freiem Auge in der Tiefe der 
Sylvischen Furche ungefähr an der Stelle, wo die 
Vena fossae Sylvii aus dem Zusammenflüsse zahl¬ 
reicher kleiner Venenstäramchen entsteht, kleine 
Thromben zu sehen. Bei Lupenvergrößerung konnte 
man nun im Anfangsteil des Stammes der Vena fossae 
Sylvii sinistra deutlich einen dasLumen desGefäßes 
fast vollständig ausfüllenden Thrombus nachweisen. 
Dieses Gerinnsel trat in Schnitten, welche parallel 
zu dem Haupthorizontalschnitt durch das Gehirn 
angelegt wurden, deutlich hervor. Es konnte auch an 
kurzen Serien die Genese dieser Thromben näher 
studiert werden. 

Bevor wir aber auf die Schilderung dieser Thrombose näher 
eingehen, wollen wir noch eine kurze Beschreibung des meningealen 
tuberkulösen Prozesses geben, der auch die Hirnrinde ergriffen hatte. 

Zunächst sei der Veränderungen im Arachnoidalraam gedacht Dieser 
war teils von einem fibrinösen Exsudate erfüllt, teils fanden sich in ihm 
zahlreiche Lymphoidtuberkeln mit käsigen Nekrosen, wie wir sie bei 


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Blutung im linken Stirnlappen des Gehirnes. 


125 


disseminierter Tuberkulose der Meningen zu sehen gewohnt sind, vor. Dil? 
Tuberkelbildung und die käsigen Nekrosen fanden sich hauptsächlich an 
den Grenzen des Arachnoidalraumes, und zwar namentlich an jenen vor, 
welche gegen die Rinde zu lagen. An diesen Stellen erwies sich die Pia 
in ein zellreiches, hauptsächlich aus Lymphocyten bestehendes, reichlich 
käsige Nekrosen enthaltendes Gewebe umgewandelt, welches an einzelnen 
Stellen auf die Rinde Übergriff, so daß an diesen die sonst scharfe Grenze 
verwischt war. Namentlich die Buchten zwischen den kleinen Windungen 
zeigten zahlreiche dichtliegende Tuberkel. Das Zentrum des Arachnoidal¬ 
raumes war von einem teils fein, teils grobmaschigen fibrinösen Exsudate 
erfüllt, in welchem käsig nekrotische Rnötchen und ein unregelmäßig ver¬ 
zweigtes käsiges Balkenwerk bei mäßig reichlichen zeitigen Elementen sich 
vorfanden. In diese Exsudatmasse eingebettet, lagen die in ihrer Wandung 
stark veränderten Arterien und Venen. Die größeren Zweige der A. fossae 
Sylvii waren fast nur von fibrinösem Exsudate umgeben, während die 
kleinen, nahe der Rinde liegenden Arterien in einem stark zeitig infiltrierten 
Gewebe lagen. In letzterem fanden sich auch zahlreiche kleine Venen, 
während die größeren Venen, die Wurzeln der V. fossae Sylvii, ähnlich wie 
die größeren Arterien, fast nur von fibrinösem Exsudate umgeben waren. 
Die Arterien zeigten die gegenwärtig allgemein bekannten, in letzter Zeit 
namentlich von Biber und Askanazy näher studierten periarteriitischen 
V eränderungen. 

Um eine Wiederholung der in der Literatur bereits beschriebenen 
und daher als bekannt vorauszusetzenden Arterienveränderungen zu ver¬ 
meiden, soll der Befund an diesen in unserem Falle nur kurz gestreift werden. 
Eine ausführliche Schilderung wollen wir nur von jenen Veränderungen 
geben, welche für die Deutung des Falles besonders wichtig sind. 

In zahlreichen Schnitten, welche teils mit Hämatoxylin-Eosin, nach 
van Gieson, teils nach der Weigertschen Fibrin- und Elastinfärbung 
gefärbt wurden, repräsentierten sich die kleineren und größeren Arterien 
folgendermaßen: 

Fast alle Arterien waren von einem mehr oder minder ausgeprägten 
nekrotischen, mit Eosin schmutzigrot, nach van Gieson gelb sich färben¬ 
den Ring umgeben, welcher Lymphocyten in verschiedener Zahl enthielt. 
An mehreren Stellen ließ sich in dieser Schicht ein starker zeitiger Zerfall 
nachweisen. Nach innen von diesem Ring fand sich ein ebenfalls ringförmig 
angeordnetes, lockeres, faseriges, mäßig reichliche nach van Gieson sich 
rotfärbende Bindegewebsfasern enthaltendes Gewebe, in welchem spärliche 
Rundzellen eingestreut waren. Hier und da setzten sich die nekrotischen 
Massen des äußeren Ringes auch auf die zweite Schichte fort und bildeten 
daselbst unregelmäßig rundliche Herde. Auf diese zweite Schichte folgte 
di« kernarme, ziemlich ausgedehnt nekrotische Muskularis, welche innen 
von der meist gut erhaltenen, elektiv nach Weigert sich färbenden 
Elastica interna abgegrenzt war. Innerhalb der letzteren zeigten fast alle 
Arterien ein neugebildetes subendotheliales Gewebe, welches an einzelnen 
größeren Arterien mächtig entwickelt war. Es setzte sich aus einer faserigen, 


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Dr. Fritz Reuter. 


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ziemlich lockeren Zwischensubstanz zusammen, welche mit spindeligen, 
einen großen, meist ovalen, nur schwach färbbaren Kern aufweisenden 
Zellen in inniger Beziehung stand. Zwischen diesen spindeligen, nicht be¬ 
sonders zahlreichen Zellen fanden sich mehr oder minder polygonal geformte 
Zellen vor, welche einen scharf abgegrenzten, mit Hämatoxylin dunkelblau 
sich färbenden Kern aufwiesen, der von einem ziemlich breiten Proto¬ 
plasmasaum umgeben war. Diese Zellen waren meist etwas größer, selten 
doppelt so groß wie Leukocyten. Sie fanden sich an einzelnen Stellen sehr 
reichlich vor. An anderen Stellen wieder waren sie spärlicher. Zwischen 
ihnen lagen mitunter rote Blutkörperchen in mäßiger Anzahl und vereinzelte 
Leukocyten. Ab und zu konnten in diesem subendothelialen Gewebe Riesen¬ 
zellen nachgewiesen werden. Besondere Aufmerksamkeit wurde den in diesem 
Gewebe etwa vorhandenen Nekrosen geschenkt. Solche Nekrosen waren 
nun an verschiedenen Stellen, und zwar namentlich in den kleinen, mehr 
der Hirnrinde zu liegenden Arterien nachzuweisen. Sie bildeten im Quer¬ 
schnitt des Gefäßes teils kleine Ringe, teils halbmondförmige Schollen und 
lagen hauptsächlich in der Nähe der Elastica interna. In ihrer Umgebung 
fanden sich häufig rote Blutkörperchen, an einzelnen Stellen auch ein 
das Gewebe durchsetzendes, die Fibrinreaktion nach Weigert 
gebendes, feinmaschiges Netz werk, welches mitden Schollen 
in inniger Beziehung stand. Bekanntlich sind ähnliche subendotheliale 
Schollen bereits von verschiedenen Autoren gesehen und beschrieben worden. 
Über ihre Genese ist eine Einigkeit noch nicht erzielt worden. Während 
Biber unter Berufung auf eigene Untersuchungen und solche von 
M. B. Schmidt geneigt ist, eine primäre Nekrose des subendothelialen 
Gewebes anzunehmen, spricht Askanazy gelegentlich der Schilderung 
dieser Schollen von einer fibrinoiden Umwandlung derselben im Sinne 
Neumanns, da es ihm gelang, mit der Fibrinfärbung nach Weigert an 
diesen Schollen eine dunkelblaue Tinktion zu erzeugen. In den Präparaten 
meines Falles gaben diese Schollen, die sich mit Eosin schmutzigrot, wie 
verkäste Partien, nach Gieson meist gelb, mitunter auch rötlich, mit 
Löffler schein Methylenblau meergrün färbten, fast überall eine deutliche 
Fibrinreaktion. An einzelnen Stellen konnte ich aber neben 
und in diesen nekrotischen Massen ein feines Fibrinnetz 
nachweisen, so daß ich den Eindruck gewann, daß die bereits 
nekrotisierten Gewebsmassen erst nachträglich infolge 
einer in das nekrotische Gewebe erfolgendeu Exsudation 
einer fibrinreichen Flüssigkeit in die fibrinoiden Massen 
umgewandelt wurden. An einzelnen kleinen Arterien fand sich nicht 
nur in dem subendothelialen Gewebe, sondern auch in der Muskularis ein 
scholliger Zerfall vor. Ein Querschnitt solcher Gefäße zeigte zwischen 
Adventitia und Endothel des Gefäßes einen scholligen, die Fibrinreaktion 
gebenden nekrotischen Ring. Das Endothel der Arterien war teils post¬ 
mortal abgelöst, teils grenzte es als ein feiner Saum die subendothelialc 
Schicht gegen das Gefäßlumen ab. An zahlreichen kleinen Arterien war ein 
Gefäßlumen nicht mehr nachzuweisen. An Stelle desselben fand sich eine 
schollige Masse, welche sich in färberischer Hinsicht ähnlich verhielt wie 


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Blutung im linken. Stirn lappen Gehirne* 


-die Schuilou. Al* <lirs*gf» Gsfa.%n ir«,r £S £>fö'uhar infolge» 

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BesotuXelfr .AvXb^r^&jäBikeii -v^lije«kUi'‘- i&U den ^rämlefüüge^ 
uu de« Vene«. -T/tese .wären in meinem Vulie obeuho wie io jene« 
von Askaouu y sds'Ut'nft'e^i' derart inda* iubcrkukw* G^webvem- 
gebette dsU 4Mr<- Konturen mir sehwer erkannt werda* konnten. 
Fast überall war die Wand der Venen von dom fcuborfcoi^oeo Prozeß 
'bis. zum Bktstro.öi durobvp'jcheri. f]~ fanden sklt doller «ä den 
kleinen Venen iß Fottn wier oder 

gemischter l’hTOinbM; kn trmt gtöis^euc^ "^pL*, offenbar dem Stamm 
der Vena fossae Sylrii, konnte dieser .tbro/nboti-scUe Prozeß ### 



kcn‘ffßR‘i ^ • • 

OF MICHIGÄN 


Göogle 





128 


Dr. Fritz Reuter. 


näher studiert werden, zumal sich diese Vene an Serien gut ver¬ 
folgen ließ. 

In Abb. 2 ist ein Querschnitt dieser Vene bei 
schwacher Vergrößerung reproduziert. Man sieht 
deutlich die allseits von tuberkulösem Gewebe 
durchwucherte, stellenweise durch dieses völlig er¬ 
setzte Venenwand (bei a). Das Lumen der Vene selbst 
warvon einem korallenstockartig verzweigten Balken¬ 
werk durchzogen, welches sich aus einer feinkörnigen, 
mit Eosin blaßrot, nach van Gieson blaßgelb sich 
färbenden Masse zusammensetzte (beib). Dieser Masse 
lagen vereinzelte Leukocyten und namentlich an den 
Rändern ein feines Netzwerk von Fibrinfasern auf 
(bei c), an welche sich konglutinierte rote Blut¬ 
körperchen anschlossen. An einer Stelle (bei d) saß 
dieses Balkenwerk der Venenwand direkt auf, während 
an anderen Stellen zwischen Innenfläche der Vene 
und Balkenwerk noch eineLage roter Blutkörperchen 
vorhanden war. 

Der geschilderte Thrombus zeigte somit jenen Bau, wie ihn 
Aschoff in seinen bekannten Untersuchungen als charakteristisch 
für die im strömenden Blute entstehenden Thromben beschrieben 
hat. Die körnigen Balkenmassen in unserem Falle entsprechen offen¬ 
bar den balkenartig konglutinierten Blutplättchen. 

Verfolgte man den Venenthrombus an Serien distalwärts, so 
konnte man sehen, daß die Thrombose immer mehr an Ausdehnung 
zunahm und sich an einer Gabelung der Vene in zwei Wurzeln in 
zwei obturierende Thromben fortsetzte. 

Während also im Hauptstamm der Vene noch eine, wenn auch 
stark verlangsamte und durch das Plättchenbalkenwerk eingeengte 
Zirkulation stattfand, erwies sich das Wurzelgebiet der Vena fossae 
Sylvii durch Thromben bereits vollständig verschlossen. 

Es erübrigt nun noch der Veränderungen in der Hirnsubstanz selbst 
zu gedenken. Hiebei wollen wir uns ganz kurz fassen, da die in meinem 
Falle nachgewiesenen Veränderungen mit jenen übereinstimmen, die von 
verschiedenen Autoren, in letzter Zeit von Biber und von Askanazy 
genau beschrieben wurden. Wie bereits erwähnt, konnte an verschiedenen 
Stellen ein Übergreifen des meningealen Prozesses auf die Hirnrinde kon¬ 
statiert werden. Es fanden sich dementsprechend zunächst entlang der 
Septen zwischen den kleinen Hirnwindungen tuberkulöse Infiltrate vor 


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Blutung im linken Stirnlappen des Gehirnes. 


129 


innerhalb welcher wieder die bereits erwähnten pcriarteriitischen Prozesse 
im Vordergrund des histologischen Bildes standen. Allenthalben fanden sich 
die perivaskulären Lymphräume zellig infiltriert; die kleinen Rindeuarterien, 
präkapillaren Arteriolcn und Kapillaren zeigten alle Abstufungen des 
Entzündungsprozesses, von einfacher zeitiger Infiltration bis zur schollig¬ 
hyalinen Umwandlung des Gefäßes mit nachfolgender Thrombose und Ver¬ 
schluß. Sehr zahlreich fanden sich auch, namentlich in den obersten Schichten 
der Rinde, die von M. B. Schmidt und Biber genauer studierten, auf 
Diapedese beruhenden Ring- und Kugelblutungcn. Daneben waren aber 
auch größere unregelmäßig geformte, zum Teil in Form radiärer Streifen 
angeordnete Blutungen zu sehen, die gegen das Mark zu immer größer 
•wurden und ohne scharfe Grenze in ausgedehnte, offenbar auf Stasc zurück¬ 
zuführende Extravasate übergingen. Auf die Veränderungen der nervösen 
{Substanz und der Glia soll nicht näher eingegangen werden, da auch diese 
Veränderungen bereits von verschiedenen Seiten genau studiert wurden, 
und in meinem Falle, der leider nicht mehr ganz frisch zur Sektion kam, 
-eben wegen bereits beginnender Fäulnis von einer näheren Untersuchung 
■der durch das Odem stark gequollenen und postmortal veränderten Nerven- 
substanz Abstand genommen werden mußte. 

Endlich sei noch erwähnt daß ich eine Tuberkelbazillenfärbung in 
Uen Gewebsschnitten versuchte, die aber negativ ausfiel. An dem tuberku¬ 
lösen Charakter des meningo-encephalitisclien Prozesses konnte aber mit 
Rücksicht auf den eindeutigen histologischen Befund nicht gezweifelt werden, 

Wenn wir zum Schlüsse das Ergebnis der makro- 
und mikroskopischen Untersuchung unseres Palles 
z usammenfassen, so handelt es sich um eine dissemi- 
nierte meningo-encephalitische Tuberkulose im Be¬ 
reiche des Verzweiguugsgebietes der linken Arteria 
fossae Sylvii mit ausgedehnter Sperrung kleiner 
Arterien, in deren Verlauf es zur Thrombose des 
Stammes der linken Vena fossae Sylvii mit nachfol¬ 
gender Blutung im Wurzelgebiet der letzteren kam. 
ln der Tat entspricht auch die Lage, Ausdehnung 
und Begrenzung der Blutung im linken Stirnlappen 
dem Wurzelgebiete der thrombosierten Vene. 

Da der Mann unbekannt blieb, so konnten leider keine 
näheren Nachforschungen über den Zeitpunkt des Beginnes der 
Erkrankung und die klinischen Erscheinungen gepflogen werden. 
Jedenfalls war der Mann schon einige Zeit krank. Die dem Tode 
unmittelbar vorangehenden schweren zerebralen Erscheinungen sind 
wohl auf die ziemlich akut einsetzende Blutung im linken Stirn¬ 
lappen zurückzuführen. 

Jmhrbflcher fdr Tsyeblatrlo. XXXIX. Bd. 9 


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130 


Dr. Fritz Keuler. 


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Die Seltenheit so ausgedehnter Blutungen bei tuberkulöser 
Meningo-Encephalitis, der plötzliche Eintritt des Todes in unserem 
Palle, sowie der Umstand, daß es mir, wie ich glaube, in einwand¬ 
freier Weise gelang, die Quelle dieser Blutung durch den Nachweis 
der Thrombose in der linken Yena fossae Sylvii aufzudecken, recht- 
fertigen wohl die ausführliche Mitteilung des Falles. 

Literatur. 

Biber W.: Frankfurter Zeitschrift für Pathologie 1911, VI. S. 262. 
Nonne: Festschrift von Erb. Deutsche Zeitschrift für Neurologie 190), 
XVIII. 8. 1. 

Vanzetti: Aröhivio per le scienze mediche 1904, XXVIII. 

Askanazy: Deutsches Archiv für klin. Medizin 1910, S. 333. 
Marchand: Berliner klin. Wochenschrift 1894, Nr. 14, 62, und Krehl- 
Marchand: Handbuch Bd. II. 

Browning, zitiert nach Merkel: Handbuch d. topographischen Auatomie» 
Bd. I. 

A sc ho ff: Virchows Archiv, Bd. 130. S. 93. 

M. B. Schmidt: Zieglers Beiträge VII, Suppl. Festschrift f. Arnold 19o.% 

* * 

* 

Auf eine detaillierte Wiedergabe der umfangreichen Literatur über 
tuberkulöse Meningitis und die tuberkulösen Veränderungen an den Arterien 
und Venen des Gehirnes wurde an dieser Stelle verzichtet. In dieser Hin¬ 
sicht sei auf die einschlägigen Lehr- und Handbücher der pathologischen 
Anatomie, sowie auf die Referate in Lubarsch-Ostertag verwiesen. Auch 
von einer näheren Schilderung der Bedingungen, unter denen Stauungs- 
blutungen bei Verschluß von zahlreichen kleinen Arterien und Thrombose 
der zugehörigen Venen zustande kommen, nahm ich Abstand, zumal diese 
Verhältnisse von F. Marchaud in dessen Handbuch Bd. II, S. 300, in 
ausgezeichneter Weise erläutert sind. 


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Aus einem k. u. k. Feldspital 
(Kommandant: k. u. k. Stabsarzt Dr. R. y. Wimmer;. 


Über Psychosen und Neurosen im Kriege. (IV.) 

Von 

k. k. Regimentsarzt i. E. Dr. Georg Stiefler, 

ehein. Assistent der Klinik C. M a y e r - Innsbruck. 

Psychogene KrankheitsznstSnde. 

Als psychogen pflegt maD im allgemeinen jene Symptome, bzw. 
Symptomenkomplexe zu bezeichnen, die ihre Entstehung psychischen 
Einflüssen verdanken; der Begriff des Psychogenen wurde von ver¬ 
schiedenen Autoren verschieden weit aufgefaßt und so finden wir 
bei dem einen unter dem Namen der psychogenen Erkrankungen 
seelische und somatische Störungen, die nach der Ansicht anderer 
nicht in das Gebiet der Psychogenie gehören; ich verweise auf die 
Arbeiten von Sommer, Kraepelin, Bonhöffer, Birnbaum, 
Bleuler, Raecke. Daß der Krieg mit seinen großen seelischen 
Strapazen — sei es, daß es sich hiebei um den Kriegszustand als 
solchen und alle die daraus entspringenden Befürchtungen, Er¬ 
wartungen, Begehrungen handelt, sei es, daß ein bestimmtes psy¬ 
chisches Trauma vorliegt — uns auf dem Gebiete der psychogenen 
Krankheitsforraen reichliche Erfahrung gebracht hat, beweist am 
besten die heute schon kaum mehr übersehbare einschlägige Kriegs¬ 
literatur. Besondere Verdienste um die Klarstellung, bzw. Umgren¬ 
zung des klinischen Begriffes der psychogenen Krankheitszustände 
haben sich auf Grund ihrer Kriegserfahrungen Birnbaum uud 
Liepmann erworben, ersterer auf vorwiegend psychiatrischem, 
letzterer auf neurologischem Gebiete. 

Birnbaum faßt heute als psychogen alle durch psychische 
Einflüsse irgendwelcher Art hervorgerufenen funktionellen Störungen 
auf psychischem und somatischem Gebiete zusammen ohne Rücksicht 

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132 


I)r. Georg Stieflor. 


auf die sonstige Natur der psychotraumatischen Noxen; auch aus 
der erst kürzlich erschienenen Arbeit Birnbaums, die auf die klini¬ 
schen Schwierigkeiten im Psychogeniegebiete hinweist, erkennen 
wir unschwer, daß Birnbaum den früher eingenommenen Stand¬ 
punkt (Mitwirkung der persönlichen Eigenart als grundlegenden 
Komponente) zugunsten einer weiteren Fassung des Psychogenie- 
begriffes verschoben hat, so hinsichtlich der psychogenen Disposition 
entschieden toleranter geworden ist (Anerkennung einer erworbenen, 
episodischen, momentanen Disposition). Birnbaum definiert jetzt 
die psychogenen Krankheitsformen als „funktionelle Störungen, die 
— sei es unter Mitwirkung allgemein disponierender Hilfskräfte, sei 
es ohne solche — durch psychische (emotionelle) Einwirkungen 
zustande kommen, in ihrem klinischen Bilde im wesentlichen den 
aus den eigenartigen Wirkungen der ätiologischen emotionellen 
Noxen sich ergebenden Reaktionsformen (den „vorzugsweise psycho¬ 
genen“) entsprechen und frei von allen andersartigen, auf einen 
anderen Wesenstyp hinweisenden klinischen Merkmalen sind“. 1 ) 

In sehr klaren und überzeugenden Ausführungen hat Liep- 
mann anläßlich des Meinungsaustausches über die traumatische 
Neurose zur Frage der psychogenen Begriffsbestimmung Stellung 
genommen und ausgeführt, daß der Begriff des Psychogenen in zwei 
Teilbegriffe zerlegt werden kann: Einerseits handelt es sich um die 
unmittelbar primäre Wirkung der Gemütserschütterung nach 
physiologisch-biologischen Gesetzen, also um den Einfluß des Affektes 
auf die quergestreifte und glatte Muskulatur, auf Sekretion und 
Exkretion, anderseits um die mittelbare sekundäre Entstehung 
von Symptomen nach psychologischen Gesetzen, also um die psychi¬ 
sche Verarbeitung eines Erlebnisses auf dem Wege der Vorstellungen, 
auf Grundlage des Wissens um das erlittene Trauma und um seine 
möglichen Folgen samt allen hierin wurzelnden affektiven Momenten 
der Befürchtungen, Wünsche, Hoffnungen: Psychogen im en¬ 
geren Sinne oder ideogen. 

Wir haben in Annahme der weiteren Fassung des Psycho- 
geniebegriffes (Kraepelin, Bleuler, Bonhöffer) und in Über- 

! ) Anmerkung bei der Korrektur: Das Gebiet der psychogenen 
Krankheitsformen ist erst kürzlich von Birnbaum neuerlich in einer sehr 
lesenswerten Studie (Psychische Verarbeitung seelischer Störungen und die 
psychisch bedingten abnormen Seelenvorgänge, Wiesbaden 1918) eingehend 
l>ehandelt worden. 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 133 

einstimmuug mit den von Birnbaum, Liepmann gegebenen 
Definitionen unter die Gruppe der psychogenen Erkrankungen alle 
jene funktionellen Störungen auf psychischem und somatischem 
Gebiete eingereiht, die ihrer Entstehung nach auf psychische Ein¬ 
flüsse teils auf dem Wege des Affektes, teils auf dem Wege mehr 
oder weniger gefühlsbetonter Vorstellungen zurückgehen, wobei wir 
versucht haben, die einzelnen psychotischen wie nervösen Zustands¬ 
bilder nach gemeinsamen klinischen Merkmalen ohne Rücksicht auf 
eine bestimmte Art der psychischen Noxe und auf das Vorhandensein 
oder Pehlen einer persönlichen konstitutionellen Grundlage gruppen¬ 
weise zusammenzuordnen. 

Psychogene Geistesstörungen. 

Die psychogenen Geistesstörungen umfassen nach der bisher 
vorliegenden Kriegsliteratur den weitaus kleineren Teil der psycho¬ 
genen Krankbeitsbilder, nach Schmidt betragen sie etwa 5%- 
Einschlägige Fälle waren namentlich in den ersten Kriegsmonaten 
recht spärlich, was aber sicherlich nicht auf ein etwa damals selte¬ 
neres Vorkommen zurückzuführeu ist, sondern, wenigstens zum Teil, 
darauf, daß manches hierher Gehörige uuter anderer klinischer 
Diagnose ging (Erschöpfuugspsychosen, manisch-depressives Irre¬ 
sein) und daß wir in den ersten Monaten an der Ost- wie West¬ 
front einen Bewegungskrieg führten, bei welchem die äußeren Ver¬ 
hältnisse für eine eingehende psychiatrische Beobachtung und 
publizistische Tätigkeit wesentlich ungünstiger lagen als im später 
folgenden Stellungskriege; dazu kommt noch, was mehr minder für 
die gesamte Kriegszeit gilt, daß viele, namentlich die kurzdauernden 
psychogenen Geistesstörungen, wie dies Birnbaum auch hervor¬ 
hob, die Heimatlazarette nicht erreichen. Die heute vorliegenden 
Erfahrungen von mehr als drei Kriegsjahren haben uns auch auf 
psychiatrischem Gebiete eine bereits reichliche Auslese gebracht, 
nicht zuletzt auf dem Gebiete der psychogenen Störungen, worunter 
wieder die psychischen Störungen nach Granatexplosionen an Zahl 
besonders hervorragen. 

Bonhöffer betont das Auftreten bysterisch-deliranter Er¬ 
scheinungen als Initialsymptome bei Granatexplosionsstörungen 
sowie auch das Vorkommen von Ganser sehen Formen (Pseudo¬ 
demenzzustände), die Seige im Felde nur selten sah. Bonhöffer 
schätzt die ätiologische Bedeutung der psychischen Noxen für die 


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134 


Dr. Georg StieHer. 


kriegspsvchotischen Störungen wie der Psychosen überhaupt sehr 
gering ein; als eigentliche Schreckpsychose erkennt er im wesent¬ 
lichen nur den B ä 1 z sehen Emotionsstupor an. Wollenberg führt 
hysterische Schreckpsychosen mit dramatischer Reproduktion ge¬ 
wisser Schlachterlebnisse an, ferner Zustände von Atonität mit 
stark herabgesetzter Reaktion, wie man derartige Bilder nach 
Katastrophen beobachtet hat (Stier 1 in, Bälz). Wollenberg 
erwähnt ferner als Wirkung der Granatkommotion vorübergehende 
Zustände dämmerhafter Bewußtseinstrübung, sowie Fälle mit plötz¬ 
lichem, raptusartigem, unzweckmäßigem Handeln. E. Meyer be¬ 
obachtete Bewußtseinstrübungen mit Erregung oder Depression, 
Ganser- und andere Formen von Dämmerzuständen in den ver¬ 
schiedensten Variationen. Westphal beschreibt vier Fälle von 
Dämmerzustand, von denen drei hysterischer Natur waren, während 
es sich beim vierten wahrscheinlich um eine Art affektepileptischeu 
Zustand handelte. Weygandt fand neben neurologischen Hysterie¬ 
fällen auch zahlreiche psychiatrische, unter denen namentlich schwere 
Dämmerzustände im Felde ungemein störend wirkten. Singer sah 
wiederholt verschieden schwere Fälle von psychogener Erregung, 
Depression, stuporöser Atonität; Gaupp beschrieb als „Granat¬ 
kontusionspsychosen“ verschiedene Formen, die stets mit Bewußt¬ 
seinstrübung einhergingen, so akuten apathischen Stupor, Stupor¬ 
formen mit ängstlicher Spannung, mit deliranten und Verwirrtheits¬ 
zuständen, ferner pseudomanische Bilder mit theatralischem Affekt. 
Binswanger erwähnt unter den initialen Bewußtseinstrübungen 
psychotraumatischer Krankheitsbilder neben ohnmachtsartigen Zu¬ 
fällen hysterolethargische und hysterokataleptische Zustände, sowie 
protrahierte hysterosomuambule Attacken; einen somnambulen Zu¬ 
stand nach Granatexplosion schildert auch Higier als „Kriegs¬ 
hypnose nach Millian“. Horn charakterisiert die Schreckneurose 
als eine Psychoneurose mit Exaltation, eventueller Verwirrtheit und 
fixierten Angstaffekten auf psychischem, einer Disharmonisierung 
des vegetativen Systems auf somatischem Gebiete. Wittermann 
sah nach Beschießung durch Artillerie wiederholt kurzdauernde 
Geistesstörungen, hauptsächlich eine schwere Alteration des Affekt¬ 
lebens, sowie Zustandsbilder von akuter Manie, Stupor, Depression, 
halluzinatorischer Erregung. Moravcsik beobachtete nach Granat- 
und Schrapnellexplo3ioneu, die ohne jede direkte somatische Be¬ 
einflussung für den Betroffenen einhergingen, vielgestaltige Varianten 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


135 


von Emotionspsychosen (halluzinatorische Verwirrtheitszustände, 
Bilder, die an hysterische und epileptische Dämmerzustände erinnern). 
Unter den psychischen Störungen des Granatschocks sahen Red¬ 
lich und Kar plus hysterische Dämmerzustände, akuten apathi¬ 
schen Stupor, Bittorf Erregungs- und Verwirrtheitszustände, 
E. Meyer und Reichmann, Lewy-Suhl am häufigsten schwere 
Stuporzustände. Unter der Einwirkung des Trommelfeuers beobachteten 
Goldstein akute Verwirrtheitszustände ähnlich wie das Amok¬ 
laufen, Kreuser Zustände von Traumleben, die sich in den Wach¬ 
zustand hinausziehen, sowie plötzliche Erregungszustände mit An¬ 
griffen auf die Umgebung, Herschmann ängstlich-depressive und 
expansive psychische Störungen. Schmidt beschreibt nach Minen¬ 
verschüttungen und schwerkalibrigen Granatexplosionen als Folge 
mechanischer und psychischer Noxen auftretende Psychosen, die dem 
Korsakowschen Komplex und der Presbyophrenie ähnlich sind 
und die sich von den akuten Kommotionspsychosen durch die psy¬ 
chogen bedingte, ängstlich-depressive Verstimmung unterscheiden, 
ferner psychische Störungen nach Granatexplosionen mit dem Bilde 
ängstlicher Erregung oder Hemmung mit Störungen der Merkfähig¬ 
keit und einer kompletten Amnesie für die Zeit des Schockerleb¬ 
nisses, die sich im wesentlichen nur durch die geringere Quantität 
von den ersteren unterscheiden lassen. W e t z e 1 vermißte unter den 
frischen Schockpsychosen im Felde stets den Korsakowschen 
Symptomenkomplex, fand hingegen bei ihnen das Gans ersehe 
Syndrom vorhanden. Schmidt berichtet von psychogenen Stupor- 
und Ganserzuständen der Front, die prognostisch sehr verschieden 
zu bewerten sind. Von Interesse sind ferner kasuistische Mitteilungen 
über Dämmerzustände von Binswanger, Oppenheim, Alz¬ 
heimer, Hübner, Mann, Jolly, Wiegand, Brückner, 
Michaelis, Henneberg, Sigg. 1 ) 

Alzheimer, Hübner betonen die verhältnismäßige Häufig¬ 
keit psychogen-depressiver Zustände, die nicht selten eine reichliche 
Beimischung hysterischer Stigmata aufweisen; hierher gehören auch 
die Beobachtungen von Redlich, Sänger, Hübner, Donath 
über Angstzustände und Depressionen bei der Zivilbevölkerung 
(Flüchtlingen!) sowie einschlägige Fälle von Bonhöffer, Förster, 
Mohr, Steiner, Weber, Zange, sowie die Erfahrungen Schnei- 

') Anmerkung bei der Korrektur:Kafka (Ref. N. C. B. Nr. 11,1917), 
X ing<;r (Zeitachr. f. d. ges. Nenr. u. Pb. 0. 36. Bd., H. 3/4.) 


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136 


I)r. Georg StieHcr. 


ders über psychische Depressiouen nach Geschoßexplosionen, die 
Beobachtung Tintemanns über reaktive Depressionszustände 
namentlich bei älteren Männern im Kriegsdienst. 

Sehr beachtenswert ist auch die Beobachtung Hübners über 
psychogen-paranoische Krankheitsbilder, die dadurch ausgezeichnet 
waren, daß der Kranke neurasthenisch-hysterische Züge bot und 
für das Krankhafte der Sinnestäuschungen eine mehr minder aus¬ 
geprägte Kritik bestand. Schließlich sei noch der Beobachtung 
Pappenheims über Psychosen bei Kriegsgefangenen gedacht, 
bei denen es unter dem Einfluß des Heimwehkomplexes, der Ein¬ 
förmigkeit des Gefangenenlebens, der Gebundenheit und strengen 
Disziplin zum Auftreten von Haftpsychosen (Wunscherfüllungs¬ 
psychosen mit puerilistischen Zügen, Gans er-Dämmerzustände) 
kommen kann. 1 ) 

Wir haben unsere Beobachtungen vom klinisch-symptomatolo- 
gischen Standpunkte geordnet und können hierbei zwei Hauptgruppen 
unterscheiden, die psychogenen Depressions-, bzw. Angstzustände 
und die psychogenen Dämmerzustände. Der Umstand, daß die bis¬ 
her vorliegenden Mitteilungen über psychogene Geistesstörungen im 
Kriege mit verhältnismäßig geringen Ausnahmen sich entweder nur 
auf mehr allgemein gehaltene, meistens kurze diagnostische Be¬ 
merkungen oder auf Wiedergabe vereinzelter, in unzulänglicher 
Kürze geschilderter Einzelbeobachtuugen beschränken, ließ es uns 
angezeigt erscheinen, unsere eigene Kasuistik in reichlicherem Aus¬ 
maße, als es bei den übrigen Psychosen geschah, zu veröffentlichen. 

a) Reaktive Depressions- und Angstzustände. 

Die Auslösung von depressiven, bzw. depressiv-ängstlichen 
Verstimmungen durch Kriegserlebnisse konnten wir wiederholt be¬ 
obachten; zum Teil handelte es sich dabei um Formen als Phasen 
eines manisch-depressiven Irreseins, zum Teil auch um Fälle, die 
wir bei Schilderung der psychisch-nervösen Erschöpfung besprochen 
haben. Während bei den ersteren dem konstitutionellen, endogenen 


') Anmerkung bei der Korrektur: Ich verweise hier noch auf die 
Arbeiten von Kleist (Zeitsch. f. d. ges. Neur. u. Ps., Ref. Bd. 15, H.3), 
M. Löwy (M. f. Ps. u. N. 41. Bd.), P. Bunse (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Ps. 
Orig. 40. Bd.), Hübner(A. f. Ps. 58. Bd.), Isscriin (Abhandl. a. d. Gesamt¬ 
gebiete d prakt. Med. IG. Bd., 10. u. 11. H.), Runge (Ref. Berl. klin. Wochen¬ 
sohr. Nr. 28, 1917.) 


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Ubor Psychosen und Neurosen im Kriege. 


137 


Faktor die wesentliche Bedeutung und den äußeren Verhältnissen, 
der Schädigung durch den Krieg höchstens nur eine auslösende 
Bolle zufällt, kommen bei letzteren fast ausschließlich exogene 
Momente, u. zw. in erster Linie schwere somatische Schädlichkeiten, 
der körperliche Zusammenbruch in Betracht, während psychotrauma- 
tische Einwirkungen eine untergeordnete Bolle spielen, dem ein¬ 
zelnen Falle nur eine gewisse inhaltliche Färbung geben. In der 
Pathogenese der Dysthymien, die ich als reaktive von den beiden 
eben genannten Formen absondere, stehen obenan die enormen seeli¬ 
schen Anspannungen, wie sie der Krieg für die meisten Teilnehmer 
in so mannigfacher Weise mit sich bringt, vor allem schwere Ge¬ 
mütserschütterungen, sei es, daß es sich hierbei um die bloße Ent¬ 
fernung aus den gewohnten Verhältnissen, die Trennung von Frau 
und Kindern und die Sorge um die Existenz und Zukunft handelt, 
sei es, daß bestimmte, gefühlsbetonte Kriegserlebnisse im engeren 
Sinne (Kampfepisoden) eine pathologische Aflektwirkung hervorrufeu. 

Unsere Beobachtungen beziehen sich auf 18 Fälle, u. zw. 
sechs Offiziere und zwölf Mannschaften, hievon fünf im aktiven, 
sechs im Beserve- und sieben im Laudsturmverhältnis; das Alter der 
einzelnen verteilte sich ziemlich gleichmäßig auf die einzelnen 
Lustren von 20 bis 45 Jahren. In sämtlichen Fällen mit Ausnahme 
eines Kranken (Hundebiß bei Kriegsbeginn) konnte anamnestisch 
die Teilnahme an Gefechten, bzw. an der Belagerung erhoben 
werden; die Erregung und Affektspannung eines Gefechtes kam als 
akute Schädigung nur in zehn Fällen in Betracht, hiervon viermal 
als Folge schwerer Artilleriebeschießung (in der Nähe explodierende 
Granaten und Schrapnells, eine mit mechanischen Insulten ver¬ 
bundene Granatexplosion hatte in keinem Falle stattgefunden); in 
den übrigen Fällen konnte dem Kampfraomente nur eine vor¬ 
bereitende, bzw. unterstützende Wirkung zuerkannt werden. Hier 
führte vielmehr der Umstand, daß die Kranken seit Monaten ohne jede 
Nachricht von daheim waren, die Trennung von Frau und Kindern, 
in zwei Fällen die Nachricht vom plötzlichen Tode der Frau, bzw. 
des Sohnes zum akuten Einsetzen schwerer Verstimmungszustände; 
bei diesen sieben Fällen handelt es sich fast ausschließlich um be¬ 
reits ältere Beserve- und Landsturmmänuer. Die Erforschung der 
Anamnese in den einzelnen Fällen ergab die recht bemerkenswerte 
Tatsache, daß bei sämtlichen Kranken eine nervöse Disposition zu 
finden war, meisteus leichtere somatisch-neurasthenische Erschei- 


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I)r. Georg Stietier. 


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138 


nungen, an denen die Kranken bereits vor dem Kriege gelitten 
hatten, in eiuigen Fällen eine ausgesprochen neuro-, bzw. psycho¬ 
pathische Konstitution; in vier Fällen fand sich eine erbliche Be¬ 
lastung (Geistesstörung bei Eltern und Geschwistern). Keiuer der 
Kranken gab aber an, früher an ähnlichen psychischen Zuständen 
gelitten zu haben; nur ein Kranker hatte vor 14 Jahren infolge 
Schreck (plötzlicher Todesfall in der Familie) einen mehrwöchigen 
schweren Depressionszustand durchgemacht. 

Bei Betrachtung des klinischen Bildes der einzelnen Fälle 
können wir entsprechend dem verschiedenen Charakter der exogenen 
Ursachen — auf der einen Seite die Sorge um die Familie und 
Existenz, auf der anderen die Schrecken des Kampfes — zwei von¬ 
einander differente Formen unterscheiden, die in einzelnen Fällen, 
wo eine Vermengung beider ätiologischer Faktoren vorliegt, in 
Übereinstimmung damit auch eine Kombination der klinischen Er¬ 
scheinungen der beiden Formen aufweisen. So handelt es sich dem 
klinischen Bilde nach in den Fällen, wo als ursächliches Motiv die 
Entfernung aus der gewohnten Umgebung, die Sehnsucht nach 
Hause, die Ungewißheit über das Schicksal der Familie, sowie 
plötzlich eintretende Unglücksfalle in Frage kamen, um rein de¬ 
pressive Verstimmungen, um eine traurige Gemütslage mit 
gelegentlichen Verzweiflungsausbrüchen bei Fehlen von Kleinheits¬ 
wahnideen, Selbstanklagen, Sinnestäuschungen. Die Kranken boten 
ein mehr apathisches, resigniertes Verhalten dar, waren kleinmütig, 
verzagt, hatten kein Vertrauen in die Zukunft mehr; sie verfolgten 
wohl den Gang der Kriegsereignisse, sahen aber alles stet3 in 
düsterster Färbung, bezweifelten jeden militärischen Erfolg und 
brachen bei einer ungünstigen Kriegssituation vollends zusammen. 
Auf körperlichem Gebiete bestanden vorwiegend neurasthenische Er¬ 
scheinungen, so allerlei Schmerzsensationen (namentlich Kopf-, 
Brust- und Kreuzschmerzen), Schwindelgefühl, Ermüdbarkeit, Herz¬ 
beschwerden; objektiv fanden sich stets Lidzittem, Erhöhung der 
Sehnenreflexe, sowie vasomotorische Symptome. Nur ein Fall bot 
somatisch ein mehr hysterisches Gepräge mit grobwelligem Finger¬ 
zittern, Globusgefühl, hyperästhetischer Zone am Kücken. 

Die Prognose dieser Fälle hängt, wie ja schon die inhaltliche 
Beziehung der Vorstellungen zum auslösenden Geschehnis erwarten 
läßt, im wesentlichen von deu äußeren Verhältnissen ab. Drei Fälle 
wiesen einen mehrwöchigen, bzw. mehrmonatigen Verlauf auf; sie 


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Über 1’sycliOBen und Neurosen im Kriege. 


139 


besserten sich zwar etwas während des Aufenthaltes an der Abteilung, 
es kam aber, solange die Belageruug dauerte, in keinem der Fälle 
zur vollkommenen Heilung. In drei weiteren Fällen trat nach dem 
Fall der Festung eine wesentliche Besserung ein, durch den Weg¬ 
fall der für die Kranken lebensbedrohlichen Kriegssituation und weil 
auch die Kranken hoffen konnten, in der Gefangenschaft regelmäßige 
Nachricht von zu Hause wieder zu erhalten. In einem Falle, bei 
einem 50jährigen Offizier, der nach einem verlustreichen Gefechte, 
in welchem er neben anderen Unglücksmeldungen die Nachricht vom 
Tode seines Sohnes erhielt, in einen schweren Depressionszustand verfiel, 
brachte die spätere Meldung, daß sein Sohn am Leben sei, sowie 
die vorübergehende Beurlaubung vom Kriegsdienste vollkommene 
Heilung. Das Schicksal zweier weiteren Fälle blieb uns unbekannt. 

Fall 1. Der 37jährige Landsturm-Infanterist T. A., Schneider, 
wurde am 13./12. 1914 wegen „Trübsinns“ der Abteilung überstellt; 
laut Kompagniebericht sei T. durch ein übermäßig stilles, gedrücktes Wesen 
aufgefallen. T. bringt bei der Untersuchung eine Reihe körperlicher Be¬ 
schwerden vor, klagt über Kopfschmerzen, Schwindel, Druck auf der 
Brust, Herzklopfen, Müdigkeit in den Beinen; objektiv findet sich stark 
ergrautes Haar, Lidzittern, Erhöhung der K. S. R., Dermographio, starke 
Durchfeuchtung der Haut. P. leidet seit Jugend an Kopfschmerzen, sowie 
zeitweise an Schwindel und Herzklopfen. Bei Kriegsbeginn fühlte er 
sich eigentlich recht gesund; es sei ihm damals in der allgemeinen Be¬ 
geisterung auch der Abschied von seiner Familie nicht besonders schwer 
gefallen. Nun dauerte aber der Krieg schon so viele Monate und er habe 
keine Nachricht von zu Hause erhalten. Er habe keine Lust zur Arbeit, 
sitze untätig herum; müsse immer an die Seinen denken, ob sie wohl zu 
leben haben und ob er sie überhaupt noch sehen werde. Er verkehrte 
mit den übrigen Kranken nur wenig, die Nahrungsaufnahme war eine 
hinreichende. Wahnideen und Sinnestäuschungen fehlten. Ende Jänner 
Versetzung an die offene Abteilung; er beteiligte sich nur wenig an der 
Arbeit. Während der Beschießung des Spitals deutliche Verschlimmerung 
erkennbar; mit dem Fall der Festung sichtliche Besserung: „nun ist ja 
doch der Krieg bald zu Ende.“ Mitte April Abgang in Gefangenschaft, 
weiterer Verlauf blieb uns unbekannt. 

In der zweiten Gruppe der Fälle, bei denen psychotraumatische 
Ursachen, in erster Linie Furcht und Schrecken erregende Erlebnisse 
in Betracht kamen, zeigte das klinische Bild neben der depressiven 
Verstimmung den Charakter eines Angstzustandes, dessen Beginn 
meistens durch mehr minder hochgradige ängstliche Erregung ein¬ 
geleitet wurde, die auch im späteren Verlaufe der Erkrankung 
wiederholt episolisch rezidivierte. In zwei Fällen traten melancho- 


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140 


l)r. ( ieorg St ic Her. 


lische Anklänge mit paranoiden Eigenbeziehungen stärker hervor, 
ohne daß es aber zum Auftreten von ausgesprochenen Wahnideen 
und Sinnestäuschungen kam; in einem Falle bestanden Sinnes¬ 
täuschungen, doch nur als flüchtige Erscheinung. Im Vordergründe 
stand in allen diesen Fällen eine depressiv-ängstliche Verstimmung 
mit lebhafter Färbuug durch den Kriegskomplex; auf motorischem 
Gebiete war eine leichte Hemmung unverkennbar. Somatische Be¬ 
gleitsymptome neurasthenischen Charakters waren in sämtlichen 
Fällen vorhanden, in fünf hievon mit hysterischen Zügen (Tremor, 
Topalgien, sensible und sensorische Störungen) vermischt. Eine irgend¬ 
wie wesentliche Unterscheidung im klinischen Bilde der Fälle, die 
nach Explosion in der Nähe krepierender Granaten und Schrapnells 
entstanden und jenen, bei welchen lediglich Furcht- und Angst- 
affekte des Gefechtes, bzw. der Belagerung wirksam waren, konnten 
wir, soweit die kleine Anzahl unserer Beobachtungen eine Beurteilung 
zuläßt, nicht feststellen; wohl aber sahen wir bei ersteren die stärkere 
Intensität des Affekterlebnisses zu einer rascheren Entwicklung des 
Zustaudsbildes führen. 

Der Verlauf der Fälle zeigte durchschnittlich einen akuten 
Beginn und eine mehr allmähliche Lösung und war namentlich in 
den Fällen, die nach einem akuten psychischen Ausgangserlebnis 
entstanden waren, von wesentlich kürzerer Dauer als bei den rein 
depressiven Formen, sie betrug in drei Fällen drei bis vier, in zwei 
anderen nur eine, bzw. zwei Wochen; nur in zwei Fällen mit schwerer 
ueuropathischer Konstitution erstreckte sich der Verlauf unter wieder¬ 
holten Schwankungen auf mehrere Monate und war in einem weiteren 
Falle, wo neben der Schreckemotion lebhafte Begehrungsvorstellungen 
(Sehnsucht nach Hause) bestanden, von fast halbjähriger Dauer. Die 
somatischen Erscheinungen traten bei der Untersuchung stets hervor 
und überdauerten weitaus die psychischen. Die Prognose war in 
sämtlichen Fällen eine günstige, sie wird wesentlich beeinflußt 
durch äußere Verhältnisse; liegen diese für den Kranken günstig 
(z. B. Fernhaltung von weiteren Kriegsscbädigungeu), so wird der 
Ablauf der Erkrankung wesentlich beschleunigt, während neuerliche 
Kriegsepisoden denselben verzögern, die Wiederkehr wenn auch ab¬ 
geschwächter Krankheitssymptome hervorrufen, wie wir dies deutlich 
bei der Beschießung des Spitals beobachten konnten. Während wir 
bei den rein depressiven Formen im Durchschnitte ältere Jahrgänge 
vor uns hatten, kamen hier vorwiegend jüngere Leute in Betracht 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 141 

so waren mit Ausnahme von zwei Landsturmern mit 40, bzw. 42 
Jahren die Kranken aktive und Reservemannschaften im Alter von 
23 bis 30 Jahren. 

Pall 2. Leutnant K. W., 28 Jahre, aufgenommen 15./2. 1915. Der 
Kompagniebericht lautete: W., bisher geistig normal, ist am 14./2. nach 
mehrtägiger heftiger Beschießung des Werkes V a, wo er in Stellung lag, 
plötzlich vom Verstände gekommen; er scheint an Verfolgungswahn und 
^Schwermut zu leiden, denn er äußerte, „daß man ihn vor Gericht holen 
und verhaften werde, daher er sich lieber das Leben nehmen wolle.“ 
P. geberdete sich bei der Aufnahme ganz verzweifelt, bricht händeringend 
in Schluchzen aus: „Ich bin nun fertig mit meinen Nerven, alles ist aus.“ 
Er läßt sich aber bald beruhigen, folgt dem Zuspruche des Arztes; er 
gibt an, daß er eine fürchterliche Angst habe, vor das Kriegsgericht zu 
kommen. Er habe bei dem Ausfälle am 14./12. den Befehl erhalten, 
mit einer Halbkompagnie einen Scheinangriff auszuführen, der ihm auch 
geglückt sei, nur sei es ihm infolge der heftigen Gegenangriffe der Russen 
nicht gelungen, alle Verwundeten und Toten sowie das Gefechtsmaterial 
^urückzubringen, wie es im Befehle eigens gelautet habe. Er sei schon 
seit Beginn der zweiten Belagerung in beständiger seelischer Aufregung, 
habe sich aber beherrscht und seinen Dienst anstandslos versehen. Seit 
11./2. werde das Werk Va von den Russen heftig beschossen und als 
vorgestern einige Volltreffer aufs Werk fielen, habe er den Kopf voll¬ 
kommen verloren; jedenfalls werde man ihn wegen der Dezemberaffäre 
bestrafen. Er habe deshalb keine Freude mehr am Leben und wünsche 
sich den Tod. Heftige Weinkrämpfe. Er sei vor vier Jahren wegen Neur¬ 
asthenie in einem Sanatorium mit Erfolg behandelt worden, habe von 
Jugend an mit den Nerven zu tun, leide namentlich an Kopfschmerzen, 
leichter Erregbarkeit, Herzklopfen, Schlaflosigkeit. Somatisch finden sich 
'zahlreiche Schmerzdruckpunkte, verminderte grobe Kraft an Armen und 
Beinen, Lidzittcm, grobwelligcr Tremor des ganzen Körpers in sehr 
wechselnder Intensität, erhöhte Sehnenreflexe, frequenter, labiler Puls. 
Am 16./2. erzählte P., daß vergangene Nacht die besten Freunde seiner 
Frau in Trauerkleidung plötzlich vor seinem Bette gestanden und ihn 
„eigenartig traurig“ angeblickt hätten; wahrscheinlich sei zu Hause ein 
Unglück passiert, vielleicht seien ihm Frau und Kinder diese Nacht ge¬ 
storben (neuerliche Weinkrämpfo). Die ängstliche Erregung läuft nach 
mehreren Tagen ab, auch die depressive Stimmung bessert sich später 
allmählich. Am 21./2. besteht bereits vollkommene Krankheitseinsicht; 
*uf somatischem Gebiete sind die Topalgien und der grobe Tremor ver¬ 
schwunden, leichtere neurasthenische Symptome bestehen noch fort.Während 
-der Beschießung des Spitales, die P. an der offenen Abteilung mitmachte, 
neuerliche ängstliche Erregungszustände, die mit Beendigung der Kampf¬ 
handlungen (Fall der Festung) rasch verschwinden. Am 29./3. Abgang 
in die Gefangenschaft. 

Fall 3. Landsturm-Infanterist N. D., 27 Jahre, wurde am 25./1. 
:zur Konstatierung seines Geisteszustandes der Abteilung überstellt; er 


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Dr. Georg Stictfer. 


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falle seit einigen Tagen dadurch auf, daß er unzusammenhängend!) Worte 
vor sich hinspreche, wiederholt ohne Anlaß seine Unschuld beteuere und 
versichere, daß er nichts Schlechtes angestellt habe. 

Dann sprach er wieder die Befürchtung aus, daß die Russen kommen 
und ihn erschlugen oder erschießen werden. Es wurden an ihm früher 
niemals irgendwelche Anzeichen einer geistigen Erkrankung beobachtet. 
Er bot bei der Aufnahme das Bild eines ängstlich depressiven Stupors; 
er fürchte sich, weil die Russen heute Xacht in die Festung einhreeben 
und ihn umbringen werden. Das Schießen hört man immer deutlicher, 
wahrscheinlich seien sie schon innerhalb des äußeren Gürtels; er müsse 
traurig sein, wenn er das fürchterliche Elend in der Festung sehe. B*i 
jedem Schuß zuckt er zusammen und fragt ängstlich : „Kommen sie schon. . . 
kommen sie schon?“ Nachts steht er wiederholt auf, drückt sich ängstlich 
in eine Ecke, bricht in heftiges Weinen aus: „Es ist ja alles so fürchter¬ 
lich traurig.“ Er klagt über stechende Schmerzen in den Ohren, auf der 
Brust, in den Beinen bei objektiv negativem Befunde. Allmählicher Rück¬ 
gang der psychischen und später auch der somatischen Erscheinungen, 
am 8./2. bereits vollkommene Krankheitseinsicht. Die schweren Verluste, 
die seine Kompagnie bei dem letzten Ausfälle Mitte Jänner hatte, das 
andauernde Schieten nachts auf den Werken hätten ihn so traurig und 
ängstlich gemacht. Er habe früher nie einen ähnlichen Zustand durch' 
gemacht; er sei wie seine Mutter und Schwester von Jugend an 
„ nervensch wach “. 

Fall 4. Der 40jährige Landsturm-Infanterist F. S. stürzte am 
19./3. infolge eines in seiner Nähe explodierenden Schrapnells zu Boden 
(„infolge tödlichen Schreckens“) und wurde wenige Tage später wegen 
Kreuzbeinschmerzen, die nach dem Sturze aufgetreten waren, der internen 
Abteilung des Garnisonsspitales (Ob.-A. Dr. J. Scheuer) zur Behandlung 
überwiesen ; P. S. zeigt seit der Explosion ein auffallend ängstliches, furcht¬ 
sames Wesen. Am Tage vor der Übergabe der Festung (am 21./3.) 
herrschte infolge des Ausschießens der noch vorhandenen Artillerie¬ 
munition und infolge der Abwehr eines Sturmangriffes der Russen auf 
dem Nordgürtel lebhafter Geschützdonner; dazu kam am 22./3. früh die 
besonders lauten Knalleffekte durch die Sprengung der Werke, Pulver¬ 
magazine und Brücken. Am 22./3. früh — unmittelbar nach Explosion 
des dem Spitale gegcuüberliegenden Pulvermagaziues — brach bei P. 
ein schwerer Angstzustand aus; er stürzte nach Angabe der Mitkranken 
bewußtlos zusammen und blieb einige Minuten regungslos am Boden liegen. 
Bei der Aufnahme an unserer Abteilung (etwa eine halbe Stunde später) aus¬ 
gesprochen traurig-ängstlicher Gesichtsausdruck; er hält die Hände zum 
Gebet gefaltet, geht händeringend auf den Arzt zu und fragt, ob er nicht 
erschossen werde. Er klammert sich ängstlich an Arzt und Wärter an,, 
ist nur schwer zu beruhigen. Das fast zwei Tage andauernde Gewehr- 
knallcn der ausbrennenden Patronenmagazine im benachbarten gesprengten 
Munitionsdepot hält ihn in andauernder Angst: „nun kommen die Russe» 
und bringen mich um.“ Auch einige Tage später, als bereits jeder Waffen- 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


143 


lärm verklungen war, hörte er noch Artillerie- und Maschinengewehrfeuer 
verkriecht sich im Bette; die ängstlich betonte Affektlage löste sich all¬ 
mählich und war am 27./3. vollkommen verschwunden, während eine 
deprossive Verstimmung, die P. mit lebhaften Heimwehgefühlen motiviert, 
noch bestehen blieb. Er habe eine Frau und acht Kinder zu Hause, denen 
es wohl schlecht gehen werde; er sei untröstlich, weil er seit Oktober 
keine Nachricht von ihnen habe. Im Laufe der nächsten Woche besserte 
sich der Depressionszustand etwas. P. beteiligte sich aber an keiner Arbeit, 
saß müßig herum. Erst nach Befreiung der Festung (3./6.) wurde er 
unerwartet rasch psychisch vollkommen frei. Die Genesung hielt an; 
nach mehrwöchigem Urlaube rückte P. zu einem Etappenbataillon ein, 
wo er anstandslos seinen Dienst versieht (Katamnese vom 16./5. 1916 
und 1 5./4. 1917). Die Anamnese ergab, daß seine Mutter vorübergehend 
geisteskrank war (Involutionsmelancholie); er selbst sei früher immer 
gesund gewesen. 

Fall 5. Bei einem 28jährigen VerpHegsakzcssisten, der Züge einer 
depressiv-timiden psychopathischen Veranlagung aufweist, entwickelte sich 
in unmittelbarem Anschluß an den psychischen Insult infolge Explosion 
einer ins Verpflegsmagazin einschlagenden Granate ein akuter Augst¬ 
zustand mit melancholischer Färbung. „Es ist Todesangst, furcht¬ 
bare Angst, die bringe ich nicht mehr los.ich habe Unglaubliches 

getan, ich habe die Leute unnötig alarmiert, ich war nicht auf meinem 
Posten, inan wird mich auch hier hinauswerfen.... ich gehöre in kein 
Spital.... alle Medikamente sind umsonst. Mir bleibt nur der Revolver, 
alle Kameraden sind schon ausgezeichnet, ich verdiene auch nichts, jetzt 

soll ich wieder den Arzt belästigen.namenlose Angst, ich erschieße 

mich.“ P. bringt die Äußerungen stoßweise heraus, brütet vor sich 
hin, ist in den ersten Tagen einem Zuspruche nur wenig zugänglich. 
Körperlich besteht subjektiv-ängstliche Beklemmung auf der Brust, objektiv 
Tachykardie, Hyperidrosis, erhöhte Sehnenreflexe. Der Angstparoxysmus 
klang nach mehreren Tagen ab, während die depressive Gemütsverstimmung 
über vier Monate anhielt. P. war auch später psychisch noch recht labil, 
neigte zu temporären Depressionen, die regelmäßig mit ungünstig äußeren 
Verhältnissen (Fall der Festung, Episoden der dritten Belagerung) in Be¬ 
ziehung zu bringen waren. Die Befreiung Przemysls (3./6.) bewirkte voll¬ 
kommene psychische Genesung; laut Katamnese (25./3. 1917) ist bei 
P. kein Rezidiv mehr aufgetreten, er versieht Kriegsdienst im Hinterlande. 

Daß es sich iu uusem Fällen um psychogene Zustandsbilder 
handelt, geht aus dem Angeführten hinlänglich sicher hervor: Psy¬ 
chogen ist zunächst die Entstehung, entweder rein psychotraumatisch 
in unmittelbarem Anschluß an ein bestimmtes schweres Affekterlebnis 
oder auf dem Wege gefühlsbetonter Befürchtungsvorstellungen, 
geheimer oder aktueller Wünsche, wie dies insbesondere bei der 
ersteren Gruppe, den Nostalgien, zutrifft, wo neben der affektiven 


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])r. Georg StioHor. 


Anspannung durch die Kriegsereignisse (thyraogeue Auslösung) 
auch ideagenen Momenten sicherlich eine größere Rolle zukommt. 
Psychogen charakterisiert ist auch der weitere Verlauf der Fälle, 
so namentlich die Abhängigkeit und Beeinflußbarkeit durch äußere 
Verhältnisse, die stets beobachtete Färbung des klinischen Bildes 
durch die Kriegsereignisse, bzw. durch das affektbetonte Ausgangs¬ 
erlebnis, der neurasthenische, bzw. hysterische Charakter der somati¬ 
schen Begleiterscheinungen. Auf die Unterscheidung von dem Bilde 
der nervösen Erschöpfung, der neurasthenischen Depression (W ollen- 
berg) wurde bereits eingangs dieses Abschnittes hingewiesen; ma߬ 
gebend hiefür ist, abgesehen von den anamnestisch 'erhobenen physi¬ 
schen Überleistungeu, der Befund an körperlicher und seelischer 
Erschöpfung, die namentlich in dem ausgesprochen apathischen, 
interesselosen Verholten der Kranken zum Ausdruck kommt, der 
durch äußere psychische Verhältnisse wenig oder gar nicht beein¬ 
flußt wird, während körperliche Erholung und Kräftigung (Ruhe, 
Schlaf, Ernährung) günstig einwirkt. Daß es auch bei Erschöpfungs¬ 
zuständen — siehe dort — häutig zur Mischung mehr somatisch 
bedingter mit seelisch vermittelten Krankheitszügen kommt, ist ohne- 
weiters verständlich und es ist ihr Zustandekommen dann dem 
gleichzeitigen Einfluß psychogen wirksamer Faktoren zuzuschreibeu. 

b) Psychogene Dämmerzustände, 

Während bei den geschilderten psychogenen Angst- und De- 
pressionszuständen die psychischen Vorgänge im Affekt- und Vor¬ 
stellungsleben auf ein klares Bewußtsein hinweisen, finden wir in 
einer zweiten, an Zahl der Fälle reicheren Gruppe recht verschieden¬ 
artige und polymorphe Zustandsbilder, die aber hinsichtlich mehrerer 
gemeinsamer Hauptmerkmale, vor allem der stets vorhandenen, 
verschieden stark ausgeprägten Bewußtseinstrübung, des transitori¬ 
schen Charakters (plötzliches Entstehen, begrenzte, meist kurze 
Dauer, häufig kritischer oder doch subkritischer Abfall; der regel¬ 
mäßig gefundenen teils unvollständigen, teils lückenlosen Amnesie 
klinisch als Dämmerzustände zu bewerten sind. Sie stellen im Kriege, 
wie uns die Literatur lehrt, keineswegs eine seltene Erkrankung 
dar, wenn auch über die Häufigkeit ihres Vorkommens recht ver¬ 
schiedene Angaben vorliegen, wobei allerdings in Betracht zu ziehen 
ist, daß der klinische Bereich der Dämmerzustände nach den An¬ 
schauungen der verschiedenen Autoren auch in recht verschiedenen, 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriegen 145 

vielleicht häutig zu engen Grenzen gehalten wird; so finden wir 
wiederholt, meistenteils unberechtigterweise, Episoden von Erregungs¬ 
und Verwirrtheitszuständen eine Sonderstellung zugewiesen, auch 
wenn sie in ihren wesentlichen Zügen der geschilderten Charak¬ 
teristik der Dämmerzustände entsprechen, wie sie uns bei Beurtei¬ 
lung der Zugehörigkeit unserer eigenen Fälle maßgebend war. 

Von 26 hierher gehörigen Beobachtungen betrafen sämtliche mit 
Ausnahme eines Falles Mannschaftspersonen (einschließlich zweier 
russischer Soldaten;, von denen tunt im aktiven, dreizehn im 
Reserve- und acht im Landsturmverhältnis standen. Die Art der 
Vertretung der einzelnen Altersstufen spricht eindeutig für die Be¬ 
vorzugung der jüngeren Jahrgänge; es Stauden im Alter von 23 bis 
30 Jahren 17, in dem von 31 bis 40 Jahren 9. Mit Ausnahme 
von drei Fällen, die während der Mobilmachung erkrankt waren, 
hatten sämtliche Kranke bereits verschiedene schwere Kriegsstrapazen 
i Gefechte, Märsche) mitgemacht; hinsichtlich der Frage einer be¬ 
stimmten, dem Ausbruch der Erkrankung unmittelbar voraus¬ 
gegangenen akuten Kriegsschädigung handelte es sich nur in vier 
Fällen um in nächster Nähe erfolgte Explosionen von Artillerie¬ 
geschossen (einmal Granate, dreimal Schrapnell), wobei in zwei 
Fällen eine kurzdauernde Bewußtlosigkeit bestanden haben soll, 
während es in den zwei anderen zu belanglosen Weichteilverletzungen 
durch Schrapnellfüllkugeln (Streifschuß) kam. Fünfzehnmal waren 
die gemütserregenden Ereignisse des Gefechtes selbst das ursächliche 
Moment, worunter es sich in neun Fällen um die seelische Ein¬ 
wirkung schwerer Beschießung durch Artillerie, in drei Fällen um 
die Folgen einzelner besonders lebhafter Schreckszenen (Hand¬ 
gemenge, Feuersbrunst) handelte. Viermal entwickelte sich die psy¬ 
chische Störung scheinbar ohne erkennbaren äußeren Anlaß, doch 
gehörten alle diese Kranken der Kampftruppe an und zwei von 
ihnen waren wegen Wunden, die sie vor Monaten erhalten hatten, 
in spitalärztlicher Behandlung. Die körperlichen Strapazen (Er¬ 
schöpfung), soweit sie in einem Teil der Fälle in Betracht kamen, 
traten gegenüber den seelischen ganz entschieden in den Hinter¬ 
grund, wenn sie auch in diesen Fällen die Wirkung des psychischen 
Traumes sicher gefördert haben mögen. Es handelt sich also in der 
überwiegenden Mehrzahl der Fälle um affektbetonte Erlebnisse von 
besonderer Stärke (Granat- und Schrapnellexplosionen, Ausharren 
im Granatfeuer, aufregende Gefechtsszenen im Nahkampf usw.), 

JklirbQcher der Psychiatrie. Bd. XXXIX. 10 


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Dr. (Jemg StieHer. 


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deren Einwirkung durch bereits vorausgegangene seelische und zum 
Teil auch körperliche Kriegsstrapazen gefördert wurde; in der 
kleineren Gruppe der Fälle reichten schon allgemeine Kriegs¬ 
schädigungen, überstandene Gefechte, Märsche, wie auch bei einigen 
wenigen Kranken die psychischen Alterationen der Mobilmachuugs- 
periode hin, derartige transitorische Zustandsbilder hervorzurufen. 

Die Nachforschung nach den endogenen Verhältnissen unserer 
Fälle konnte, wie bereits öfter erwähnt, keine vollkommene sein; 
wir waren meistens auf die Angaben der Kranken und das Ergebnis 
der körperlichen Untersuchung augewiesen. Immerhin kam uns bei 
diesen Geistesstörungen der Umstand zugute, daß es sich um vor¬ 
übergehende Zustände handelte, nach deren Ablauf die Kranken 
psychisch vollkommen klar waren; da es sich auch in der Mehrzahl 
dieser Fälle um gute Durchschnittsintelligeuz handelte, konnten 
wir gerade bezüglich der persönlichen nervösen Konstitution ver¬ 
läßlich erscheinende Angaben erhalten. Geistesstörungen, bzw. 
Nervosität in der Aszendenz uni bei Geschwistern wurden in vier, 
bzw. zwei Fällen berichtet, fehlten in 16 Fällen; in vier Fällen 
war keine Auskunft zu erhalten. Bezüglich der nervösen Disposition 
handelte es sich bei sechs Kranken um eine neurasthenische, bei 
drei um eine hystoropathische Konstitution; von letzteren war ein 
Fall 1913 wegen hysterischer Psychose nach erlittenem Unfall 
(Dämmerzustand infolge Schreck) in der Irrenanstalt K. gewesen. 
Es war dies der eiuzige Kranke, der früher eine psychische Störung 
raitgemacbt hatte; in zwei weiteren Fällen bestaud ein leichter 
Grad von Debilität. Bei drei Kranken, die vor ihrer Heilung ab¬ 
geschoben werden mußten, konnten wir über den früheren Gesund¬ 
heitszustand nichts in Erfahrung bringen; in fast der Hälfte der 
Fälle (zwölf Fälle) fanden sich keinerlei Anzeichen einer nervösen 
Disposition und hatten die Kranken über keinerlei nervöse Er¬ 
scheinungen früher zu klagen. 

Das klinische Bild unserer Beobachtungen ist ein sehr reich¬ 
haltiges, mannigfaltiges uni auch wechselgestaltiges; immerhin 
lassen sich, wenn wir einzelne hervorstechende, führende Symptome 
berücksichtigen, einige mehr einheitliche Typ^n herausgreifen. Eine 
Gruppe von sieben Fällen möchte ich als halluzinatorische 
angstgefärbte Erregungs- und Verwirrtheitszustände 
bezeichnen: Im Vordergründe der klinischen Erscheinungen steht 
eine verschieden hochgradige ängstliche Affektlage mit meist leb- 


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Über Psychosen und Neurosen iin Kriege. 147 

hatter motorischer Unruhe, die sich in zwei Fällen vorübergehend 
zu tobsuchtartiger Erregung steigerte; die motorische Unruhe hält 
aber in der Regel nicht lange an und wird von einem Zustand 
ängstlicher Hemmung abgelöst. Sinnestäuschungen auf optischem 
und akustischem Gebiete sind in allen Fällen vorhanden, jedoch 
mehr vereinzelt, keineswegs massenhaft, und beziehen sich inhaltlich 
ebenso wie die Angst- und Befürchtungsvorstellungen auf das aus¬ 
lösende Ereignis. Der Zusammenhang der Vorstellungen ist ein mehr 
lockerer, in einzelnen Fällen bestand episodisch ausgesprochene 
Inkohärenz. Klagen über somatisch-nervöse Sensationen fehlten voll¬ 
kommen, nur in einem Falle (B. 8), wo von Haus aus ein vaso¬ 
motorischer Symptomenkoraplex vorlag, bestanden nach Abheilung 
der psychotischen Erscheinungen längere Zeit hindurch stärkere 
subjektive Beschwerden mit hysterischem Einschlag, begleitet von 
grobwelligem Tremor, Schmerzpunkten, hyperästhetischen Zonen; 
ferner fanden sich in drei Fällen erhöhte und labile Pulsfrequenz, 
Dermographie, gesteigerte Sehnenreflexe. Die Ausgangserlebnisse 
waren in einem Falle eine Schrapnellexplosion (ohne Bewußtseins¬ 
verlust; die Erkrankung setzte erst zwei Tage später ein), in vier 
Fällen Beschießung durch feindliche Artillerie, in zwei Fällen Nah¬ 
kampfepisoden. Die Entstehung der Psychosen war stets eine akute 
und erfolgte mit Ausnahme des bereits erwähnten Falles in un¬ 
mittelbarem Anschluß an die affektiv wirksamen Eriebuisse. Die 
Dauer erstreckte sich in zwei Fällen auf nur mehrere Stunden, in 
vier Fällen auf ein bis drei Tage, in einem Falle (mit nervöser 
Disposition) auf sechs Tage; bei letzterem war auch der Ablauf 
ein mehr allmählicher, mit Schwankungen in der Iutensität der 
Symptome, wie auch eine gewisse Beeinflussung durch die äußere 
Situation zu erkennen, während die anderen Fälle mehr kritisch 
endeten und durch äußere Vorgänge nur wenig berührt wurden. 
Amnesie war in sämtlichen Fällen nachweisbar, teils vollkommen, 
teils von verschieden großen Erinnerungsinseln durchbrochen. Der 
Inhalt der Psychose entsprach stets, der jeweiligen Kriegssituation 
und war in einzelnen Fällen durch dramatische Wiedergabe der 
Schlachtenerlebnisse sehr schön charakterisiert. 

Fall 6. B. P., 36 Jahre, Fahrkanonier, erlitt am 23./10. 1914 
infolge eines in seiner Nähe explodierenden Schrapnells eine oberfläch¬ 
liche Weickteilwunde an rechter Achsel, mit der er ins mobile Reserve¬ 
spital 1/3 gebracht wurde; er machte dort anf seine Umgebung einen 

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Pr. Georg Stiefler. 


sehr verschüchterten, ängstlichen Eindruck, war aber sonst psychisch frei. 
Am 25./10. früh sprang P. plötzlich aus dem Bette, vorkroch sich unter 
dasselbe, rief fortwährend „schießen... schießen...“, lief dann in 
fürchterlicher Angst im Zimmer von einer Ecke in die andere, drängte 
hinaus, zertrümmerte ein Fenster uud wurde als „Tobsüchtiger“ mit 
Stricken gefesselt abends der Abteilung überstellt. Bei der Aufnahme 
verhält er sich mehr depressiv, blickt ängstlich umher, verkennt die 
Umgebung, glaubt sich in seinem Unterstand zu befinden, halluziniert 
Lichtblitz uud Knall explodierender Schrapnelle, Rauchfahnen einschla¬ 
gender Granaten, hält sich mit den Händen die Ohren zu, verkriecht 
sich unter die Bettdecke. Nachts verhält er sich ruhig. Am 2fi./l0. neuer¬ 
liche Unruhe, P. will sich den Verband herabreißen, sieht ängstlich zum 
Fenster hinaus, verharrt dann stuporös in derselben Haltung, ist sehr 
wenig zugänglich; sprachliche Äußerungen fehlen fast vollkommen. Gegen 
Nachmittag tritt der Angstaffekt wesentlich zurück. Am 27./10. wird P. 
bei der Morgenvisite schlafend angotroffen; er fragt verwundert, weshalb 
man ihn ins Spital gebracht habe. Erinnerung an die letzten zwei Tage 
fehlt vollkommen; er wisse noch, daß er wegen der Verwundung ins 
lleservespital 1/3 gekommen und daß er infolge der Schrapnellexplosion, 
die glücklicherweise etwas zu hoch über ihm erfolgte, sehr erschrocken 
sei. Keine nervöse Disposition. P. stand seit Beginn des Krieges im 
Felde, machte im Oktober an der Magiera schwere Gefechte mit. Körper¬ 
liche Erscheinungen fehlen. Am 30./10. ins Hinterland abgeschoben. 

Fall 7. Leutnant J. St., 30 Jahre alt, als sehr tapferer Offizier 
bekannt, machte seit Kriegsbeginn wiederholt schwere Kämpfe mit, be¬ 
sonders in den letzten Wochen, wodurch sich bei ihm neurasthenische 
Erscheinungen (Schreckhaftigkeit, Gereiztheit, Schlaflosigkeit, Ermüdbar¬ 
keit) einstellten. Am 18./12. 1914 drangen die Russen mit Übermacht in 
seine Batteriestellung ein, es kam zu einem schweren, blutigen Hand¬ 
gemenge, wobei St. selbst mehrere Russen niederstach. Nach Beendigung 
des Kampfes war St. laut Aussage von Kameraden sehr aufgeregt, lief 
ängstlich hin und her, sprang plötzlich in den Unterstand, wollte an das 
Bezirkskommando telephonieren, daß die Russen anstürmeu, verriegelte 
die Tür, schrie unablässig: „Die Russen, da sind sie, sie kommen, 
stecht sie nieder, sonst sind wir verloren...“, verkannte seine Mann¬ 
schaften, hielt sio für Russen uud ging mit Revolver auf sie los. Der 
Erregungszustand dauerte mehrere Stunden und ging ziemlich unvermittelt 
in einen Zustand regungsloser Hemmung über. Bei der Aufnahme am 
19./12. früh war St. bereits psychisch vollkommen frei, seine Stimmung 
war noch etwas gedrückt, aber frei von Angst. Er konnte sich erinnern, 
daß er zum Telephon geeilt sei, was sich später ereignete, wisse er 
nicht. Als er zu sich kam, lag er im Marodenhaus des Bezirkskommandos. 
Die körperlichen Beschwerden (Kopfschmerzen, Herzklopfen) klangen nach 
vier Wochen vollkommen ab und St. versah später den Dienst anstandslos. 

Fall 8. K. Sch., 36 Jahre, Sanitätssoldat, wird am 5./11. gegen 
Abend der Abteilung überstellt mit der dienstlichen Meldung, daß bei 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 149 

ihm infolge Beschießung des Hilfsplatzes mit Granaten bei seiner Rück- 
kchr in das Werk Anzeichen eines akuten Verfolgungswahnes beobachtet 
wurden; er wollte sich aus „Granatenfurcht“ immer zu Boden werfen, 
imitierte das Heulen und die Einschläge der Geschosse, glaubte sich 
immer noch im Vorfelde zu befinden. Er blickt bei der Aufnahme, sich 
selbst überlassen, ängstlich verstört vor sich hin; grobwelliges Zittern, 
bzw. Schütteln des ganzen Körpers, keuchende angestrengte Atmung, 
Schweißausbruch — alles in allem das Bild hochgradiger Angst. Er ist 
nur mit Mühe tixierbar, findet sehr langsam Antwort; ungemein schwer¬ 
fälliges Verhalten, die Fragen müssen mehrmals wiederholt werden. 

„Wie heißen Sie?“ — „Schuster, ja Schuster.“ 

„Wie ist Ihr Vorname?“ — „Karl... bumml bumm! hui! hui! 
bumm! In den Keller... Keller.“ (Will in ängstlicher Erregung zur 
Tür hinaus.) 

„Wo sind Sie her?“ — „Hier . . . hier . . . (blickt erstaunt herum) 
ja hier... in Hurko (ein Werk Przemysls), o Gott... die Russen 
kommen . . . (läuft zum Fenster) sehen Sie dort draußen ein ganzes 
Regiment. . . . “ 

Nachts ist er sehr unruhig, sitzt in Decken gehüllt am Bettraml 
murmelt vor sich hin, klammert sich an den Wärter an. 

6./11. „Weshalb fürchten Sic sich so?“ — „Nicht schießen... 
nicht schießen .. . bitte . . . bitte .. . (richtet sich ängstlich im Bette auf), 
nicht schießen... im Keller schießen... Haus weg... bumm! hui! 
bumm!“ 

„Hier geschieht Ihnen doch nichts! 44 — „O, fürchterlich hier 

bleiben, nicht schießen . . . Haus . . . Keller . . . alles weg . .. Granate . . . 
Grauate“. 

„Wo waren Sie eigentlich in Stellung?“ — (Blickt nachdenklich 
vor sich hin, starre Miene) „Haus, ja . . . ein Haus . . . Sanität drinnen . . . 
Granate, hui! bumm ! in Keller . . ., Russen schießen, Granaten . . . 
Haus %veg . . . und Kopfweh . . . Zittern . .. Schießen . . . Russen.“ 

Am 7./II. ist P. zwar noch sehr ängstlich, er zeigt aber schon 
etwas Interesse an den Vorgängen seiner Umgebung, ist örtlich orientiert. 
Der Regimentsarzt werde ihn wohl hierher gebracht haben, weil er öfter 
an Kopfschmerzen leide und von Jugend an schwach in den Nerven 
sei; die Schießerei habe ihn ganz verrückt gemacht. Ein Bruder habe 
sich in einem Irrsinnsanfall erschossen. Er bleibt stets ruhig zu Bette, 
blickt ängstlich herum, schläft sehr wenig. Grobwelliger Tremor des 
Kopfes und der Hände, Lidzittern, zahlreiche Schmerzpunktc, strumpf- 
förmige Hyperästhesie an beiden Beinen. 

Am 8./11. vormittags — man hört im Krankenzimmer eine ziemlich 
lebhafte Kanonade vom Festungsgürtel her — tritt die ängstliche Un¬ 
ruhe wieder stärker hervor; er erzählt, daß heute nachts ein russischer 
Flieger bei ihm gewesen sei und ihm befohlen habe, er müsse sofort 
über das Werk Hurko fliegen. Er habe auch die Stimme seiner Frau 


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Dr. Georg Stiefler. 


gehört, sie selbst aber nicht gesehen. Er erzählt flies stockend, im Infinitiv¬ 
stil, mit kindlichem Gehaben. 

„Nehmen Sie doch etwas zu sich!“ — „Nein, nicht essen . . . nicht 
schlafen . . . aber fürchten.“ 

„Das sind doch unsere eigenen Geschütze!“ — „Russen . . . Hiogen . . . 
Keller . . . versteckt.. . und .. . und Russen geschossen . .. Hui, hui, 
humm! immer fort... immer so fort gegaugen.“ 

9. /11. Ausgesprochen stuporöses Verhalten, ängstliche Verstimmung 
weicht apathischem Zustande; er schaut den Fragenden interesselos an, 
ist zu einer sprachlichen Äußerung nicht zu bewegen. 

10. /11. Bei Morgenvisite ist P. vollkommen besonnen, geordnet, 
drückt sein Erstaunen aus, daß er sich hier in einem Spital befinde; er 
fühle sich wohl etwas müde und schwach, doch gehöre er keineswegs 
unter Geisteskranke. Er macht über Aufforderung folgende Aufzeichnung: 
„Es war am 2. November abends, als wir wieder die Schützengraben 
außer der Festung gegenüber Hurko besetzten, und zwar auf 48 Stunden. 
Wir sieben Blessiertenträger hatten ein halbzerschossenes Haus zu unserem 
Aufenthaltsort ausersehen, das stand ungefähr 20 Schritt hinter den 
Schützengräben. Die Nacht war ruhig und auch der 3. November brachte 
nichts Neues, außer daß die Russen ein paar Granaten herüber sandten, 
die aber in größerer Entfernung von uns einschlugen. Auch ein russischer 
Aeroplan flog in der Richtung von Hurko, von den Truppeu in Hurko 
mit Gewehrfeuer heftig beschossen, über uns gegen die russischen Stellungen. 
Die Nacht vom 3. zum 4. November verlief ruhig. Den 4. November 
Vormittag überschütteten die Russen unsere Stellung mit Granaten. Wir 
nahmen wahr, daß die Granaten immer näher um das Haus cmschlugen 
und wir faßten den Entschluß, in den seitlich vom Hause gelegenen Keller 
zu flüchten. Kaum waren wir dort, schlugen auch schon die Granaten 
in den Raum ein, wo wir uns vorher befanden. Und nun schlug Granate 
um Granate in und um das Haus ein, der Keller war ungefähr fünf 
Schritt lang und drei Schritt breit und niedrig. Wie lange die Kanonade 
gedauert hat, kann ich mich nicht mehr besinnon. Es wurde dann ruhig. 
Ich verspürte schon da heftigen Kopfschmerz. Wir gingen nach oben und 
sahen hier, daß eine Granate gerade durch das Dach des Raumes gegangen 
war. Auf dem Platze, wo wir gelagert hatten, lagen Granatsplitter, sowie 
große und kleine Ziegelstücke in Menge umher. Nun dachten wir, es 
wird Ruhe sein. Weit gefohlt Nachmittags gegen zwei Uhr kamen schon 
wieder die ersten Granaten. Wir wieder iu den Keller. War cs vor¬ 
mittags schou unheimlich, so war es nachmittags geradezu gräßlich. 
Schlag auf Schlag schlugen die Granaten ein. Vorn, hinten, sowie ins 
Haus sausten sic nieder. Bei jedem Aufschlag bebte der Boden, auf dem 
wir standen; das Haus zitterte in allen Fugen. Direkt beim Eingang zum 
Keller, drei Schritt vor uns, schlugen die Granatsplitter nieder. In das 
Haus schlugen mindestens 15 bis 20 Granaten und bei jedem Krach war 
es, als sollten wir verschüttet werden. Ein Glück, daß nicht direkt auf 
den Keller eine Granate niederging, denn geschürzt hätte uns der Keiler 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


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auch nicht. Auch nach Fort und Dorf Hurko schossen sie wieder und 
waren, wie ich später hörte, vier Tote und sechs Verwundete zu beklagen. 
Ob es den andern auch so ergangen ist wie mir, ich weiß es nicht. Bei 
jedem Einschlag durchfuhr ein Zittern meinen Körper und der Kopf¬ 
schmerz steigerte sich aufs äußerste. Ich war wie betäubt. Apathisch bin 
ich mit den andern nach unseren Unterkünften zurück und mit ihnen 
schlafen gegangen. Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich 
heute 10./11. 1914 wieder mein Bewußtsein erlangte. Das war der Vor¬ 
gang, soweit ich mich besinnen kann u . 

P. blieb Monate hindurch als Wärter an unserer Abteilung tätig; 
er ist von Haus aus eine timido Natur, wie wir wiederholt bei ver¬ 
schiedenen Ereignissen, so besonders während der Beschießung des Spitales 
im März 1915 feststellen konnten. Die hystero-somatischen Erscheinungen 
waren noch etwa 14 Tage nach Abheilung der psychischen Störung 
nachweisbar. 

Id einer zweiten Gruppe von vier Fällen traten als dominierend 
massenhafte und bewegte Gesichtstäuschungen, oft in Form szenen¬ 
artiger Darstellungen auf, während Gehörstäuschungen seltener 
waren, Tasthalluzinationen fehlten; entsprechend dem Inhalt der Sinnes¬ 
täuschungen und der vorhandenen VerfolgungsWahnideen war die 
Stimmungslage ausgesprochen ängstlich. Die mehr minder starke 
Lockerung, bzw. Iukohärenz der Vorstellungen, die motorische Un¬ 
ruhe der Kranken vervollständigte das Bild einer akuten deli- 
ranten Verworrenheit. Die Kriegsfärbung dieser Fälle ist eine 
recht lebhafte, dab<i ist eine Eintönigkeit im Inhalt der Konfabula¬ 
tionen und komplexgemäßen Sinnestäuschungen sowohl in der häufigen 
Wiederkehr derselben bei ein und demselben Falle wie bei Vergleichen 
der Fälle untereinander (Halluzinationen russischer und österreichischer 
Soldaten, des Kanonendonners usw.) unverkennbar. Die Krankheits¬ 
dauer betrug in drei Fällen eineinhalb, bzw. drei, bzw. vier Tage; 
im vierten Falle blieb uns der weitere Verlauf nach mehrtägiger 
Beobachtung unbekannt. Der Beginn war stets ein plötzlicher — nur 
in einem Falle Vorboten einer ängstlichen Verstimmung — und gab 
sich in explosiv hervortretenden motorischen Entladungen kund; auch 
der Abschluß der Störung war ein kritischer, erfolgte innerhalb 
weniger Stunden, bzw. eines Tages. Die Amnesie war keine voll¬ 
kommene, es bestand eine mehr traumhafte Erinnerung an die ein¬ 
zelnen Vorgänge. Auf somatischem Gebiete ließen sich in zwei Fällen 
deutliche hysterische Erscheinungen nachweisen, welche die psy¬ 
chotische Episode überdauerten. So fand sich in einem Falle eine 
eigenartige Kiefersperre (nach oberflächlicher Schußverletzung der 


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I)r. Georg SrioHcr. 


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linken Wange nach Schrapuellexplosion) sowie Anästhesie und An¬ 
algesie der linken, z. T. auch der rechten unteren Gesichtshälfte. 
Tremores fehlten, die Pupillenreaktion war stets prompt. Irgend¬ 
welche Anhaltspunkte für eine alkohologeue Grundlage waren nicht 
gegeben. Exogen-ätiologisch kam in einem Falle eine Schrapnell¬ 
explosion, die den Kranken leicht verletzte und angeblich eine kurz¬ 
dauernde Bewußtlosigkeit (?) zur Folge hatte, in Frage, in einem 
andern Falle die seelische Aufregung der Mobilmachung; in beiden 
Fällen bestand eine neuropathische Konstitution. In den zwei anderen 
Fällen brach die Psychose ohne einen bestimmten äußeren Anlaß» 
aus, der eine Mann befand sich bei Gefechtsruhe auf Feldwache, der 
andere bei der Menageverteilung innerhalb eines Werkes, ohne daß 
in beiden Fällen auch in den Tagen vorher irgendwelche seelisch- 
oder körperlich-strapaziöse Ereignisse eingewirkt hatten. Nervöse 
Antezedentien fehlten in beiden Fällen, die Kranken w urden von den 
Vorgesetzten als stets gesunde und sehr brave Unteroffiziere ge¬ 
schildert, die bereits zahlreiche Gefechte mitgemacht hatten. 

Fall 9. X. S., 32 Jahre, Reserve-Infanterist, erhielt am 16./10. 1914 
einen Streifschuß der linken Wange nach Schrapnellexplosion, soll einige 
Minuten bewußtlos gewesen sein, kam aber selbst zum Hilfsplatz, wo er 
über hefeige Schmerzen jammerte und einen sehr desperaten Eindruck 
machte; bei der Aufnahme ins Festungsspital Nr. 0 am 18./10. früh 
fiel S. dadurch auf, daß er ängstlich vor sich hinstarrte, seine Personalien 
nur auf wiederholtes Befragen angab. Abends sprang er plötzlich au* 
dem Bette, schrie, daß ihn die andern Kranken verfolgen, entriß ihnen 
die Bettdecke; er halluzinierte schwarze Gestalten an den Wänden, hielt 
sich die Ohren zu, lief aus dem Zimmer, entkleidete sich auf dem Gange, 
wollte aus einem Fenster in den Hof springen, zertrümmerte die Scheiben* 
lief dann vollkommen nackt auf die Straße hinaus; er ließ sich ohne 
Widerstreben in das Krankenzimmer zurückführen, wo er lebhaftes Angst¬ 
gefühl, Sinnestäuschungen (russische Soldaten stürzten auf ihn) äußerte. 
Bei der Aufnahme an unserer Abteilung (19./10. früh) ist P. wesentlich 
ruhiger, etwas zugänglich, die ängstliche Miene unverkennbar; er ver¬ 
kennt die Umgebung, glaubt sich in Meran oder Lana zu befinden; 
grobwelligos universelles Zittern. Er wisse nicht, ob Krieg sei, er spricht 
davon, daß er im Gefecht gewesen sei, er müsse nun sterben, die Russen 
werden ihn erschießen oder anklagen; er ist wohl fixierbar, doch schweift 
er immer vom Thema ab, ist von den Sinnestäuschungen (große und 
kleine bewegte Gestalten, bald Russen, bald Bekannte aus Laua dar¬ 
stellend) beherrscht. Am 20./1O. orientiert sich P. allmählich, erkennt 
den Arzt, klagt „freddo, freddo, italiano, Kimwoh“ ; nachmittags ist er 
bereits vollkommen klar, auch der ängstliche Affekt kaum mehr vorhanden. 
Er könne sich erinnern, daß er am 16./10., auf der Magiera durch eiu 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


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Schrapnell verwundet, für einige Minuten bewußtlos gewesen und auf dem 
Hilfsplatz verbunden und dann nach Przemysl hcreingebracht worden sei. 
Schon auf dem Wege in die Festung habe ihn eine fürchterliche Angst 
überkommen, was weiter folgte, wisse er nicht mehr genau. Er habe ein 
verschwommenes Erinnern, daß schwarze Gestalten, dann wieder russische 
Soldaten hin und her und auf ihn los liefen, es komme ihm jetzt alles 
wie im Traume erlebt vor. An die Aufnahme ins Festungsspital Nr. 6 
und an unsere Abteilung kann er sich nicht erinnern. Er öffnet die Kiefer 
nur auf 1 l / a cm; jeder Versuch, ihm passiv die Kiefer weiter auseinander¬ 
zubringen, stößt auf aktiven Widerstand der Kaumuskulatur. Analgesie 
im Gesichte vom unteren Orbitalrande bis zur Ohrkinnlinie. Kopfschmerzen, 
Schwindel und allgemeines Schwächegefühl. Allgemeine und örtliche soma¬ 
tische Störungen dauern beinahe zwei Monate an und verschwinden erst 
allmählich. P. verbleibt bis Ende März an der Abteilung und beschäftigt 
sich ziemlich rege. Bei der Beschießung des Spitales im März neuerlich 
ängstliche Unruhe, die mit Herstellung ruhiger Verhältnisse sofort ver¬ 
schwindet. Mutter und Schwester sollen geisteskrank sein; er schildert 
sich selbst als eine ängstlich-verzagte Natur. 

Fall 10. P. Z., 36 Jahre, Landsturm-Infanterist, machte in den 
letzten Wochen schwere Kämpfe mit; er befand sich am 19./10. 1914 
auf Feldwache, als er nach Angabe seiner Begleiter plötzlich geisteskrank 
wmrde. Er begann laut und zwecklos zu kommandieren: „Zug, Schwann¬ 
linie, halber Zug rechts und links, rechts, links; 44 er griff sich dann am Körper ab 
und suchte nach seinen Gliedmaßen, „wo ist mein Bein, wo ist mein 
Bein?“ Bei der Aufnahme (20./10. früh) ausgesprochen ängstliche Miene; 
er kommandiert sinnlos drauf los, ist nicht zu fixieren, stets mit seinen 
Wahrnehmungen beschäftigt. Er sieht das Zimmer voll Soldaten, sucht 
sich vor ihnen zu verbergen, kriecht zu anderen ins Bett, um sich zu 
verstecken. Nachts sehr unruhig, wird isoliert; er klopft an die Türe, 
kommandiert mit weinerlicher Stimme: „Zug halt, Schwarmlinie, linker 
Zug mir nach.“ Am 20./10. früh bereits ein Nachlassen der Erscheinungen 
merkbar; P. kann im Bette gehalten werden, allmählich tritt immer mehr 
ein apathischer Stupor in den Vordergrund. Orientierung noch unklar, er 
wisse nicht, wo er sich bofinde: „Sind Sie hier in Przemysl?“ „Przemysl? 
Da wird wohl das Ende der Welt sein.“ 21./10. Vollkommene Klärung; 
die Retrospektive ist zwar lückenhaft, immerhin ziemlich aufschließend 
und die Verwebung wirklicher Geschehnisse mit den halluzinatorischen 
Szenen schön zum Ausdrucke bringend. Er sei vor 14 Tagen mit seinem 
Regiments bei M. eingesetzt worden, Tag für Tag im Gefechte gelegen 
und hatte auch nachts immer nur wenige Stunden schlafen können. Die 
letzten fünf bis sechs Tage hatte sein Regiment Ruhe; in der Nacht vom 
17. bis 18. war er das erstemal wieder auf Feldwache, die Nacht verlief 
ohne jede feindliche Störung. Er habe auf einmal das Gefühl gehabt, als 
ob der Boden unter ihm schwinden würde; er erinnere sich, daß er zur 
Kompagnie zurückgegangen sei, der Leutnant habe ihm das Geld weg¬ 
genommen und er hörte, wie die Kameraden crzählteu, auf der Feldwache 


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I)r. Georg StieHer. 


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sei etwas passiert. Er sali daun, wie kolossale Menschenmengen, Divisionen 
österreichischer and russischer Soldaten auf ihn loskamen und seine Kleider 
untersuchten. Mau habe ihn dann in eine Kanzlei gebracht, ihn neuer¬ 
lich visitiert, ihm Brot gegeben und ihn dann in ein Bad gebracht. Da 
hüpften schwarze und weiße Teufel heraus und dazwischen lagen tote 
Küssen mit zerfetzten Gliedern. Er hatte eine entsetzliche Angst, die 
Teufel brüllten fürchterlich und warfen die toten Soldaten auf ihn. Körper¬ 
liche Begleiterscheinungen fehlten; Heredität und nervöse Veranlagung 
werden negiert, auch keine Anzeichen für letztere. Am 30./10. Abschub 
ins Hinterland. 

Fall 11. S. 1\, 33 Jahre, Landsturm-Korporal, wird von seinen 
Vorgesetzten als ein besonders tüchtiger Unteroffizier geschildert, der bis¬ 
her nie krank war und als Schwarmführer sich in zahlreichen Gefechten, 
zuletzt in einem Vorpostengefecht am 16-/1. hervorragend bewährt hat; 
am 21./1. mittags, als er die Monageverteilung überwachte, zeigte er 
plötzlich ein verändertes Verhalten, blickte verloren, starr vor sich hin 
und klagte über Kopfschmerzen. Vom Arzt ins Marodenzimmer gebracht, 
drängte er plötzlich hinaus : „im Zimmer seien Russen, die auf ihn schießen 
wollen. 44 Am 22./I. früh der Abteilung gebunden überstellt, verhielt er 
sich vollkommen ruhig, entkleidete sich selbst, legte sich selbst zu Bett, 
verkroch sich in die Decken und blieb so den ganzen Tag. Auf Anruf 
setzte er sich im Bette auf, machte Ansätze zum Sprechen, ließ aber 
wieder ab davon, hüllte seinen Kopf mit Polster und Leintuch zu. 
Am 23./1. ist P. psychisch vollkommen frei, klagt noch über leichte 
Kopfschmerzen. Es sei in seinem Kopfe alles wirr gewesen ; er habe sich von 
Gestalten bedroht gesehen, nackte Männer und Weiber in russischer und 
österreichischer Uniform, Pferde, Lokomotiven, Geschütze fuhren auf ihn 
los, er habe deshalb eine namenlose Angst gehabt. Früher nie derartige 
Anfälle, er sei stets gesuud gewesen. Guter Ernährungszusrand; nervös- 
somatische Erscheinungen fohlen. 

Iu folgen leu drei Fallen hm leite es sieh um Dämmer¬ 
zustände mit eigenartig hypomanisch er traumhafter 
Bewußtseinsveränderung, dadurch ausgezeichnet, daß der 
Inhalt der formal und innerlich zusammenhängenden Vorstellungen 
ausschließlich in der Richtung der Wunsch Erfüllung (Auszeichnung. 
Beförderung, H simkehr) lag. Die Kranken standen vollkommen außer¬ 
halb der Situation, verkannten ihre Umgebung, zeigten äußerlich sonst 
ein geordnetes Verhalten; die Stimmung war eine leicht gehobene, 
hypomanische, eiue mot »rische Unruhe oder Hemruuug — im Sinne 
des Bestehens eines manischen Stupors — war dabei aber nicht 
bemerkbar; nur iu einem Fall bestand zu Beginn ein episodischer 
leichter motorischer Erreguugszustau 1. Sinnestäuschungen fehlten. 
Die Entwicklung der Fälle war stets eine rasche; in zwei Fällen 


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Über I’mvcIio.hoi» und Neurosen im Kriege. 155 

erstreckte sich die Dauer auf eiu bis eineinhalb Tage, iu einem 
dritten Fall auf sieben Tage, und zwar erfolgte hier die Aufhellung 
des Bewußtseins ganz allmählich, in den beiden andern Fällen mehr 
kritisch. Die Erinnerung war in den beiden Fällen mit kurzer Dauer 
vollkommen aufgehoben, während sie im dritten Falle teilweise erhalten 
war. Körperlich bestanden in einem Fall (nach Granatexplosion) 
tic-artige Zuckungen in linker Gesichtshälfte sowie zahlreiche sub¬ 
jektive Beschwerden, die wenige Tage nach Abheilung der Psyehese 
vollkommen verschwanden. Bei zwei Kranken lag eine endogene 
Nervosität, in einem Fall erbliche Belastung vo.\ Als äußere Schädigung 
kamen in zwei Fällen eine Granatexplosion, bzw. starkes Artillerie- 
feuer in Betracht, im dritten Fall die allgemeinen Kriegsstrapazen, 
die seelischen Einflüsse der Belagerungssituation. 

Fall 12. K. B., 27 Jahre alt, Korporal, wurdo am 12./11. mittags 
mit folgender dienstlicher Meldung überstellt: 11. wurde heute früh nach 
Explosion einer Granate in seiner Nähe plötzlich geisteskrank; er meldete 
eich unaufgefordert beim Abschnittskommando und erzählte, daß er die 
Russen gejagt, sich hierfür die goldene Tapferkcitsmedaillc verdient habe 
und nun zu seiner Familie heimkehren wolle. Er brachte sein Anliegen 
wiederholt vor und machte einen ganz verstörten Eindruck. „B. war früher 
stets gesund, ein tüchtiger Unteroffizier und dürfte vermutlich die starke 
Beschießung des Werkos in deu letzten Tagen ihn geisteskrank gemacht 
haben.“ Bei der Aufnahme ist B. in gehobener Stimmung, spricht den 
Arzt als Oberleutnant an und bittet ihn, er möge ihn doch sofort zum 
Festung8kommandautcn führen, damit ihm dieser die Tapferkcitsmedaillo 
an die Brust hefte. Er spricht rasch, widerspricht sich oft, prahlt mit 
Wundern verrichteter Tapferkeit, erzählt, daß er in der russischen Linie 
nur Treffer erziele, daß er schon Tausende von Russen getötet habe und 
nun nach Hause gehen wolle. Er läßt sich leicht auf den nächsten Tag 
vertrösten, schläft ruhig. Am 13-/11 - erwacht B. bereits vollkommen klar; 
die Erinnerung an die gestrigen Vorgänge ist eine sehr mangelhafte. Er 
sei von Haus etwas nervös, aufgeregt und es habe ihn schon die starke 
Beschießung des Werkes während der Belagerung (7./10.) ziemlich 
berge ooimnen. 

Fall 13. St. O., 37 Jahre alt, Landsturm-Infanterist, sprang am 
14. 2. 11)15 nach abgehaltener Gowolirvisite plötzlich aus dem Schützen¬ 
graben, lief auf der Deckung herum, schrie: „Ich hätte ein Geistlicher 
werden sollen, Exzellenz (womit er den Zugsfiihrer ansprach), gohen Sie 
inir meine Mütze, ich kenn’ liier keine Charge, ich bin gekommen, mein 
Vaterland zu verteidigen.“ Bei der Aufnahme (15./2.) betouert er seine 
„herrliche“ Gesundheit, spricht schnell, sich überstürzend, verlangt, daß 
man sofort seiuer Frau telephoniere, sie möge mit dem Aeroplan herein- 
kommen und ihm sofort ein Essen bringen. Er bestreitet, daß jetzt Krieg 


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Dr. (ieorg StieHcr. 


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sei, Exzellenz Fiedler (sein Korpskoimnandant, als er aktiv diente) habe 
ihm die Erlaubnis gegeben, nach Hause zu gehen. Zeitlich und örtlich des¬ 
orientiert, zum Gespräche gut fixierbar, nur schweift er stets von den 
Fragen ab und bringt eintönig das Begehren vor, man möge Seiner Ex¬ 
zellenz und auch seiner Frau telephonieren, damit sie ihm Schnitzel un»i 
Obst bringe. Ausgesprochen behagliche Stimmung, Sinnestäuschungen 
fehlen. Die manische Stimmung dauert fünf Tage an, dann allmähliche 
Klärung. Am 21./2. ist B. psychisch wieder vollkommeu frei, Erinnerung- 
mangelhaft. Somatisch leichte Kopfschmerzen. Anamnestisch ergab sich, 
daß 0. von seinen Vorgesetzten als jähzornig, launisch, aber als tapfere r 
Soldat geschildert wurde, der während der Belagerung viele Gefechte 
mitmachtc. Er selbst gibt an, er leide schon seit Jahren an Schlaflosigkeit. 
Reizbarkeit, die sieh in den letzten Wochen während der erhöhten Gefechts¬ 
tätigkeit am Vorfelde gesteigert habe; dazu komme noch, daß seine Frau 
mit den Kindern in Lemberg weile und er befürchte, daß sie unter der 
russischen Invasion zu leiden hätten. Vor zwei Jahren habe er infolge 
Todes eines seiner Kinder einen zweitägigen Erregungszustand durch- 
gemacht, woran er sich nachher nur mangelhaft erinnern konnte. 

Iu einer weiteren Gruppe von acht Fällen war die traumhafte 
Bewußtseinstrübung charakterisiert durch Auftreten von Sinnes¬ 
täuschungen iu Form vereinzelter, mehr flüchtiger Visionen einer 
hypomanischen, bzw. manischen Verstimmung, z. T. mit Zügen von 
Verwirrtheit und fast regelmäßig mit katatonen Erscheinungen; zu 
Beginn bestand meist lebhafter Bewegungsdrang — in einzelnen 
Fällen vom Charakter tobsüchtiger Erregung mit sinnlosem Herum¬ 
springen und Umsichschlageu — im weiteren Verlauf überwiegt die 
motorische Hemmung, die häufig von jäh einsetzendeu Erregungs¬ 
phasen unterbrochen wurde. Das katatonische Gepräge kam in ver¬ 
schiedener Stärke zur Darstellung, manchmal fanden sich nur ver¬ 
einzelt leichte Verbigeration, Stereotypie, in andern Fällen wieder 
Bilder vouMutisraus, Negativismus, Echolalie und Echopraxie, Grimas- 
siereu, Fexibilitas cerea. Im wesentlichen handelte es sich um manisch 
gefärbte Erreguugs-, bzw. Verwirrtheitszustände. Auch 
hier war der Beginn sämtlicher Fälle ein plötzlicher, die Dauer 
schwankte zwischen mehreren Stunden und Tagen und betrug in 
zwei Fällen elf Tage. Der Abschluß erfolgte in den Fällen mit kurzer 
Dauer mehr minder kritisch, in den länger dauernden mehr allmählich. 
Die Erinnerung fehlte in den meisten Fällen fast vollkommen und 
war nur in den zwei Fällen von elftägiger Dauer in einzelnen Bruch¬ 
stücken erhalten. Nach Ablauf der psychotischen Erscheinungen be¬ 
stand für einige Tage leichte Erschöpfung, Mattigkeit, Schlafbedürfnis; 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 157 

somatische nervöse Erscheinungen fanden sich nur in drei Fällen, 
hiervon einmal neurastheuische, zweimal hysterische Symptome, hier¬ 
unter ein typischer Krampfanfall. Ursächlich kam in Betracht: Mobil¬ 
machung zweimal, Schrapnellexplosion einmal, Artilleriefeuer zweimal, 
anitgemachtes Gefecht dreimal. Die Erregung setzte bei sämtlichen 
Kranken, die in Stellung lagen, während des Gefechtes ein; es 
handelte sich dabei ausnahmslos um Soldaten, die schon mehrere 
Gefechte mitgemacht hatten und in der letzten Zeit auch körper¬ 
lichen Strapazen stärker ausgesetzt waren. Der Inhalt der Psychose 
bezog sich ausschließlich auf die Kriegsereignisse, wie dies die 
theatralische Wiedergabe, das gleichsam Wiedererleben der Gefechts¬ 
szenen sehr schön illustriert. Eine nervöse Veranlagung laßt sich 
in drei Fällen nachweisen, hiervon zweimal als hysteropathische Kon¬ 
stitution, und zwar hatte einer der Kranken vor zwei Tagen im An¬ 
schluß an einen Betriebsunfall einen hysterischen Dämmerzustand 
durchgemacht und war deshalb in der Irrenanstalt K. gewesen. 
Beide Fälle der Mobilmachungsperiode gehörten zu den endogen 
<lisponierten. 

Fall 14. K. K., 35 Jahre, Landsturm-Infanterist, wurde uns am 
22.1 12. 1914 unmittelbar aus einem Gefechte überstellt ; er war psychisch 
^vollkommen frei und gab an, auf dem Transport hierher zu sich ge¬ 
kommen zu sein. Er habe in den letzten Tagen anläßlich eines Ausfalles 
mehrere Gefechte und damit auch körperliche Strapazen mitgemacht; er 
könne sich noch erinnern, daß er bei O. in der Schwarmlinie gelegen 
sri und ein lebhaftes Feuer hin und her im Gange war. Was dann 
später mit ihm geschah, wisse er nicht mehr. Der Kompagniebericht 
lautet, daß K. plötzlich ganz zwecklos in der Schwarmlinie aufsprang, 
stehend mehrere Schüsse abgab und feindwärts laufen wollte. In die 
Srellung zurückgebracht, verkannte er seine eigenen Leute als Russen 
•und wollte sich auf sie stürzen. 

Wie bei diesem handelte es sich auch noch bei zwei anderen 
Fällen um nur mehrere Stunden dauernde Erregungszustände, in 
«lenen die Kranken aus den Gräben sprangen und blindlings auf 
«len Gegner losstürzen wollten. Ein derartiges Verhalten von Soldaten 
'wurde von mehreren Autoren bereits erwähnt; nur wenige Fälle 
kommen in die Hände des Arztes, da die meisten, weil sie die 
ganze Figur zeigen, sofort vom Feinde abgeschossen werden. So 
erinnere ich mich an zwei Kaiserschützen meines Regimentes, die 
in einem Gefecht plötzlich aus der gedeckten Stellung aufsprangen; 
«ler eine lief, sein Gewehr schwingend, feindwärts und fiel bald 


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])r. Georg Stietler. 


zwischen den Linien tot nieder, der andere ging auf seine eigenen 
Kameraden los, die er für Russen hielt, und wurde ebenfalls von 
feindlichen Kugeln getötet. Das traurige Schicksal derartiger Fälle 
macht eine nähere klinische Beurteilung unmöglich, zumal derartige 
raptusartige Erregungszustände bei verschiedenen Psychosen (Epi¬ 
lepsie, Schizophrenie, manisch-depressives Irresein, progressive Para¬ 
lyse) verkommen können, wie wir dies an der Hand unserer eigenen 
Kriegserfahrungen zeigen konnten. Am häufigsten wird es sich wohl 
nach unseren Erfahrungen um selbständige psychogene Zustauds¬ 
bilder handeln, um psychogene Dämmerzustände, wie wir sie nament¬ 
lich in dieser und in der folgenden Gruppe finden. 

Fall 15. Der 24jährige russische Infanterist L. P. wurde uns am 
10./5. 1915 vom russischen Feldspital 422 überstellt, mit der Meldung 
zweier Kottenkameraden, daß P. gestern nachmittags unter dem Ein¬ 
drücke heftiger Beschießung durch schwere österreichische Artillerie 
plötzlich geisteskrank geworden sei; er lief vom Schützengraben gegen 
die eigene Artilleriestellung, gestikulierte mit den Händen, sprach un¬ 
sinnige Worte. Bei der Aufnahme (nachmittags) drängt P. hinaus, ruft 
fortwährend laut: „Schießen, schießen,“ dann wieder „Maruschka, Ma- 
ruschka“. Ins Gitterbett gebracht, reißt und zerrt er an dem Netzwerk, 
spuckt ira Bett herum, grirnassiert. Nachts ist er andauernd unruhig» 
imitiert das Heulen und Einschlagen der Geschosse, lacht dazu, ist 
aggressiv gegen die Wartepersonen. 

17. /5. Ausgelassene Stimmung; er winkt die Kranken zu sich 
heran und spuckt ihnen dann ins Gesicht, worüber er lacht und vor 
Freude herumspringt. Er äfft die Fragen des Arztes und des Dolmetschers 
nach, ist zu e ; ner Antwort nicht zu bringen. Nachmittags wirft er Decken 
und Polster übereinander, schenkt seiner Umgebung keine Aufmerksam¬ 
keit; Nahrungsaufnahme reichlich. Ab und zu horcht er gespannt zum 
Fenster hinaus, winkt mit der Hand hin. 

18. /5. Etwas zugänglicher, er verkennt den österreichischen Arzt 
als russischen Offizier, salutiert läppisch, lacht laut und hat noch immer 
große Freude an dem Bespucken der andern Kranken. 

f ,Ist jetzt Krieg?“ — „Krieg . . . , Krieg .... Krieg“ (fürchterlich 
schreiend). 

„Welche Jahreszahl haben wir jetzt?“ — „1902, 5, 8, 11..., 12 ..., 
lassen Sie mich in Ruhe, was wollen Sie von mir?“ 

„Wollen Sie Zigaretten?“ — „Haben Sie keine.... ich kaufe 
Ihnen welche.“ 

„Wie geht es Ihnen?“ — „Ich bin ein Alter, du bist ein schönes 
Kind, gib mir deine Haare.“ 

Er beantwortet weitere Fragen nicht mehr, lispelt vor sich hin, 
lacht, grirnassiert, äfft den Arzt nach, klatscht fortwährend in die Hände,, 
schlägt sich kräftig an die Brust und pfeift. 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


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19. /5. Ausgesprochene Hemmung, liegt ruhig stets in derselben 
Stellung im Bett, leicht lächelnde Miene, starr zur Zimmerdecke blickend» 
Vollkommen mutazistisch; der passiv erhobene Arm bleibt in der gege¬ 
benen Stellung, im ganzen das Bild eines katatonen Stupors. 

20. /5. Nachmittags wird P. klarer; er wisse nicht, ob er in einem 
Spital oder in einer Kaserne sei, or kenne sich nicht recht aus, er wisse 
nur, daß er österreichische Uniformen sehe, ob er denn in Gefangen¬ 
schaft sei? 

21. /5. Psychisch vollkommen frei; er habe die letzten Kämpfe in 
den Karpathen mitgemachl, worunter seine Nerven schwer gelitten haben; 
früher sei er immer gesund gewesen. Er könne sich erinnern, daß er 
mit seinem Regimente vor Przemysl gekommen sei, und daß sie von 
den Österreichern und Deutschen starkes Artilleriefeuer erhielten. An 
den Transport hierher und an die Tage im Spitale hier könne er sich 
nicht erinnern; es komme ihm nur so ungefähr vor, daß er in einem 
vergitterten Kasten gelegen sei und Herren in weißen Mänteln mit ihm 
sprachen. 

Fall 16. Der 23jährige Infanterist P. M. wurde am 26./10. 1914 
vormittags unmittelbar vom Gefechtsplatze der Abteilung überstellt; sein 
Begleitmann sagt aus, daß M. gestern abends im Schützengraben während 
heftigen Artilleriefeuers plötzlich zu lachen und zu singen anfing, sein 
Gewehr fortwarf, dumme Späße machte. Bei der Aufnahme ist P. sehr 
übermütig, zupft den Arzt an der Bluse, lacht ihn aus, spielt dann wieder, 
den „wilden Mann“, ist stets in Bewegung. Er ist aber leicht im Bett 
zu halten, sitzt mit krampfhaft geschlossenen Augen aufrecht da, spricht 
unter theatralischen Gesten sinnlos darauf los. Er imitiert im monotonen, 
stundenlangen Vor trage den charakteristischen Lärm eines schießenden 
Maschinengewehres (tak . . . tak .. . tak), produziert spontan sprachlich 
z. B. folgendes: „Es ist ein Krieg, mit Russen, wenn ein Befehl vor¬ 
wärts, dann leise .... vorsichtig (theatralische Gebärden) . . . Granaten 
schaden nicht. . . tak, taktaktak (Maschinengewehr) •. . Zement geht.. . 
ganze Säcke . . . taktak . . . ich kann alle . . . taktak tak tak ... es geht 
jemand . . . kommt her . . . ich sehe nichts . . . “ 

„Wie alt sind Sie?“ — „1813, hatte . . . wie . .. Kopfschwindel . . . 
Sausen ... ich kenne alle .. . Wer ist der Doktor? . . . Ich kenne alle . . . 
höre nichts und sehe nichts ... So muß man . . . ja, so muß man ... 
ich kenne alle . •. tak . . . wir w'erden uns schlagen ... je mehr, desto 
besser . . . nur leise . . . leise . . . Macht vorwärts . . . wann ich schlafen 
werde ... so viel Menschen kommen . . . Deckung . . . docken . . . decken • . , 
ich schieße sofort. . . decken . . . decken .. . decken . . . jetzt. . . tak tak 
tak tak . . .“ (Er hält sich die Ohren zu, lacht.) 

„Wie alt sind Sie?“ — „22 Jahre, nein, 23, 24, 25, 26 (usw. 
bis 50). Deckung, decken! taktaktak . . . Kopfschmerz . . . bumml bumni! 
laß mich in Ruhe!“ 

Am 28./10. Änderung des bisherigen Verhaltens; er ist ziemlich 
gut fixierbar, gibt geordnete Auskunft über seine Person, zeitlich und 


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Dr. Georg StieHer. 


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örtlich noch desorientiert, spricht den Oberarzt als Korporal an. Er 
bittet dringend um seine Kleider, es muß jetzt bald der Krieg aufangen, 
er habe mit der österreichischen Kasse nach Wien zu fahren und dort 
im Kriegsministerium in der Ringstraße 36 Millionen oder Milliarden zu 
deponieren. Kein Grimassieren, auch keine Nachahmung des Maschinen¬ 
gewehrfeuers mehr. 

29. /10. „Wo befinden Sie sich hier?“ — „Hier sind gute Menschen.“ 

„Welches Datum haben wir heuteV“ — „Oktober, November, 

Dezember, Jänner.“ 

„Welche Charge habe ich?“ — „Zwei Sterne . . . ein Korporal, 
sind ein feiner Herr (halluziniert Geschütz- und Maschinengewehrfeuer), 
Ha .... Ha .... Russen schießen .... fürcht’ mich nicht .... bin ein 
Ukrainer.... ein echter Ukrainer .... kein Russophiler.“ 

30. /10. bis 2./11. Vollkommen mutazistisch, kataleptisch starre 
Körperhaltung, stereotypes Augen zwinkern, bizarre Stellungen der Arme 
und Beine. 

3. /11. Er begrüßt spontan und militärisch korrekt den Arzt bei 
der Morgenvisito. ist besonnen, zeitlich mangelhaft, örtlich gut orientiert; 
er könne sich nicht erklären, wie er ins Spital gekommen sei, hier seien 
doch lauter „Narren% er gehöre nicht hierher. Abends stellt sich neuer¬ 
liche Unruhe ein, er müsse dem Kaiserhaus doch die 36 Millionen 
bringen, hier sei sein Schatz nicht sicher, weil im Zimmer viele Russen 
sind. Reizbare Verstimmung. 

4. /11. Allmähliches Sichzurückfinden; 5./11. ausgeglichene Stim- 
mnngslage; psychisch vollkommen frei. Als Kind Gehirnhäutentzündnng, 
seither öfter Kopfschmerzen. Seit Kriegsbeginn andauernd an der Front, 
zahlreiche Gefechte, besonders in letzter Zeit; in den letzten acht Tagen 
häutig Kopfschmerzen. Am 26./10. früh wurde ihre Stellung von russischer 
Artillerie sehr stark beschossen, in seiuer Nähe explodierten mehrere 
Granaten und Schrapnells; in seiner Nachbarschaft war ein Maschinen¬ 
gewehr postiert, das ununterbrochen feuerte. Was weiter mit ihm geschah, 
wisse er nicht mehr, er sei erst heute früh wieder zu sich gekommen. 
Er habe die Erinnerung an ein ständiges Sausen in den Ohren, sowie 
daran, daß er nach Wien fahren wollte, um das Depot der Filiale der 
österreichisch-ungarischen Bank in seiner Heimatstadt, einige Milliarden, 
dorthin zu bringen. — Er blieb bis Juli 1915 als Wärter an unserer 
Abteilung, verhielt sich während der zweiten und dritten Belagerung sehr 
unerschrocken, bestand im Mai einen schweren Flecktyphus; es wurden 
an ihm nie Anzeichen einer geistigen Störung beobachtet. 

lu einer letzten Gnippe finden sich vier Fälle, die durch 
eine ungewöhnlich lange, mehrere Wochen, bzw. Monate um¬ 
fassende Krankheitsdauer ausgezeichnet und nach ihren klinischen, 
zum Teil recht mannigfaltigen Zustandsbildern als hysterische 
Dämmerzustände mit protrahiertem Verlaufe aufzu¬ 
fassen sind; wegen des Iuteresses. das die einzelnen Fälle in 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


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mancherlei Hinsicht beanspruchen durften, sollen ihre Krankheits¬ 
geschichten des Näheren mitgeteilt werden. 

Fall 17. P. H., 28jähriger Infanterist; laut Kompagniebericht 

trat bei H. am 27./11. 1914 nachts im Anschlüsse an eine starke Be¬ 
schießung des Werkes, in welchem er in Stellung lag, ein hochgradiger 
Angstzustand auf; er kauerte sich in eine Ecke und rief immer: 
„Granaten, Granaten;** früher sei P. stets gesund gewesen, Aufnahme 
am 28./11. Ausgesprochen ängstlicher Gesichtsausdruck, grobwelliger 
universeller Tremor; mühsam ins Bett gebracht, hüllt ersieh in Decken 
-ein, hält die Augenlider krampfhaft geschlossen. Sprachliche Äußerungen 
fehlen vollkommen. Als vormittags von den Werken lebhafter Kanonen¬ 
donner hörbar wird, horcht er gespannt, zuckt bei jedem Abschuß zu¬ 
sammen. 29./11. P. sprang nachts mehrere Male aus dem Bette, ging 
auf Händen und Füßen („sich deckend“; durchs Zimmer, legte den Kopf 
bald mit dem rechten, bald mit dem linken Ohre an den Fußboden an, 
um nach Minensprengungen zu horchen, wie er durch Gebärden andeutete. 
Bei der Visite flüchtete er vor dem Arzte, klammerte sich ängstlich am 
Bettgestelle fest, starrte den Arzt an und versteckte sich plötzlich unter 
dem Bette. 

I. /12. Ängstlicher Stupor; er wehrt jede Ansprache, jede Unter¬ 
suchung ab; sitzt aufrecht im Bette, stundenlanges Wiegen des Ober¬ 
körpers und hiebei pagodeuartiges Nicken des Kopfes; hie und da flüstert 
er kaum hörbar: „Granaten, Granaten“. 

4./12. Zunahme der Hemmung, die ängstliche Färbung im Gesichts¬ 
ausdruck weniger deutlich, inehr eine blöde einfältige Miene, ab und zu ein 
debiles Lächeln. Die Nahrung nimmt P. stets selbst und reichlich zu sich. 

6./12. Ruft laut bei der Visite spontan den Arzt an: „Feldwebel, 
Herr Feldwebel, meine Hosen, bringen Sie mir doch meine Hosen.“ 

„Wie geht es Ihnen denn?“ — „Ja, ich gehe, gehe, gehe...“, 
er springt mit einem Satz aus dem Bett, zeigt Neigung, zu Boden zu 
stürzen und verharrt plötzlich in einer bizarren statuenartigen Pose, 
jeder weitere Versuch, ihn zum Sprechen zu bringen, seine absonderliche 
Stellung zu ändern, stößt auf Widerstand; er verbleib!: etwa eine halbe Stunde 
so und kehrt, nur mit dem äußeren Fußrand auftretend, zam Bette zurück. 

9./12. Verbleibt stets zu Bette, ängstlicher Affekt tritt immer mehr 
zurück, gelegentlich sogar eine verzerrt heitere Miene. Grimassieren, ab¬ 
sonderliche Stellungen. Er wiederholt monoton „Feldwebel, Herr Feld¬ 
webel, Werk 1, Werk 2, Work 3 . . • . Granaten . . . Granaten . . . bum, 
bum ! St... . Bum 1“ 

II. /12. Ängstliche Verstimmung ist gänzlich verschwunden, ein 
läppiscli-katatones Bild, das häufig einen recht gekünstelten Eindruck 
macht, beherrscht die Situation. Gelegentlich triebartige impulsive Hand¬ 
lungen. So springt er, als die Menage im Zimmer verteilt wird, plötzlich 
aus dem Bette, reißt dem Unteroffizier die Menageschale aus der Hand, 
lacht ihn blöde an und kehrt dann unter ständigem Grimassieren und 
lautem Schmatzen wieder ins Bett zurück. 

Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 11 


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I)r. Georg Siictier. 


18./12. Recht wechselndes Verhalten; sieh selbst überlassen, bleibt 
er ruhig zu Bette, nimmt die Nahrung ordentlich zu sich, geht auch 
allein, und zwar mit wesentlich freierem Gange. Sobald er sich ärztlich 
beobachtet fühlt, führt er theatralische Szenen auf, sucht aus dem Bett 
zu springen, beim Gehen hinzustürzen, wackelt mit dem Kopfe, griraassiert; 
dem Arzt, der das Zimmer verlassen will, ruft er mit der Stimme und 
den Gebärden eines kleinen Kindes weinend nach: „Nicht fortgehen. 
hierbleiben . . . , oder ich auch mitgehen .. . .“ 

15./12. Sein Verhalten hat sich insofern geändert, als er ab und 
zu doch fixierbar ist, allerdings fast regelmäßig vorbeispricht, wobei aber 
seine Antworten doch eine inhaltliche Beziehung zur Frage erkennen 
lassen, z. B..: 

„Wie spät ist es jetzt (9 Uhr vormittags) ?“ — „Gegen Abend.“ 

„Es ist doch hellichter Tag?“ — „Nein ... so finster, schon Nacht.“ 
„Welche Jahreszeit?“ — „Sommer.“ 

„Es ist doch kein Laub an den Bäumen?“ — „So warm hier“. 
„Wie alt sind Sie?“ — „Nicht kalt..., Iß Jahr.“ 

„Sie sind doch Soldat?“ — „Nein, ich bin kein Soldat (weiner¬ 
lich), Herr Feldwebel, helfen Sie mir....“ 

Auf körperlichem Gebiete findet sich ausgesprochene Hyperästhesie 
und Hyperalgesie an beiden Armen und Beiuen bis zur Schalterhöhe, 
bzw. Leistenbeuge reichend. 

18./12. 1\ wird heute kräftig faradisiert und ihm mit aller Be¬ 
stimmtheit erklärt, daß er hierdurch wieder vollkommen gesund werden 
würde. Wahrend der Behandlung warf er sich einige Male im Bette auf t 
schrie überlaut und blieb dann in regungslosem Stupor liegen. Bei der 
Nachmittagsvisite bot er ein gänzlich verändertes Bild; er befolgte prompt 
alle Aufforderungen, war zeitlich, örtlich und persönlich vollkommen 
orientiert. Er stellt in Abrede, geisteskrank gewesen zu sein, er habe nur 
Kopfschmerzen und Schmerzen in den Beinen gehabt und sei deshalb 
im Spitale gcblicbeu; er glaube, vier bis fünf Tage hier gewesen zu sein. 
Hyperalgesie an Armen und Beinen verschwunden. Er sei früher immer 
gesund, allerdings stets furchtsam und ängstlich gewesen und habe, 
seit er im Kriege war, vor dem Schießen immer Augst gehabt (was auch 
bei der späteren Beschießung des Spitales beobachtet wird). I\ war bis 
8./5. als Wärter an unserer Abteilung tätig und es wurden keinerlei 
Anzeichen einer geistigen Störung mehr an ihm beobachtet. 

Überblicken wir die Krankheitsgeschichte dieses Falles, so 
können wir nur zu dem Schlüsse kommen, daß es sich um eine 
psychogene, bzw. hysterische Psychose handelte, und zwar um einen 
Gans er sehen Dämmerzustand mit Zügen von Puerilisraus (Sträuß- 
lerj; die psychogene Disposition ist in der timiden Konstitution, den 
stets vorhandenen Befürchtungsvorstellungen gegeben, das auslösende 
Gefühlsereignis war die Schrapnellexplosion. Syraptomatologisch 
charakteristisch sind das ursprünglich ängstlicheVerhalten des Kranken 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 163 

im Zusammenhang mit dem unmittelbar vorausgegangenen affekt¬ 
betonten Ausgangserlebnis, die theatralische, manierierte Färbung des 
Bildes mit Berechnungauf die Umgebung, seine Abhängigkeit von äußeren 
Eindrücken, die psychotherapeutische Beeinflußbarkeit, das Vorbei¬ 
reden, die Sensibilitätsstörung, die nicht so vollkommene Amnesie. 
Differentialdiagnostisch sei hier nur die Frage einer eventuellen 
Simulation gestreift, doch spricht gerade die Eigenart und Voll¬ 
ständigkeit der angeführten Symptome, sowie nicht zuletzt die Ent¬ 
stehung unmittelbar nach dem psychischen Trauma dagegen; die 
Ähnlichkeit mit einem schizophrenen Zustandsbilde war nur eine 
vorübergehende, es brachte in dieser Hinsicht schon der Verlauf 
allein eine sichere Entscheidung. 

Fall 18. Bei dem 25jährigen Honv&l J. H. traten laut Kompagnie- 
bericlit am 18./11. wenige Stunden nach heftiger Beschießung seines 
Stellungsabschnittes Anzeichen von Geistesstörung auf; früher geistig stets 
gesund, sprach er auf einmal sinnloses, verwirrtes Zeug zusammen, wendet 
sich von seinen Kameraden ab, ein Zustand, der seit zwei Tagen ununter¬ 
brochen anhält. 

20. /11. Aufnahme: Er betritt langsamen, stolzen Schrittes, leise 
singend das Zimmer, verbeugt sich feierlich vor dem Arzte und bittet, 
inan möge ihm nicht die Zunge herausschneiden; er habe Gott beleidigt 
und werde dafür verbrannt werden. „Ich bin ein Honv6d, ich gebe meine 
ungarische Zunge dem, der am nächsten bei mir ist.“ Ausdruckslose 
Miene, keine bestimmte Affektlage erkennbar. 

„Wo befinden Sie sich liier?“ „In Teufelshänden.“ „Jahreszahl?“ 

„1912.“ „Was fehlt Ihnen ?“ „Ich bin krank, ich will essen, und man 
hat mir meine Zunge zum Essen gegeben.“ 

„Zeigen Sie Ihre Zunge!“ „Ich tausche meine Zunge nur mit einer 
ungarischen ein, sonst kann ich keine brauchen“. 

Er kommt einzelnen Aufforderungen langsam, schwerfällig nach; Nei¬ 
gung zu Katalepsie. Universelle Hypalgesie. Erhört innere Stimmen, er werde 
von hier nicht mehr lebend fortkommen, man werde ihm hier alles stehlen. 

21. /11. P. ist heute andauernd in Bewegung, kleidet sich ständig 
aus und an, singt mit ungemein monotoner Stimme stundenlang Kriegs¬ 
lieder und Kirchengesängo, flicht dabei sinnlose Monologe ein, wie „ich 
lasse mir die Zunge nicht herausschneiden, mit keiner jüdischen vertauschen, 
lieber eß ich meine Augen auf“. 

22. /11. Bewegungsunruhe hat einem mehr stuporösen Verhalten 
Platz gemacht, eintönige, wiegende Rumpfbewegungen; das Beten und 
die frommen Gesänge sind fast verstummt. 

„Sind Sio hier nicht in einem Krankenhaus?“ 

„Nein, in Teufelshänden, in Teufelshöhle bin ich.“ 

24./11. Geordnetes, besonnenes Verhalten; er sehe ein, daß er 
verwirrt gewesen sei und Angst gehabt habe, daß hier Teufel seien. Vor 

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164 


Dr. Georg S.icfler. 


einigen Tagen soi über dem Werke I ein Aeroplan geflogen und habe 
Zettel heruntergeworfen, worauf, wie ihm die Kameraden erzählten, ge¬ 
standen sei, daß seine Mutter gestorben sei, daß er Gott beleidigt habe 
und deshalb mit dem Aeroplan in die Hölle gebracht werde. Er könne 
sich erinnern, daß er hier Teufel gesehen habe, die ihm zuriofen: „Du 
wirst verbrannt, sobald du dich rührst,“ und daß er seine Zunge tauschen 
wollte, weil er nicht gut sprechen konnte. An die näheren Umstände 
seiner Aufnahme habe er nur eine dunkle, traumhafte Erinnerung, doch 
glaube er, daß man ihn schon bald nach der Beschießung des Werkes, 
die so „furchtbar“ gewesen sei, mit einem Wagen hieher gebracht habe. 
Übor die Kriegssituatiou ist er gut orientiert. 

1 4./12. P. verhält sich bisher andauernd ruhig, äußerlich besonnen; 
er fällt weiter nicht auf, verkehrt aber wenig mit anderen Kranken, be¬ 
teiligt sich nicht an der Arbeit. Seit heute nachts wieder unruhig, ver¬ 
langt nach Hause, ruft nach seiner Mutter, die ihm neue Bettwäsche und 
Brot gebracht habe ; seine Mutter sei an der Straße gesessen, habe Früchte 
verkauft und ihm gesagt, daß er nicht ganz hei Vernunft sei und daß 
sie ihn deshalb nach Hause mitnehmen werde. Monotone Kirchcugesängc. 

18./12. Er befinde sich hier in einem Arrest, Teufel erscheinen ihm 
Tag und Nacht, zeigen mit ihren Krallen auf seine Pfeife, er solle sie 
ihnen schenken, sonst werden sie ihm die Augen ausstechen; weint öfter, 
er fürchte sich vor den Teufeln; leicht ängstlicher Ausdruck. 

20./12. Neuerliche Äußerungen von Krankheitseinsicht; er bittet 
um Entlassung zu seiner Kompagnie, er fühle sich jetzt gesund und gehöre 
nicht mehr unter Geisteskranke. Es werde ihm wohl im Kopfe gefehlt 
haben. In den folgenden Tagen Andauern des luziden Stadiums, aber P. 
ist psychisch noch unfrei, etwas gehemmt; noch unklares Verhalten. Rat¬ 
losigkeit; er beteiligt sich nur mehr wenig an der Arbeit. 

12./1. Neuerliche Verschlimmerung; P. betet stundenlang aus einem 
Gebetbuche laut vor, behängt sich mit Rosenkränzen, sammelt zwecklos 
Papierschnitzel, ist in heiterer, fast ausgelassener Stimmung; heute nachts 
sei seine Mutter bei ihm gewesen und habe ihm zu essen gebracht. 

20./1. Andauernd heitere Verstimmung; singt lustige Soldatenlieder, 
gefällt sich in der übermäßig, fast läppisch strammen und ganz zweck¬ 
losen Ausführung militärischer Kommandorufe und Befehlsstellungen (Salu- 
tierübungen, Habt-Acht-Stellung usw.). 

24./I. Zunehmende Aufhellung; cs komme ihm vor, als ob er von 
seiner Mutter geträumt habe, sie könne doch unmöglich hier gewesen sein, 
auch die Geschichte mit den Teufeln könne er sich nicht recht erklären. 

26./1 • Vollkommen klar und besonnen, volle Kraukheitseinsicht, 
Erinnerung lückenhaft. P. verbleibt bis 8. Mai an der Abteilung, hilft 
boi den Arbeiten fleißig mit und bietet keinerlei psychische Auffälligkeiten 
inehr dar. Heredität sowie frühere nervöse Erscheinungen werden negiert. 
Es besteht ein leichter Grad von Debilität, sowie ein körperlich-infantiler 
Habitus, der den 25 jährigen Mann etwa 18 Jahre alt erscheinen läßt. 


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Über Psychosen und Neurosen ini Kriege. 


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Charakteristisch ist in diesem Falle für die psychogene, bzw. 
hysterische Genese des psychotischen Zustanckbildes die unvoll¬ 
kommene Amnesie, die Sensibilitätsstörung, die inhaltliche Färbung; 
letztere kommt hier zwar nicht in einer äußerlich gleichartigen Wieder¬ 
gabe des Ausgangsereignisses zum Ausdrucke, sondern läßt das 
schreckenerregende Erlebnis entsprechend der psychologischen Ver¬ 
arbeitung einer kindlichen Psyche in den Furcht- und Angstvorstellungen 
vorder Hölle, Halluzinationen der Teufel erkennen. Außerdem bestehen 
auch Wunschvorstellungen, die eine baldige Heimkehr, ein Wieder¬ 
sehen mit der Mutter zum Gegenstand haben. 

Fall 19. Korporal H. 1?., 27 Jahre alt (aufgenommen am 17./2J, 
war am 20. November 1914 durch einen Gewehrschuß an linker Hand 
verwundet worden und stand deshalb im Festungsspital Nr. 5 in Behandlung; 
daselbst traten bei ihm am 14./2. plötzlich Aufregungszustände mit Größen¬ 
wahn und Verfolgungsideen auf; so behauptete er, daß er zum Leutnant 
befördert sei und daß ihn sein ehern. Hauptmann verfolge. Bei der Auf¬ 
nahme ist P. in gereizter, gehobener Stimmung, betont ständig seine 
„ganz besondere“ Gesundheit, klagt dann wieder über Schlaflosigkeit und gibt 
spontan zu, daß ein Bruder seiner Mutter geisteskrank sei. Er spricht 
rasch und viel, bricht mitten im Satze ab, kommt vom Hundertsten ins Tausend¬ 
ste. Das Wesentliche seiner Erzählungen ist folgendes: Er sei im Dezember 
1912 mobilisiert worden (KriegsVorbereitung gegen Serbien); damals sei ein 
großer Verrat begangen worden, mittels eigener Spreebapparate wurde das 
Diktat der Mobilisiorungsakte abgefangen, und zwar habe sein Hauptmann, 
der einen tiefschwarzen Bart und hypnotische Augen batte, diesen Verrat 
begangen. Dieser habe ihn erschießen wollen, doch ein Hausmeister aus Bu¬ 
dapest, ein pensionierter Detektiv, habe ihn gerettet; der Skandal brach erst ans 
am 28./8. 1914, in der Schlacht bei Kulikow, als die Bussen mit Maschin- 
gewohren vom Kirchturm schossen, während eben dieser Hauptmann mit 
General D. in voller Gemütsruhe beim Speisen saß. Auf der Flucht 
nach Lemberg und noch später beim letzten Ausfall (19./11. 1914) habe 
er wieder gesehen, wie ihn dieser Blutvogel mit dem Revolver bedrohte; 
der Hauptmann sei daraufhin verhaftet worden. Er selbst wurde beim 
Ausfall verwundet und der junge Graf Tisza habe ihm gratuliert, weil 
er so tapfer wie ein alter Honv4d gekämpft habe. Mitte Dezember sei ihm 
der Hauptmann nachts erschienen, wollte ihn hypnotisieren und dabei 
jedenfalls ermorden; der Hauptmann verfolge ihn, weil P. um seine Ver¬ 
räterei wisse. P. habe um das Vaterland ganz kolossale Verdienste, er 
werde daher auch Offizier werden; Otto D6r6s, der größte Kriegsrichter 
in Ungarn, habe ihm geraten, Jus zu studieren, er könne dann Minister 
werden. P. ist unerschöpflich in seinen phantastischen Konfabulationen, 
in deren Mittelpunkt seine eigene Person und der Hauptmann als sein 
Verfolger stehen. Am 18./2. nachts stürzt er mit dem Rufe iu das Wacli- 
zimmer: „Wo ist der Hauptmann? Ich bin Generalstäbler, gratulieren Sie 


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Dr. Georg StieHer. 


mir, ich will den Bischof besuchen, ich will getauft werden, weil ich in 
eine Christin verliebt bin, der junge Graf Tisza hat mir drei Finger 
abgeschlagen, ich sehe überall Verräter.“ 

1./3. Keine wesentliche Änderung; P. schreibt täglich „Bericht“; 
heitere Verstimmung, selbstbewußtes Auftreten. Jm folgenden sei einer 
seiner zahlreichen Aufsätze wiedergegeben: 

Eine Vision oder der Weltkrieg. 

Im Jahre 1913, ausgesprochen am 10. April, mußte mein Bruder 
Josef heiraten. Nachdem ich nur ein Jude war, bekam ich mit großer 
Mühe drei Tage Urlaub von meinem Kompagniekommandanten S. B. Nach¬ 
dem ich aber am Hochzeitstage ziemlich viel getrunken habe, wollte ich 
noch zwei Tage zu Hause schlafen und telegraphierte meinem Ersatzbataillons¬ 
kommandanten v. V., er solle mir zwei Tage Urlaubs Verlängerung geben 
wegen der jüdischen Feiertage. Antwort kurz und lakonisch „nein“. 
Selbstverständlich als pünktlicher und strebsamer Soldat bin ich sofort 
abgereist und zur Zeit in L. eingotroffen. Dort bekam ich durch die 
übrigen Schreiben zu wissen, daß während meiner Anwesenheit etwas 
„Großes“ geschehen ist. Der Herr Major gab es mir auch zu wissen, daß wir 
Kriegsgeheimnisse arbeiten und sehr aufpassen müssen; denn die Monarchie 
und das Herrscherhaus hat sehr viele Feinde. Mittags ging ich w r ie ge¬ 
wöhnlich ins Magyar-Casino speisen, nachher ein kleiner Spaziergang und 
von dort in meine Wohnung. Nach dem Nachtmahl, als ich durch den 
ganz finsteren Hof ging, in einer Ecke neben dem Torausgang stand eine 
Dame, — es ist die ungarische Wärterin vom Zimmer Nr. 11 im „Festungs¬ 
spital Nr. 5“, in einer Hand den Dolch, in der anderen Geld und sagte 
„Halt!“. Ich schaute ihr fest in die Augen und sagte ihr „etwas“. 
Das hat bei ihr gewirkt, sie ist wie der „Kampfer“ verschwunden. Um 
Mitternacht, als ich nach Hause kam, stand der k. k. Hauptmann J. S. 
mit den apfelgrünen Aufschlägen im finsteren Hof, ich war aber auf 
alles gefaßt und habe den Kollegen gesagt, das Tor darf jetzt niemand 
verlassen. Das Bajonett in der Hand, mit einem lauten „Rayta“ bin ich 
glücklich in mein Zimmer gelangt und habe dort Tür und Fenster 
gut versperrt. Den andern Tag in der Früh erzählte ich die Ge¬ 
schichte dem Herrn Major und übergab ihm auch die politisch-mathematisch 
zusammcngestellte Tafel, welche ich in der Kanzlei vor den übrigen 
Schreibern und dem Stabsfeldwebel K. ausdachte. Laut dieser Tafel ist 
der Verfasser der ganzen Sache der Hauptmann J. S. Ob ich das Übrige, 
was ich prophezeit habe, de facto geschehen ist, davon können wir uns 
jetzt schon sehr leicht überzeugen. Ich glaube, man hat davon sogar 
Kinoaufnahmen gemacht. Ich habe nämlich meinem Schwager davon ge¬ 
sagt und ihn kurz vor meiner Abreise gebeten, die Sache sicli an¬ 
gelegen sein zu lassen. Was ich dann gemacht habe, das wissen Sie ganz 
gut, nehmen Sie nur die Films vor und wenn ich wirklich ein Künstler 
hin, dann geben Sie mir Zeit und Gelegenheit, daß ich nicht weiter cotus 
bilde. Ich wollte ja nur beweisen, daß ich der beste „rote Mophisto“ bin. 

Am 20. 3., wenige Stunden nach Beschießung des Spitales, großer 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 167 

hysterischer Anfall von mehr ständiger Dauer, in unmittelbarem Anschlüsse 
daran schwerer manischer Erregungszustand mit Zügen katatoner Ver¬ 
wirrtheit, der bis zum 26./3. anhält und den Kranken körperlich sehr 
stark herabbringt ; nachfolgend ein Zustand traumhafter Benommenheit, 
der am 2./4. in vollkommene Bewußtseinsklarheit übergeht. 1\ gibt 
folgendes schriftliches Retrospektiv: 

„Ais ich am 20. November vorigen Jahres verwundet wurde, bekam 
ich erst nach größerem Blutverluste Hilfe. Ich mußte von Kormanice, 
wo der Ausfall war, in blessiertem Zustande zu Fuß nach Pikulice 
ins Spital gehen, wo ich die erste Hilfe bekam. Schon damals habe 
ich häufig schlaflose Nächte verbracht. Im Festungsspital 
Nr. 5, wohin man mich transportiert hatte, habe ich infolge der schwachen 
Kost die verlorenen Kräfte nicht zurück bekommen ; hingegen trat Schlaf¬ 
losigkeit und das Träumen in solch großen Massen auf, daß ich da¬ 
gegen Brom verlangte, nachdem ich diese Arznei schon vorher im Zivil be¬ 
nützte. Ich bekam selbe nicht und daher wurde mein Zustand täglich schlechter. 
So gegen Anfang Februar hatte ich fast tagtäglich von Gefechten geträumt 
und so viel, daß ich manchmal den anderen Tag gar nicht wußte, ob ich diese 
oder jene Schlacht in wirklichem überlebt oder bloß geträumt habe. So ge¬ 
schah es auch in der Nacht am 19. oder 20. Februar, daß ich die ganze Nacht 
vom Gefechte und Verrate träumte und in der Früh den genannten Herrn 
Hauptraann mit Verrat verdächtigte. Ich wurde hierher ins Garnisonspital 
gebracht, wo ich in den ersten zwei Wochen noch immer geistig nicht 
ganz klar war, denn ich beschuldete noch immer den Hauptmann mit 
Verrat. So gegen Mitte März bekam ich in der Nacht einen „Anfall“ 
und was dann mi: mir geschah, weiß ich nicht, nur auf das kann ich 
mich erinnern, daß ich beiläufig eine Woche „Fieber“ hatte und wie ich 
von den Wärtern später erfuhr, habe ich während dieser Zeit fast gar 
nichts gegessen und überhaupt in der Nacht-große Unruhe gehabt. An¬ 
fangs April besserte sich mein Zustand; ich verbrachte schon bessere 
Nächte. Jetzt schlafe ich die Nacht beinahe ganz durch, träume sehr 
wenig und bin davon überzeugt, daß die Geschichte mit dem Hauptmann 
nur eine fixe Idee war, welche ich infolge eines schlechten Traumes 
und infolge überreizter Nerven bekam. Jetzt fühle ich mich gut und hoffe, 
<laß ähnliche Gedanken nicht mehr Vorkommen werden. Schließlich be¬ 
merke ich noch, daß ich vor einem Jahre, daher kurz vor der Mobili¬ 
sierung, eine Nervenkrankheit (Neurasthenie) mitmachte und vorher nie¬ 
mals geisteskrank war.“ 

P. blieb bis Ende Mai an unserer Abteilung und hat in der Folge 
keinerlei Anzeichen einer geistigen Störung geboten. Er gab an, daß er 
achon seit vielen Jahren an neurasthenischen Beschwerden leide, deshalb 
wiederholt in Behandlung stand, früher im Leben aber nie an Krampf¬ 
anfällen gelitten habe. 

Die klinische Beurteilung dieses Falles bereitete uns anfangs 
einige Schwierigkeiten und wir standen eigentlich der Annahme 
einer Dementia paranoides, bzw. einer Paraphrenie entschieden näher 


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I)r. <;corjr SticHer. 


als der einer psychogenen Psychose; die bei ersterer zu erwartende 
allmähliche Entwicklung konnte ja vielleicht übersehen worden sein. 
Der weitere Verlauf brachte volle Klärung; das Auftreten des typi¬ 
schen hysterischen Insultes, das plötzliche Abklingen der psychoti¬ 
schen Erscheinungen, die mangelhafte Erinnerung, die vollkommene 
Kraukheitseinsicht und das Fehlen irgendwelcher Anzeichen einer 
Geistesstörung während der späteren mehrmonatigen Beobachtung 
stützen hinlänglich die Diagnose einer hysterischen Psychose, zu 
deren Entwicklung einerseits die Körperschädigung (wochenlanger 
Frontdienst, Verwundung, Krankenlager), anderseits das dispositionelle 
Entgegenkommen Veranlassung gegeben haben. 

Fall 20. Der 20jährige Feldjäger J. M. wurde am 24./10. 1914 
voii zwei Kameraden der Abteilung überstellt mit der Angabe, dab M. 
gestern früh, als ihre Schwarmlinie durch die Russen unter schwerem 
Artilleriefcuer gehalten wurde, plötzlich aufsprang, im Schützengraben 
herumtanzte, jodelte und sehlieblieh gegen die russischen Stellungen 
laufen wollte. 

24./10. Fr betritt tanzenden Schrittes das Zimmer, wirft seine 
Kappe in die Luft, führt Gefechtsszenen auf; so geht er unter Gebärden 
des Bajonettangriffes mit läppisch-drohender Miene sprungartig auf die 
einzelnen Kranken los, ruft dabei: „Hurrah, Kuss, Kuss, Russ!“, freut 
sich, wenn sich die Kranken vor ihm fürchten, tut aber niemandem 
etwas zuleide. Er spielt mit sichtlichem Vergnügen den „Wauwau“, 
scheint nicht zu hörcu, labt sich aber durch Gebärden ziemlich lenken. 
Er ist in steter Bewegung, verkennt die übrigen Kranken als Russen ; 
seine sprachlichen Äußerungen beschränken sich auf die Worte „Hurrah, 
Gewehr, Russ“. 

28./10. Andauernde manische Erregung. Fat. wird ins Gitterbett 
gebracht, wo er mit dem Bettzeug herumwirtschaftet; läßt man das 
Gitterbett offen, so springt er sofort heraus und führt die früher er¬ 
wähnten Angriffsszenen in monotoner Wiederholung aus, stöbt hiebei oft 
bellende Laute aus, sowie immer dieselben Worte: „Hurrah, Rnss, Russ r 
jujujujulmix.“ Er befolgt aber sofort durch Gebärden gegebene Aufforde¬ 
rungen, ein sprachlicher Verkehr ist mit ihm unmöglich. Heute gegen 
abeud änderte sich sein Verhalten plö;zlieh: Er ist vollkommen nnita- 
zistisch, liegt regungslos in bequemer Stellung im Bette; auf alle Fragen 
in Wort und Gebärden schlägt er sich wild an die Ohron und deutet 
an, dab er nichts höre, weil er ein fürchterliches Sausen in den Ohren 
habe. Ausgesprochen ängstliche Miene. 

31./10. Ängstliche Hemmung dauert an; er besorgt seihst die 
Nahrungsaufnahme, sowie Harn- und Stuhlcntleerung; auf jede Frage 
deutet er mit Gebärden an, dab er taub und stumm sei. 

3./11. Seit gestern wieder manischer Erregungszustand vom Charakter 
der früheren theatralischen Aufführungen, nur hat ihr Ungestüm etwas nach- 


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Über Psychosen und Neuroseu im Kriege. 16£ 

gelassen; er ruft das monotone Hurrah mit fast traurig ängstlicher Be¬ 
tonung, gefällt sich in ständiger Wiederholung verzerrter Salutierübungen. 

5-/11. Durch Gebärdensprache gut fixierbar; ist wesentlich ruhiger, 
auch besonnen; er schreibt seinen Namen richtig auf, ist aber zu weiterem 
schriftlichen Verkehr nicht zu bringen. 

D./11. Seit zwei Tagen wieder ausgesprochen manisches Zustands¬ 
bild ; er führt die Sturmangriffe sehr lebhaft vor, unter lautem Gebrüll : 
„Hurrah, hurrah, schießen, schießen, Russ . . , Russ . . . jujujuhuix.“ 

10./11- Plötzlicher Übergang in traurig ängstliche Verstimmung 
mit deutlicher Hemmung; sprachliche Äußerungen fehlen vollkommen, 
auch auf laute Geräusche keine Reaktion. 

15./11. Neuerliche manische Erregung, doch von geringer Inten¬ 
sität; P. begnügt sich mit mutwilligen Scherzen, setzt sich die Kappe 
des Arztes auf, macht läppische Salutierübungen, begleitet jede Bewegung 
mit dem Worte „Hurrah“, das er in fast klagendem, weinerlichem 'Föne 
vorbringt. Die Gebärdensprache faßt er gut auf, bedient sich selbst ganz 
zweckmäßiger Gesten, die er in der Folge bei gleichen Anlässen beibehält; 
so macht er die Gebärden des Melkens, wenn er eine Milch haben will. 

20./11. Noch leichte heitere Verstimmung, im übrigen ist das 
Vorhalten des P. ziemlich situationsgemäß; der Bewegungsdrang ist ent¬ 
schieden geringer geworden. Er deutet durch Gebärden an, daß er seine 
Kleider und Rüstung haben wolle, um wieder zur Truppe zu gehen. 
Sprachliche Äußerung fehlt, er verhält sich wie ein vollkommen Tauber, 

30./11. Kindisches, fast läppisches Verhalten; so begrüßt er den 
Arzt stets mit leutseligem Händeschütteln, zwinkert ihm vertraulich zu. 
Seine einzige sprachliche Äußerung ist das Hurrah, das jede Gebärde, 
jede Gefühlserregung begleitet. Winkt man ihn herbei, so folgt er sofort 
und sagt hiebei: „Hurrah, hurrah;“ ereignet sich irgend eine heitere 
Episode, so lacht er laut auf unter Hurrah; als gestern ein Mann starb, 
betrachtete er mitleidig den Toten, und klagte „Hurrah“. Seine Stim¬ 
mung ist eine ausgeglichene; er benimmt sich im allgemeinen nicht 
auffällig, begleitet den Arzt während der Visite, leistet ihm Hilfsdienste 
und ist zu groben Arbeiten der Abteilung sehr gut verwendbar. Er wird 
heute an die offene Abteilung versetzt; bemerkenswert ist an ihm eine 
erhöhte zornige Reizbarkeit. 

15. /12. Als P. heute als Begleiter bei der ärztlichen Visite zum 
ersten Male wieder in die gesperrte Abteilung kam, erkannte er sämt¬ 
liche Kranken wieder, mit denen er früher beisammen war. Er schüttelt 
ihnen unter freudigem „Hurrah“ die Hände, während er an den ihm 
Unbekannten ohne Gruß vorübergeht. 

24./12. Bei der Weihnachtsfeier hat P. eine kindische Freude 
beim Anzünden des Baumes; er kommt später in leises Weinen, faltet 
die Hände zum Gebet, murmelt, gleichsam betend, das Wort „Hurrah“ 
immer vor sich hin. 

16. /1. Als P. heute in der Arrcstabteilung des Spitales den Wach¬ 
posten erblickte, sprang er auf denselben los. wollte ihm das Gewehr 


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Dr. Georg StieHer. 


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entreißen und war sehr zornig, daß man ihn daran hinderte, deutete 
durch Gebärden an, daß er demselben ja nichts tun wollte, sondern daß 
er selbst in den Kampf hinaus gehen wollte. Die gefangenen Russen 
behandelt er mit großer Verachtung, gibt ihnen zu verstehen, daß sie 
feige sind, sich im Schützengraben klein machen, mit hochgehaltenem 
Gewehr schießen, und vor den Österreichern die Hosen voll hätten. Er 
lacht dann laut über seine derben Gesten, schlägt sich als „tapferer 
Jäger“ an die Brust und brüllt sie mit fürchterlich lautem „Hurrah“ an. 

20./1. Seine Kenntnisse im Lesen sind offenbar gering, immerhin 
entziffert or Kurrentschrift, zeichnet über schriftlichen Auftrag die Grenzen 
seines Heimatkronlandes (Kärnten) auf; als ihm eiu Kaiserbild gezeigt 
wird, nimmt er „Habt acht“, salutiert und streichelt das Bildnis. 

1./2. Ökologischer Befund (Doz. Dr. Bdrany): Trommelfell beider¬ 
seits normal, kein spontaner Nystagmus, kalorische Reaktion beiderseits 
normal; anscheinend beiderseits total taub (zentral ?). P. zuckt mit den 
Augenlidern beim Lärmapparat am Ohr (plötzliches Einsetzen des Lärmes). 

28./2. Die Erforschung der Anamnese bereitet große Schwierig¬ 
keiten, da P. des Schreibens nur sehr mangelhaft kundig und andauornd 
akustisch nicht ansprechbar ist. Er schildert unter sehr lebhafter Ge¬ 
mütserregung und Gebärdensprache, wie er als kleines Kind von seinem 
Vater mißhandelt worden sei. Ungemein lebendig und theatralisch stellt 
er die leizterlebten Gefechtsszenen dar. Er zeichnet zunächst mehrere 
Bänme auf und dazwischen Granateinschläge; dann wirft er sich mit 
brutaler Gewalt auf den Boden, imitiert unter lautem Hurrah das Heulen 
des daherkommenden Geschosses und den Explosionsknall, demonstriert, 
wie er sich hinter einen Baum geflüchtet und dann zum Sturm vor¬ 
gegangen sei. Er versteht sämtliche geschriebenen Fragen gut. 

20./3. Die gestrige und houtige Beschießung des Spitales geht an 
P. spurlos vorbei, obwohl der kaum 30 Schritte von uns entfernte in¬ 
terne Pavillon einen Volltreffer aus schweren Schiffsgeschützen erhielt. 
P. hörte offenbar den Explosionsknall nicht, wovon wir uns auch später 
bei Sprengung der Fostungsanlagon überzeugen konnten. Er ging wie 
sonst seiner Beschäftigung ruhig nach, zeigte kein Verständnis für den 
Ernst der Situation und für die durch den Fall der Festung geänderte 
Lage Übernahme des Spitales in russische Verwaltung, häufiger Besuch 
russischer Arzte); er bezeigt nach wie vor den Russen mit nicht miß- 
ziiverstchenden Gebärden seine Verachtung. 

14./4. P. schläft heute sehr unruhig, schreit Öfters auf; aber 
auch i m S c li 1 a f e sprach er nie nudero Worte als „Hurrah“. 
Die Affekterregbarkeit ist sichtlich gesteigert, wie dies auch in den 
übermäßigen Bezeigungen der Freude wie des Zornes hervoriritt. 

14./5. P. zeigt hei aller Verwendbarkeit andauernd ein kindisches, 
ja läppisches Verhalten, wie dies am besten sein häufiges Salutieren 
ohne Mütze, das stete Händeschütteln dem Arzt ' gegenüber, die Freude 
an dummen Scherzen, die Art mancher seiner Gebärden demonstrieren. 
Er gibt seine Personalien richtig an; zeitlich ist er nach der Jahreszeit 


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Über Pöychoseu und Neurosen iin Kriege. 


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ungefähr orientiert, den Aufenthaltsort vermag er nicht anzugeben. Als 
ihm „Przemysl 44 aufgeschrieben wird, lacht er und gibt zu verstellen, 
daß er diesen Ort nicht kenne, ebenso wie er von einer Belagerung 
und dem Falle der Festung, der Besetzung durch die Hussen nichts 
wissen will. Seine liechenkenntnisse sind sehr gering, er addiert ein¬ 
stellige Zahlen mit Hilfe der Finger. 

24,/5. Als dein Kranken erklärt wird, daß die Unseren nun Przemysl 
beschießen, es den Russen schlecht gehe und daß er wieder ins Feld 
hinaus kommen werde, gerät er in einen wahren Freudentaumel, voll- 
fährt wieder seine alten sprungartigen Angriffsbewegungen und gibt zu 
verstehen, daß er die Russen nacheinander niederschießen werde; das¬ 
selbe Spiel wiederholte sich einige Tage später, als wir P. die Ein¬ 
schläge unserer schweren 30’5-Mörser zeigten, deren Explosionsknall 
(in einer Entfernung von etwa 6 bis 7 km) er nicht wahrnimmt. 

29./5. Sein kindisches Wesen bessert sich wesentlich, er vermeidet 
in der Gebärdensprache das Läppische und Unzweckmäßige, erscheint im 
ganzen etwas stiller und ruhiger; auch das Wort „Hurrah“ gebraucht er 
viel seltener. Seine Taubheit ist unverändert, er hört die täglich in der 
Nähe dos Spitales einschlagenden Granaten, auch schweren Kalibers, nicht. 

Am 31./5. gerät P. infolge eines Mißverständnisses mit einem 
Unteroffizier in einen Wortwechsel, in dessen Verlauf er in heftigem 
Zorn ein Tragbrett samt gefüllten Eßschalen auf den Boden hinwirft; 
er wird dabei blaß im Gesicht, zittert am ganzen Körper, stürzt sich 
auf den Unteroffizier und will ihn erwürgen. Auch in diesem maßlosen 
Zornaffekt bringt er nur „Hurrah 44 hervor. 

Am 1./6. vormittags wird P. an den Ohrmuscheln — die übrigens 
für Nadelstiche sich als unempfindlich erwiesen — mit schwachem 
Strom faradisiert; wenige Stunden hernach meldet ein Kranker, daß P. 
den Knall einer in der Nähe explodierenden Granate gehört habe; nach 
nochmaligem Faradisieren (nachmittags) versteht P. bereits laut gespro¬ 
chene Worte und am 2./6. bei der Morgenvisite kam er bereits mit 
leiser Stimme gegebenen Befehlen prompt nach. Am 2./6. nachmittags 
wurde ich verständigt, daß P. soeben die ersten Worte gesprochen habe. 
Als ich dann ins Zimmer kam, ging er auf mich zu mit den etwas 
langsam, aber keineswegs stotternd vorgebrachten*Worten „Herr Oberarzt, 
ich kann wieder sprechen und höre alles; was das mit mir war, ich 
weiß es nicht, ich kenne mich nicht aus; 44 er machte anfangs noch beim 
Sprechen Mitbewegungen (verlegenes Reiben der Hände), auch fühlte er 
sich offenbar nicht recht sicher, ob er nach der Schrift oder im Dialekt 
sprechen sollte. Die kindisch-läppischen Gebärden waren von nun ab 
vollkommen verschwunden; P. war ganz erstaunt, sich in Przemysl zu 
befinden. Er orientierte sich auch zeitlich sehr rasch, Die letzten Er¬ 
eignisse, an die er sich vollkommen klar erinnern könne, seien die 
Kämpfe sn der Magiera gewesen; es-habe ein fürchterliches, russisches 
Artilleriefeuer tagelang auf unseren Stellungen gelegen und zahlreiche 
Granaten wären in nächster Nähe explodiert. Er könne sich dunkel an 


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Dr. Georg Sticticr. 


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den Befehl erinnern, Wasser zu holen, sowie daran, daß in diesem 
Momente neben ihm eine Granate eingeschlagen habe; was dann später 
sich ereignet habe (Transport hierher, Aufnahme usw.), wisse er nicht 
mehr. Er könne sich noch an Einzelheiten erinnern, so an Dr. Forma¬ 
nch, au die Weihnachtsfeier, an den Streitvorfall mit dem Korporal 
in den letzten Tagen, doch habe er hiefür nur eine traumhafte Erinne¬ 
rung. Daß er in Przeiuysl sei, daß die Festung in rassische Hönde ge¬ 
kommen sei, dies alles habe er erst jetzt erfahren; er könne sich 
erinnern, daß er manchmal sprechen wollte, aber nicht konnte, ferner, 
daß er ein fürchterliches Sausen und Hämmern in den Ohren hatte und 
vollkommen taub gewesen sei. Für seine Angriffsbewegungen, sein stän¬ 
diges „Hurrali“ fehlt ihm jede Erinnerung! 

3./6. P. ist psychisch vollkommen frei, beteiligt sich init großer 
Freude am Abzüge der Russen, dem Einmarsch der imsrigen und deut¬ 
schen Truppen. Er gibt eine ausführliche Anamnese. Er sei ein ledige* 
Kind; es ist ihm über hereditäre Verhältnisse nichts Bestimmtes bekannt. 
Er habe in der Schule sehr schwer gelernt; sei mehrmals sitzen gehliebon r 
habe mit 13 Jahren ein „Kopffieber“ mitgemacht. Im Alter von 16 Jahren 
Hufschlag auf den Kopf und mehrtägige Bewußtlosigkeit. Er habe als 
Bauernknecht an verschiedenen Orten gearbeitet, mit 24 Jahren als 
Ersatzreservist bei Feldjägern gedient und sei mit Kriegsausbruch bei 
seiner Truppe (»ingerückt. Seine Sehulkenntnisse im Schreiben, Le-en. 
Rechnen sind rechr dürftig, auch sein späteres Erfahrungswissen hält 
sich in sehr engen Grenzen, Auffassung, Gedächtnis, Urteilskraft kommen 
durchschnittlichen Anforderungen nicht nach. 1*. bleibt bis 15./6. an der 
Abteilung und wird dann seinem Kadre behufs Superarbitrierung über¬ 
stellt.— Laut Nachricht vom 16./5. 1917 wurde P. vom Militärdienste 
dauernd enthoben und versieht gegenwärtig landwirtschaftliehe Arbeiten 
in seiner Heimat; Anzeichen einer geistigen Störung sind in der Folge 
bei ihm nicht mehr beobachtet worden. 

Vou allen beobachteten Dämmerzuständen beansprucht wohl 
dieser Fall unser besonderes Interesse. Gehen wir zunächst dem 
ätiologischen Momente nach, so finden wir einerseits als exogenen 
Faktor neben dem nervöseu Aufbrauch infolge des mehrtägigen, auch 
körperlich anstrengenden Gefechtes das unmittelbar auslösende Er¬ 
eignis einer Granatexplosion, die in der Nähe des Kranken erfolgte, 
anderseits als endogene Disposition eine Imbezillität leichteren Grades 
mit gesteigerter Altekterregbarkeit. Das klinische Bild, das der 
Kranke in den ersten Tagen seines Hierseins bot, schien zunächst 
einem manischen Symptomenkomplex mit Verwirrtheit zu ent¬ 
sprechen, so daß wir auch den Fall so aufiäßten, zumal uns damals 
keine Anamnese zur Verfügung stand und auch unsere psychiatrischen 
Erfahrungen im Kriege noch sehr dürftig waren. Als der deliraute 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


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Erregungszustand, dessen Einförmigkeit auch an einen katatonen 
.Symptomenk)mplex denken ließ, von der er sich allerdings schon durch 
«ine gewisse Beeinflußbarkeit unterschied, abgelaufen war, wurde die 
„Taubstummheit“ immer erkennbarer, wenngleich es sich um keine 
vollkommene Stummheit handelte, sondern um eine hochgradige 
Einschränkung des Wortschatzes auf wenige Worte, von denen 
schließlich nur das Wort „Hurrah“ überblieb, das in recht bizarrer 
Weise sämtliche Gebärden des Kranken in verschiedenen, der Situation 
.augepaßten Modulationen vorgebracht begleitete. Das Bild erinnerte 
einigermaßen an eine motorische Aphasie mit erhaltenen Wortresten, 
wobei freili Ji gerade der letzterwähnte Umstand, die Anpassung der 
Modulation, in welcher das einzige dem Kranken zur Verfügung 
.stehende Wort vorgebracht wurde, an die jeweilige Situation nicht der 
Monotonie, in der Wortreste motorisch-aphasischer produziert zu 
werden pflegen, entsprach. Ein hervorstechender Zug im weiteren 
Verlauf war das kindisch-läppische Verhalten des Kranken, das 
andauernd die Situation beherrschte. Das inhaltliche Gepräge des 
klinischen Biides, insbesondere der manischen Erregungszustände 
läßt Beziehungen zur auslösenden Gemütserregung klar erkennen; 
•dabei können wir annehmen, daß die kindisch-läppische Färbung 
mit der originären Unzulänglichkeit im Zusammenhänge stand, 
wie wir Ähnliches auch in einem früheren Fall (Fall 18 ) beob¬ 
achten konnten. Bemerkenswert ist die ungewöhnlich lange Dauer 
— über sieben Moaate! — des Dämmerzustandes und sein fast 
plötzlicher Übergang zum klaren Bewußtsein. Wenn sich auch in 
den letzten vier bis fünf Tagen bereits eine leichte Aufhellung 
der Bewußtseinstrübung bemerkbar machte, die durch die akute 
Gemütserregung — unverhältnismäßig hochgradiger Zornaffekt aus 
geringfügigem Anlasse — gefördert worden zu sein scheint, so ist 
doch die wesentliche Veränderung im Zustande des Kranken, sowohl 
seines psychisch-infantilen Verhaltens wie der Taubstummheit erst 
unmittelbar nach der eingeleiteten faradischen Behandlung, die 
unter verbaler (schriftlicher) Suggestion vorgenommen wurde, ein¬ 
getreten; ich bekenne ohneweiters, daß wir in diesem Falle ver¬ 
mutlich eine Unterlassungssünde begangen haben. Hätten wir die 
Faradisierung sofort nach Ablauf der ersten Erregungszustände an¬ 
gewendet, so wäre uns vielleicht schon damals derselbe Erfolg be- 
.schieden gewesen; . aber das eigenartige psychische Gepräge des 
Falles, das uns, wie bereits erwähnt, auch anfangs diagnostische 


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Dr. (Jeorg Stiefler. 


Schwierigkeiten schaffte, ließ uns nicht auf diesen Gedanken kommen. 
Daß es sich tatsächlich um einen psychogenen Dämmerzustand 
handelte, bedarf wohl keiner weiteren Begründung: die plötzliche 
Entwicklung des Zustandsbildes im Anschluß an das gefühlsbetonte 
Erlebnis, die inhaltliche Beziehung zu letzterem, die somatischen 
Erscheinungen, die plötzliche Aufhellung, die Wirkung der Sug¬ 
gestivtherapie, die unvollständige Amnesie sind hinlängliche Be¬ 
weise hiefür. 

Wir sehen, die klinische Erscheinungsform der ge¬ 
schilderten Dämmerzustände ist eiue sehr mannigfaltige: Halluzina¬ 
torische Angstzustände mit Erregung oder Stupor, manischer Sym- 
ptomenkomplex, delirante Verworrenheit, einfache traumhafte Be¬ 
nommenheit, katatone Bilder beherrschen zum Teil andauernd die 
Situation, zum Teil stehen sie in jähem und öfterem Wechsel mit¬ 
einander; allen gemeinsam ist vor allem die ganz ausgesprochene 
inhaltliche Färbung durch bestimmte Affekterlebuisse, bzw. all¬ 
gemeine Kriegsereignisse. Was als „Kriegspsychose“ imponieren könnte 
— die Annahme einer spezifischen Kriegspsychose wird ja mit Recht 
allenthalten abgelehnt —, wären am ehesten solche psychogene 
Dämmerzustände, namentlich jene kurzdauernden manischen und 
ängstlich-depressiven Erregungen mit theatralischer Wiedergabe der 
Schlachteindrücke. C'imbal hat von einer Gefechtspsychose des 
Stellungskampfes gesprochen, wobei die Soldaten plötzlich aus dem 
Schützengraben springen und blindlings zwecklos gegen den Feind 
losstürzen; ich habe derartige Fälle während des Stelluugskampfes 
später gesehen, aber ebenso häufig auch im Bewegungskriege, so bei 
den Rückzugskämpfen im Sommer 1914, während der Schlacht an 
der Magiera (Oktober 1914) und bei Ausfällen der Besatzung Prze- 
mysls. Es handelte sich hiebei, wie wir bereits au der Haud mehrerer 
eigener Beobachtungen (14, 20) zeigen konnten, sehr häufig um 
psychogene Dämmerzustände (meistens manisch gefärbte Erregungs- 
uud Verwirrtheitszustände). 

Wie wir schon in Besprechung der exogen-pathogenen 
Faktoren hervorgehobeu haben, lassen sich in alleu unsern Fällen 
seelisch wirksame Noxen auffinden, teils bestimmte akute Affekt¬ 
erlebnisse (Granat- bzw. Scbrapnellexplosionen, Ausharren im Granat¬ 
feuer, Gefechtsszenen), teils mehr chronisch-emotionelle Spannungen 
(Kriegsstrapazen, Mobilmachung, Kriegskomplex); die Mitwirkung 
einer mechanischen Erschütterung (Granatexplosion) hätte nur in 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


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zwei Fällen in Betracht kommen können. Aus dem klinischen Bilde 
unserer Fälle läßt sich ein bestimmter Hinweis auf den Charakter 
des auslösenden psychischen Agens im allgemeinen nicht feststellen; 
wir finden dieselben Formen der Dämmerzustände bei verschiedenen 
Anlässen, sowohl bei den verschiedenen akuten psychischen Traumen 
wie bei den persistenten, affektbetonten Vorstellungen. Wohl kann 
die inhaltliche Färbung des Bildes im einzelnen Falle das Ausgangserleb¬ 
nis reproduzieren oder wenigstens eine ungefähre Darstellung desselben 
geben; doch haben wir an den klinischen Einzelbildern absolut keine 
unterscheidenden Anhaltspunkte dafür gewinnen können, ob jemand 
infolge der Fxplosion einer Granate oder eines Schrapnells iu un¬ 
mittelbarer Nähe (Granatkontusion) erkrankte, oder dadurch, daß er 
lediglich unter dem Eindruck des Artilleriefeuers stand. Wir sahen 
ferner die gleichen Zustandsbilder wie nach „Granatexplosion“ 
auch bei Soldaten, die überhaupt noch nicht au der Front waren, 
z. B. hei Mobilmachungsfällen. So machte ein 30jähriger Train¬ 
soldat während des Aufmarsches nach Galizien einen mehrtägigen 
Dämmerzustand durch, der mit Rücksicht auf die psychopathische 
Konstitution des Mannes, auf die somatischen Begleiterscheinungen, 
die Beeinflußbarkeit der psychotischen Symptome durch die Um¬ 
gebung nur als psychogen, bzw. hysterisch anzusprechen war und 
dabei durchaus in der Gesamterscheinung des Zustandsbildes sich den 
oben mitgeteilten Fällen anreiht P. hielt die andern Kranken für 
Russen, halluzinierte Gewehrfeuer, Kanonendonner, sah explodierende 
Schrapnells am Himmel, Aufschläge von Fliegerbomben, getötete 
und verstümmelte Soldaten usw., obwohl er noch gar nicht im Kampf¬ 
raum gewesen war! Es wird uns auch nicht wundern, wenn ein 
Mobilmachungsfall im Dämmerzustände ein „Schlachtenerlebnis“ auf¬ 
führt; eine timide ängstliche Natur wird durch die Vorstellungen 
all der gehörten oder gelesenen grausigen Ereignisse des Kampfes, 
die drohende Gefahr der Tötung, Verstümmlung aus dem affektiven 
Gleichgewicht gebracht und es kann ohneweiters bei der patholo¬ 
gischen Fixierung der Affekte auch der Inhalt der stets gehegten 
Befürchtungs- und Schreckvorsteilungen im klinischen Bilde zum 
Ausdrucke kommen. Aus demselben Grunde werden wir auch gegen¬ 
über der Anerkennung einer sogenannten Schreckpsychose, insoferne 
sie als Folge einer bestimmten akuten Schädigung betrachtet wird, 
uns ablehnend verhalten müssen, da, wie uns unsere Fälle lehren, 
wir dieselben Symptomenkomplexe sowohl nach akuten psychischen 


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]>r. Kcorg StioHtu*. 


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Traumen wie ohne bestimmte äußere Veranlassung auf dem Boden 
einer mehr chronischen Gemütserregung und ideogener Faktoren (Be- 
türchtungs-,Begehruugsvorstellungen)sich entwickeln sehen. Schmidt 
hat Psychosentalle nach Minensprengungeu und schwerkalibrigen 
Granatexplosionen mit Verschüttung beschrieben, wobei es sich, wie 
der Autor selbst ausführt, um der akuten Kommotionspsychose nahe¬ 
stehende, Korsakow ähnliche psychische Störungen handelte, wie 
wir sie mehrere Male bei Kopfschüssen mit zerebraler Kommotion 
beobachtet haben und denen wir wohl eine materielle anatomische 
Grundlage zugestehen; sie gehören in das Gebiet der Kommotions- 
psychosen, bzw. Neu rosen (H a r t ra a u n, 8 c h r ö d e r, B e r g e r, H o r n) 
und sind sowohl wegen ihrer mechanischen Genese und ihrer eigen¬ 
artigen. eiuförmigeu klinischen Charakteristik — amnestische Kom¬ 
plexe — von den psychogenen Krankheitsformeu zu trennen, wie 
dies u. a. Bonhöfter bereits klar und deutlich ausgesprochen hat. 

Nur in etwa der Hälfte unserer Fälle war eine endogene 
Disposition nachweisbar, hievon in vier Fällen eine hysteropatbi- 
sche Konstitution, deren Eigenart auch in den autgetretenen Dämmer¬ 
zuständen zum Ausdrucke kam. Wir sahen aber auch in andern 
Fällen hysterische Züge, sowohl hinsichtlich der psychotischen Sym¬ 
ptome wie im Vorhandensein hysterosomatischer Erscheinungen aus¬ 
geprägt; ob die Kriegsereignisse allein den konstitutionellen Boden 
schatten können, auf dem sich die psychogeue Reaktion entwickelt, 
diese Frage muß offen bleiben; die größere Wahrscheinlichkeit spricht 
dafür, daß auch bei nicht nachweisbarer Konstitution es sich da um 
eine solche konstitutionelle Schwäche gehandelt hat und werden 
uns wir nicht ohne weiteres entschließen, anzunehmen, daß bei einem 
konstitutionell vollwertigen Gehirn ähnliche Reaktionen möglich 
wären. Daß eine von Haus aus bestehende ausgesprochenere nervöse 
Veranlagung ein besonders günstiges Feld für das Zustandekommen 
und für die Fixierung psychogener Reaktionen abgibt, ist natürlich, 
ebenso wie auch ihr nachteiliger Einfluß auf die Dauer der Erkrankung 
in mehreren unseren Beobachtungen klar zu erkennen ist; ich ver¬ 
weise nur auf die Fälle der protrahierten Dämmerzustände (Be¬ 
obachtung 17 bis 22), wo je zweimal eine hysteropathische und ein¬ 
mal eine oligoplnene Komponente raitwirkteu, dereu Eigenart auch 
imSymptomenbilde hervortrat. Von hysterischen Psychosen im engeren 
Sinne werden wir nur bei jenen Fällen sprechen, die — gleichgültig, 
ob eine hysteropathische Konstitution bereits früher manifest war 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


177 


oder nicht — in ihren klinischen, psychischen und somatischen Er¬ 
scheinungen als solche zu bezeichnen sind; ich verweise nach dieser 
Richtung auf die Besprechung der depressiven Zustände und der 
einzelnen Formen der Dämmerzustände im Anschlüsse an die Einzel¬ 
beobachtungen. Ihre Abgrenzung außerhalb der allgemeinen Gruppe 
•der psychogenen Geistesstörungen ist oft schwierig, ja manchmal 
kaum durchführbar und in vielen Fällen nur durch den Nach¬ 
weis hystero-somatischer Symptome möglich. In allen Fällen von 
psychogenen Dämmerzuständen kurzweg von Hysterie zu sprechen, 
kann ich nicht für richtig halten, stehe vielmehr in Hinweis auf 
die eingangs dargelegten Ausführungen auf dem Standpunkt der 
weiteren Begriffsfassung der Psychogenie, unter die wir die der Hysterie 
zugehörigen Fälle unterordnen. 

Die Differentialdiagnose gegenüber dem manisch-depres¬ 
siven Irresein und der Schizophrenie bietet bei Betrachtung des 
gesamten Verlaufes unserer Fälle ja keine weiter zu erörternden 
Schwierigkeiten; solche kommen freilich gar nicht selten bei Be¬ 
urteilung des gegebenen klinischen Momentbildes in Betracht, das, 
wie mehrere Fälle zeigen, mit den genannten endogenen Prozessen 
oft eine täuschende Ähnlichkeit haben kann. Bei den manisch ge¬ 
färbten psychogenen Erregungszuständen weisen die plötzliche Ent¬ 
stehung, die Desorientiertheit, die ausgesprochene Kriegsfärbung, die 
Beeinflußbarkeit des Kranken durch die äußeren Eindrücke, der even¬ 
tuelle Nachweis hysterischer körperlicher Begleiterscheinungen auf 
den psychogenen Charakter hin. Schwierigkeiten bieten namentlich 
jene Fälle, die ohne jede Anamnese vom Felde direkt überstellt 
werden. Lehrt uns auch die Kriegserfahrung, daß es sich hiebei fast . . 
stets um psychogene Zustände handelt, das manisch-depressive Irre¬ 
sein im allgemeinen zu den eher seltenen Psychosen im Kriege ge¬ 
hört, so wird man sich immerhin einzelner manisch-depressiver Fälle 
zu erinnern haben, die ebenfalls eine psychogene Beeinflussung, eine 
Kriegsfärbung, sowie Züge von Verwirrtheit aufweisen, so daß erst 
der weitere Verlauf, die Anamnese uns die entscheidende Klärung 
bringen. Gegenüber der Schizophrenie ist als unterscheidend her¬ 
vorzuheben das Erhaltensein der psychischen Persönlichkeit, die Über¬ 
einstimmung zwischen Affekt und Vorstellungsinhalt, die inhaltlichen 
Beziehungen zum Ursprungserlebnis, die Abhängigkeit von äußeren 
Vorgängen. Nicht in allen Fällen sind aber diese kennzeichnenden 
Merkmale deutlich ausgeprägt. Ra ecke spricht von hysterischen 

Jahrbücher der Psychiatrie. XXXIX. Bd. 12 


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178 


Dr. (ieorg Stierer. 


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und katatonen Situatiouspsychosen, von länger oder kürzer dauernden 
Zustandsbildem, die sich im Auschluß an ein Affekterlebnis bei zwei 
durchaus verschiedenen Krankheitsarten entwickeln. Nach Bon- 
höffer läßt sich bei der hysterischen Psychose das Krankheitsbild 
auf einen innerlich einheitlichen Prozeß zurückführen mit deutlich 
emotivem Kern und der Berechnung auf die Umgebung ira Gegen¬ 
satz zur Abkehr der Schizophrenen von der Mitwelt; Bonhöffer 
führt aber des weiteren aus, daß auch bei Hysterie eine Inkongruenz 
von Affekt und Vorstellungsinhalt durch das Auftreten kontrastieren¬ 
der Affekte sich ergeben kann und auch die Art psychomotorischer 
Erscheinungen die Beurteilung erschwert, während wir anderseits 
wiederum psychogene Momente, Suggestibilität bei schizophrenen 
Zustandsbildern finden können. E. Meyer bemerkt zur Arbeit von 
Raecke, daß die Differentialdiagnose der psychogenen Reaktionen 
gegenüber ähnlichen Bildern der Dementia praecox nicht aus dem 
Nachweis des affektiven Ausgangserlebnisses zu stellen ist, da nur 
das klinische Bild über die Grundkrankheit Aufschluß zu geben ver¬ 
mag. Gerade manche unserer Fälle von psychogenem Stupor mit 
katatonen Erscheinungen (Grimassieren, Katalepsie, Verbigeration, 
Mutismus, Negativismus) klärten sich erst nach längerer Beobachtung 
und es war ihre Beurteilung gegenüber Schizophrenie in der ersten 
Zeit oft recht unsicher. Was die Absonderung gegenüber der Epi¬ 
lepsie anlangt, so spricht, abgesehen von dem Auftreten hysterischer 
Zustände im Anschlüsse an ein gemütliches Trauma, wobei eine 
inhaltliche Beziehung zu diesem erkennbar ist, abgesehen von der 
theatralischen Färbung des Affektes, der Beeinflußbarkeit der Bilder 
durch die Umgebung, dem Vorhandensein hysterosomatischer Er¬ 
scheinungen, auch ein remittierender Verlauf sowie allmähliches Ab¬ 
klingen des Zustandsbildes, eine nicht so vollkommene Amnesie mehr 
für Hysterie. Wenn diese Kennzeichen auch für die Mehrzahl der 
Beobachtungen hinreichen, so bleibt noch eine Gruppe von Fällen 
übrig, die mit der Epilepsie gemeinsame Merkmale auf weisen und 
deren klinisch-diagnostische Sicherstellung Schwierigkeiten bereiten 
kann. Wir wissen aus unseren eigenen Kriegserfahrungen, daß sowohl 
epileptische Krampfanfälle wie epileptische Dämmerzustände in un¬ 
mittelbarem Anschluß an ein affektbetontes Erlebnis auftreten können, 
und zwar handelte es sich hiebei keineswegs immer um Fälle von 
sogenannter Affektepilepsie, sondern um typische chronische Epi¬ 
lepsie, ferner wissen wir, daß auch die Epilepsie psychogene Züge 


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Über Psychosen und Neurosen im Kriege. 


179 


in ihren psychischen sowohl wie somatischen Äußerungen gelegent¬ 
lich darbieten kann. Anderseits lernten wir kurzdauernde psychogene 
Dämmerzustände mit hochgradiger tobsuchtähnlicherErregung kennen,’ 
die durch die äußere Umgebung nicht beeinflußbar waren, sich kritisch 
lösten und mit vollkommener Amnesie einhergingen; auch die in¬ 
haltliche Einstellung auf das auslösende Ereignis, der Kriegsinhalt, 
spricht nicht unbedingt für die Psychogenie, da wir ihn auch bei 
epileptischen Dämmerzuständen ab und zu gesehen haben. In der¬ 
artigen Fällen wird eine sorgfältige Anamnese die Grundkraukheit 
feststellen können; wir konnten bei uusern Fällen nachweisen, daß 
in der weitaus größeren Mehrzahl der sicher epileptischen Psychosen 
epileptische Antezedenzien erhebbar waren. 

Die Prognose der psychogenen Dämmerzustände ist günstig, 
wir haben mit Ausnahme nur weniger Fälle die Kranken wochen- 
und monatelang beobachten können und in keinem einzigen Falle 
die Wiederkehr eines Dämmerzustandes beobachtet, obwohl die 
Kriegssituation — Belagerung, Beschießung des Spitales — gewiß 
kein günstiges Milieu genannt werden kann. Auch bezüglich der 
nervösen Konstitution, die nach Ablauf der akuten psychischen Störung 
in einem Teil der Fälle noch nachweisbar war, namentlich bezüglich 
der neurasthenischen und hysterischen Erscheinungen auf körper¬ 
lichem Gebiete, die in einigen Fällen längere Zeit anhielten, ist nach 
unseren Erfahrungen die Prognose als günstig zu betrachten; zur 
Ausbildung dauernder somatischer Störungen ist es in keinem Falle 
gekommen. 

In therapeutischer Hinsicht haben uns mehrere Kriegsfälle 
gelehrt, daß wir, wie bei den Neurosen, auch bei den psychogenen 
Geistesstörungen ausgiebig Gebrauch von der Psychotherapie machen 
sollen. Daß eine Suggestivtherapie auch nach wochen-, ja monate¬ 
langem Bestände der physischen Erkrankung noch von vollem Er¬ 
folg gekrönt sein kann, zeigen uns die Beobachtungen 17 uud 20, 
wo sowohl die psychischen wie somatischen Erscheinungen durch 
milde faradische Behandlung nach einer, bzw. zwei Sitzungen behoben 
wurden. Man wird dadurch in manchen Fällen nicht nur die Dauer 
des psychotischen Zustandes abkürzen, sondern auch die Entwicklung, 
bzw. ein längeres Verweilen somatischer Störungen verhindern können. 
Was die Wahl der Art und des Zeitpunktes der anzuwendenden 
Suggestivtherapie betriflt, so gilt hiefür im allgemeinen derselbe 
Standpunkt wie bei den Neurosen; akut entstandene „frische“ Fälle 

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Dr. Georg Stietier. 


wird man in den erstan Tagen nach der Aufnahme am zweckmäßigsten 
sich selbst fiberlassen, ebenso wie man in der Regel den spontanen 
‘Ablauf der Erregungszustände abwarten wird, bevor man sich zu 
einem aktiven Eingreifen entschließt. 

Die Frage der Dienstbeschädigung kommt bei den psy¬ 
chogenen Geistesstörungen, insofern es sich um vorübergehende Er¬ 
krankungen handelt, nicht in Betracht; bezüglich verbleibender psy¬ 
chisch-nervöser Erscheinungen gelten dieselben Maßnahmen wie bei 
den Neurosen. 

Die Wiedereinstellung von Soldaten mit abgeheilten psy¬ 
chischen Störungen zum Frontdienste ist mit Rücksicht auf die 
mögliche, bzw. wahrscheinliche Wiederkehr derartiger Zustände nach 
kürzerem oder längerem Dienste nicht zu empfehlen, schon im 
Hinblick darauf, daß solche Kranke in einem Erregungszustand für sich, 
wie für die Umgebung eine ganz eminente Gefahr bilden können; 
hingegen kann, wie uusere Erfahrungen an selbst schweren Fällen 
zeigen, nach Heilung des akuten Zustandsbildes unbedenklich Gar- 
nisons-, bzw. Etappendienst vorgeschlagen werden. 


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Referate. 


Bing Robert: Kompendium der topischen Gehirn- und 
Rückenmarksdiagnostik. 3. vermehrte und verbesserte 
Auflage. Urban & Schwarzenberg. Berlin und Wien 1917. 

Für Neurologen und Nichtneurologen bestimmt, ist das nun¬ 
mehr mit 97 z. T. mehrfarbigen Abbildungen schön ausgestattete, 
von 208 auf 235 Seiten vergrößerte Büchlein in der Anordnung 
des Stoffes nicht verändert, doch wurden einzelne Kapitel, so 
Kleinhirn, Sehstörungen, besonders durchgreifend neu bearbeitet; 
die Tabellen zur Segmentdiagnose sind nach dem neuesten Stande 
unseres Wissens korrigiert, eine erweiterte Reihe von Symptomen 
und Syndromen topisch diagnostisch gewürdigt. Das handlich ge¬ 
bliebene Kompendium ist als rasch orientierender sicherer Berater 
zu empfehlen. 

IraerlinM.: Über psychische und ner vöse Erkrankungen 
bei Kriegsteilnehmern. Würzburg, Curt Kabitzsch, 1917. 

Das 10. u. 11. Heft aus dem 16. Bande Wüizbuiger Abhand¬ 
lungen beschäftigt sich mit der Neurasthenie, der Schreck- oder 
(wie Isserlin schreibt) Schockneurose, hysterischen Zuständen. Oppen¬ 
heims Lehre von der traumatischen Neurose wird abgelehnt. Da 
sich die Rentenkrankheiten mehren, ist eine der wichtigsten Auf¬ 
gaben der nervenärztlichen Behandlung und Begutachtung, ihnen 
durch zweckmäßiges Handeln zu begegnen. Die psychopathischen 
Zustände und die Psychosen im Kriege werden gestreift; Verfasser 
trennt die affekt-epileptischen Anfälle von den echt epileptischen; 
er berichtet über systematische Arbeitsversuche bei Kriegsteilnehmern 
und bringt eine Anzahl von Kurven über die Ergebnisse. Bemer¬ 
kungen über Prognose und Therapie bilden den Beschluß. 

Becker Werner H.: Psychotherapie in Irrenanstalten. 
Würzburg, Curt Kabitzsch, 1917. 

Das 4. Heft des 17. Bandes Würzburger Abhandlungen. Verf. 
sammelt, was alles an bewußter und beabsichtigter einerseits, an 
unbewußter, älteren und erfahrenen Kollegen bei gemeinschaftlichen 


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182 


Referate. 


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Visiten abgelauschter Psychotherapie andererseits bereits Gemeingut 
der modernen Irrenheilkunde geworden ist, auch wenn die Psycho¬ 
therapie als solche dem ausübenden Arzte gar nicht so recht zum 
Bewußtsein gekommen. Über einzelne, durch Autorenuamen charak¬ 
terisierte Methoden der Psychotherapie geht B. um so leichter hin¬ 
weg, als im Einzelfalle dojh meist der psychologische Instinkt des 
Arztes zu entscheiden hat. 

Rövösz Böla: Geschichte des Seelenbegriffes und der 
Seelenlokalisation. Stuttgart, Ferdinaud Enke, 1917. 

Verf. beleuchtet das Seelenproblem in Altertum, Mittelalter 
und Neuzeit, sucht die Berührungspunkte, in welchen sich die Lehren 
vom Wesen der Seele mit den Geistesströmungen ihrer Zeit treffen. 
Nicht nur die Meinung von Philosophen und Psychologen kommt 
zu Wort, sondern auch jene von Ärzten, die sich mit dem Seelen¬ 
problem befaßt haben, wodurch die Geschichte dieses Problems auch 
von biologischer Seite beleuchtet wird. 

Am Ende der Revue über die Eutwicklung des Seelenbegrifles 
und der Seelenlokalisation erörtert R. noch die Frage, ob sich in 
den Tausenden von Jahren irgend ein leitendes Prinzip entdecken 
läßt. Seele nennt er die Gesamtheit der innerlichen Tatsachen, die 
Geschehnisse in unserem Bewußtsein, also Empfinden, Fühlen, Denken. 
Erwägen, Wollen, Handeln, oler wie Pfänder sagt, die seelische 
Wirklichkeit im Gegensatz zur materiellen Wirklichkeit. Das heutige 
psychologische Wissen gestattet das Gehirn als Vorbedingung, nicht 
aber als den Ort des psychischen Geschehens zu betrachten. Alle 
weiteren Fragen, namentlich über Ursprung und Zukunft der Seele 
müssen der Theologie oder der Spekulation überlassen bleiben. 

Augstein, Dr. C.: Medizin und Dichtung, die pathologi¬ 
schen Erscheinungen in der Dichtkunst. Stuttgart, 
Ferdinand Enke, 1917 

Das vorliegende, recht gefällig geschriebene Büchlein ist aus 
Vorträgen entstanden, welche Verf. vor Jahren in der literarischen 
Abteilung der deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 
in Bromberg gehalten, daher allgemeinverständlich, nicht für den 
Spezialisten bestimmt. Das Thema gliedert sich in fünf Abschnitte: 
Wie große Dichter über ärztliche Wissenschaft und ihre Vertreter 
urteilen. — Dichterische Darstellung des Sterbens, der Krankheit 
und des Wahnsinus. — Dichterische Darstellung psychopathischer 
Personen. — Pathologische Persönlichkeiten unter den Dichtern. — 
Die Suggestion im Leben und in der Dichtung. 

Hens, Dr. S.: Phautasieprüfung mit formlosen Kleck¬ 
sen bei Schulkindern, normalen Erwachsenen und 
Geisteskranken. Zürich. Speidel & Wurzel. 1917. 


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Heferate. 


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Sooderabdruck einer Inauguraldissertation, aus der Klinik 
Bleuler stammend. Versuchspersonen waren 1000 Schulkinder, 100 
Normale und 100 Geisteskranke. Die Versuchsergebnisse werden 
vom Verf. nach allen Richtungen eingehend erörtert, und bestätigen 
viele Erfahrungstatsachen. Vermerkt sei speziell, daß die Geistes¬ 
kranken sich in der Deutung der Kleckse nicht so von deu Gesunden 
unterscheiden, daß man daraus auf Geisteskrankheit schließen könnte; 
wesentlich sind nur die Unterschiede in der Auffassung des Experi¬ 
ments und in der Reaktion auf dasselbe. Verf. gibt Anregungen, wie 
man event. mit Aussicht weiter experimentieren könnte. Acht Kleckse, 
die sich besonders bewährten, sind dem schön ausgestatteten Hefte 
auf Tafeln beigegeben. 

Bemnitz, Dr. M. v. : Das Weib und seine Bestimmung. 
Ein Beitrag zur Psychologie der Frau und zur Neuorientierung 
ihrer Pflichten. München, Emst Reinhardt, 1917. 

Indem Verf. die Literatur der Fraueufrage durchblättert, wundert 
er sich, wie wenig die Verschiedenheit der Geschlechter in bezug 
auf die geistigen Fähigkeiten betont wird. Meist ist von einer Minder¬ 
wertigkeit der Frau oder von einer Gleichheit mit dem Manne die 
Rede. In beiden Fällen wäre natürlich wenig Anlaß, an der bisheri¬ 
gen Arbeitsteilung zu rütteln. Die eingehende Beschäftigung mit der 
Verschiedenheit der Geschlechter läßt aber ahnen, wie viel sich die 
Familie und der Staat entgehen lassen dadurch, daß sie nur einige 
wenige Fähigkeiten des Weibes verwerten. Gerade dieses Studium 
schützt auch vor „Mißbrauch“ der Frauenkraft, wie er unvermeidlich 
ist bei jener Erweiterung der weiblichen Arbeitsgebiete, die sich 
lediglich aufbaut auf dem Ideal der Gleichberechtigung der Geschlechter. 

In allgeraeinverständlicher Weise erörtert v. R. die Ergeb¬ 
nisse der wissenschaftlichen Forschung über weibliche Eigenart, wobei 
er die Widersprüche, namentlich der psychologischen Forschung, 
beklagt. Er selbst entwirft ein recht freundlich anmutendes Bild 
aller Funktionen des weiblichen Seelenlebens. 

Der 3. Hauptteil des Werkes bringt die Anwendung der von 
ihm zusamraengefaßten Forschungsergebnisse auf Entwicklung und 
Betätigung der Frau, im einzelnen ausgearbeitet, mit vielen feinen 
Bemerkungen über Neuorientierung. Ein Beispiel: Wenn Politik 
wirklich nichts anderes sein kann als das, was der Mann aus ihr 
gemacht hat, dann müssen wir es aufrichtig bedauern, unserem Ge¬ 
rechtigkeitsgefühl nachzugeben und die Frau zur Politik zu rufen. 
Der „heilige Egoismus“, der sich beim Manne so glücklich mit den 
männlichen Tugenden verbindet, bedeutet bei der Frau eine ver¬ 
kümmerte Mütterlichkeit und der Kampf um die Macht, der aus 
dem Mann die fruchtbarsten Taten lockt, kann weibliche Eigenart 
eher verzerren als entwickeln.... Die Frau könnte dank ihrer altrui¬ 
stischen Tendenzen die Rechte aller vor Augen haben und dafür 


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184 


Referate. 


sorgen, daß den Machtgelüsten der einzelnen im Interesse des Ge- 
saintwohls Ziele gesetzt würden. ... Wir verlangen also nicht mehr 
und nicht weniger, als daß die Frau sich eine Politik schafft, die als 
Ergänzung der männlichen Politik Bedeutung für den Staat gewinnen 
kann. Wer aber schaffen will, muß selbständig sein, und das sollten 
alle Frauen bedenken, die heute die staatsbürgerliche Gleichberechti¬ 
gung der Geschlechter verlangen. Wenn sie hier wie auf anderen 
Gebieten den Mann nachahmeu, so wird das für ihren Charakter 
etwas verfänglicher sein, als es auf den wissenschaftlichen Gebieten 
für sie sein konnte. ... Es gibt ein Gebiet der Politik, für das die 
Frau auch in seiner heute bestehenden Form entschieden eine Mehr¬ 
begabung zeigt, das ist die Diplomatie. Sie setzt viel psychologisches 
Feingefühl voraus, verbunden mit der Begabung der Beredsamkeit, 
und ist von jeher ein beliebtes geheimes Arbeitsgebiet des weiblichen 
Geschlechtes gewesen. Frauen würden wegen ihrer größeren sexuellen. 
Unabhängigkeit vom anderen Geschlecht nicht so leicht zu mi߬ 
brauchen sein. A uch aus diesem Grunde scheinen sie recht geeignete 
Diplomaten, die man vielleicht in späteren Dezennien allgemein 
verwenden wird. 

Diagnostische und therapeutische Irrtümer und deren 
Verhütung, herausgegebeu von Prof. J. Schwalbe. Leipzig, 
Georg Thieme, 1917. 

2. Heft. Meyer-Königsberg, Prof. E.: Psychiatrie. 

Dieses für den Praktiker geschriebene Heft erörtert im all¬ 
gemeinen Teil besonders breit die Simulatiousfrage, im speziellen 
namentlich die Dementia praecox, und dies mit Recht, da erfahrungs¬ 
gemäß gerade hier die meisten Irrtümer in der Diagnose unterlaufen. 
Bezüglich Einteilung der Psychosen wählt Verf. Anlehnung an die 
Heidelberg-lllenauer Bearbeitung a. d. J. 1912, so daß das Vorge¬ 
brachte von dem Schüler jeder Schule mit Nutzen aufgenommen 
werden kann. 

3. Heft. Weber-Chemnitz, Prof. L. W.: Neurosen. — 
Naegeli-T üb i n g eu, Prof. 0. : Unfallsneurosen. 

Während man, dem Sprachgebrauch folgend, die Kapitel Neur¬ 
asthenie und Hysterie im vorlienden Hefce suchen würde, sind diese 
beiden Neurosen tatsächlich ira 2. Heft der Psychiatrie von Meyer 
abgehandelt worden. So zutreffend dies der Sache nach auch sein 
mag, wird das Thema Neurosen arg verkürzt; es erübrigt für 
Weber nur mehr die Besprechung der Epilepsie, Muskelkrämpfe, 
chron. Bewegungsstörungen, vasomotorisch-trophischen Neurosen, 
Neuralgien und Kopfschmerzen. 

Die Unfallsneurosen behandelt Naegeli wieder eingehender, 
u. zw. ganz im Sinne der bekannten, jüngst von ihm publizierten 
Monographie. 


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Keferate. 


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Schilder, Dr. med. et phil. Paul: Wahn und Erkenntnis. 
Eine psychopathologische Studie. Berlin, Julius Springer, 1918- 
- Das 1. Kapitel: Zur Frage der Halluzination, beginnt mit einer 
experimentellen Untersuchung, die den Verf. zu Schlußsätzen be¬ 
rechtigt über Beziehungen von Vorstellungen und Wahrnehmungen. 
Nach drei kurzen Krankengeschichten aus der Leipziger psych. Klinik 
folgt im 2. Kapitel: Wirklichkeitsanpassung und Schizophrenie, eine 
sehr ausführliche Wiedergabe eines allerdings auch ungewöhnlichen 
Falles. Sch. sieht hier eine Krankheitsform, welche nach dem 
Typus der Überwindung eines metaphysischen oder religiösen Zweifels 
verläuft. Eingehende und tiefschürfende Zergliederung des normalen 
und krankhaften Denkens führt den Verf. zu weiten Ausblicken; 
ähnliche Mechanismen wie bei der Schizophrenie sind auch völker¬ 
psychologisch von Bedeutung, wie im 3. Kapitel: Völkerpsychologie 
und Psychiatrie, an der Hand weiterer Krankengeschichten auf¬ 
gezeigt wird. Ein Anhang beschäftigt sich mit dem Futurismus. 
Zwei farbige Tafeln als Probe (Produkte von Geisteskranken) inten¬ 
dieren und erfüllen, was der Futurismus will. 

Was Veif. so bescheiden eine Studie nennt, ist eine ernste 
Arbeit, welche über schwierigste Probleme, die erkenntuistheoreti- 
sche Orientierungen voraussetzen, Licht zu verbreiten sich bestrebt 
und fern von Lärm und Unrast des Tages ebenso ernst gewürdigt 
zu werden verdient. 

Simmel, Dr. Ernst: Kriegsneurosen und „psychisches 
Trauma“, in ihren gegenseitigen Beziehungen dargestellt auf 
Grund psycho-analytischer, hypnotischer Studien, mit einem Geleit¬ 
wort von Dr. Adolf Schnee. Leipzig-München, Otto Nemnich, 1918. 

Verf. hat das therapeutische Problem der Kriegsneurosen ge¬ 
löst. Wo als Ursache der Neurose eine einmalige Schwächung des 
Persönlichkeitskomplexes in einem bestimmten Kriegserlebnis statt¬ 
gefunden, genügt Suggestion, meist in einer einzigen Sitzung. In 
allen anderen Fällen ist psycho analytisch die seelische Ursache 
des Leidens zu suchen. Verf. hofft, daß „wir in sinngemäßem Aus¬ 
bau der psycho-analytisch-hypnotischen Methodik auf dem Wege zur 
Heilung sämtlicher Geisteskrankheiten sind, die nicht auf organi¬ 
scher Schädigung beruhen. ... Wir dürfen heute schon die Zeit er¬ 
kennen, in der infolgedessen durch Entvölkerung der Irrenaustalten 
an einem Teil der Menschenökonomie mitgearbeitet wird, wie sie die 
Menschenverschwendung dieser Kriegsjahre für den Bestand aller 
Nationen notwendig macht“. 

Weyert, St.-A., Dr.: Militär-psychiatrische Beobachtun¬ 
gen und Erfahrungen. Halle a. S., Karl Marhold, 1915. 

Der Sammlung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete 
der Nerven- und Geisteskrankheiten, 11. Band, 2. bis 4. Heft, das 


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186 


Referate. 


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trotz der Jahreszahl noch aus den Zeiten tiefsten Friedens stammt. 
Statistische Übersichten schließen mit dem Jahre 1909, die Literatur 
ist allerdings bis nahe an Kriegsiusbruch berücksichtigt. Den 
wesentlichen Inhalt des Bändchens bildet der Bericht Aber die 
Tätigkeit der Po3ener militär-psychiatrischen Abteilung vom l./X. 1911 
bis 30./IX. 1912, die liebevolle Verarbeitung von 102 Zuwächsen. 
Wenn die Frage der Dienstbeschädigung erörtert wird, ist es also 
eine solche des Friedens-Garnisondienstes. Doch enthält das Buch 
mancherlei Interessantes, Zeitloses, so über gerichtliche Fälle, Psycho¬ 
pathen beim Militär, Schädeltraumen u. dgl. Für Haltlose, die im 
Gefängnis erzieherisch kaum beeinflußt werden können, bei der 
Truppe erneute Konflikte voraussetzen lassen, schlägt Verf. eigene 
modifizierte Arbeiterabteilungen vor, um das Heer von ungeeigneten 
Elementen zu säubern. R. 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie 

in Wien. 

(Vereinsjahr 1916/17.) 

Sitzung vom 12. Dezember 1016. 

Vorsitzender: Oberste in er. 

Schriftführer: Schacherl. 

a) Reuter demonstriert einen Fall von hämorrhagischer tuber¬ 
kulöser Enzephalitis. 

Es handelt sich um einen zirka 25 bis 30 Jahre alten, unbekannten 
Mann, welcher am 25. Juli 1916 nachts auf die psychiatrische Klinik auf¬ 
genommen wurde. 

Bei der Aufnahme war derselbe sehr schwach, konnte nur mit Mühe 
gehen; er zitterte am ganzen Körper. Er lallte unverständliche Worte, konnte 
seinen Namen nicht richtig angeben; es war überhaupt nicht möglich, mit 
ihm eine Anamnese aufzunehmen. Die körperliche Untersuchung ergab einen 
kleinen, mara9tischen, abgemagerten, muskelschwachen Mann; Pupillen- 
ditferenz, lichtstarre Pupillen, Steigerung der Patellarsehuenreflexc, im Be¬ 
reiche der Brustorgaue keinen nennenswerten Befund. Der Mann verfiel 
rasch und starb am 27. Juli um 8 Uhr früh. Die von der Klinik gestellte 
Diagnose lautete „Tuberkulöse Meningitis“. 

Bei der sanitätspolizeilichen Obduktion, welche Reuter am 29. Juli 
1016 vornahm, wurde nun im Bereiche des linken Stirnhirnea ein über nuß- 
großer, hämorrhagischer, enzephalitischer Herd nachgewiesen. Der Herd 
reichte nach vorne an einzelnen Stellen bis zu den Stirnwindungen, nach 
innen bis zum Kopf des Streifenhügels und zu den äußeren Partien des 
Linsenkernes, nach außen bis an die Rinde, nach rückwärts bis zur Mitte 
des Linsenkernes. Die nähere Besichtigung des Herdes ergab, daß dieser 
sich aus zahlreichen, etwa erbsengroßen, dunkelroten, von einem weißlichen, 
faserigen Gewebe umgebenen Blutungen zusammensetzte. Die Umgebung 
des Herdes war geschwollen und von gelblichem Serum durchtränkt. 

Die inneren Hirnhäute zeigten entlang der Gefäße, namentlich linker¬ 
seits, den gewöhnlichen Befund einer tuberkulösen Meningitis. Von der Fossa 
Sylvii sinistra zog sich, namentlich im oberen Teile, ein weißliches, von 
Kuötchen und Exsudat durchsetztes Gewebe in die darunterliegenden 
Rindenpartien fort. Daselbst fanden sich innerhalb des erwähnten Gewebes 
zahlreiche punktförmige Blutungen. 


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188 Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 


Bei der mikroskopischen Untersuchung konnte zunächst der tuber¬ 
kulöse Charakter des Prozesses einwandfrei festgestellt werden. An den Ar¬ 
terien fanden sich die speziell von Nonne und Askanasy näher beschrie¬ 
benen arteriitischen Prozesse, ferner Thrombosen in zahlreichen Venen, 
ähnlich wie in den von Askanasy beschriebenen Fällen. 

Von dem übrigen Obduktionsbefunde sei noch erwähnt, daß in beiden 
Lungenspitzen ein alter tuberkulöser Prozeß, in den Pleuren und in beiden 
Oberlappen gruppierte Tuberkelknötchen und in den Lungenhilusdrüsen 
käsige Herde vorgefunden wurden. 

Bemerkenswert ist an dem vorliegenden Falle die Größe des enzepha- 
litischen Herdes und der verhältnismäßig rasche tödliche KranklieitsverlauL 

(Der Fall erscheint ausführlich andernorts.) 

y Marburg: H e r d g 1 e i c h s e i t i g e Läsionen bei Hirn¬ 
schüssen. (Danach multiple Sklerose.) 

Von den Folgen nach Hirnschüssen ist die Epilepsie wohl die be¬ 
deutendste. Es scheinen jedoch auch andere organische Affektionen im An¬ 
schluß daran sich entwickeln zu können. An der Hand von drei Fällen 
wird versucht, gleichseitige Erscheinungen bei Schädelschüssen zu erklären. 
Nachdem funktionelle Momente ausgeschaltet worden sind, auch der Contre- 
coup nicht in Frage kommen kann, wird zuerst der Nachweis versucht, 
daß hier multiple Läsionen vorliegen, und zwar solcher Art, daß sie dem 
klinischen Bilde der multiplen Sklerose ähneln. Vielleicht handelt es sich 
um Affektionen, die dieser nahestehen. 

Aussprache: Redlich kann den Verdacht des Funktionellen nicht 
los werden, besonders mit Rücksicht auch auf die Art der Sensibilitäts- 
störungen. Redlich erwähnt einen Fall von Nackenschuß links mit rein links¬ 
seitigen Erscheinungen und linksseitigen Jackson-Anfällen. Ein Fall, bei dem 
es sich also wohl sicher um Contrecoup-Wirkungen handelt. 

Poetzl fragt den Vortragenden, ob es sich bei seinen Fällen wirk¬ 
lich um spiegelbildsymmetrische Erscheinungen handelt. Poetzl verweist 
auf den Fall von Erschütterung der Sehsphäre, den er vor einiger Zeit im 
Verein vorgestellt hat, und wobei er ebenfalls eine hysterische Komponente 
annehmen mußte. Für die Wahrscheinlichkeit bilateraler Verletzung spräche 
auch das Symptom der Aphasie gelegentlich. 

Schüller weist darauf hin, daß selbst das Symptom des Nystagmus 
nicht mit voller Sicherheit in allen Fällen auf eine organische Störung zu¬ 
rückgeführt werden könne; es scheint auch einen willkürlichen Nystagmus 
zu geben. Was die Halbseitenanästhesie betrifft, so dürfte dieselbe mit größerer 
Wahrscheinlichkeit auf eine funktionelle Störung hinweisen. 

Stransky: Nystagmus kann auch als ein nichtanatomisches Symptom 
Vorkommen; Stransky erinnert an den von ihm vor Jahren schon be¬ 
schriebenen assoziierten Nystagmus.— Weiter möchte Stransky dem von 
Poetzl und Schüller betonten Gesichtspunkte einer Kombination mit 
funktionellen Mechanismen, wenn auch nur im allgemeinen, beipflichten, in¬ 
sofern er schon gelegentlich der Kriegsneurosendiskussion in München die 
seines Erachtens gerade zur Erklärung der Bilder vieler Kriegsaffektionen 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 189 

wichtige Überlagerung des Organischen durch Funktionelles in solchen Fällen 
betont hat, und dies hier nochmals tun möchte. 

K^arplus erinnert daran, daß er vor vielen Jahren einen Neur¬ 
astheniker gesehen und im Verein besprochen hat, welcher einen auf¬ 
fallenden Nystagmus bekam, so oft er im Stehen die Augen schloß. Dieser 
Nystagmus war offenbar nicht organisch bedingt. 

L. Müller kennt keinen funktionellen Nystagmus, lediglich einen 
simulierten. Die hochgradige eventuelle Einschränkung des Gesichtsfeldes 
ist nicht als etwas Organisches zu verwerten. 

Poetzl glaubt, auf die Frage der konzentrischen Einschränkung des 
'Gesichtsfeldes zurückkommen zu sollen, da sich die konzentrische Ein¬ 
schränkung gerade auch bei den Hinterhaupts-Kriegsverletzungen findet, es 
kommen aber für den organischen Nystagmus auch noch die Augenmuskel¬ 
lähmungen in Betracht. 

J. Bauer bemerkt Müller gegenüber, daß doch auch bei Morbus 
B&sedowii und, wie er selbst es beschrieben hat, bei endemischem Kropf, 
ferner bei allerhand anderen degenerativen Erkrankungen Nystagmus vor¬ 
komme, daß dieser Nystagmus unmöglich als simuliert angesehen werden 
und, da er eines anatomischen Substrates entbehre, wohl nur als funktio¬ 
neller Nystagmus bezeichnet werden könne. 

H. Neumann bespricht ausführlich die verschiedenen Arten des 
Nystagmus. 

Stransky bemerkt, daß er nicht recht wüßte, wie er etwa die ab¬ 
norme Synergie des assoziierten Nystagmus einstweilen anders nennen sollte 
als funktionell; ähnlich, wie es andere funktionelle Synergien gibt. Auch 
Möbius, der seinerzeit diesen unbezweifelbaren Fällen scheinbar etwas 
skeptisch gegenüberstand, scheint den assoziierten Nystagmus für funktionell 
angesehen zu haben. Daß der Begriff des Nystagmus noch einer gewissen 
Grenzbestimmung bedürfe, will Stransky gewiß nicht bestreiten, 

Marburg (Schlußwort) führt aus, daß er die vorgestellten Fälle 
keinesfalls als abgeschlossen hinstellt. Sie sollen nur zeigen, daß im Anschlüsse 
an eine Hirnverletzung auch disseminierte Prozesse auftreten können, die 
in gewissem Sinne unabhängig sind von der primären Verletzung und sich 
in gewissem Sinne der multiplen Sklerose nähern. 

Daß bei diesen Sensibilitätsstörungen häufig sind, dürfte Kollege 
Schüller nicht leugnen können. Auch ist der Nystagmus allein nie charak¬ 
teristisch für multiple Sklerose, sondern stets nur in Koinzidenz mit anderen 
signifikanten Erscheinungen. Die Frage des funktionellen Nystagmus findet 
mich in Übereinstimmung mit Prof. Neumann, nicht jedes Einstellungs- 
zittern der Augen darf als Nystagmus angesehen werden. 

Was die Ausführungen Müllers anlangt, so hat Kollege Poetzl 
schon das Vorkommen hochgradiger Gesichtsfeldeinschränkungen bei or¬ 
ganischen Hirnläsionen erklärt Daß sie auch bei multipler Sklerose Vor¬ 
kommen, wird keinem Zweifel begegnen. 

Nochmals aber sei betont daß die Fälle nicht als multiple Sklerose 
mit absoluter Sicherheit anzusehen sind; daß sie ihnen nahestehen, wird 
keinem Zweifel begegnen. 


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190 Bericht des V< ieir.es für Psychiatrie und Neuroh gie in Wien. 


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c) L. Müller: Simulierte reflektorische Pupillenstarre. 
Leopold Müller stellt einen Patienten vor. bei dem auf einer Augen¬ 
station Lichtstarre der Pupillen fest gestellt wurde. Der Wassermann ist positiv. 

Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus, daß der Patient in 
dem Moment, wo man die Pupillenreaktion prüft, eine Art Krampfzustand 
des Körpers bekommt, verbunden mit Geistesabwesenheit, wobei die Pupillen 
einen lebhaften Hippus zeigen. Nach wenigen Sekunden ist dieser Zustand, 
den Vortragender für einen kurzen hystero-cpileptischen Anfall hält, vor¬ 
über. Von jetzt ab reagieren die Pupillen auf Lieht nicht mehr. Dabei sind 
sie gleichweit und von vollständig runder Form. Man kann, bevor der 
Patient in der Lage ist, sieb in den eigenartigen Zustand zu versetzen, durch 
plötzliche Belichtung jedoch nachweisen, daß die Pupillen gut reagieren. 

Vortragender meint, daß in diesem Falle gestattet ist. von einer künst¬ 
lichen Erzeugung der Pupillenstarrc zu sprechen. 

v. Wagner bezweifelt die vorliegende reflektorische Starre. 
K arpl us: Unter zahlreichen Fällen mit hysterischer Beaktionslosigkeit 
der Pupillen während kleiner Anfälle habe ich nie einen Fall gesehen, den 
man als reflektorische Pupillenstarre hätte bezeichnen können sondern 
stets hat cs sich um komplette Starre gehandelt; so wird es wohl auch 
im vorliegenden Falle sein. 


Sitzung vom S*. Januar 11117. 

Versitzender: Obersteiner. 

Schriftfühler: Schach crl. 

Zum Mitgliede wird gewählt Professor Gabor Nobl. 

n) Hruby demonstriert (aus der Nervenabteilung des Professors 
Schüller) einen Fall von Neurotabes periph erique (Dejerine). 

Der Patient, ein 26jähriger Dragoner, der früher stets viel getrunken, 
übernachtete während einer FeldüLung mit duichriißtcn Kleidern in einer 
offenen Scheune. Am folgenden läge empfand er Fiösteln und Schmerzen 
in der Kreuzgegend. Nach fünf Tagen Schmerzen in den Händen und Füßen, 
hernach am ganzen Körper. Drei Wochen nach Beginn der Erkrankung trat 
Lähmung aller Extremitäten auf, die acht Wochen andauerte. Auch die 
Sprache war gestöit. Es bestand Speichelfluß. Nach einigen Monaten stellte 
sich die Bew eglichkeit w ieder ein. Die Schmerzen schw anden, dagegen blieb 
hochgradige Ataxie der Hände und Füße zurück, welche auch gegenwärtig 
nach achtmonatiger Dauer der Erkrankung in hohem Grade vorhanden ist. 
Außer der Ataxie bestehen choreiforme Bewegungen der Finger und Zehen, 
Herabsetzung der Beruhtungsempfindung und Fehlen der tiefen Sensibilität 
an den Finger- und Handgelenken, bei Überempfindlichkeit der Hände für 
Schmerzreize. Die tiefen Keflexc fehlen. 

b) v. Wagner demonstriert einen 4^jahrigen Kranken, dessen Er¬ 
krankung in frühere Zeit zuuickführt. Es handelt sich um eine Ilypopbysen- 
erkrankung vom Typus der Dy.-trophia adipoeogenitalis, bei der in der letzten 
Zeit eine auffallende Progredienz zu konstatieren ist. 

Weiter zeigt v. Wagner einen Kranken mit einer Lähmung der 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 191 


linken unteren Extremität von peripherem Typus, die seit zwei Jahren be¬ 
steht. Erhaltene mechanische und elektrische Erregbarkeit bei leichter 
Hypästhesie. Diagnose: Funktionelle Lähmung. 

c) J. Bauer demonstriert aus der Poliklinik (Prof. Manna berg) 
eine 32jährige Frau, die bis 1912 stets gesund gewesen, damals während 
ihres zweiten Wocheubettes einen heftigen Schrecken durchmachte, als ihr 
älteres Kind an Krämpfen erkrankte. Seit diesem Schrecken sehr nervös, 
erregbar, furchtsam, deprimiert, weint viel, Steigerung dieser Nervosität beim 
Einrücken des Mannes im August 1914. 14 Tage später Vortreten der Aug¬ 
äpfel, Dickerwerden des Halses, im Laufe von sechs Wachen Gewichts¬ 
abnahme von 69 auf 57 kj starker Tremor, Haarausfall. Auf Arsenbehandlung 
Besserung, innerhalb dreier Monate wieder das alte Gewicht uud vollständige 
Arbeitsfähigkeit. Am 13. Januar 1916 Verständigung vom Tode des Gatten. 
Trotz der großen Aufregung keinerlei Krankheitserscheinungen bis Oktober 
1916. Damals zunehmende Schwäche des ganzen Körpers, Abmagerung, 
Herzklopfen. Schweiße und Diarrhöen hatten früher bereits bestanden. An¬ 
fangs November konnte sie sich nicht mehr selbst kämmen, Ende November 
sich nicht mehr selbst im Bette aufsetzen, da sie die Kraft dazu nicht besaß. 
Bei wiederholten Bewegungen rasche Ermüdung, Besserung in der Ruhe. 
Die Kraftlosigkeit ist so bedeutend, daß sie die Hand nicht mehr voll¬ 
ständig zur Faust ballen und die Finger wieder vollständig strecken kann. 
Beim Essen und Sprechen rasche Ermüdung, so daß ihr der Unterkiefer 
herabhängt. Erste Menses mit 17 Jahren, zuerst unregelmäßig, später nor¬ 
mal, im Dezember 1916 ausgeblieben. Zwei Partus, kein Abortus. Vater 
leidet an Herzklopfen, Mutter an Migräne, Schwester des Vaters an Gicht. 

Die Untersuchung ergibt eine mittelgroße, mäßig kräftige, etwas ab¬ 
gemagerte Frau mit dunkler Pigmentation der Haut im Bereiche der Augen¬ 
lider und des Abdomens, mit nahezu fehlenden Crines axillares und spärlichen 
Crines pubis. Starker Exophthalmus. Struma parenchymatosa, Tachykardie 
(110 bis 124 Pulse), akzidentelles systolisches Herzgeräusch, enge Gefäße, 
leichter Tremor. Deutliche Thymusdämpfung, vergrößerte Zungenfollikel, 
kein Chvostek, normale galvanische Erregbarkeit der Nerven und Muskeln, 
gesteigerte Sehnenreflexe. Neben diesen ausgesprochenen Erscheinungen 
des Morbus Basedowii besteht der typische Symptomenkomplex der 
Myasthenia gravis pseudoparalytica: Ptose beiderseits, Un¬ 
vermögen, die Lider vollständig zu schließen, Augenbewegungen nur in 
minimalen Exkursionen seitwärts und abwärts möglich, maskenartig starrer 
Gesichtsausdruck, der besonders beim Lachen eigenartig hervortritt, derart, 
daß man nicht unterscheiden kann, ob die Patientin lacht oder weint. 
Höchstgradige Adynamie und Ermüdbarkeit bei wiederholten Bewegungen, 
Unvermögen, die Hände zu erheben, die Beine in die Höhe zu strecken, 
sich selbst aufzusetzen. Der Gang watschelnd, taumelnd, nur wenige Schritte 
möglich. In letzter Zeit Schlingbeschwerden. Ausgesprochene Atrophie im 
Bereiche beider Deltoidei. Typische myasthenische Reaktion der Muskulatur. 
Von weiteren Befunden ist zu erwähnen: Urobilinogen im Harn. Normaler 
Blutdruck. Von 9ü g Dextrose werden 1.4 g ausgeschieden. Keine herab¬ 
gesetzte Assimilationsgrenze für Galaktose. Unter 6800 Leukozyten 29%, 


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192 Bericht de* Vereines für Psychiatric und Neurologie in Wien. 


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große Lymphozyten mononukleäre und Übergangsformen. Keine Lö wische 
Adrenalinmydriasis. Blutzucker 1*19°/ 00 . Wechselnde Intensität der myasthe¬ 
nischen Erscheinungen zu verschiedenen Zeiten. 

Die Kombination von Basedow mit Myasthenie ist bis zum 
Jahre 1913 14mal in der Literatur beschrieben worden. Viel häufiger da¬ 
gegen findet man diese Kombination in rudimentärer Ausbildung, und zwar 
Bulbärlähmungen, insbesondere Augenmuskelläbmungen bei Basedow einer¬ 
seits, Struma^JExophthalmus bei Myasthenie anderseits. Es handelt sich also 
offenbar um eine mehr oder minder typische Kombination zweier Syndrome, 
die schwerlich auf einem Zufall beruhen dürfte und einen inneren kausalen 
Zusammenhang vermuten läßt. Das Bindeglied der beiden Syndrome dürfte 
mit größter Wahrscheinlichkeit in einer St örung der Thymusfunktion 
gegeben sein. Bekanntlich steht in der Pathogenese mancher Basedowfälle 
eine abnorme Thymusfunktion im Vordergründe, so daß man auch von 
einem tbymogenen Basedow spricht. Bei der Myasthenie gehört eine Hyper¬ 
plasie der Thymus zu den typischesten Obduktionsbefunden dieses Zustandes. 
Hart konnte zeigen, daß der ursprünglich von Weigert und dann von 
einer ganzen Reihe von Forschern erhobene Befund eines Thymussarkoms 
mit Metastasen in den Muskeln nichts anderes darstellt, als eine hochgradige 
Hyperplasie des Thymusgewebes und lymphoide Infiltrate im Muskelgewebe. 
Schumacher und Roth sahen bei einem Falle von Myasthenie mit 
Basedow, in welchem Sauerbrueh die Thymusdrüse entfernt hatte, all¬ 
mählichen Rückgang beider Syndrome. Die Thymusdrüse scheint also das 
Bindeglied zwischen Myasthenie und Basedow zu bilden, wenn wir auch 
über die Art ihrer Wirkung nicht näher informiert sind. Es wäre allerdings 
daran zu denken, daß auch die Adynamic des Basedow, soweit sie noch 
nicht unter den Begriff der Myasthenie fällt, mit der Thymus irgend etwas 
zu tun hat. Scharfe Grenzen lassen sich wohl auch hier nicht ziehen, da 
selbst die elektrische myasthenische Reaktion nichts für die Myasthenie als 
solche Spezifisches darstellt. Auch im vorliegenden Falle ist eine Thymektomie 
mit partieller Strumektomic beabsichtigt. 

Als Nebenbefund wurde bei der Kranken eine faradisclie Un¬ 
erregbarkeit des Nervus radialis konstatiert. Dieser bei sonst völlig 
normalen elektrischen Verhältnissen vorkommende Befund wurde daraufhin 
auch bei einigen anderen Kranken, darunter einem Basedow, erhoben. 
Stintzing erwähnt in einer kurzen Anmerkung, er sei bei sehr muskulösen 
oder fettleibigen Menschen wiederholt einer faradischen Unerregbarkeit des 
Radialis begegnet und erblickt den Grund darin, daß der faradisclie Strom 
nicht genügend in die Tiefe dringe. In den vom Vortragenden beobachteten 
Fällen handelt es sich weder um muskulöse, noch um fettleibige Menschen, 
die Erklärung Stintzings kann somit nicht zutieffen. Toby Cohn 
bemerkt, daß der Radialis für den faradischen Strom schwerer erregbar ist 
als für den galvanischen, ohne auf diese Tatsache weiter einzugehen. Vor¬ 
tragender möchte auf den von ihm erhobenen Befund der faradischen Un¬ 
erregbarkeit des Radialis bloß aufmerksam machen und auf eine Erklärung 
vorläufig verzichten. 

Im Vordergründe des myasthenischen Syndroms steht die hochgradige 


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Bericht des Vereines für Psychiatric und Neurologie in Wien. 193 

Ermüdbarkeit, so daß Goldflam von Apokumnosi» sprach. Es handelt 
sich um eine Ermüdung ohne adäquate Auslösung. Dies gibt Veranlassung, ein 
Thema kurz zu streifen, auf das Vortragender in einem späteren Zeitpunkte 
ausführlicher zurückkommen möchte. Bei gewissen „Zitterern“ sieht man 
das Umgekehrte, keine Ermüdung trotz adäquater Auslösung für das Er¬ 
müdungsgefühl Dieser Gegensatz steht in einem gewissen Widerspruch mit 
der Weichardtschen Lehre vom Kenotoxin. Übrigens wurde sogar bei 
Myasthenie eine Behandlung mit Antikenotoxin versucht. Nach angestrengter 
Muskelarbeit findet man de norma ein Absinken des Blutzuckerwei tes. Bei 
dem Falle von Myasthenie und in einzelnen Fällen von Zitterneurosen 
wurden von Frl. cand. med. Adolf mindestens normale oder hochnormale 
Werte gefunden. Auch die Kreatininmengen im Harn ergaben keine 
charakteristische Abweichung von der Norm (cand. med. Spiegel). Vor¬ 
tragender meint, es müßten zwei Formen von Ermüdung unterschieden 
werden: 1. Jene Ermüdung, welche bei jedem organischen, reizbaren Ge¬ 
webe, bei jedem Protoplasma, das durch seine Tätigkeit Nahrung verbraucht, 
gefunden wird. 2. Das Ermüdungsgefühl als Empfindung^qualität sui generis, 
ähnlich wie das Hunger- oder Durstgefühl, die Empfindung des Ruhebedürf¬ 
nisses, die sich de norma auf adäquate Reize einstellt. Die Pathologie dieses 
Gefühles ist nicht nur abhängig von der Qualität und Intensität der Reize, 
sondern auch von dem Grade der Erregbarkeit der entsprechenden Zentren. 

Ferner demonstriert Bauer einen 29jährigen Zivilarbeiter mit einer 
mächtigen, symmetrischen Hyperplasie der Parotiden und einer 
Hypoplasie der Genitalorgane. Nie Geschlechtsverkehr, jedoch 
Erektionen. Äußerst spärliche Behaarung ad pubeui, in axilla und an den 
Wangen. Gut entwickelter Schnurrbart. Die Kombination von Parotis- 
hyperplasie mit Anomalien des Genitalapparates scheint nach den Beobach¬ 
tungen des Vortragenden nicht ganz selten zu sein. In einem Falle, dessen 
Photographie demonstriert wird, bestand seit Kindheit ein apfelgroßer 
benigner Hodentumor. 

Karplus: Dr. Bauer hat die Absicht, die persistierende Thymus 
(Fall 1) exstirpieren zu lassen. Da erinnere ich, daß vor kurzem Frau 
Dr. Kaminer Resultate von Untersuchungen publiziert hat, aus denen ein 
merkwürdiger Antagonismus zwischen Karzinom und Thymus hervorgeht. 
Dr. Bauer könnte sich mit Dr. Frau Kaminer ins Einvernehmen setzen, 
und man sollte das Zerstörungsvermögen des Serums für Karzinome vor und 
nach der Operation untersuchen. Die theoretischen Ausführungen über den 
Gegensatz zwischen Myasthenie und funktionellem Zittern scheinen mir 
nicht ganz zutreffend; hier besteht ja keineswegs ein physiologischer 
Gegensatz. 

Wexberg: Unerregbarkeit des Nervus radialis ist kein seltenes 
Vorkommnis und ist wohl damit zu erklären, daß bei Reizung des Nervus 
xadialis nicht nur Haut und Faszie, sondern auch Muskel zwischen Nerv 
und Elektrode liegt. 

Poetzl erinnert daran, daß die Änderungen der elektrischen Erreg¬ 
barkeit bei Basedow Änderungen des Körperwiderstandes sind. 

J. Bauer behält sich vor, über den Fall noch zu berichten. 

Jahrbücher für rayehfotrie. XXXIX. Bd. 13 


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194 Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 


d ) Foetzl zeigt einen Fall von Hemianopsia dexfcra mit Be¬ 
teiligung de i linken unteren Quadranten mit der typischen Kopfhaltung 
wie bei zentralen und parazentralen Seh^törungen und Doppelbildern. 

Pi lez (vorläufige Mitteilung) weist auf die Möglichkeit der differential¬ 
diagnostischen Verwertung des Bulbusdruckphänomens (v. Wagner) bei 
Katatonikern. besonders bei Stuporösen und anderen Dementia praecox- 
Kranken, im Gregansatz zu hysterischen Anästhesien und melancholischen 
Stuporen, hin. 

Poetzl bestätigt aus eigener Erfahrung die vorläufige Mitteilung 
von Pilcz. 

Sitzung vom 13. Februar 1917. 

Vorsitzender: Obersteiner. 

Schriftführer: Schacherl. 

E. Stransky stellt mit Rücksicht auf die in Aussicht genommene 
Bildung einer medizinischen Fachgruppe der neugegründeten „Österreichi¬ 
schen waffeubrüderlichen Vereinigung“ den Antrag an das Präsidium des 
„Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien“, die Mitglieder desselben 
zum Eintritte in die genannte — statutenmäßig unpolitische — Vereinigung 
aufzufordern. (Geschieht seitens des Vorsitzenden.) 

a) A. Fuchs demonstriert einen Fall mit objektiven Kopfgeräuscheu, 
den er seinerzeit aus diesem Symptom als einen Hydrozephalus diagnosti¬ 
ziert hat und dessen weiterer Verlauf nach vorgenommener Trepanation die 
Diagnose bestätigt. 

Aussprache: v. Wagner wirft die Frage auf, wieso in solchen 
Fällen der chirurgische Eingriff einen Heilerfolg zeitigen könne, und findet 
die Sache keineswegs klar. Man müsse an sehr komplizierte Wandlungen 
der Liquorwege denken um der Erklärung näher zu kommen. 

A. Fuchs erklärt, den Fall hauptsächlich wegen der Differential- 
diagnose zwischen Tumor und Hydrozephalus demonstriert zu habeu. 

b) Poetzl demonstriert drei Schädelschüsse. (Erscheint aus¬ 
führlich.) 

c) J. Bauer berichtet über den Obduktionsbefund des Falles von 
Myasthenia gravis mit Morbus Basedowi, welchen er in der letzten 
Sitzung demonstriert hatte und bei dem die operative Entfernung, beziehungs¬ 
weise Reduktion der hyperplastischen Thymus geplant gewesen war. Die 
Fran war einen Tag vor der Operation an Herzinsuffizienz gestorben. Die 
von Hofrat Kolisko vorgenommene Obduktion hatte die Annahme eines 
Status thymico-lymphaticus bestätigt. Es wurde eine f>3 g schwere, parenchy¬ 
matöse Thymusdrüse, ferner Hyperplasie sämtlicher lymphatischer Apparate 
gefunden. Die Schilddrüse bot die für Morbus Basedowi charakteristischen 
Veränderungen dar. Die Aorta war nur im Abdominalanteil verengt, die 
Nebennieren in beiden Abschnitten gut entwickelt, die Keimdrüsen klein» 
Der Fall beweist also, daß man 1. einen hyperplastlsehcn Thymus diagnosti¬ 
zieren kann, und zwar nur auf Grund einer richtigen Perkussionsmethode, 
denn das Röntgenbild und der Blntbefund versagten wie in früheren Be- 

obiclitungen des Vortragenden so auch im vorliegenden Falle; 2. daß mau 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 195 

sich zur Diagnose eines Status lymphaticus nic ht an das Blutbild, wohl 
aber an die Zungenfollikel halten soll; 3. daß das Syndrom Myasthenie mit 
Basedow stets an einen hyperplastischen Thymus denken und schon wegen 
der sonst infausten Prognose eine operative Thymusreduktion ins Auge 
fassen lassen soll. 

A. Fuchs hält seiuen Demonstrationsvortrag: Einige Ergänzun¬ 
gen zur Elektrogymnastik. (Erscheint ausführlich.) 

Aussprache: Hecht demonstriert aus der orthopädischen Abteilung 
des Vcreinsreservo8pitals Nr. 4 in Wien einen Apparat zur rhythmischen 
Elektrogymnastik. Je länger man elektrotherapeutisch Kriegsverwundete in 
großer Menge behandelt, desto mehr wird in einem der Wunsch rege, einen 
Teil der elektrotherapcutischen Arbeit durch Apparate ausführen zu lassen, 
zumal nur eine nicht durch einige Minuten, sondern durch längere Zeit 
ausgeführte Anwendung des elektrischen Stromes Erfolg verspricht. Bei 
einem vorzugsweise orthopädischen Krankenmaterial ist besonders die Be¬ 
handlung atrophischer und paretischer Muskeln mit Hilfe des faradiseken 
Stromes von Wichtigkeit. 

Hiebei kommt cs darauf an, möglichst intensive, rhythmisch 
sich wiederholende und wenig schmerzhafte Muskelkontrak¬ 
tionen faradisch auszulösen. Man kann hiezu das alte Hilfsmittel des 
„Ein- und Ausschleichens“, das ist des An- und Abschwellenlasseus des 
Stromes, unter allmählicher Verstärkung desselben, in Anwendung bringen. 
Um diesen Zweck mit einfachen Mitteln zu erreichen, wurde ein Zusatz- 
apparat konstruiert, der an jeden erdschlußfreien elektrischen Anschlu߬ 
apparat angefügt werden kann. Die erdschlußfreien Anschlußapparate 
(„Klinik, Pantostat, Multostat usw. u ) sind bekanntlich mit Elektromotoren 
ausgestattet, die zahlreiche, bis zu 2000 Umdrehungen haben und deren 
Kraft nicht voll ausgenützt wird. Mit Hilfe zweier Übersetzungen wird nun 
die Zahl der Umdrehungen soweit herabgedrückt, daß sich 10 bis 20 Um¬ 
drehungen in der Minute schließlich erhalten lassen; diese werden auf eine 
Exzenterscheibe übertragen, an der sich ein verstellbarer Hebel befindet. 
Mit diesem Hebel wird nun die sekundäre Rolle eines gewöhnlichen 
faradischen Apparates hin- und hergeschoben. Da sich auch die 
primäre Rolle an die jeweilige Endstellung der sekuudären Rolle an¬ 
nähern, beziehungsweise von ihr entfernen läßt, so kann die Intensität 
des faradischen Stromes verstärkt, beziehungsweise abgeschwächt werden. 
So sind mit einfachen Mitteln alle Anforderungen an eine rhythmische, 
intensive und ziemlich schmerzlose Elektrogymnastik erfüllt. Es können 
übrigens zwei Patienten zu gleicher Zeit rhythmisch behandelt werden. 
Außerdem hat die Anordnung den Vorteil, daß zur selben Zeit ein dritter 
Patient mit dem Mutterapparat galvanisiert, faradisiert oder vibriert werden 
kann, während der Motor den Apparat zur Elektrogymnastik treibt. Darin 
liegt schon ein Vorzug gegenüber den sonstigen Apparaten zur Elektro¬ 
gymnastik („Myomotor, Myoroborator, Degrassator, Oscillodor, Bergoni4“ 
usw. usw.). Der Apparat wurde in den Übungswerkstätten des Vereins- 
reservespitales Nr. 4 von Patienten der orthopädischen Abteilung gebaut. 

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196 Bericht des Vereines für Psychiatric und Neurologie in Wien. 


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Sitzung am 13. März 1917. 

Vorsitzender: Obersteiner. 

Schriftführer: Schach er 1. 

a) A. Schüller demonstriert zwei Fälle mit lokalisierter Hyper¬ 
trichose infolge von Aftektionen peripherer Nerven. 

Fall l. 28jähriger Korporal, bei dem sich nach einem Durchschuß 
durch die linke Gesäßbacke eine komplette Peroneus- und eine partielle 
Tibialislähmuug eingestellt hat, zeigt ein Jahr nach der Verletzung Atrophie 
und elektrische Unerregbarkeit der linksseitigen Gesäßmuskeln sowie reich¬ 
lichere Behaarung der Haut dieser Gesäßhälfte und der Hinterfläche des 
linken Oberschenkels. 

Fall 2. 30jähriger Zugsführer zeigt Hypertrichose der linken Gesä߬ 
hälfte und der Hinterüäche des linken Oberschenkels im Anschlüsse an eine 
vor drei Jahren entstandene und seither häufig rezidivierende linksseitige 
Tschias. 

b) A. Fuchs: Bericht über die ersten drei Monate der 
neurologischen Militärabteilung für Kopfverletzungen. ^Er¬ 
scheint ausführlich.) 

Aussprache: Allers verweist darauf, daß die vom Vortragenden 
-den Truppenärzten gegenüber erhobenen Vorwürfe bezüglich ungenauer 
Anamnese nicht berechtigt sind; die Truppenärzte sind einerseits gar nicht 
in der Lage, genaue Angaben zu notieren, anderseits geheu die kurzen 
Notizen auf dem Wege ins Hinterland eben verloren. 

Stransky meint, es wäre hinsichtlich der vom Vortragenden er¬ 
wähnten Fälle, die. im Felde gut bewährt, in der Station undisziplinierbar 
sich erweisen, von' Interesse, gcgebeuenfalls ihrem Zivilleumund nachzu¬ 
gehen. Stransky, der als Psychiater der Wiener Militärgerichte ein nach 
Tausenden von Fällen zählendes Material überblickt, macht auch immer 
wieder die Erfahrung, daß keinem geringen Teile unserer kriminellen ethisch 
Defekten das Feld ganz gut zusagt, während sie gegen das Hinterland 
intolerant sind und hier dclinquiercn; gewiß spielt dabei auch der im Hinter¬ 
lande so gut wie uneingeschränkte Alkoholkonsum eine wesentliche Rolle. 
Die für die Dienstesverwendbarkeit und Dienstesverwendung dieser Leute 
hieraus seines Erachtens zu ziehenden Folgerungen hat Redner im vorigen 
Jahre in der Aussprache zum Vortrage Tandlers („Krieg und Bevölkerung“) 
vorgebracht. 

Schüller spricht im Sinne des Vortragenden gegen die stets durch¬ 
zuführende plastische Deckung der Substanzverluste des knöchernen Schä¬ 
dels und wendet sich auch gegen die Verwendung der Stahlhelme, die die 
Zahl der Kopfverletzungen nicht vermindert, sondern wahrscheinlich, weil 
sie zur Außerachtlassung der gebotenen Vorsicht verleitet, eher erhöht. 

Marburg muß gegenüber Fuchs und Schüller die Chirurgen in 
Schutz nehmen. Wenn die Deckung nur als Schutzmaßnahme gedacht 
wäre oder um entstellende Narben zu entfernen oder nur auf Wunsch des 
Patienten erfolgte, hätten die Neurologen recht, sie abzulehnen. Die 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien, 197 


Deckung verfolgt jedoch den idealen Zweck, die Verhältnisse des Schädel¬ 
inneren dem Normalen wieder zu nähern. Es ist freilich meist sehr schwer, 
dies Ziel zu erreichen, wird aber, wie dies zumeist so geschieht, die Dura- 
wand in der Narbe freigelegt, diese mit dem Periost des Knochens ver¬ 
einigt, nachdem eventuell zuvor noch Fett frei unter die Deckung trans¬ 
plantiert wurde, um eine rasche Verklebung zu verhindern, dann stellt man 
relativ bessere Verhältnisse her als zuvor. Auch was Kollege Schüller 
betreffs der Resorption der deckenden Knochen sagte, ist mir neu. Ich 
habe keine so schuelle Resorption gesehen, als er behauptet, und selbst 
wenn diese eiuträte, bliebe ja das Periost mit seiner Neigung zur Ossifikation 
erhalten. 

Economo spricht für die Stahlhelme. Wenn wir jetzt im Hinterland 
mehr Kopfverletzungen sehen, so spricht das eben dafür, daß die sonst gleich 
tödlich verlaufenden Kopfverletzungen jetzt eben doch zum Teil erhalten 
weiden können. 

Sitzung vom 17. April 11)17. 

Vorsitzender: Obersteiner. 

Schriftführer: Schacherl. 

a) Dr. Erwin Wexberg demonstriert zwei Falle aus der Nerven¬ 
heilanstalt Maria Theresien-Schlössel. 

Fall 1. M. J., 2t> jähriger bosnischer Infanterist, früher immer gesund» 
erhielt am 15. August 1915 einen Gewehrsteckschuß in der linken Halsseite, 
Drei Tage lang nach der Verletzung sei er bei Bewußtsein gewesen, habe 
Arme und Beine bewegen können und habe auch gut gesprochen. Am 
vierten Tag sei er bewußtlos geworden und im Anschluß daran sei eine 
Lähmung der rechten Körperhälfte eingetreten, zugleich Sprachverlust. 
Durch sechs Monate habe er gar nicht sprechen können. Im weiteren Ver¬ 
lauf allmähliche Besserung bis zum jetzigen Zustand. Status praesens vom 
25. Januar 1917: Mittelgroßer, mäßig kräftiger Patient. Die inneren Organe 
sind ohne pathologischen Befund. Der Schädel ist normal konfiguriert und 
difius klopfempfindlich. Die rechte Lidspalte ist enger als die linke. Beim 
Pfeifen und Zähnezeigen bleibt der Musculus oibicularis oris rechts deutlich 
zurück, dagegen sind beim Sprechen und Lachen die Falten rechts stärker 
ausgeprägt. Die Bewegung der Zunge nach rechts ist eingeschränkt, die 
Uvula wird nach links gehoben. Gaumen- und Würgreflex sind stark 
herabgesetzt Die Pupillen zeigen normale Weite und Reaktion. Es besteht 
geringgradiger Strabismus concomitans divergens. Kein Nystagmus, keine 
Störung im Bereiche des fünften Hirnnerven. An der linken Hälfte der 
linken Hinterhauptschuppc findet sich eine 3 cm lange, haarlose Hautnarbe 
nach einer Verletzung in der Kindheit. 2 cm unterhalb des linken Unter¬ 
kieferwinkels findet sich eine linsengroße, leicht verschiebliche Hautnarbe 
(Einschuß). Die rechte obere Extremität ist aktiv unbeweglich, bei passiven 
Bewegungen starke Spasmen. Trizeps- und Bizepsreflex rechts größer als 
links. Die Finger stehen in Beugekontraktur. Spastische Parese der rechten 
unteren Extremität. Hüft- und Kniegelenk sind in vollem Ausmaß mit 
herabgesetzter Kraft beweglich, im Sprunggelenk ist Pronation unmöglich, 


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198 Bericht des Vereines für Psychiatric und Neurologie in Wien. 

die anderen Bewegungen nur in sehr geringem Ausmaß. Von den Zehen 
ist nur die große ein wenig beweglich. Bauchdeckenreflex rechts kleiner 
als links; Kremasterreflex rechts etwas größer als links, Patellarsehnen- 
reflex rechts größer als links, rechts Patellarklonus, Achillessehnenreflex 
rechts größer als links, rechts Fußklonus. Plantarreflex rechts kleiner als 
links. Babinski und Mendel-Bechterew rechts positiv. Keine Störung der 
Tiefensensibilität, keine Ataxie, kein Romberg. Gang mit Zirkumduktion 
des rechten Beines. Hypästhesie der rechten Körperhälfte. Die Sprache 
ist deutlich verlangsamt uud erschwert, doch sind aphasische Störungen 
nicht nachzuweisen. Vorgehaltene Gegenstände werden richtig benannt. 
Reihensprechen ohne Störung. Der Augenhintergrund ist normal. Röntgen¬ 
untersuchung (Garnisonsspital Nr. 2) ergibt weder im Schädel noch in der 
Hals- und Brustwirbeisäule einen Befund. Das Projektil ist nicht zu finden. 

Für die Pathogenese des Falles — einer drei Tage post Trauma 
unter Bewußtlosigkeit entstandenen rechtsseitigen Hemiplegie — kam zu¬ 
nächst eine Spätapoplexie in Betracht, die jedoch in Anbetracht des Fehlens 
eines nach weisbaren Schädeltraumas wenig Wahrscheinlichkeit für sich 
hatte. Ein Gedanke Herrn Prof. Kreidls, der den Fall gelegentlich sah, 
traf offenbar das Richtige: Da die Einschußnarbe in der Gegend der Aiteria 
carotis Hegt, ist eine Streifverletzung oder zum mindesten eine Erschütterung 
dieses Gefäßes anzunchmen. Eine leichte Läsion der Intima konnte zur 
Ausbildung eines wandständigen Thrombus führen, der mit dem Blutstrom 
ins Gehirn verschleppt wurde und zur Embolie eines Astes der Arteria 
fossae Sylvis mit auschließender Erweichung führte. Daß derartige Vor¬ 
kommnisse wenigstens bei Stiehverletzungen in der seitlichen Halsgegend 
schon beobachtet wurden, bestätigte uns Herr Hofrat Kolieko in per¬ 
sönlicher Mitteilung. 

Fall 2. J. H., 21 jähriger Leutnant, früher immer gesund, ging am 
4. Dezember 1914 ins Feld. Am 21. Februar 1915 machte er eine Granat- 
cxplosion mit, im Anschluß darau kurzdauernde Bewußtlosigkeit, hierauf 
Zittern durch einige Stunden. Am 20. März 1915 erkrankte Pat. an Dys¬ 
enterie, magerte stark ab (von 90 kg vor dem Krieg auf 50 kg) y fühlte sich 
hernach sehr schwach und litt an starken Schweißausbrüchen. Im April 1915 
bemerkte er, daß er, wenn er sich niedergelegt hatte, ohne Hilfe nicht auf¬ 
stehen konnte. Im Mai 1915 wegen allgemeiner Schwäche ins Spital ge¬ 
bracht, bemerkte er eine Steifigkeit in Armen und Beinen, die seither 
immer mehr zunahm. Status praesens vom 29. März 1917: Pat. ist mittel¬ 
groß, kräftig gebaut, mit kräftiger, stellenweise — besonders am Oberarni 
und Oberschenkel — athletischer Muskulatur. Der Schädel ist normal ge¬ 
baut, die Kopfhaut gut behaart. Pupillen von normaler Weite und Reaktion. 
Graefesches Zeichen positiv, verschwindet bei öfterer Wiederholung. Wenn 
Pat. die Augen fest schließt, so vermag er sie zunächst nur unvollkommen 
und mühsam wieder zu öffnen. Bei Wiederholung geht cs leichter und 
schließlich ganz ohne Störung. Dieselbe Erscheinung zeigt sich beim Zähne- 
zeigen und beim Zubeißcu. Beklopft man eine Zungenhälftc mit dem Per* 
ku8sionshammer, so weicht die Zungenspitze nach dieser Seite ab und kehrt 
erst allmählich in die Mittelstellung zurück. Dabei deutliche Dellenbildung 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 199 


in der Zuugenmuskulatur. Starke Struma. Die myotonischen Erscheinungen 
sind am stärksten in den Händen: starker Faustschluß löst sich nur ganz 
langsam und unter Anstrengung, erst nach mehrmaliger Wiederholung 
mühelos, Ähnliches zeigt sich, minder stark, bei allen Bewegungen der 
oberen Extremität Bei Beklopfen der Muskeln deutliche, trfig ablaufcnde 
Dellenbildung. Bei Beklopfen des Thenar träge, langsam zurückgehende 
Oppositionsbewegung. Analoge Reaktion der Hand- und Fingej Strecker. 
Elektrische Untersuchung ergibt typische myotonhehe Reaktion. An den 
unteren Extremitäten sind die myotonischen Erscheinungen weniger aus¬ 
gesprochen, aber immerhin nachweh bar. Die Haut- und Sehnenreflexe sind 
teils schwach, teils mäßig lebhaft, abnorme Reflexe nicht nachweisbar. Der 
sonstige Befund ist negativ. Nirgends sind Muskelatrophien nachweisbar. 
Keine Hodenatrophie, keine Katarakte. 

Es handelt sich um ein myotonisches Krankheitsbild vom Typus der 
Thomsenschen Myotonia congenita. Auffällig ist das späte Auftreten der 
Erkrankung, das man w r ohl bei der Steinert-Curschmannschen Myotonia 
atrophica, nicht aber bei der echten Myotonie zu sehen gewohnt ist. Für 
die atrophische Form spricht hier nichts. Dagegen läßt die ausgesprochen 
hypervoluminöse Muskulatur, die nach Angabe des Patienten von jeher 
bestanden hat, es als wahrscheinlich erscheinen, daß wir es mit einer früher 
latenten, erst jetzt manifest gewordenen, aber angeborenen Myotonie 
zu tun haben. Heredität ist nicht nachweisbar. Als auslösendes Moment 
kommt in erster Reihe die kurz vor Beginn der Erkrankung abgelaufene 
Dysenterie in Betracht, dies vor allem in Analogie mit einem von Le- 
xvandowsky in der „Berliner Gesellschaft für Psychiatric und Nerven- 
kranklieiten 14 im Dezember 1916 vorgestellten Fall von echter Myotonie, 
die unmittelbar nach Typhus bemerkbar wmrde. 

Aussprache: E. Raimann erinnert an den Soldaten mit rechts¬ 
seitigem Halsschuß und Zeichen einer linksseitigen Parese, vorgestellt in 
der Gesellschaft der Äizte am 26. November 1915 (W. kl. W. Nr. 48). Fälle, 
wie der heute vorgestellte, erhalten die damals noch etwas gewagt erschie¬ 
nene Erklärung des Zusammenhanges zwischen der peripheren Verletzung 
und der als zerebral bedingt diagnostizierbaren Lähmung. 

v. Wagner erwähnt einen Fall seiner Klinik mit Schuß durch das 
Gesicht und Hemiplegie und Aphasie, von der noch jetzt Reste bestehen. 

F. Neumann hat in der Nervenheilanstalt Rosenhügel gleichfalls 
einen Patienten beobachtet, der nach einer Schußverletzung mit Einschuß 
in das Jugulum ohne auffindbares Projektil die Symptome einer rechts¬ 
seitigen spastische n Hemiplegie darbot, deren Entstehung nunmehr durch 
die Demonstration Wexbergs, beziehungsweise die Annahme Prof. Rai- 
manns sich zwanglos erklären ließe. 

b ) Karplus berichtet über einige in der Nervenheilanstalt Maria 
Theresien-Schlössel beobachtete Fälle von Diplegia facialis. Er de¬ 
monstriert: 

Fall 1. Ein 29jähriger Leutnant, bei dem gegenwärtig beiderseits 
eine fast vollkommene Lähmung des Nervus facialis besteht. Kontraktur im 
rechten Mundfazialis. Rechts komplette, links partielle elektrische Ent- 


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200 Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 

artungsreaktion. Mitte Oktober 1916 entstand nach einer Eisenbahnfahrt 
die rechtsseitige Lähmung, drei Wochen später die linksseitige. Ende 1916 
wurde Pat. aufgenommen. Außer der Diplegia fanden sich Zeichen einer 
frischen Lues, nach Ansicht der Spezialisten bestand die Lues etwa ein 
halbes Jahr. Pat. gab nun zu, im August 1916 eine Erosion am Penis ge¬ 
habt zu haben; der Arzt, welchen er sofort aufsuchte, tuschierte mit Lapis 
und erklärte die Sache für bedeutungslos. Eine im Dezember 1916 durch¬ 
geführte energische Quecksilber- und Salvarsankur brachte alle luetischen 
Erscheinungen zum Verschwinden, ließ aber die Fazialislähmuug ganz un¬ 
beeinflußt. So kann wohl nicht mit Sicherheit entschieden werden, ob es 
sich um eine luetische Fazialisdiplegte handelt oder um eine n rheumatische 4 * 
bei einem Luetiker. 

Fall 2. Ein 21 jähriges Mädchen. Verkäuferin in einem zugigen 
Lokal. September 1916 trat nach mehrtägigen Schmerzen hinter dem rechten 
Ohr eine rechtsseitige Fazialislähmung auf. Seit 5. Oktober 1916 steht Pat. 
in Beobachtung. Am 23. Oktober geseilte sich zur rechtsseitigen noch eine 
inksseitige Fazialislähmung, die sich innerhalb einiger Tage zu einer voll¬ 
kommenen Lähmung entwickelte. Beiderseits bestand starke Geschmacks - 
Störung. Die später aufgetretene Lähmung erwies sich als die weniger 
schwere, besserte sich nach 14 Tagen, war nach fünf Wochen verschwunden. 
Die rechtsseitige Lähmung ist auch heute noch eine vollkommene. Seit 
zwei Monaten besteht eine Kontraktur des rechten Mundfazialis, die fara- 
dische Erregbarkeit fehlt, die galvanische ist träge und sehr herabgesetzt. 
Pat. ist Virgo. Wassermann im Blut negativ. Als wir das bereits konsta¬ 
tiert hatten, erschien der Vater des Mädchens; er sei von Gewissensbissen 
gequält, er habe in seiner Jugend Syphilis gehabt und fürchte, die Krank¬ 
heit der Tochter sei eine Folge davon. Wir beruhigten den Vater. Bei der 
Tochter finden sich auch keinerlei Zeichen hereditärer Lues. Trotzdem 
wurde eine Quecksilberkur eingeleitet, deren Fortsetzung aber von der 
Patientin abgelehnt wurde. 

Fall 3. Wir beobachteten vor kurzem einen 44jährigen Unteroffizier 
mit Diplegia facialis bei Tabes dorsalis. Keine subjektiven Tabes¬ 
symptome. Differente, lichtstarrc Pupillen, liypalgetische Zone am Kumpf, 
fehlende Achillessehneureflexe. Lue$ 1902, nie behandelt. Februar 1916 trat 
ohne bekannte Veranlassung links, später rechts eine Fazialislähmung mit 
Geschmacksstöruug auf. Neuerlich energische Quecksilber- und Salvars&n- 
behandlung. Doch bestand die Lähmung beiderseits mit partieller Ent¬ 
artungsreaktion noch acht Monate nach ihrem Auftreten, kaum ge¬ 
bessert, fort. 

Fall 4. Diplegia bei Polyneuritis acuta (gonorrhoica?)- 
mit Ausgang in vollkommene Heilung. Ein 21 jähriger Freiwilliger kam im 
Februar 1916 zur Aufnahme, weil er seit sieben Tagen rheumatische Schmerzen 
im Genick und in den unteren Extremitäten, seit zwei Tagen eine rechts¬ 
seitige Fazialislähmung hatte. Wir fanden bei dem Patienten außerdem 
eine akute Gonorrhöe. Am Tage nach der Aufnahme trat eine linksseitige 
Fazialislähmung auf, deutliche polyneuritische Symptome an Armen und 
Beinen. Unter Bettruhe und Gonorrhöebehandlung ging nach einigen 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 201 


Wochen zunächst die später entstandene linke Gesichtslähmung, nach 
einigen Monaten die rechte zurück. Nach fünf Monaten vollkommene Heilung« 

Der Vortragende erwähnt zum Schlüsse, daß er vor 20 Jahren als 
Assistent der Nervenklinik durch einige Monate ein neunjähriges Mädchen 
beobachtete, bei dem eines Tages in der Früh eine rechtsseitige Fazialis¬ 
lähmung aufgetreten war und dann noch im Laufe desselben Tages eine 
linksseitige. 

c) Knopf: Der Fall, den ich mir zu demonstrieren erlaube, ist eiir 
Patient der neurologischen Militärabteilung für Kopfverletzungen, die unter 
Leitung des Herrn Prof. Fuchs steht, dem ich hier für die Überlassung 
des Falles bestens danke. 

Pat. wurde am 5. Juni 1916 durch eine Schrapnclkugel in der Mitte 
beider Parietalgegenden verwundet. 

Er war nach der Verletzung ungefähr eine halbe Stunde bewußtlos. 
Als er zu sich kam, konnte er die Füße nicht bewegen, sie waren, wie er 
sagle, „wie tot M . Die Arme waren vollständig frei beweglich. 

Wenn man die Stelle der Verletzung betrachtet, erscheinen einem die 
Angaben des Patienten vollständig glaubwürdig. 

Am 9. Juni 1916, das ist vier Tage nach der Verletzung, wurde Pat. in 
Solna operiert. Ei soll eine Schrapnellfüllkugel entfernt worden sein. Leider 
hat der Pat. über seinen dortigen Aufenthalt nichts mitgebracht, und es 
konnte auch trotz wiederholter Urgeuz nichts ermittelt werden. 

Nach Aufenthalt in einigen Spitälern des Hinterlandes kam der Pat, 
anfangs September 1916 in das Vereinsrcservespital in Brünn, wo er neuer¬ 
dings operiert wurde. Da die Aufzeichnungen, die Pat. mitbrachte, mit 
seinen mündlichen Angaben nicht übereinstimmten, wurde schriftlich an¬ 
gefragt, und es kam ein Bericht, demzufolge am 12. September 1916 lose 
Knochensplitter aus der Wunde entfernt worden sind. 

Bis dahin und auch später war Pat. vollständig gehunfähig. Er wurde 
mit orthopädischen Hilfsmitteln behandelt; doch ohne jeden Erfolg. 

Am 23. Januar 1917 wurde Pat. herverlegt 

Er war zur Zeit seiner Aufnahme bettlägerig und konnte die Beine 
gar nicht gebrauchen, die Füße aktiv nicht von der Unterlage erheben, die 
Zehen nicht bewegen. 

An der Verletzungsstelle sieht man drei Querfinger vor dem Haar¬ 
wirbel eine zirka 5 cm lange, quer über die Mittellinie ziehende Narbe, die 
in ihrem Zentrum einen Knochendefekt raten läßt, und eine zirka 20 cm 
lange, hufeisenförmige Operationsnarbe, die die Verletzungsstelle umzieht. 

Objektiv fand sich rechts und links Patellar- und Fußklonus, Babinski 
und Oppenheim war nicht vorhanden. Bauch- und Kremasterreflex reclita 
etwas weniger als links. 

Die Sensibilität war von den Knien nach abwärts für alle Reize her¬ 
abgesetzt, nach oben hatte sie unscharfe Grenzen. 

Schon damals fiel ein relatives Mißverhältnis zwischen der sehr mäßig 
ausgesprochenen Hypertonie der Muskulatur beiderseits hinten unten und 
der absoluten Bewegungslosigkeit auf. 


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202 Bericht <les Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 


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Die am lti. März 1917 im Zentralröntgeninstitute angestellte Röntgen¬ 
untersuchung ergab eine Schußfraktur beider Scheitelbeine, sowie das Vor¬ 
handensein einiger kleiner Knochen- und Projektilsplitter zum Teil ober¬ 
flächlich, zum Teil in der Höhe der Lamina interna. 

Alle diese Befunde wiesen eindeutig auf eine Verletzung der Hirn¬ 
rinde im Bereiche der Beinzentren hin* 

Pat. wurde nun durch einige Wochen mit der faradischen Rolle und 
Massage behandelt, ohne daß sich an seiner Gehunfahigkeit irgend etwas 
geändert hätte. 

Mitte März unterzog ich den Patienten neuerdings einer gründlichen 
Untersuchung, und es zeigte sich, daß von einer Hyperplasie der Musku¬ 
latur nichts mehr vorhanden war, der Patient zeigte Reflexe rechts mehr 
als links, doch beide nicht klonisch. Ab und zu konnte man rechts Fnß- 
phänoinen auslösen. Kein Babinski. Bauch- und Krem&sterreflex rechts noch 
eine Spur kleiner als links. 

Nun machte ich mit dem Patienten energische Gehversuche, und nach 
einigen Tagen ging er so, daß er mit der Hand das eine Bein in der Knie¬ 
kehle hob und vorsetzte und dann das andere auf dieselbe Weise nach- 
holtc. Dabei trat ein ziemlich starker Schütteltremor auf. 

In diesem Stadium wurde er dem Herrn Hofrat v. Wagner vorge¬ 
stellt, und dieser bestätigte die Annahme, daß es sich um eine auf eine 
stattgehabte organische Läsion aufgepfropfte Hysterie handle. 

Nach einigen energischen Behandlungen mit dem faradischen Pinsel 
wurde Pat. so weit gebracht, wie Sie ihn hier sehen. 

Pat. hat früher nie hysterische Symptome geboten, eine Nachunter¬ 
suchung in dieser Richtung ergab nur eine mäßige Herabsetzung der Sklera!- 
und Kornealretiexe. 

Ähnliche Fälle, in denen auf Basis einer organischen Läsion nach 
Ablauf derselben sich funktionelle Störungen entwickeln, wurden von 
Oppenheim und anderen beschrieben, von Poetzl und Berner hier 
demonstriert. 

Ob die klonische und die Sensibilitätsstörung nicht schon damals 
funktionell waren, läßt sich natürlich heute nicht mehr feststellen, nach dem 
Sitze der Läsion war es ja selbstverständlich, sie als organisch anzunehmen. 

ä) Kreidl demonstriert einen Hund zur Erläuterung des Verlaufes 
der gleichseitigen Hörbahn. 

e) v. Wagner demonstriert einen als Neurose anzusprechenden Fall 
mit Fehlen der Bewegungsempfindung rechts, besonders in den kleinen 
Geleuken, und mäßiger Herabsetzung der Schmerz- und Wärineempfindung 
rechts, ähnlich wie bei Syringomyelie, für die aber kein Anhaltspunkt 
besteht, v. Wagner nimmt eine atypische familiäre Erkrankung an. 

/) Poetzl: Kasuistischer Beitrag zum parazentralen 
Skotom. (Erscheint ausführlich.) 

g) Economo: Gehäuftes Auftreten von Enzephalitis 
(Nona). (Erschien ausführlich, Jahrb. XXXVIII. Bd. 1. H. p. 251.) 

Aassprache: Hennann Schlesinger teilt mit, daß er auch in den 
letzten Monaten zwei Fälle von Polioencephalitis haemorrh&gica snperior 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 203 

beobachtet hat. Die Erkrankungen setzten zu einer Zeit ein, in welcher in 
Wien eine sehr große Zahl auf Influenza verdächtige Fälle aufgetreten 
waren. Allerdings wurde der Pfeiffersche Bazillus nur ausnahmsweise ge¬ 
funden, die Affektion schien zumeist Diplokokken ihre Entstehung zu ver¬ 
danken. Beide Krankheitsfälle setzten mit Fieber ein, wie dies auch in zwei 
früheren Beobachtungen des Redners der Fall gewesen war, während in 
einem fünften Temperaturerhöhungen fehlten. Die von Schlesinger be¬ 
obachteten Fälle verhielten sieh klinisch etwas different von denen Eco* 
nomos, so daß man bei genauer Kenntnis einer größeren Zahl von Be¬ 
obachtungen wahrscheinlich verschiedene Typen von der Krankheit wird 
unterscheiden können. In den von Schlesinger gesehenen Fällen waren 
Bulbärsymptome vorhanden, ja bei einigen standen letztere sogar im Vorder¬ 
gründe, während die Beobachtungen von Economo ein solches Hervor¬ 
treten bulbärer Erscheinungen vermissen lassen. In zwei Fällen war sogar 
ein aszendierender Typus der Affektion vorhanden, da zuerst Schluck- und 
bulbfire Sprachstörungen und erst später die Augenmuskellährnungen auf¬ 
traten. Nur in den beiden jetzt beobachteten, nicht in den früher gesehenen, 
war eine doppelseitige Ptosis als Frühsymptom ausgebildet; schwere Augen- 
muskellähmungen, namentlich Okulomotoriusparesen, waren aber bei allen 
Patienten festgestcllt worden. Bei einem, zurzeit noch in Beobachtung be¬ 
findlichen Falle bestand eine doppelseitige Fazialisparese. Extrcmitäten- 
lähmnngen fehlten im Gegensätze zu den Fällen der Klinik W agner bei 
allen Kranken. Hingegen war das Symptom der Schlafsucht durchwegs 
ausgebildet. Bei einer von Schlesinger in Gemeinschaft mit Hori be¬ 
schriebenen Frau war auffallenderweise diese Erscheinung nur im Beginne 
der Erkrankung vorhanden und verschwand dann später trotz letalem Ver¬ 
laufe. In drei Fällen bildete sich Schlafsucht erst allmählich gegen Ende 
der Erkrankung aus, in einem war das Symptom ein initiales Zeichen und 
besteht zurzeit nach dreimonatiger Dauer der Erkrankung in unvermin¬ 
derter Intensität fort. Der Kranke antwortet auf lautes Anrufen einige Worte 
und schläft dann sofort weiter. Flüssige Nahrung wird geschluckt, feste 
nur bei fortgesetzter Ermahnung gekaut; oft läßt der Kranke die bereits 
gekauten Speisen aus dem Munde fallen. Der Patient läßt Urin und Stuhl 
unter sich. Während einiger Tage bestand ein katatonischer Zustand. Ein 
Fall betraf ein junges Mädchen mit multipler Sklerose aus der Beobachtung 
Dr Infelds, bei welchem die Affektion unter hohem Fieber, schwerem 
Sopor und unter Augenmuskellähmungen in etwa zwei Wochen zum Tode 
führte. 

Ein Zusammenhang mit chronischem Potatorium wie in den Fäillcn 
von Wernicke konnte nur bei einem Kranken vermutet werden, in den 
anderen war, wie früher erwähnt, wahrscheinlich eine influenzaartige Er¬ 
krankung die Veranlassung des Leidens. Daß auch bei bulbären Erschei¬ 
nungen nicht unbedingt die Medulla oblongata erkrankt sein muß, zeigt der 
Fall von Schlesinger und Hori, bei welchem die anatomische Unter¬ 
suchung eine Pseudobulbärparalyse ergab. 

E. Redlich verweist auf die hiehergehörenden Fälle von Encepha¬ 
litis cerebelli et pontis. 


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204 Bericht des Vereines für Psychiatric und Neurologie in Wien. 


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Jahressitzung am 9. Mai 1917. 

Vorsitzender: Öbersteiner. 

Schriftführer: Schacher!. 

A. Administrative Sitzung. 

Bericht des Ökonomen, des Schriftführers und des Präsidenten. 

Auf Antrag Strankys wird der bisherige Ausschuß wiedcrgewählt. 

B. Wissenschaftliche Sitzung. 

Poetzl: Experimentell erregte Traumbilder und ihre 
Beziehungen zum indirekten Sehen. (Erscheint ausführlich.) 

Aussprache: Obersteiner fragt, ob sich wohl jede, wenn auch 
noch so ungewollte Beeinflussung der Untersuchungepersonen ausschließen 
ließe. 

Poetzl betont nochmals, mit absolutester Vorsicht verfahren zu sein. 

Stransky führt aus, daß halbbewußte Eindrücke auch auf akusti¬ 
schem Gebiete, ein sozusagen „peripherisches Höicn“ nicht selten sehr 
deutliche Asioziationsreihen auslöst, wie ihm persönliche Selbstbeobachtung 
zeigte; dies wäre ein Seitcnstück zu Poetzls sicherlich sehr interessanten 
Ergebnissen. Allein es ist — abgesehen von den psychoanalytischen Schlu߬ 
folgerungen, die der Vortragende angedeutet hat und denen Redner kaum 
zur Gänze beipflichten könnte — einiges doch noch zu fragen: 1. Hat der 
Vortragende jedes suggestive Befragen seiner Versuchspersonen restlos ver¬ 
mieden? 2. Wie steht es mit den negativen Fällen? Solche müßte es doch 
auch geben, denn es kann nicht angenommen werden, daß der Versuch 
immer positiv ausfällt, gerade dann nicht, wenn der Kern der Sache ein 
richtiger ist; Obersteiner, dessen Anfrage an den Vortragenden sich 
gleichfalls anschließen möchte, pflegt in seinem Laboratorium zu lehren, 
daß allzu positiven Befunden im mikroskopischen Präparate zunächst 
immer mit einer gewissen Vorsicht begegnet werden müsse, daß da nicht 
selten ein Artefakt dahinterstecke; Ähnliches gilt wohl auch im allgemeinen; 
es wäre daher beiuahe erwünscht, wenn in einer Reihe von Fällen der 
Versuchsausfall negativ wäre. 

Federn freut sich, daß von berufener Seite eine experimentell-psy¬ 
chologische Bestätigung der psycho-analytisch angenommenen Verhältnisse 
in so glücklicher Weise versucht worden ist. 

Poetzl betont, daß die Untersuchungsreihen nur als vorläufig ab¬ 
geschlossen angesehen werden können und findet den Wunsch Stranskys 
nach negativen Fällen vorläufig etwas verfrüht. Immerhin scheine ihm die 
Auflösung der Traumbilder in den vorgeführten Fällen eindeutig. 

Wissenschaftliche Sitzung am 12. Juni 1917. 

Vorsitzender: Obersteiner. 

Schriftführer: L. Dimitz. 

a) A. Fuchs: Epilepsie-Tetanie. 

J. M., 22 Jahre alt, Bauer (Soldat seit Oktober 1915, zuletzt in Pflege 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 205 

des Verein8reserveßpital8 Nr. 1), wurde am 15. Mai 1917 ambulatorisch 
untersucht und am 16. Mai 1917 aufgenommen. 

Er berichtet, daß er in seiner galizischen Heimat im Jahre 1913 an 
Krampfanfällen erkrankte und schildert Zuckungen in der rechten oberen 
Extremität, welche sich mehrmals in mehrtägigen Intervallen wiederholten. 
Nach einigen Wochen sollen sich an diese Zuckungen unmittelbar allgemein 
konvulsive Anfälle mit Verlust des Bewußtseins angeschlossen haben. Diese 
Anfalle hörten im Jahre 1914 nach einer Behandlung in seiner Heimat auf; 
welcher Art diese Behandlung war, weiß er nicht anzugeben. Er kam im 
•Oktober 1915 zum Militär und im Februar 1916 ins Feld, wegen Brustschmerzen 
aber bald zurüch und im Januar 1917 wieder ins Feld und zwar dies¬ 
mal in die Nähe von Görz. Bis dahin hatte er beim Militär keine Krämpfe 
gehabt. Bald nach seiner Einrückung im Görzer Bereich traten Krämpfe 
•auf, welche er als Tetaniekrämpfe schildert, ohne Bewußtseinsverlust: dies 
war in der zweiten Hälfte Februar 1917. Außer diesen Krämpfen 
hatte er aber auch Anfälle, so wie er sie im Jahre 1913 zu Hause gehabt 
hat. Er hatte nun zweierlei Krampfzustände: die größeren, mit Bewußt- 
«einsverlust, wo er gar nichts von sich wußte, und die kleinen (so drückt 
•er selbst sich aus), wo er nur die Steifheit in den Händen und Füßen hatte 
— so wie zur Zeit der ersten Untersuchung am 15. Mai und die er beim 
ersten Examen auch gleich demonstriert, als typische Krampfstellung der 
Hände bei Tetanie. Bei den größeren Anfällen mit Bewußtseinsverlust soll 
•auch einige Male Zungenbiß und Sezessus eingetreten sein. Es liegen Vor¬ 
merkblätter vor vom Feldspital (1602) vom 21. Februar 1907. Auf diesen 
ist nur notiert, daß er keine Lähmung hat, aber Brom erhielt und ins Feld¬ 
epital 192 abgeschoben wird. Von diesem bestehen keine Aufzeichnungen. 
Im nächsten Spitale, Reservespital Klattau, wurden am 15. März 1917 
deutliche Tetaniekrämpfe zunächst zwar ohne Diagnose, aber unzweifelhaft 
geschildert: „Stellung der Finger der Hand so, daß die Finger im Meta- 
ikarpophalangealgelenk flektiert wenig gebogen und der Daumen gegen 
Zeige- und Mittelfinger sich ansetzt, Bewegungen möglich.“ 

Am 23. März 1917 ist auf dem Vormerkblatt die Krankheitsbenennung 
eingetragen: „Stellung der Hand wie bei Tetanie, Muskeln der oberen 
Extremitäten tonisch gespannt.“ 

Am 29. März kam Pat. nach Wien, und zwar ins Vereinsreservespital 1 
vom Roten Kreuz. Dort traten beide Formen von Anfällen auf: Das Vor¬ 
merkblatt trägt die Diagnose „Morbus sacer“ (diese Anfälle sind aber nicht 
näher beschrieben) und auch die Diagnose „Tetanie“. Der Chefarzt der 
Abteilung, Herr Stabsarzt Prof. A. Klein, welchem ich für die freundliche 
Zuweisung des Patienten sehr dankbar bin, veranlaßte eine Stuhluntersuchung, 
welche im pharmakognostischen Institut durch Herrn Privatdozenten Dr. W a- 
sicky vorgenommen wurde. Diese hatte folgendes Ergebnis: 

„Der Stuhl enthält Secale comutum in solchen Mengen im Verhältnis 
zu den aus Mehlkost stammenden Gewebsbestandteilen, wie es nach unseren 
Erfahrungen einem mit Secale comutum ziemlich stark verunreinigten 
Mehle entspricht.“ 


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206 Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 


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Diese Untersuchung wurde am 27. April 1917 vorgenommen. Ich habe 
den Kranken am 15. Mai 1917, also 18 Tage später, zunächst ambu¬ 
latorisch gesehen und am 16. Mai aufgenommen. Am 15. und 16. Mai hatte 
Pat. klassische Tetanie, Spontankrämpfe und alle Symptome der Tetanie in 
voller Entwicklung. Schon bei der ersten Untersuchung am 15. Mai erhielt 
ich auf Klysma Darminhalt. Dieser wurde von da ab nach der Aufnahme 
des Patienten täglich untersucht und die Entleerung durch Pulv. Liquir 
cps. gefördert. 

Die Stuhluntersuchungen ergaben, daß am 15. und 16. Mai Sekaie 
noch reichlich vorhanden war. Vom 16. Mai ab nahm der Mehlgehalt ab 
und war Sekaie nicht mehr nachweisbar. Ich habe in diesem Falle keine 
Mehlabstinenz eingeführt, sondern gewöhnliche gemischte Kost, wie dies im 
allgemeinen jetzt vorherrscht, hauptsächlich Gemüsekost gegeben und mich 
sonst nur auf das Abführmittel beschränkt. Dementsprechend wurden die 
Mehlreste im Stuhl von Tag zu Tag weniger. Anfangs waren auch Agro- 
stema und andere Ausreuter nachweisbar. Auch diese sind geschwunden. 

Die sekaie haltigen Stuhlprftparate erlaube ich mir unter wiederholtem- 
Danke an Herrn Privatdozenten Dr. Wasicky zu demonstrieren. Am 
18. Mai will Pat. nachts Krämpfe an den Händen gehabt haben. Dieselben 
wurden aber nicht beobachtet. 

Am 19. Mai früh war von Tetaniesymptomen nichts nachweisbar, 
sowie auch derzeit weder Chvostek, noch Trousseau, noch auch elektrische 
Ubererregbarkeit oder sonst ein latentes Symptom nachweisbar sind. Am 
15. Mai war vom Fazialisstamm mit 0 8 MA. KSZ. auslösbar, gestern 
(10. Juni) sowie schon am 20. Mai erst bei 1*4 MA. bis 1*2 MA. 

Während der Beobachtung ist hier seither weder ein Tetanieanfall 
noch ein epileptischer Anfall aufgetreten, der Pat. befindet sich vollkommen 
wohl und hat an Gewicht nicht unwesentlich zugenommen. Pat. hat zwar v 
wie gesagt, eine wenig mehlhaltige Kost erhalten, wurde aber außer regel¬ 
mäßigem Gebrauch von Laxantien weder einer medikamentösen, noch 
sonstigen Therapie unterzogen, insbesondere bekam er weder Brom noch 
sonstige Medikamente. 

Der Fall reiht sich somit in bezug auf die Heilung der Tetanie voll¬ 
kommen allen den zahlreichen anderen an. welche ich bisher beobachtet 
habe, und würde nach dieser Richtung nichts Besonderes bieten. 

In der Krankengeschichte des Pat. erschienen jedoch mehrere Um¬ 
stände auffällig: vor allem der relativ milde Verlauf der Tetanie, welche 
sich im Februar 1917 im Felde gleichzeitig mit Rezidive seiner früheren 
Epilepsie eingestellt hatte. Im Vergleich mit einer früheren Erfahrung bei 
einem Soldaten, welcher mit zweifellosem Ergotismus unter dem Bilde der 
Tetanie herkam, welchen ich auch seinerzeit demonstriert und veröffentlicht 
habe 1 ), war der Verlauf, von der komplizierenden Epilepsie abgesehen, auf¬ 
fallend milde und ebenso der Sekalegehalt des Stuhles nicht so hochgradig 
wie in dem ersteren Falle. Ganz besonders auffallend aber ist die offen- 


*) Wiener klin. Wochenschrift 1915, Nr. 19. 


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Bericht des Vereinen für Psychiatrie und Neurologie iu Wien. 207 


kundige Pause im Auftreten beider Anfälle, so daß im Feldspital, wohin 
doch der Kranke wegen Anfälle gebracht wurde, keine beobachtet wurden. 
Eine Verschlechterung trat im März auf, so daß am 15. März zweifellos 
Tetanie bestand (Reservespital Klattau), und schließlich wurde dieser Zu¬ 
stand im Reservespital Nr. 1 in Wien wieder beobachtet, zusammen mit 
epileptischen Anfällen. Dauernd aufgehört haben beide Anfälle erst hier. 
Herr Privatdozent Dr. Wasicky hatte die Güte, Brotproben, Mehl- und 
Mehlspeiseproben des Reservespitais Nr. 1 über meine Bitte zu untersuchen. 
Im Brote des Reservespitals Nr. 1 ist Sekale enthalten gewesen: 
im Mehl und den aus dem dortigen Mehle bereiteten Speisen (zur Unter¬ 
suchung kamen Nudeln) nicht. 

Die Kontrolluntersuchungen unseres Brotes hier ergaben, daß dasselbe,, 
sowie die anderen Mehlprodukte sekalefrei ist. Es ist daher sicher, daß 
die von dem Patienten im Felde, und zwar im Görzer Bereich erworbene 
Sekaletetanie (wobei natürlich fraglich bleibt, ob das Brot ein dortiges 
Produkt war) hier aufrecht erhalten wurde. In so geringer Menge, wie das 
Sekale in dem seka'.ehaltigen Brot hier enthalten ist, würde dieses die Krampf¬ 
zustände wahrscheinlich nicht primär hervorgerufen haben. Es ist aber 
begreiflich, daß diese Krämpfe, wenn sie einmal entstanden sind, durch 
geringere Dosen weiter unterhalten wurden. 

Mit vollkommenem Wegfall des Giftes sind, wie in allen anderen 
Fällen meiner bisherigen Beobachtung, alle Tetaniesymptome geschwunden. 

Ein weiteres Interesse bildet der Fall durch das Ncbeneinander- 
bestehen von Epilepsie und Tetanie. Es ist bekannt, daß dieses Vorkommnis 
nicht selten ist. Ich verweise auf die Arbeit v. Economos 1 ) und «ins¬ 
besondere von Redlich aus dem Jahre 1911, welcher dieses Verhältnis 
auf Grund der bis dahin vorhandenen Literatur und auf Grund seiner 
eigenen Erfahrungen eingehend erörtert hat. Bei der großen Häufigkeit 
der Epilepsie ist natürlich von vornherein die Möglichkeit vorhanden, daß 
beide Erkrankungen bei demselben Individuum auftreten, ohne daß irgend 
ein Zusammenhang zwischen beiden Symptomengruppen vorhanden sein 
müßte. Die zweite Möglichkeit ist jedoch die einer gemeinsamen ätiologi¬ 
schen Basis für die Epilepsie und Tetanie. Redlich 2 ) hat in seiner Arbeit 
diesen Gegenstand und die Literatur über diese Frage einer eingehenden, 
kritischen Darlegung unterzogen. Es ist meines Wissens hierüber seit seiner 
Arbeit nichts Neues bekannt geworden. Seitdem ich mich mit der Frage 
der Sekaletetanie beschäftige, beziehen sich meine eigenen Erfahrungen bis 
jetzt auf vier Fälle von gleichzeitigem Bestände beider Krampfformen, zu 
welchen der hier vorgestellte als fünfter hinzukommt In zwei Fällen meiner 
Beobachtung waren die epileptischen Anfälle nach der Tetanie aufgetreten, 
in den anderen zweien hat vor dem Auftreten der Tetanie Epilepsie schon 
bestanden, und zwar jahrelang vorher. Dazu kommt dieser Fall als der 
dritte. In allen vier früheren Fällen sind, wie überhaupt in allen Fällen 
von Tetanie, welche ich gesehen habe, die Tetaniesymptomc nach Ein- 

') Wiener klin. Rundschau 1909. 

*) Monatschrift für Psychiatrie u. Neurologie 30, 1911. 


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leitung der mehlfreien Kost vollkommen verschwunden, ln drei Fällen, 
also auch in einem, wo die Epilepsie schon früher bestanden 
hat, sind auch die epileptischen Anfälle ausgeblieben. Indem 
hier vorgestellten Falle sind die epileptischen Anfälle auch ausgeblieben, 
aber die Zeit ist natürlich noch zu kurz, um von einem länger dauernden 
oder vollkommenen Resultat sprechen zu können. 

Immerhin glaube ich auf Grund meiner Erfahrungen sagen zu können, 
daß cs zweifellos Fälle gibt, wo Sekaletetanie von epileptischen Anfällen 
<lic früher nicht bestanden haben, begleitet wird, daß also hinreichender 
■Grund vorhanden ist. anzunehmen, daß es Fälle gibt, wo beide Symptomen- 
gruppen auf das Sckale zurrtckzutuhren sind und beide Symptomengruppen 
durch entsprechende diätetische Maßnahmen heilbar sind. Ob diese Heilung, 
namentlich was die epileptischen Anfälle betrifft, eine restlose ist, kann für 
einzelne Fälle zutreffen, für andere Fälle fraglich sein. Denn daß eine 
einmal erworbene Krampfneigung der Rinde ein Präjudiz für die Zukunft 
schafft, ist eine sichere Erfahrung, welche Redlich mit den Worten aus¬ 
drückt, daß „Schädlichkeiten, die einzelne epileptische Anfälle auslösen 
können, unter besonderen Umständen auch zur Entwicklung der Krankheit 
Epilepsie Anlaß geben könnend Für die Sekaletetanie erscheint mir ebenso 
eine einmal durchgemachte Erkrankung eine Prädisposition für neuerliche 
Erkrankung zu hinterlassen. Es kann ja ein Giftstoff eine Erkrankung 
bedingen, welche mit Wegfall des Giftes nicht heilt, sondern bestehen 
bleiben und sich sogar weitercntwickeln kann. 

Es ist ferner bekannt, daß in vielen Fällen von Epilepsie ein beson¬ 
ders lebhaftes Chvosteksches Symptom vorhanden ist, und es wurde hiefiir 
eine ganze Reihe von Deutungen vorgeschlagen, welche meiner Ansicht 
nach nicht zutreften. Ich habe im Vorjahre meine Erfahrungen über das 
Zeichen von Chvostek veröffentlicht 1 ; und dieselben seither bereichert. Auf 
Grund derselben möchte ich nochmals und mit noch größerer Bestimmtheit 
meiner Ansicht Ausdruck geben, daß das Zeichen von Chvostek überall 
dort, wo es in besonders starker Weise ausgesprochen ist, ganz ver¬ 
schwindet oder auf geringe Spuren zurückgeht, wo eine streng mehlfreie 
Kost unter entsprechenden sonstigen Kautelen durchgeführt wird. Ich habe 
diese Versuche auch in zwei Fällen von Epilepsie ohne Tetanie mit starkem 
Chvostekschen Phänomen durchgeführt und auch hier dasselbe beobachtet. 
Leider gestatten die jetzigen Zeiten keine größere Beobachtungsreihe nach 
-dieser Richtung hin. Es erscheint mir jedoch schon jetzt außer Frage, 
daß das Chvosteksche Zeichen nur einen Bezirk der allgemein gesteigerten 
Erregbarkeit des Zentralnervensystems vorstellt, welche Übererregbarkeit 
durch das dem Sekale entstammende Gift hervorgerufen wird. 

In einer diesen Gegenstand betreffenden gemeinsamen Arbeit mit 
Wasicky 2 ) haben wir bereits darauf hingewiesen, daß neben Sekale auch 
in zweiter Linie Sporen anderer Getreideparasiten in Betracht kommen 
können, da alle diese Eiweißspaltuugsprodukte darstellen, die gleich sind 

’) Wiener kliu. Wochenschrift 1916, Nr. 36. 

l ) Ibid. 191f>, Nr. 2f>. 


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Bericht dos Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 209 

jenen, welche durch bakterielle Zersetzung im Darm Vorkommen. Diese 
Möglichkeit drängt sich deshalb auf, weil wir regelmäßig in den sckalc- 
haltigen Stühlen und Mehlen Sporen anderer Ausreuter finden, und weil 
in manchen Fällen von Tetanie wenig Sekale und viele dieser anderen 
Ausreuter zu finden sind. 

Auf Grund aller dieser Erfahrungen würde ich empfehlen, selbst¬ 
redend bei der Kombination Epilepsie-Tetanie, aber auch in solchen Fällen 
von Epilepsie ohne Tetanie, wo ein besonders starkes Zeichen von Chvostek 
besteht, Abführkur und mehlfreies Regime als Therapie ein¬ 
zuleiten, wobei ja in den letzteren Fällen von bloßer Epilepsie und nur 
starkem Chvostek selbstverständlich gegen den Gebrauch von Brom und 
allen anderen gegen die Epilepsie gerichteten Maßnahmen kein Ein wand 
besteht. Der eben vorgestellte Fall scheint mir diesen Weg zu befürworten. 

Aussprache: Schlesiuger: Ergotismus kann Tetanie hervor- 
rufen, ob aber die gewöhnliche Tetanie durch Ergotinvergiftung hervor¬ 
gerufen wird, muß gewisse Zweifel erwecken, wenn man bedenkt, daß die 
Tetanie mit V orliebe auf bestimmte Klassen beschränkt bleibt. Schlesinger 
hat auf seiner Abteilung folgende Versuche gemacht: Leute mit mechanischer 
Übererregbarkeit der Nerven bekamen Sekale, und zwar nicht entöltes 
Secalc cornutum (15 bis 1*8) durch längere Zeit, vier bis sechs Wochen. 
Kein einziger bekam eine Sek&levergiftung oder weitere Tetaniesymptome, 
nur hie und da trat ein leichtes Ziehen in der Gegend der Hand- oder 
Sprunggelenke auf. Ferner hat Schlesinger fünf Tetaniclällen, nachdem 
die Tetanie abgelaufen war, Sekale verabreicht. Zwei Fälle, wovon der eine 
eine Strumatetanie, der andere eine mit Epilepsie kombinierte Tetanie war, 
wurden rezidiv. Überdies weist Schlesinger auf schwere Tetaniefälle 
hin, die trotz Verabreichung von Mehlkost rasch ihre Tetanie verloren. 
Man könne also nicht eine solche Verallgemeinerung im Zusammenhang 
zwischen Tetanie und Ergotismus annehmen, wie Fuchs es tue. 

Pilcz fand bei vielen gesunden, aus der Front kommenden Soldaten 
Fazialisphänomen und berichtet über zwei nervengesunde Offiziere, die, von 
der Front zurückgekehrt, lebhaftes Fazialisphänomen aufwiesen, auffälliger- 
weise während ihres Urlaubes in Wien dieses Phänomen verloren. 

Elzholz berichtet über einen von ihm kürzlich gesehenen Fall von 
Tetanie, bei dem, nachdem er im Krankenhaus der Kaufmannschaft (At>- 
teilung Primarius Donath) auf mehlfreie Kost gesetzt worden war, die 
Symptome der Tetanie sich rasch zurückbildeten. Was den Fall im Hin¬ 
blick auf die Ausführungen des Vortragenden bemerkenswert machte, war, 
daß mit dem Schwinden der Tetaniesymptome eine akute Psychose einsetzte, 
die durch Verwirrtheit, motorische Unruhe und ein indezentes, mit dem 
früheren Wesen des Patienten kontrastierendes Verhalten gegenüber dem 
weiblichen Pflegepersonal gekennzeichnet war. A1b Redner den Patienten 
am nächsten Tage, nachdem er obiges Bild geboten hatte, sah, war er 
etwas benommen, leicht unbesinnlich, aber orientiert und wußte nichts von 
den Vorgängen, durch die er in der voraufgegangenen Nacht den Eindruck 
eines Geisteskranken gemacht hatte. Bei einer neuerlichen Untersuchung 
nach einigen Tagen war er klar und bis auf ein etwas geistig träges Wesen, 
Jahrbücher für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 14 


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das ihm anscheinend habituell anhaftete, frei von Symptomen psychischer 
Störung. Diesmal und auch bei einer dritten Untersuchung bot er die gleiche 
Amnesie für die psychischen Auffälligkeiten auf der Höhe der Erkrankung, 
wie anläßlich der ersten Untersuchung. Redner ist der Meinung, daß die 
Ausführungen des Vortragenden mit der durch den Einzelfall gebotenen 
Vorsicht die Frage aufzuwerfen gestatten, ob der von ihm mitgeteilte 
Anfall psychischer Störung bei einem Falle von Tetanie nicht eine epilep¬ 
tische Psychose war. 

J. Bauer: Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß von dem gleichen 
Mehl, das der von Prof. Fuchs vorgestellte Patient mit Tetanie-Epilepsie 
genossen, eine große Anzahl von Menschen gleichfalls gegessen hat, die 
jedenfalls in der weitaus überwiegenden Mehrheit keine Krankheits¬ 
erscheinungen davongetragen haben. Damit ist gesagt, daß das Sekale 
unter den ätiologischen Momenten der Tetanie-Epilepsie nur eine unter¬ 
geordnete Rolle spielt, daß es bestenfalls eine substituierbare Bedingung 
unter den Krankheitsfaktoren darstellen kann. Die obligate Bedingung, 
der weitaus wesentlichere Faktor ist die individuelle Disposition, die 
unserem heutigen Wissen zufolge in einer besonderen Funktionsschwäche, 
in einer Minderwertigkeit der Epithelkörperchen gesucht werden muß, sei 
es, daß eine solche Minderwertigkeit konstitutionell oder im Laufe des 
Lebens erworben ist. Besteht eine derartige individuelle Disposition, dann 
können die verschiedensten Schädigungen die Krankheitserscheinungen 
der Hypoparathyreose auslösen und Sekalegenuß rangiert offenbar neben 
Gravidität, Laktation, allerhand anderen Giften, Pylorusstenose. Nephritis 
und vielen anderen als „substituierbare“ Bedingung. 

Daß in den Fuchs sehen Fällen neben Tetanie auch Epilepsie be¬ 
standen hat, steht in bester Übereinstimmung mit der Annahme einer 
Hypoparathyreose, denn eine solche gibt zweifellos auch ein prädisponieren¬ 
des Terrain für die Epilepsie ab. Dafür spricht außer den Erfahrungen 
des Tierexperimentes (Kreidl), außer der Häufigkeit des Chvostckschen 
Phänomens bei Epileptikern auch das Hervorwachsen der Epilepsie aus der 
kindlichen Spasmophilie. Mehr, als dies zu geschehen pflegt und auch in 
der vorliegenden Frage geschieht, ist das ätiologische von dem patho¬ 
genetischen Problem zu trennen. 

Karplus berichtet, daß er bei relativ vielen Fällen von Tetanie 
kein Sekale im Stuhl gefunden habe und daß diese Fälle ohne Brot- und 
Mehlabstinenz gesund wurden. 

Federn spricht über Blutdruck bei Tetanie. 

A. Fuchs (Schlußwort): Die bekannte Erscheinung, daß mit Vor¬ 
liebe bestimmte Berufsklassen von Tetanie befallen werden, findet ihre Er¬ 
klärung nicht in einem Zusammenhang zwischen einem bestimmten Beruf 
und der Tetanie, sondern darin, daß jene Menschen gehäuft erkranken, 
welche, so wie die Heimarbeiter, immer auf die gleiche Nahrung und Mehl 
gleicher Provenienz angewiesen sind. Es ist auch beweisend dafür, daß 
nicht der Beruf des Schuhmachers zum Beispiel mit Tetanie zusammen¬ 
hängt, da in anderen Orten, so wie bei uns die Schuster, wieder andere 
Arbeiterkategorien vorzugsweise erkranken. So waren es zum Beispiel in 


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Bericht des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 211 

Petersburg Glaser, in anderen Staaten wieder ganz andere Berufe. Ganz 
besonders beweisend für diese Auffassung ist aber der Umstand, daß beim 
Ergotismus ganz dieselbe Prävalenz von bestimmten Berufs- 
kla ssen besteht und von den Beschreibern der Ergotisrnmepidemie 
auch diese Berufe aufgezählt werden; wieder Schuster, Schneider, Böttcher 
usw. (Heimarbeiter). Auf alle diese Verhältnisse wurde bereits in der Pu¬ 
blikation von 1911 hingewiesen. 

Daß durch Sekale in medizinischer Dosis nicht Tetanie herbeigeführt 
wird (wenn auch nach eigener Beobachtung des öfteren Zunahme des 
Chvostekschen Symptoms eintritt), erklärt sich daraus, daß Sekale erst einen 
bestimmten chemischen Umwandlungsprozeß durchmachen muß. Wäre Sekale 
in natura in der von Schlesinger gegebenen Menge toxisch wirksam, so 
würde vor allem Ergotismus eintreten, denn daran, daß Sekale Ergotismus 
erzeugen kann, kann doch wohl nicht gezweifelt werden. Herr Professor 
Schlesinger hat nach eigener Aussage in einem Falle Parästhesien der 
Hände beobachtet, hat sich also schon der toxischen Grenze der Kriebel¬ 
krankheit genähert. Welcher Art die Umwandlung des Sekale zur Erzeugung 
der Giftwirkung sein muß, behalte ich mir vor, nach Abschluß meiner seit 
langem nach dieser Richtung hin im Gange befindlichen Versuche mit¬ 
zuteilen. 

Wenn als Einwand ferner geltend gemacht wird, daß Tetanie im 
Spital auch bei fortgesetzter Mehlkost ausheilt, so wuide gerade der eben 
vorgestellte Pat. vornehmlich aus dem Grunde demonstriert, um zu zeigen, 
woran dies liegt. In einer Station, wo er wenn auch minimale Sekalemengen 
mit dem Mehl weiter bekam, konnte er nicht genesen, während in der 
hiesigen Station die Erkrankung trotz fortgesetzter Mehlkost (die aber ab¬ 
solut sekalefrei war) sofort genesen ist. 

Die Spasmophilie der Kinder, insoferne es sich um Tetanie handelt, 
halte ich ebenso wie die endemische Tetanie überhaupt für Sekalewirkung, 
wobei ich auf die mit Wasicky veröffentlichten Versuche verweise, daß 
Sekaleelemente in die Milch übergehen, ohne daß die Milchspenderin 
Ergotismus hat. So löst sich auch das Problem, warum so viele Mütter 
tetaniekranker Kinder lebhaften Chvostek haben, warum im allgemeinen 
Tetanie häufiger bei künstlich oder zu gefütterten Kindern auftritt usw. 
Die Frage, ob Sekale oder andere Parasiten, die ja auch auf Gramineen 
wachsen, chemisch auch in Kuhmilch übergehen, ist seit längerer Zeit in 
unserem Arbeitsplan gelegen. 

6)Poetzl: Zur Frage d er perizentralen Aussparung im 
Gesichtsfeld der Hemianopiker. (Erscheint ausführlich.) 

Aussprache: Marburg. 

Poetzl (Schlußwort). 


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Aus dem Ournisonssjutal Nr. 7 in Graz. 


Über Simulation von Geistesstörung. 

Von 

Dr. phil. u. med. Alfred Öerko, 

Oberarzt. 


Man spricht von Simulation eines Krankheitsbildes oder eines 
Krankheitssymptomes, wenn ein Individuum zweckbewußt handelnd 
oder durch sein äußeres Verhalten etwas vortäuscht, was ihm mo¬ 
mentan nicht zukommt, was es somit aus eigener Erfahruug ent¬ 
weder gar nicht oder doch nur von früheren Eifahrungen her kennt. 

Diese Definition erfordert somit zunächst zweckbewußtes, ab¬ 
sichtliches Handeln oder zumindest ein entsprechendes äußeres Ver¬ 
halten seitens des „Kranken“. Kein subjektive Symptome (wie z. B. 
Kopfschmerzen, Schwindelanwandlungen.Zwangsvorstellungen, Hallu¬ 
zinationen usw.) können nur insoweit simuliert werden, als sie das 
Handeln des Betreffenden oder sein äußeres Verhalten zu beeinflussen 
imstande sind. Eine bloße unwahre Behauptung eines Menschen, 
an einer Krankheit oder einem Krankheitssymptome zu leiden, ohne 
daraus bestimmte Konsequenzen zu ziehen, d. h. ohne sich nach außen 
dem Leiden irgendwie entsprechend zu verhalten, kann nicht als 
Simulation, sondern nur als bloßes Vorschützen der betreffenden 
Krankheit, bzw. des Leidens bezeichnet werden. Erst das Produzieren 
von objektiv wahrnehmbaren Symptomen irgendwelcher Art, sei es 
solcher, die das Leiden unmittelbar zum Ausdruck bringen oder 
dieses erfahrungsgemäß begleiten, sei es solcher, die nur mittelbar 
auf das Vorliegen einer Störung hinweisen, macht das eigentliche 
Wesen der Simulation aus, und auch das nur dann, wenn dieses 
Produzieren zu einem ganz bestimmten Zweck und absichtlich in 
Szene gesetzt wird. Dieser letztere Zusatz erscheint zunächst als 
selbstverständlich und deshalb überflüssig, ist aber zur Definition 

JabrbOeher für P*yclii»trlo. XXXIX. Bd. 15 


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214 


Alfred Serko. 


der Simulation erforderlich, wenn man erwägt, daß das Vortäuschen 
von nicht vorhandenen Störungen unter Umständen, z. B. bei Hyste¬ 
rischen, als Selbstzweck auftreten und sich darin erschöpfen kann. 
Auch in diesem Falle kann man, streng genommen, nicht von Simu¬ 
lation sprechen, da hier die Lust am Vortäuschen von Krankheits- 
Symptomen als eine krankhafte Laune und somit selbst als ein 
Krankheitssymptom einer wirklichen Krankheit erscheint. Da ferner 
die Simulatiou ein Handeln oder doch ein äußeres Verhalten für 
sich erfordert, kann auch die Verleugnung von Krankheitserscheinun¬ 
gen, die sogenannte Dissimulation gewisser Geisteskranker, gleich¬ 
falls nicht zur Simulation gerechnet werden. 

Die zweite Bedingung der Diagnoseustellnng Simulation ist 
laut obiger Definition das tatsächliche Fehlen des vorgetäuschten 
Krankheitssymptoms oder Symptomenkomplexes. Täuscht ein Schwer¬ 
höriger oder Schwachsichtiger einen höheren Grad von Schwerhörig¬ 
keit, bzw. Schwachsichtigkeit vor, als davon tatsächlich vorliegt, so 
fällt das unter den Begriff der Aggravation. Das Übertreiben ist 
kein Simulieren. Und die Aggravation wird auch dann nicht zur 
* Simulatiou, wenn ein Mensch etwa zu den tatsächlich vorhandenen 
Störungen andere, de facto nicht vorhandene hinzutäuscht, in dem 
Bestreben, die seiner Meinung nach mangelhafte Symptomatologie 
seines Krankheitsbildes zu vervollständigen. 

Von einer Simulation von Geistesstörung werden wir somit nach 
der obigen Begriffsbestimmung nur dann sprechen, wenn ein Geistes¬ 
gesunder absichtlich und zweckbewußt Störungen seitens seines 
Geisteslebens durch entsprechendes Handeln oder äußeres Verhalten 
vortäuscht. Eine sogenannte Simulation eines wirklich Geisteskranken, 
etwa eines Katatonikers, Querulanten, Schwachsinnigen, werden wir 
von der eigentlichen Simulation auszuschließen und die Verstellung 
den anderen Krankheitssymptomen hinzuzuzählen haben. 

So einfach nun die Begriffsbestimmung der Simulation nach 
dem Obigen erscheint, so ungemein schwierig gestaltet sich die Sache, 
sobald man versucht* den Begriff der Geistesstörung selbst zureichend 
zu definieren. Und doch ist zumindest der Versuch einer solchen 
Definition bei einer Abhandlung wie die vorliegende kaum zu um¬ 
gehen. Es kann nämlich nicht geleugnet werden und wird von allen 
Psychiatern zugegeben, daß die Tatsache der Simulation einer Geistes¬ 
störung selbst der Ausdruck einer geistigen Minderwertigkeit, einer 
krankhaften Artung sei und fast nur bei Menschen beobachtet wird. 


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Über Simulation von (Jmstcasttfrung. 215 

die auch sonstige unzweifelhafte Züge einer psychischen Unausgegli¬ 
chenheit und Unfertigkeit, einer charakteriologischen Minderwertig¬ 
keit und allgemeinen psychischen Degeneration darbieten, welche 
Züge unter Umständen wohl auch eine Intensität erreichen können, 
wo von einer Geistesstörung im engeren Sinne gesprochen werden 
kann. Unter diesen Umständen erschiene aber die Simulation aber¬ 
mals nur als ein Symptom neben anderen Symptomen einer geistigen 
Alteration und unsere Definition bestünde nicht mehr zurecht. Eine 
Klarheit in diesen Fragen wäre somit nur durch eine klare und 
eindeutige Begriffsbestimmung der Geistesstörung selbst zu gewinnen. 
Das Bedürfnis nach einer solchen ist auch tatsächlich von jeher in 
der Psychiatrie sehr lebhaft gewesen und bildete, wie Kraepelin 
sagt, den Ausgangspunkt zahlloser, angestrengter Bemühungen, scharf¬ 
sinniger Auseinandersetzungen und spitzfindiger Beweisführungen. 
Die Schwierigkeit liegt darin, daß es ganz unmerkliche, fließende 
Übergänge zwischen dem Gesunden und dem Krankhaften auf dem 
Gebiet des Seelenlebens in noch weit höherem Grade gibt, als auf 
den übrigen Gebieten der Medizin, Übergänge, die oft kaum eine 
Fixierung erlauben, bei gleichzeitig vollständigem Fällen aller patho¬ 
logischen Anatomie oder sonstiger exakt faßbarer objektiver Symptome. 
Diese Umstände sind auch die Quelle aller Unsicherheit in der 
Psychiatrie, aller Unerquicklichkeiten bei der Stellungnahme ihrer 
Vertreter in foro, sowie des noch immer der Psychiatrie anhaftenden 
spekulativen Zuges. Erst allmählich hat sich dann die Erkenntnis 
Bahn gebrochen, daß es eine scharfe Grenze zwischen geistiger Ge¬ 
sundheit und Geisteskrankheit gar nicht gibt noch geben kann und 
daß es im wesentlichen auf einer, je nach dem Standpunkte des 
jeweiligen Beurteilers verschiedenen Wertung beruht, ob dieser einen 
seelischen Vorgang pathologisch oder noch normal nennen will. Als 
eine natürliche Folge dieser subjektiven Wertung psychischen Ge¬ 
schehens in der sich zur exakten Wissenschaft entwickelnden Psy¬ 
chiatrie erschien ein Grenzgebiet zwischen unanfechtbarer Geistes¬ 
krankheit und einwandfreier geistiger Gesundheit, welches bei fort¬ 
schreitender Vertiefung unseres Wissens über die seelischen Vor¬ 
gänge und ihre ursächlichen Zusammenhänge immer mehr an Um¬ 
fang zugenommen hat und gegenwärtig ein praktisch wie theoretisch 
höchst wichtiges Gebiet im Bahmen der speziellen Psychopathologie 
geworden ist. Seine eminent praktische Bedeutung gewann dieses 
Grenzgebiet vor allem in der forensischen Psychiatrie. Nachdem die 

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Alfred Serko. 


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moral-theologisch-psychiatrisehe Irrlehre Heinroths und auderer, 
wonach die Geisteskrankheiten als selbstverschuldete Manifestationen 
begangener Sünden galten, überwuuden war und die Psychosen als 
der Amdruck eines krankhaft funktionierenden Gehirns aufgefaßt 
wurden, trat an die Psychiatrie die Aufgabe heran, bei auf Geistes¬ 
störung verdächtigen forensischen Fällen zu entscheiden, ob tatsäch¬ 
lich eine Geisteskrankheit vorliege uud ob gegebenen Falles diese 
Geistesstörung die strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit des Betref¬ 
fenden ausschließe oder nicht, mit einem Wort: es trat neben die 
rein akademisch-theoretische Wertung des psychopathologisehen Ge¬ 
schehens die strafrechtlich-praktische. Bei dieser handelte es sich 
nicht mehr nur um die Frage, ob ein gegebener seelischer Vorgang 
oder eine Tat als der Ausdruck dieses Vorganges als normal oder 
als pathologisch zu bezeichnen sei, sondern um die praktisch eminent 
wichtige Frage nach der strafrechtlichen Wertung einer, biologisch 
gewertet, pathologischen Erscheinung. Und gerade hier versagen 
alle Wertungskriterien, an dem Maßstabe exakter Wissenschaft ge¬ 
messen. Man kann ohueweitcrs definieren: Pathologisch ist alles, 
was verallgemeinert die Art igenus) schädigen oder gar in ihrer 
Erhaltung bedrohen, uud forensisch ist alles, was verallgemeinert 
die jeweilige menschliche Gesellschaft schädigen oder ihre Existenz 
in Frage stellen würde; man hat aber kein sicheres Kriterium, um 
eine, als pathologisch und kriminell erkannte Willensäußerung auf 
ihre strafrechtlich-moralische Stellung zu werten. Was da ent 
scheidet, sind rein praktische Gesichtspunkte, exakt wissenschaftlich 
so wenig fundiert und genau so spekulativ wie die Strafrechts¬ 
theorien selbst. Die Sache gestaltete sich aber noch verwickelter» 
als der Verbrecher selbst als solcher, ohne Rücksicht auf eine etwa 
vorliegende geistige Abnormität, der psychiatrischen Forschung und 
ihrer Betrachtungsweise uuterzogea wurde und sich die tiefgehende 
Erkenntnis durchrang, daß wir im Verbrechen nichts anderes als 
wiederum nur ein Symptom abnormaler Geistesartung seiner Träger 
zu erblicken jmbeu. den Ausdruck einer psychischen Degeneration, 
einer Abweichung von der „gesunden Norm“, begründet in ange¬ 
borenen oder erworbenen Schädigungen der höchsten Gehirnleistungen. 

Kein Wunder, wenn bei solcher Sachlage jenes psychopatholo- 
gische Grenzgebiet in den Vordergrund des psychiatrischen Inter¬ 
esses geschoben und einer intensiven wissenschaftlichen Durch¬ 
arbeitung unterworfen wurde. 


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Über Simulation von Cieistcsatöriuijr. 


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Als Frucht dieses Studiums erstand die moderne Lehre von 
den psychopathischen Minderwertigkeiten. Neben zahllosen anderen 
Varietäten menschlicher Entartung fanden auch das Verbrechen wie 
die Simulation ihre Einordnung unter diesen Begriff. Dadurch traten 
sie mit anderen Entartungsformeu in nähere Beziehung und unter¬ 
einander in nahe Verwandtschaft, welch letztere, ganz abgesehen 
davon, daß die Simulation als eine Art Betrug angesprochen werden 
muß und stets einen ethischen Defekt voraussetzt, auch dadurch 
zum Ausdruck kommt, daß die Vortäuschung von Krankheit und 
ganz besonders von Irresein in weitaus überwiegender Häufigkeit 
bei Verbrechern beobachtet wird. Alle erfahrenen Psychiater sind 
sich darüber einig, daß eine volle Simulation von Geistesstörung 
eine ungemein seltene Erscheinung ist. Kraepeliu, um nur diesen zu 
zitieren, sagt diesbezüglich: „Ich bin mit der Annahme reiner Ver¬ 
stellung ohne anderweitige Geistesstörung im Laufe der Zeit immer 
zurückhaltender geworden, zumal ich eine ganze Anzahl meiner 
ehemaligen Simulanten nachträglich habe verblöden sehen. Darum 
kann ich nur dringend raten, nach Jahren immer wieder einmal 
die Keilien derer zu prüfen, die einst als Simulanten .entlaivü 
wurden. Man wird übrigens tindeu, daß für den Gesunden triftige 
Beweggründe zur Vortäuschung von Irresein naturgemäß recht selten 
sein müssen. Ich will indessen einräumen, daß in Großstädten mit 
ihrer eigenartigen Verbrecherbevölkerung und ebenso in Unter¬ 
suchungsgefängnissen die Verhältnisse besonders schwierig liegen.“ 
Durch die Erkenntnis, daß das Verbrechen als der haupt¬ 
sächlichste Träger der Simulation in das Reich des Krankhaften. 
Abnormen gehört, wird allerdings über seine strafrechtlich-prak¬ 
tische Wertung zunächst noch nichts ausgesagt. Diese wird nach 
wie vor von rein praktischen Gesichtspunkten aus, nach soziologischen 
Momenten bestimmt. Bildet das Verbrechen oder die antisoziale, die 
Gesellschaft bedrohende Betätiguugsneiguug den alleinigen oder doch 
wesentlichsten Ausdruck der abnormen Charakterartuug, so wird es 
praktisch als physiologisch, d. h. noch in den Grenzen der vollen 
strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit liegend betiachtet. Treten zu 
dieser krankhaften Neigung noch andere, von dieser unabhängige 
krankhafte Erscheinungen bestimmter Färbung hinzu, so wird sie 
als pathologisch, aber noch innerhalb der Grenzen einer allerdings 
verminderten Zurechnungfähigkeit liegend angesehen. Wird hingegen 
das Verbrechen von zweifellos psychotischen Zügen schwererer Art 


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Alfred Serk«». 


begleitet, so gilt es als der Ausdruck einer Geistesstörung, ganz 
einerlei, ob es mit dieser Geistesstörung in kausalen Zusammenhang 
gebracht werden kann oder nicht. Die Frage läuft somit auch hier 
wieder auf eine psychiatrische Wertung der das Verbrechen beglei¬ 
tenden psychopathologischeu Züge hinaus. War früher die schwan¬ 
kende Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit, so ist jetzt dia 
zwischen einzelnen Färbungen geistiger Abnormität, welche die Wer¬ 
tung erschwert. Bezüglich der Simulation kann diese Frage auch so 
formuliert werden: Ist die Simulation vou Geisteskrankheit ein 
dieser Geisteskrankheit, pSychopatkologiseh gewertet, gleichwertiges 
Entartungssymptom? Oder mit anderen Worten: Besteht der Be¬ 
griff der Simulation in Anbetracht des Um3taudes, daß diese fast 
stets bei psychisch Abnonnen beobachtet wird, noch zurecht, oder 
geht er nicht vielmehr ganz im Begriff der einfachen Aggravation 
auf? Es ist das die Grundfrage nach den Kriterien der strafrecht¬ 
lichen Zurechnungsfähigkeit selbst. 

War einmal der Begriff der Psychopathie im Gegensatz zur 
eigentlichen Geisteskrankheit gegeben, so drängte sich die Frage 
nach einer praktisch brauchbaren und theoretisch begründeten Grenz¬ 
bestimmung zwischen diesen beiden naturgemäß sofort von selbst 
auf. Gibt es fließende Übergänge zwischen diesen beiden Gebieten 
in einem Ausmaße, wie es solche zwischen geistiger Vollwertigkeit 
und psychopathischer Minderwertigkeit gibt? Einen entscheidenden 
und bedeutungsvollen Schritt zur Lösung dieser Frage tat Kraepeliu 
durch die konsequente Durchführung der von Kahlbaum über¬ 
nommenen Idee der Krankheitseinheit in der Psychiatrie. Gab es 
nach älterer Anschauung Übergänge nicht nur zwischen Krankheit 
und Gesundheit, sondern auch zwischen den einzelnen Krankheits- 
bildem innerhalb des Gebietes echter Psychoseu — welcher An¬ 
schauung wir übrigens auch bei Wernicke begegnen —, so ver¬ 
trat Kraepeliu mit großer Energie und viel praktischem Erfolg - 
die Lehre von den natürlichen Kraukheitseinheiten, welch letztere 
durch ihre Ätiologie, ihre Symptomatologie, ihre Entwicklung, ihren 
Verlauf und Ausgang als solche charakterisiert sind. Dadurch 
wurde aber die Grenze zwischen den einzelnen Krankheitsbilderu 
von Psychosen untereinander und zwischen diesen Psychosen im 
engeren Sinne und den verschiedenen Formen des sogenannten Ent- 
artungsirreseius, als einer besonderen Krankheitseinheit, wieder 
schärfer gezogen. In diesem System nimmt das Entartungsirresein, 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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die psychopathische Minderwertigkeit der Autoren, eine exzeptionelle 
Stellung ein und tritt in wesentlichen Gegensatz zu allen übrigen 
Krankheitseinheiten der speziellen Psychopathologie. Während sich 
nämlich bei diesen um echte Krankheitsprozesse, sei es im neuro¬ 
logischen, sei es im psychopathologischen Sinne, um Vorgänge, durch 
welche ein bis dahin gesundes Seelenleben ergriffen und krankhaft 
verändert worden, oder um Folgezustände~solcher Prozesse handelt, 
ist das Entartungsirresein der Ausdruck konstitutionell abnormer, 
charakteriologisch defekter Varietäten der Menschenart, eiu Ausdruck 
psychischer Mißbildung mit ihrem eigenen Aktions- und Reaktions- 
typus. Dieser Unterschied ist ganz wesentlich und läßt keine Über¬ 
gänge zwischen den beiden Gebieten zu. Es kann sich zwar auf 
eine, psychiatrisch gewertet, pathologische individuelle Varietät der 
Menschenart eine echte Psychose aufpfropfen, ja die Entartung kann 
bis zu einem gewissen Grade einen günstigen Boden für die Ent¬ 
wicklung bestimmter Formen von psychischen Krankheitsprozessen 
abgeben, in keinem Fall wird aber jener prinzipielle Unterschied 
verwischt. 

Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Festlegungen einen ent¬ 
schiedenen Fortschritt in der Psychiatrie bedeuten, so große Mängel 
ihnen noch anhaften mögen. Von geradezu erlösender Bedeutung 
sind sie jedoch in der forensischen Psychiatrie geworden, denn sie 
ermöglichen im Prinzip die strafrechtlich-praktische Wertung psycho¬ 
pathologischen Geschehens nach festen Gesichtspunkten. Die Grenze 
der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit fällt mit der Grenze 
zwischen Psychopathie und Geistesstörung im engeren Sinne zu¬ 
sammen. Darum spricht Kraepelin von der „unerbittlichen Forde¬ 
rung, uns niemals mit dem Nachweise einer Geistesstörung im all¬ 
gemeinen zu begnügen, sondern unter allen Umständen nach einer 
bestimmten klinischen Diagnose zu streben“. Mit einer bestimmten 
Diagnose ist schon die strafrechtliche Wertung des Falles gegeben. 

Als dem Gebiete der psychopathischen Minderwertigkeiten ange¬ 
hörend, ist die Simulation, gleich der antisozialen, verbrecherischen 
Neigung, der Ausdruck einer abnormen konstitutionellen Artung 
und nicht der Ausdruck eines Krankheitsprozesses. Sie können sich 
mit echter Geistesstörung komplizieren, sind aber selbst nicht Sym¬ 
ptome einer solchen. Täuscht somit ein Psychopath echt psychotische 
Symptome oder Symptoraenkomplexe vor, so ist eine solche Ver¬ 
stellung, unserer Definition entsprechend, als eine wirkliche Simu- 


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Alfred Serko. 


lation, die sogeuaunte Dissimulation der wirklich Geisteskranken 
hingegen als eine Disgravation anzusprechen. 

Gehen wir nach diesen einleitenden Bemerkungen auf unser 
eigentliches Thema über, so haben wir die eine wuchtige Tatsache 
bereits im Obigen hervorgehobeu, daß nämlich die Simulation von 
Irresein bei geistig vollwertigen Menschen eiue außerordentliche 
Seltenheit ist und daß sie innerhalb der Gruppe der Psychopathen 
weitaus am häufigsten bei verbrecherisch veranlagten, ethisch de¬ 
fekten Dögeneres beobachtet wird. Unter diesen sind wiederum die 
häufigsten Träger der Simulation jene, die neben ihrer ethischen 
Minderwertigkeit noch anderweitige psychopathische Züge, in erster 
Linie solche hysteroiden Charakters darbieten. Psychopathisch wenig 
veranlagte Verbrecher und ethisch nicht oder nur wenig defekte 
Psychopathen neigen entschieden in viel geringerem Grade zur Simu¬ 
lation als jene und nähern sicli in dieser Beziehung den geistig 
vollwertigen Individuen. Diese Tatsache ist von nicht geringer Be¬ 
deutung bei der Beurteilung der Simulation uud ihrer Abgrenzung 
gegen echte Zustände psychogener Genese. Als man sich mit den 
Verbrechern psychiatrisch intensiver zu beschäftigen begann, wurden 
bei diesen eigenartige psychotische Zustäude beobachtet, die, ober¬ 
flächlich betrachtet, eiue ungemein große Ähnlichkeit mit absicht¬ 
licher Verstellung uud bewußter Täuschung zeigteu uud sich von 
den übrigen Geistesstörungen ganz wesentlich unterschieden. Man 
erkannte bald die innige Verwandtschaft dieser Zustände mit hyste¬ 
rischen Psychosen, schiel sie aber ihrer eigenartigen Färbung wegen 
unter dem Namen „psychogene Psychosen“ fHaftpsychoseu) von 
diesen. Der Ausdruck „psychogene“ deutet an. daß es sich hier 
nicht um eigentliche Krankheitsvorgänge im Sinne von Hiruprozesseu, 
sondern um Störungen in der Struktur der Assoziationskomplexe 
uud ihrer Ansprechbarkeit iufolge von Gemütsbewegungen uud 
Alfektspauuuugeu hanlelt. In diesem Umstand liegt aber ihre iunere 
Verwandtschaft mit der Simulation begründet, die ihrerseits keine 
scharfe Grenze zwischen den beiden zu ziehen erlaubt. 

Glücklicherweise ist diese Verwandtsch»fc von nur geringer 
forensisch-praktischer Bedeutung. Ist schon das Verbrechen als Aus¬ 
druck einer echten Geisteskrankheit, als eines Hirnprozesses (wenn 
man von gewissen Unterlassungsdelikt m einerseits und gewissen Psy¬ 
chosen. wie epileptischen Dämmerzuständen an lerseits absieht), eine 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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große Seltenheit, so kommt es als Folge von psychogener Geistes¬ 
störung kaum jemals vor. Im Gegenteil, die psychogene Geistes¬ 
störung ist meist eine Folge des Verbrechens, bzw. dessen Folgen 
(Haft usw.). Sie erscheint post festum und macht eine gerichts¬ 
psychiatrische Intervention meist lediglich zwecks Feststellung der 
Strafvollzugsfähigkeit des Betreffenden notwendig. Wesentlich anders 
liegen dagegen die Verhältnisse, wenn es sich um eine theoretische 
Untersuchung der Simulation, ihrer Formen, Ursachen, Verlaufs¬ 
arten usw. handelt. Es gibt fließende Übergänge zwischen psycho¬ 
genen und simulierten Geistesstörungen und dementsprechend Grenz¬ 
fälle, wo es sich nicht entscheiden läßt, wieviel bei einer psycho¬ 
genen Psychose Simuliertes und bei einer simulierten Psychogenes 
dabei ist. „Gerade bei Hysterischen,“ schreibt Kraepelin, „deren 
Krankheitsbild sich ohnedies aus psychogenen Zügen zusammensetzt, 
kann es ganz unmöglich werden, willkürliche Zutaten auszuscheiden, 
ja es ist nicht zu bezweifeln, daß hier absichtliche Verstellung und 
krankhafte Entstehung der Störungen ohne scharfe Grenze ineinander 
übergehen.“ Daß unter solchen Umständen gelegentlich die Dia¬ 
gnose Simulation recht schwierig, ja ganz unmöglich werden kann, 
liegt auf der Hand. Wir werden später auf diesen Punkt noch aus¬ 
führlicher zu sprechen kommen. 

Überblickt man ein größeres Beobachtungsraaterial von simu¬ 
lierten Geistesstörungen hinsichtlich ihrer Symptomatologie, so fällt 
zunächst ganz überraschend eine überaus große Einförmigkeit und 
Dürftigkeit der beobachteten Zustandsbilder auf. Wo man die größte 
Mannigfaltigkeit und Buntheit, eine Unzahl von diversen Einzel¬ 
bildern, eine verwirren le Zersplitterung in zahllose Symptomen- 
kombinationen erwartete, findet man eine geradezu armselige Gleich¬ 
artigkeit und gleichartige Armseligkeit. Dieselben Bilder kehren 
immer wieder und alle zeichnen sich durch eine sterile Symptomen - 
armut aus. Man kann zunächst im allgemeinen sagen, daß eine 
längere Zeit hindurch in Szene gesetzte Vortäuschung einer Geistes¬ 
krankheit zu den Seltenheiten gehört. Wird Geisteskrankheit simu¬ 
liert, so beschränkt sich die Simulation in der weitaus überwiegen¬ 
den Mehrzahl der Fälle auf relativ kurze Zeiträume, um dann rapid 
zu erlahmen und einem mehr passiven, zuwaitendeu Verhalten Platz 
zu machen, wo im wesentlichen nur noch ein Defektzustand zur 
Schau getragen wird, der seinerseits weniger in dem äußeren Ver¬ 
halten, als vielmehr gelegentlich einer Exploration des „Kranken“ 


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Alfred Serko. 


in Erscheinung tritt. Die simulierte Geisteskrankheit bricht dem¬ 
entsprechend im Gegensatz zur echten Geistesstörung (mit wenigen 
Ausnahmen) in foudroyanter Weise hyperakut aus, erreicht rasch 
ihr Höhenstadium und geht, namentlich wenn man den Simulanten 
in Ruhe läßt und ihn nicht weiter beachtet, in ein Latenzstadium 
mit zunächst etwas ablehnendem Verhalten über, um früher oder 
später einem normalen Verhalten Platz zu machen. Aber selbst 
dort, wo sich die akute Simulationsphase übbr einige Tage erstreckt, 
setzt sie sich aus an- und abschwellenden Exazerbationen und da¬ 
zwischenliegenden Ruhepausen zusammen. Eine einige Tage fort¬ 
dauernde imunterbrochene psychomotorische Unruhe, wie man solche 
bei Manischen, Katatonikem, Paralytikern gelegentlich beobachtet, 
kommt simuliert nicht vor. Ihrem akutem aufallsartigen Charakter 
entsprechend, ist die klinische Form der vorgetäuschten Geistes¬ 
störung in ihrem Anfangsstadium die eines Tobsuchtsanfalles oder 
eines plötzlich ausbrechenden Verwirrtheitszustandes mit reichlichen 
motorischen Entladungen. Simulation einer chronisch beginnenden, 
sich allmählich entwickelnden und infolgedessen zunächst wenig 
auffälligen Geistesstörung kommt unseres Erachtens gleichfalls nicht 
vor, oder ist zumindest eine exzeptionelle Seltenheit. Und das ist 
psychologisch ohneweiters verständlich. Abgesehen davon, daß der 
Entschluß, Geisteskrankheit zu simulieren, unter dem Drucke der 
äußeren Verhältnisse auf Realisierung drängt und nach raschen 
Effekten trachtet, kennt der eine Geisteskrankheit simulierende Laie 
die Psychosen nur in ihren wilden motorischen Entladungen und 
auffällig sinnlosen Handlungen und handelt dementsprechend. Aber 
selbst wenn ihm die wirklich allmähliche Entwicklung gewisser 
Geisteskrankheiten bekannt wäre, wurde ihre Simulatiou allzu große 
Anforderungen an seine Ausdauer und Selbstverleugnung stellen, 
wobei er außerdem noch keinen Augenblick sicher wäre, in der 
richtigen Form zu sein. So kommt es, daß die ausgesprochensten, 
in ihrer Symptomatologie typischesten, durch eine große Anzahl 
wohlausgeprägter und ungemein charakteristischer Symptome charak¬ 
terisierten Geisteskrankheiten kaum jemals simuliert werden. Was 
simuliert wird, sind einzelne relativ einfache, keine großen Anfor¬ 
derungen an den Simulierenden stellende Zustandsbilder aus dem 
Rahmen großer Psychosen. Dazu gehören in erster Linie mehr oder 
minder gut gelungene Stuporzustände, mürrische, negativistisch ge¬ 
färbte Verhaltung>forinen, seltener Bilder schwachsinnig-läppischer 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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Heiterkeit und ganz ausnahmsweise delirant anmutende Bilder. Und 
selbst diese Zustandsbilder erscheinen fast nie am Beginn der Simu¬ 
lation, sondern stellen sich fast stets sozusagen als Verlegenheits¬ 
reaktionen auf initiale Tobsuchts- oder Verwirrtheitsanfälle, diese gleich¬ 
sam abschließend, ein. Eine Simulation von Sinnestäuschungen und 
Wahnideen außerhalb des initialen Verwirrtheitszustandes mit dem 
entsprechenden äußeren Verhalten — und nur in diesem Falle kann 
unserer Definition gemäß von Simulation gesprochen werden —, ist 
von uns nie sicher beobachtet worden. Wohl aber kommt es ge¬ 
legentlich vor, daß bei ärztlicher Exploration in vagerWeise Sinnes¬ 
täuschungen behauptet und verschwommene Wahnideen geäußert 
werden, ohne jedoch gleichzeitig im äußeren Verhalten des Kranken 
zum Ausdruck zu kommen. 

Was die Dauer dieser postparoxysmalen Zustände betrifft, so 
hängt diese, abgesehen von der Energie des Simulierenden, wesent¬ 
lich von der Natur des simulierten Krankheitsbildes und von dem 
Verhalten des beobachtenden Arztes ab. Je einfacher uud leichter 
durchführbar das gewählte Verhalten ist, desto größere Tendenz hat 
es festgehalten zu werden. Wird hingegen dem „Kranken“ seine 
Aufgabe durch fortgesetzte eingehende Explorationen, durch unange¬ 
nehm wirkende Maßnahmen: Diätverschärfungen, nicht zusagende 
Medikamente, durch ironische Bemerkungen über die Aussichts¬ 
losigkeit seiner Bemühungen erschwert und verleidet, so wird das 
Aufgeben der eigentlichen Simulation ganz wesentlich beschleunigt. 
Hartnäckiger sind die postparoxysmalen Defektzustände (meist 
Schwachsinnsformen), die nicht selten die ganze, oft mouatelange 
Beobachtungszeit andauera und erst nach erfolgter Begutachtung 
außerhalb der Anstalt aufgegeben werden. 

Diagnostische Schwierigkeiten bereitet die Simulation einer 
Geistesstörung wohl in den seltensten Fällen. Die inneren Wider¬ 
sprüche des Krankheitsbildes, das gleichzeitige Auftreten von Krank¬ 
heitszeichen, die einander ausschließen, nebst der Unmöglichkeit, 
die beobachtete Symptomenkombination in eine der uns bekannten 
Krankheitsgruppen einzureihen, lassen ohneweiters die vorgetäuschte 
Geisteskrankheit von einer echten im engeren Sinne unterscheiden. 
Wenn sich Schwierigkeiten ergeben, so sind diese stets solche der 
Differentialdiagnose zwischen Simulation und echter „psychogener 
Geistesstörung“, wie diese so häufig bei hysterisch veranlagten Psycho¬ 
pathen unter Verhältnissen, die auch simulative Tendenzen begün- 


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stigen, zur Entwicklung gelangen. Daß diese DiffereutiaUliaguose 
gelegentlich allerdings außerordentlich schwierig werden kann, ist 
in Anbetracht der nahen Beziehungen, die zwischen Psychogenem 
und Simuliertem bestehen, leicht begreiflich. Auf die differential¬ 
diagnostischen Kriterien, die diesbezüglich verwertet werden können, 
werden wir gelegentlich der Besprechung einzelner Fälle noch zu 
sprechen koinmeu, hier möchte ich zunächst ein Beispiel eines zweifel¬ 
haften, nicht sicher diagnostizierbaren Falles bringen. 

Fall 1. V. E., Eiujähr.-Freiwill.-Jnfanterist, 20 Jahre alt, Student, 
asscnt. 1910. Aufgenommen 21./!., entlassen 2.,2. 1918. V. verließ in der 
ersten Januarwoche eigenmächtig seinen Truppenkörper und kehrte erst 
am 24. Januar zurtick. Hei seiner Einvernahme machte er den Eindruck 
eines Geisteskranken, sprach wirres Zeug durcheinander und wurde des¬ 
wegen auf die hiesige Abteilung überstellt. Hei der Morgenvisite am Tage 
nach seiner Aufnahme im Bett, wackelt mit dem Kopf, erklärt angesprochen, 
er müsse sofort nach Brest-Litowsk fahren, habe 2n Millionen Vermögen, 
sei der Delegierte bei den Friedensverhandlungeil. Läßt sich auf eine Kon¬ 
versation nicht ein, weicht uus, erklärt, Valentina Pitoni zu heißen, 42 Jahre 
alt zu sein, usf. Auf Fragen antwortet er wie folgt: 

„Wa-> siud Sie?“ — „Gesandter im Parlament, Sozialdemokrat.“ 

„Was suchen Sic hier?“ — „Ich soll nach Brest-Litowsk fahren.“ 

„In wessen Auftrag?“ — „Ich soll in Brest-Litowsk 2Ö Millionen 
abholen.“ 

„Warum?" — „Ich habe Frieden unterschrieben, es ist alles russi¬ 
sches Gobi.“ 

„Sind Sie. geisteskrank ?" — „Was ist das? leb bin Valentine Pitoni, 
Gesandter im Parlament.“ 

„Warum sind Sie desertiert?“ — Schweigt, flüstert dann „desertiert?“, 
sagt laut: „Schnellzug bewilligt I. Klasse “ 

„Heißen Sie nicht Velikonja?" — „Ich heiße Valentino Pitoni, Sozial¬ 
demokrat.“ 

„Sie >iud ein Deserteur und Schwindler!" — „Ich hin Valentino 
Pitoni, Gesandter im Parlament, Sozialdemokrat.“ 

Fieberloser Zustand. Kachenreflex vorhanden, SelmenreHexe der 
unteren Extremitäten lebhaft, Puls leicht beschleunigt. Läppisches über¬ 
triebenes Gebaren. 

JO., I. Bekam bisher täglich eine Apomorphinin jekti«m und wurde 
auf strenger Diät gehalten. Heute bei der Fnihvisitc lenkt er etwas ein. 
nennt seinen Namen, erklärt, nicht zu wissen, wie er hiehergekommeu, 
gibt zu, sich eigenmächtig nach Hause begeben zu haben. Sei zwei Tage 
vor Weihnachten abgefahren. 

1. 2. Hat vollkommen cingelenkt. Bitter selbst den Arzt um eine 
Unterredung, w«dle alles sagen. Erzählt, daß er im Jahre 1917 mehrmals 
untersu dir und als zu Hilfsdiensten geeignet befunden worden. Bei der 
Sau -lvunp., wo er ciugoleilt sei, habe er nichts zu tun gehabt und sei nur 


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Über Simulation von (Jeistcsstörung. 


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alle zehn Tage in die Kaserne gekommen. Ende Dezember habe er sich 
ohne Erlaubnis nach Hause begeben, wo er, um unbehelligt zu bleiben, in 
Zivil herumgegangen sei. Als er Ende Januar nach Graz zurückkehrte, sei 
er auf dem Wege in die Kaserne in Erregung geraten. Was weiter mit 
ihm geschehen sei, wisse er nicht. 

Pat. ist bestrebt den Eindruck eines Schwerkranken zu machen, zittert 
heftig mit den Beinen, jedoch nur, wenn er sich beobachtet glaubt. 

Wie viel in diesem Krankheitsbilde echt Psychogenes und wie 
viel willkürlich Hinzugefügtes ist, läßt sich unmöglich mit absoluter 
Sicherheit entscheiden. Das klinische Bild ähnelt im ganzen ge¬ 
nommen dem Gauserschen Dämmerzustände, unterscheidet sich aber 
im einzelnen von diesem durch den fehlenden Zug des Puerilismus 
(des kindlich albernen Benehmens) und durch das Fehlen des 
eigentlichen Vorbeiredens. Vom eigentlichen hysterischen Delir 
unterscheidet es sich durch seinen expansiven Inhalt, welcher in 
keine Beziehung zu dem sonstigen Bewußtseinsinhalt des Kranken 
und seinem tatsächlichen Milieu gebracht werden kann, und welcher 
in seiner affektiven Belanglosigkeit eher für eine willkürliche Mache 
des ganzen Zustandes spricht. 

Anderseits wiederum muß gesagt werden, daß es doch recht 
auffällig ist, daß ein Mann mit einiger Bildung mit so läppischen 
Mitteln irgendwelche Zwecke verfolgen sollte, abgesehen davon, daß 
das Krankheitsbild doch nicht eines einheitlichen Zuges entbehrte 
und daß nach dessen Abklingen keine Amnesie für die strafbare 
Tat zürückblieb. Allerdings lauteten die Auskünfte der Truppe nicht 
günstig für den „Kranken“, indem sie ihn als einen dienstunlustigen, 
sich immer und überall drückenden Soldaten bezeicbneten. 


Es ist bereits eingangs hervorgehoben worden, daß die simu¬ 
lierte Geistesstörung, in welcher klinischen Form immer sie auch 
in Erscheinung treten mag, fast ausnahmslos ganz unvermittelt aus 
dem Normalen heraus hervorbricht. Eine chronische Entwicklung 
kommt kaum jemals vor. Der Grund hiefür liegt in dem Bestreben 
des „Kranken“, so bald wie möglich als Kianker aufzufallen und 
als solcher bewertet zu werden. Was nun die spezielle klinische 
Form der „Erkrankung“ betrifft, so ist diese sehr häufig von den 
Umständen abhängig, unter welchen ihr Manifestwerden erfolgt, ln 
dieser Beziehung sind nun zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder 
wählt der Kranke bis zu einem gewissen Grade selbst nach freiem 
Ermessen den Zeitpunkt des Krankheitsausbruches, oder aber wird 


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Alfred Serko. 


dieser durch äußere drängende Momente fast zwingend bestimmt 
Im ersteren Falle beginnt die „Erkrankung“ meist unter dem Bilde 
der akuten Verwirrtheit, im letzteren oft unter dem Bilde des 
Schwachsinns. Gleichsam eine Zwischenstellung zwischen diesen beiden 
Möglichkeiten bilden jene Situationen, aus deneu der Tobsuchtsanfall 
mit Vorliebe hervorgeht. Daß diese Abhängigkeit der Krankheits¬ 
form von den äußeren Umständen nicht als durchgreifend gedacht 
werden darf und daß Verwirrtheitszustände und Tobsuchtsanfälle 
auch unter Umständen auftreten, die sonst den Schwachsinn be¬ 
günstigen, braucht wohl nicht ausdrücklich hervorgehoben zu werden, 
immerhin findet sie sich in einer so großen Zahl der Fälle, daß 
von einem ursächlichen Zusammenhänge zwischen diesen beiden 
Faktoren gesprochen werden kann. 

Schwachsinnsformen. 

Die Pseudodemenz der Simulanten ist einer der häufigsten, 
und wo sie vorhanden ist, einer der charakteristischesten und prak¬ 
tisch wichtigsten Züge der vorgetäuschten Geistesstörung. Sie erlaubt 
fast ausnahmslos, die simulierte Störung von einer echten zu unter¬ 
scheiden und stellt in dieser Beziehung das zuverlässigste Kriterium 
der Unechtheit eines Krankheitsbildes dar. 

Bezüglich ihrer symptomatologischen Stellung innerhalb der 
vollentwickelten Krankheitsbilder kann man eine primäre von einer 
konsekutiven Demenz unterscheiden, je nachdem sie von vornherein 
als das Hauptsymptom des simulierten Krankheitsbildes erscheint 
und dieses in allen Phasen beherrscht, oder aber als Defektzustand 
nach abgelaufenem akuten Stadium des Verwirrtheits-, bzw. Tob¬ 
suchtsanfalles zurückbleibt. In forensischen Fällen kombiniert sie 
sich fast stets mit dem Erinnerungsausfall für die vorausgegangene 
Straftat. 

Die Bedingungen für das Erscheinen der primären Demenz 
sind gegeben, wenn ein Mensch, durch eigenes Verschulden oder 
sonstwie von einem unerwünschten Ereignis überrascht, sich ge¬ 
zwungen sieht, sofort sein Verhalten der Situation entsprechend 
einzurichten und er sich dabei für die Simulierung einer Geistes¬ 
störung entschließt. Der Zeitpunkt des Krankheitsausbruches ist 
durch äußere Umstände bis zu einem gewissen Grade zwingend 
bestimmt In dieser Lage befindet sich beispielsweise ein Deserteur 
nach seiner Verhaftung. Der innige geistige Rapport mit seiner 


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Über Simulation vou Geistesstörung. 


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Umgebung gelegentlich seiner Zurredestellung und protokollarischen 
Vernehmung versetzt ihn in die Möglichkeit, von allen auffälligeren 
Maßnahmen abzusehen und durch einfachere, weniger riskante, ge¬ 
ringere Anforderungen an seine Entschlußfähigkeit und Tatkraft 
stellende Mittel seine psychische Zurechnungsfähigkeit zweifelhaft 
erscheinen zu lassen. Die Inszenierung eines hyperkinetischen Zu¬ 
standsbildes wäre außerdem unter solchen Umständen für ihn eher 
ungünstig als günstig, da ein solches, durch die Verhaftung oder 
durch die Vernehmung ausgelöst, von vornherein den Verdacht ab¬ 
sichtlicher Verstellung erwecken würde. Und so sehen wir in der 
Tat, daß unter solchen Bedingungen die simulierte Geistesstörung 
in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Form des einfachen 
Schwachsinns annimmt. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, 
daß sich die Demenz ausschließlich nur auf diesem Situations¬ 
boden entwickelt. 

Fall 2. (Einfacher Schwachsinn.) B. D., Infanterist, 23 Jahre alt, 
ledig, Bauer, assent. 1914. Aufgenommen am 25./6., entlassen am 28./6. 1917. 
B. hatte sich bereits einmal, und zwar im Oktober 1915, eigenmächtig von 
meinem Truppenkörper entfernt und wurde erst nach siebenmonatigem Auf¬ 
enthalte in seiner Heimat durch die Gendarmerie verhaftet. Er verantwortete 
sich damals dahin, daß er sich deswegen nach Hause begeben habe, weil 
er eine kranke Hand hatte und weil er verrückt sei, auch habe er gerade 
anfangs Oktober 1915 die Nachricht vom Tode seines Vaters erhalten. Das 
Sachverständigengutachten der beiden Gerichtsärzte lautete dahin, daß beim 
Angeklagten nur von einem „geistigen Schwachsinn“ gesprochen werden 
könne, worauf ihn das Feldgericht zur Strafe des strengen Garnisonsarrestes 
.In der Dauer von drei Monaten verurteilte. 

Am 12./3. 1917 verließ er abermals schien Truppenkörper und begab 
«ich in seine Heimat. Am 3./7. gerichtlich vernommen, erklärte er, die 
Kundmachung der Entscheidung des zuständigen Kommandanten auf Ein¬ 
leitung des Ermittlungsverfahrens nicht verstanden zu haben, da er nicht 
bei Sinnen sei, nicht denken könne und sich krank fühle. Er sei schon seit 
seiner Geburt nicht zurechnungsfähig. Weitere Auskunft war von dem 
Manne nicht zu bekommen. 

Status praesens vom 26./G. Der Kranke bietet in seinem ganzen 
Wesen und Gebaren das Bild eines debilen, beschränkten Menschen, hält 
«ich etwas steif, macht ein übertrieben trauriges Gesicht, neigt den Kopf 
nach vorne, schließt oft die Augen und ist bemüht, einen möglichst krank¬ 
haften Eindruck zu machen. Gefragt, was mit ihm los sei, beginnt er leb¬ 
haft zu versichern, daß er nicht bei Verstand sei, daß er völlig verrückt 
sei, daß man sich nur bei seiner Heimatsgemeinde darüber erkundigen 
solle usw. Der Manii ist offenbar bestrebt, seinen Defektzustand recht an¬ 
schaulich zum Ausdruck zu bringen. Auf die Frage, wie er bei seiner be- 


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Alfred Serko. 


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liaupteten schweren (ieisteskrankheit den langen Weg nach Hause / Bosnien) 
gefunden habe und auf welche Art und Weise er dorthin gelangt sei, spricht 
er um die Sache herum und will auf keinen Fall auf die Frage eingehen* 
Er erklärt nicht zu wisseu, bei welchem Regiment er dient, denn wüßte er 
das, so wäre er nicht fortgegangen. Er will nicht wissen, weder wann er 
geboren wurde noch wie alt er ist, auch nicht nur ungefähr, noch w^nn er 
eingeriiekt ist, noch in welcher Stadt er sich gegenwärtig befinde, noch von 
welchem Orte er desertiert sei, noch was fiir eine Jahreszeit wir jetzt 
haben. Er will weder die Namen der Wochentage noch die Namen seiner 
Geschwister, noch den Namen des jetzigen oder des verstorbenen Kaisers 
wissen.'Will nicht einmal wissen, daß wir jetzt Krieg haben, geschweige denn, 
mit wem wir im Kriegszustände sind. Er ist angeblich unfähig, die Auf¬ 
gabe 1 -f- 1 zu losen, auch wenn man ihm diese recht anschaulich mit den 
Fingern vordemonstriert. Aus dem Bilderbogen will er nicht die einfachsten, 
jedem Bauer geläufigen Gegenstände, wie eine Zange, eine Hacke, eine 
Sense, erkennen. Erkennt nicht einmal ein ihm in natura vorgehaltenes 
Taschenmesser. Ja er läßt sich verführen zu erklären, daß er nicht wisse, 
ob er Soldat sei. 

Hingegen wird er sehr lebhaft, wenn man ihn fragt, wer bestätigen 
könnte, daß er wirklich geisteskrank sei, beruft sich auf einen Korporal 
in Lb., dem er angeblich sechs Kronen gegeben hatte und fügt hinzu: „Wenn 
ich nicht geisteskrank wäre, hätte ich ihm das Geld nicht gegeben. 44 Auf 
die Frage, woher er wisse, daß der Betreffende ein Korporal gewesen, er¬ 
klärt er, man habe ihn so angeredet. Auf Vorhalt, daß er früher nicht ge¬ 
wußt habe, daß er Soldat sei, bleibt er verlegen die Antwort schuldig. 

Zugegeben, daß die Gerichtsärzte im Jahre 1916 bis zu einem 
gewissen Grade von „einem geistigen Schwachsinn“ zu reden be¬ 
rechtigt waren — was indessen keineswegs erwiesen ist —, so kann 
man unmöglich behaupten, daß das psychische Bild, wie es der 
Kranke in hiesiger Beobachtung geboten hat, echt sein könnte. 
Eine so tiefgehende Demenz kommt — vou ihren sonstigen inneren 
Widersprüchen ganz abgesehen — bei halbwegs geordnetem äußeren 
Verhalten und erhaltener Fähigkeit, sich überhaupt noch vernünftig, 
und halbwegs zusammenhängend zn äußern, überhaupt nicht vor. 
Daß der Schwachsinn vorgetäuscht sein müsse, darüber ist, glaube 
ich, wohl kein Zweifel möglich. Eine andere Frage ist allerdings die, 
ob der „Kranke“ nicht doch schwachsinnig sei und seinen Schwach¬ 
sinn nur übertreibe. Offenbar haben die Gerichtsärzte iin Jahre 1916 
diesen Umstand im Auge gehabt, als sie von einem „geistigen 
Schwachsinn“ sprachen, im übrigen aber den Angeklagten für straf¬ 
rechtlich verantwortlich erklärten. Ich für meine Person lehne auf 
Grund meiner Erfahrungen während der Kriegszeit auch diese Ent¬ 
schuldigung des Beschuldigten ab, zumindest kann ich nicht zu- 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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geben, daß dieser supponierte Schwachsinn irgendwie von praktischer 
Bedeutung wäre und erheblich unter dem Durchschnitt der physiolo¬ 
gischen verschlagenen Dummheit stünde. Es sind einige Äußerungen 
des „Kranken“, die meines Erachtens entschieden dagegen sprechen, 
so vir allem jene, daß, wenn er nicht geisteskrank wäre, er dem 
Korporal nicht sechs Kronen geliehen hätte. 

Was die spezielle Form des Schwachsinns im vorliegenden 
Falle betrifft, so ist er wohl als angeborener gedacht und in diesem 
Sinne in Szene gesetzt. Im übrigen zeigt er aber alle Merkmale der 
simulierten Demenz, auf die wir weiter unten im Zusammenhänge 
noch zu sprechen kommen werden. 

Ein ähnlicher, nur in seiner Ätiologie von diesem abweichen¬ 
der Fall ist folgender: 

Fall 3. (Einfacher Schwachsinn.) Z. V,. Infanterist, 25 Jahre alt, 
ledig, assentiert 11)14. Aufgenommen 18. 11., entlassen 27./11. 1917. Laut 
Truppenberichfc sollen Vater und Mutter des Z. geistesgestört gestorben 
sein und er selbst seit seiner Kindheit an Kopfschmerzen leiden. Machte 
den Eindruck eines Geistesschwachen. Beuakm sich teilnahmslos und wort¬ 
karg, verkannte die Chargen, kannte sich nicht in der Jahreszeit aus, sagte 
z. B., daß es Sommer sein müsse, weil er ohne Mantel gehe. Andrerseits 
sagten zwei Unteroffiziere, die ihn von früher her kennen, über ihn aus, 
daß er ein bekannter Marodeur sei, der nie Zeichen einer Geistesstörung 
geboten habe. 

Hiesiger Status vom 19/11.: Will nicht wissen, wie alt er ist, noch 
wann er geboren wurde, noch wo er sich befindet, noch wie lange er beim 
Militär dient, noch bei welchem Regiment er dient. Weiß nicht, wie viel 
Tage eine Woche hat und wie die Wochentage heißen. Kann die Aufgabe 
1 + 1 nicht lösen, hat auf alle Fragen fast die stereotype Antwort: „Ich 
weiß es nicht.** Auf die Frage nach der gegenwärtigen Jahreszeit sagt er: 
„Hier ist es nicht kalt.“ Er erkennt aus dem Bilderbuch nicht die ein¬ 
fachsten Gegenstände, wie eine Kerze, eine Zange, eine Zündli olzschachtel 
usw. Erklärt, keinen Beruf zu haben, habe bei seinem Vater gelebt der 
allerdings vor sechs Monaten gestorben sei. Gefragt, woher er das wisse, 
meint er, das habe ihm seine Schwägerin erzählt. Auf die weitere Frage 
wann und wo sie ihm das erzählt habe, weiß er keine rechte Antwort zu 
geben. Auf den Vorwurf, daß er sich verstelle, wird er etwas gereizt. Der 
Mann faßt auffallend gut auf und gibt seine Antworten schnell und ohne 
zu überlegen. — Bekommt Apomorphin und wird auf strenge Diät gestellt. 

23./11. Lenkt ein. Begrüßt bei der Frühvisite den Arzt lächelnd 
weiß jetzt das gegenwärtige Jahr, weiß, wo er sich befinde:, rechnet ein¬ 
fache Aufgaben prompt und richtig, und erkennt ohne weiters aus dem 
Bilderbuch alle Gegenstände. 

Eine eigenartig agil-trotzige Färbung zeigt folgender Fall: 

Jahrbücher für Paychia'rie. XXXIX. Bd. 16 


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Alfred Serko. 


Fall 4. (Erworbene Demenz.) B. J., Infanterist, 23 Jahre alt, Bauern¬ 
sohn, assentiert 1914. Aufgenommen 5./11., entlassen 24./11. 1917. Kommt 
ohne jedwedes anamnestische Dokument. Bei der Aufnahme trägt er ein 
lümmelhaftes und freches Benehmen zur Schau, erklärt, er habe Kopf¬ 
schmerzen und könne keinen Dienst versehen. Er sei als zwölfjähriger 
Knabe auf den Kopf gefallen und sei schwach im Kopf. Auf Vorhalt, daß 
er doch vor dem Militär zu Hause gearbeitet habe, meint er keck, es sei 
ihm wurst, wenn man ihn auch gleich in die Front schicke. Ins Bett ge¬ 
bracht, zieht er sich die Decke über den Kopf und kümmert sich nicht 
weiter um seine Umgebung. 

7./11. Ist sehr kurz angebunden, gibt in trotziger Weise einsilbige 
Antworten: habe bereits schon einmal gesagt, daß er Kopfschmerzen habe 
und ganz verwirrt im Kopf sei. Er sei verrückt, das habe die Granate in 
Galizien gemacht. Stellt sich vollkommen unwissend, weiß nicht das jetzige 
Jahr noch die gegenwärtige Jahreszeit, weder sein Alter noch sein Geburts¬ 
jahr. Kann Aufgaben wie 2 + 2 nicht lösen. Hat auf jede Frage die 
trotzige Antwort: „Das weiß ich auch nicht.“ — Bekommt Apomorphin und 
wird auf strenge Diät gestellt. 

10./11. Kann bereits einiges rechnen, will sich jedoch noch nicht zeit¬ 
lich orientieren. Ist trotzig, abweisend, frech. 

16./11. Bekam täglich Apormorphin; die ganze Zeit auf strenger Diät. 
Erklärt tagtäglich bei der Visite, wir hätten jetzt 1915, obwohl ihm vom 
Arzt wiederholt das richtige Datum gesagt wurde. Beruft sich auf seine 
Kopfschmerzen. Sei nicht bei Verstand. 

19./11. Bekam heute wegen andauernder Kopfschmerzen eine kalte 
Dusche. Geriet dabei in heftigsten Zorn, schrie, fluchte, erklärte, man solle 
ihn seinetwegen erschlagen, er werde es doch nicht sagen (das gegenwärtige 
Jahr). Im übrigen ist er geordnet, faßt wie immer prompt und schnell auf, 
ist attent und beobachtet genau, was um ihn vorgeht. In eine Unterhaltung 
läßt er sich nicht ein. Trotz'g. Bekommt weiter Apomorphin bei strenger Diät. 

21 ./ll. Lenkt ein. Begrüßt bei der Morgenvisite lächelnd den Arzt, 
erklärt er fühle sich wieder ganz wohl, bittet um einen Tabak, ist lieb und 
freundlich. Gibt seine Personalien au, berichtet über seiu Leben, habe immer 
auf der väterlichen Landwirtschaft gearbeitet. Im Mai 1915 eingerückt, war 
drei Monate an der galizisehcn Front, am Kleinfingcr verwundet, war lange 
Zeit im Spital, seit Frühjahr 1917 beim Kader. 

In körperlicher Beziehung keiu pathologischer Befund. Der Mann 
ist kräftig gebaut, untersetzt, gut genährt. Keine Degenerationszeichen. 
Keine Ausfallserscheinungen seitens des Nervensystems. 

Durch seine kurze Dauer ausgezeichnet ist folgender 

Fall 5. (Akute Demenz.) L. J., Infanterist, 38 Jahre alt, Schuster, 
ledig, assentiert 1915. Aufgenommen 2./2., entlassen 8./2. 1918. Der Mann 
rückte Ende Januar von der Rekonvaleszenteuabteiluug zur Ersatzkompagnie 
ein, benahm sich aber derart frech und renitent, daß er in den Arrest ge¬ 
setzt werden mußte. Erklärte, er sei ganz dumm, habe Kopfschmerzen, wisse 
nicht, w'o er sich befinde, noch ^ie er heiße. Bei der Aufnahme auf die 


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Über Simulatiou von Geistesstörung. 


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hiesige Abteilung mürrisch ablehnend, kurz angebunden, will überhaupt 
nichts wissen. Wisse nicht, wann er vom Urlaub eingerückt, noch weiches 
Jahr und Monat wir jetzt schreiben. Wisse nicht, wie er heiße, vielleicht 
Josef, vielleicht auch Jakob. Es sei ihm unbekannt, wann er geboren und 
wie alt er sei. Auf die Rechenaufgabe 2 -f 1 antwortet er: „Ich bin nicht 
in die Schule gegangen, infolgedessen kann ich das nicht wissen.“ Der 
jetzige Kaiser heiße Josef. Ob jetzt Krieg sei, wisse er nicht, wie die Haupt¬ 
stadt von Österreich heiße, wisse er auch nicht. Könne nicht angeben, ob 
er ein Ungar oder ein Österreicher sei. Der Mann ist nicht imstande, drei 
einstellige Zahlen sofort, nachdem er sie gehört, wiederzugeben, denkt lange 
nach und reproduziert nur die erste Zahl. — Bekommt Apormorphin und 
strengste Diät. 

Tagsdarauf bereits eingelenkt, erklärt, sprechen zu wollen, gibt rich¬ 
tige Antworten, bekundet eine Durchsehnittsintelligenz. Redet sich dahin 
aus, daß er zeitweise nicht wisse, was er tue. 

In forensisch-psychiatrischer Beziehung erwähnenswert ist fol¬ 
gender Fall. 

Fall ö. (Demenz mit Dämmerzuständen und Amnesie.) S. A., Kanonier, 
24 Jahre alt, Fleischer, ledig, assentiert 1015. Aufgenommen 16./6., entlassen 
18./0. 1018. S. sollte am 22./11. 1917 ins Feld abgehen. Am 20./11. verließ 
er eigenmächtig die Kaserne und kam nicht wieder. Inzwischen wurde er 
am 22./11. auf die psychiatrische Abteilung des Gamisonsspitals Wien auf- 
genommen. Bei seiner Einlieferung gab er an, er wisse weder seinen Namen 
noch Vornamen, noch sein.Regiment. Blieb hartnäckig bei diesem Simula- 
tionsversuch. Durch Zellenbehandlung und Apomorphin gab er am 29./11. 
nach. Eine Geistesstörung konnte nach dem Fallenlassen der Verstellung 
nicht nachgewiesen werden. Vor Gericht verantwortete sich der Mann dahin, 
daß er vor seinem Abgehen ins Feld seine Sachen habe in Ordnung bringen 
wollen und deshalb in seine Wohnung gefahren sei. Was weiter mit ihm 
geschehen sei, wisse er nicht. Er sei einmal als Kind auf den Kopf ge¬ 
fallen und leide seither an Anfällen. Es werde ihm plötzlich schwarz vor 
den Augen und dann verliere er die Besinnung. Bei der Hauptverhandlung 
ärztlich untersucht, produzierte er einen unmöglichen Schwachsinn, zeigte 
sich nicht orientiert, wußte nicht, wie lange der Krieg dauert, meinte, der 
Kaiser Karl sei der älteste Kaiser Europas und konnte Aufgaben wie 
10 -f 5 nicht lösen. Zwecks Feststellung seiner Zureehnungsfähigkeit auf 
die hiesige Abteilung überstellt, bot er folgendes Bild: 

Erklärt, keine Ahnung zu haben, warum er vors Gericht gestellt 
worden sei uud wessen man ihn beschuldige. Er habe wohl irgend einmal 
eine Verhandlung gehabt, wisse aber nicht, was da gesprochen worden sei. 
Man habe etwas davon gesprochen, daß er eiueu Transport verloren haben 
soll. Er wisse nichts davon. 8ei auch nicht krank gewesen, habe sich in 
keinem Spital befunden, wisse nichts von einem Anfall. Jetzt komme er 
wegen Bauchbeschwerden ins Spital... 

Der Untersuchte sitzt steif da, gibt sich unsicher, denkt nach, bevor 
«r antwortet, wird bei verfänglichen Fragen verlegen, nestelt au seinen 

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Alfred Serko. 


Fingern. Im übrigen geordnet, faßt gut auf, will aber trotzdem nicht wissen, 
wo er sich befinde. Erklärt, in einem kleinen Spital nahe an der Front zu 
sein. Gibt das Datum um cineu Monat falsch an. Weiß nicht, bei welchem 
Regiment er dient. Rechnet: 13 -f 12 = 23, ist nicht imstande drei ihm vor¬ 
gesagte ciustellige Zahlen zu reproduzieren, verfügt über fast gar kein 
Wissen. 

Durch araeut-dämmerhafee Züge verwischt sind folgeude zwei 
Fälle: 

Fall 7. (Verwirrte Demenz.) B. R., Infanterist, 27 Jahre alt, Chauffeur, 
ledig, assentiert 1914. Aufgenommen 29.5., entlassen 15. fi. 1918. Der Mann 
wurde am 17. Mai ohne Dokumente? durch die Rettungsgesellschaff dein 
Garnisonsspital Triest eingeliefert. Erklärte sich dort für gesund, gab sich 
aber sehr affektiert, verlangte sofort ein Automobil und 20 Mann, es sei 
höchste Zeit, die italienische Offensive stehe uumittelbar bevor. Glaubte 
sich in einer Kaserne, meinte, die Leute lägen herum, weil sie keine Schuhe 
hätten. Hielt den Arzt für seinen Kommandanten. Stand im Verdacht der 
Desertion. 

Bei der Aufnahme auf die hiesige Abteilung sehr selbstbewußt und 
ungeniert. Bei der Exploration im großen und ganzen ruhig, gibt sieh sehr 
ungezwungen, möchte sich mit dem Arzt auf eiuen vertrauten Fuß stellen, 
plaudert über allerlei Sachen, meint, er verstehe auch Maschinsehreiben, 
nimmt die auf dem Tisch liegenden Schriftstücke in die Hand, bittet den 
Arzt um eine Zigarette. Gibt Auskunft: Heiße R. B., sei 27 Jahre alt 
Chauffeur von Beruf. Sei in Triebt aufgewachsen, besitze dort ein Haus. 
Habe drei Volksschulklassen absolviert. Stehe ununterbrochen seit acht 
Jahren an der italienischen Front. Komme jetzt direkt vom Kriegsschau¬ 
plätze, um ein Automobil zu fassen, brauche 20 Mann dazu. Er habe den 
Befehl, das Auto so schnell wie möglich ins Feld zu bringen. Er sei vor 
drei Tagen angekommen. Hier befinde* er sich in Udinc, die Kleider habe 
man ihm zwecks Desinfektion abgenommen. Als Datum gibt er August 1917 
an. AufVorhalt, daß der Krieg doch nicht acht Jahre dauere, replizierter, 
daß jetzt überhaupt kein Krieg mehr sei. weil der allgemeine Friede bereits 
geschlossen wurde. Zur Rede gestellt, wozu er dann ein Automobil brauche, 
wird er etwas verlegen, spricht um die Sache herum, wird sehr lebhaft, 
versichert, man dürfe keinen Augenblick verlieren, er müsse sofort das 
Automobil haben, auch sei es unbedingt notwendig, daß man ihm 20 Manu 
zur Verfügung steile. Wird ungehalten, als man ihm vor wirft, sich zu ver¬ 
stellen, versichert, geistig vollkommen gesund zu sein. Auf Ankündigung, 
daß es notwendig sei, seine Geistesfähigkeiten zu prüfen, wird er etwa* 
b fangen, rutscht er auf dem Stuhl hin und her, überlegt lange, bevor er ant¬ 
wortet. Rechnet 1 + 1=2, 2 + 2 — 4, 4 -f 4 = 12. Gefragt wie viel Finger 
er auf den Händen habe, zählt er sie langsam ab und nonnt richtig ihre 
Zahl. Das Jahr habe zehn Monate, die Woche sechs Tage. Nennt die Namen 
der Wochentage richtig, läßt nur den Sonntag aus. Gefragt, ob er nie den 
Namen „Sonntag* gehört habe, stellt er sich verwundert, meint: „Was ist 
das ,Sonntag*?" Beim Zielienschen Simulationsversuch reproduziert er die 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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Zahlen in falscher Reihenfolge, gibt selbst <lie Reihe: 2, 3, 4 uu<l 1, 2. 3 
falsch wieder. 

Bevor er auf eine Intelligenzfrage antwortet, denkt er lange nach, 
platzt dann mit der Antwort stoßweise heraus, lächelt dabei. Zwischendurch 
macht er gelegentlich unzusammenhängende Äußerungen, wie z. B.: „Jetzt 
werde ich hier Makkaroni essen.“ 

In der weiteren Beobachtung iin wesentlichen unverändert. Liegt zu 
Bett, hält sich ruhig, bleibt aber bei seinen Ideen. Drängt trotzdem nicht 
fort, fühlt sich offensichtlich ganz wohl. Will sieh nicht orientieren, bleibt 
bei seinen unsinnigen Antworten. Im übrigen sehr attent, faßt gut auf, 
spricht den Arzt mit Herr Doktor an, bittet gelegentlich um Tabak, spricht 
spontan niemals davon, daß er ein Automobil und 20 Mann brauche. Auf 
energische Apomorphinbehandlung wird er freier, beginnt sich zu orientieren 
und richtig zu rechnen, läßt die Idee mit dem Automobil fallen, nennt seinen 
Ersatzkörper, will aber auf die Frage, auf welche Weise er nach Triest 
gekommen, nicht eingehen. Wird diensttauglich seinem Kader überstellt. 

Fall 8. (Verwirrte Demenz.) K. L., Infanterist, 21 Jahre alt, Besitzers- 
«olm, ledig, assentiert 1915. Aufgeuommen 12. 0., entlassen 18. 0. 1018. 
W'urde auf der Straße aufgegriffen und wegen Irrsinnsverdaehts hiehcr 
ül>erstellt. Macht bei der Aufnahme große Augen, blickt wie verstört um 
sich, stellt sich, als ob er nicht wüßte, wo er sich befinde, denkt auf die 
Frage nach seinem Namen lauge nach, gibt nur seinen Taufnamen an- 
Kann nicht sagen, wann und wo er geboreu wurde, zeigt daun mit der Hand 
die Himmelsgegend. Habe niemals beim Militär gedient, sei Knecht, fahre 
mit zwei Hengsten aufs Feld hinaus. 

Spricht langsam mit matter Stimme, macht dabei immer große Augen, 
gibt sich ungemein schwer- und hinfällig. Macht offensichtlich falsche An¬ 
gaben. Rechne t 1 -| 1 = 3, 2 + 2 = 5, 5 + 5 = 7. Auf jeder Hand habe er 
fünf Finger, zusammen 15. Das Jahr habe 31 Monate, der Monat 305 Tage, 
die. Woche 9 Tage. Die Wochentage heißen Montag, Mittwoch und Freitag. 
Aufgcfurdert, zu zählen, zählt er: 1, 4, 9, 17, 19, 27, 32. Aus dem Bilderbuch 
benennt er die Gegenstände wie folgt: Zange = Hammer, Kerze = Turm¬ 
spitze, Zündholzschachtel = Totentruhe. Reale Gegenstände benennt er 
ähnlich, z. B. Regenschirm = Dach, Bleistift = Lanze. Die Ziehensche 
Siinulatiousprobe: 307 = 3 8; 123 = 14. Ironisch gefragt, ob er mit 
dem Arrest Bekanntschaft machen wolle, meint er gelassen, er sei so schon 
tot, er sei vor 14 Tagen erschossen worden. Jetzt befinde er sich auf der 
„anderen“ Welt, man solle ihn aus diesem Grunde in Ruhe lassen, er warte 
auf das Jüngste Gericht. Faselt in den blauen Tag hinein. Das gegenwärtige 
Datum: Januar 920. Somatisch keine hysterischen Stigmata. Puls arryth- 
mucli, stark beschleunigt. 

18. 0. Vollständig unverändert, liegt ruhig zu Bett, nimmt Nahrung 
zu sich, hält sich rein. Macht große Augen und ein verstörtes Gesicht 
blickt ratlos tun sich. Rechnet vorbei. Desorientiert. 

Durch eine Anfrage bei seinem Truppenkörper wurde in Erfahrung 
gebracht, daß der Mann einer Marseliformatiou zugeteilt war. die in den 


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Alfred Serko. 


nächsten Tagen ins Feld abgehen soll. Am 13. ö. verließ er eigenmächtig 
die Kompagnie und kam nicht wieder. Als dem Kranken das entgegen- 
gehalten und ihm eindringlich ins Gewissen geredet wird, lenkt er nach einigem 
Zögern ein, nennt seinen Namen, seinen Truppenkörper, sein Geburtsjahr 
und seinen Geburtsort, erzählt, er habe Ausgang gehabt, habe vor dem 
Abgehen ins Feld seine Sachen in Ordnung bringen wollen, sei in der 
Stadt gewesen, was dann mit ihm geschehen sei, wisse er nicht. Bestreitet 
noch heute, bei der Visite erklärt zu haben, daß er tot sei und sich in der 
„anderen Welt.“ befinde. Bestreitet, sich verstellt zu haben. Will nicht wissen, 
wie lange er sich hier befinde. Hier sei ein Irrenhaus, er sei aber nicht 
geisteskrank und sei es auch nie gewesen. Wird der Marschformation. 
morgen den 19./6 . ms Feld abgeht, überstellt. 

20. ; fi. Ist nach der Überstellung zu seinem Truppenkörper sofort w ieder 
desertiert. 

Durch seine Anamnese und Verlaufsart bemerkenswert ist der 
folgende, auch sonst unreine Fall. 

Fall 9. S. J., Infanterist, 25 Jahre alt, ohne Beruf, ledig. Assentiert 
1914. Aufgenommen 21. Januar, entlassen h. März 1917. Stammt von gesunden 
F.ltern, hat drei gesunde Geschwister. Soll in der Kindheit kränklich ge¬ 
wesen sein and erst mit fünf Jahren gehen erlernt haben. Besuchte bis zu 
seinem elften Lebensjahre eine dreiklassigc Volksschule. War immer ein 
leichtsinniger, arbeitsscheuer Bursche, gerichtlich elfmal vorbestraft. Benahm 
sich beim Militär stets frech und subordinationswidrig. Ließ anfang Januar 
1917 wiederholt die Äußerung fallen, er werde in paar Tagen „den Narrischen 
markieren“. Betrank sich am 4. Januar gelegentlich eines Dienstganges mit 
Schnaps und sollte wegen renitenten und frechen Benehmens in den Arrest 
abgeführt werden. Leistete Widerstand, wurde gewalttätig, durchbiß die 
Schnur mit welcher er gefesselt wurde, schlug Fensterscheiben ein und 
fuchtelte mit seinem Bajonett] um sich. Mit Gewalt in den Arrest gesetzt, 
exzedierte er dort weiter, zertrümmerte die Fensterscheiben und drohte bei 
der ersten Gelegenheit zum Feind überzugehen. 

Am 9. 1. vernommen, gab er folgendes au: Der Vater sei dem Trünke 
ergeben. Kr selbst habe nur unregelmäßig die Schule besneht und weder 
lesen noch schreiben erlernt. Sei mit I I Jahren seineu Eltern durchgebrannt 
und habe sich dann jahrelang in der Welt herumgetrieben, die Schweiz 
und Italien durchwandert und mit Betteln sein Leben gefristet. Mit 13 Jahren 
sei er als Arbeiter in ein Kloster eingetreten und drei Jahre dort verblieben. 
Habe in den späteren Jahren Südfrankreich besucht und sich in die Fremden¬ 
legion iiuwerben lassen. Bei Kriegsausbruch freiwillig nach Österreich 
zurückgekebrt, ging er mit einer Arbeiterabteilung ins Feld ab, erlitt dort 
einen Ohnmachtsanfull und kam zurück ins Hinterland. Dann führte er 
aus: „Ich hin seit meinen Wanderungen ein starker Trinker und trinke 
alles zusammen. Warum ich hergekommen bin, weiß ich nicht. Man übt 
auf mich einen Zwang aus. Das Gewehr trug ich gezwungen, desgleichen 
das Bajonett. Ich würde auch nie auf jemanden schießen oder jemanden 
schlagen weil das eine große Sünde ist, die Christas verboten hat. Ich 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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bin kein Staatsbürger und kein Soldat, sondern nur ein armer Christ und 
möchte inB Kloster gehen, um dort zu beten. Ich wurde von meinen Kameraden 
schlecht behandelt, sie verspotteten und schlugen mich, so daß ich gezwungen 
war, in der Nacht zu beten. Die Italiener sind nicht meine Feinde, sie 
haben mir nichts Böses getan, haben mich nicht geschlagen wie meine 
Kameraden und ich würde auf sie nicht schießen. Wenn man mich des« 
wegen erschießen will, so soll man mich erschießen. Ich habe nur eine Bitte, 
man möge mir einen Pfarrer geben, damit ich beichte und sterbe, wie es sich 
einem Christen gebührt. Es ist wahr, daß ich vor einigen Tagen betrunken 
war, weiß aber nicht, was ich da getan oder gesprochen habe. Ich kam erst 
im Arrest zu mir.“ 

Am ll./l. in Anwesenheit Beines Kommandanten und anderer Zeugen 
dem Untersuchungsrichter vorgeführt, betrat der Beschuldigte das Zimmer 
mit dem Blick eines frommen Mönches, das Gebetbuch in der Hand. Auf 
die Frage, warum er hier sei, erklärte er, man habe ihn vorgeführt, damit 
er in ein Kloster abgegeben werde. Seinen Kommandanten wollte er nicht 
wiedererkennen, desgleichen nicht die übrigen Zeugen, sie Baien ihm alle 
unbekannt. Erklärte, als man ihn zur Rede stellte, unwillig, die Leute gar 
nicht zu kennen. Bestritt, schon einmal gerichtlich vernommen worden zu 
sein und erklärte, er sei überhaupt kein Soldat, sondern ein frommer Christ 
und gehöre in ein Kloster. 

Die einvernommenen Zeugen erklärten übereinstimmend, daß sie 
früher am Beschuldigten niemals Zeichen einer Geistesstörung bemerkt 
hatten, daß aber der Mann einige Tage vorher bei der Menage geäußert 
habe, er werde den Narrischen spielen und bei helüchtem Tage einen Pfarrer 
suchen. Er sei nichts weniger als fromm, führe gern obszöne Beilen und 
brüste sich mit seinen sexuellen Exzessen. 

In hiesiger Beobachtung verhielt er sich dauernd ruhig und geordnet, 
gab sich durchaus unauffällig und natürlich, schlief gut und fügte sich 
ohneweiters in die Abteilungsordnung. Psychotische Züge, geistige Aus* 
nahmszustände, abnorme Affektschwankungen, Krampf* oder Ohnmachts¬ 
anfällen w’urden bei ihm nicht beobachtet. Er lag ruhig im Bett und fiel 
bei den täglichen Visiten in nichts auf. Er war stets frei von Manieren, Ver¬ 
schrobenheiten und Bizarrerien. 

Im schreienden Widerspruch zu diesem geordneten Verhalten stellte 
er sich jedoch bei der am 6., 2. vorgenommenen Exploration total unwissend. 
Erklärte, nicht zu wissen, wo und warum er sieh hier befinde. Er sei hier 
wohl zuhause in Klagenflirt. Er wisse überhaupt nicht, was mit ihm los 
sei. Nach seinem Namen gefragt, denkt er eine ganze Weile nach, lievor 
er ihn nennt, will aber weder sein Geburtsjahr noch seinen Geburtsort 
kennen. Ist angeblich außerstande, das gegenwärtige Jahr auch nur an¬ 
nähernd zu sagen und begründet das damit, daß er Analphabet sei. Anf 
die Frage, ob er Soldat gewesen, fragt er erstaunt: „Soldat? ich war nie 
Soldat“ Ob er nie Uniform getragen, nie assentiert worden: „Uniform? 
assentiert?“ Betont dabei die Worte so, als würde er ihren Sinn gar nicht 
kennen. Aufgefordert zu zählen, erklärt er, er habe nie zählen gelernt. Er 


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habe nicht nur nie die Monatsnamen, sondern auch noch nie die Namen 
der Wochentage gehört. Vom Krieg hat er angeblich keine Ahnung. Dabei 
ist er attent und lebhaft und faßt jede Frage sofort auf. Ab und zu tituliert 
er den Arzt richtig mit Herr Doktor. In die Enge getrieben, geht er so weit 
zu erklären, nicht zu wissen, ob er in seinem Leben schon einmal anderswo 
als hier in diesem Haus gewesen sei. Spricht man ihm gütig zu und leukt 
ihn dadurch ab, so vergißt er sich; so sagt er einmal: „Aber Herr Doktor, 
ich weiß ja nicht warum ich hier bin, ich habe doch nichts gemacht. Mein 
Vater ist auch ein Trinker gewesen, warum sollte ich nicht trinken dürfen.“ 
Läßt sich verführen zu erklären, daß hier ein Spital sei, merkt aber sofort 
seinen Lapsus und wird verlegen. 

2<>. 2. War bisher völlig unverändert. Lag immer zu Bett, machte bei 
den Visiteu auf Fragen ein verdutztes Gesicht, war außerstande, die aller¬ 
einfachsten Fragen zu beantworten, erklärte z. B. unter anderem nicht zu 
wissen, welche Zahl nach der Zahl 1 komme. Heute lenkt er etwas ein. 
Gibt zu, beim Infanterie-Regiment Nr. — zu dienen, sei im Felde gewesen 
und dort an einem eitrigen Ausfluß aus der Nase erkrankt Sei hierauf in 
einem Erholungsheim in Behandlung gestandeu. 

27. 2. Bleibt dabei, sich absolut nicht zu erinnern, wann und unter 
welchen Umständen er hiehcr gekommen, wessen er sich schnldig gemacht 
und daß er bereits gerichtlich vernommen worden. Fragt als ihm die Straf¬ 
anzeige vorgelesen wird, erstaunt: „Das soll ich gemacht haben?“ Weiß jetzt, 
daß er sich in Graz in einem Spital befindet, weiß dagegen angeblich nicht* 
davon, daß er früher einmal angegeben, sich hier in Klagenfurt zu befinden, 
stellt ganz einfach in Abrede, schon einmal exploriert worden zu sein. Im 
übrigen benimmt er sich geordnet und natürlich, unterhält sich, wenn er 
sich unbeobachtet glaubt sehr lebhaft mit seinen Zimmerkameraden, schläft 
gut und scheint mit dem Stande seiner Angelegenheit zufrieden zu sein. 

Somatisch: Schwächlich gebaut, sehr dürftig genährt Pupillen uüd 
Hirnnerven ohne Befund. Sehneureflexe lebhaft Puls voll, kräftig, etwas 
frequent. 

1./3.: Unverändert, zurechnungsfähig und strafrechtlich verantwort¬ 
lich dem Gerichte rüekübersfcellt. ; 

Was die vorgetäuschto Demenz von der echten auf das auf¬ 
fälligste unterscheidet, ist die Diskrepanz zwischen der inhaltlichen 
uud der formalen Komponente des unechten Schwachsinns. Der 
wirklich Schwachsinnige läßt seinen Defekt durch seiu ganzes Wesen: 
seine Haltung und seine Bewegungen, sein Mienenspiel und seinen 
Blick, seine Gesten und seine Sprechweise ohne weiteres erkennen 
und es bedarf keiner großen Erfahrung, um einen Imbezillen, noch 
bevor er ein Wort geredet hat, lediglich an seinen Bewegungen, an 
der Art, wie er sich auf die Frage einstellt und wie er zum Sprechen 
ansetzt, wie er deu Sprecher aublickt usw., zu erkennen. Diese so 
ungeineiu charakteristische äußerlich formale Seite des Schwachsinns 


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Über Simulation von Geistesstörung. 217 

wird von den Simulanten oft gänzlich vernachlässigt, in seltenen 
Fällen ernstlich berücksichtigt und nur ausnahmsweise irreführend 
nachgeahrat. Zwar ist auch das äußere Verhalten der Simulanten 
in der Mehrzahl der Fälle irgendwie verstellt, doch sind es meist 
sich widersprechende, stuporähnliche oder mürrisch-ablehnende Zu¬ 
standsbilder, die man zu sehen bekommt, kaum jemals jenes hilflos- 
gutmütige, naiv-schwerfällige, läppisch - zutrauliche Gebaren der 
Imbezillen und Schwachsinnigen, das für diese Zustände so typisch 
ist. Für gewöhnlich kennt man dem Pseudodementen seise Demenz 
äußerlich gar nicht an. In seinen Gesichtszügen malt sich im Gegen¬ 
teil das lebhafte intrap3ychi3che Leben, die gespannte Aufmerksam¬ 
keit und die Entschlossenheit, das begonnene Spiel zu gewinnen, 
deutlich ab. Im schreienden Gegensatz hiezu steht nun der inhalt¬ 
liche Defekt. Der Simulant geht fast stets zu weit und stellt sich 
dementer, als es seinem äußeren Gebaren entspricht und es er¬ 
fahrungsgemäß Schwachsinnige sind. Seine Unwissenheit erreicht 
oft ganz unmögliche Grade. Unfähig, die allereinfachsten Rechen¬ 
aufgaben zu lösen oder selbst richtig zu zählen, verfügt er nicht 
über das elementarste Erfahrungswissen, weiß z. B. nicht, wie viele 
Finger er hat, wie alt er ist, wie seiue Eltern heißen, kann die 
Wochentage nicht aufzählen, erkennt nicht im Bilde die alltäglich¬ 
sten Gebrauchsgegenstände und ist nicht imstande sich aus seiner 
Umgebung heraus aufs gröbste zu orientieren. Und doch ist er dabei 
Aufmerksam und agil, spricht glatt und oft mit Nachdruck unter 
lebhaften Gesten, wählt passende Worte und treffende Redewendungen, 
«ersteht ohne weiteres jede Frage des Arztes und reagiert sinngemäß 
darauf. Er ist nicht naiv und einfältig, nicht hilflos-zutraulich, 
sondern nur dumm und unwissend. Er kann wohl verlegen und 
befaugen, nicht aber unbeholfen und schüchtern sein. Er hat kein 
Bedürfnis, sich verständlich zu machen, auch wenn er bemerkt, daß 
er nicht verstanden worden ist. Er selbst mißversteht nie eine Frage, 
bleibt nie an einem Gedanken oder einem Worte haften, sondern 
er gibt lediglich verkehrte Antworten bei prompter Auffassung. Er 
hat nie welche Anliegen, nie welche Wünsche und äußert sich 
spontan nur ungern. Er antwortet nicht mehr als unbedingt not¬ 
wendig und versteht verfänglichen Fragen aus dem Wege zu gehen. 
Er gibt nur selten seinen Schwachsinn zu, fast niemals aber in jener 
demütig bescheidenen Weise, wie diese den wirklich geistig Be¬ 
schränkten so sehr eigentümlich ist. Er kann stumpf und indolent 


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erscheinen, läßt sich aber durch geschickte Fragen reizen und wann, 
machen. Er ist stets lauernd, kaum jemals harmlos und es knüpft 
sich kein geistiges Band zwischen ihm und dem Arzte. 

ln der großen Mehrzahl der forensischen Fälle verbindet sich r 
wie schon erwähnt, mit dem falschen Schwachsinn eine weitgehende 
Erinnerungslosigkeit für gewisse Ereignisse oder selbst ganze Zeit¬ 
abschnitte des Lebens, eine Komplikation, die fast stets die Diagnose 
Simulation ohneweiters erlaubt, ganz einerlei, ob es sich dabei um 
primäre oder konsekutive Schwachsinnsformen handelt. Die simulative 
Affinität zwischen diesen beiden Defektzuständen ist psychologisch 
leicht begreiflich. Der Laienerfahrung ist die Erinnerungslosigkeit 
gleichbedeutend mit Vergeßlichkeit und diese mit Gedächtnisschwäche, 
die ihrerseits wieder einen Hauptbestandteil des Schwachsinns aus¬ 
macht. Diese Verwechslung des Erinnerungsausfalles mit Gedächtnis* 
bzw. Geistesschwäche seitens der Simulanten geht gelegentlich so 
weit, daß das Nichtswissen, das Sich-an-nicbts-erinnern primär auf- 
treten und den alleinigen Inhalt der Simulation ausmachen kann, 
wenn in solchen Fällen überhaupt noch von Simulation gesprochen 
weiden kann. Das Nichtswissen ohne vorgetäuschtes abnormes 
äußeres Verhalten kann nach unserer Begriffsbestimmung der Ver¬ 
stellung nicht im eigentlichen Sinne zur Simulation gerechnet werden, 
sondern nähert sich in seiner Genese eher der einfachen lügenhaften 
Ableugnung einer Straftat. Nur insofern als ihm simulative Tendenzen, 
d. h. der Wunsch, dadurch geisteskrank zu erscheinen, zugrunde 
liegen, kann es der Simulation im weiteren Sinne zugezählt werden. 

Ein typisches Beispiel dieser Siraulationsform ist folgender 

Fall 10. D. G., Infanterist,21 Jahre alt. ledig,Schlosser, assentiert 191b. 
Aufgenommen 12./5., entlassen 22. 5.1917. Der Mann ist in seinem Zivilleben 
elfmal vorbestraft: siebenmal wegen Diebstahls minderer Art mit kurzen Arrest- 
Strafen, dreimal wegen verbotener Rückkehr and einmal wegen schweren 
Diebstahls mit einem Jahr schweren Kerkers. Nach Verbüßung dieser Strafe 
wurde er im Juli 1919 gemustert und für tauglich befunden. Statt einzurücken, 
trieb er sich jedoch herum, bis er wegen Verdachts des Hühnerdicbstahls 
gerichtlich vernommen und bei dieser Gelegenheit als Deserteur erkannt 
wurde. Er bekam dafür vom Kriegsgericht 15 Monate verschärften Kerkers 
zuerkannt. Im Februar 1917 desertierte er abermals, entsprang, in Haft ge¬ 
setzt, aus dem Arreste, desertierte später noch einmal und machte sich ver¬ 
schiedener Diebstähle verdächtig. Im März 1917 einer Marschkompagnie 
eingereiht, fehlte er bei der Manuschaftsübernabme und konnte trotz aller 
Nachforschungen nicht eruiert werden. Zwei Tage nach seinem Verschwinden, 
am 10. Mitrz, wurde er an der Landesgrenze angchalten und zur Ausweis- 


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leistung verhalten. Nun behauptete er, der Gefangenenbewachung in der 
nächsten Ortschaft anzugehören und sich auf dem Wege in ein naheliegen¬ 
des Haus zu befinden, um sich Bohnen zu kaufen. Da er sich jedoch nicht 
aasweisen konnte, wurde er trotz seines sicheren Auftretens der Wache 
überstellt, wo er nach langem Zureden schließlich zugab, sich vor ungefähr 
vier Tagen wegen schlechter Verpflegung eigenmächtig von seinem Truppen¬ 
körper entfernt zu haben. 

Bei der am 13./3. stattgehabten gerichtlichen Vernehmung in L. gab 
er an: „Ich fühle mich nicht schuldig, ich habe mich wohl von meiner 
Unterabteilung eigenmächtig entfernt, aber während eines solchen Gemüts¬ 
zustandes, bei welchem ich nicht wußte, was ich tat. Seit ungefähr drei 
Monaten leide ich an furchtbaren Kopfschmerzen, so daß cs mir nicht klar 
ist, was ich tue. In diesem Zustande entfernte ich mich vor ungefähr fünf 
Tagen, soweit ich mich erinnern kann, während des Tages von meiner Ab¬ 
teilung, ohne ein Ziel zu haben und ohne einen Grund dafür angeben zu 
können. Ich kann nicht angeben, wie und wo ich während der Heise über¬ 
nachtet und wie ich mich verköstigt habe. Auch während der Reise habe 
ich nie gedacht, was ich getan habe, bzw. mit welchem Zweck oder aus 
welchem Grunde. Ich kann nicht behaupten, daß ich bei der Kompagnie 
schlecht behandelt worden wäre/ 

Nach Vorhalt der Anzeige fügte er hinzu: 

„Ich erinnere mich nicht, daß ich bei meinem Verhöre dem Gendarmen 
gesagt hätte, ich sei als Bedeckung bei einer Kriegsgefangenenabteilung, 
und auch nicht dem anderen Gendarmen gestanden zu haben, daß ich mich 
von meiner Abteilung entfernte.“ 

Vor dem Gericht in Graz am 29. März hingegen sagte er aüs: 

„Ich kann mich zwar an meine oben angegebenen Generalien, sonst 
aber überhaupt an nichts erinnern. Ich weiß zwar, daß ich von L. komme, 
kann mich aber nicht erinnern, wie ich dorthin gekommen und auch nicht, 
daß dort mit mir ein Protokoll aufgenommen wurde.“ 

Nach Vorhalt seiner Aussage am 13. März: 

„Ich kann mich nicht erinnern, das ungegeben zu haben, doch erkenne 
ich meine Unterschrift. Ich erinnere mich auch nicht, daß ich Mitte Februar 
von einem Gendarmen verhaftet, dem Arreste eingeliefert w r urde und von 
dort entwichen bin. Ich kann mich an den Namen Julius P. (eines Kom¬ 
plizen) nicht erinnern, vielleicht würde ich ihn erkennen, w enn man ihn mir 
zeigen würde. Ich erinnere mich auch nicht, daß ich in März mit P. ver¬ 
haftet wurde. Ich weiß auch nicht, daß ich mich dann in Präventivhaft 
befand und gelegentlich der Einteilung in die Marschkompagnie entwich. 
Ich weiß auch nicht, wie ich nach L. kam, daß ich dort war, weiß ich. Dort 
war ich in einer Kaserne, ob es ein Arrest war, weiß ich nicht. Ich weiß 
auch nicht, ob ich heuer oder vergangenes Jahr zum Militär kam, doch 
weiß ich, daß ich nicht im Felde war. Ich kann mich auch nicht erinnern, 
wo ich mich vor meiner Einrückung zum Militär aufhielt. Ich leide au 
starken Kopfschmerzen und kann mich infolgedessen an nichts erinnern. 
Seit wann ich krank bin, weiß ich aber auch nicht. Ich erinnere mich, daß 


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ich wegen Nichtbefolgung eines militärischen Einberufungsbefehles zu 
15 Monaten Kerkers verurteilt wurde uud dann Strafaufschub erhielt, 
wann dies war, weiß ich jedoch nicht.“ 

Bei Gegenüberstellung mit Julius P.: 

„Ich erinnere mich wohl an diesen Mann, doch weiß ich nicht, wie 
er heißt und wo und wann ich mit ihm beisammen war.“ 

Der hiesigen Krankheitsgeschichte ist folgendes zu entnehmen: 

Aufgenommen 12., 5. 

15./5. Hat sich bisher ruhig, geordnet und nach außen hin unauffällig 
beuommen. Hielt sich rein, aß mit Appetit, schlief gut. Bei den Visiten im 
Bett gab er angesprochen willig und stets sinngemäß Auskunft, erklärie aber 
nicht zu wissen warum er hier sei. Bis auf eine gewisse Gebundenheit und 
Befangenheit in seinem Sichgeben war an ihm nichts Auffallendes zu be¬ 
merken. Verwirrtheilszustände, Halluzinationen, Ohnmachts- oder Krampf¬ 
anfälle, auffälligere Stimmungsschwankungen oder sonstige psychotische 
Symptome kamen nicht zum Vorschein. Er bot im großen und ganzen das 
Bild eines etwas indolenteu, vielleicht debilen und harmlosen, aber sonst 
zugänglichen und nicht im engeren Sinne geisteskranken Menschen. 

Bei der heutigen Exploration erklärt er, sich an nichts zu erinnern. 
Er sei hier in einem Spital in Graz. Jetzt hätten wir März 1917. Er komme 
aus dem Garnisonsarrest, warum, wisse er allerdings nicht. Er wisse auch 
nicht, warum, wann und wie er in den Garnisonsarrest gekommen. Er wisse 
zwar, daß er beim Militär diene, alles übrige: wie lange er dabei sei, wie 
sein Regiment heiße, wo es sich befinde, was er beim Regiment getan, 
kurz, alle seine Erlebnisse als Soldat, habe er vollständig vergessen. Auf 
die Frage, woher er wis«e, daß er Soldat sei, erklärt er auch das nicht zu 
wissen. 

Er sei im Januar 1895 geboren, somit jetzt 20 Jahre alt. Die Mutter 
wohne in T., ihre genaue Adresse wisse er nicht. Er wiese auch nicht, wo 
er selbst in Triest gewohnt habe. Wann sein Vater gestorben, wie er ge¬ 
heißen, ob er mit der Mutter verheiratet gewesen, das alles sei ihm un¬ 
bekannt. Seine Mutter habe ihm nie davon erzählt und er habe sie niemals 
darnach gefragt. Er selbst habe in Triest fünf Volksschalklassen besucht 
und gut lesen und schreiben erlernt. Später sei er Schlosser geworden und 
habe als solcher in Triest gearbeitet. Wo, bei welchen Meistern usw., wisse 
er jedoch nicht. Auch sei ihm völlig unbekannt, wie und wann er zum 
Militär gekommen sei. Ebenso sei ihm nichts davon bekannt, daß er zu 
15 Monaten Kerkers wegen Nichteinrückung verurteilt worden wäre, daß 
er sich wiederholter Desertionen schuldig gemacht hätte, daß er wiederholt 
gerichtlieh cinvernommen uud auch des Diebstahls beschuldigt worden wäre. 
Er erkenne seine Unterschrift auf den angeblich mit ihm aufgenommenen 
Protokollen :in, erinnere sich jedoch nicht, wann und unter welchen Umständen 
er «eine Unterschrift gegeben habe. Er erinnere sich überhaupt an nichts, 
was in den letzten Jahren vorgefallcn, an wie viele Jahre zurück er sich 
nicht erinnere, wisse er aber auch nicht. Krank sei er nicht leide nur an 
Husten. Er sei immer so gewesen wie jetzt. Auf Vorhalt, daß er unmöglich 


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in einem solchen Zustande die Schlosserei erlernt haben könne, antwortet 
er. daß er nicht wisse, wie sich die Sache verhalte. Das wisse er aber be¬ 
stimmt, daß er nicht geisteskrank sei. Gefragt, ob er sich denn gar keine 
Gedanken über seinen höchst sonderbaren und abnormen Geisteszustand 
mache, ob ihn das fast vollständige Abhandenkommen des Eiinnerungs- 
vermögens nicht beunruhige, erklärt der „Kranke“ mit auffallender Prompt, 
heit, daß er sich nicht im mindesten für krank halte und er stets so gewesen 
sei wie jetzt. 

Aufgefordert zu rechnen, rechnet er: 2 X 3 = 5, 6 X= 66» 5 X 4 = 45- 
f> -r 5 = 15, 2 + 2 = 4, 4 + 4 = 6. Aufgefordert zu zählen, zählt er langsam: 
1, 2, 3, 4, f>, 6, 7, 10, 13, 15, 16, 18. Auf die Frage, mit wem wir Krieg 
führen, sagt er: „mit England.“ Nur mit England? .Nur.“ Mit Italien und 
Rußland nicht? „Nein.“ Woher er weiß, daß wir mit England im Kriegs¬ 
zustände sind, wisse er nicht. Daß der Kaiser Franz Josef gestorben, sei 
ihm unbekannt. 

Während der Exploration bekundet der Untersuchte ein gutes Auf¬ 
fassungsvermögen bei ungestörter Aufmerksamkeit. Sein Benehmen ist zwar 
etwas gebuuden und steif, aber sonst nicht weiter auffallend. Auf die Er¬ 
öffnung, daß man ihn für geisteskrank halte und dementsprechend behandeln 
werde, kann er nicht umhin zu wiederholen, daß er bis auf einen unbedeuten¬ 
den Husten ganz gesund sei. ‘ . 

Der „Kranke“ wird auf die strenge Diät gestellt und separiert. 

In der Folge unverändert, verhält sich dauernd ruhig, wird nie 
störend, klagt gelegentlich auf Befragen über Kopfschmerzen, schläft aber 
gut und hält sich rein. Auf alle Fragen bezüglich seines Lebens antwortet 
er meist mit einem stereotypen „ich weiß das nicht“. 

Am 21./5. lenkt er etwas ein, weiß, daß er sich in einem Spital in 
Graz befinde und seit einem Jahr beim Militär sei, beharrt aber im übrigen 
auf seinem Standpunkt des „Sich-an-nichts-erinnern-köunens u . 

Somatisch: Groß, schlank, hager, dürftig genährt. Etwas verfallen. 
Pupillen und die übrigen Hirnnerven ohne path. Befund. Reflexe lebhaft. 

Man sieht, das Hauptgewicht in diesem Falle liegt auf dem 
„ Sichnichterinnemkönnen“, auf dem Eriunarungsausfall hei sonst 
geringfügigen allgemein dementen Zügen, die erst konsekutiv als 
Sekundärerscheinungen auftreten und im Gesamtbilde entschieden 
in den Hintergrund rücken. Daß sie nicht ganz fehleu, liegt in der 
Konsequenz des Hauptsymptoms. Der Fall ist ferner insoferne in¬ 
struktiv, als er uns die fortschreitende Entwicklung der Amnesie 
vor Augen führt. Als dem Manne vor Gericht seine ihn belastende 
Aussage gelegentlich seiner Verhaftung vorgehalten wird, erklärt er 
wohl in Ermangelung einer besseren Ausrede, sich ihrer nicht zu 
entsinnen: die einfachste und nächstliegende Methode, um peinlichen 
Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen. Einmal in An¬ 
wendung gebracht, wird diese Methode in fast zwingender Weiso 


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rasch zur alleinigen und einzigen Verteidigungswaffe. Sie ist leicht 
zu handhaben, erfordert keine große geistige Spannkraft und ist 
auf jede wie immer geartete Untersuchungsmethode und bei jeder 
Situation anwendbar. Sie ist bequem und unbeschränkt ausdehnungs¬ 
fähig. Allerdings versetzt sie den, der sie anwendet, alsbald in die 
Zwungslage, immer größere Zeiträume der Vergessenheit anheim- 
fallen zu lassen und sich schließlich in unüberbrückbare Wider 
Sprüche zu verwickeln. Auf die Spitze getrieben, muß sie von selbst 
zum Pseudoschwachsinn führen. 

Recht häufig lehnt sich der vorgetäuschte Schwachsinn an 
eine anderweitige körperliche Störung oder Erkrankung an. oder 
wird zumindest durch eine solche motiviert. Diesbezüglich spielt 
der „Sturz auf den Kopf“, der Kopftyphus und bei italienischer 
Bevölkerung die Meningitis eine große Rolle, wie denn überhaupt 
das Kopftrauma und die genannten Erkrankungen bei allen Simula¬ 
tionen von Geistesstörung gern als ätiologisches Moment erwähnt 
werden. Unter den gleichzeitig bestehenden körperlichen Leiden 
nimmt hingegen die erworbene Schwerhörigkeit entschieden die 
erste Stelle ein und ist es nicht zu bezweifeln, daß sie oft als das 
eigentliche auslösende Moment der Idee, Schwachsinn zu simulieren, 
anzusprechen ist. In solchen Fällen nimmt die simulierte Demenz 
meist eine eigenartige Färbung an, indem sie in ihrem klinischen 
Bilde Züge eines eigentümlich passiv-abulischen Stupors annimmt 
und sich gelegentlich selbst bis zum vollständig stuporösen Ver¬ 
halten vertieft. 

Die den Schwachsinn begleitende Schwerhörigkeit oder Taub¬ 
heit kann nun ihrerseits wieder entweder echt oder aber selbst 
simuliert, bzw. aggraviert sein. Bemerkenswert in dieser Beziehung 
sind folgende zwei Fälle. 

Fall 11. M. E., Infanterist, 1‘.» Jniirc alt, ledig, Bauern ssobn. as»ent. 
1917. Aufgenoinmen 2Ö./5., entlassen 31./5. 1918. Über das Vorleben des 
Mannes ist nichts objektiv Sichere» bekannt. Im März 15*17 eingerückt, 
wurde er im Mai 1917 auf die hiesige Abteilung zwecks Konstatierung 
seines Geisteszustandes überstellt. Er bot damals das Bild eines Schwach¬ 
sinnigen, faßte schwer auf, blickte den Arzt auf alle Fragen verständnislos 
an, schien etwas schwerhörig zu sein, erklärte, weder lesen noch schreiben 
zu können und keine Schulbildung genossen zu haben, Wußte weder sein 
genaues Geburtsdatum noch sein Alter, noch den Mädchennamen seiner 
Mutter, noch dcu Namen des Kaisers, war nicht imstande, die Monatsnamen 
anfzuzähleu, rechnete die allcreinfachston Aufgaben wie 3 -f 5 falsch und 


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konnte über den Krieg keine Angaben machen. Er hielt sich etwas steif, 
nahm keine Notiz von seiner Umgebung, gab sich „hilflos und treuherzig*. 

Er wurde mit der Diagnose: hochgradig zurückgebliebene geistige 
Entwicklung, zur Ausscheidung aus dem Heere in Antrag gebracht und 
Bald darauf auch tatsächlich nach Hause entlassen. 

Am 25./f>. 1918 kam er abermals zur Aufnahme. Diesmal bot er das 
Bild eines Tauben. Angeredet, zeigte er mit der Hand auf seine Ohren, um 
anzudeuten, daß er nichts höre, reagierte aber auch sprachlich gar nicht. 
Bei den Visiten stand er am Fußende seines Bettes und überhörte, ohne 
■eine Miene zu verziehen, alle Fragen des Arztes. Er hielt sich etwas steif 
und gab sich ungeschickt. Durch eine genaue körperliche Untersuchung 
abgelenkt und plötzlich aufgefordert, die Zunge zu zeigen, vergaß er sich 
für einen Moment und streckte fast reflektorisch die Zunge heraus. Dar¬ 
über zur Rede gestellt, tat er, als ob er nicht verstände, was man von ihm 
wolle und streckte in der Folge auf jede beliebige Aufforderung die Zunge 
heraus. Auf dem Zimmer ließ er sich von seinen Kameraden zum Besten 
lialten und blieb konsequent in seinem Verhalten. 

Am 28./5. wurde er im Spitalsgarten beim Schreiben eines Briefes 
überrascht. Als er den Arzt erblickte, versteckte er rasch das Schreiben in 
seine Bluse und tat, als ob er auf der Tischplatte kritzeln würde. 

Der Brief, der ihm abgenommen wurde, hat folgenden Wortlaut: 

Graz, tarn 28. Mai. 

Liebe Mutter! 

Im Anfänge ich euch recht oft grüße und hoffe, daß Ihr alle 
gesund seid, was bei mir nieht mehr ganz ist. Denn die Untersuchung 
ist schwer, ich habe einen schlechten Doktor erwischt, aber jetzt geht 
•es wohl wieder. Ich bin im Garn.-Spital 7, am Samstag den 25. wurde 
ich zur Konstatierung geschickt und da haben sie mir auf den Zettel 
geschrieben, wegen Geisteszustand soll ich konstatiert werden, das war 
schlecht. Ich werde hier bleiben müssen und werde dahier abgeprobt, 
<las ist schwer gewesen. Jetzt glauben sie es mir wohl, aber zuerst gar 
nicht, es hieß, Schwindler sei ich. Geschrieben habe ich ganz heimlich 
und wenn es sein soll, daß bei euch zu Hause vielleicht auch nach¬ 
gefragt werde, so sagt ihr, daß ich einmal wo heruntergefallcn bin, wo 
wißt ihr halt nicht. Denn ich sage auch so, ich bin wo heruntergefallen, 
wo weiß ich halt nicht. Es wird wohl wieder gehen, aber langsam. Und 
den Baucrnleuten müßt ihr auch die gleiche Nachricht sagen und sofort. 
Denn es ist sehr gefährlich. Ausgehen kann ich auch nicht, aber so 
brenne ich manchmal durch, über eine hohe Mauer hinaus, sonst müßt 
ich wohl ganz verzweifeln und da gehe ich halt zum Nikolaus N. hin¬ 
ein, mir kommt es vor, als wie wenns auch mein Vater wär, er..., 
(hier wurde der „Kranke* unterbrochen). 

Als dem Manne dieses Schreiben abgenommen wurde, wurde er kreide¬ 
weiß, ließ aber noch nicht locker, begann zwar zu reden, stellte sich aber 
weiterhin schwachsinnig. Vermochte die einfachsten Rechenaufgaben nicht 
.zu lösen, uud war nicht imstande, drei ihm vorgesagte einstellige Zahlen nach- 


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Zusagen. Er gab siel» weiterhin höchst ungeschickt und unbeholfen. — Tags- 
darauf, ara 29./5., exploriert, lenkte er ein. Er stellte sich zwar immer noch 
etwas schwerhörig, gab aber auf laute Fragen geordnet Auskunft. JSei 
19 Jahre alt, am 7 /ll. 1899 in Gr. als Sohn eines Holzknechtes geboren, 
habe einen Bruder und zwei Schwestern. Seine Mutter heiße Anna, geh. 1*. 
Er selbst habe bis zu seinem 14. Lebensjahre die Volkssphulc besucht und 
drei Klassen absolviert. Könne lesen uud schreiben. Habe nachher Bauern¬ 
arbeit verrichtet und seinem Vater heim Holzfällen geholfen. Im Jahre 1914 
sei er von einem Baume gefallen und höre seitdem schlecht. Auf Vorhalt, 
warum er dann seiner Mutter geschrieben, man solle aussagen, er wäre 
seinerzeit wo abgestürzt, meint er unverfroren, die Mutter wisse von seinem 
damaligen Sturze nichts, da er sich nicht getraut hatte, ihr etwas davon zu 
sagen aus Furcht vor Strafe, weil er auf den Baum geklettert war. 

Am 10./3. 1917 eingerückt, verschlechterte sich infolge Scharfschießens 
sein Ohrenleiden derart, daß er im Mai 1917 zur Konstatierung nach Graz, 
geschickt, im Juni superarbitriert uud nachher nach Hause entlassen wurde 
Am 15./5. 1918 sei er wieder eingedickt. 

Der „Kranke“ rechnet seinem Bildungsgrade entsprechend, sagt di«- 
Monate richtig her, weiß, wo er sich befindet und ist zeitlich gut orientiert. 
Er weiß genau, mit welchen Staaten wir im Kriege stehen und seit wann 
dieser dauert. 

Auf die Frage, warum er sich taub, stumm und schwachsinnig ge¬ 
stellt, bleibt er verlegen die Antwort schuldig. Er gibt sieh immer noch 
recht steif, sitzt bei der Exploration regungslos da und liebt.'bevor er ant¬ 
wortet. zu fragen, was man ihn gefragt habe. Bemerkenswert ist der gut¬ 
mütige, treuherzige Gesichtsausdruck, der so gar nicht im Einklänge mit 
seiner Verschlagenheit steht. 

Somatisch: Klein, untersetzt gut genährt. Seinem Alter entsprechend 
entwickelt. Auf dem Schädel keine Narben. Pupillen und Hirnnerven in¬ 
takt. Rachenreflex vorhanden, Sehnenreflexe lebhaft. Herzaktion leicht be¬ 
schleunigt. Ohrenbefund: Beiderseits Einziehung und Trübung. Hörsclüirfc 
beiderseits über ß in. 

Inwieweit h» vorliegende» Falle wirkliche Schwerhörigkeit 
vorhanden ist, läßt sich ohne zuverlässige objektive Anamnese nicht 
mit Sicherheit entscheiden, doch ist aus psychologischen Gründen 
die Wahrscheinlichkeit eines mehr minder großen Hördefektes recht 
naheliegend. Nach dem Satz vom zureichenden Grunde ist es ein 
logisches Postulat, daß jeder Simulation von Kranksein ein ursäch¬ 
liches Moment zugrunde liegen muß, wonach gerade diese Störung 
und keine beliebige andere simuliert wird. Das vorgetäusehte Leiden 
muß irgendwie mit seinem Träger iu näherer Beziehung stehen, sei 
es, daß der Kranke dieses Leiden aus eigener Erfahrung kennt, 
sei es, daß er es aus fremder, ihm aber irgendwie nahegehender 
Erfahrung entlehnt hat. Im ersteren Falle kann man von autogener. 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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im letzteren von allogener Simulation sprechen. In jedem Palle 
muß aber der „Kranke“ auf die Störung, die er vortäuscht, in 
irgend einer Weise „abgestimmt“ sein, sei es, daß diese „Abge- 
stimmtheit“ für gewisse Leiden dem Kranken immanent, sei es, daß 
sie ein Produkt äußerer Einflüsse auf den Kranken ist. Im letzten 
Grunde muß jede Simulation sozusagen einen Kristallisatiouspunkt 
haben, um den sie sich bei gesättigter geistiger Spannung fast re¬ 
flektorisch niederschlägt. Wie es fertige Assoziationskomplexe und 
psychische Mechanismen gibt, die bei erfüllten Bedingungen auto¬ 
matisch in Erscheinung treten, so scheint es fertig vorliegende Simu¬ 
lationsmechanismen zu geben, die bei verschiedenen Individuen ver¬ 
schieden, im gegebenen Momente auf einen einfachen Impuls, hin 
zu simulieren, da sind. Daß diese Mechanismen in verhältnismäßig 
wenigen Formen präformiert sind, liegt in der Gleichartigkeit des 
menschlichen 'Seelenlebens und der menschlichen gesellschaftlichen 
Struktur begründet, wie denn andrerseits diese Uniformität als ein 
Beweis ihrer Präformität gelten kann. Je willkürlicher und willens¬ 
freier ein psychisches Geschehen ist, desto weniger entfernt es sich 
vom Durchschnitt des tatsächlich beobachteten Geschehens. Nicht 
die Willensfreiheit, sondern der Willenszwang schafft schreiende 
Kontraste. Erst die Zerstörung jener, im Laufe des Lebens sich 
gebildeter Komplexe und Mechauismen durch echte Sejunktions- 
prozesse bringt jene Mannigfaltigkeit der Bilder zustande, wie sie 
uns in Irrenanstalten entgegentritt. Je tiefergreifend diese sejunk- 
tive Störung, desto mannigfaltiger sind bis zu einem bestimmten 
Grade die psychischen Bilder, und umgekehrt: je psychogener ein 
Ereignis, desto uniformer seine Symptomatologie. Man denke nur an 
die so eminent psychogenen Ganserschen Dämmerzustände in ihrer 
frappierenden Gleichartigkeit bei den verschiedensten Menschen aller 
sozialen Stufen und halte sich dabei die Bilder vors geistige Auge, 
die uns bei noch nicht zu tief verblödeten Paralytikern auf der 
einen, und noch nicht zu weitgehend zersetzten Schizophrenikern 
und Paraphrenikern auf der anderen Seite entgegentreten. Die ein¬ 
gangs erwähnte armselige Gleichartigkeit der simulierten Krank¬ 
heitsbilder auf psychischem Gebiete ist eine Folge ihrer Willkürlich- 
keit und ihrer höchstmöglichen Psychogenese. 

Bei der Simulation von rein körperlichen Krankheiten liegen 
die Verhältnisse allerdings insofeme anders, als da die Mannigfaltig¬ 
keit der Bilder durch die Mannigfaltigkeit der krankheitstragendeu 

Jahrbücher für Piychiatri«*. XXXIX. Kd. 17 


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246 


Alfred Serko. 


Organe bedingt ist. Aber auch da sehen wir, daß auf ein und dem¬ 
selben Organgebiete die simulierten Krankheitsformen in ihrer 
Mannigfaltigkeit gegen die wirklich vorkommenden weit zurück¬ 
stehen, daß auch hier gleichsam präformierte Mechanismen bereit- 
zuliegeu scheinen, die unter gegebenen Verhältnissen Kealität an¬ 
nehmen. Diese Mechanismen sind im wesentlichen ein Produkt der 
jeweils herrschenden Ansichten der großen Masse über die Sympto¬ 
matologie der betreffenden Organerkrankungen, und stellen sich 
gleichsam automatisch von selbst ein. Ich verweise nur auf die so 
überaus charakteristischen Bilder der hysterischen Stummheit, des 
hysterischen Hinkens, der hysterischen motorischen und sensiblen 
Lähmungeu usf., auf Formeu, die iu ganz gleicher Ausprägung in 
fast -photographischer Treue“ bei Aggravanten und Simulanten 
beobachtet werden. In diesen Tatsachen liegt die Schwierigkeit, ein 
rein simuliertes Kraukheitsbild von einem „psychogen“ bedingten 
mit Sicherheit zu unterscheiden, begründet, welche Schwierigkeit 
außerdem noch dadurch zunimmt, daß sowohl bei psychogenen wie 
bei rein vorgetäuschten Störungen die gleichen ursächlichen, d. h. rein 
psychisch wirkenden Momente die Hauptrolle spielen. Ein Eisen 
bahnunglück, eiue Granatexplosion, ein Sturz während der Arbeit, 
kann aus dem Kenten- und sonstigen Wünschen heraus so gut eine 
Simulation wie eiue echte psychogene Störung auslösen, welch beide 
sich in nichts, oder doch nur in ganz unwesentlichen Zügen von¬ 
einander unterscheiden. 

Ich hatte vor etwa einem Jahre im hiesigen Spitale einen 
minderwertigen „Kunstmaler“ zu begutachten, der wegen allerlei 
nervöser Störungen zu uns überstellt wurde. Er gab an, im Felde 
durch eine explodierende Granate verschüttet worden und bewußtlos 
liegen geblieben zu sein. Unmittelbar darauf hätte sich das Zittern 
eingestellt. Später wären andere Erscheinungen hinzugekommen: 
ein Kitzel- und ein Juckgefühl im ganzen Körper, Kopfschmerzen 
und Schmerzen im Unterkiefer, daneben Beklemmungs- und Angst¬ 
gefühle und häutiges saures Aufstoßen. Er wäre vergeßlich geworden; 
könne sich nichts mehr merken, schlafe schlecht, schrecke nachts 
auf. sei außerstande, seine Gedanken zu konzentrieren usw. 0 ijektiv 
fand sich: deutliche choreatische Unruhe der oberen Gliedmaßen, 
Kopfwackeln. Blinzeln und Zittern. Bei Intentionsbewegungen nahm 
der Tremor ab. bei Erregung zu. Daneben bestand leichte nystakti¬ 
sche Unruhe der Bulbi bei seitlichen Blickrichtungen, Zittern der 


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Über Simulation von Geistenätürung. 


247 


Zunge und Demographie. Psychisch machte der „Kranke“ einen 
leicht verstörten Eindruck. Der Manu wurde mit der Diagnose: 
„Spreugschlagneurose,“ zur gänzlichen Superarbitrierung vorge¬ 
schlagen und wesentlich vermindert erwerbsfähig bezeichnet. Nach 
einigen Wochen wurde er uns mit der Motivierung rücküberstellt, 
daß er niemals im Felde gewesen sei und nie eiue explodierende 
Granate gesehen habe. 

Dieser symptomatologischeu Übereinstimmung zwischen psy¬ 
chogenen und gemachten Störungen scheint wohl auch die unter 
deu übcrmodernseinwollenden Ärzten so weit verbreitete Neigung 
bedingt zu haben, in jedem psychogen anmuteudeu Krankheitsbilde 
unter allen Umständen eine wirkliche „psychogene“ Störung zu 
sehen, als ob just ihr Arbeitsgebiet den Schwindlern unzugänglich 
und vor .Betrügern gefeit wäre. In dieser Beziehung bleibt mir die- 
Stellungnahme eines Schweizer Psychiaters einem „schweren Jungen“ 
gegenüber unvergeßlich, der sich nach monatelauger Beobachtung 
kaum entschließen konnte, deu Mann als einen Simulanten zu be¬ 
zeichnen, trotzdem sich dieser konsequent nur bei den ärztlichen 
Visiten psychotisch zeigte, die ganze übrige Zeit des Tages jedoch 
sich in durchaus normaler Weise mit seinen Zimmerkameraden und 
den Pflegern imterhielt und Witze über die Psychiater machte. 

Wie man von einem einfachen Bauernjungen irregoführt 
werden kann, beweist unser Fall M. Zugegeben, daß bei dem über¬ 
aus großen Betrieb der hiesigen Anstalt, wo drei begutachtende 
Ärzte bis zu 3000 psychiatrische und neurologische Befunde jährlich 
abzugeben haben, eine einwandfreie und allseitige Untersuchung 
ausgeschlossen und man Irreführungen leicht ausgesetzt ist, so war 
der Fall doch nicht so kompliziert, daß er besondere Untersuchungs¬ 
methoden gebraucht hätte. Und doch war das Bild, das der „Kranke“ 
hier bot, so in jeder Beziehung der hysterischen Stummheit eines 
verschüchterten schwachsinnigen Jungen ähnlich, daß seine Aus¬ 
scheidung aus dem Heeresverbande neuerlich erfolgt wäre, wenn 
nicht der aufgefangene Brief Licht in die tatsächlichen Verhältnisse 
gebracht hätte. Man kann in diesen Fragen welchen Standpunkt 
immer einuehmen, das eine wird man nicht bestreiten können, daß 
unser Kranker Schwerhörigkeit zumindest aggraviert und Schwach¬ 
sinn simuliert hat. Will man aber auch solche Fälle als „psychogen“ 
bezeichnen, dann allerdings ist die Psychiatrie vor Schwindel und 
Betrug gefeit. 

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Alfred Ser ko. 


Fall 12. KI. J., Infanterist, 15) Jahre alt. ledig, Bauernasohn, asscut. 
1917. Aufgenommen 15./11. 1917, entlassen 22./1. 1918. Machte hei der Truppe 
den Eindruck eines Tauben. Er gab auf keine Frage Antwort. Im Spital, 
wo er am 6./11. zur Aufnahme gelangte, erweckte er den Eindruck eine;* 
Simulanten, benahm sich vollständig teilnahmslos, gab kein spontanes Zeichen 
einer geistigen Tätigkeit, blickte fortwährend zu Hoden, beharrte auf alle 
Anrufe und Berührungen in seinem unzugänglichen Verhalten. Der Ohren¬ 
befund ergab lediglich beiderseits geringe Einziehung und Trübung der 
Trommelfelle. 

Hei der Aufnahme aut* die hiesige Abteilung taub und stumm: isr 
durch nichts auch nicht zur geringsten Auskunft zu hewegeu, ist wie ein 
Automat, bleibt regungslos stehen, wo man ihn hinstellt, zuckt mit keinem 
Muskel des Gesichtes, hat absolut kein Bedürfnis, sich irgendwie mit seiner 
Umgebung in Rapport zu setzen und sieh verständlich zu machen. Wird 
auf strenge Diät gestellt, bekommt Chinin. 

25./11. Beginnt zu reden. Zeigt spontau auf seine Ohren und spricht: 
„Ich höre nichts, ich bin taub seit meiner Jugend/ Wiederholt diese Phrase 
auf alle weiteren Fragen und bei jeder Maßnahme. Gibt sich im höchsten 
Grade passiv, aber nicht negativistiseh. 

30./11. Wird auf strenger Diät gehalten bei unverändertem Zustand. 

5. 12. Sagt bei der Frühvisite: „Gebt mir Brot und Menage, ich bin 
taub seit meiner Jugend/ 

10./12. Exploratiousvcrsucli: Völlig passiv, blickt unverwandt auf einen 
Punkt vor sich hin. Gesichtsausdruck mimisch, gar nicht bewegt. Nimmt 
keine Notiz von seiuer Umgebung, reagiert auf keine Geräusche. Auf lau¬ 
testes Schreien direkt in die Ohren gibt er nach langem Zögern seinen 
Namen an. Gibt ferner zu, Schule besucht zu haben, lesen und schreiben zu 
können. Schreibt auf ein Blatt Papier seinen Namen auf. Schreibt langsam, 
doch gut leserlich. Ein Versuch, sich mit ihm auf schriftlichem Wege in 
Rapport zu setzen, mißlingt, weil der Mann in der Folge das Geschriebene 
anstarrt, ohne darauf zu reagieren. Auch einzelne Buchstaben starrt er ver¬ 
ständnislos an. Beim Vorzeigen von Bildern aus einem Bilderbuche gebt 
er zunächst auf die Probe gar nicht ein blickt am Buch vorbei. Erst unter 
größter Mühe gelingt es, den Mann so weit zu fixirren, daß er die Bilder 
ansebaut. Reagiert in keiner Weise darauf. Nach langem Drängen bringt 
man ihn so weit, daß er bei der Abbildung eines Paares Schuhe auf seine 
Füße zeigt. B *ini Vorhalten realer Gegenstände benennt er nach langem 
Aii'tarren ein Messer und einen Schlüssel richtig. 

1. 1. Unverändert. Liegt im Bett, kümmert sich um nichts, nimmt aber 
Nahruug selbst zu sich und hält sich rein. Angesprochen, rührt er sich nicht, 
schaut den Arzt gar nicht au, auch wenn ihn dieser berührt. Auf die Beine 
gestellt, steht er wie eine Statue da, blickt dabei zu Bodeu. Energisch zur 
Kode gestellt, zeigt er mit der Iland auf die Ohren und sagt: „Ich höre 
nichts seit meiner Jugend, 44 ohne sich jedoch dabei, wie wirklich Schwer¬ 
hörige zu tun pflegen, die geringste Mühe zu gebeu, sich auf andere Weise 
verständlich zu machen. Andrerseits ist das Bild, das er bietet, durchaus 


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Über Simulation von GeisfestUörunp. 


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nicht das eines wirklich Stuporösen, er ist nicht negativistisch, nicht kata- 
leptisch, nicht gehemmt and nicht in einem Spannnngsaffekt, er ist ledig¬ 
lich passiv. 

15. 1. Eine Anfrage bei der Gendarmerie seiner Heimatgemeinde wurde 
heute dahin beantwortet, daß Kl. vor seiner Einrückung in jeder Beziehung 
normal gewesen sei und ihm nichts gefehlt habe. Es scheine sich um einen 
Simulanten zu handeln. 

Der körperliche Befund sagt: Infantiles Aussehen, klein, grazil. 
Scliüdelumfang 52 cm. Pupillen reagiereu. Gesichtsinnervation, soweit zu 
prüfen, symmetrisch. Rachenreflex herabgesetzt. Bindchautreilex vorhanden. 
Selinenreflexe der unteren Extremitäten lebhaft. Herzaktion etwas beschleu¬ 
nigt. Ohrbefund bis auf Einziehung und Trübung normal. 

Die ungewöhnliche Hartnäckigkeit und starre Konsequenz des 
Falles, die durch keine Maßnahmen in irgendwie nennenswertem 
Maße zu beeinflussen waren, ließen uns trotz negativen othologischen 
Befundes an tatsächlich vorhandene Schwerhörigkeit mit psychogenen 
Zügen bei angeborener Debilität glauben, bis der zuverlässige Be¬ 
richt einlief, daß der Mann vor seiner Einrückung in jeder Hinsicht 
normal gewesen sei. Gewiß, das ist noch lange kein Beweis, daß 
der „Kranke“ sein Verhalten simuliert hat, denn psychogene Stö¬ 
rungen sind eben stets erworben und durch psychisch wirkende 
Momente, wie die Einrückung eines Debilen ein solches darstellt, 
ausgelöst. Auch das Bild, das der Kranke geboten, widersprach 
nicht der Möglichkeit einer solchen Genese. Und doch glaube ich. 
daß die übrigens einzige spontane Äußerung des Mannes in hiesiger 
Beobachtung, daß er seit seiner Jugend taub sei und nichts höre, 
als entscheidend für die Diagnose Simulation angesehen werden 
muß. Gesetzt den Fall, der 19jährige Bauernbursche wäre tat¬ 
sächlich durch die ihn beängstigenden Eindrücke der Einberufung 
und Einrückung in einen psychogenen Stupor mit hysterischer Taub¬ 
heit und Stummheit geraten, so ist dadurch seine Lüge, daß er von 
Kindheit auf taub sei, nicht im mindesten erklärt. Ohne diese lügen¬ 
hafte Äußerung wäre der Fall in seiner sonstigen Widerspruchs- 
losigkeit annehmbar gewesen, mit dieser ist er unhaltbar. Es liegt 
in ihr eine bewußt falsche Stellungnahme des „Kranken“ seiner 
Störung gegenüber, eine Verfälschung des Sachverhaltes als Ausdruck 
mangelnden Selbstglaubens. Der feste Glaube des Kranken selbst 
an seine Krankheit ist aber meiner Überzeugung nach das Wesent¬ 
lichste jeder psychogenen Störung. Wenn ein Merkmal namhaft 
gemacht werden kann, welches eine zweifelhafte Störung zur echt 


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Alfred Serko. 


„psychogenen“ stempelt, so ist das des Kranken Glaube an sich 
selbst. Glaubt der Krauke selbst nicht au das, was er bietet, dann 
verstellt er sich. Ein .Schamane ohne Glauben ist ein Gaukler. 

Aber, so wird man mir einwenden, wo bleibt da der Beweis, 
daß der Mann bewußt gelogen hat, als er behauptete, seit Kindheit 
taub zu sein. Gewiß, auch diese Frage läßt sich stellen und ebenso 
gewiß nicht mit absoluter Sicherheit entkräften. Die absolute Sicher¬ 
heit besteht auf psychischem Gebiete, sobald das Psychische nicht 
mein Erlebnis ist, wohl nirgends. Wo immer ich vom fremden 
Seelenleben etwas aussage. tue ich das stets auf Grund von Ana¬ 
logieschlüssen vom Eigenen aufs Fremde. Wenn ich trotzdem an 
ein fremdes psychisches Geschehen, das ich nie in mir erlebt, glaube, 
so tue ich das nur unter dem Zwange des Nichtbezweifelnkönnens 
infolge tausendfältiger fremder Erfahrung. Je weuiger zwingend für 
mich diese fremde Erfahrung, desto größer der Zweifel und geringer 
der Glaube. Die Erfahrung vieler ist ein mächtiger, die Erfahrung 
der großen Mehrheit ein zwingender Grund für das Nichtbezweifeln- 
können seitens des Einzelnen. Ich glaube an das Hören von Stimmen, 
weil solche von Tausenden anderer Menschen gehört worden sind 
imd diese Tatsache verbürgt ist, aber ich weise die meiner Er¬ 
fahrung ganz widersprechende Annahme zurück, daß unser „Kranker^ 
im guten Glauben erklärt habe, seit seiner Jugend taub zu sein, und 
ziehe daraus die Folgerung, daß er sich verstellt. Ob neben dieser 
Verstellung nicht doch noch eine echte Geistesstörung vorliegt, ist 
eine Frage für sich, doch glaube ich, daß der Beweis dafür aus 
dem Status praesens nicht zu erbringen ist uud daß es nicht angeht, 
aus purem Widerwillen gegen eine Siraulationsdiagnose den diagnosti¬ 
schen Grundsatz, Alles aus Einem zu erklären, fallen zu lassen. 
Hingegen kann es nicht bezweifelt werden, daß der Mann ein 
hysterisch veranlagter, in seiner psychischen Reife zurückgebliebener, 
minderwertiger Mensch ist. 

Was die mit vorgetäuschter Taubheit komplizierte simulierte 
Geistesstörung im allgemeinen betrifft, ist der Umstand schon her¬ 
vorgehoben worden, daß die eine Schwerhörigkeit begleitende Geistes¬ 
störung stets in der Form eines unproduktiven Schwachsinns er¬ 
scheint, der sich bei vollständiger Taubheit zur völligen initiative¬ 
losen Passivität vertiefen kann. Es ist das ein Ausdruck jener psy¬ 
chischen Mechanismen, die das willkürliche Verhalten der Menschen 
beherrschen und regeln und erst durch wirkliche Krankheit außer 


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Über Simulation von Ceistesstöruug. 


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Funktion gesetzt werden. Taubheit als Passivität ist unverträglich 
mit agiler Produktion, erfordert mit dieser allzu große Willensan¬ 
spannung und läuft dauernd Gefahr, sich dabei zu demaskieren. Der 
Taube ist gesellschaftlich hilflos und erscheiut daher im psychoti¬ 
schen Zustande dem Laien als schwachsinnig-stuporös. Psychotische 
Symptome im engeren Sinne, z. B. Erregungs- und Verwirrtheits¬ 
zustände, bei einem anscheinend erheblich Schwerhörigen oder ganz 
Tauben sind daher wohl immer echt und lassen ihrerseits den Schluß 
auf echte Schwerhörigkeit, bzw. Taubheit zu. Das gleiche kann 
man übrigens auch von den echt psychogenen Störungen bei psy¬ 
chogener Taubheit sagen: auch hystejische Taube produzieren wohl 
uur in den allevseltensten Fällen agitierte Formen psychogenen 
Irreseins. Eine weitere Eigentümlichkeit dieser Fälle ist ihre oft 
außerordentliche Hartnäckigkeit und starre Konsequenz, wie wir eine 
solche kaum bei einer anderen Form wiederfinden. Diese Eigen¬ 
tümlichkeit scheint die vorgetäuschte Taubheit übrigens mit allen 
Verstellungen auf rein körpeiliebem Gebiete, wie uns solche in 
Lähmungen, Gehstörungen, Haltungsanomalien u. dgl. entgegentreten, 
gemein zu haben. Der Grund hiefür liegt unseres Erachtens darin, 
daß alle willkürlich in Szene gesetzten Aktionsanomalien eine über¬ 
aus große Tendenz haben, sich vom Willen unabhängig zu machen 
und psychogen zu verankern. Die zahllosen Symptomnuancen der 
sogenannten „Bettlerkrankheit“ sind wohl zum großen Teil aus 
ursprünglich willkürlichen Typen durch psychogene Verankerung 
habituell gewordene Anomalien. Man spricht im Zeitalter der Un¬ 
fallsrenten viel von fehlender Gesundungstendenz, vom mangelnden 
Wunsch und Trieb nach Gesundheit, vom passiven Widerstande 
gegen die heilende Zeit. Diese Anschauungen ruhen sämtlich auf 
der Annahme einer ursprünglich psychogenen Genese der Unfalls¬ 
krankheiten, die später zum Teil wenigstens in gewollte übergehen 
können. Gewiß ist das für eine große Anzahl dieser Fälle richtig, 
doch meine ich, daß einige unter ihnen willkürlich einsetzen und 
sich erst im Laufe der Zeit psychogen verankern. Bei rein psy¬ 
chischen Symptomen und Symptomenkomplexen ist diese Veranke¬ 
rungstendenz geringer, fehlt aber keineswegs vollkommen und tritt 
uns in der Form des „Sicheinspinnens“ entgegen. Der Unterschied 
zwischen rein geistigen und körperlichen Störungen in dieser Be¬ 
ziehung findet in dem Umstande seine Erklärung, daß da9 Psychische 
infolge seines stetigen Fließens im Gegensatz zur Trägheit der Masse 


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Alfred Serko. 


keine Stagnierungen zuläßt und hohe Willensanspannung erfordert, 
um willkürlich im Brennpunkt des Bewußtseins behauptet zu werden. 

Das Beharren aber ist die Vorbedingung der Verankerung. 

Als Ausfallserscheinung ist die Taubheit wie der sie beglei¬ 
tende Schwachsinn weit weniger den nivellierenden Einflüssen des 
ununterbrochenen intrapsychischen Strömens und Fließens unterworfen 
als die Hyper- und Parafunktioneu, die einen ständigen Kampf mit 
jenen Nivellierungstendenzen zu führen haben, um sich behaupten 
zu können. Und so sehen wir denn ganz allgemein, daß Ausfalls¬ 
erscheinungen sowohl bei psychogenen imd funktionellen als auch 
bei willkürlich produzierten Störungen vorherrschen und die selteneren 
hyper- und paraaktiven Symptome an Ausdauer und Hartnäckigkeit 
bei weitem übertreffen. 

Der Umstand, daß Anomalien willkürlicher Genese in echt 
psychogene übergehen können, verwischt natürlich die schon an und 
für sich schwankende Grenze zwischen diesen noch mehr und er¬ 
schwert im hohen Grade die Diagnose. Namentlich ist dies bei 
alten vernachlässigten Fällen der Fall, wo eine sichere Diagnose 
kaum noch zu stellen ist. Darum ist von praktischer Wichtigkeit, 
daß man jeder Simulation sofort und von allem Anfang an ener¬ 
gisch entgegentritt und sie mit allen Mitteln zu brechen trachtet. 
Rasches und entschlossenes Eingreifen führt eher zum Ziele als 
zauderndes, wenu auch in den Einzelmaßnahmen einschneidenderes. 
Fraktionierte Behandlung ist minder wirkungsvoll, weil sie vom 
„Kranken“ als Unsicherheit und Unschlüssigkeit gedeutet wird. 

Verwirrtheitszustände. 

Die Bedingungen für den Ausbruch der akuten Verwirrtheit 
sind z. B. gegeben, wenn ein Mensch durch eigenes Verschulden 
oder sonstwie in eine unhaltbare Lage gerät, ohne durch diese un¬ 
mittelbar bedroht zu sein und es ihm somit noch freisteht, sich sein 
Verhalten und Handeln der Situation entsprechend einzurichten. In 
dieser Lage befindet sich beispielsweise ein Deserteur vor seiner 
wahrscheinlich gewordenen Verhaftung. Einer der möglichen Aus¬ 
wege aus dieser Notsituation ist die Vortäuschung von Geistesstö¬ 
rung, indem diese bei ihrem Gelingen rückwirkend die Verschuldung 
entschuldigt und dadurch befreiend wirkt. Die simulierte Krankheit 
muß in diesem Falle so beschaffen sein, daß sie allgemein auffällt 
und dadurch die drohende Verhaftung beschleunigt, bzw. eine minder 


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Über Simulatum von Geistesstörung. 


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drohende herbeiführt. Dem Wunsche entsprungen, einer peinlichen 
Situation durch die Herbeiführung einer neuen ein Ende zu setzen, 
stellt sie den klassischen Fall der bewußten „Flucht in die Krank¬ 
heit“ im Gegensatz zu den psychogenen Psychosen gleicher psycho¬ 
logischer Genese. 

Eine zweite, dem Ausbruch der akuten Verwirrtheit günstige 
Konstellation der Umstände ist jene, wo ein unerwünschtes, aber 
unverschuldetes Ereignis bevorsteht oder bereits eingetreten ist und 
die Psychose den Zweck hat, die Folgen dieses Ereignisses zu tilgen. 
Hierher gehören militärische Musterungen, bevorstehende neuerliche 
ärztliche Konstatierungen, Einteilungen in Marschformationen usw. 
Die „Krankheit“ bricht in diesen Fällen bald vor, bald nach dem 
unerwünschten Ereignis aus, immer wird aber die Zeit ihres Aus¬ 
bruches mehr oder minder willkürlich bestimmt. 

Hat die Psychose in jenen Fällen einen mehr aktiv-ausweichen¬ 
den, so in diesen einen mehr aktiv angreifenden Charakter, in beiden 
Fällen erfordert sie aber ein nicht geringes Maß von Initiative und 
kleidet sich deshalb von vornherein in agitierte Formen, wie eine 
solche die Verwirrtheit darstellt. Sind die Verhältnisse günstig, 
so erscheint an ihrer Stelle wohl auch der Tobsuchtsanfall. 

Wie jede simulierte Geistesstörung bricht auch der Verwirrt¬ 
heitszustand akut aus, erreicht meist rasch sein Höhestadium, um 
dann mit eingetretener Entspannung der Situation meist kritisch, 
seltener lytisch abzuklingen. Seinem Zweck entsprechend, entweder 
rückwirkend die Schuld zu entschuldigen oder unliebsamen Ereig¬ 
nissen vorzubeugen, macht er wohl niemals unvermittelt einem 
geistig normalen Verhalten Platz, sondern geht stets in einen Pseudo¬ 
defektzustand über, der seinerseits nur allmählich, oft erst nach 
Entlassung des „Kranken“ aus der ärztlichen Beobachtung schwindet. 
Je nach dem klinischen Bilde dieser postparoxysmalen Bestzustände 
lassen sich verschiedene Gesamtverlaufstypeu der simulierten Ver¬ 
wirrtheit, wie übrigens auch des Tobsuchtsanfalles, unterscheiden, 
die allerdings in ihrer reinen Ausprägung lediglich einen Typen¬ 
wert haben, da sie, aus leicht begreiflichen Gründen, oft durch 
fließende Übergänge untereinander in ihrer Reinheit verwischt sind. 

Ohne den tatsächlichen Verhältnissen Zwang anzutun, lassen 
sich drei solcher Verlaufstypen auseinanderhalten. 

1. Die initiale akute Psychose klingt rasch in einen pseudo¬ 
amnestischen Zustand mit gänzlich fehlender Erinnerung nicht nur 


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Alfred Serko. 


für die akute Phase der „Erkrankung“, sondern auch für die, diese 
Erkrankung auslösenden Ereignisse aus, ohne sich mit sonstigen 
psychotischen Zügen zu komplizieren. (Einfache Verwirrtheit, ein¬ 
fache Tobsucht.) * 

2. Die akute Phase hinterläßt nach raschem Ab’auf einen 
mehr oder minder tiefgreifenden Pseudoschwachsinn mit falscher 
Amnesie. (Verwirrtheit mit Schwachsinn, Tobsucht mit Schwachsinn. ) 

3. Die Verwirrtheit oder die Tobsucht klingt lytisch unter ab- 
und anschwellenden pseudopsychotischen Zügen im engeren Sinn* 
ab. (Protrahierte Verwirrtheit. Tobsucht mit Psychose.) 

Fall 13. (Einfache Verwirrtheit.) R. J., Infanterist, 20 Jahre alt r 
Kutscher, ledig, assentiert 1916. Aufgenommen 22. 2., entlassen 15.,3. 1917. 
R. hatte im Herbst 1916 einen lotägigeu Urlaub erhalten. Als er am 
Fälligkeitstermine nicht einrückte, wurde nach einigem Zuwarten telegra¬ 
phisch seine Einrückungsmac hung durch die Gendarmerie veranlaßt. Dieses 
Telegramm blieb infolge Unauffindbarkeit des Mannes resultatlos. Inzwischen 
rückte der Mann mit einer Verspätung von zwölf Tagen von selbst ein. 
Am nächsten Tage wurde er einer Musterung unterzogen und diensttauglich 
befunden. Tagsdarauf machte er einen Simulationsversuch von Geistes¬ 
störung, um seiner bevorstehenden Einrückung zum Ersatzbataillon zu ent¬ 
gehen: er erschien ganz unvermittelt unter aufgeregten wirren Worten in 
der Kanzlet, zertrümmerte mit den Händen vier Fensterscheiben und machte 
Miene, aus dem Fenster zu springen. Er wurde überwältigt und ins Ge¬ 
wahrsam gebracht. Am nächsten Tage beim Rapport einvernommen, erwi¬ 
derte der Mann auf alle Fragen und Aufforderungen ostentativ mit der 
beständigen Redewendung, er könne sich an nichts erinnern. Bei der ge¬ 
richtlichen Einvernahme verharrte er bei seiner Verantwortung und erzählte, 
daß er seit seinem 18. Lebensjahre an solchen Anfällen leide. Er werde 
plötzlich ganz sinnlos und wisse dann nichts von sich. So sei er einmal 
im Zivil als Kutscher wie wahnsinnig durch die Straßen gefahren, bis er 
angehalten wurde. Ein andercsmal habe er durchs Fenster springen wollen, 
wieder ein anderesmal habe er zu Hause einen Spiegel zerschlagen und in 
der Strafhaft in C. habe er wiederholt leichte Ohnmachtsanfällc gehabt. 

Die Schwester des Beschuldigten bezeichnete ihren Bruder vor Gericht 
als einen sehr nervösen Menschen, der bei jeder Gelegenheit in Aufregung 
gerate. Infolge einer solchen Aufregung habe er einmal zum Fenster hinaus¬ 
springen wollen. 

R. ist zweimal w f cgen Diebstahls mit fünf Jahren, bzw\ mit einem Jahre 
schweren Kerkers vorbestraft. 

In der hiesigen Beobachtung verhielt sich der „Kranke* dauernd 
geordnet und unauffällig, fügte eich willig und war stets orientiert. Psy¬ 
chotische Züge irgendwelcher Art kamen nicht zum Vorschein. Anfälle 
w r urden bei ihm nicht beobachtet. 

Einer eingehenden Exploration unterzogen, erklärte er zunächst sich 


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Über Simulation von <Geistesstörung. 255 

überhaupt an nichts zu erinnern. Erst nach und nach gab er einiges ziu 
Er erklärte, erst zwei Tage nach dem „Anfall“ im Gewahrsam zu sich ge¬ 
kommen zu sein und von dem ihn bewachenden Soldaten erfahren zu haben, 
was vorgefallen war. Er wisse nur, daß er vom Urlaube eingerückt, den 
Zug verlassen hätte. An alles Spätere erinnere er sich ganz und gar nicht. 
Auf den Umstand aufmerksam gemacht, daß er sich vor Gericht zu ver¬ 
antworten gesucht habe, gibt er zwar zu, gerichtlich vernommen worden zu 
«ein, will aber nicht wissen, was er damals angegeben hatte. Als Ursache 
seines psychotischen Zustandes führt er den Umstand an, daß er gelegentlich 
seines Urlaubes erfahren hatte, daß vier bis fünf Monate vorher sein Vater 
gestorben war. Er habe bis zu der Zeit keine Ahnung davon gehabt und 
sich die Sache sehr zu Herzen genommen. Auf den Einwand, daß er davon 
bei seiner Einvernahme kein Wort erwähnt habe, meint er unverfroren, 
man habe ihn darnach gar nicht gefragt. Auf Vorhalt, woher er das wisse, 
wenn er sich sonst an die Verhandlung gar nicht erinnern könne, redet er 
sich dahin aus, daß er das von dem ihn bewachenden Soldaten in der Haft 
erfahren habe. An die Tatsache, daß er bei der Musterung für kriegsdienst¬ 
tauglich erklärt worden sei, will er sich natürlich erst recht nicht erinnern. 

Fall 14. (Einfache Verwirrtheit.) D. D., Infanterist, 21 Jahre alt. 
ledig, Schmied, assentiert 1917. Aufgenommen 3. 3., entlassen 6. 3. 1918. 

D. hätte am 16. Februar von einem Urlaub wieder cinrücken sollen. 
Am 20. Februar um halb 9 Uhr abends kam er ohne jeden Anlaß in das 
Rathauswachzimmer in N. und begann dort einen Spaziergang unter sehr 
aufgeregten Handbewegungen. Er hatte einen starren Blick und sprach 
fortwährend die Worte: „soldi, soldi fora.“ Auf jede än ihn gerichtete 
Frage gab er entweder keine Antwort oder sprach die erwähnten Worte. 

Am 24. Februar dem Arzte seines Truppenkörpers vorgeführt, ver¬ 
hielt er sich im allgemeinen ruhig, starrte aber zeitweise, ohne sich um 
»eine Umgebung zu kümmern, auf einen Punkt oder schaute unruhig herum, 
rieb sich von Zeit zu Zeit die Hände und wies Zitterbewegungen an den 
unteren Extremitäten auf. 

Am 4. März auf der hiesigen Abteilung einer Exploration unterzogen, 
gab er sein Geburtsjahr, seinen Namen und Geburtsort richtig an, erklärte- 
aber 19 Jahre alt zu sein. Auf den Widerspruch aufmerksam gemacht,, 
meinte er, er sei im Jahre 1915 eingerückt. Auf die Frage, wie alt er da¬ 
mals gewesen, sagt er, 18 Jahre. Kann, obwohl er weiß, daß er vor drei 
Jahren eingerückt sei, sein Alter nicht au&rechnen. Das gegenwärtige 
Datum gibt er um zehn Tage falsch an. Örtlich i»t er orientiert. Er komme 
von M. Warum man ihn hierhergebracht habe, wisse er nicht. Gibt zu, auf 
Urlaub gewesen zu sein. Der Urlaub habe fünf Wochen gedauert. Er habe 
bei seiner Mutter gewohnt. Wann und wie er von zu Hause weggekommen 
sei, wisse er nicht, er erinnere sich an nichts. Ins einzelne ausgeforscht, 
wird er recht unsicher, verwickelt sich in Widersprüche, erklärt einmal 
keine Ahnung zu haben, wann er vom Urlaub abgereist, muß aber dann 
doch zugeben, sich an die Abfahrt zu erinnern. Erinnert sich auch an alle 
Stationen, die er auf der Rückreise passiert bis zu einer bestimmten Sta- 


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tion, wo ihn die Erinnerung verlassen. Warum er auf dieser Station das 
Bewußtsein verloren habe, könne er nicht sagen. Als er zu sich gekommen, 
befand er sich in einem Zimmer bei seiner Kompagnie. Auch diesbezüglich 
sind die Angaben des Mannes recht unbestimmt und mit Unsicherheit vor¬ 
gebracht. 

An welchem Tage er von zu Hause abgefahren sei, erinnere er sich 
nicht mehr, aber er sei zur rechten Zeit abgefahren. Auf die Frage, woher 
er das wisse, beruft er sich auf seinen Urlaubsschein, worauf sein Ein¬ 
rückungstermin verzeichnet stehe. Gefragt, warum er in die Kathauswach- 
stube gegangen und dort nach Geld verlangt habe, fragt er erstaunt: „Ich?* 
wird sehr lebhaft und versichert, sich daran nicht im geringsten zu erinnern, 
er gehe gerne ins Feld. 

Früher sei er stets gesund gewesen, habe bisher nie einen Ähnlichen 
Zustand durchgemacht. Sei Schmied von Beruf, stehe seit 1915 in Militär¬ 
diensten, sei seit acht Monaten beim Kader. Sollte wegen Neurasthenie 
superarbitriert werden. Habe im Jahre 1913 an Typhus gelitten, sei später 
wegen Lues in Spitalsbehandlung gestanden. 

Auf Zureden, doch vernünftig zu werden und solche Geschichten 
nicht mehr zu machen und sich nicht geisteskrank zu stellen, wo doch der 
Grund fast offen zutage liege, wird er gereizt, schaut den Arzt von der 
Seite mit einem finsteren Blick an und meint in aufgeregtem Tone, daß er 
doch nervenkrank sei und an Schwindel leide. 

Körperlicher Befund: R&chenreflexe herabgesetzt. Sehnenreflexe leb¬ 
haft, Herzaktion während der Untersuchung beschleunigt. Im übrigen ist 
der neurologische Befund negativ. 

Ich gebe bereitwilligst zu, daß man nicht immer ohne weiteres 
imstande ist, aus dem klinischen Bilde des Verwirrtheitszustandes 
allein den Beweis für seine Unechtheit zu erbringen. Abgesehen 
davon, daß meistens derartige Fälle erst dann in fachärztliche Be¬ 
obachtung kommen, wenn ihre Psychose schon längst vorbei ist, 
ähneln sie nicht selten dort, wo man sie noch zu beobachten Gele¬ 
genheit hat, so weitgehend den echten psychogenen Zuständen, daß 
es müßig wäre, über ihre Echtheit oder Unechtheit ernstlich zu 
diskutieren. Auf einige spezielle Züge der gemachten Verwirrtheit 
will ich weiter unten im Zusammenhänge noch zu sprechen kommen, 
hier möchte ich nur auf einen, meines Erachtens entscheidenden 
Umstand hin weisen. Ich habe in zwei bisher besprochenen Fällen 
den fehlenden Selbstglauben des Kranken an seine Erkrankung als 
dasjenige Kriterium kervorgehoben, das einen zunächst zweifelhaften 
Zustand als einen „gemachten“ durchschauen läßt. „Glaubt der 
Kranke selbst nicht an das, was er bietet, dann verstellt er sich.“ 
Ohne die retrograde Amnesie unserer Kranken als einen völlig 
adäquaten Ausdruck solches fehlenden Selbstglaubens ansprechen 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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zu wollen, glaube ich doch nicht fehlzugehen, wenn ich ihr die 
gleiche Bedeutung beimesse. Wo ein seelisches Geschehen so gut 
absichtlich in Szene gesetzt, wie psychogen krankhaft sein kann,, 
und wo seine klinische Wertung keine Anhaltspunkte bietet, um 
jene beiden Möglichkeiten mit Sicherheit zu differenzieren, da tritt 
an den objektiven Beobachter als ultima ratio die Frage nach der 
inneren Wertung jenes abnormen Geschehens heran. Ich spreche 
absichtlich von einer Wertung des Einzelgeschehens und nicht von 
der der Gesamtpersönlicbkeit dessen Trägers, denn es darf nicht 
außer acht gelassen werden, daß ja auch die Disposition zu den 
echt psychogenen Erkrankungen auf demselben Boden psychopathi¬ 
scher und in erster Linie ethischer Minderwertigkeit erwächst wie 
die Disposition zu den bewußten Irreführungen, daß es somit ein 
Widerspruch wäre, die ethische Minderwertigkeit eines Menschen 
einerseits als ätiologisches Moment seiner psychogenen Erkrankung 
und andererseits wieder als ein Kriterium der Unechtheit dieser 
Erkrankung anzusprechen. Nicht der Träger der krankhaften Er¬ 
scheinung, sondern diese Erscheinung selbst soll gewertet werden,, 
und diese Wertung ihrerseits darf nicht auf der Grundlage der 
allgemeinen ethischen Minderwertigkeit des Individuums, sondern 
lediglich auf der Grundlage seiner Beziehung zu diesem krankhaften 
Geschehen erfolgen. Mit anderen Worten: Nicht die Ehrlichkeit 
oder Unehrlichkeit, Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit eines 
Menschen im allgemeinen kommt dabei in Betracht, sondern einzig 
und allein seine Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit bezüglich dieser 
speziellen Krankheitserscheinuug. Als ein solches Wertungskriterium 
habe ich den fehlenden Glauben des Kranken an seiue Krankheit 
bereits hervorgehoben, hier füge ich ihm als gleichwertig die psy¬ 
chogene retrograde Amnesie hinzu. 

Ich bin mir dabei vollkommen bewußt, daß die retrograde 
Amnesie genau so gut wie ihr Inhalt psychogener Genese und somit 
echt krankhaft sein kann, aber ich lehne es trotzdem ab, sie in der 
Konkurrenz mit anderen, selbst zweifelhaften psychopathologischeu 
Zuständen als echt anzuerkennen. Sie ist ein so ausschließlich sub¬ 
jektives Symptom, so völlig jeder Kontrolle und jeder Überprüfung 
unzugänglich und dabei doch so nahe der bewußten Unwahrheit 
verwandt, daß sie nur dort zugestanden werden kann, wo sie durch 
unzweifelhafte und unanzweifelbare Momente gestützt wird. 

Ein zweifelhafter geistiger Ausnahmszustand bei psychologisch 


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bedenklichen Nebenumständen kann sie aber so wenig stützen wie 
sie ihn. Eine Summation von sich gegenseitig stützenden Unwabr- 
scheinlichkeiten entwertet diese letzteren völlig. Ist die psychogene 
retrograde Amnesie zwar ein in der klinischen Erfahrung begrün¬ 
detes Vorkommnis, so das doch nur insoferne, als sie gelegentlich 
nach echt psychotischen Zuständen zur Beobachtung gelangt. Wo 
sie sonst, und ganz besonders in Anlehnung an ein anderes zweifel¬ 
haftes psychopathologisches Geschehen behauptet wird, ist diese 
Behauptung nur mit der allergrößten Vorsicht aufzunehmeu, will 
man nicht der logischen Gefabr sich aussetzen, die Möglichkeit 
jeder Unwahrheit bestreiten zu müssen. Tatsächlich wird sie nach 
psychogenen Psychosen recht selten, nach ecliten organisch bedingten 
nur ausnahmsweise beobachtet, in der weitaus überwiegenden Mehr¬ 
zahl aller echten Erkrankungen wird sie vennißt. Um so auffälliger 
ist es unter diesen Umständen, daß sie nach, alles eher als echt 
anmutenden Fällen so überaus häutig, ja in der Hegel erscheint. 
Spricht das schon für ihren simulativen Charakter, so wird diese 
Vermutung ganz wesentlich durch die Erfahrung gefördert, daß sich 
die retrograde Amnesie so überaus häufig mit anderweitigen zweifel¬ 
los simulierten Erscheinungen, in erster Linie mit ganz unmöglichen 
Schwachsinnsformen vergesellschaftet findet und daß sie auch primär, 
ohne eine ihr vorausgehende Attacke in einer durch nichts begrün¬ 
deten und jeder psychiatrischen Erfahrung widersprechenden In- 
und Extensität auftreten kann. Nach alledem muß man sagen, daß 
der rückschreitende Erinnerungsverlust im Anschluß an eine zweifel¬ 
hafte Psychose gegen die Echtheit dieser Psychose spricht, obwohl 
er in Wirklichkeit nur bei den echten vorkommt. Es läßt sich 
auch nicht leugnen, daß die Annahme eines weitausgreifendeu, rein 
psychogenen Erinnerungsausfalles so sehr der normal-psychischen 
Erfahrung widerspricht und dem allgemein menschlichen Einfühleu 
widerstrebt, daß selbst eine, zunächst als zweifellos echt zu bezeich¬ 
nende Psychose durch eine ihr folgende, allzu extensive Amnesie 
in einem zweifelhaften Licht erscheinen kann. Gewiß ist dieses 
Gefühlsmäßige kein wissenschaftliches Argument, aber eben doch 
nur solange kein solches, als anderweitige positive wissenschaft¬ 
liche Argumente vorliegen. In dem Moment jedoch, wo diese ver¬ 
sagen und die Streitfrage sich in das Subtilste zuspitzt, entscheidet 
schließlich doch nur der persönliche Glaube des Menschen. Der 
beste Beweis dafür sind die abweichenden Meinungen zwischen den 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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besten Köpfen selbst auf den exaktesten Wissensgebieten und die 
fast individuellen Weltanschauungssysteme als ihr Forschungs¬ 
ergebnis. An den äußersten Grenzen des gerade noch unterbewußten 
psychogenen Geschehens gegen schon absichtlich bewußtes Erleben 
versagen natürlich schon gar alle Überzeugungsmethoden. Hier 
steht Glaube gegen Glaube und jede Diskussion wird überflüssig, 
weil unfruchtbar. 

Man wird mir vielleicht bezüglich meiner Behauptung, daß 
selbst eine zunächst nicht zu bezweifelnde echt psychogene Psy¬ 
chose unter Umständen durch den ihr folgenden Erinnerungsausfall 
wieder zweifelhaft werden kann, einwenden, daß eine falsche Amnesie 
nach echter Krankheit nichts Auffallendes sein kann, da ja beide 
durch das sie auslöseude Moment (z. B. eine Straftat) psychologisch 
zureichend erklärt sind. Gewiß bestreite ich diese Möglichkeit nicht, 
aber desungeachtet läßt sich anderseits nicht bestreiten, daß innige 
Beziehungen zwischen einer Psychose und der ihr folgenden Amnesie 
bestehen, namentlich dann, wenn das die Geistesstörung auslösende 
Moment der Amnesie verfällt. Ist diese Amnesie, wie in den meisten 
Fällen, bezüglich ihrer Echtheit zweifelhafc, so gilt der Satz: Je 
sicherer d;e Echtheit der Psychose, desto unsicherer die Fälschung 
des Erinnerungsausfalles, und umgekehrt: Je unsicherer die Echtheit 
der Psychose, desto sicherer die Fälschung jenes. Daraus folgt aber 
zwingend, ^ß auch die Wertung der Psychose von der der Amnesie 
abhängig ist und daß man die obigen zwei Sätze umkehren darf: 
Je sicherer die Fälschung des Erinnerungsaushlles, um so zweifel¬ 
hafter auch die Echtheit der Psychose, usw. Gewiß, ist die Echtheit 
einer Geistesstörung über jeden Zweifel erhaben, dann kann sie 
allerdings durch keine noch so weitausgreifeude Amnesie erschüttert 
werden, dafür gewinnt jedoch die Amnesie an innerer Glaubwürdig¬ 
keit. Es widerstrebe eben der menschlichen Logik, zwei aufs engste 
verbundene Tatsachen unabhängig voneinander zn werten, und das 
ist meines Erachtens in a len zweifelhaften Fällen entscheidend. 

Zur Beleuchtung dieser Verhältnisse will ich zwei Beispiele 
bringen. Das erste halte ich für reine Simulation, das zweite ist 
mir bezüglich der Psychose, eben wegen der zu extensiven und zu 
intensiven konsekutiven Amnesie, nachträglich zweifelhaft geworden. 

Fall 13. (Protrahierte Verwirrtheit) P. R. 25 Jahre alt, verheiratet, 
Kaufmann, assentiert 1915. Aufgenommen 4./1., entlassen 11./4. 1918. 1*. soll 
nach Angabe seiner Mutter seit seinem vierten Lebensjahre an somnambulen 


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nächtlichen Zuständen leiden: stehe nachts auf und wandere ohne auf¬ 
zuwachen im Zimmer auf und ab. Sei sehr nervös, gerate leicht in Auf¬ 
regung, wobei er zittere und nachher über Kopfschmerzen klage. Manchmal 
mache er den Eindruck eines verlorenen, in sich gekehrten Menschen. Habe 
viel unter Kopfschmerzen zu leiden, die anfallsweise, mitunter mehrmals 
am Tage, auftreten. Sonst habe er aber niemals Anzeichen einer Geistes¬ 
störung geboten. Er stehe seit sieben Jahren als Schreiber bei einem 
Kaufmann im Dienst und sei sein Chef mit ihm sehr zufrieden. 

Sein Vater starb an progressiver Paralyse, war ein schwerer Trinker, 
der Großvater war ein Epileptiker. 

P. wurde im Mai 1915 gemustert uud sollte zu seinem Regiment ein¬ 
rücken. Da er nicht einrückte, wurden Erhebungen über sein Verbleiben 
gepflogen. Seine Frau erklärte im Juni, ihr Mann wäre am 21. Mai ab- 
gereist und hätte seit der Zeit nichts mehr von sich hören lassen. Der 
Mann blieb auch weiterhin verschollen. 

Am 9./9. 1917 um 2 Uhr nachts wurde in T. ein anscheinend 
geisteskranker Mann angehalten, als er die vor einem Kaffeehaus stehenden 
Sessel herumwarf. Zur Wache überstellt, gab er an, seit gestern von seiner 
Wohnung fort zu sein. Wo sich diese befinde, wisse er nicht. Er leide seit 
langer Zeit an starken Kopfschmerzen und habe deswegen sein Erinnerungs¬ 
vermögen verloren. Bis jetzt habe er mit einer alten Frau zusammen gewohnt, 
wer diese Frau sei. wisse er aber auch nicht. Er sei verheiratet, könne aber 
nicht sagen, wo sich seine Frau befinde. In Haft genommen, zeigte sich der 
Mann ganz verwirrt, konnte seinen Namen nicht angeben, verhielt sieh 
schweigsam, stieß aber von Zeit zu Zeit mit dem Kopf gegen die Mauer. 

Am 12.9. dem Spital übergeben, verhielt er sich dort ruhig, 
beantwortete aber alle Fragen mit einem stereotypen: „Ich weiß nicht, ich 
erinnere mich nicht.“ Auf dem Kopf wies er einige blutunterlaufene Stellen 
auf. Später gab er an, daß er sich lange Zeit unter Wachleuten aufgchalten 
habe und von seiner Frau nichts wisse. Er sei lange Zeit zu Hause ein¬ 
gesperrt gewesen, sei dann einmal ausgegangen, habe sich nicht mehr 
zurechtgefunden und sei den ganzen Tag hcrumgeirrt. Seinen Namen, den 
Namen seiner Frau und die Adresse seiner Wohnung wisse er nicht. Über 
seine militärischen Verhältnisse sei ihm nichts bekannt. Er klagte über 
Kopfschmerzen, schlief nachts w’enig und machte oft den Eindruck eines 
Nachtwandeiden. In diesem Zustand verblieb er 18 Tage. Am 1. Oktober 
verlangte er eine Unterredung mit dem Arzt und erwies sich, als ihm diese 
gewährt wurde, plötzlich vollkommen klar und orientiert. Er gab seinen 
Namen, seinen Beruf, seine Wohnung usw. richtig an und gab auch sonst 
passende Antworten. Er behauptete, seine letzte klare Erinnerung sei der 
Tag seiner Einrückung zum Militär im Mai 1915. Nachher habe er alles 
vergessen. Er habe keine Ahnung, wo er in der Zwischenzeit gewesen und 
was er getan. 

In der Folge verhielt er sich vollkommen ruhig, verkehrte aber mit 
niemandem und schien gedrückter Stimmung. Anfälle wurden in der ganzen 
Beobachtungszeit, die bis zum 11. November dauerte, nicht beobachtet. 


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Am fi./ll. gerichtlich vernommen, gab er in durchaus geordneter 
Weise, ohne sich irgendwie auffällig zu machen, folgendes an: 

„Ich wurde im Mai 1915 hei der Musterung als geeignet befunden 
und erhielt den Befehl, in einigen Tagen einzuriieken. Ich erinnere mich, 
daß ich einige Tage nach der Musterung abgereist bin und daß ich ans 
dein Kupee meine Frau, die sicli am Fenster meiner Wohnung befand, 
begrüßt habe. Wks dann mit mir geschah, wo ich hinkam, was ich machte, 
wo ich wohnte, weiß ich nicht. Ich kam erst vor etwa drei Wochen im 
Spital wieder zu sich. Ich fragte einen Zimmerkameraden, wo ich mich 
befinde und dieser klärte mich auf. Seit dieser Zeit habe ich wieder mein 
Bewußtsein gewonnen, weshalb ich alles verstehe und keiner Geistesstörung 
mehr unterworfen biu. Nur des Abends habe ich noch starke Kopfschmerzen. 4 * 

Am 12. 12. 1917 neuerlich gerichtlich vernommen, erweckte er den 
Kindruck eines Geistesgestörten, führte sonderbare Reden, erkundigte 
sich, wann der nächste Zug nach Wien abgehe, er erwarte ein Antwort- 
sclireihen vom Kaiser. Der Erzherzog Salvator, der eines Tages die Kranken 
im Spital besucht habe, habe ihm ein Empfehlungsschreiben an den Kaiser 
überreicht, damit er eine 0filzierssteile bei seinem Regiment bekomme. Den 
Erzherzog kenne er von M. her uud habe wiederholt mit ihm gesprochen. 

Am 5. 1. 1918 wurde P. zwecks Begutachtung seines Geisteszustandes 
auf die hiesige Abteilung überstellt. Er trug zunächst ein stilles, in sich 
gekehrtes Wesen zur Schau, machte spontan keine Angaben und trat nie 
mit irgend einem Wunsche hervor. Er gab sich sehr bescheiden und fügte 
sich ohne die geringste Widerrede in die Ordnung der gesperrten Ab¬ 
teilung. Bei der ersten orientierenden Exploration in der ersten Woche 
nach seiner Aufnahme gab er bezüglich seines Vorlebens in durchaus 
geordneter Weise ausführlich Auskunft und schilderte seine Erlebnisse am 
Tage seiner Einrückung zum Militär. Er sei am 21. Mai abgefahren. Der 
Zug sei voll singender und schreiender Soldaten gewesen. Dies und der 
schwere Abschied von seiner Frau hätten ihn ganz konfus gemacht. Es 
wurde ihm schwer ums Herz und er begann zu weinen. Dann trübte sieh 
sein Bewußtsein und er wußte nichts mehr von sich. Als er wieder zu sich 
kam, befand er sich im Spital. Inzwischen waren zwei Jahre verflossen. 
Wo er in dieser ganzen langen Zeit gewesen, wovon gelebt, wo gewohnt, 
was gemacht, von all dem habe er keine Ahnung. 

Seine augebliche Bekanntschaft mit dem Erzherzog Salvator erwähnte 
er spontan mit keinem Worte und äußerte auch sonst keinerlei Größen¬ 
ideen. Ausdrücklich darüber befragt, machte er schüchtern und unschlüssig 
einige Äußerungen. Er sei mit dem Erzherzog in M. bekannt geworden. 
Seither nehme sich dieser seiner an und habe ihm eine Offiziersstelle beim 
Regiment verschafft. — Seine Angaben waren sehr allgemein gehalten und 
gar nicht ihrem Inhalt entsprechend atfektbetont. Als man seine Ausführungen 
bezweifelte, wurde er verlegen und suchte seine Ideen gar nicht zu ver¬ 
teidigen. Hingegen brachte er sn* auf einigen, an seine Frau adressierten 
Postkarten auch weiterhin in etwas versteckter Form noch einige Male vor. 
Als ihm aber strikte erklärt wurde daß Postkarten ähnlichen Inhalts nicht, 

Jahrbücher für l'ajrehmtr!«. XXXI X. IM. 18 


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zur Beförderung gelangen werden und er doch Vernunft annehmen solle, 
hörten auch diese Enunziatiunen auf und der „Kranke“ äußerte in der 
ganzen späteren Zeit seiner fast dreimonatigen Beobachtung nie mehr 
ähnliche oder verwandte Ideeu. Im Gegenteil, er wurde in seinem Wesen 
von Tag zu Tag freier, beschäftigte sich später, auf die offene Abteilung 
verlegt, sehr fleißig mit häuslichen Arbeiten, half den Pflegern beim Auf¬ 
räumen und beim Putzen, erbat sich und bekam fast täglich freien Ausgang, 
von dem er stets pünktlich zurückkehrte. Er gab sich dauernd unauffällig 
und natürlich, war willig, freundlich und entgegenkommend, bescheiden 
und anscheinend zufrieden. Nächtliche somnambule Zustände oder Anfälle 
wurden bei ihm nicht beobachtet. 

Sobald man ihn jedoch nach seinen Größenideen explorierte, brachte 
<*r sie immer wieder in etwas zaghafter und unschlüssiger Weise vor. 
bestand darauf, daß ihm der Erzherzog ein Empfehlungsschreiben an den 
Kaiser eingebändigt hatte und daß ihm eiue Offiziersstellc in Aussicht ge¬ 
stellt worden sei. Gefragt, in welchem Verhältnis er eigentlich zum Erzherzog 
*teke, gab er schlicht an, er sei von diesem in M. und auf dem Dampfer 
gelegentlich angeredet worden, wie das so die Art des leutseligen Erzherzogs 
schon sei. Später habe er ihn im Spital gleich wieder erkannt und habe 
Anteil an seinem Schicksal genommen. 

Als P. in Erfahrung brachte, daß er diensttauglich seinem Truppen¬ 
körper überstellt werde, legte er sich ins Bett und schützte heftige Kopf¬ 
schmerzen vor. 

Somatisch: Mittelgroß, kräftig, auffallend blaß. Gesichtszüge etwas 
schlaft*. Gaumen eng. Fettpolster auf dem Abdomen stark entwickelt. 
Fehlender Bartwuchs. Gaumenrcflexe herabgesetzt. Kniesehnenreflexe vor¬ 
handen. Sonst negativer Befund. 

Man wird ohne weiteres zugeben müssen, daß in diesem Falle 
aus dem klinischen Bilde der initialen Psychose allein kein Schluß 
auf ihre Echtheit oder Unechtheit gezogen werden konnte, daß sie 
vielmehr im großen und ganzen dem Bilde eines hysterischen Dämmer¬ 
zustandes entsprach, wie solche gelegentlich bei dazu Disponierten 
im Anschluß an psychische Traumen beobachtet werden. Soweit 
wäre die Sache in Ordnung gewesen. Die Situation änderte sich 
aber mit einem Schlage, als nach dem Abklingen des geistigen Aus- 
uahmszustandes der Kranke erklärte, die Erinnerung für einen Zeit¬ 
raum von zwei .Jahren vollständig verloren zu haben. Ohne behaupten 
zu wollen, daß das gegen alle psychiatrische Erfahrung verstoße, 
muß man doch sagen, daß es nicht angeht, ohne zwingende Gründe 
eine solche Behauptung als Wahrheit hinzuuehmeu. Angenommen, 
der Mann wäre unter dem Eindruck seiner Einrückung und seines 
Abschiedes von s »iner Frau tatsächlich in einen abnormen Zustand 
geraten, so kaun man aus rein psychiatrischen Gründen unmöglich 


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annehmen, daß der Ausnahmszustand zwei Jahre gedauert habe, 
ganz abgesehen davon, daß der Kranke unter solchen Umständen 
in der langen Zeit sich hätte irgendwie auffällig machen müssen 
und ohne gesicherte Unterkunft nicht hätte existieren können. Darüber 
ist aber nichts bekannt geworden. Sowohl seine Frau als seine 
Mutter erklärten, keine Ahnung zu haben, wo der Kranke in dieser 
Zeit gewesen sein könnte. War aber der Kranke in den zwei Jahren 
nicht psychotisch, so ist nicht einzusehen, warum er dann so ganz 
die Erinnerung an diese Zeit verloren liabeu sollte. Die Annahme, 
daß der Dämmerzustand, welcher seinerseits nicht anders als eine 
Flucht in die Krankheit, um einer imhaltbaren Situation ein Ende 
zu setzen, gedeutet werden kann, den Erinnerungsausfall zur Folge 
gehabt habe, ist zwar nicht a priori ausgeschlossen, aber doch in 
so hohem Grade unwahrscheinlich, daß es als eine logische Not¬ 
wendigkeit erscheint, anzunehmen, die Amnesie sei nicht echt. Nun 
liegen zwei Möglichkeiten vor: Der Mann geriet gelegentlich seiner 
Einrückung in einen Ausnahmszustand, der seine Abreise verhinderte. 
Trotzdem dieser Zustand bald nachher schwand, rückte der Mann 
doch nicht ein, hielt sich vielmehr fast zwei Jahre versteckt, bis 
ihn ein neuerlicher Ausnahmszustand zufällig in die Hände der 
Behörde spielte. Nun log er vor, sich an die ganze Zeit seit dem 
Einsetzen des ersten Ausnahmszustandes nicht zu erinnern. — Die 
zweite Möglichkeit ist einfacher: Der Mann rückte seinerzeit nicht 
ein, hielt sich in der Folge versteckt; als er aber sah, daß der 
Krieg kein Ende nehme und seine Situation auf die Dauer unhalt¬ 
bar werde, provozierte er seine Verhaftung durch bewußt absichtliche 
Flucht in die Krankheit. Es kann nicht zweifelhaft sein, welche 
unter diesen beiden Fassungen die glaubwürdigere, logisch und 
psychologisch begründetere ist. Außerdem spricht für die letztere 
die zweifellose Fälschung des Erinnerungsausfalles. Daß sich der 
simulierten Psychose echt hysterische Züge hinzugesellt haben 
mochten, ändert nichts an der Sache, entscheidend bleibt immer die 
simulative Tendenz. Sein späterer Versuch, sich auf einem anderen 
Wege aus der Schlinge zu ziehen, ist nur eine weitere Bestätigung 
für die Richtigkeit meiner Auffassung. 

Fall IG. (Protrahierte Verwirrtheit.) St. F., Korporal, 22 Jahre alt, 
ledig, Besitzerssohii' assentiert 1914. Aufgenommen 26./8., entlassen 11. 10.1917. 
Am 7./7. 1917 schickte St. aus dem Spital, dem er als Aufsichtscharge 
zugeteilt war, heimlich eine Kiste an seine Geliebte und fuhr am gleichen 

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Alfred Serko. 


Tage ohne Bewilligung gelbst dorthin. Am ff.'7. zurückgekehrt und zur 
Rede gestellt, erklärte er, er habe ohnehin beide Nächte im Spital geschlafen 
und sei nur am 8. mit seiner Qeliebten in der Umgebung des Spitals spa- 
zieren gegangen. Später jedoch gestand er ein, in dieser Zeit abwesend 
gewesen zu sein. In der obenerwähnten Kiste, die bei seiner Geliebten 
beschlagnahmt wurde, fand man eine Menge offensichtlich gestohlener Ge¬ 
genstände. Ferner fand man im Besitze des Beschuldigten 2 > Urlaubsscheiu- 
blankette, eines davon vom Beschuldigten selbst ausgefüllt und mit ge¬ 
fälschten Unterschriften versehen. 

Uber die Herkunft der bei ihm gefundenen Sachen gefragt, machte 
er erwiesenermaßen unwahre Angaben und stellte sich dann, als er sah, 
daß die Angelegenheit für ihn peinlich zu werden beginne, geistig und 
körperlich krank. Kr tat, in Präventivhaft gesetzt, als ob er seinen Urin 
trinken wollte, was er aber nie ausführte, blich konstant zu Bett, behauptete, 
ein Loch im Kopf zu haben und operiert werden zu müssen. In (len ersten 
Tagen seiner Haft erlitt er einen Uhnmaehtsanfall. Einem Spital überstellt, 
lag er do.t ruhig zu Bett, den starren Blick geradeaus gerichtet, um den 
Kopf ein Tuch gewickelt. Auf alle Fragen reagierte er mit der stereotypen 
Antwort, daß er eiu Loch im Kopf oberhalb des rechten Auges habe, daraus 
stark blute und sofort operiert werden müsse. AnamnostLehe Daten und 
Persoualangaben waren von ihm nicht zu erlangen. 

Am IG. August wurde er der hiesigen Abteilung übergeben. Der 
damalige Befund lautet: „Blickt starr, mit großen Augen vor sich hin, 
nimmt keine Notiz von seiner Umgebung. Angebrochen, rührt er sieh 
niebt, reißt nur die Augen noch weiter auf. Energisch zur Rede gestellt, 
wendet er sich langsam zum Arzt, hebt die Hand und deutet damit auf die 
mit einem 'Tuch umwickelte Stirn, dabei mit matter, sch wacher Stimme 
ffüstemd: „Blut fließt da herunter, Blut.“ Bestreicht sieh das Gesicht mit 
den Fingern und schaut dann die-te an. als oh sie blutig wären. Faltet dann 
die Hände und murmelt unverständliches Zeug, aus dem man nur die Worte 
operieren, bitte, versteht. Als ihm das Tuch von der Stirne gerissen wird 
(eine Wunde ist nicht vorhanden), beginnt er schwächlich zu jammern, 
greift sich au die angeblich verwundete Stelle, beruhigt sich aber bald und 
bleibt dann reguugslos vor sich hin starrend sitzen. Alle Versuche, dem 
Kranken zum Reden zu bringen, scheitern an seinem völlig ablehnenden 
Verhalten. Auf jede Frage nach seinen Personalien beginnt er jammernd 
von seiner blutenden Stirne zu sprechen. Sein Gesichtsausdruck nimmt 
dabei einen leidenden, weinerlichen Zug an. Gefragt, woher er dio Wunde 
halte, streckt er die Hand vor sieh aus, wie wenn er andeuten wollte, daß 
ihm etwas auf die Stirne zugetiogen gekommen war. und spricht irgend 
er was mit stotternder, gänzlich unverständlicher Stimme. 

Somatisch: Lagophthalmus. mäßiger Exophthalmus. Pupillen reagieren, 
Sehnenreffexe lebhaft. Rachenreffex kaum angedeutet. Puls klein frequent. 

Der Kranke wurde am 22/8. einer Irrenanstalt übergeben, kam 
aber am 2G./9. neuerlich auf der hiesigen Abteilung zwecks Begutachtung 
seines Geisteszustandes zur Aufnahme 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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Bei der Aufnahme ruhig und geordnet, macht aber einen etwas ver¬ 
störten Eindruck. Ist in seinem Auftreten unsicher und leicht verlegen, 
weiß nicht recht, wie er sich geben sollte. Örtlich, zeitlich und persönlich 
orientiert, gibt er sinngemäße Antworten: komme aus der Anstalt für Geistes¬ 
kranke, warum, sei ihm unbekannt. 

In den folgenden Tagen andauernd ruhig und unauffällig, schläft 
nachts ruhig, nimmt mit Appetit die Nahrung zu sich. Direkte psychotische 
Züge im Sinne von Verwirrtheitszuständen, Sinnestäuschungen, wahnhaften 
Äußerungen usw. wurden nicht beobachtet. 

Am 29.,9. eingehender exploriert, erklärte der Kranke, nicht zu 
wissen, warum er sich hier befinde, er wisse nur, daß ihn Leute ange¬ 
gangen seien, die ihn mit Messern, Hacken und Stöcken bedroht haben. 
Er habe sie in der Anstalt ganz deutlich zwischen den Türen stehen ge¬ 
sehen. Seit 14 Tagen befinde er sich besser. Eine Täuschung könne das 
kaum gewesen sein, weil er die Leute mit eigenen Augen gesehen habe. 
Man habe auch seinen Namen gerufen, ihm auch andere Sachen zugesclirien. 
an die er sich jedoch nicht mehr erinnern könne. Auf die Frage, warum 
er in gerichtlicher Untersuchung stehe, erklärt er, auch das nicht zu wissen: 
er habe nie etwas Unrechtes getan, wisse auch nicht, wessen man ihn be¬ 
schuldige, erst hier habe er erfahren, daß gegen ihn etwas los sei. Wann, 
warum und unter welchen Umständen er in die Anstalt gekommen, wiste 
er nicht. Er erinnere sich nur noch, in F. Kopfschmerzen gehabt zu haben. 
Was weiter mit ihm geschehen sei, wisse er nicht. Der Beschuldigte stellt 
entschieden in Abiede, eine Kiste mit ärarischen Sachen oder überhaupt 
eine Kiste an seine Geliebte geschickt zu haben, auch habe er sich seines 
Wissens niemals der eigenmächtigen Entfernung schuldig gemacht. Er will 
nichts davon wissen, daß das Spital, dem er zugeteilt gewesen, aufgelöst 
hätte werdeu sollen, auch nichts davon, daß er von seinem Vorgesetzten 
über die Herkunft einiger Monturstücke, die bei ihm gefunden worden 
waren, ausgeforscht worden sei, auch nichts davon, daß er in Präventiv¬ 
haft gewesen und später ins Spital übergeführt worden sei...; auf alle diete 
Fragen schaut . er den Arzt groß an und erklärt, keine Ahnung davon zu 
haben. Beim Vorlegen des gefälschten Urlaubsscheines erklärt er, die Schrift 
scheine sein zu sein, doch könne er sich nicht erklären, wie sie auf dieses 
Papier komme. Als ihm die Strafanzeige Vorgelegen wird, hört er ruhig 
^u, bricht aber dann etwas gezwungen in Tränen aus, versichernd, daß er 
sich in seinem Leben nie des kleinsten Diebstahles schuldig gemacht habe 

Über sein Vorleben gibt er an: Sohn eines Gutsbesitzeis, hat eine 
gesunde verheiratete Schwester. Der Vater lebt, die Mutter staib im Herbst 
1916 an Gebärmutterkrebs. In der Familie keine Belastung. Er selbst litt 
ln der Kindheit an Fraisen, w r ar aber später gesund. Absolvierte die Volks¬ 
schule und eine Bürgerschnlklasse, blieb nachher heim Vater und beschäftigte 
sich in der Landwirtschaft. Er trank nie viel und war nie geschlechls- 
krank. 1914 eingeiückt, war er 10 Monate im Felde, wurde am Kopf, am 
linken Vorderarm und linken Fuß verwundet. Seit 1916 im Hinterland. 

Der Beschuldigte ist örtlich und zeitlich gut orientiert, faßt gut auf, 


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Alfred Serko. 


bekundet eine ungestörte Aufmerksamkeit und ist bis auf eine gewisse Be¬ 
fangenheit und Unsicherheit in seinem Wesen unauffällig. 

In der Folge andauernd ruhig und geordnet, bleibt bei seinen Angaben. 

Gerichtspsychiatrisch liegt der Fall klar. Was immer nach¬ 
her geschehen sein mochte, zur Zeit der strafbaren Tat war der 
Mann zweifellos psychisch gesund und vor dem Gesetz verantwort¬ 
lich. Anders liegt die Frage schon bezüglich der Psychose. Ich bin 
mir zwar darüber im klaren, daß die große Mehrzahl der Psychiater 
sie als eine echte reaktive psychogene Störung angesprochen wissen 
möchte, bin aber nichtsdestoweniger überzeugt, daß das nicht alle 
Psychiater wären. Was endlich die konsekutive Amnesie betrifft, 
so weiß ich wirklich nicht, auf welcher Seite die Mehrzahl der 
Sachverständigen zu finden wäre. Soviel scheint mir indessen sicher 
zu sein, daß, „ wenn die Psychose angezweifelt werden kann, so das 
nur im Hinblick auf die allzu extensive Amnesie. 

Wa3 das klinische Bild der simulierten Verwirrtheit betrifft, 
so gibt es ganz fließende Übergänge von den offensichtlich ge¬ 
machten, jeder Erfahrung widersprechenden Typen, bis zu den ganz 
hysterogen anmutenden Bildern mit Gauserschen Zügen. In diesen 
letzteren Fällen ist ihre Unterscheidung von echten Zuständen 
allerdings oft ganz unmöglich und es läßt sich nicht bezweifeln, 
daß es da scharfe Grenzen gar nicht gibt. Je ähnlicher der be¬ 
obachtete Verwirrtheitszustand dem echten hysterischen Dämmer¬ 
zustände wird, desto wahrscheinlicher ist es, daß ihm ein echter 
Eem zugrunde liegt und daß „absichtliche Verstellung und krank¬ 
hafte Entstehung der Störung ohne scharfe Grenze ineinander 
übergehen“. (Kraepelin.) Vom echten „Ganser“ unterscheiden 
sich die rein simulierten Fälle, abgesehen von ihrer im allgemeinen 
etwas kürzeren Dauer, durch das Fehlen des so überaus charakte¬ 
ristischen Vorbeiredens und des puerillen Gebarens und durch ihre 
Neigung, aut äußere Einwirkungen hin in blinde Erregungszustände 
überzugehen. Meist fehlt ihnen die für die echten Zustände so 
typische affektive Betonung, sei es im ängstlichen, sei es im schreck¬ 
haften, sei es im läppisch-heiteren, infantil anmutenden Sinne, es 
fehlen ihnen stets und ausnahmslos die Illusionen und die Hallu¬ 
zinationen und wohl auch die wirklich durchgreifende Verkennung 
der Situation. Der Simulant ist lediglich verwirrt, ohne Inhalt und 
ohne Affekt. Und selbst die Verwirrtheit ist nicht durchgreifend 
und die ganze Psvche umfassend, sondern äußert sich bald auf 


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Über Simulation von (Jeistesstörung. 


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diesem, bald auf jenem Gebiete; sie ist sprunghaft und ohne innere 
Logik und doch dabei zielstrebig und darum nicht unbefangen wie 
die echte. Bei der Aufnahme in die Spitalsbeobachtung ist un¬ 
gemein beliebt das Rollen mit den Augen, bei weit aufgerissenen 
Lidern, eine übertrieben lässige Haltung (die Hände in den Taschen, 
die Kappe schief auf dem Kopfe usw.) bei frecher Tonart des Auf¬ 
tretens. Zuweilen tritt eine Unsicherheit im ganzen Gebaren der 
Kranken unverkennbar hervor. Sie gehen nicht gerne auf eine Kon¬ 
versation ein, denken nach, bevor sie antworten, weichen dem Blick 
des Arztes aus und machen dadurch einen steifen, befangenen Ein¬ 
druck. Ins Bett gebracht, ist ihr erstes, sich die Decke über den 
Kopf zu ziehen und zunächst regungslos liegen zu bleiben. Bei den 
Visiten stellen sie sich gerne schlafend, um, angesprochen, mit einem 
Ruck zusammenzufahren und erstaunt herurazublicken. Ihr psy¬ 
chischer Zustand ist voll Widersprüche: sie fassen meist gut auf 
und sind attent, sprechen den Arzt nicht selten mit Herr Doktor 
an und behaupten, nicht zu wissen, wo sie sich befinden. Bei den 
Explorationen lieben sie vor sich zu starren oder neugierig, affen¬ 
artig um sich zu blicken. Gelegentlich reden sie Unsinn. Energisch 
zur Rede gestellt, pflegen sie heftig zu werden, beginnen lebhaft 
zu gestikulieren und in kreischender Stimme zu sprechen, runzeln 
die Stirne und machen ein drohendes, finsteres Gesicht. Bei den 
protrahierten Formen verwischt sich das Bild der eigentlichen Ver¬ 
wirrtheit zu einem Gemisch von akinetischen und hyperkinetischen, 
Demenz- und Amenzsymptomen hysterischer Färbung mit Ganser- 
schen Zügen. Im Vordergründe pflegt aber ein in sich widerspre¬ 
chender, unmöglicher intellektueller Schwachsinn zu stehen. Fast 
stets besteht auch während der Psychose jene weitgehende Amnesie 
für die mit der Simulation im ursächlichen Zusammenhänge ste¬ 
henden Ereignisse (meist strafbare Handlungen), die sich nicht 
selten in ihrer maßlosen Übertreibung auf ganze Lebensperioden 
erstreckt und Grade erreicht, wie solche bei der wirklichen geistigen 
Erkrankung kaum jemals Vorkommen. Überhaupt ist das Wider¬ 
spruchsvolle, psychologisch Unmögliche, Inkonsequente für jede Simu¬ 
lation von Geistesstörung höchst charakteristisch. Unter den Inkon¬ 
sequenzen ist die häufigste und psychologisch verständlichste die, 
daß sich die „Kranken“, wenn sie sich nicht beobachtet glauben, 
anders benehmen als in Gegenwart des Arztes, und daß die psycho- 
pathologischen Züge bei einer Exploration exazerbieren, oder gar 


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Alfred Serko. 


erst iu Erscheinung treten. Namentlich gilt das letztere für Sinnes¬ 
täuschungen und Wahnideen, die spontan äußerst selten geäußert 
werden und erst beim Examen, durch Suggestivfragen provoziert, 
Erwähnung finden. Auch die so häufigen Klagen über Kopfschmerzen 
und Schwindelanwandlungen werden meist erst bei der Untersuchung 
vorgebracht. Ein weiterer charakteristischer Zug der Simulanten 
ist ihre Stellungnahme ihrer vorgemachten Geisteskrankheit gegen¬ 
über, indem die Mehrzahl der „Kranken“ die Zumutung, geistes¬ 
krank zu sein, mit einer, ihrem sonstigen Verhalten durchaus nicht 
entsprechenden, an Entrüstung grenzenden Lebhaftigkeit und Ein¬ 
dringlichkeit zurückweist und das auch dann, wenn die tiefstgrei- 
fenden Intelligenzdefekte vorgetäuscht werden. 

Ein Geständnis nach aufgegebeuer Simulation, die Geistes¬ 
störung simuliert zu haben, kommt nach meiner Erfahrung un- 
gemein selten vor. Die vorher z. B. stuporösen Kranken erklären 
eines Tages bei der Visite, daß es ihnen besser gehe, geben Aus¬ 
kunft, schützen aber für die psychotische Zeit Amnesie vor. Sie 
wüßten nicht, wann und unter welchen Umständen sie ins Spital 
gekommen seien, erkundigen sich aber trotzdem niemals über diesen 
Punkt. Sie nehmen die Tatsache, sich plötzlich im Spital zu finden, 
als etwas Selbstverständliches hin und wundem sich gar nicht 
darüber. In der Folge werden sie freier, manchmal geht auch die 
Amnesie für die Straftat zurück, fast nie wird aber die Simulation 
als solche zugestanden, allerdings auch niemals die Echtheit der 
psychischen Erkrankung mit Nachdruck verteidigt. Meist reden sich 
die Kranken dahin aus, daß sie schon früher von Zeit zu Zeit 
solche Zustände durchgemacht hätten, in denen sie nichts von sich 
wußten. Diese Tatsache ist so konstant, daß nach meinem Dafür¬ 
halten in sehr vielen Fällen, in denen die „entlarvte“ Simulation 
nachträglich vorbehaltlos zugestanden wird, sich um beginnende 
echte Psychosen handeln dürfte, vornehmlich um solche aus der 
Gruppe der Dementia praecox. 

Fall 17. (Protrahierte Verwirrtheit.) H. J., Infanterist, 25 Jahre alt. 
Arbeiter, ledig, assentiert 1916. Aufgenommen 10. 3., entlassen 28./Ö. 1917. 
Über das Vorleben des Mannes ist nichts Sicheres bekannt. Am 9./3. 1917 
nach Geschlechtskrankheit geheilt, aus dem Spitale entlassen, rückte er 
nicht zu Beinern Truppenkörper ein, sondern trieb sich in Graz herum. Am 
10./3. zeigte er plötzlich in einem Gasthause Symptome einer Geistesstörung: 
er entkleidete sich auf dem Abort bis aufs Hemd, behauptete, daß seine 
Schwester hier sei und begann sie zu suchen und nach ihr zu rufen. 


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Bei der Aufnahme auf die hiesige Abteilung bot er das bekannte 
Bild der psychogenen Verwirrung: Augenrollen, wilder Blick, Vorbeireden. 
Bei der Morgenviaite des nächsten Tages in ängstlich rastlosem Zustande, 
schaut ängstlich um sich, reißt die Augen weit auf, zeigt übertriebene, 
theatralische Gebärden. Bekommt Chinin und wird auf die strenge Diät 
gestellt. 

In den nächsten Tagen unverändert. Am 14./3. exploriert, bietet er 
folgendes Bild: Sich selbst überlassen, macht er ein dummes, erstauntes 
Gesicht, blickt neugierig um sich, stellt sich verwirrt. Angesprochen, beginnt 
er Unsinn zu reden, schaut zum Fenster hinaus und spricht: „Er bringt, 
er wird bringen meine Schuhe, er wird sie bringen.“ Gefragt, in was für 
einem Hause er sich hier hefinde, sagt er: „Haus, mein Haus.“ Geht meist 
auf das Thema nicht ein, schwatzt, was ihm gerade einfallt. 

16. /3.: Hält sich ruhig. Glaubt er sich unbeobachtet, so unterhält er 
sich ruhig mit seinen Zimmerkameraden. Sobald aber der Arzt das Zimmer 
betritt, äudert er sofort sein Verhalten, beginnt irre zu reden, spricht von 
seiner Schwester, von Kartoffeln und Fisolen, alles durcheinander, ohne 
sich im geringsten um die Fragen des Arztes zu kümmern. Dabei schimmert 
das Gemachte und Gekünstelte seines Verhaltens überall durch und man 
merkt dem Kranken die gespannte Aufmerksamkeit und die Willensan¬ 
spannung an, konsequent in seiner Bolle zu bleiben. Katatone Symptome 
sind nicht nachweisbar, dafür übertriebene Mimik und Gebärden. Tritt man 
an sein Bett und fragt ihn nach seinem Befinden, so gibt er ohne das 
geringste Zögern, wie ein völlig Normaler, die Antwort: „sehr gut,“ beginnt 
aber unmittelbar darauf mit seinem Gefasel, welches desto hastiger wird, 
je mehr man ihn unterbricht. Da ihm offenbar nichts einfällt, so wiederholt 
or auf der Hohe seines Rededranges immer dieselben Worte: „er wird mir 
bringen Kartoffeln, Fisolen, Fisolen, Kartoffeln, Fisolen, Kartoffeln, wird 
bringen, wird bringen“ usw., ohne sich vom Arzt im geringsten darin 
stören zu lassen. Sucht man ihn zu unterbrechen, so wird seine Stimmo 
immer lauter und wird schließlich kreischend. 

Bekommt Apomorphin, wird auf strenger Diät gehalten. 

17. /3.: Wegen rezidivierender Gonorrhöe auf die dermatologische 
Abteilung verlegt. 

21./5.: Vom Tripper geheilt zurückverlegt. Hatte sich auf der Ge- 
schlechtskranken-Abteilung ruhig verhalten, fiel psychiech nicht sonderlich 
auf. Erklärt hier, sich nicht zu erinnern, jemals schon da gewesen zu 
sein. Stellt in Abrede, schon einmal aus der VI. Abteilung entlassen worden 
zu sein. Stellt sich unwissend, gibt das gegenwärtige Datum mit März 1916 
an, erklärt, nicht zu wissen, bei welchem Regiment er eingeteilt ist, gibt 
sein Geburtsjahr erst nach längerem Nachdenken um ein Jahr falsch an- 
Sei seit 1915, seit einem Jahr, beim Militär. Auf Vorhalt, wieso er nicht 
wisse, welchem Regiment er angehöre, redet er sich dahin aus, daß er die 
meiste Zeit im Spital gewesen. Benimmt sich im übrigen durchaus ge¬ 
ordnet und unauffällig, spricht glatt und mit einer gewissen Schlagfertigkeit, 
wird, wenn man ihm zusetzt, gereizt und antwortet mit erhobener Stimme. 


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Wird anmaßend und frech, blickt trotzig den Arzt an und rollt mit den 
Augen. Gefragt, wann der Krieg angefangen habe, erklärt er, das nicht 
genau zu wissen, auch wisse er nicht, mit welchen Staaten wir im Kriege 
stehen: „er führe keinen Krieg, er habe keine Feinde.“ Bekommt Apo¬ 
morphin. Wird auf strenger Diät gehalten. Am 23. Mai lenkt er ein. Erklärt, 
es gehe ihm besser. Gibt das Datum richtig an, weiß, bei welchem Regiment er 
dient, gibt willig und geordnet Auskunft. Habe vor sechs Jahren einen Schlag 
auf den Kopf bekommen, sei seit der Zeit sehr vergeßlich. Habe fortwährend 
Kopfschmerzen. Habe keine Schule besucht und wisse selbst nicht, wie oft 
er vorbestraft sei. Zuletzt mit drei Jahren wegen Totschlags. 

Während der vorstehende Fall als ein klassisches Beispiel der 
protrahierten Verwirrtheit der Simulanten sowohl bezüglich ihrer 
Ätiologie, ihres Beginnes, Verlaufes und Ausganges als auch bezüglich 
ihrer speziellen Symptomalogie gelten kann, fühlt uns der nach¬ 
stehende zu der bereits besprochenen Gruppe der Demenzzustände über. 

Fall 18. (Protrahierte Verwirrtheit mit Schwachsinn.) LJ., Infante¬ 
rist, 30 Jahre alt, verheirateter Heizer, assentiert 1917. Aufgenommen am 
27./3., entlassen am 4. 4. 1918. I. wurde am 16. April 1918 als Deserteur zu 
seinem Truppenkörper eingebracht. Nun stellte er sich schwachsinnig-naiv, 
verlangte von dem ihn untersuchenden Arzt eine Zigarette, klopfte ihm ver¬ 
traulich auf die Schulter, erklärte jedoch, nicht zu wissen, wo er sich be¬ 
finde. Klagt über Kopfschmerzen und Verwirrtheit, was er auf den Umstand 
zurückführt, daß er sich seinerzeit beim Durchstoßen eines Fensters mit 
dem Kopfe verletzt habe. Tatsächlich ist über der linken Stirnseite eine 
blasse Narbe sichtbar, bei deren Berührung er in übertriebener Weise 
zusammenzuckt. Auch sonst benahm er sich sehr aufgeregt und laut, wobei 
man den Eindruck gewann, daß er jede Bewegung absichtlich übertreibe. 
Über seine Personalien gab er zunächst prompte Antworten, faßte sich dann 
plötzlich theatralisch an den Kopf und meinte: „Ja, wenn ich mich an alles 
erinnern könnte, wäre ich gesund im Kopf!“ Bei der körperlichen Unter¬ 
suchung zeigte er übertriebene Hyperalgcsie, bezeichnete das Beklopfen der 
Patella als äußerst schmerzhaft, behauptete, bei der Lungenuntersuchung 
den Atem nicht zurückhalten zu können, atmete forciert. 

Bei der Aufnahme auf die hiesige Abteilung ungemein anmaßend, 
renitent und frech, gestikuliert ungeniert mit den Händen, spricht mit krei¬ 
schender Stimme, gibt sich ganz unmilitärisch, blickt den Arzt herausfordernd 
an und erklärt spontan, mit dem Zeigefinger auf seine Stirne deutend, daß 
er nicht recht im Kopfe sei. Wird, zur Ordnung gewiesen, unmutig, brummt 
vor sich hin, kehrt dem Arzt den Rücken und schaut sich affenartig die 
Zimmergegenstände an. 

Im Bad gerät er mit dem Pfleger in Streit, wird alsbald aggressiv, 
beginnt, als der Arzt erscheint, Theater zu spielen, schreit, brüllt, schließt 
die Augen, streckt die Arme vor sich bin aus, wirft den Kopf in den Nacken, 
macht, als sollte er jeden Augenblick von einem Anfall erfaßt zu Boden 
sinken. Auf Zuspruch nimmt die Erregung und die theatralischen Gebärden 


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zu, eine Auskunft ist von dem „Kranken“ überhaupt nicht mehr zu be¬ 
kommen. Unter die kalte Dusche gesetzt, wehrt er sich auf das heftigste, 
beißt und kratzt und spuckt und schreit: „Mamma mia, mamma mia. tt Stellt 
sich dann ohnmächtig, und hleibt regungslos liegen. 

In den nächsten Tagen etwas freier, hält sich ruhig, liegt zu Bett, gibt 
aber nur widerwillig und sehr spärlich Auskunft. Macht ein finsteres Gesicht, 

Am 2./5. einer Exploration unterzogen, sitzt er regungslos, den Ober¬ 
körper stark nach vornüber geneigt, den Kopf auf die Brust gesenkt, 
den Blick starr auf den Boden gerichtet, da. Ab und zu läßt er einen 
schnellen Blick verstohlen unter der Stirne durch das Zimmer schweifen. 
Kümmert sich scheinbar nicht um seine Umgebung. Nach dem gegenwärtigen 
Datum gefragt, hebt er langsam den Kopf, streicht mit der Hand über die 
Stirne, denkt nach und sagt dann: „Jänner 1917.“ Auf den schönen Maien¬ 
tag aufmerksam gemacht, schaut er eine Zeitlang durchs Fenster und 
schweigt. Auf die Frage nach seinem Geburtsjahr denkt er lange Zeit nach, 
blickt dabei wie sinnend auf den Boden und sagt dann: „96 oder 97.“ Sei 
30 Jahre alt. Hier befinde er sich in einem Hospital in Triest, sei vor vier 
Wochen aus L. hieher gekommen, habe hier Geschäfte gemacht. Auf den 
Einwand, daß er doch Soldat sei, stellt er sich verwundert, fragt: „Was für 
ein Militär, was für eine Kompagnie?“ Gibt aber schließlich doch zu, seit 
1917 beim Militär zu sein. Beim eindringlicheren Befragen stellt er sich 
wieder ganz verwirrt, wirft alles durcheinander, will sich an nichts erinnern, 
braust zwischendurch schwächlich auf. Auf die Frage, ob er denn krank sei,, 
verneint er das, erklärt, sich ganz wohl zu fühlen, auch im Kopf. Gibt sich, 
als man ihm sagt, daß sein Benehmen auf eine Geisteskrankheit schließen 
lasse, aufgebracht, blickt den Arzt finster an und erklärt laut und eindring¬ 
lich, vollständig geistesgesund zu sein. 

Eine Intelligenzprüfung ergibt folgende Resultate: Der Mann kann 
lesen und schreiben. Hat angeblich zwei Volksschulklassen besucht. Er 
rechnet 2 + 2 = 5, 2X2 = 3. Das Jahr habe zehn Monate, diese heißen: 
Januar, Oktober, September, Juli uud Januar. Die Woche habe sechs Tage, 
und zwar: Montag, Samstag und Dieustag. Das Jahr habe zwei Jahres¬ 
zeiten: Sommer und Winter, kalt und warm. 

Die Mannscliaftschargen sind: Infanterist, Feldwebel und Leutnant. 
Drei ihm vorgesagte einstellige Zahlen kann er unmittelbar nach dem Hören 
nicht wieder sagen, obwohl er den Sinn der Fragestellung sofort erfaßt. Kr 
reproduziert 2, 8, 6 mit 5, 2, 8; 0, 7, 3 mit 3, 5, 0. 

Körperlicher Befund: Degenerierter Gesichtsausdruck. Stirne etwas 
niedrig. Reflexe bei starken aktiven Spannungen lebhaft. Rachenreflex vor¬ 
handen. Pupillen und die übrigen Hirnnerven intakt. Die Stirnnarbe kaum 
sichtbar, blaß, bei Druck darauf keine Pupillenerweiterung bei lebhaften 
Schmerzreaktioneu. 

Tobsuchtsanfälle. 

Der gemachte Tobsuchtsaufall, der sogenannte „Wirbelt 
ist die Simulationsform der impulsiven, ethisch defekten, gewalttätigen 


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Psychopathen. Affektiv labile, zu hysteriscli gefärbten Erregungs¬ 
zuständen und brutalen Roheitsakten neigende Degönöres der Gro߬ 
städte und der südlichen Klimate sind seine Akteure. Er erwächst 
auf eminent degenerativem Boden und hat innige Beziehungen zu 
den echten pathologischen Erregungszuständen, wie solche beispiels¬ 
weise beim chronischen Alkoholismus, in Rauschzuständen und bei 
epileptischer Degeneration Vorkommen. In noch viel höherem Grade 
als bei den Verwirrtheitszuständen gibt es fließende Übergänge 
zwischen echten und bewußt aggravierten tobsüchtigen Erregungs¬ 
ausbrüchen und wohl nur in Ausnahmsfällen ist der Tobsuchtsanfall 
in allen seinen Phasen vorgetäuscht. Wie ferner in jeder Pseudo¬ 
verwirrtheit bis zu einem gewissen Grade eine Spur vom echten 
„Ganser“ zu stecken pflegt, so gilt das iu noch viel größerem 
Maße von der echten Erregung bezüglich des Tobsuchtsanfalles. 
Streng genommen ist der Wirbel kaum einmal simuliert, in allen 
übrigen Fällen vielmehr nur aggraviert. Wo sich die Aggravation 
der Simulation nähert, dort verwischt sich das klinische Bild und 
4ie tobsüchtige Erregung nimmt Züge der harmloseren Verwirrtheit 
an. In den meisten Fällen ist der Wirbel die unmittelbare Folge 
einer echten zornmütigen Erregung als Schuld, und stellt sich dem¬ 
entsprechend als „Flucht in die Krankheit durch Überbietung“ dar. 
Er hat nicht den Zweck,, einer Dauersituation ein Ende zu setzen 
oder ein bereits zeitlich abgelaufenes Geschehen zu entschuldigen, 
sondern es liegt ihm der Wunsch zugrunde, sich selbst als Ver¬ 
schulden unmöglich zu machen und durch die bewußte Steigerung 
ins Exzessive und Groteske ad absurdum zu führen. Darum ist die 
Maßlosigkeit sein charakteristischer Grundzug, der Drang nach 
Erreichuug äußerer Effekte seine bezeichnende Eigentümlichkeit. 
Während sich eine echte manische Erregung, z. B. in motorischen 
Entladungen ganz gleich welcher Art: im ruhelosen Bewegungs¬ 
trieb, in aufgegriffeneu und gleich wieder fallen gelassenen Hand¬ 
lungen, in lebhaften Gestikulationen, im Rededrang, im Geschrei 
und Gejohle, ohne jede Rücksicht auf einen Effekt erschöpft, ist 
der „Wirbel“ von vornherein auf Zerstörung und Vernichtung, auf 
persönlichen Angriff und auf Zufügen von Sachschaden gerichtet 
Was ihn auszeichnet, ist somit das in bezug auf einen Zweck 
folgerichtige Handeln, das Wüten. Diese Folgerichtigkeit ist es 
wohl auch, die dem „Wirbel“ den Stempel des Gemachten, Un¬ 
echten, das auch von Laien als solches empfunden wird, aufdrückt. 


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Am meisten Ähnlichkeit hat er noch mit Bauschhandlungen und 
mit Affektausbrüchen degenerierter Epileptiker. Seine Unterscheidung 
von diesen Zuständen ist oft nur durch Ausschließung der be¬ 
treffenden ätiologischen Faktoren möglich. Vom epileptischen Er¬ 
regungszustand unterscheidet er sich außerdem noch dadurch, daß 
er weniger brutal und sozusagen elektiv verfährt, gewisse Grenzen 
einhält und von eigentlichen verderblichen Bluttaten zurückschreckt. 
Auch schimmert stets ein theatralischer, posenhafter Zug mehr oder 
minder durch. 

Die Laien pflegen bei der Schilderung dieser Zustände vom 
stieren Blick, vom Mundschaum, von mehr oder minder heftigem 
Zittern, von enormer, Kraftentwicklung, von Zähneknirschen und 
gelegentlichen Krämpfen zu berichten. Unerfahrene Mediziner stellen 
lichtstarre Pupillen und fehlende Korneaheflexe fest. Die Dauer des 
Anfalles wird von den Augenzeugen meist überschätzt. Die Dauer 
des „Wirbels“ ist, der großen Energieausgabe entsprechend, nur nach 
Viertelstunden bemessen. Dauert er längere Zeit, so ist er stets von 
Ruhepausen unterbrochen und die Exazerbationen knüpfen meist auf 
äußere Einwirkungen (Explorationsversuche und dgl.) an. Seinen 
defiuitiven Abschluß bildet ein mehr oder minder echter Schlaf. 

Ein charakteristisches Beispiel eines Wirbels mit Nachspiel 
ist folgender 

Fall 10. ‘Tobsuchtsanfall mit retrograder Amnesie.) 15 A., Infanterist. 
33 Jahre alt, ledig, Fleischhauer, assentiert 1915. Aufgenoinmen 7./1., ent¬ 
lassen 18./1. 1918. R. ist schlecht beleumundet, er gilt als gewalttätig und 
fremdem Eigentum gefährlich. Er ist wiederholt wegen Diebstahls mit Arrcit- 
und Kerkerstrafeu und einmal wegen öffentlicher Gewalttätigkeit mit drei 
Monaten schweren Kerkers vorbestraft. Er soll schon als Kind nervös ge¬ 
wesen sein, lernte in der Schule wenig, schwänzte den Unterricht, lief später 
von der Arbeit davon, hielt nirgends lange aus und wechselte fortwährend 
seine Arbeitsplätze. Soll nachts an somnambulen Zuständen (Sprechen im 
Traum, Verlassen des Bettes usw.) gelitten haben. Seine Mutter bezeichnet 
ihn für beschrankt. 

Beim Militär machte er sich wiederholt der eigenmächtigen Entfernung 
schuldig, trieb sich herum, geriet einmal als Deserteur in einem Wirtshaus 
mit Zivilisten in Streit und wurde arg verprügelt. Als ciugebrachter Deser¬ 
teur verantwortete er si^h einmal damit, daß er sich habe auf eigene Faust 
einen mehrwöchigen Urlaub verschaffen wollen, ein audcresmal schützte 
er schlechte Verpflegung vor, immer aber gab er sein Vergehen ohne wei¬ 
teres zu, und erinnerte sich an alle Einzelheiten seiner Delikte. Im Februar 
1917 wegen Subordinationsvcrletzung zu 18 Monaten Kerkers verurteilt. 

Am 26./9. 1917 wurde er wegeu Geschlechtskrankheit in ein Spital 


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in Graz aufgenommen. Dort trug er ein freches, renitentes Benehmen zur 
ftehau, verließ eigenmächtig die Abteilung und ohrfeigte in rohester Weise 
den Pfleger, der die Meldung über sein Fehlen erstattet hatte. 

Am 31./10. 1917 bei der ärztlichen Visite in der entsprechenden Reihen¬ 
folge aufgerufen, meldete er sich nicht und erschien erst, als die Kameraden 
wiederholt laut seinen Namen gerufen hatten, mit je einem Uringlas in jeder 
Hand, wie üblich, vor dem Sanitätsleutnant. Von diesem zur Rede gestellt, 
schwieg er, zur Antwort verhalten, erhob er das eine Uringlas und schleu¬ 
derte es dem Sanitätsleutnant ins Gesicht. Unmittelbar darauf klirrte auch 
das zweite Uringlas am Boden, und B. ging zum Angriff* über. Vom Unter¬ 
offizier daran gehindert, w endete er sieh gegen diesen, besann sich jedoch, 
sprang zwischen die Betten, riß von diesen das Bettzeug, ergriff eine Bank, 
pochte damit auf die Türe, wurde gefaßt und mit Mühe überwältigt. Man 
fesselte ihn mit Leintüchern, wobei er sich mit aller Kraft wehrte. Er 
wurde in die Wäschekammer gebracht, w t o er nach einer kurzen Ruhepause 
zu fluchen begann. 

Auf die Mannschaft, die Zeuge des Vorfalles gewesen, machte er 
nicht den Eindruck eines unzurechnungsfähigen Menschen, vielmehr eines 
solchen, der einen Tobsuchtsanfall markiert. Am Tage vorher soll er ge¬ 
äußert haben, daß er, falls er nicht aus der Präventivhaft entlassen, er 
alles demolieren werde. Nach diesem Exzeß in Präventivhaft gesetzt, war 
er ganz außer sich, suchte mit einem Bretterstück jeden Eintretenden 
zu schlagen, und es mußte die ganze Wache zugreifen, um ihn zu bändigen 
und ihm die Zwangsjacke anzulegen. 

Am 16./11. gerichtlich vernommen, erklärte er, nicht zu wissen, warum 
er sich im Garnisonsarrest befinde. „Ich bin uuschuldig“ — so führte er 
aus — „und mir nicht bewußt, Exzesse begangen oder überhaupt jemanden 
geschlagen oder überfallen zu haben. Den Sanitätsleutnant kenne ich nicht. 
Von dem ganzen Vorfall weiß ich nichts. Ich erinnere mich nur, daß ich 
iu den letzten Tagen Kopfschmerzen hatte. Ich leide nämlich von Kindheit 
auf an heftigen Kopfschmerzen, die stundenlang und manchmal den ganzen 
Tag dauern. Wenn ich von diesen Schmerzen überfallen w'erde, dann weiß 
ich nicht, was ich tue: es wird mir trüb vor den Augen und ich verliere 
die Besinnung. In ärztlicher Behandlung stand ich jedoch nicht.“ „Infolge 
der heftigen Kopfschmerzen, an denen ich besonders in den letzten Tagen 
leide, kann ich mich nicht im geringsten erinnern, ob, wo und wann ich 
Verwüstungen oder boshafte Beschädigungen begangen habe. Ich erinnere 
mich insbesondere nicht, daß ich in Einzelhaft eines Spitals w*ar.“ 

Hiesiger Befund. Verhielt sich dauernd ruhig und geordnet, zeigte 
sieh aber Explorationsversuchen gegenüber etwas ablehnend, kurzerhand 
erklärend, nicht zu wissen, weswegen er in llaft gesetzt worden sei. Ört¬ 
lich und zeitlich w ar er stets gut orientiert. Bei der Exploration gab er an: 
Als Kind gesund, besuchte sechs Jahn* die Schule, kam aber nicht über die 
erste Klasse, erlernte nur wenig lesen und schreiben. Wurde später Fleisch¬ 
hauer, arbeitete aber nur wenig in diesem Beruf. Trank immer gern Wein 
und war off betrunken. Mit 13 Jahren erlitt er seine erste Gerichtsstrafe 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


275 


wegen Diebstahls. Seit seiner Kindheit leide er an heftigen Kopfschmerzen 
tmd Schwindelanwandlungen (giramenti). Zeitweise werde er ganz verwirrt 
im Kopf, laufe dann planlos davon, bis er oft an einem ganz fremden Ort 
wieder zu sich komme. In einem solchen Zustande habe er sich auch von' 
seiner Kompagnie entfernt, ohne zu wissen, wie und warum. Erst später 
sei er wieder zu sich gekommen, habe aber Angst vor Strafe gehabt und 
habe sich nicht getraut, sich selbst zu stellen. Das sei nur ein einzigcsmal 
irorgekommen. 

Im August 1917 sei er wegen Tripper in ein Spital gekommen und 
etwa 14 Tage dort verblieben. Was dort geschehen, warum und unter 
welchen Umständen er von dort weggekommen, wohin er überstellt worden, 
das wisse er alles nicht. Er wisse auch nicht, wo er vor seiner Überstellung 
auf die hiesige Abteilung sich aufgehalten habe. Eines Tages sei ör plötz¬ 
lich in einer kleinen Kammer zu sich gekommen. Wo diese Kammer ge¬ 
legen sei, wisse er nicht. Möglicherweise sei es in einem Arrest gewesen. 
Doch habe er keine Ahnung, wessen man ihn beschuldige. Er sei darüber 
nie verhört worden, man habe nie ein Protokoll mit ihm aufgenommen, er 
habe nie ein solches unterschrieben, auch sei er sich keiner Schuld bewußt. 
Seit seiner Einrückung zum Militär habe er nie welche Anstände gehabt, 
sei nie verhandelt, nie verurteilt worden, habe niemals in einem Wirtshaus 
Streit mit Zivilisten gehabt, sei nie verprügelt worden, nie deswegen ün 
Krankenhause gewesen. Er habe sich nur einmal im krankhaften Zustande 
eigenmächtig von seinem Truppenkörper entfernt. 

Als dem Beschuldigten sein Gerichtsakt vorgelegt wird, stutzt er 
einen Augenblick, faßt sich dann aber rasch und erklärt in größter Seelen¬ 
ruhe, die Unterschrift auf dem Protokoll rühre nicht von seiner Hand, er 
habe nie etwas unterschrieben, sei überhaupt niemals vernommen worden. 
Bestreitet, zu 18 Monaten Kerkers verurteilt worden zu sein. 

Dabei benimmt er sich durchaus geordnet, bekundet eine gute Auf¬ 
fassung und ungestörte Aufmerksamkeit, gibt sinn- und sachgemäße Ant¬ 
worten und benimmt sich nach außen korrekt und unauffällig. 

Somatisch: Groß, etwas hochrückig, von lässiger Haltung. Gesichts¬ 
züge derb. Pupillen reagieren, Augenbewegungen frei. Gesichtsinnervation 
symmetrisch, Zunge o. B. Rachenreflexe vorhanden, Sehnenreflexe in nor¬ 
maler Stärke auslösbar. Herzaktion während der Untersuchung beschleunigt. 
In der Folge blieb der Mann unverändert bei seiner Verantwortung. 

Die Tatsache, daß der „Wirbel“ fast ausnahmslos au eine 
echte Erregung anknüpft und dann, diese ins Maßlose übertreibend, 
pathologische Züge annimmt, ferner die Tatsache, daß dem Exzeß 
in der Regel eine komplette Amnesie auf dem Fuße folgt, und daß 
in vielen diesbezüglichen Fällen der Alkohol — wenn auch oft in 
nur geringen Mengen — eine Rolle spielt, erschwert naturgemäß 
im hohen Grade die forensische Beurteilung solcher Fälle. Die 
Schilderung der Augenzeugen ist in den meisten Fällen differential- 


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Alfred 8<;rko. 


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diagnostisch nicht zu verwerten, denn nichts ist leichter, als eine 
physiologische zornmütige Erregung bewußt zu übertreiben und 
dabei doch den Eindruck der Echtheit zu wahren. Und nichts ist 
näherliegend als nachher zu erklären, sich au nichts zu erinnern. 
Wenn man ferner erwägt, daß man es in den allermeisten dies¬ 
bezüglichen Fällen mit ausgesprochenen Psychopathen, von jeher 
affektlabilen, hysteroid veranlagten, sozial uud ethisch minder¬ 
wertigen Menschen zu tun hat, die zu pathologischen Erregungs¬ 
zuständen nicht minder als zu absichtlichen „Wirbeln“ und simu- 
lativen Exzessen neigen, und wenn man dabei die eminent prakti¬ 
sche Wichtigkeit einer sicheren forensisch-psychiatrischen Beurteilung 
solcher Fälle im Auge behält, so wird man zugeben, daß ein sicheres 
differential-diagnostisches Kriterium zwischen echten pathologischen 
Erregungszuständen und gemachten Tobsuchtsaufällen dringend von 
nöten ist. Aus dem Tobsuchtsanfall selbst ist ein solches wohl nur 
in einzelnen Fällen zu schöpfen, denn die „Wirbelmacher“ kommen 
in der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle erst post festum 
in psychiatrische Beobachtung uud selten liegen ausreichende Schil¬ 
derung des zu begutachtenden Ausnahmszustandes vor. Eine um so 
größere Bedeutung gewinnt unter solchen Umständen die nach¬ 
trägliche Stellungnahme des „Kranken“ dem zweifelhaften psycho- 
1 athologischeu Geschehen gegenüber. 

Die Unechtheit eines psychogen aninutenden Ausuahms- 
zustandes — und dasselbe gilt natürlich in noch viel größerem 
Maße von den zweifelhaften organisch oder sonst psychotisch beding¬ 
ten, — wird, wie das bereits oben ausgeführt worden, durch nichts 
sichere: beleuchtet, als durch den Unglauben des Kranken selbst 
daran. Dieser Glaube, bzw. Unglaube wiederum findet bis zu einem 
gewissen Grade seinen einzig sicher kontrollierbaren Ausdruck in 
der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit des „Kranken“ in bezug auf die 
fragliche krankhafte Erscheinung. Kann ich einen Kranken einer 
sicheren Täuschung im Kähmen einer mir noch unklaren psycho- 
pathologischeu Tatsache überweisen, so habe ich dadurch den Be¬ 
weis seiner Unebrlichkeit in bezug auf diese Tatsache erbracht. 

Nach diesen Kriterien gewertet ist unser Fall (B.i klar. Man geht 
wohl nicht fehl, wenn mau annimmt, daß der Mann sich durch seiu 
unbändiges, jähzorniges und brutales Temperament hinreißen ließ, 
seinem Vorgesetzten das l'ringlas ins Gesicht zu schleudern; seiner 
ganzen Vorgeschichte nach scheint er einer solchen Tat wohl fähig 


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Über Simulation von (leistcsstörung. 


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zu sein. Was aber nachher folgte, war offenbar nur eine „Flucht 
in die Krankheit“. Die simulative Tendenz dieser „Flucht“ erhellt 
ohne weiteres aus dem späteren Verhalten des „Kranken“, aus 
seiner sicher unechten Erinnerungslosigkeit auch für die Ereignisse, 
die mit dem eigentlichen Tobsuchtsanfall in keinerlei Beziehungen 
standen und welche vor dem Exzeß nicht vorhanden war. Der Mann 
fühlte offenbar, daß die simulative Kraft seines „Wirbels“ allein 
nicht ausreiche, um ihn schuldlos zu machen und simulierte, in 
Beobachtung gesetzt, nun volle Geisteskrankheit in der Dauerform 
des gedächtnisschwachen Imbezillen. Glaubt aber der „Kranke“ selbst 
nicht an die Echtheit seines Tobsuchtsausbruches, so verstellt er 
sich, wenn er ihn für echt angesehen wissen möchte. Daß sein 
Erinnerungsvermögen für den Exzeß etwas getrübt sein mochte, soll 
nicht bezweifelt werden; die autosuggestive Kraft der motorischen 
Entladungen wird ja auch in diesem Falle eine psychische Ver¬ 
fassung gesetzt haben, die im wesentlichen jener der echten Er¬ 
regungszustände entspricht. Es ist ja eine bekannte und anerkannte 
Tatsache, daß durch willkürliche imitative Ausdrucksbewegungen 
eines Affektes der Affekt selbst wachgerufen werden kann, der seiner¬ 
seits wiederum Einfluß auf jene ursprünglich willkürlichen Aus¬ 
drucksbewegungen ausübt. Allerdings hat ein auf diesem Wege ins 
Leben gerufener Affekt — weil ihm eben ein wirklicher Inhalt ab¬ 
geht — stets eine eigentümlich verschwommene Färbung, einen 
Unterton von Unechtheit und Leerheit an sich, die subjektiv stets 
als solche empfunden werden und ihm nie jene hinreißende Gewalt 
über den Betreffenden erlangen lassen, wie das bei den echten natür¬ 
lichen oder pathologischen Affektentladungen der Fall ist. Auch in 
den heftigsten künstlich erzeugten Erregungszuständen flackert ein 
. leises Bewußtsein, daß man trotz allen wüsten Gebarens und 
Wütens dojh nur Komödie spielt. 

In die gleiche Gruppe gehört der nachstehende Fall: 

Fall 20. (Tobauchtsanfälle mit amnestischem Schwachsinn.) V. A., 
Infanterist, 31 Jahre alt, ledig, Schiffskellner, assentiert 1916. Aufgenomineu 
30./4., entwichen am G./5. 1918. V. genießt einen ungemein schlechten 
Leumund. Er gilt als ein äußerst gefährlicher Diebsbandenführer, der nie 
einer ehrlichen Beschäftigung nachgegangen ist. Er ist wiederholt wegen 
Handlungen gegen die körperliche Sicherheit und wegen Diebstahls mit 
Strafen von 3 bis 8 Monaten Kerker vorbestraft. Von seinen militärischen 
Vorgesetzten wird er als ein nachlässiger, unverlüßliclicr Taugenichts ge¬ 
schildert, dci sich bereits einige Male der eigenmächtigen Entfernung schuldig 
Jahrbücher für Pnychintric. XXXIX. lid. 10 


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Altred Serku. 


gemacht und deswegen eine vierinouatige Kerkerstrafe nach der Demobili¬ 
sierung abzusitzen hat. 

Gelegentlich eines Truppentransportes verließ er im April 1917 eigen¬ 
mächtig seine Truppe und meldete sich erst am 23 ./6. bei der Kasern- 
inspektion in T., wo mit ihm ein Protokoll aufgenommen wurde. Zwei Tage 
später verfiel er in „Tobsucht 44 und mußte dein Zivilspital übergeben werden. 
Dort verbrachte er die erste Nacht unruhig, schlief wenig, war aber bereits 
am nächsten Morgen ganz ruhig, klar und nüchtern. An die Vorfälle, die 
seine Überführung ins Spital notwendig machten, wollte er sich nicht erinnern 
und behauptete, daß er seit seinem 13. Lebensjahr an derartigen Verwirrt¬ 
heitszuständen leide. In weiterer Beobachtung bot er keine pathologischen 
Erscheinungen. 

Am 7. 7. seinem Kader überstellt, verlangte er dort in frecher und 
anmaßender Weise seine Verpflegsgelder und benützte die erste Gelegen¬ 
heit, um sieh aus dem Staube zu machen. Eine ausgeschickte Patrouille traf 
ihn kurze Zeit darauf auf der Straße und forderte ihn auf mitzugehen. Der 
Mann verweigerte aber in schroffer Weise den Gehorsam und erklärte, er 
habe mit der Patrouille nichts zu schaffen. Dann stürzte er sieh auf einen 
der Soldaten uud versetzte ihm zwei Stöße gegen den Kopf. Hierauf flüch¬ 
tete er in eine Schneiderwerkstätten von wo er bald wieder mit einem Sessel 
in der Hand erschien und sich, um sich schlagend, einen Weg zu bahnen 
versuchte. Er wurde überwältigt und in den Arrest gesetzt. Dort erlitt er 
einen „Xcrvenaufall“. Tagsdarauf erklärte er, sich au nichts zu erinnern 
und nicht zu wissen, was nach seiner Ankunft zum Kader passiert sei. Er 
sei erst im Arrest wieder zu sich gekommen. 

Am 11./7. protokollarisch vernommen, gab er in durchaus geordneter 
W eise folgendes an: 

„Ich bin am 20./6. 191*5 zur aktiven Dienstleistung eingeriiekt und 
ging um 9./11. auf den nördlichen Kriegsschauplatz ab. Am 1M./5 
wurde die Kompagnie zwecks Weiterbeförderung auf eine mir unbekannte 
Bahnstation einwaggoniert und ich reiste 2 läge mit. Am 2. Tage stieg 
ich auf einer Station aus und konnte nicht mehr die Kompagnie finden. Ich 
bestieg den erstbesten Zug in der Hoffnung, meine Truppe noch zu erreichen. 
Nach längerem Reisen kam ich nach ().. von wo ich mich nach T. begab. 
Gemeldet habe ich mich nirgends weil ich nicht wußte daß man das tun 
muß. ln T. hatte ich keine ständige Wolmung. brachte die Nächte in Kaffee¬ 
häusern oder im Freien zu und lebte von den ersparten Geldern. Öfters 
ging ich auch in die lufanterickaserne essen, wo mir die Menage ohne weiters 
ausgefolgt wurde. Was ich in dieser ganzen Zeit gemacht habe, weiß ich 
nicht. Eines Tages fand ich mich plötzlich im Krankenhause, ohne zu wissen, 
wie ich dorthin gekommen war. Audi weiß ich nicht, wie lange ich dort 
verblichen bin, nur an das kann ich mich erinnern, daß ich zu meinem 
Kader nadi V. überstellt worden bin. Mir ist weder bekannt, daß ich 
mich vom Kader wieder entfernt, noch daß ich gegen jemanden Wider¬ 
stand geleistet lmbe. u 

Am 15. 9. 1917 wurde V. auf die Luesabteilung eines Spitals in 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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Graz aufgenommen. aber bereits am 21./9. entfernte er sich eigenmächtig 
und kam nicht wieder. Am 4.10. abends brachte ihn die Sanitätskolonne 
auf die hiesige Abteilung. Er war in der Zwangsjacke und anscheinend 
vollkommen erschöpft. Die Bluse war ganz durchschwitzt. Er hielt die 
Augen geschlossen und reagierte auf keine Anrede. Entkleidet machte 
er einen schwächlichen Versuch, den Baderaum zu verlassen, ließ sich aber 
dann ruhig baden, gab sich ganz kraftlos und sank in der Badewanne in 
sich zusammen. Auf die Beine gestellt, ging er schleppenden, taumelnden 
Schrittes ins Bett. Schlief bald ein. Man fand bei ihm 370 K. Tagsdarauf 
war er klar, gab seine Personalien an. machte aber noch immer einen etwas 
gedrückten Eindruck und schien gehemmt Er erklärte, vor 2 Tagen aus dem 
Spital entwichen zu sein, um seinen Bruder in M. zu besuchen. Da er diesen 
in M. nicht getroffen habe, sei er zurück nach Graz. Was dann vorgefallen, 
erinnere er sich nicht. Er entsinne sich nur, in einem Kaffeehaus gewesen zu 
sein und mit fremden Leuten Karten gespielt zu haben. Dann sei ein Streit 
entstanden... mehr erinnere er sich nicht. Er sei erst hier auf der Ab¬ 
teilung zu sich gekommen-Über die Herkunft des Geldes befragt, er¬ 

zählte er, daß er seine zwei goldenen Ringe und seine goldene Uhr ver¬ 
kauft habe. 

Er leide an heftigen Kopfschmerzen und an vorübergehenden Ver¬ 
wirrtheitszuständen, sei deswegen schon in T. in Beobachtung gestanden. 
Gefragt, wieso er nachT. gekommen, berichtete er in etwas unklarer Weise, 
daß er sich gelegentlich eines Transportes verloren, einen falschen Zug 
bestiegen und irrtümlicherweise nach T. gekommen sei. Auf die große Di¬ 
stanz zwischen jener Station und T. aufmerksam gemacht, schweigt er. Tn 
T. habe er sich in der Kaserne gemeldet und sei dann dem Spital über¬ 
geben worden. 

Da der Mann in der Folge keine psychotischen Züge mehr bot, wurde 
er als diensttauglich seinem Kader überstellt. Der Truppenarzt verfügte 
hingegen seine Abgabe ins Marodenzimmer zwecks Beobachtung auf Epi¬ 
lepsie. Nach 2 Tagen war aber V. aus dem Marodenzimmer verschwunden. 
Nun lief eine anonyme Anzeige gegen ihn beim Militärkommando ein, worin 
es hieß, daß er sich „gemütlich“ in Graz aufhalte, die feinsten Kaffeehäuser 
und Restaurants besuche, iin Hotel unter falschen Namen wohne und gefälschte 
Papiere mit sich führe. Er sei ein Meister der Heuchelei und prahle herum, 
daß ihm nichts passieren könne, da er im Falle einer Verhaftung den 
Geisteskranken spielen werde. 

Er wurde verhaftet und einer Strafabteilung übergeben, von wo er 
jedoch alsbald wieder entwich. Schließlich wurde er Anfang März 1918 von 
der Sicherheitsbehörde gestellt und dem Gamisonsarrest eingeliefert. Er 
stand im Verdacht, Eiubruchsdiebstähle begangen zu haben. 

Ain 27. 3. gerichtlich vernommen, erklärte er kurz: 

„Ich weiß mich wohl zu erinnern, daß ich in Graz in einem Spital war, 
doch weiß ich nichts davon, daß und wohin ich aus dem Spitale entwichen 
wäre und vermag diesbezüglich nichts anzugeben.“ Bezüglich der Desertion 
im Oktober 1917 erklärte er: „Ich weiß mich wohl zu erinnern, daß ich 

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zuletzt wieder beim Kader in V. war, weiß aber nichts davon, daß ich auch 
von dort entwichen wäre. Mehr kann ich nicht angeben.“ 

Bei diesem Verhöre benahm sich V. ganz apathisch und machte den 
Eindruck „eines durch seine Krankheit (Lues) geistig sehr beeinflußten 
Menschen“. In der Folge wurde er immer apathischer und gab schlie߬ 
lich überhaupt keine Antworten mehr. 

In hiesiger Beobachtung benahm er sich unauffällig und geordnet, 
gab bei den Visiten sinn- und sachgemäße Antworten, bekundete eine gute 
Aufmerksamkeit und ungestörte Auffassungsfähigkeit. Seinem ganzen Be¬ 
nehmen nach schien er stets über seine Lage im klaren zu sein. 

Am 4./5. einer Exploration unterzogen, gab er zunächst ganz korrekt 
Auskunft: Er sei Schiffskellner, ledig, geboren 1887 in T. Infanterist des 

I.-R-Im Juli 1916 eingerückt, sei er 9 Monate an der Front gewesen, 

dort an Cholera erkrankt, nach dreimonatigem Spitalsaufenthalte seinem Kader 
überstellt worden. Seit der Zeit befinde er sich imunterbrochen beim Kader 
in V. Auf die Frage, ob er inzwischen doch nicht vorübergehend zu Hause 
oder in einem Spitale oder sonstwo gewesen, verneint er das und erklärt 
dezidiert, er sei nach seiner Choleraerkrankung aus dem Spital direkt zum 
Kader geschickt worden und dort dauernd bis jetzt verblieben. Auf die 
weitere Frage, warum er sich nun in Haft befinde, bleibt er lange Zeit 
sinnend die Antwort schuldig, gibt aber dann, dazu gedrängt, an, es habe 
im Dezember irgend eine „baruffa“ gegeben, wobei er verhaftet worden sei. 
Er entsinne sich der ganzen Geschichte nicht mehr genau, habe auch später 
nichts Genaueres darüber erfahren. Man habe ihn bisher nie verhört, niemals 
protokollarisch vernommen, er wisse nicht einmal, wessen man ihn eigent¬ 
lich bes huluige.... Nun werden dem Mann seine Akten vorgelegt und ihm 
seine Unterschriften auf den Vernehmungsprotokollen gezeigt. Er wird 
momentan etwas verlegen, faßt sich aber rasch und erklärt in unverfro¬ 
renster Weise. die Unterschriften rühren nicht von seiner Hand. Nun be¬ 
streitet er rundweg alle Tatsachen des Gerichtsaktes: er sei niemals von 
seinem Truppenkörper entwichen, sei niemals in T., auch nicht im dortigen 
Spital gewesen, habe nie ein Spital eigenmächtig verlassen, habe während 
seines Militärdienstes keine Gerichtsverhandlung gehabt, sei im Zivil nur 
ein einzigesmal vorbestraft. Er sei eines Tages grundlos auf der Straße 
verhaftet und in den Arrest gesetzt worden. Nun sitze er seit 5 Monaten 
in Haft ohne zu wissen w'arum. 

Eine kurze Intelligenzprüfung ergibt beim Beschuldigten folgende 
Resultate: Als das gegenwärtige Jahr gibt er 1917 oder 1919 an, auf die 
Frage nai-h der jetzigen Jahreszeit sagt er kurz „freddo“, auf die weitere 
Frage nach der Zahl der Jahreszeiten sagt er „fünf“, wie sie heißeü, habe 
er vergessen. Das Jahr habe 12 Monate, und zwar: Januar, April, Juni. 
August und Dezember. Die Wochentage heißeu: Montag, Dienstag und 
Samstag. Der Ka ser heiße Franz und wohne in Triest in einem großen 
^palazzu“. Der Mann rechnet: 2 + 2=4, 2X2 = 3, 3 + 4=7, 3X1 = 10. 
Gefragt, wie viel Finger er auf beiden Händen habe, beginnt er sie zu zählen, 
wird aber, als man ihn auslacht, ganz rot vor Verlegenheit. Drei einstellige. 


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ihm langsam vorgesagte Zahlen reproduziert er unmittelbar darauf nach 
einigem Nachdenken falsch. Er reproduziert: 47 9 mit 27 9, 94 1 mit 496 
Auf die Frage, ob er geisteskrank sei, versichert er auffallend lebhaft, daß 
er sich ganz wohl fühle. 

Somatisch: Schmales, blasses Gesicht. Pupillen weit, reagieren auf 
Licht prompt. Hirnnervcu intakt. Gaumen- und Rachenreflex vorhanden, 
leichte Dermographie, etwas Lidflattern, müßig beschleunigte Herzaktion. 
Innere Organe ohne pathologischen Befund. Sehnenreflexe der unteren Ex¬ 
tremitäten gesteigert. 

V. sollte am 7./5. als zurechnungsfähig und diensttauglich dem Garnisons- 
arrest überstellt werden, entwich aber tagsvorher abends aus der versperrten 
Abteilung durch ein zu weitmaschig vergittertes Fenster im bloiieu Hemd 
unter Mitnahme einer ärarischen Bettdecke. 

Wo sich der Unglaube des Kranken an die Echtheit seines 
eigenen Tobsuchtsanfalles in das Gewand des rückschreitenden Er¬ 
innerungsausfalles oder des einfachen Pseudoschwachsinns kleidet, 
liegen die Verhältnisse verhältnismäßig einfach. Nicht selten greift 
jedoch die simulative Tendenz tiefer und nimmt Formen an, die 
ihrerseits selbst erst auf ihre Echtheit gewertet werden müssen, 
bevor sie als Kriterium der Echtheit der initialen tobsüchtigen Er¬ 
regung verwertet werden können. In solchen Fällen liegen die Ver¬ 
hältnisse insofern verwickelter, als man geneigt ist, in jener Summation 
der Zustände, je nachdem man sie vom soziologischen oder vom biolo¬ 
gischen Standpunkte aus betrachtet, sowohl ein Kriterium ihrer Echt¬ 
heit als auch ihrer Unechtheit zu erblicken. Die Rückfälligkeit eines 
Verbrechers erscheint ja meist dem Juristen als ein erschwerender, 
dem Psychiater als ein mildernder Umstand. Es hängt eben alles 
von der Wertung der Einzelzustände ab, wie man ihre Kombination 
beurteilt. Man kann sowohl sagen, daß zwei zweifelhafte Symptome 
den Zweifel erhöhen, als auch daß sie ihn verringern. In Wahrheit 
aber spricht — um auf unser Gebiet zurückzukommen — die Summa¬ 
tion von zweifelhaften psychopathologischen Zuständen ebensowenig 
für ihre Echtheit wie für ihre Unecbtheit oder umgekehrt. Erleidet 
ein Mensch einen Tobsuchtsanfall und bietet nachher hysteroide 
Verwirrtheitszustände, so ist, sofern bezüglich ihrer Echtheit beide 
zweifelhaft sind, die Tatsache ihrer Aufeinanderfolge allein so gut 
ein Beweis der schweren Psychopathie des betreffenden Menschen, 
wenn die Zustände als echt, wie für seine Verschlagenheit, wenn 
sie als unecht angesprochen werden können. Das Kriterium ihrer 
Echtheit, bzw. ihrer Unechtheit liegt aber nicht im mindesten in ihrer 
Kombination, sondern außerhalb dieser und muß für jede Komponente 


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einzeln gesucht werden. Es geht nicht an, aus einem zweifelhaften 
psychopathologischen Geschehen auf die Echtheit eines anderen, eben¬ 
falls zweifelhaften zu schließen, wie das bei den Ärzten, und man 
darf auch umgekehrt daraus nicht den Schluß auf die Unechtheit 
ziehen, wie das bei Laien so häufig geschieht Das gilt natürlich nur 
insolange, als beide Zustände im wahren Sinne des Wortes zweifel¬ 
haft sind. Ist einer der Zustände nicht nur zweifelhaft, sondern auch 
unwahrscheinlich, so sinkt damit von selbst auch die Wahrschein¬ 
lichkeit des anderen. Durch die gelungene Wertung des einen wird 
eo ipso gleichzeitig der andere bis zu einem gewissen Grade in seinem 
Werte bestimmt. 

Fall 21. (Tobsuchtsanfall mit nachfolgender Verwirrtheit.) D.L., Sapcur, 
24 Jahre alt, ledig, Arbeiter, assentiert 1916. Aufgenommen 26./1., entlassen 
7. 2. 1918. Objektive Anamnese fehlt. Am 5. 9. 1917 von seinem Vorgesetzten» 
einem Zugsführer, aufgefordert mit anderen Sappeuren Wasser für die Küche 
zu holen, weigerte sich D. dies zu tun, fing zu streiten an und griff nach 
einem Gewehr, welches ihm jedoch der Zugsführer wieder abnahm. Von 
diesem bei den Handgelenken gefaßt, biß ihn I). in den Arm, riß sich los, 
warf Tische und Bänke um und griff wieder nach einem Gewehr, worauf 
die Anwesenden aus der Ubikation flüchteten. Im Laufen warf er dann das 
Gewehr weg und ergriff einen Stutzen, welcher ihm von einem Korporal 
abgenomraen wurde. Der hinzugekommene Feldwebel gab daraufhin den 
Befehl, den Mann in den Arrest zu setzen. Als D. das hörte, schrie er: 
Was? Bereitschaft?, Arrest?, nahm abermals einen Stutzen und ging damit 
auf den Feldwebel los. Dieser ergriff seinerseits auch ein Gewehr, worauf 
jener stehen blieb und gefesselt wurde. 

Am 10. 11.1917 gerichtlich vernommen, erklärte er, sich an den ganzen 
Vorfall nicht im geringsten zu erinnern. Er leide an starken nervösen Störungen 
mit Anfällen mit nachfolgender Erinnerungslosigkeit. Als Kind und in seiner 
späteren Jugend habe er an Epilepsie gelitten. Er sei wegen seines Leidens 
wiederholt in Spitälern und einmal deswegen superarbitriert gewesen. 

Er wurde zwecks Begutachtung seines Geisteszustandes am 26. 1.1918 
auf die hiesige Abteilung überstellt. 

Bei der Aufnahme ruhig, gibt sich aber sehr lässig, findet nicht der 
Mühe wert, auf Fragen eine Antwort zu geben. Erklärt widerwillig, nicht zu 
wissen, warum man ihn hieher überstellt habe. Er diene seit 2 Jahren als 
Sappeur, wo er jedoch in dieser Zeit überall gewesen, wisse er nicht. 

Exploration am 27. 1. 1918: Sitzt steif da, starrt vor sieh hin, kümmert 
sich nicht im geringsten um seine Umgebung. Hält die Hände in den Mantel¬ 
taschen. Macht ein finsteres, mißmutiges Gesicht. Nach seinem Namen gefragt, 
beginnt er irgend etwas von einer „Karosse“ zu erzählen, ohne den Arzt 
dabei anzublicken. Energisch zur Ordnung verhalten, bequemt er sich 
und nennt seinen Namen. Sei 22 Jahre alt, im Jahre 1894 geboren, Sohn 
eines Fabriksarbeiters. Drei Brüder seien Soldaten, zwei Schwestern leben 


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zu Hause. Auf die Frage, wie lange er die Sclmle besucht habe, will er 
nicht recht mit der Sprache heraus, sagt, er sei 13 Jahre in der Schule 
gewesen, habe mit dem fünften Lebensjahre angefangen, dann wieder spricht 
er etwas von 26 Jahreu und erklärt schließlich, für solche Sachen nie ein 
gutes Gedächtnis gehabt zu haben. Er sei in einer „Karosse“ nach P. gekommen 
und dort bei den Sappeuren „abgesetzt“ worden. Jetzt schreiben wir 1919, 
November oder Dezember. Hier befinde er sich in einem Spital in Graz, Er 
sei gestern in einer „Karosse“ hieher gebracht worden. Diese hatte große 
Räder, aber keine Pferde vorgespannt, möglicherweise sei es ein Eisenbahn¬ 
wagen gewesen. Er habe ein sehr schlechtes Gedächtnis und könne sich 
solche Sachen nicht merken. Irgend einer Schuld sei er sich nicht bewußt, 
er habe nichts gemacht. 

Er sei nie verhört worden und befinde sich nicht in gerichtlicher 
Untersuchung. Er könne nur wenig lesen und schreiben und gar nicht rech¬ 
nen. Bei der Probe rechnet er: 1 + 3 — 6, 2 + 2 = 5, 1 + 1 — 5. Das 
Jahr habe 10 Monate, wie die heißen, wisse er nicht, wenn er was wissen 
wolle, schaue er auf die Menagekarte, dort stehe jeder Monat extra vermerkt. 
Die Wochentage heißen: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag. 
Die übrigen wisse er nicht, wenn er sie brauche, so frage er seine Kameraden. 
Will von einer Taschenuhr nicht die Zeit ablesen können, liest die Ziffern 
falsch ab, liest 5 für 6, 6 für 7 usw. Aus einem Bilderbuch benennt er die 
einzelnen Gegenstände verkehrt: nennt einen Hammer Trompete, eine Trom¬ 
pete hingegen nennt er Hammer. Eine Schere bezeichnet er für eine Violine, 
die Violine für eine Schere. Er nennt immer den Namen des daneben ab¬ 
gebildeten Gegenstandes. Dasselbe tut er beim Vorzeigen realer Gegen¬ 
stände. Einen Schlüssel nennt er Eisen und erklärt auf die Aufforderung, 
was man damit mache, es sei für die „Karosse“ dort. Dabei deutet er mit 
dem Finger auf die Zimmertür. 

Wegen seiner dummen Antw orten ausgelacht, beginnt er aufs lebhafteste 
zu versichern, daß er immer Kopfschmerzen habe und schwach vom Ge¬ 
dächtnis sei. Störungen seitens der Aufmerksamkeit und Auffassungsfähig¬ 
keit sind nicht nachweisbar. 

28. Januar 1918: Ist ganz verwirrt, faselt unsinniges Zeug, spricht 
fortgesetzt von der „Karosse“ in hastiger, sich überstürzender Weise, ist 
nicht fixierbar, nicht ansprechbar. Gestikuliert in übertriebener, theatralischer 
Art. Bekommt Apomorphin. 

31. Januar 1918: Unverändert, spricht angeredet immerzu von der 
Karosse. In Ruhe gelassen, liegt er im Bett, die Bettdecke über den Kopf 
gezogen. Nach der Apomorphininjektion liebt er mit der Zunge zu schnalzen, 
wie das Kutscher zu tun pflegen, um ihre Pferde anznfeuern. Wird auf 
strenger Diät gehalten. 

2. Februar: Unverändert, verwirrt, nicht ansprechbar. Bekommt 
Apomorphin. Es wird ihm eindringlich zugeredet, vernünftig zu w erden, d;i 
sonst die Behandlung auch wochenlang fortgesetzt werde. 

3. Februar 1918: Lenkt ein. Erklärt bei der Morgenvisite, cs gehe 
ihm besser, spricht zusammenhängend, gibt Auskunft, weiß, wo er sich be- 


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Alfred Serko. 


findet and gibt das Datum ungefähr richtig an. Gibt an, vor einigen Monaten 
eine Affaire mit einem Zugsfiihrer gehabt zu haben. Dieser hätte ihn bei der 
Brust gepackt und heftig hin und her gerüttelt. In seiner Angst habe er 
(der „Kranke“) nach einem Gewehr gegriffen, worauf ein Durcheinander 
entstanden sei. Er sei sehr nervös und reizbar und wisse in der Aufregung 
nicht, was er tue. Auch leide er viel an Kopfschmerzen. Sein Vater trinke 
gern und mache daun Spektakel. Er habe drei Volksschulklassen, könne 
lesen und schreiben und sei Tischler von Beruf. Er habe nirgends lange 
ausgehalten und fortwährend seine Arbeitsplätze gewechselt Schließlich, 
sei er Fabriksarbeiter geworden. Als Kind Scharlach, später nie ernstlich krank. 

Der „Kranke“ rechnet jetzt einfache Rechenaufgaben richtig, zählt 
die Monate prompt auf, liest von der Uhr die Zeit richtig ab, benennt Gegen¬ 
stände und Bilder in normaler Weise und liest glatt. 

Somatisch: Mittelgroß, etwas schwächlich gebaut. Brustkorb eng 
und flach. Ernährungszustand schlecht. Schädelumfang 54 cm. Andeutung von 
Vogelgesicht. Gaumen eng und hoch. Rachenreffex stark herabgesetzt, Kon* 
junktiv&reflex vorhanden. Sehnenreflexe lebhaft. Pupillen und Hirnnerven 
intakt. Puls ohne Anomalien. 


Man wird mir zugeben, daß der vorstehende Fall (D.), sofern 
der erste Akt der Komödie allein zur Begutachtung stünde, recht 
schwierig auf seine strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit zu beurteilen 
wäre. Die Planlosigkeit des Angriffes, seine Ausartung in ein wüstes 
Toben, die angebliche nachfolgende Amnesie bei gleichzeitiger Betonung 
epileptischer Erkrankung, würden zweifellos für den pathologischen 
Charakter des Exzesses sprechen, zumindest könnte man nicht sicher 
seine Unechtheit behaupten. Der Fall bliebe zweifelhaft. Die Sach¬ 
lage änderte sich jedoch mit einem Schlage, als beim Beschuldigten 
nach seiner Überstellung in psychiatrische Beobachtung eine hyste¬ 
risch gefärbte Psychose ausbrach, die alle Charaktere einer Fälschung 
an sich trug. Die dadurch ermöglichte Diaguose auf strafrechtliche 
Zurechnungsfähigkeit des Mannes bezüglich der Subordiuations- 
verletzung gelegentlich des Tobsuchtsantälles wurde nach dem Ab¬ 
klingen der simulierten Geisteskrankheit durch die Angaben des 
„Kranken“ über seinen Exzeß bestätigt, denn nun war auch die 
Unechtheit der nach dem „Wirbel“ vorhandenen Amnesie erwiesen,, 
und damit der letzte Zweifel beseitigt 

Daß die Psychose unecht gewesen, geht meines Erachtens mit 
vollster Sicherheit aus ihrer Symptomatologie hervor. Abgesehen 
davon, daß das Krankheitsbild jeder klinischen Erfahrung spottet 
trägt es so schwerwiegende Widersprüche in sich, die selbst einer 
Hysterie nicht zugerautet werden können. Der Mann war örtlich 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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orientiert, er wußte, daß er sieh in einem Spitale befinde und ärztlich 
untersucht werde, und gab über seine Familienverhältnisse und über 
seine militärische Einteilung genügende Auskunft. Er befand sich 
somit weder in einem Dämmer- noch in eiuem Verwirrtheitszustände. 
Trotzdem versagte er bei der Prüfung seiner intellektuellen Fähig¬ 
keiten vollends und motivierte dies selbst einerseits durch seine mangel¬ 
hafte Schulbildung, andererseits durch seine Erkrankung (Kopf¬ 
schmerzen). Der Schwachsinn, den er produzierte, war aber zum Teil 
vom Ganserschen Typus, zum Teil ganz unmöglich. Ein „Ganser“ 
rechnet wohl 1 -j- 1 = 5, motiviert aber das niemals mit seiner 
Unbildung. Ein Schwachsinniger hingegen rechnet niemals 1 -f- 1 = 5, 
wenn er gleichzeitig prompt über seine Familienverhältnisse Aus¬ 
kunft geben kann. Der Mann befand sich schon aus diesem einen 
Grunde (von allen anderen ganz abgesehen) weder in einem „Ganser“, 
noch war er schwachsinnig. Weil ein Drittes nicht in Betracht kam, 
so war damit der simulative Charakter seines abnormen Zustandes 
erwiesen. Als Simulation aufgefaßt, war seine Geisteskrankheit aller¬ 
dings durch und durch verständlich und der tatsächlichen Erfahrung 
entsprechend.... 

Ein ähnlicher, nur noch etwas verwickelterer und deshalb sehr 
instruktiver Fall ist der nachfolgende 

Fall 22. (Tobsuchtsanfälle mit Verwirrtheitszuständen und amne¬ 
stischem Schwachsinn.) Ch. J., Infanterist, 28 Jahre alt, verheiratet, Maurer, 
assentiert 1914. Aufgenommen 28. 9., entlassen 16./10. 1917. Objektive Ana¬ 
mnese fehlt. Nach eigenen Angaben Sohn eines Maurers, der ein Trinker und 
nervös gewesen sei. Die Mutter lebt, leidet aber viel an Kopfschmerzen. Ein 
Kruder ist Soldat Er selbst als Kind immer kränklich, absolvierte sechs Volks- 
schulklassem, lernte schwer und blieb oft sitzen. Wurde Maurer. Vor zehn Jahren 
Lues. (Näher darüber befragt, verwickelt sich der „Kranke“ in Widersprüche, 
behauptet auch jetzt noch einen Chanker zu haben, wobei aber fcstgestellt 
werden kann, daß es sich lediglich um Uureinlichkeit handelt.) Januar 19lf> 
eingerückt, war er 2 Monate im Felde, erkrankte dort angeblich an Typhus 
und war hernach fast ununterbrochen in verschiedensten Spitälern. Seit 
Juli 1917 wieder beim Kader. 

Laut Auskunftsbogen der Heimatsgemeinde gut beleumundet, unbe¬ 
scholten, jedoch sehr jähzornig. War nie ernstlich krank, lernte in der Schule 
gut und zeigte eine gute Auffassungsgabe. 

Laut Truppenbericht marodierte er an rheumatischen Schmerzen, war 
aber geistig normal: Zwei Kameraden, die ihn von früher her kennen, be- 
zeichneten ihn für einen Sonderling, der meist allein lebe, keine Gesellschaft 
suche und keine Freunde habe. 

Seit 11. April 1917 stand Ch. wegen chronischen Trachoms in Spitals- 


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Alfred Scrko. 


Behandlung. Am 20. 4. morgens früh vom Unteroffizier aufgefordert, auf- 
zustehen, weigerte er sich dies zu tun und sprang auf nochmalige Auf¬ 
forderung, das Bett zu verlassen, auf, ergriff die Kopftafelstange und ging 
damit auf seinen Vorgesetzten los. Als dieser nach kurzer Zeit mit drei Mann 
Bereitschaft im Zimmer erschien, lag Ch. wieder im Bett. Am Nachmittage 
desselben Tages zum Kommandanten befohlen, verweigerte er den Gehorsam 
und drohte gewalttätig zu werden. In der nun folgenden Nacht verließ er 
das Bett und wunderte, italienische Flüche vor sich hinsprechend, auf dem 
Gange auf und ab. Von der Ganginspektion zur Buhe verwiesen, holte er 
mit dem Arm zum Schlage aus, wich aber vor dem Bajonett zurück. Hierauf 
begab er sich zurück ins Krankenzimmer und begann zu toben: warfeinen 
risch um und schrie: „alle hinaus.“ Erschreckt verließen die Kranken das 
Zimmer, worauf sich Ch. ruhig zu Bett legte. 

Am 4. Mai gerichtlich vernommen, erklärte er. sich an die Affaire mit 
dem Unteroffizier am Vormittage gar nicht zu erinnern, bezüglich seiner 
Weigerung, vor dem Kommandanten zu erscheinen, redete er sich dahin aus, 
«laß er damals starke Kopfschmerzen gehabt und an Schwindel gelitten habe. 
An den Vorfall in der Nacht wollte er sich gleichfalls nicht erinnern. Er 
leide an nervösen Zuständen, die ihm zuweilen die Besinnung rauben, so 
daß er nicht wisse, was er tue. Er sei sehr nervös und reizbar und in dieser 
Beziehung krankhaft veranlagt. 

Die gerichtlich ein vernommenen Zeugen gaben fast übereinstimmend 
an, daß Ch. auf sie den Eindruck eines sehr nervösen, reizbaren Menschen 
gemacht hatte. Er zeigte meist eine mürrische Miene und war heim Karten¬ 
spiel stets aufgeregt. Er war ablehneud und sonderte sich ab. Oft wechselte 
er ohne ersichtlichen Grund das Gesprächsthema. 

Am 28. September kam er auf der hiesigen Abteilung zwecks gerichts- 
ftrztlieber Begutachtung zur Aufnahme. 

1. Oktober. Bei der Morgenvisite am Bettrand sitzend, den Kopf 
mit einem Tuch umwickelt, die Hände in den Hosentaschen. Macht ein trübes 
Oesicht. Findet nicht der Mühe wert beim Erscheinen der Visite und später 
bei der Unterredung eine etwas militärischere Haltung einzunehmen. Gibt 
sich höchst lässig, antwortet mürrisch. Stellt sich offensichtlich unbeholfener, 
als er ist. Sei Maurer, wohnhaft in T. Wo das liege, wisse er nicht, er wisse 
überhaupt nicht viel, weil er Kopfschmerzen habe und schwach im Kopfsei. 

Einer eingehenden Exploration unterzogen, bietet er folgendes Bild: 

Sitzt zunächst ruhig, in lässiger Haitaug da, blickt zerstreut um sich, 
nimmt keine Notiz von dem Arzt. Auf entsprechende Fragen gibt er seinen 
Namen, Vornamen, Alter und Geburtsort und die Namen seiner Eltern richtig 
an. Als gegenwärtiges Datum bezeichnet er nach einigem Nachdenken den 
28. 9. 1916. Hier befinde er sich in einem Augenspital, komme von der 
Kompagnie, früher sei er in einem anderen Augenspital gewesen. Auf die 
Frage, was dort vorgefallen sei, wird er sofort lebhafter und erklärt sfmntan, 
sich an nichts zu erinnern. Er wisse lediglich, daß er im Spital gewesen, 
sonst erinnere er sich an gar nichts. Auf die direkte Frage, ob er dort nicht 
irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt, gerichtliche Verhöre u. dgl„ er- 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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klärt er, davon nichts zu wissen. Er sei so schwach im Kopf, daß er sofort 
alles vergesse. Als man seine Verantwortung bezweifelt, gerät er sofort 
in Aufregung, gestikuliert mit den Händen, greift sich an den Kopf, jammert 
theatralisch: „ich Armer, ich Armer,“ versichert mit auffälliger Eindringlich¬ 
keit, daß er kopfschwach sei, man solle sich nur bei seinen Angehörigen 
erkundigen. Als ihm seine Aussage vor Gericht, mit seiner Namensfertigung 
versehen, vorgelegt wird, wird er für einen Moment stutzig, faßt sich aber 
rasch und erklärt, die Unterschrift rühre zwar von seiner Hand, er erinnere 
sich jedoch nicht, bei welcher Gelegenheit er sich unterschrieben, noch auf 
wessen Veranlassung. Wie um seinen Versicherungen mehr Nachdruck zu 
verschaffen, preßt er sich den Kopf mit den Händen zusammen, beugt sich 
nach vorne und beginnt schwächlich zu schluchzen, wirft aber dabei fortwährend 
flüchtige Blicke nach den Seiten, um den Eindruck seines Verhaltens zu 
beobachten. Auf Vorhalt, wieso es komme, daß er sich lediglich ihm unan¬ 
genehmer Begebenheiten nicht erinnern könne, meint er schlagfertig, er leide 
eben an aufallsweiser Kopfschwäche, die jedoch bald vorübergehe. Jetzt in 
diesem Moment habe er allerdings nicht einen solchen Anfall. 

Auf die Eröffnung des Arztes, daß mau nun seine Geistesfähig¬ 
keiten etwas genauer prüfen werde, beginnt der Mann Schwachsinn zu simu¬ 
lieren. Aus einem Bilderbuch für kleine Kinder (eine Schusterei, einen Haus¬ 
bau u. dgl. iu Bihleru enthaltend) vermag er angeblich kein einziges Bild 
aufzufassen, blickt verständnislos drein, erklärt eine abgebildete Zange für 
einen Hammer, ein Geldtäschchen für eine Tabakschachtel, eine Spinne für 
eine Fliege, erkennt nicht eine Zündholzschachtel, nicht eine Flasche. Ganz 
unvermutet gefragt, wie viel 1 + 1 ausmache, sagt er schlagfertig drei, ist 
jedoch nicht zu bewegen weitere derartige Fragen zu beantworten. Beginnt, 
vielmehr zu jammern und zu stöhnen. Will nicht wissen, wie viel Monate 
ein Jahr hat, noch wie viel Tage die Woche. — Wird auf die Schwcrkranken- 
diät gesetzt und auf die Isolierabteilung verlegt. 

2. Oktober. Bei der Morgenvisite im Gitterbett, hat sich unter die 
Matratzen verkrochen. Hatte die ganze Nacht im Bett herumgewirtschaftet, 
an den Netzen herumgerissen und geflucht. Zur Rede gestellt, blickt er den 
Arzt verächtlich an und schweigt. Bekommt Apomorphin. 

3. Oktober. War gestern tagsüber ruhig. Bei der heutigen Morgen¬ 
visite in einer Bettecke zusammengekauert, die Bettdecke über den Kopf 
gezogen. Angeredet, stellt er sich ganz und gar unwissend, weiß nicht, wo 
und wie lange er sich hier befindet, noch woher er gekommen, noch ob er Soldat 
sei, noch ob wir jetzt Krieg haben. Als gegenwärtiges Datum gibt er Juni 
1980 an. Gefragt, wie viel 1 + 1 ausmache, sagt er acht. Dabei benimmt er 
sich aber geordnet, faßt gut auf, ist aufmerksam, beantwortet jede Frage 
sinngemäß, spricht nicht vorbei und beobachtet genau seine Umgebung. Be¬ 
kommt Apomorphin. Schwerkrankendiät. 

4. Oktober. War in der Nacht ruhig. Erzählt bei der Morgenvisite, 
daß er nachts schlecht geschlafen habe, weil italienische Flieger da gewesen 
wären und Bomben abgeworfen hätten. Gibt sich bei vollständig korrektem 
Verhalten vollkommen desorientiert. Bekommt Apomorphin. 


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Alfred Serko. 


5. Oktober. Scheint einlcnken zu wollen. Beginnt spontan mit dem 
Arzt eine Unterredung, klagt darüber, daß er seit 4 Tagen (!> zu wenig zu 
i*8scn bekomme, spricht den Arzt mit Herr Doktor an. Erinnert sieh, daß 
er von der Kompagnie gekommen sei. Bleibt bei leichter Diät. 

6. Oktober. Erklärt; es gehe ihm sehr gut. Gibt zu erkennen, daß 
er mit dem Arzte sprechen möchte. Bekommt volle Diät 

11. Oktober. Hat sich in den letzten Tagen andauernd ruhig und 
geordnet verhalten. Wurde auf die ruhige Abteilung verlegt. 

Ist jetzt örtlich und zeitlich gut orientiert gibt sich frei und unauf¬ 
fällig. Komme von der Kompagnie zwecks Konstatierung, ob er krank sei. Gibt 
zu in B. vor dem Richter vernommen worden zu sein. Man habe ihm dort gesagt^ 
daß er eine Geschichte mit einem Unteroffizier gehabt hätte, er sei sich 
aber keiner Schuld bewußt. Er sei sehr nervös und sehr vergeßlich. Gibt 
schließlich zu, daß man ihn einer Subordinationsverletzung beschuldige, er 
hätte angeblich einen Zugsführer mit einem Stocke bedroht und „solche 
Sachen“. Er sei bereits gerichtlich vernommen worden und habe ein Pro¬ 
tokoll unterschrieben. 

Rege er sich auf, so gerate er in einen Zustand, in welchem er nichts 
von sich wisse. Gefragt, warum er hier Geisteskrankheit zu simulieren ver¬ 
sucht habe, redet er sich dahin aus, daß er, wenn man ihm zusetze und ihn 
durch viele Fragen verwirre, sofort den Kopf verliere und dann in einen 
krankhaften Zustand gerate. So hätte auch die ärztliche Untersuchung ge¬ 
wirkt. Er hätte sich völlig verloren und wisse jetzt nicht mehr, was er alles 
gemacht habe. Geisteskrank sei er jedoch nicht gewesen. 

Somatisch: Übermittelgroß, hager. Pupillen und Himnerven intakt 
Rachenreflex vorhanden. Sehnenreflexe funktionell gesteigert. Herzaktion 
beschleunigt. Keine Zeichen einer Lues. 

Die anamnestischen Angaben dritter Personen, daß Ch. von 
jeher ein Sonderling, menschenscheu und mürrisch, nervös und reizbar 
gewesen, daß er oft das Gesprächsthema ohne ersichtlichen Grund 
gewechselt, sich gern abgesondert und ablehnend verhalten habe, 
im Verein mit den iui Grunde kaum zureichend motivierten Er¬ 
regungszuständen und Subordinationsverletzungen im Spital, ließen 
den Fall bezüglich der Begutachtung seiner strafrechtlichen Zu¬ 
rechnungsfähigkeit recht schwierig erscheinen, da die Möglichkeit 
einer epileptischen Artung des Mannes nicht mit Sicherheit oder 
auch nur mit Wahrscheinlichkeit von der Hand zu weisen war. 

Die psychiatrisch-forensische Klärung des Falles brachten aber 
auch hier in erster Linie jene Momente, die einen Schluß auf die 
subjektive Stellungnahme des Mannes zu den ihm zur Last gelegten, 
zweifelhaft krankhaft bedingten Handlungen erlaubten, und seine 
tJnehrlichkeit in dieser Beziehung ins volle Licht rückten. 

Wäre der Mann bei seiner Verantwortung geblieben, daß er 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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sich der ihn belastenden Vorgänge nur dunkel erinnere und sie nicht 
zu erklären und zu motivieren vermöge, daß er diesbezüglich krank¬ 
haft veranlagt sei und zeitweilig in solche abnormen Zustände ge¬ 
rate, von denen er nachher keine oder doch nur eine dunkle Er¬ 
innerung habe, wäre der Mann in seiner Befürchtung, nicht geglaubt 
zu werden, nicht zur Vortäuschung von Demenz- und Amenzzuständen 
geschritten, so könnte nachträglich gegen seine Verteidigung nichts 
stichhaltig Überzeugendes vorgebracht werden. Daß er jenen un¬ 
überlegten Schritt dennoch getan, lag, meiner Überzeugung nach, 
nur in seinem Bewußtsein, schuldig zu sein, begründet. Weil er 
selbst an seine Verantwortung nicht glaubte, konnte er auch nicht 
.annehmen, daß sie ihm von dritter Seite geglaubt werde und das 
um so weniger, je erfahreneren Beurteilern gegenüber er sich wußte. 
Vor den Richtern war er nur amnestisch, von den Psychiatern 
schien ihm das zu wenig, und er suchte seine Amnesie durch 
simulierten Schwachsinn glaubwürdig zu machen. Dadurch geriet er 
atoer als Laie notwendigerweise in eine Zwangslage. Im Moment, als er 
sich dieser Zwangslage bewußt ward — und dazu mag seine Isolierung 
und Stellung auf strenge Diät beigetragen haben —, tat er notge¬ 
drungen noch einen Schritt weiter und simulierte nun akute Geistes¬ 
krankheit. Als aber dann, als Reaktion darauf, seine Apomorphini- 
sierung erfolgte, erlahmte seine Energie und er streckte die Waffen. 

Daß der von unserem Kranken produzierte Schwachsinn 
simuliert war, bedarf erst wohl keiner Begründung, er trägt alle Züge 
eines solchen und ist in sich selbst widerspruchsvoll. Aber auch die 
später einsetzende Psychose muß mit aller Bestimmtheit als vor¬ 
getäuscht bezeichnet werden. Abgesehen davon, daß sie sich im 
Anschluß aii eine falsche Demenz entwickelte, ist auch sie voll 
Widersprüche. Nach unruhig verbrachter Nacht kauert sich der 
Kranke nach Art eines Katatonikers in die Bettecke, gibt in for¬ 
maler Beziehung wie ein Vollsinniger bei prompter Auffassung und 
bester Aufmerksamkeit sinngemäße Antworten, deren Inhalt jedoch 
denen eines seines Erinnerungsvermögens vollkommen beraubten und 
gleichzeitig schwachsinnigen Kranken entspricht. 

Überblickt man die im vorstehenden gebrachten vier Beispiele 
der aggravierten, zornmütigen Erregung mit ihrem simulativen 
Nachspiel, so wird sich ihre ermüdende Gleichartigkeit in allen 
wesentlichen Zügen dem Leser von selbst aufdrängen. Es ist ja 
klar, daß gelegentlich einmal in einem oder anderen Falle ein 


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neuer Zug zum Vorschein kommen wird, im großen und ganzen 
stellen aber diese vier Fälle die Haupttypen dieser Simulationsform 
dar, die wohl in ihren Nebenzügeu Variationen unterworfen, in den 
Hauptzflgen jedoch in dieser ermüdenden Monotonie immer wieder 
in Erscheinung treten. Ich könnte meine Beispiele um eine nicht 
geringe Zahl vermehren, ohne etwas wesentlich Neues zu bringen. 
Was wechselt, sind die äußeren Umstände, der Inhalt jedoch und 
der Verlauf der Pseudopsychose bleiben immer dieselben, ein weiterer 
Beweis für die psychologische Tatsache, daß das gewollte psychische 
Geschehen sich in präformierten, allen Kulturmenschen gemeinsamen 
Bahnen bewegt und einer verhältnismäßig nur geringen indivi¬ 
duellen Variation fähig ist. Sicherlich glaubte jeder unserer vier 
„Kranken“ etwas ganz Neues zu bieten und seine Sache ganz ori¬ 
ginell anzufassen und doch glich er dabei seinem Vorgänger und 
Nachfolger wie ein Ei dem auderen. Und überblicken wir auch alle 
bisher besprochenen Fälle hinsichtlich ihrer Symptomatologie, so 
müssen wir auch da sagen, daß die gauze Mannigfaltigkeit — wenn 
von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann — eigentlich 
nur in einer Variation und Kombination von vier Zustaudsbilderu, 
die sich ihrerseits auf zwei zurückführeu lassen, besteht: Tobsüchtige 
Erregung und die dieser verwandte Verwirrtheit auf der einen, 
Eriunerungsausfall und Schwachsinn auf der anderen Seite. 

Setzen wir als Idealform simulierter Geistesstörung die 
Reihenfolge: tobsüchtige Erregung, Verwirrtheitszustand, Schwach¬ 
sinn mit retrograder Amnesie, welcher Idealform sich z. B. unsere 
Fälle B., Ch. und D. nähern, so kann man alle übrigen als Abortiv¬ 
formen auffasseu und folgende Einzeltypen unterscheiden: 

1. Tobsüchtige Erregung mit nachfolgender Amnesie. 

2. Tobsüchtige Erregung mit konsekutivem Schwachsinn und 
Amnesie. 

3. Verwirrtheitszustand mit Amnesie. 

4. Verwirrtheitszustand mit Amnesie und Schwachsinn. 

Die tobsüchtige Erregung und die Verwirrtheit stellen dabei 
die akute Erregungsphase, der Eriunerungsausfall mit oder ohne 
Schwachsinn den chronischen Pseudodefektzustand der kompletten 
simulierten Geistesstörung. Die Fälle, in denen die akute Phase 
fehlt imd die psychische „Störung“ von vornherein mit einem 
Defektzustand einsetzt, kann man daun als inkomplette Formen 
zusammenfassen und folgende Typen unterscheiden: 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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5. Primärer Schwachsinn. 

6. Primärer Erinnerungsausfall. 

7. Primärer Eiinnerungsausfall mit Schwachsinn. 

Es gibt zwar außer diesen noch andersartige Typen, doch sind 
sie selten, bei einigen ist außerdem die simulative Grundlage nicht 
ganz sicher. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Fälle jedoch 
läßt sich ohne Zwang in obiges Typenschema einordnen, es wäre 
denn, daß es simulierte Geistesstörungen gibt, die mau unter Ver¬ 
hältnissen, wie sie zur Kriegszeit in einem großen Konstatierungs- 
spitale heiTschen, nicht differenzieren und als solche diagnosti¬ 
zieren kann. 

Die im vorstehenden skizzierten Krankheitsbilder wollen wir 
als reguläre (typische) bezeichnen und davon die selteneren als 
irreguläre (atypische) unterscheiden. 


Unter den irregulären (atypischen) Formen simulierter Geistes¬ 
störung stehen, ihrer forensisch-praktischen Wichtigkeit wegen, die¬ 
jenigen obenan, die unter Krampfanfällen einhergehen und insoferne 
differential-diagnostisch zu der Epilepsie in Beziehung stehen. Doch 
muß gleich im vorhinein hervorgehoben werden, daß der Krampf¬ 
anfall, das markanteste Ausdrucksmittel der hysterisch-psychogen 
erkrankten Willensäußerung, bei der Simulation von Geisteskrankheit 
keine große Rolle spielt. Er ist zu schwerfällig uud seinem Wesen 
nach auf die Erzwingung momentaner Erfolge berechnet. Für weit¬ 
gesteckte Ziele ist er, weil er nicht imstande ist, aus sich selbst 
dauernd eine Aktion zu unterhalten und deshalb infolge Unent¬ 
behrlichkeit anderer Waffen selbst entbehrlich wird, unbrauchbar. 
Oft wird er als ultima ratio in Reserve gehalten, bei Hochnot jedoch 
kann er allerdings sofort in Aktion treten, wie z. B. im folgenden 
Falle. 

Fall 23. V. A., Infanterist 38 Jahre alt, selbständiger Kaufmann, 
verwitwet. Aufgenommen 16./5., entlassen 2./G. 1918. In der Nacht vom 15. 
auf den 16. Mai 1918 wurde V. beobachtet, wie er im Wartesaal III. Klasse 
des hiesigen Hauptbahnhofes sich bei den dort schlafenden Soldaten bei 
ihren Geschlechtsteilen zu schaffen machte. 

Als er in Haft gesetzt werden sollte, entwich er. Gegen 8 Uhr morgen* 
fand er sich von selbst in der Kanzlei des hiesigen Spitals ein, mit der 
Angabe, cs Bei ihm schlecht. Als der Arzt erschien, bekam der Mann einen 
Anfall: fiel zu Boden, zuckte willkürlich in theatralischer Weise mit den 
Gliedmaßen, kniff aktiv die Augen zusammen, sammelte Speichel im Munde. 


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den er von Zeit zu Zeit zwischen den Lippeu auspreßte, um Schaum zu er¬ 
zeugen. Wälzte sich dabei auf dem Boden. Die Pupillen reagierten prompt. 
Keine Störung seitens der Atmung und der Gefäßinnervation. Auf die Beine 
gestellt, blieb er stehen, ließ sich aber nach einer Weile recht behutsam 
zu Boden fallen. 

Er sollte mit einem Begleiter dem Bahnhofkommando überstellt werden, 
entwich jedoch und konnte nicht eingeholt werden. Um x f % 10 Uhr erschien 
er in einer Kirche, wo er durch sein eigentümliches Benehmen auffiel. Als 
er um 7*12 Uhr noch immer in der Kirche weilte uud plötzlich am ganzen 
Körper zu zittern anfing, wurde die Rettungsabteilung verständigt. Man 
fand eine leere Schachtel mit der Aufschrift Veronal bei ihm und da man 
an eine Vergiftung dachte, überstellte man ihn dem Spital. 

Bei der Aufnahme in scheinbar bewußtlosem Zustande. Begann 
während der orientierenden Untersuchung mit den Händen zu zittern, 
reagierte aber sonst auf keine Anrede, gab sich vollkommen schlaff, die 
Augen halb offen. Korncalreflexe waren auslösbar, Pupillen reagierten. Im 
Bad mit kaltem Wasser begossen, erhob er sich von selbst und taumelte 
wie schlaftrunken im Raume herum. Ins Bett gebracht, rührte er sich den 
ganzen Tag nicht mehr, blieb vollkommen abulisch liegen, nahm keine 
Nahrung zu sich. 

17. /5. Vollkommen unzugänglich, reagiert auf keine Anrede, beginnt, 
wenn man ihn berührt, zu wimmern und zu zittern. Spannt aktiv die Beine, 
läßt die Kniegelenke nicht abbiegeu. Wackelt, auf die Beine gestellt, und 
läßt sich dann vorsichtig zu Boden fallen, geht sofort in Rückenlage und 
beginnt mit den Beinen zu zappeln. Stöhnt und jammert dabei. Knieschnen- 
reilexe etwas lebhaft. Babinski negativ. Pupillen reagieren. Kornealreflexe 
vorhanden. Auf Nadelstiche reagiert der Mann in keiner Weise, hingegen 
zeigt er auf energisches Zureden die Zunge. 

Als man versucht, ihm das Abendessen mit dem Löffel einzugeben, 
preßt er die Zähne zusammen, beginnt am ganzen Körper heftig zu zittern, 
stößt wimmernde Laute zwischen den Zähnen hervor. Die Augen dabei 
dauernd geschlossen. Beim Versuch, ihn auf die Beine zu stellen, wird er 
ganz steif, beugt den Kopf stark nach hinten, überstreckt die Wirbelsäule 
und bleibt, nur etwas gestützt, ganz steif stehen. Losgelassen, fällt er vor¬ 
sichtig za Boden und zappelt mit den Beinen. 

18. /5. Ganz unverändert, liegt mit geschlossenen Augen da, reagiert 
zunächst auf keinen Reiz. Beginnt dann zu zittern, murmelt etwas vor sieh 
bin, greift sich mit der Hand nach dem Hinterkopf. Geht, auf die Beine 
gestellt, vorsichtig nieder, macht einige heftige Zuckungen mit den Beinen 
und bleibt dann regungslos liegen. Mit kaltem Wasser übergossen, richtet 
er sich plötzlich auf, greift sich nach dem Kopf und sagt: „Bitte, Herr 
Doktor, helfen Sic mir, ich habe so Kopfschmerzen.“ Blickt dabei den 
Arzt hilfefleliend an. Beim Versuch, ihn weiter zu explorieren, läßt er sich 
wieder niedersmken und schließt die Angen. Reagiert auf keinen Zuspruch 
mehr. Ins Bett gebracht, bleibt er mit geschlossenen Augen regungslos 
liegen. 


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Uber Simulation von Geistesstörung. 


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Nimmt abends die Nahrung selbst zu sich, richtet sich dabei aller¬ 
dings nicht auf, sondern ißt in der Seitenlage liegend. Sucht heimlich das 
Klosett auf, um zu urinieren. 

19. 5. Bei der Morgenvisite mit geschlossenen Augen in der Rücken¬ 
lage. Beginnt, wenn man ihm zuredet, zu zittern, wimmern und jammern. 
Wird auf strenge Diät gestellt. 

Bei der Mittagausspcisung gefragt, wauu er die Komödie aufzugeben 
gedenke, entschließt er sieh zu sprechen, öffnet halb die Augen und beginnt 
mit matter Stimme über Kopfschmerzeu zu klagen. Faltet die Hände und 
sagt: „Ach Herr Doktor, ich habe so Kopfschmerzen, ich kann mir nicht 
helfen.“ Es wird ihm bedeutet, daß er so lange auf strenger Diät gehalten 
werde, bis er in geordneter Weise werde Auskunft geben können. 

20., 5. Griht Auskunft. Steht auf Verlangen auf. Macht ein müdes, ab¬ 
geschlagenes Gesicht, benimmt sich jedoch im übrigen geordnet. Als gegen¬ 
wärtiges Datum gibt er April 1917 an. Örtlich ist er orientiert. Erinnere 
sich nicht, wann und wie er hieher gekommen. Das letzte, an das er sich 
noch erinnere, ist, daß er in einer Kirche gewesen. Dort sei ihm schlecht 
geworden, sei zusammcngefallen, habe eine Schachtel voll Veronal genommen, 
um seiner Kopfschmerzen los zu werden. Er leide schon lange an solchen 
Anfällen, man solle nur seine Angehörigen fragen. Er sei ein Mensch, hab«* 
Schwächen wie alle Menschen, der Arzt möge ihn nicht unglücklich machen, 
ihm nicht seine Zukunft vernichten. Er leide immer an Kopfschmerzen, 
seine Tochter sei auch mit diesem Leiden behaftet uud bekomme Anfälle. 
Auf die Frage, was er damit meine: man solle ihn nicht unglücklich machen, 
spricht er tun die Sache herum, bittet, man möge ihm helfen, er sei kein 
Schwindler, er sei nur krank. Befragt, was er auf dem Hauptbahnhof an¬ 
gestellt, weicht er der Frage aus, versichert, daß er immer ein braver Mensch 
gewesen, niemandem was zuleide getan, er sei doch nur ein Mensch, man 
möge Erbarmen mit ihm haben, er sei krank. Erklärt daun auf Drängen, 
daß er sich erinnere, auf dem Bahnhof im Dienst von einem Soldaten, der 
aus der Front gekommen war und den er nicht weiter kenne, Schnaps zu 
trinken bekommen zu haben. Er habe paar feste Schlucke gemacht. Darauf 
sei ihm so eigentümlich geworden, es habe ihm geschwindelt. Er wurde 
schläfrig und dann wisse er nichts mehr. In der Früh sei er in der Kanzlet 
zu sich gekommen, habe sich schlecht gefühlt, habe um frisches Wasser 
gebeten. Um sich zu erleichtern, sei er dann in die Stadt spazieren gegangen, 
-ei planlos hcrumgeirrt, bis ihm schlecht geworden und er in ein Spital 
Hilfe suchen gegangen sei. Dort wurde ihm ganz schlecht. Als er sieh 
etwas erholt hatte, sei er wieder fort, habe sich in einer Apotheke Pulver 
gekauft und sich dann in eine Kirche zur Andacht begeben. Dort habe er 
die Pulver alle auf einmal genommen. 

Der Untersuchte spricht mit matter, schwacher Stimme, sitzt müde, 
in sieh zusammengesunken, auf dem Stuhl, blickt den Arzt nie an. erklärt, 
es sei ihm schlecht. 

1. 0. 1918. Hat sich in den letzten Woehen ruhig und geordnet ver¬ 
halten. bot keine psychotischen Züge mehr, nahm die Nahrung selbst zu 

Jahrbücher für Psychiatric. XXXIX. lld. 2U 


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Alfred üierko. 


»ich, schlief gat and hielt sich rein. Bei den Visiten klagte er in etwas 
stereotyper Weise über Kopfschmerzen und bat regelmäßig am Pulver. 
Bleibt im großen and ganzen bei seinen Angaben vom 20. Mai. 

Somatisch: Mittelgroß, mäßig kräftig, engbrüstig. Körper stark 
behaart. Gesicht und Schädel deutlich asymmetrisch. Pupillen reagieren. 
Kachenreflex stark herabgesetzt. Sehnenreflexe lebhaft. 


Der vorstehende Fall beweist auf das schlagendste die Un¬ 
brauchbarkeit des Krampfanfalles zu dauernderen Simulationszwecken. 
Einmal in Szene gesetzt, enthebt er seinen Träger für eine kurze 
Weile zwar aller Sorgen und Verlegenheiten, liefert ihn aber nach 
wenigen Momenten völlig entblößt doch wieder auf Gnade und Un¬ 
gnade aus. Dadurch führt er sich selbst ad absurdum, indem er 
sich überflüssig und deshalb entbehrlich macht. Wo er, wie in 
unserem Falle, trotzdem in Anwendung gebracht wird, nimmt er 
notgedrungen die chronische Form an. Diese ist aber auf die Dauer 
unhaltbar. 

Der simulierte Krampfanfall hat seine Eigentümlichkeiten, 
die ihn bis zu einem gewissen Grade vom hysterischen wohl unter¬ 
scheiden. 

Er erscheint niemals in der klassischen Großform dieses 
letzteren mit seinen verschiedenen Phasen. Er ist monoton, phantasie¬ 
arm und steril. Es fehlt ihm vollkommen die Eleganz und die vor¬ 
nehme Grazie, die manchmal seinen Verwandten auszeichuen. Er 
ist roh uud häßlich, plump und ungeschlacht. Es fehlt ihm die 
Kontinuität der Entwicklung und die Logik des Fortganges. Er ist 
symbollos. Es fehlt ihm die Leidenschaft, die dem hysterischen den 
Schwung verleiht und ihn hinreißend macht: es trägt ihn die Be¬ 
rechnung und nicht der Affekt. Im einzelnen betrachtet, fehlt ihm in 
den meisten Fällen der arc de cercle, das leidenschaftliche Bohren 
in den Kissen, das hochtheatralische Gebaren und die posenhaften 
attitudes passioneiles, sowie der postterminale Dämmerzustand. Was 
er produziert, ist rohe Gewalt: an die Stelle der krampfenden Arme 
und Hände tritt das grobe Umsichschlageu, an die Stelle des 
„Halbbogens“ das Hämmern mit dem Kopfe und das Zappeln mit 
den Beinen. Der Simulant läßt pfauchende und schnarchende Laute 
ertönen, wo leidvolles Stöhnen am Platz wäre und statt in seinen 
Mienen Leidenschaften spielen zu lassen, sammelt er prosaisch den 
Speichel, um vorschriftsmäßig Schaum vor dem Munde zu haben 
und saugt an dem Zahnfleisch, um den Mundschaum blutig zu färben. 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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Sehr häufig sieht mau beim simulierten Anfall Inkonsequenzen, wie 
sie deu echten wohl selten passieren. So spannt z. B. der Kranke 
nach erfolgter totaler Erschlaffung noch weiter die Beine, wenn 
man sie auf ihre Beweglichkeit prüft, oder er versteift sich darauf, 
den Daumen in die Faust zu verstecken und nicht locker zu lassen, 
auch wenn der Anfall schon lange vorbei ist. Andererseits wechselt 
er mitten im Anfall abrupt sein Verhalten, wenn ihm zufällig etwas 
Neues einfällt. Der simulierte Anfall ist ein Mosaik, während der 
hysterische ein Gemälde sein kann. Es fehlt ihm der einheitliche 
Zug und der innere Schwung, und als ein Machwerk ist er stets 
kunstlos. Ferner fehlen ihm alle körperlichen Begleiterscheinungen, 
welche beim hysterischen so häufig beobachtet werden: Erweiterung 
der Pupillen, Erloschensein des Bindehautreflexes, Empfindungs¬ 
losigkeit gegen schmerzhafte Heize (Nadelstiche usw.), die Blässe 
oder die Zyanose des Gesichtes usw. Dennoch ist seine Unter¬ 
scheidung vom echten hysterischen Anfall unter Umständen sehr 
schwierig oder gänzlich unmöglich. Es gilt auch hier der Satz, daß 
zwischen dem Gemachten und Echten fließende Übergänge bestehen, 
daß willkürliche Anfälle in hysterische übergehen und hysterische in 
bewuß*. gemachte ausklingen können. Wie bei hysteroid veranlagten 
Naturen jede Verstellung durch Autosuggestion in echt psychogene 
Zustände übergehen kann, so auch und ganz besonders der Krampf¬ 
anfall mit seiner ungeheuren allo- und auto-suggestiven Kraft. 

Als Beispiel diene folgender 

Fall 24. P. J„ Infanterist, 36 Jahre alt, assentiert 1914, ist laut 
Truppenbericht ein „durchtriebenes Individuum“, das jede Gelegenheit 
benützt, um sich von der Kompagnie zu entfernen und alles aufbietet, um 
seine Einteilung in eine Marschkompagnie zu verhindern. Er ist bereits 
vier- bis fünfmal desertiert. 

Anfangs Januar 1918 erlitt er ira Arrest einen Anfall und wurde 
hieher überstellt 

27./1. , / t 8 Uhr früh: Springt aus dem Bett, läßt sich zu Boden fallen, 
schlägt mit den Annen uud Beinen um sich, läßt pfauchende und schnarchende 
Laute ertönen, bläst die Backen auf und läßt aktiv den Speichel aus dem 
Munde fließen, kneift die Augen fest zusammen und sucht die Pupillcn- 
untersuchung zu verhindern, spannt mit aller Kraft die Beine beim Versuch, 
die Reflexe zu prüfen. Auf die Füße gestellt, bleibt er breitspurig stehen, 
blickt mit weit aufgerisseneu Augen um sich, pfaucht und krächzt. Fällt 
auf das Bett, preßt wie zum Stuhl, rollt und zwinkert mit den Augen. — 
Pupillen reagieren prompt, Reflexe erhalten, keine Störung seitens der 
Gefäßinnervation und der Aunuug. 

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Alfred Serko. 


Leichter und sicherer ist die Unterscheidung des gemachten 
Anfalles vom epileptischen. Ich glaube nicht, daß ein erfahrener 
Beobachter diesbezüglich Gefahr läuft, einer Täuschung zum Opfer 
zu fallen, hingegen kann das sehr wohl passieren, wenn er seine 
Diagnose auf die Schilderung von Laien oder unerfahrenen Medizinern 
hin stellt. 

Fall 25. F. D., Iufauterist, 26 Jahre alt, ledig, Bauernsohn, assentiert 
1917. Aufgenommen 4./12.1917, entlassen 2./2. 1918. Am 5./6. 1917 trieben sich 
in R. drei Infanteristen herum. Vom Zugführer aufgefordert, mitzukoramen 
gingen sie eine Zeitlang ruhig mit, dann aber fluchteten sie in ein Kaffee¬ 
haus und verweigerten weiteren Gehorsam. Als die Patrouille erschien, 
begannen sie im Kaffeehause Teegläser, Flaschen, Sessel und was ihnen 
sonst in die Hände geriet, gegen diese zu schleudern und konnten erst nach 
gewaltsamer Überwältigung in den Arrest gebracht werden. Nach der Ver¬ 
haftung stellten sich alle drei Manu geisteskrank. 

F. wurde am 23. 6. 1917 dem Barackeuspital für Geisteskranke in F. 
überstellt, wo folgender Befund erhoben wurde: 

Pat. mittelgroß, kräftig gebaut. Hautdecken fettreich. Hinterhaupt- 
stufe senkrecht abfallend. Pupillen gleich, rund, reagieren auf Licht. Der 
rechte Mundfazialis etwas weniger inuerviert als der linke. Die Zunge 
weicht eine Spur nach rechts ab. Trizeps- und Periostreflexe lebhaft, 
Bauchdeckenreflexe vorhanden, desgleichen die Sehnenreflexe an den unteren 
Extremitäten. Homberg negativ. 

Pat. derzeit ruhig, geordnet, ansprechbar, antwortet mit leiser Stimme 
und mit spärlichen Worten in kohärenter Weise auf die gestellten Fragen. 
Die Stimmungslage objektiv gleichgültig, subjektiv depressiv. Als Ursache 
führt der M;inu seine nervösen Beschwerden au Die Aufmerksamkeit ist 
innerhalb normil r Grenzen. Örtliche und zeitliche Orientierung erhalten. 
Sei 25 Jahre alt, 1832 geboren, Bauer, ledig, habe zwei Jahre die Schale 
besucht und nur wenig lesen und schreiben erlernt. Leide seit Kindheit 
an Otitis media. Fühle sich seit jeher äußerst nervös und reizbar. Nach 
seiner Einrückung zum Militir vor sechs Monaten sei er die meiste Zeit 
in Spitälern gewesen. Als Ursache seiner jetzigen Abgabe in die Anstalt 
gibt er schwere Aufregungszustände au Wenn er sich ärgere, werde es 
ihm ganz schwarz vor den Augen und er wisse nicht, wo er sich befinde. 
Keine Sinnestäuschungen, keine Wahnideen. 

19. 7. Hatte gem ein einen Streit mit einem Mitpatienten, fiel bewußt¬ 
los zu Bollen, kam aber nach einigen Minuten wieder zu sich. Krämpfe 
oder Zuckungen wurden nicht beobachtet. 

8 8. II attc heute frühmorgens 1 >2 5 Uhr einen Anfall, wobei er aus 
dem Bett fiel. Beim Fallen schlug er sich mit dem Schädel auf den Boden, 
blutete später aus der Zunge, hatte Schaum vor dem Munde, schlug um 
sich. Die Augen waren offen, nebenbei soll Bewußtlosigkeit bestanden 
haben. Der Anfall dauerte fünf Miuuten. 

30. 8. Hatte um . 5 Uhr morgens einen Anfall. Fiel aus dem Bett. 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


297 


Die Augen offen. Aus dem Mund strömte Schaum mit Blut gemengt. Der 
Anfall dauerte drei bis vier Minuten. 

31./8. Der Mann ist aggressiv, streitsüchtig. 

19. /9. Weiß nicht genau, seit wann er in der Anstalt ist. 

23./9. Hatte gestern nachmittags einen Aufregungszustand, sprang 
gegen einen russischen Gefangenen, gab ihm einen Faustschlag, fiel daun 
auf den Boden und hatte einen Anfall, der mit Bewußtlosigkeit einherging. 
Vor dem Munde Schaum mit Blut. 

2./10. Der Mann ist desorientiert, glaubt am 14. November 1918 zu 
sein, weiß nicht, wo er sich befindet. 

26./11. Sprang gestern aus dem Zimmer mit erhobenem Sessel auf den 
Gang und wollte damit auf den Schädel eines Patienten, der vorbeiging, 
schlagen. 

4.12. Wird mit der Diagnose: „postepileptisches Irresein 44 , auf die 
hiesige Abteilung zwecks gerichtsärztlicher Begutachtung überstellt. 

4. /12. Kommt im psychogenen Dämmerzustand: völlig initiativelos, in 
schlaffer Haltung, starrt vor sich hin, rollt die Augen, gibt keine Auskunft, 
tut, als würde er sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. 

Benimmt sich nach der Entfernung des Arztes freier und ungezwungener. 

5. 12. Im tiefsten funktionellen Stupor, reagiert auf keine Anrede, 
starrt vor sich hin, rollt und verdreht die Augen daß sie weiß aut leuchten, 
knirscht mit den Zähnen. Auf die Beine gestellt, erhält er sich kaum auf¬ 
recht, hascht schwächlich nach Stützpunkten. 

8.12. Unverändert. Beginnt, wenn der Arzt an sein Bett tritt, wie 
traumverloren vor sich binzulächeln und leise zu murmeln. Gibt keine 
Auskunft, reagiert auf keine Anrede. Wird auf strenge Diät gestellt, be¬ 
kommt Apomorphin. 

10. /12. Gestern stellte sich Ohrenfluß ein. Heute bei der Frühvisite 
gibt der Mann einige Auskunft, nennt seinen Namen, zeigt mit dem Finger 
aufs linke Ohr. 

11. /12. Machte in der Nacht einen offenbar nicht ernst gemeinten 
Selbstmordversuch. Wickelte sich ein Handtuch um den Hals, begann 
hierauf zu schreien und zu zappeln. Wird heute einer Exploration unter¬ 
zogen. 

Gibt seinen Namen und Vornamen, sein Geburtsjahr und Geburtsort 
richtig an. Als das gegenwärtige Jahr gibt er 1914 an. Erklärt, nicht zu 
wissen ob er Soldat sei. Weiß nicht, woher er kommt, auch nicht, wo er 
sich befindet. Erklärt den Arzt für einen Korporal. Spricht langsam, mit 
schwacher Stimme, denkt lange nach, bevor er antwortet, beginnt gelegent¬ 
lich zu zittern. Löst die Aufgabe 2 + 2 mit 3, bedient sich dabei der Finger 
Kann die Wochentage nicht der Reihe nach aufzählen. Ei klärt, die Monats¬ 
namen nicht zu kennen. Das Jahr habe sechs Monate. Bestreitet hartnäckig, 
geisteskrank zu sein. Weiß nichts vom Krieg, nicht einmal, daß wir einen 
Krieg überhaupt haben. Kann von einer Taschenuhr nicht die Zeit ablesen. 
Macht ein finsteres Gesicht, knirscht mit den Zähnen. Kein Vorbeireden. 

20. /12. Unverändert, liegt indolent zu Bett, starrt auf die Zimmerdecke. 


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Alf red Serko. 


2./1. Kein Ohrenflnß mehr. Nimmt, wenn man sein Zimmer betritt, 
sofort eine steife Haltung ein; wenn er sieh unbeobachtet glaubt, liegt er 
hingegen in natürlicher Lage im Bett. Nimmt Nahrung zu sich, hält sich 
rein. Wenn er auf die Ohrenabteilung geführt wird, geht er schnellen, 
freien Schrittes, bewegt sich ungehemmt. Wird er aber in seinem Zimmer 
in Gegenwart des Arztes auf die Beine gestellt, so steht er lässig, in sich 
zusammengesunken da, starrt wie geistesabwesend auf den Boden, schaut 
angesprochen, ratlos um sich, spricht leise, kaum hörbar. Gibt seinen Namen 
an, weiß aber angeblich nicht, wo er sich befindet. Erkennt den Arzt nicht 
als solchen. 

13., 1. Stieg heute aus dem Bett, ließ sich vorsichtig zu Boden fallen, 
zuckte mit den Händen, preßte aktiv Speichel aus dem Munde, rollte die 
Augen. Auf die Füße gestellt, blieb er initteu im Anfall breitspurig stehen> 
machte ein blödes Gesicht, hielt deu Mund offen. Beim Druck auf den 
Unterleib richtete er sich plötzlich auf, ließ sich langsam aufs Bett nieder 
und blieb lässig auf dem Bettrande sitzen. 

24. 1. Wird von der Mutter besucht. Als er ira Untersuchuugszimmer 
die Mutter erblickt, rötet sich sein Gesicht, doch stellt er sich, als würde 
er die Mutter gar nicht bemerken, blickt an ihr in die Ferne vorbei, schaut 
wie ratlos im Zimmer herum. Von der Mutter beim Namen angcrufen. 
reagiert er nicht darauf, weudet sich aber vou dieser ab, macht, als wüßte 
er nichts von ihrer Anwesenheit. Als sich die Mutter (die selbst den Ein¬ 
druck einer Hysterika macht) vor ihm auf die Kuie wirft und zu jammern 
und zu wehklagen beginnt, beginnt auch er heftig zu weinen, spricht aber 
kein Wort. Später im Krankenzimmer unterhält er sich mit seiner Mutter, 
stellt Fragen und gibt Antworten. 

30. 1. Exploration: Sitzt rnhig, regungslos da, starrt vor sich hin, 
nimmt keine Notiz von seiner Umgebung. Angesprochen, wendet er sich 
dem Ar/te zu, und nennt seinen Namen. Sei 20 Jahre alt, im Jahre 1890 
geboren. Der Vater heiße Amerigo, die Mutter Helene, geb. R. Habe nur 
ein Jahr die Schule besucht und weder lesen noch schreiben erlernt. Er 
fühle sich nicht krank und habe keine Ahnung, warum er sich hier in 
dieser Kaserne in Triest befinde. Auf Zureden, sich nicht zu verstellen, 
wird er lebhaft, spricht den Arzt mit „Herr“ an. versichert spontan, nichts 
gemacht zu haben, sich keiner Sebald bewußt zu sein. Verwickelt sich bei 
eingehender Exploration in Widersprüche. Gibt als gegenwärtiges Jahr 
1918 an. Bei der Intelligcnzprüfung gibt er folgende Antworten: 

Das Jahr habe zehn Monate, und zwar: August, Scpt, Okt, Nov. 
Jan, Febr, Apr, Mai, Juni, Juli. (Der Mann fällt mit der Stimme ab, um 
anzudeuten, daß er alle Namen gesagt habe. Hat genau zwei Mouate 
ausgelassen.) Eine Woche habe sechs Tage, und zwar: Mo, Di, Mi, Do, Fr, 
Sa. Das Jahr habe 200 Tage, eiu Monat 26. Der Tag habe zehn Stunden. 
Von einer Taschenuhr liest er jetzt die Zeit richtig ab. Zur Rede gestellt 
wieso er das auf einmal könne, erklärt er lebhaft, das immer gekonnt zu 
haben. Eine Kompagnie zähle 200 Mann, ihr Kommandant sei ein Major, 
der Regimentskommandant ein Oberst. 


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Über Simulation von Geistesstörung. 299 

Der Untersuchte rechnet 2 + 2 = 4, 4 +- 4 = 9, 5 + 5 = 8. Der 
Mensch habe zehn Finger, jcderseits fünf, zusammen zehn. Auf Vorhalt, 
warum er soeben 5 + 5 mit 8 zusammengerechnet habe, bestreitet er dies. 
Sagt 5 + 5=9. Fünf Finger rechts, fünf Finger links, seien neun Finger, 
der Mensch habe neun Finger. 

Vorgelegten Text liest der „Kranke“ buchstabierend wie ein Schul¬ 
knabe. Aufgefordert, seinen Namen zu schreiben, ergreift er ungeschickt 
den Bleistift, spannt aktiv die gesamte Muskulatur des Armes, hält die 
Hand ganz übertrieben steif und malt unsicher und schwerfällig die ein¬ 
zelnen Buchstaben. Die Zidern schreibt er in Spiegelschrift. Ob jetzt Krieg 
sei, wisse er nicht; er habe von seinen Kameraden allerdings so etwas 
gehört. Soweit ihm bekannt, habe der Krieg im Jahre 1915 begonnen. Jetzt 
seien wir im Sommer, im Monate Januar. Januar sei ein Sommermonat. 
August ein Wintcrmonat. 

Die Ziehensche Siinulationsprobe fällt beim „Kranken“ positiv aus, 
trotzdem der Manu sofort den Sinn der Probe erfaßt hatte. Überhaupt ist 
beim Kranken keine nennenswerte Auffassungserschwerung nachweisbar. 
Spontan äußert er sich nicht. Seine Antworten sind kurz und werden 
zögernd, wie tastend, vorgebracht. Dabei ändert er möglichst wenig seine 
Haltung und liebt, unverwandt auf einen Punkt zu starren. 

Somatisch: Raclicnreflex fehlt, Konjunktivareflex herabgesetzt. 
Kniesehnenreflexe lebhaft, Puls voll, kräftig, während der Exploration 
stark beschleunigt 120. 

Die Mutter gab über ihren Sohn an: 1892 geboren, erkrankte im 
Alter von sechs Jahren an schwerer Angina mit komplizierender Mittel¬ 
ohrentzündung. Machte vier Volksschulklassen, lernte gut und leicht. 
Beschäftigte sich später auf der Landwirtschaft. Litt von Zeit zu Zeit an 
heftigen Kopfschmerzen von den Ohren ausgehend, hatte immer wieder 
Ohrenfluß. War sehr heftigen, aufbrausenden, jähzornigen Charakters, litt 
aber nie an Anftillen, war auch nie geisteskrank. Kein Trinker. Der Vater 
leidet an Bronchitis. Alle Geschwister gesund. Eine Cousine der Mutter 
befindet sich in einer Irrenanstalt in Italien. 

„Eine epileptische Seelenstörung dürfen wir nur diagnostizieren, 
wenn wir eine epileptische Grundlage nachgewiesen haben. Eine 
epileptische Grundlage ist mit dem Nachweise der epileptischen 
Krampfanfälle oder mit dem Nachweis epileptoider Zeichen gegeben.“ 
(Cramer: Lehrbuch.) Die epileptoiden Zeichen: Krampfanfallsäqui¬ 
valente und die epileptische Charakterdegeneiation allein erlauben 
jedoch die Diagnose Epilepsie nur dann, wenn sie in typischer 
Weise ausgebildet und keine Zweifel hinsichtlich ihrer Natur möglich 
sind. Sind diese Äquivalente nicht typisch, oder erwecken sie aus 
sonst einem Grunde Zweifel an ihrer nosologischen Stellung, so ist 
zwecks Stellung der Diagnose Epilepsie der Nachweis zumindest 
eines echten epileptischen Krampfanfalles notwendig. Widersprechen 


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300 


Alfred Serko. 


aber die psychotischen Erscheinungen, die ein Kranker bietet, allen 
klinischen Erfahrungen hinsichtlich der epileptischen Geistesstörung, 
so muß diese Diagnose auch dann abgelehnt werden, wenn epilep¬ 
tische Anfälle einwandfrei festgestellt worden sind und es muß an 
eine anderweitige Störung bei gleichzeitiger Epilepsie gedacht werden. 
Das psychische Bild, das der Kranke in hiesiger Beobachtung ge¬ 
boten hat, entspricht nicht dem klinischen Bilde der epileptischen 
Geistesstörung und hat mit dieser nicht das mindeste gemein. Ge¬ 
setzt den Fall, die Psychose des Mannes wäre echt, so wäre sie 
jedenfalls nicht eine solche, die auf einer epileptischen Grundlage 
erwachsen ist. Die Gründe, die uns zu dieser Behauptung berech¬ 
tigen, sind in aller Kürze folgende: Abgesehen vom klinischen Ge¬ 
samtbilde der Psychose unseres Kranken, das bezüglich seiner Sym¬ 
ptomatologie viel näher den psychogenen Geistesstörungen als den 
epileptischen steht — wir erinnern nur an den stnporösen Muta- 
zismus mit fast völligem Erlöschen aller geistigen Funktionen und 
an die langandauerude vollständige Desorientierung —, produzierte 
unser Kranker einen Schwachsinn, der mit der Epilepsie unter 
keinen Umständen in Einklang gebracht werden kann. Er war 
schwachsinnig genug, um zu sagen, das Jahr habe zehn Monate, 
seine Intelligenz reichte aber hin, um bei der Aufzählung der 
Monatsnamen genau zwei auszulassen. Er war nicht imstande, drei 
ihm vorgesprochene Zahlen unmittelbar nachher aus dem Gedächt¬ 
nisse zu reproduzieren, war aber intelligent genug, um sofort den 
Sinn der Frage zu erfassen und agil genug, um darauf einzugehen. 
Er rechnete die allereinfachsten Aufgaben falsch, war aber imstande, 
eine Summe Geldes prompt und rasch zusammenzuzählen. Er wußte, 
daß eine Kompagnie von einem Major, ein Regiment von einem 
Oberst kommandiert wird, wußte jedoch nicht, wie viel Tage ein 
Monat, wie viel Stunden ein Tag hat. Er konnte von einer Uhr die 
Zeit einmal nicht, daun wieder konnte er sie ablesen, Mar aber 
attent genug, um zu versichern, daß er das stets gekonnt habe. Er 
wußte nicht, wie viel Finger er auf seinen beiden Händen hat, 
schrieb aber Ziffern in der Spiegelschrift. Zeitweise wußte er nichts 
vom Krieg, ja nicht einmal, daß er selbst Soldat ist, und daß wir 
überhaupt im Kriegszustände sind. Auf Grund dieses Schwachsinn- 
befundes allein müßte die Diagnose epileptische Geistesstörung selbst 
dann abgelehnt werden, wenn echte epileptische Anfälle einwand¬ 
frei festgestellt worden Mären. Dies jedoch war nicht der Fall. Di« 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


301 


Krankheitsgeschichte der Irrenanstalt spricht allerdings von Krampf¬ 
anfällen, die beim Kranken beobachtet worden sind, aber diese Be¬ 
obachtungen scheinen sämtlich vom Pflegepersonal zu stammen. Von 
einer wenigstens kann das mit Sicherheit gesagt werden, wo es 
heißt: dabei soll Bewußtlosigkeit bestanden haben. Ein Anfall 
wurde allerdings ärztlich beobachtet, und zwar in hiesiger Beobach¬ 
tung, und dieser war nicht epileptisch. 

Der gemachte Anfall unterscheidet sich vom echten epilepti¬ 
schen durch alle jene Momente, welche den hysterischen als solchen 
charakterisieren, minus die bereits erwähnten Unterschiedsraerkmale 
zwischen den letzteren und ersteren. Um diese Unterschiedsmerk¬ 
male steht der willkürlich produzierte Anfall dem epileptischen 
näher als der hysterische, er steht gleichsam symptomatologisch 
zwischen diesen beiden. Das liegt, ganz abgesehen davon, daß der 
simulierte Anfall stets die Epilepsie und niemals die Hysterie zum 
Zielpunkt hat, in seiner bereits oben besprochenen Symptomatologie, 
seiner Plumpheit, monotonen Ungeziertheit und Symptomenarmut, 
begründet. Daß er jedoch trotz alledem näher dem hysterischen als 
dem epileptischen Anfall steht, hat wiederum seinen Grund in 
jenen Mechanismen, die das bewußte Seelenleben so gut wie das 
unterbewußte beherrschen. 

Sowohl der hysterische als auch der gemachte Krampfanfall 
werden von dem Wunsche getragen, ins Unbewußte unterzutauchen, 
um den Drangsalen des Bewußtseins zu entgehen. Die Epilepsie 
hingegen ist wünsch- und tendenziös. Wenn sich somit der epilepti¬ 
sche und der hysterische Anfall symptomatologisch einander nähern, 
so geschieht das im wesentlichen in der Weise, daß die Hysterie 
immer mehr epileptische Züge annimmt. Die Epilepsie in ihrer ur¬ 
wüchsigen Starrheit hat demgegenüber keine großen Variations¬ 
möglichkeiten und erscheint diesbezüglich der Hysterie gegenüber 
als etwas Monumentales. Id ihrer brutalen Urwüchsigkeit ist sic» 
allerdings so wenig für die alles nachahmende Hysterie, wie für 
die alles versuchende Willkür nachahmbar. Der typisch-epileptisch»' 
Anfall kann meines Erachtens weder bewußt noch unbewußt nach¬ 
gemacht werden. Sprechen auch alle Umstände für Hysterie, so 
darf man einen symptomatologisch-typisch-epileptischen Anfall in 
keinem Palle für hysterisch erklären. Umgekehrt wiederum spricht 
ein typisch-hysterischer Anfall wegen der symptomatologischen Starr¬ 
heit der Epilepsie auch dann für echte Hysterie, wenn alle übrigen 


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302 


Alfreil Sorko. 


Umstände för Epilepsie sprechen, es sei denn, man sei gezwungen, 
beides anzunehmen. Mit anderen Worten: Die rollentwickelten An¬ 
fälle sind stets entscheidend für die Diagnosen. Wo jedoch die 
Anfälle nicht in typischer Entwicklung in Erscheinung treten, gilt 
die Regel, daß man, weil einerseits die Hysterie die Epilepsie nach¬ 
zuahmen trachtet und andrerseits die Epilepsie nur wenig variiert, 
beim Fehlen sonstiger zwingender Gründe mit der Diagnose Epi¬ 
lepsie zuiückhaltend sein muß. Es werden meiner Meinung viel 
mehr Hysterien fälschlich für Epilepsie gehalten als umgekehrt. 

Da in unserem Falle die übrigen Umstände für eine psychogene 
Störung sprachen und der eine sicher beobachtete Anfall nicht 
typisch-epileptisch war, wurde die Diagnose der Irrenanstalt Fh. als 
imhaltbar fallen gelassen und Hysterie nebst Simulation in Betracht 
gezogen. Daß wir uns für diese letztere entschieden haben, waren 
dieselben Gründe maßgebend wie im Fall Nr. 12. Dem „Kranken“ 
selbst fehlte der Glaube an seine Krankheit, für uns ein zureichen 
der Grund, auch unsererseits nicht daran zu glauben. Wie im Falle 
Nr. 12 drückte sich dieses Nichtglauben auch hier darin aus, daß 
der „Kranke“ zielbewußt Unwahrheit sprach, um Krankheitssymptome 
glaubwürdig zu machen, die objektiv nicht vorhanden waren. Be¬ 
wußte Irreführung ist aber Verstellung. An dieser Tatsache ändert 
auch die allfällige Möglichkeit nichts, daß gewisse Züge des Krank¬ 
heitsbildes im Laufe der Zeit sich psychogen verankerten und in 
echte übergingen, denn bis zu einem gewissen Grade ist jede Simu¬ 
lation ein unentwirrbares Durcheinander von Willkürlichkeiten und 
psychogenen Zutaten. Entscheidend ist die ursprüngliche Willens¬ 
disposition, die der ganzen Entwicklung des Krankheitsbildes zu¬ 
grunde liegt und ihren Grundton abgibt. Es ist eine wesentlich 
andere Sache, ob ein Simulant psychogen psychotisch wird oder ob 
ein psychogen Psychotischer dazu noch simuliert und aggraviert. 
Im übrigen lehrt uns auch dieser Fall wieder, daß Krampfanfälle 
kein brauchbares Instrument der Verstellung darstellen und, wo sie 
Vorkommen, keinen wesentlichen Bestandteil des ganzen Kraukheits- 
aufbaues ausmachen. Unser Fall F. würde an seiner charakteristi¬ 
schen Physiognomie durch den Fortfall der Anfälle nicht das ge¬ 
ringste verlieren. Diese Feststellung ist insofern wichtig, als sie uns 
erlaubt, den Satz aufzustellen, daß da, wo Anfälle allein, ohne an¬ 
dere Symptome, das Krankheitsfeld längere Zeit hindurch beherr¬ 
schen. diese Anfälle wohl stets als echt anzusprechen sind. 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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Damit will natürlich nicht gesagt sein, daß gemachte Anfälle 
eine Seltenheit sind, im Gegenteil, man sieht sie recht häufig, jedoch 
fast stets als episodenhafte, mißglückte Versuche, die alsbald als 
aussichtslos aufgegeben werden. Als solche bestätigen sie aber nur 
unsere Regel. Als Beispiel dient der 

Fall 26. M. J, Infanterist, 18 Jahre alt, assentiert 1918, wird am 
11./2. 1918 auf der Tragbahre zur Aufnahme gebracht Liegt zunächst mit 
geschlossenen Augen regungslos da. Angerührt beginnt er heftig zu schreien 
und unartikulierte Laute auszustoßen; fletscht die Zähne, ballt die Fäuste, 
verdreht die Augen, wälzt sich auf dem Boden. Unter kalte Dusche gebracht, 
hört der Anfall sofort auf, der Mann versucht sich mit allen Mitteln dem 
Wasserstrahic zu entziehen, ins Bett gebracht, beginnt er vom neuen, will 
nicht stehen können, läßt sich fallen, wälzt sich herum. Bekommt Apo¬ 
morphin. Am 12. 2. vormittags unterhält er sich ganz geordnet mit seinen 
Zimmerkameraden, beginnt jedoch, als der Arzt ins Zimmer tritt, sofort 
wieder mit seinem Spiel. Bekommt abermals Apomorphin. Am Nachmittage 
lenkt er ein, bittet den Arzt um Verzeihung, erklärt, er werde nie mehr 
versuchen Geisteskrankheit zu simulieren. 

Bei länger dauernder Simulation von Geistesstörung mit Krampf¬ 
anfällen ist bezeichnenderweise diese Geistesstörung fast niemals 
ein einfacher, unkomplizierter Schwachsinn, eine so große Rolle 
dieser auch sonst in der Symptomatologie vorgetäuschter psychischer 
Alteration spielt und der Mehrzahl der Fälle ihre monotone Färbung 
gibt. In dieser Hinsicht sind die Anfälle in ihrer komplikatorischeu 
Bedeutung den Ausfallserscheinungen, wie wir solche in der 
Schwerhörigkeit und Taubheit kennen gelernt haben, gerade ent¬ 
gegengesetzt. 

Das ist verständlich und ans unseren obigen Ausführungen 
leicht begreiflich. Wie die Taubheit als indolente Passivität mit 
Agitation unverträglich ist, so der Anfall als der Ausdruck über¬ 
schüssiger Kraft mit der passiven Indolenz. Es widerstrebt dem 
Laienempfindeu, diese beiden Zustände zusammenzubringen und 
sie in einem Bilde zu vereinigen, weil es seiner ganzen seelischen 
Eigenerfahrung widerspricht, die Agitation, sei es als Ursache, sei 
es als Folge passiver Schwäche zu sehen. Und so sehen wir denn 
in solchen Fällen neben gelegentlichen Erregungszuständen den 
aktiven Stupor dominieren, einen psychischen Zustand, der nach 
außen hin als Akinese imponiert, seinem innersten Wesen nach 
jedoch eine ausgesprochene Parakinese darstellt. 


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Während nun bei den unter Krampfanfällen einhergehenden 
vorgetäuschten psychischen Störungen in der Regel keine ernstlichen 
Zweifel bezüglich ihres simulativen Charakters obzuwalten pflegen, 
indem die den Krampfanfall begleitenden Psychosen einerseits fast 
immer Zuge annehmen, die dem epileptischen Irresein gaoz fremd 
sind, und andrerseits auch ihre „hysterische** Unechtheit aus ihrer 
widerspruchsvollen Symptomatologie sich erweisen läßt, trifft man 
gelegentlich auf Krankheitsbilder, die von den bisher besprochenen 
gänzlich abweichen, jedoch gleichfalls in keiner der bekannten 
Gruppen der psychischen Krankheitsformen untergebracht werden 
können und außerdem gleichfalls unter Umständen zum Ausbruch 
gelangen, die ihre Echtheit ernstlich zweifelhaft erscheinen lassen. 
Unter einigen tausend Fällen, die im Laufe von zwei Jahren 
auf der hiesigen Abteilung zur Aufnahme gelangten, fielen mir zwei 
durch ihre eigentümlich unechte, übertrieben melancholisch-mißmutig 
hypochondrische Färbung auf, bei beiden Fällen sprachen die aus¬ 
lösenden Moment* für eine simulativ-psychogene Grundlage und 
bei beiden spielten epileptoid gefärbte Ausnahraszustände eine ge¬ 
wisse Rolle. 

Fall* 27. X. J., Jahre alt, Hauer, ledig, assentiert 1015. Aus¬ 
genommen 8./5., entlassen 9, 7.1917. Am 2./5.1917 entfernte sich X. gelegent¬ 
lich eines Dienstganges von der Trappenunterkunft und kehrte erst nach 
vier Tagen wieder zurück. Die Ursache könnte darin zu finden sein, daß 
er, da er in eine marschbereite Hinterlandsfonnation eingeteilt war, Furcht 
hatte, von Graz wegzukommen. Da andrerseits Verdacht auf Geistesstörung 
vorlag und sich X. bei einer ähnlichen früheren Gelegenheit ebenso be¬ 
nommen hatte, indem er verschwand und nachträglich sich an nichts 
erinnern konnte, wurde seine Beobachtung auf der hiesigen Abteilung 
angeordnet. 

In den ersten Wochen war der „Kranke“ bei mißmutig-deprimierter, 
wehleidig-klaghafter Stimmung hochgradig ablehnend und zeitweise kaum 
zugänglich. Er spann sich von Tag zu Tag mehr ein, lag tagaus tagein 
im Bett, hielt die Augen geschlossen, bohrte mit dem Kopf in die Kissen, 
hatte ständig ein Tuch um seine Stirne gewickelt, jammerte und stöhnte 
schwächlich, wenn man sich mit ihm in Rapport setzen wollte. Er machte 
ein ungemein trübseliges, verzweifeltes, jammervolles Gesicht, schloß sich 
von aller Gemeinschaft ab, gab sich, als drückte ihn ein schweres Herzlcid. 
Eigentlich depressive Ideen äußerte er jedoch niemals, sprach nie von 
Angst, nie von Sclbstversündigung, war nie ratlos, schlief nachts gut und 
nahm körperlich nicht ab. Zum Aufstehen gezwungen, begann er schwäch* 
lieh zu weinen^ rührte sich kaum, saß energielos, die Hände in den Schoß 
gelegt, den Blick zu Boden gerichtet, das Gesicht in mißmutige Falten ge- 


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legt stundenlang am Bettrand und benützte die erstbeste Gelegenheit, 
um sich wieder niederzulegen. Auf Zureden reagierte er mit schwacher 
wimmernder Stimme, stets über heftige Schmerzen im Kopf und im Kücken 
klagend, ohne daß objektiv etwas nachweisbar wäre. Wiederholte Augen¬ 
spiegelungen ergaben stets negativen Befund. Neurologisch war gleichfalls 
nichts Pathologisches zu finden. 

Bei den gelegentlichen Explorationen starrte er wie gedankenverloren 
vor sich hin, zeigte ein jammervolles, tief unglückliches Gesicht, hielt den 
Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen. Angeredet, sprach er mit ge¬ 
brochener, ersterbender Stimme. Ab und zu ließ or aber einen schnellen 
flüchtigen Blick unter der Stirne hervor über seine Umgebung schweifen, 
als wie wenn er sich über die Situation orientieren wollte. Auf Fragen 
nach seinem Befinden, erklärte er mit Vorliebe, er wisse selbst nicht, was 
mit ihm los sei. Er fühle sich krank. In der Folge ließ die klaghafte 
Schlaffheit etwas nach und der Mann lag bei den Visiten meist mit dem 
Kopf unter der Bettdecke versteckt. Allerdings bot er dieses Verhalten 
vornehmlich, wenn er Arzte in der Nähe wußte oder wenn er die Visite 
erwartete. Glaubte er sich vor Überraschungen sicher, so unterhielt er sich 
mit seinen Kameraden. In Gegenwart der Arzte war er jetzt zwar ruhig, 
nicht mehr jammernd und seufzend, dafür aber hochgradig schlaff und 
energielos. Er klagte dem Arzt gegenüber ständig über Kopfschmerzen 
und allerlei sonstige Beschwerden: er habe, wenn er den Kopf bewege, 
Stechen im ganzen Körper, er könne nicht gerade gehen, müsse auf den 
Boden schauen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Auf der ganzen 
linken Seite habe er ein Gefühl des Ameisenlaufens, auch leide er an 
Kreuzschmerzen. Zeitweise habe er gar kein Gefühl in den Händen, könne 
•die Schreibfeder nicht halten. Jede Kleinigkeit rege ihn auf, er schlafe 
sehr schlecht, habe unruhige Träume, schrecke nachts auf und schwitze 
stärk. Er habe Lust zur Arbeit, könne aber wegen seines Zustandes 
nichts arbeiten. Es sei ihm „alleweil so schlecht im Kopf“. 

Er wisse nicht, wann, warum und unter welchen Umständen er sich 
von seinem Truppenkörper entfernt habe. Er sei erst, als er wieder beim 
Kader war, zu sich gekommen. Es sei ihm vorher schon längere Zeit schlecht 
gewesen, so übel im Kopf, er habe nicht gewußt, was er mache, wo er hin¬ 
gehe, er sei wie verloren gewesen. Er habe nichts Böses gemacht. Wie lange 
•er weggewesen, wo er sich in dieser Zeit aufgehalten, wo geschlafen, wo 
gegessen, das alles wisse er nicht. Solche Zustände habe er seit dem Jahre 
1915. Er sei damals Wärter in einem Spital gewesen und habe von einem 
Kranken, der davongehen wollte, einen Schlag über den Kopf mit einem 
Eisenstück bekommen. Er fiel zu Boden und konnte sich eine ganze Weile 
nicht erheben, doch habe er sich nicht krank gemeldet und überhaupt 
keine Meldung darüber erstattet Im Januar 1916 habe ihn dann die Krank¬ 
heit „gepackt“. Eines Tages fiel er plötzlich um und blieb einige Tage 
liegen. Eine Zeitlang war er ganz bewußtlos, konnte sich nachher nicht er¬ 
heben, war wie betäubt. Der Arzt ließ ihn liegen, ohne ihm eine Medizin zu 
verschreiben. In der Folge habe er wiederholt solche Anfälle gehabt. Plötz- 


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lieh werde ihm so eigentümlich im Kopfe, über den Körper fühle er ein 
Ameisenlaufen, dann müsse er sehen, daß er sich schnell wohin niedersetze, 
um nicht umzufallen. Es werde ihm ganz schwarz vor den Augen. Der 
Zustand dauere einen halben bis ganzen Tag. In diesem Zustand wisse 
er nicht, was er tue. Früher sei er immer vollkommen gesund gewesen. 

Somatisch: Groß, hager, etwas abgemagert. Schädel angeblich klopf¬ 
empfindlich, links mehr als rechts, doch ist eine Papillenerweiterung dabei 
nicht nachweisbar. Pupillen reagieren, Augenbewegungen frei, Augenhinter- 
grund normal. Hirnnerven ohne pathologischen Befund. Gaumeninnervation 
intakt. Obere Extremitäten funktionell und trophisch intakt. (Keine Ataxie, 
kein Tremor, Reflexe vorhanden.) Knieschncnreflexe in normaler Stärke. 
Babinski negativ. Romberg negativ. Keine Störungen seitens der Sensibilität. 

Als der Zustand nach fast zwei monatiger Beobachtung keine Tendenz 
zur Besserung zeigte, wmrde dem Manne eines Tages erklärt daß man nun 
genug von seiner „Hysterie“ habe und daß er seinen Dienst jetzt wieder 
aufnehmen müsse, wenn er einer Strafanzeige wegen Marodierens aus dem 
Wege gehen wolle. Der Mann wurde tatsächlich ohne weiteres als dienst¬ 
tauglich seinem Truppenkörper mit der Weisung überstellt auf seine Be¬ 
schwerden nicht einzugehen und ihn streng zum Diensthalten zu verhalten. 
Er meldete sich sofort wieder marod, nahm aber, als er vom Arzte brüsk 
abgewiesen wurde, seinen Dienst auf, den er jetzt noch, nach einem Jahre, 
anstandslos versieht. 

Fall 28. Z. A., 38 Jahre alt Bauer, ledig, assentiert 1910. Aufge¬ 
nommen 19./3., entlassen 22./5. 1918. Der Mann, der aus irgend einem 
Grunde (nicht krankheitshalber) vom Militärdienste enthoben war. wurde 
anfangs März 1918 wieder einberufen. Er bewarb sich zunächst mit Eifer 
um eine neuerliche Enthebung und benahm sich, solange die Angelegenheit 
ihrer Entscheidung harrte, vollkommen ruhig und durchaus normal. Als 
aber die Entscheidung eintraf, daß seinem Ersuchen keine Folge gegeben 
werden könne, wurde er plötzlich „geistesgestört“ und mußte der hiesigen 
Abteilung überstellt werden. Angeblich soll er sich seinen Kameraden 
gegenüber dahin geäußert haben, daß er seine Enthebung doch noch er¬ 
zwingen werde. 

Bei der Aufnahme im „psychogenen Verwirrtheitszustände“, spricht 
immerzu von seinen Pferden, die er cinspannen wolle, stellt sich auf das 
Unterhaltungsthema gar nicht ein, macht einen „künstlich“ verstörten 
Eindruck. 

Tagsdarauf bereits frei und ansprechbar, erklärt, er sei gestern ganz 
verwirrt gewesen, er hätte gar nicht einzurücken brauchen, weil er ohnehin 
wieder enthoben werde, er habe übrigens zu Hause noch einige Geschäfte 
zu besorgen. 

In der nun folgenden Beobachtungszeit, die fast zwei Monate dauerte, 
l»ot der Kranke ein sich rasch bis zur vollen Höhe entwickelndes Bild 
hochgradiger passiver Willensschwäche und Initiativelosigkeit. 

Er ließ sich schieben und drängen, lag am liebsten zu Bett, gab mit 
matter, schwacher Stimme mühsam und nur widerwillig einige Auskunft) 


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klagte über allerlei Beschwerden: fühle sich ganz matt, sei ganz wirr im 
Kopf, sei zu keiner Arbeit fähig, man möge ihn nach Hause entlassen. Zum 
Aufstehen gezwungen, saß er den ganzen Tag auf dem Bettrand, ließ die 
Hände auf dem Schoß liegen, blickte stumpf vor sich hin und machte ein 
trübseliges Gesicht Ungemein schlaff, dämmerte er so dahiu, war nicht zu 
bewegen, sich irgendwie nützlich zu machen, benützte die erstbeste Gelegen¬ 
heit, um sich wieder niederzulegen. Von Zeit zu Zeit geriet er in Aufregung 
und schimpfte dann auf die Pfleger und über das Essen, erklärte aber 
nachher stets, er könne nichts dafür, er sei krank, nicht klar im Kopf. 

Von Mitte April ab nahmen diese gelegentlichen Aufregungen einen 
anfallsartigen Charakter an und kehrten in regelmäßigen Perioden von 
zwei bis drei Tagen in den späten Nachmittagsstunden wieder. Diese eigen¬ 
artigen Ausnahmezustände, die jedesmal einige Minuten bis zu einer Viertel¬ 
stunde dauerten, glichen vollkommen einer dem anderen und erweckten 
dadurch den Eindruck des Unechten, Gemachten. 

Der Mann beginnt, auf dem Bettrand sitzend, plötzlich vor sich hin 
zu schimpfen: „Es ist eine Schweinerei, man gibt mir liier nichts zu trinken, 
kein Bier, keinen Wein, keinen Schnaps, es ist eine Schweinerei, nichts 
gibt man mir, keinen Wein, keinen Schnaps, gar nichts gibt man mir, gar 
nichts, es ist eine Schweinerei 4 usf. immer in denselben Redewendungen. 
Dabei fuchtelt der Mann mit den Händen vor sich, als wollte er seinen 
Worten mehr Nachdruck verschaffen. Angeredet, reagiert er iu keiner 
WeiBe und läßt sich durch nichts in seiner monotonen Schimpferei stören. 
Er blickt vor sich hin und vermeidet den Arzt anzublicken, auch wenn 
man ihm den Kopf hoch hebt. Dringt man in ihn, so nimmt seine Schimp¬ 
ferei eher zu als ab und man hat die Empfindung, als hätte der Kranke 
Mühe sich nicht in seinem Redeschwall stören zu lassen. Dabei sind die 
Pupillen etwas weit, reagieren aber auf Licht prompt. Puls ist beschleunigt, 
die Kniesehnenreflexe gesteigert. Nach einiger Zeit hört der Mann plötzlich 
mit seiner Schimpferei auf und legt sich nieder, nachdem er auf der Mauer 
mit der Hand einige streichende Bewegungen gemacht hat. 

Tagsdarauf will er nicht die geringste Erinnerung an den Anfall 
haben. In letzter Zeit kamen die Anfälle fast regelmäßig jeden zweiten Tag 
gegen halb 8 Uhr abends. Am 20./5., mitten im Anfall unter kalte Dusche 
gesetzt, versuchte der „Kranke 4 zunächst zielstrebig dem Wasserstrahle 
sich zu entziehen, blieb aber dann ruhig, stark nach vornüber geneigt, stehen, 
zitterte heftig, war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu wechseln. 
Nachher nach seinem Namen gefragt, gab er ihn nach einigem Drängen an. 
Erklärte den Oberarzt für einen Korporal, den Regimentsarzt für einen 
Zagsführer! Erklärte später, schon im Bett liegend, er befinde sich zu 
Hause. Wollte auf die Frage ? = 2 + 2 lange nicht eingehen, antwortete 
aber schließlich doch und sagte: „Drei. 4 

Während des ganzen Anfalles und später noch im Bett vermied er 
hartnäckig, den Arzt anzublicken, senkte, wenn man ihm das Kinn hoch 
hob, den Blick oder schloß er die Augen. 

Im Bad, nach der kalten Dusche, gab er sich ganz hilflos, war sclicin- 


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har nicht imstande das Hemd anzuziehen, wußte damit nichts Rechtes anzu¬ 
fangen, ging aber von selbst, trippelnden Schrittes, vornübergeneigt auf sein 
Zimmer und setzte sich auf den Bettrand, wo er meist zu sitzen pflegt 

Wiederholte körperliche Untersuchungen ergaben stets völlig nega¬ 
tiven Befund_Laut Aussage seiner Angehörigen ist Z* ein gewalttätiger 

roher Säufer, der seine Familie brutalisiert, laut Aussage seiner Kameraden 
ist er ein fauler, dienstunlustiger Soldat der womöglich immer im Wirts¬ 
haus sitzt. 

So sehr die beiden besprochenen Fälle in einer bestimmten 
Phase ihrer Entwicklung den Bildern, die wir beim manisch-depressiven 
Irresein zu sehen gewohnt sind, ähneln, tragen sie doch beim näheren 
Zusehen und bei Berücksichtigung ihres Gesamtverlaufes Züge, die 
dieser Krankheitsform ganz fremd sind. Abgesehen davon, daß eigent¬ 
liche depressive Ideengänge nie nachweisbar waren und es sich auch 
auf affektivem Gebiete weniger um ängstlich traurige Verstim¬ 
mungen als um Insuffizienzzustände ohne nennenswerte innerliche 
Hemmungen handelte, war der Beginn der Erkrankung in beiden 
Fällen so offensichtlich psychogen eingeleitet und so sehr durch 
äußere Momente bestimmt, daß diagnostisch nur eine hysterisch¬ 
psychogene Störung in Betracht gezogen werden konnte. Und tat¬ 
sächlich decken sich die beiden Krankheitsbilder noch am besten 
mit hysterischen Verstimmungszuständen, wenn es gelingt, die be¬ 
wußte Simulation mit Sicherheit auszuschließen. Dies letztere ist 
uun aber nicht der Fall; im Gegenteil. Nehmeu wir zunächst den 
ersten Fall. 

Im Anschluß an ein angeblich schweres Kopftrauma entwickeln 
sich angebliche Dämmerzustände epileptoiden Charakters ohne hyste¬ 
rische Züge. Diese Ausnahmszustände, die niemals ärztlich beobachtet 
wurden und objektiv durch nichts erwiesen sind, erscheinen zu 
wiederholten Malen als Entschuldiguugsgründe für psychologisch 
ganz durchsichtige militärische Vergehen, kehren in der nun fol¬ 
genden Beobachtung des Kranken nicht wieder, dafür etabliert sich 
an ihrer Stelle ein psychotischer Dauerzustand von hysterisch¬ 
psychogener Färbung. 

In diesem Tatbestände liegt ein Widerspruch. Entweder leidet 
der Mann tatsächlich au posttraumatischen Dämmerzuständen epilep¬ 
toiden Charakters —, dann ist sein Dauerverhalteu daraus nicht 
erklärbar, oder aber ist dieser Dauerzustand echt —, dann kann er 
wieder nicht in einen ursächlichen Zusammenhang mit jenen Dämmer¬ 
zuständen gebracht werden, die dadurch ihrerseits ganz fraglich 


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werden. Da aber der Dauerzustand als in tatsächlich ursächlichem 
Zusammenhänge mit den angeblichen posttraumatischen Epi-Äquiva¬ 
lenten stehend in Erscheinung tritt, muß einer dieser beiden Faktoren 
unecht sein. Nun ist aber nicht nur der Dämmerzustand nicht er¬ 
wiesen, sondern auch der sich an diesen anschließende Dauerzustand 
in seiner Symptomatologie der tatsächlichen Erfahrung wider¬ 
sprechend, ein Grund mehr, an der Echtheit beider zu zweifeln. Eine 
hysterische Psychose nach einem echten epileptoiden Dämmerzustand, 
unter psychologisch höchst bedenklichen auslösenden Momenten —, 
ist eine Annahme, die nur dann berechtigt wäre, wenn alle anderen 
Erklärungsmöglichkeiten versagten. Eine solche Erklärungsmöglich¬ 
keit ist aber ohne Frage in der Annahme einer Simulation gegeben. 
Die einzige Schwierigkeit: die ungewöhnlich starre Konsequenz des 
Krankheitsbildes bei verhältnismäßig langer Dauer —, findet in der 
Tatsache ihre Erklärung, daß "ursprünglich gewollte, willkürliche 
Willensäußerungen sich psychologisch verankern und schließlich 
echt hysterisch werden können. 

Der zweite Fall ist noch durchsichtiger. 

Auf die Notwendigkeit, nach längerer Enthebung den ihm ver¬ 
haßten militärischen Dienst wieder aufnehmen zu müssen, reagiert 
der übel beleumundete Mann durch eine „psychogene Verwirrtheit“, 
die in der Beobachtung rasch abklingt, um einem psychotischen 
Dauerzustände von hysterischer Färbung Platz zu machen. Aus 
diesem hysterischen Dauerzustand schießen nun in kurzen Perioden 
kurzdauernde Dämmerzustände hervor, die ihrerseits nichts Hyste¬ 
risches an sich haben und auch mit der Epilepsie keine sympto- 
matologische Verwandtschaft zeigen. Diese Dämmeranfälle können 
meines Erachtens nur als simulierte zureichend gedeutet werden, 
erhellen aber dann in dieser ihrer Deutung auch das übrige, sonst 
unklare Kraukheitsbild genügend. Aber angenommen, diese kurzen 
Absenzen wären epileptischer Natur, so stünde das übrige Krank¬ 
heitsbild damit im Widerspruch, insbesondere die initiale, zweifellos 
psychogen ausgelöste Verwirrtheit. Sie für hysterisch zu halten, geht 
aber andrerseits wegen ihres so überaus periodischen und durch 
nichts motivierten Auftretens und ihrer monotonen, affektarmen 
Symptomatologie nicht an. 

Die Konsequenz des Krankheitsbildes mag wie im vorigen 
Falle durch die psychogene Verankerung, durch das sogenannte 
„Sicheinspinuen“ bedingt sein. Diese Fixierung auf Grundlage des 

JahrbQeWr für Psychiatrie. XXXIX. Bd. 21 


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„Sicheinspinnens“ ist bei der Diagnosestellung Simulation voll¬ 
kommen irrelevant. Ein Lügner, der schließlich seinen Lügen selbst 
glaubt und sie im guten Glauben vorbringt, hört deswegen nicht 
auf ein Lügner zu sein, und ein Betrüger, der sich im Laufe der 
Zeit zu der Überzeugung durchgedrungen hat. ein ehrlicher Mensch 
zu sein, bleibt trotzdem ein Betrüger, so wie eiu Heuchler Heuchler 
bleibt, auch wenn er selbst an die Aufrichtigkeit seiner Gefühle 
glaubt Entscheidend und maßgebend ist immer die ursprüngliche 
Tendenz. Eine scharfe Grenze zwischen Simulatiou und psychogen- 
krankhafter Einstellung ist eben nicht zu zieheu und es hieße das 
tatsächliche Vorkommen von Simulation überhaupt bestreiten, wollte 
man jeden hysterischen Einschlag im Bilde einer Simulation als 
einen Beweis gegen die Simulation gewürdigt wisseu. 

Als Beispiel einer Übergangsform zwischen diesen (zuletzt be¬ 
schriebenen) irregulären und jenen regulären Siraulationsforinen möge 
der nachfolgende Fall dienen: 

Fall 29. D. M., Infanterist, 32 Jahre alt. verheiratet, Bauer. Auf- 
geuoinuien 23./Ö., entlassen 2./ß. 1918. Wurde ohne Ausweispapiere auf¬ 
gegriffen uml verhaftet. Vermutlicher Deserteur. Bei der Aufnahme in leicht 
gedrückter Stimmung, spricht um die Sache herum, will nicht wissen, warum 
mau ihn hieher überstellt habe. In den folgenden Tagen ruhig und geordnet, 
lag immer im Bett, klagte bei den Visiten über heftige Kopfschmerzen, 
zuckte wenn man seinen Hinterkopf berührte, übertrieben schmerzlich zu¬ 
sammen, schrie auf and stöhnte. Gelegentlich begauu er irre Reden zu führen, 
wobei er aber an seine angeblichen Kopfschmerzen vergaß und sich reak¬ 
tionslos den Kopf abtasten ließ. Mußte er durch den Gang auf den Abort, 
so ging er tänzelnden Schrittes, hüpfte nach Art der Balettänzerinnen and 
griff dazwischen wie geistesabwesend mit den Fingern auf den Mauern herum. 

Am 1. Juni exploriert, bot er folgendes Bild: 

Auf dem Wege ins Untersuchungszimmer machte er nach je paar 
Schritten einen hüpfenden Sprung in die Luft, ohne dabei ein Wort zu 
äußern oder sonst in seinem Benehmen auffällig zu werden. Im Unteraucliungs- 
zimrner nimmt er ruhig Platz und beginnt gespannt auf die Mauer, wo sich 
ein anatomisches Bild befindet, zu starreu. Murmelt etwas vor sich hin und 
gestikuliert dabei mit den Händen, als unterhielte er sich mit sich selbst. 
Bei der körperlichen Untersuchung auf den Hinterkopf gefaßt und etwas 
gedrückt, schreit er heftig auf. erhebt wie zum Schutze» seine Arme über 
den Kopf, wirft sich dann za Boden und beginnt wie von Krämpfen befallen 
mit den Beinen zu zappeln und vor sich hin zu wimmern. Auf die Beine 
gestellt, schaut er verstört um sich, als wüßte er nicht, was mit ihm los seL 
Nimmt dann wieder Platz und bleibt in sich zus&minengcsunken sitzen. Nach 
einer Weile fängt er wieder mit seiner Sclbstuntcrhaltung an, wackelt ver¬ 
neinend mit dem Kopf, zuckt mit den Achseln, gestikuliert mit den Händen, 


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spricht vor sich hin, kann sich aber nicht beherrschen, sich gelegentlich um- 
zublicken, wo ein Schwachsinniger exploriert wird, ohne sich im übrigen um 
den Arzt im geringsten zu kümmern. Angesprochen, wendet er sich ziemlich 
prompt dem Arzt zu, blickt ihn hilfeflehend an und gibt Auskunft: Sei Bauer 
von Beruf, verheiratet 32 Jahre alt, habe zwei Knaben (nennt ihre Namen) 
Wie seine Frau mit dem Mädchennamen geheißen habe, wisse er nicht 
genau. Kr habe keine Schule besucht, jedoch zu Hause von seinem Vater 
etwas lesen und schreiben erlernt. Habe seinerzeit 2 Monate beim Militär 
gedient. Vor 9 Monaten cingerückt. war er bis jetzt immer beim Kader 

Auf die Frage, wo man ihn aufgegriffen, will er nicht recht mit der 
Sprache heraus, weicht aus, beginnt klagend davon zu sprechen, daß seine 
Kinder Hunger leiden, daß er ihnen etwas Mais habe kaufen wollen, redet 
sich in eine wehmütige Stimmung hinein, erzählt jammernd, daß man ihm 
all sein Hab und Gut, den Koffer, das Geld, die Uhr, den gekauften Mais 
weggeuommcn habe, versinkt dann in Gedanken, macht allerlei Gesten mit 
dem Kopf, beginnt mit den Beinen klappernd zu zittern und vor sich hin 
zu flüstern. Sehr häufig macht er die Bewegung des Fliegenfangens mit der 
Hand. Versichert, nicht zu wissen, wie, wann und warum er seine Truppe 
verlassen. Einer Intelligenzprüfung unterzogen, produziert er einen in sich 
widerspruchsvollen Schwachsinn: rechnet 4 + 3 = 8, 4 + 4 = 12, 5 — 3 = 4. 
Zählt bis sieben richtig, dann wie folgt: 7, 9. 11, 14, 18, 20. Drei ihm vor¬ 
gesagte einstellige Zahlen sagt er zunächst richtig nach, macht aber, des¬ 
wegen belobt, bei einem neuerlichen Versuch grobe Fehlreaktioncn, repro¬ 
duziert: 4, 0, 9 mit 4, 11, 8. Die Woche habe 4 Tage, das Jahr 9 Monate. 
Auf einer Hand seien fünf Finger, auf beiden zusammen acht. Der „ Kranke“ 
kann von einer Taschenuhr nicht die Zeit ablesen, ratet in den blauen Tag 
hinein. Benennt aus einem Bilderbuch die alltäglichsten Gegenstände falsch 
oder erklärt, sie nicht zu kennen oder sie nie gesehen zu haben. Erklärt 
einen Hammer für einen Ziegenkopf, eine Zange für eine Schere, erkennt 
weder eine Trompete noch einen Stiefel, noch eine Zündholzschachtel. Kennt 
die Geldsorten nicht, gibt das gegenwärtige Jahr mit 1915 au, erklärt, nicht 
zu wissen, ob wir Sommer oder Winter haben, blickt auf die Frage, ob 
draußen Schnee liege, durchs Fenster und zuckt mit den Achseln. Dabei 
atteut, faßt gut auf. 

Somatisch: Mittelgroß, grazil gebaut. Für sein Alter frühzeitig 
gealtert (kahlköpfig, graubärtig). Pupillen und Hirnnerven intakt. Reflexe 
fnnktiouell gesteigert. Herzaktion arythmisch. 

Schließlich möchte ich noch die Krankheitsgeschichte eines 
Palles bringen, der bis zu einem gewissen Grade alle bisher be¬ 
sprochenen Typen in sich vereinigt und eben durch die Massen- 
haftigkeit der Symptome und durch die Buntheit des Krankheits¬ 
bildes bei unbeeinflußbarer Konsequenz seines Verhaltens in seiner 
Beurteilung zweifelhaft wird. 

Es handelt sich um einen schwer degenerierten, ethisch defekten, 
sexueH perversen, der Trunksucht ergebenen Artisten (Dameui mitator!) 

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der schon eiumal in psychiatrischer Beobachtung gestanden hatte, 
weil er sich ira Anschluß an eine ausgiebige Urlaubsüberschreitung 
seiner Kleider entledigte, anscheinend, um den Eindruck eines Geistes¬ 
gestörten zu machen. Damals (März 1917) auf die hiesige Abteilung 
überstellt, bot er das typische Bild des verwirrten Deserteurs: ver¬ 
drehte und rollte die Augen, starrte vor sich hin, äußerte sonder¬ 
bare Ideen, lenkte aber bald wieder ein und gab daun geordnet 
Auskunft. 

Im Folgenden bringe ich die weitere Krankheitsgeschichte 
iles Falles. 

Fall 30. Ch. F., Schneider und Artist, 34 Jahre alt, ledig, Infanterist, 
assentiert 1916. Aufgenommen am 16./3., entlassen 14. 5. 1918. Ch. wurde 
am 12./3. in der Umgebung von Graz von einem Gendarmen angehalten 
und wegen Ausweglosigkeit verhaftet. Bei der Einvernahme gab er an 
Kommandant eines nach Graz gehenden Transportes zu sein. Später sagte 
er, er habe in Graz seinen Transportkommandanten verloren, habe sieh in 
der Stadt verirrt und sei nach H. gekommen. Auf eindringliches Befragen, 
ob er nicht ein Deserteur sei, wurde er erregt, ging auf den Gendarmen 
los und hieb mit der Hand gegen sein Gesicht, offenbar aus Arger, weil ihn 
der Gendarm energisch verhalten hatte, ordentlich Auskunft zu geben. Er 
wurde überwältigt, wobei er fortgesetzt jammerte und nach dem Kaiser Karl 
rief. Auf die Hauptwache überstellt, sprach er immerzu vom Kaiser und 
ging unruhig im Zimmer auf und ab. 

Am 16,3. kam er im hiesigen Spital zur Aufnahme. Laut Truppen¬ 
bericht war er auf einer Fahrt nach Graz entwichen und habe sich in der Um¬ 
gebung der Stadt herumgetrieben. Bei der Truppe galt er für schwachsinnig. 
Er war in der Schneiderei beschäftigt, arbeitete fleißig, führte aber gelegent¬ 
lich sonderbare Reden, hielt Ansprachen an seine Kameraden, weigerte 
sich ein Gewehr in die Hand zu nehmen, führte Tänze auf und berichtete 
über sonderbare Erlebnisse. 

In hiesiger Beobachtung benahm er sich übertrieben geziert, erklärte, 
eine elegante Dame zu sein, bat, man möge ihn abphotographieren oder ab¬ 
malen, bot sich an, ein Lied zu singen, was er nach Art der Damenimitatoren 
auch tat. Gefragt, warum er seinem Begleitmann durcbgegangen, ver¬ 
sicherte er mit unschuldiger Miene, daß er sich nur verloren habe. Warum 
man ihn für ein Spital bestimmt hatte, wisse er nicht. Er sei nicht krank, 
auch nicht geisteskrank, habe aber fortwährend Musik in seinem Kopfe 
und müsse deswegen immer singen. Wenn er einen Herrn liebe, komme 
plötzlich ein Drang über ihn. sich auf seinen Geliebten zu stürzen. Sein 
Onkel sei geisteskrank gewesen und seine Schwester habe eines Tages er¬ 
klärt, sie müsse sterben und sei dann tatsächlich gestorben. 

In zeitlicher Beziehung war der Kranke orientiert, gab aber vor, 
-ich in einem Kasino zu befinden. Sein Benehmen war eigentümlich sü߬ 
lich theatralisch, kindisch lappisch, übertrieben geziert. Gelegentlich-äußerte 


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Über Simulation von Geistesstörung. 


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er schamlos den Wunsch mit dem Arzt zusammen zu schlafen. Er war immer 
bereit, eine „canzonette“ zu singen. Dabei ging er in Theaterpose, Damen - 
bewegungen imitierend und mit heiserer Fistelstimme singend. Gelegentlich 
wurde er onanierend betroffen. Dem Arzt gegenüber gab er sich kokett, 
gab zu verstehen, daß ihm dieser gefalle, machte verliebte Augen und ver 
legene Bewegungen mit den Händen. 

Der Krankheitsgeschichte der Irrenanstalt Fh., wohin der Kranke am 
20. 3. abgegeben wurde, ist zu entnehmen, daß er bei der Aufnahme ruhig 
und ansprechbar gewesen. Bezüglich seiner eigenmächtigen Entfernung 
machte er dieselben Angaben wie hier. Klagte über Kopfschmerzen und 
Schwindelgefühle, beklagte sich darüber, daß er in der Irrenanstalt zurück¬ 
gehalten werde: er sei zwar nervös, aber nicht geisteskrank. Bat mit Tränen 
in den Augen, man möge ihn zum Theater gehen lassen. Warf sich plötz¬ 
lich vor dem Arzt auf die Knie und bat um seine Entlassung, biß sich dabei 
in den Finger, schlug mit beiden Händen gegen seinen Kopf und mit dem 
Kopf gegen den Boden und rief: „Bringt mich um, gebt mir ein Messer ! u 
Beruhigte sich schnell und sang eine Kanzonette. Erzählte seine galanten 
Abenteuer mit jungen Herren aus der Zeit, als er noch als Damenimitator 
auf der Bühne auftrat. Meinte, daß er auch beim Militär sehr beliebt sei. 
Berichtete dann, daß er auch in Wien im Garn.-Spital gewesen und dort 
einen sehr schönen Arzt kennen gelernt habe. Seit der frühesten Jugend 
trage er gern Damenkleider. Nach dem Friedensschlüsse werde er wieder 
als Sänger auftreten. 

Vor dem Einschlafen spüre er immer in den Gelenken ein Zucken, 
wie wenn Elektrizität drinnen wäre, das komme vermutlich von den Nerven. 
Er höre immer Gesang und Musik in seinem Kopfe, höre auch zuweilen 
die Stimme seiner Mutter, welche ihn beim Namen rufe, zuweilen höre er 
auch eine Weckeruhr von der Wand her klappern und er sehe alles neblig 
und wenn er die Augen schließe, sehe er Sterne. 

Er habe immer gern getrunken und mit 18 Jahren Lues akquiriert. 
Er habe die Absicht, sich in ein Bordell aufnehmen zu lassen. 

Im übrigen benahm sich der Kranke geordnet, nestelte nur fortgesetzt 
etwas kokett an seinen Händen, griff sich viel nach dem Kopf, schaute aber 
den Arzt während des Examens nicht an. Seine Antworten erfolgten durch¬ 
wegs prompt und kohärent. Befragt, ob er einen speziellen Wunsch habe, 
sagt er, er möchte nur immer mit feinen schönen Herren beisammen sein. 

Sich selbst überlassen, war er ruhig und unauffällig, nahm aber bei 
den Visiten theatralische Stellungen ein, sagte, der Arzt sei ein schöner 
Mann, schrieb an den Kompagniekoch erotische Karten. 

In der Folge ließ das theatralische Gebaren nach, namentlich, wenn 
sich der Mann nicht beobachtet glaubte; bei den Visiten und in Gegenwart 
des Arztes trat jedoch das Gekünstelte und Absichtliche seines Benehmens 
immer wieder hervor. Einmal behauptete er, er sei ein Weib oder doch ein 
Halbweib. Als ihm vorgehalten wurde, daß er dies nur sage, um vom Militär 
wegzukommen und daß er gar nicht geisteskrank sei, sagte er: „Warum 
habe ich aber dann Kopfschmerzen und höre ich Musik im Kopf? u 


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Am 26. 4. 1918 wurde der Kranke mit der Diagnose: „Psychopathie, 
Simulation*verdacht“ zwecks gerichtsä rztlieher Begutachtung neuerlich auf 
die hiesige Abteilung überstellt 

12./5.: Hat sich bisher ganz ruhig und unauffällig verhalten. Lag 
meist zu Bett, äußerte keine krankhaften Ideen, brachte keine Beschwerden 
vor, bot auch nicht das gewohnte geziert-theatralische Gebaren. Heute 
einer Exploration unterzogen, bot er folgendes Bild: 

Sitzt steif da, blickt den Arzt nicht an. nestelt an seinen Kleidern, 
zupft an seinem Schnurrbart, greift sich gelegentlich auf den Kopf. An¬ 
gesprochen gibt er willig Auskunft, spricht in süßlich manierierter Weise nach 
Art koketter Frauen, liebt gezierte Bewegungen, beginnt dann spontan davon 
zu sprechen, daß sein Truppenarzt ein schöner Herr sei und ihm sehr gut 
gefalle. Gefragt, warum er seinerzeit vom Transport entwichen sei, stellt 
er sich vollkommen ahnungslos, erklärt, davon nichts zu wissen, bestreitet, 
von der Gendarmerie verhaftet worden zu sein, bestreitet, damals den Wunsch 
geäußert zu haben, nach Wien zum Kaiser zu fahren. Spielt dabei mit seinen 
Händen, beschaut sie nach Art der Frauen wohlgefällig, gibt sich geziert, 
sagt, er sei ein schöner Mann, das habe auch ein General von ihm behauptet 

In eine geordnete Exploration läßt er sich nicht ein, weicht immer 
aus, kommt immer wieder auf das Thema von schönen Herren zu sprechen. 

Einer Intelligenzprüfung unterzogen, produziert er auffällige intel¬ 
lektuelle Defekte, die mit seiner Schulbildung (Volks- und Bürgerschule) 
unvereinbar sind. Er rechnet: 2 -f 3 = 4, B -f 2 = 7, weiß nicht, wie viel 
Tage ein Mouat hat, kennt nicht die Bezeichnungen für die vier Jahres¬ 
zeiten, weiß nicht, wie seine Mutter mit dem Mädchennamen geheißen, kennt 
nicht sein Geburtsjahr, gibt das gegenwärtige Datum falsch an, erklärt, wir 
stünden mit Rußland und Deutschland im Kriege. Drei ihm langsam vor¬ 
gesagte einstellige Zahlen gibt er, unmittelbar nachdem er sie gehört, falsch 
wieder, reproduziert 9, 2, 8 mit 9, 6, 8, sagt ganz unvermittelt, daß der 
Schnurrbart des Arztes zu kurz sei, ist offensichtlich bestrebt, die ihm un¬ 
angenehme Intelligenzprüfung abzukürzen. Lügt vor, daß er nur drei Volks- 
schulkl&^en absolviert habe. Auf die Frage, warum er bei Gericht erklärt 
habe, unschuldig zu sein, weil er zum Kaiser geschickt worden sei, bestreitet 
er, überhaupt bei Gericht vernommen worden zu sein, erklärt, nicht zu wissen, 
auf welche Weise seine Unterschrift auf das Protokoll gekommen sei. Be¬ 
zeichnet sich für geistesgesuud, jedoch für nervenkrank: habe Kopfschmerzen, 
schlafe schlecht, schrecke im Schlaf auf, höre im Kopf immer Musik und 
Gesang. Zuweilen vernehme er die Stimme seiner Mutter, die ihn beim Namen 
rufe. Eines Nachts habe er die Mutter auch gesehen, sic sei bei ihm in der 
Kammer im roten Kleide erschienen und habe ihn beim Namen gerufen. Beim 
Versuch, ihn genauer über diese Sachen auszufragen, weicht er hartnäckig 
aus, beginnt unter anderem auch davon zu erzählen, daß jetzt alle Eisen¬ 
bahnzüge überfüllt seien, kommt dann auf sein Licblingsthema zu sprechen 
und äußert schließlich den Wunsch, ihn zurück zu seiuem Kader zu schicken. 

Somatisch: Mittelgroß, wohlgebaut, kräftig. Männlicher Typus. 
?*tarke Körperbehaarung, normales Genitale. Pupillen reagieren, Hirnnerven 


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Über Simulation von Geistesstörung. 315 

intakt, alle Reflexe in normaler Stärke auslösbar. Kein Zittern. Lebhafte 
Demographie. 

Bei der körperlichen Untersuchung geht der Kranke sofort in Theater¬ 
pose, nimmt Tsinzerstellung ein und beschaut sich, sich drehend und wen¬ 
dend, wie ein Frauenzimmer wohlgefällig. 

Anmerkung: Die Schwester des Untersuchten bezeichnet ihren Bruder 
als einen brutalen, rohen, gewalttätigen, der Trunksucht ergebenen Menschen, 
der seine eigene Mutter mißhandelt, wenn ihm diese das Geld verweigert. 
Geht keiner Beschäftigung nach, treibt sich arbeitslos herum. 

Daß mit der Diagnose Psychopathie der obige Fall nicht als 
erledigt gelten kann, darüber dürfte wohl kein Zweifel bestehen. 
Die Psychopathie erklärt wohl die allgemeine Lebensführung des 
Mannes, seine sexuelle Perversion und seine Charakterminderwertigkeit, 
seine Haltlosigkeit und Trunksucht, erklärt aber nicht das psychische 
Bild, wie es der Kranke in hiesiger Beobachtung und in der Irren¬ 
anstalt geboten hat. Dieses greift fraglos über das Bild der einfachen 
Psychopathie hinaus und heischt anderweitige Erklärung. 

Da nun gewisse psychiatrische Tatsachen in diesem Krank¬ 
heitsbilde, meiner Ansicht nach, nicht anders als durch die Annahme 
einer absichtlichen Verstellung befriedigend gedeutet werden können, 
so spitzt sich die Frage dahin zu, ob das ganze Krankheitsbild in 
allen seinen Phasen durch die Simulation eines Psychopathen erklärt 
werden kann, oder ob man doch nicht genötigt ist, außerdem noch 
eine Geisteskrankheit im engeren Sinne, etwa eine Schizophrenie 
anznnehmen. 

Ich für meiue Person muß gestehen, daß ich diesbezüglich bei 
meinem Kranken trotz wiederholter Explorationen und längerer Be¬ 
obachtungszeit zu keinem endgültigen und sicheren Urteil gelangt 
bin, daß ich aber dazu neige, den Kranken zu jenen Simulanten zu 
zählen, die schließlich im Laufe der Zeit verblöden. Habe ich recht, 
dann handelte es sich in unserem Falle um Simulation eines wirk¬ 
lich Geisteskranken. 

Als sicher simuliert sehe ich den Erinnerungsausfall für das 
ihn belastende Delikt, ferner seinen grob-intellektuellen Schwachsinn, 
wie er bei der Exploration zum Vorschein gekommen, und bis zu 
einem gewissen Grade sein übertrieben süßlich-läppisches und affek¬ 
tiert-geziertes Wesen an. Hingegen möchte ich annehmen, daß diesen 
gemachten unechten Zügen ein echter hebephrener Prozeß unterlagert 
ist, auf dessen Rechnung das indolent schamlose Gebaren, das all¬ 
gemein Demente seines Wesens, der gelegentliche jähe Wechsel seiner 


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affektiven Äußerungen, das Manieriert-Gezierte seines Treibens, sowie 
seine vagen halluzinatorischen Erlebnisse zu setzen wären. Die Schizo¬ 
phrenie gäbe im gewissen Sinne die Szene, die Simulation den In¬ 
halt für das psychopathologische Bild unseres Kranken ab. Dadurch 
wäre jener feste sichere Zug, jene Unbeirrbarkeit und Unbefangenheit 
in seinen Produktionen, jener Anstrich von natürlicher Echtheit bei 
aller Mache, bei unserem Kranken erklärt, die ihn trotz erwiesener 
Simulation gewisser Einzelheiten doch von rein simulierten Krank¬ 
heitstypen unterscheiden 

So kann der Fall gedeutet werden, muß es aber nicht, denn 
es wäre immerhin möglich, daß in unserem „Artisten“ ein Gaukler 
steckte, der ihn befähigte, das Kunststück fertig zu bringen, trotz 
zweifelloser Simulation dennoch als hebephren Schwachsinniger zu 
imponieren. 

Es liegt mir selbstverständlich ferne, behaupten zu wollen, 
daß es außer den in der vorliegenden Arbeit geschilderten keine 
weiteren Typen simulierter Geistesstörung gibt und daß die auf¬ 
gestellten Formen allen tatsächlich vorkommenden Simulations¬ 
bildern gerecht werden. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, daß es 
namentlich in der Gruppe der von mir so genannten, irregulären 
Fälle eine ganze Reihe weiterer Formen gibt, die von den von mir 
geschilderten symptomatologisch ganz erheblich abweichen und daß 
es namentlich unter den Verbrechern der Großstädte, die längere 
Zeit in Irrenanstalten oder auf psychiatrischen Kliniken in Be¬ 
obachtung standen, Simulanten gibt, die ganz andersartige Simulations¬ 
methoden entwickeln und in Anwendung bringen, und insbesondere 
uicht eine Geisteskrankheit schlechthin, sondern ganz bestimmte 
Geisteskrankheiten, die sie aus eigener Beobachtung kennen, zum 
Gegenstand ihrer Verstellung wählen; doch glaube ich immerhin, 
daß die große Mehrzahl aller beobachteten oder vorkommenden 
Fälle sich in meine Gruppe der regulären unterbringen läßt. Was- 
insbesondere diejenigen Fälle betrifft, wo eiue ganz bestimmte 
Geisteskrankheit simuliert wird, wie das z. B. Fürstner von einem 
seiner Kranken, der eine Paralyse vorzutäuschen suchte, berichtet, 
so spielen sie (so interessant sie für sich sein mögen) keine große 
Rolle und sind auch aus dem Grunde, weil sie Kopien nach 
Originalen darstellen, von keinem großen psychologischen und 
psycbopathologisehen Interesse. Denn es handelt sich uicht darum 
zu wissen, was der einzelne gelegentlich simuliert, sondern was durch- 


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schnittlich simuliert wird. Die Simulation einer Geistesstörung 
seitens eines Psychiaters z. B. wäre meines Erachtens nur von 
einem individuell psychologischen Interesse, insoferne sie ein Zeugnis 
der größeren oder geringeren Schauspielerkunst des Betreffenden 
ablegte. Erst von dem Moment an, wo die Simulation einer be¬ 
stimmten Geistesstörung sozusagen das Gemeingut der simulations¬ 
lustigen Psychopathen würde, gewänne sie ein größeres allgemein 
psychologisches Interesse. Zwar ist jede Simulation im gewissen 
Sinne eine Kopie, aber eine solche der allgemein gesellschaftlichen 
Anschauung über die Äußerungsweisen der Geisteskrankheiten, und 
spiegelt als solche, bis zu einem gewissen Grade, diese Anschauung 
der Allgemeinheit in ihrem klinischen Bilde wider. 

Die größere Mannigfaltigkeit der in der kasuistischen Literatur 
beschriebenen Simulationsbilder im Verhältnis zu der vou mir ge¬ 
gebenen Übersicht ist nun nicht bloß ein Ausdruck tatsächlicher 
Verhältnisse, sondern spiegelt zum Teil die Untersuchungs- und 
Behandlungsmethoden der betreffenden Beobachter wider. Die 
simulierte Geistesstörung, als ein gewolltes psychisches Geschehen, 
ist nichts Stabiles und Unveränderliches im Sinne einer Simulations¬ 
einheit analog der Krankhaitoeinheit, ihre Symptomatologie ist 
vielmehr in nicht geringem Grade vou den Explorationsmethoden 
der untersuchenden Ärzte abhängig. Nichts ist leichter als durch 
gläubiges Eingeheu auf die Intentionen eines Simulanten durch 
geschickt gestellte Suggestivfragen Symptome zu wecken und zu 
züchten, die sonst gar nicht zum Vorschein gekommen wären, oder 
die momentan dominierenden zu modeln oder ganz zu unterdrücken. 
Die simulierte Geistesstörung ist in ihrer Symptomatologie zum 
Teil ein Produkt der Untersuchung, zum anderen des momentanen 
Einfalls. Der letztere kann aber bis zu einem gewissen Grade in 
gewünschte Bahnen geleitet werden. Ein Ausdruck dieser Tatsache 
sind unsere Krankheitsgeschichten. Da aber der Zweck der ärzt¬ 
lichen Beobachtung nicht die Züchtung von Symptomen, sondern 
nur die Überführung des Simulanten sein kann, so wird man nur 
solche Symptome zu provozieren trachten, die jenem Zwecke dienen, 
d. h. die die psychologisch-psychiatrische Unmöglichkeit des vor¬ 
getäuschten Krankheitsbildes dartun. Welche Symptome man dazu 
wählt, ist ganz gleichgültig, wenn sie nur diesem Zweck entsprechen. 
Am zweckentsprechendsten erschien mir in meinen Fällen der Schwach¬ 
sinn und so sind fast alle meine Fälle gleichartig schwachsinnig. 


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Weiterhin ist das simulierte Krankheitsbild in gewisser Hin¬ 
sicht von den therapeutischen Maßnahmen des behandelnden Arztes 
abhängig, namentlich muß das von der Dauer der Pseudopsychose 
gesagt werden. Energisches Eingreifen bricht die Energie des 
Simulanten eher als die Zeit. Fraktionierte Behandlung verbittert 
den Kranken und macht ihn starrköpfig, liebevolle macht ihn über¬ 
mütig und unvorsichtig. Will man einen Simulanten rasch über¬ 
führen*, so gehe man gläubig auf alles ein, was er bietet und trachte 
ihn dabei zu verführen. Will man ihn aber zum Aufgeben der 
Simulation bringen, so leistet die Ironie nebst entsprechender 
Medikation die besten Dienste. 

Nicht der Simulation von Geistesstörung möcht